V
PRESENTED TO
THE LIBRARY
BY
PROFESSOR iMILTON A. BUCHANAN
OF THE
DEPARTMENT OF ITALIAN AND SPANISH
1906-1946
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1
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KLEINERE SCHRIFTEN VON REINHOLD KÖHLtR
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VOLKSKINDE UM WORTFORSCHUNG
VON
REINHOLD KÖHLER
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MIT DREI ABBILDUNGEN
BERLIN
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KLEINERE SCHRIFTEN
VON
BEINHOLD KÖHLEB
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DRITTER BAND
ZUR NEUEREN LITTERATURGESCHICHTE
VOLKSKUNDE UND WORTFORSCHUNG
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BERLIN
VERLAG VON EMIL EELBER
1900
KLEINERE SCHRIFTEN
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NEUEREN LITTERATURGESCHICHTE
VOLKSKUNDE UND WORTFORSCHUNG
VON
REINHOLD KÖHLER
HERAUSGEGEBEN
VON
JOHANNES BOLTE
MIT DREI ABBILDUNGEN
BERLIN
VERLAG VON EMIL FELBER
1900
Alle Rechte vorbehalten.
ühlenroth'sche Buckdruckerei, Erfurt.
Vorwort.
Mehr noch als die beiden
ersten Teile zeugt der vorlie-
gende Schlussband von Köhlers
weit ausgreifenden und Ent-
ferntes einenden Studien. In
denselben Jahren, in denen er
sich mit der reichen Erzählungs-
litteratur des Mittelalters ver-
traut machte, vertiefte er sich
auch in Hans Sachs, den Dichter der Reformationszeit, las
die italienischen Epiker und die spanischen Novellisten von
Cervantes bis auf Fernan Caballero, widmete dem Repertoire der
englischen Komödianten in Deutschland prüfende Betrachtung,
und beschäftigte sich eingehender mit den Grössen unserer
klassischen Periode. Bald trat er mit sorgfältigen Editionen
der Prosadialoge des Hans Sachs (1858), der einem Shake-
spearischen Lustspiele nachgebildeten 'Kunst über alle Künste5
(1864), des AVielandschen Oberon (1808) oder der ästhetischen
Schriften Schillers (1871) hervor, bald wies er die Über-
arbeitungen , die sich die Herausgeber Heinrichs von Kleist
erlaubt hatten, durch Vergleichung der ältesten Drucke nach
(18()-_)), oder er spürte die Quellen für Herders Cid (1867)
und einzelne Legenden (1887), für AVerke Lessings, Wielands,
Goethes, Schillers, Bürgers und jüngerer Dichter auf und
fand daneben Zeit, die verschiedenen Verdeutschungen
VI Vorwort.
Dantes (1865), einzelner italienischer Sonette und neu-
lateinischer Epigramme miteinander zu vergleichen.
Ebenso wie auf den Höhen der Litteratur war Köhler
in den Geschichten und Liedern des Volkes zu Hause. Aus
dem Munde der Bergleute zu Ilmenau zeichnete er 1855
viele ihrer Gesänge auf, ein Material, das er drei Jahre
später nur teilweise in seinen 'Alten Bergmanusliedern' ver-
wertete. Seine gleichzeitige Studie über die Ballade von der
verkauften Müllerin (nr. 39 dieses Bandes) zeigt, wie gründlich
er es mit der Erforschung des kulturhistorischen Hintergrundes
dieser Volksdichtungen nahm; seine 1857 im AVeimarer Sonntags-
blatt gedruckten Besprechungen catalanischer und walachischer
Volkslieder, wie auch hier sein Blick bald über die Grenzen
Deutschlands vergleichend zu andern Nationen hin drang. *)
Und so ist er in der Folgezeit mit Vorliebe der internatio-
nalen Geschichte einzelner Balladenstoffe, Motive, Sprüche,
poetischer Formeln bald in einzelnen Artikeln, bald in Bei-
trägen zu andern Sammlungen wie Childs 'English and
scottish populär ballads' nachgegangen, wenn auch die Heimat
der vertraute Mittelpunkt seiner Forschung blieb.2) — Früh-
zeitig hatte ihn das Vorbild Jacob Grimms und Wilhelm
Wackernagels, vielleicht auch eine Anregung Oskar Schades
in die seltener betretenen Regionen der Spruchdichtung, des
Aberglaubens und der volkstümlichen Sitte gelockt; seine
Publikationen alter Rätsel und Weidsprüche (nr. 51 und 50a)
bieten ein trefflich kommentiertes Material, das späteren
Arbeiten als Grundlage und Vorbild dienen konnte; mit
klarem Blick erkannte er in dem geheimnisvollen Wüste
alter Segens- und Zaubersprüche ursprüngliche Bedeutung
und erforschte den Sinn mancher unverständlich gewordenen
Ausdrücke. — Man kann, wenn man Köhlers vielseitige
*) Wie Köhler über engherzigen Lokalpatriotismus auf diesem Ge-
biete dachte, ist auf S. 355 x zu lesen.
2) Vgl. die Besprechungen von Reifferscheids und Toblers Samm-
lungen (nr. 36 — 37 dieses Bandes) und die Beiträge zu Mündels Elsässischen
Volksliedern (1884).
Vorwort. VII
wissenschaftliche Thätigkeit überblickt, wohl bedauern, dass
er nie dazu gelangte, den Ertrag seiner umfangreichen Detail-
forschung in einem Werke grösseren Stiles zusammenzu-
fassen; aber auch wer die höchsten Anforderungen zu stellen
gewohnt ist, wird zugestehen müssen, dass Köhler, ohne
gerade selbständig der Litteraturwissenschaft und der Volks-
kunde neue Probleme zu stellen, ihren Fortschritt vielfältig
gefördert hat, dass seine reiche Belesenheit stets im Dienste
strenger prunkloser Sachlichkeit stand, dass die Treue im
Kleinen ihm nie Andacht zum Unbedeutenden wurde.
In den vier Abteilungen des vorliegenden Bandes (neuere
Literaturgeschichte, Volksdichtung. Aberglauben und Volks-
brauch, Wortforschung) wird man hoffentlich keine wert-
vollere Arbeit Köhlers übergangen finden. *) Absichtlich aus-
J) Vgl. das sorgsame Schriftenverzeichnis von Erich Schmidt (in
Köhlers Aufsätzen über Märchen und Volkslieder 1894, S. 136), zu dem
noch aus Band 1 nr. 10 und aus Band 2 nr. 15 und 28 b nachzutragen
sind. Die Beiträge zum Brockhausschen Konversationslexikon, auf die
Ludwig Fränkel (Zs. f. vgl. Littgesch. 9, 253. Litt. Cbl. 1899, 211)
hinweist, hat Köhler selbst als Revisionen fremder Artikel nicht für
eigentlich wissenschaftliche Arbeiten gehalten und unter diesen ver-
zeichnet, wenn er auch die Ausschnitte aufbewahrt hat. (Aus der
11. Auflage, 1864 — 68, die Artikel : Bürger, Deutsche Litteratur (teilweise),
•Gotter, Göttinger Dichterbund, Gottsched, Götz, Goeze, Gryphius, Günther,
Hamann, Herder, Kleist, Klinger, Klopstock, Lavater, Leisewitz, Lenz,
Lessing, Liscow, Löwen, Merck, Münchhausen, Neubeck, Nicolai, Opitz,
Pfeffel. Rabener, Ramler, Räuberromane, Richter, Riemer, Rost, Schiller,
Schlegel, Schönaich, Schubart, Schwan. Charlotte v. Stein, Uz, Vogl,
Voss, Vulpius, Wieland; Dornburg, Weimar. Aus dem Supplement zur
13. Auflage, 1887, der Artikel: Folk-Lore). — Eher wäre wohl im
Anschluss an 'Aufsätze' S. 137 noch der Beisteuern zu gedenken, die
Köhler zu gelehrten Arbeiten, wie zu Gaston Paris, Sur un episode
d'Aimeri de Xarbonne (Romania 9, 515 — 546), J. Ulrich, Recueil d'exem-
ples italiens (Rom. 13, 28), Dares, De excidio Troiae historia rec.
F. Meister 1873, p. XXXLX, Bugge, Studien über die Entstehung der
nordischen Götter- und Heldensagen (übers, von 0. Brenner 1889, S. 249)
u. a. geliefert hat. — Zu den oben 1, VII1 erwähnten Artikeln, in
denen Material aus Köhlers Nachlasse benutzt ist, kommen jetzt noch
von J. Bolte: Der Teufel in der Kirche (Zs. f. vgl. Littgesch. 11,
249—266), Der Ursprung der Don Juan - Sage (ebd. 13, 374— 398;.
VIII Vorwort.
geschlossen habe ich die Bemerkungen zu Schades Satiren'
und Pasquillen (Froramanns Deutsche Mundarten 6, 60), die
Nacherzählung zweier Meisterlieder des Hans Sachs (Zs. f.
dtsch. Mythol. 3, 300; vgl. oben 2, 624), kleinere textkritische
Bemerkungen zu Lessing, Wieland, Goethe (Zs. f. dtsch.
Phil. 7, 91. 3, 200. Archiv f. Littgesch. 6, 230), die Er-
örterung über eine Stelle, in der Luise von Voss und ein
Gedicht Schubarts (Zs. f. dtsch. Phil. 4, 131; vgl. Aufsätze
über Märchen 181)4, S. 75), den Artikel über die angebliche
spanische Ballade von der sprechenden Harfe (Zs. f. dtsch.
Altert. 23, 88 = W. Grimm, Kl. Schriften 4, 357; vgl. Auf-
sätze 1894, S. 83). Wie im 2. Bande habe ich mir erlaubt,
einigemal den Titel durch einen Zusatz zu verdeutlichen
(bei nr. 1. 19. 23. 34. 52. 70. 84) und neben Köhlers hand-
schriftlichen Nachträgen ein paar eigene Notizen (besonders
zu nr. 2. 3. 9. 10. 20a. 24b. 26. 36. 37. 39. 47. 50a, b, d.
51. 77. 80) einzuschalten. Ganz neu sind die Nummern 25.
29. 59. 63 aus Köhlers hinterlassenen Zetteln zusammenge-
stellt. Leider musste ich auf die Mitteilung des am Schlüsse
von nr. 40b angekündigten dritten Artikels über die Formel
cUnd wenn der Himmel war Papier5 verzichten, da Herr Pro-
fessor Dr. Anton Herrmann in Budapest, der sich nach
Köhlers Tode im Jahre 1892 das Manuskript erbeten hatte,
es bisher weder zum Abdruck brachte, noch sich zur Rück-
gabe bereit fand.
Erleichtert ward meine Arbeit ungemein durch die ver-
ständnisvolle Anteilnahme der innig verehrten Schwestern
Elise und Mathilde Köhler und den liebenswürdigen Beistand,
den mir Kühlers Nachfolger, Herr Geh. Hofrat v. Bojanowski,
Volkstümliche Zahlzeichen und Jahreszahlrätsel (Zs. d. V. f. Volks-
kunde 10, 186 — 194). Einem den Görgen singen (Zs. f. dtsch. Wort-
forschung 1, 70 — 72). Nach Sammlungen Reinhold Köhlers (ebd. 1,
267—270: Pfladergeut. Querlequitsch. Rebhühnerfedern. 'Weise' weg-
gelassen. Ziegenschinder). Gottes Klage über die undankbare Welt
(Xd. Korrespondenzblatt 21, 11 f. 54). Einzelnes in den Ausgaben
von J. Freys Gartengesellschaft (1896) und M. Montanus' Schwank-
büchern (1899).
Vorwort. IX
und Herr Sekretär A. Straubing in Weimar jederzeit gewährten.
Herzliehen Dank schulde ich auch den Herren Erich Schmidt
und M. Rubensohn in Berlin, G. Wustmänn in Leipzig,
W. Creizenaeh in Krakau, J. A. AVorp iu Groningen, W. P.
C. Knüttel im Haag und E. Wränge] in Lund, die mich
durch Beantwortung einzelner Fragen bereitwillig unterstützten.
Das Bildchen auf S. V, welches Kühler im fünfundzwanzigsten
Lebensjahre darstellt, ist nach einem Ölgemälde von James
Marshall aus dem Jahre 1855 angefertigt.
Möchten Reinhold Köhlers Kleinere Schriften samt den
Aufsätzen über Märchen und Volkslieder dazu beitragen, das
Andenken dieses allkundigen, bescheidenen Gelehrten, des
schlich ten, lauteren Menschen, des stets hilfsbereiten Ratgebers-
und Freundes bei der Nachwelt in Ehren zu erhalten!
Berlin, im November 1900.
Johannes Bolte.
Inhalt.
Seite
Vorwort V
A. Zur neueren Litteraturgeschichte.
1 . Eine Stelle in Ariostos Orlando furioso und Nachahmungen
derselben [Das vom Sterbenden nicht vollendete Wort]
(Archiv für Literaturgeschichte 5. 187b) .... 1
2. Über Guerrini, G. C. Croce (Litteraturblatt 1880) . . 8
3. Zu Eulenspiegel (Weimarisches Jahrbuch 5. 1856) . 17
4. Zu dem Gedicht von Hans Sachs 'Die achtzehen Schön
einer Jungfrauen' (Germania 11. 1866) 22
5. Zu den zwei Sprüchen von Paris (Alemannia 3. 1875) . 34
6. Das älteste bekannte deutsche Sonett und sein italienisches
Original (Archiv f. Literaturgeschichte 9. 1880) . . 35
7. Zu Shakespeares The Taming of the Shrew (Jahrbuch
der Shakespeare-Gesellsch. 3. 1868) 40
■8. Einige Bemerkungen und Nachträge zu A. Colins 'Shake-
speare in Germany' (ebd. 1. 1865) 45
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch Wiesenbrünnlein
(Wagners Archiv f. d. Gesch. deutscher Sprache 1.
1873) 57
10. Job. Mich. Moscherosch und sein 'Sprachverderber' und
'Der teutsche Michel wider alle Sprachverderber'
(Archiv für Literaturgeschichte 1. 1870) .... 75
1 1 . Zu zwei Stellen der Simplicianischen Schriften Grimmeis-
hausens (ebd. 1. 1870) 80
12. Zwei angeblich noch ungedruckte Gedichte Gellerts (Blätter
für litterar. Unterhaltung 1862) 83
13. Zu Lessings Grabschrift auf einen Gehenkten (Archiv f.
Literaturgeschichte 7. 1878) 88
14a-b. Zu Lessings Gedicht 'Das Muster der Ehen' (Viertel-
jahrsschrift für Litteraturgeschichte 1 — 2. 1S88 — 89) 89
15. Die Quelle von Wielands Hann und Gulpenheb (Archiv
f. Litteraturgeschichte 3. 1874) 95
XII Inhalt.
Seite
16. Zu Wielandfl Clelia und Sinibald (ebd. 5. 1876) ... 101
1 7. Adams erster »Schlaf (Vierteljahrsschrift für Litteratur-
geschichte 1. L888) 106
18. Herders Legenden 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedens-
stifter' und ihre Quellen (Berichte der k. Bachs. Ges.
der Wissenschaften 1887 107
19. Goethiana (Zeitschrift für deutsche Philologie 3. 1871) . 128
20 a. Harlekins Hochzeit und Goethes 'Hanswursts Hochzeit'
(Zeitschrift für deutsches Altertum 20. 1876) . . . 135
20b. Kilian Brustfleck (Goethe-Jahrbuch 3. 1882) .... 145
21. Ein Brief Goethes an Alessandro Poerio und Aufzeich-
nungen des letzteren über seinen persönlichen Ver-
kehr mit Goethe (Archiv für Litteraturgeschichte
11. 1882) 145
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi
(Berichte der k. sächsischen Ges. der Wissenschaften
1890) 155
23. Schiller und eine Stelle aus Tausend und einer Nacht
[vom Wundervogel] (Archiv für Litteraturgeschichte
3. 1874) 170»
24a-b. Die Quelle von Bürgers 'Lenardo und Blandine' (Zeit-
schrift für deutsche Philologie 8 und 16. 1H77 und
1884) 173-
25. Deutsche Übersetzungen eines Leonardo da Vinci zuge-
schriebenen Sonetts (Aus dem Nachlass) .... 180'
26. Über den Stoff von Zacharias Werners 'Vierundzwanzig-
stem Februar' (Weimarer Sonntags-Blatt 3. 1857) . 185
27. Über Grässe, Die Quelle des Freischütz (Jenaer Litteratur-
zeitung 1876) 20O
28. Über Elberling, Oehlenschläger (Litterarisches Central-
blatt 1888) 202
29. Mörikes Gedicht an den Schlaf und seine Vorläufer (Aus
dem Nachlass) 203
30. Eine Schopenhauer-Anekdote (Allgemeine Zeitung 1888) 212
B. Zur Volksdichtung (Lied, Spruch, Rätsel,
Sprichwort).
31. Ein bolognesisches Lied aus dem 13. Jahrhundert (Jahr-
buch für roman. Litteratur 9. 1868) 214
32. 'Oci, oci' als Nachtigallengesang (Zeitschrift für roman.
Philologie 8. 1884) 216
Inhalt. XII l
Seite
33. Zu F. Wolfs Proben portugiesischer und catalanischer
Volksromanzen (Jahrbuch für roinan. Litt. 3. 1861) 219
•34. Zur Volksliederütteratur [Der heinikehrende GatteJ
(ebd. 8. 1867) 229
35. Über Luzcl, Gwerziou Breiz-Izel II (Jenaer Litteratur-
zeitung 1874) 235
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder (Anz. f. dtsch.
Altertum 6. 1880) 238
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder I i ebd. 11.1885) 260
38. Vom Fortleben der Seelen in der Pflanzenwelt ("Weimarisches
Jahrbuch 1. 1854) 274
39. Das Lied von der verkauften Müllerin (Zeitschrift für
deutsche Mythologie 4. 1859) • . . 279
40a-b. Und wenn der Himmel war Papier (Orient und Occi-
dent 2. 1863. — Ethnolog. Mitt. aus Ungarn 1. 1889) 293
41. Schwalbensprache (Zeitschr. f. deutsche Mythol. 2. 1855) 318
42a-b. Ein altes Kindergebet (Germania 5 und 11. 1860 und
1866) 320
43. Italienische Nachtgebete (Jahrb. für roman. Litt. 8. 1867) 341
44. Über Dunger, Kinderlieder und Kinderspiele (Litterar.
Centralblatt 1875) 351
45. Der Bauer schickt den Jäckel aus (Germania 5. 1860) . 355
46. Die Pehlevi-Erzählung von G6sht-i Fryäno und der kir-
gisische Büchergesang 'Die Lerche' (Zeitschr. der
deutschen morgenländischen Gesellschaft 29. 1875) . 365
47. Um Städte werben in der deutschen volkstümlichen Poesie
besonders des 17. Jahrhunderts (Archiv f. Literatur-
geschichte 1. 1870) 371
48. Über Toppen, Volkstümliche Dichtungen (Göttingische
gelehrte Anzeigen 1873) 414
49a-c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin (Germania 6. 1861.
— Archiv für Literaturgeschichte 12. 1884. — Ger-
mania 33. 1888) 421
50 a. Weidsprüche und Jägerschreie (Weimarisches Jahrbuch
3. 1855) 452
50b. Aus Lorbers Gedichte 'Die edle Jägerei' (ebd.). . . . 484
50 c. Über Grässe, Jägerbrevier (Germania 3. 1858) .... 491
50 d. Aus Schmidlins Ballet 'Der sieghafte Hymen' .... 494
51. 42 alte Rätsel und Fragen (Weimarisches Jahrbuch 5.
L856) 499
XIV Inhalt.
Seite
52. Zu Zs. 20, 250 [Rätsel Reinmars von Zweter] (Zeitschr.
f. deutsches Altertum 21. 1877) 538
53. Weinende Augen haben süssen Mund (Germania 18. 1873) 540
54. Jammer lernt weinen (ebd. 29. 1884) 541
55. X für U (ebd. 20. 1875) 541
56. Ein Engel flog durchs Zimmer (ebd. 10. 1865) .... 542
C. Zum Aberglauben und Yolksbrauch.
57. Zum zweiten Merseburger Zauberspruch (Germania 8. 1863) 543
58. Segenssprüche (ebd. 13. 1868) 544
59. Der Himmel mein Hut, die Erde mein Schuh (Aus dem
Nachlass) 558
60. Schildwachtsbücher (Zeitschrift für deutsche Kultur-
geschichte 1875) 562
61. Zur Sator-Arepo-Formel (Verh. der Berliner anthropolog.
Gesellschaft 1881) 564
62. Die Zacharias-Inschrift zur Abwehr der Pest (ebd. 1885) 572
63. Die Ananisapta-Inschrift (Aus dem Nachlass) .... 577
64. Le diable et les rognures d'ongles (Melusine 1878) . . 578
65. Der weisse, der rote und der schwarze Hahn (Germania
11. 1866) 581
66. Über The Folk-Lore Record I (Anglia 3. 1880) ... 589
67. Über Overland, Fra en svunden Tid (Litt. Centralblatt
1889) . 594
68. Nachtrag zu den lateinischen Versen von der Schafzucht
(Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1876) . 596
69. Der Mann im Mond und eine Stelle in S. Rowleys cWhen
you see me, you know me' (Anglia 2. 1879) . . . 597
70. Der Teufel und der Wind (Zeitschrift für roman. Philo-
logie 5. 1881) 600
71. Das Johannisfest (Weimarer Sonntags-Blatt 1855) . . . 601
72. Up der Hut werpen (Nd. Korrespondenzblatt 1881) . . 606
73. Die Ziege als Hochzeitsgeschenk (Monatsschr. f. d. Gesch.
Westdeutschlands 7. 1881) 607
74. Zum Holen der Speckseite (Anzeiger für Kunde der
deutschen Vorzeit 1856) 609
75. Des Kaisers Bart wachsen hören (Die deutschen Mund-
arten 4. 1857) 610
76. Die Haut versaufen (Am Ur-Quell n. F. 1. 1890) . . . 611
Inhalt. XV
Seite
D. Zur Wortforschung.
77. Zu den deutschen Appellativnamen (Germania 7. 1862) . 615
78. Schiltebürger als Name des Todes (ebd. 25. 1880) . . 618
79. Kosegarten (Zeitschrift für deutsche Philologie 4. 1872) 619
80. Cornelius (ebd. 1. 1869) 621
81. Dürängeln (Zeitschrift für vergleich. Sprachforschung
11. 1862) 632
82. Kunzenjägerspiel (Die deutschen Mundarten 6. 1859) . 634
83. Witte Stock (Nd. Korrespondenzblatt 4. 1879) . . . . 635
84. Rosen und Blumen (Germania 7. 1862) ....... 635
Nachträge , . 638
Register 643
1. Eine Stelle in Ariostos Orlando Furioso
und Nachahmungen derselben. l)
[Das vom Sterbenden nicht vollendete Wort.]
(Archiv für Litteraturgeschichte 5, 1-5. 1876.)
In der Gebrüder Parfaict Histoire du theatre francois,
T. III, Paris 1745. S. 338, wird die Besprechung der Tra-
goedie Daire (d. i. Darius) von -Jacques de La Taille
(f 1562) mit folgenden Worten begonnen: "Quelques vers qui
nous ont paru meriter d'etre mis au jour, par leur extreme
ridicule, tiendront la place de l'Extrait de cette piece, dont
le sujet est coimn de tont le monde.J
Nachdem hierauf einige Verse ans dem 2. und 3. Akte
mitgeteilt sind, heisst es weiter: 'Au cinquieme Acte, on
vient apprendre ä Alexandre le mort de Darius, et qu'il a
finit sa vie en disant:
0 Alexandre adieu quelque part oü tu sois,
Ma mere et mes enfants aye en recommenda— (fion)
II ne peust acheuer. car la mort l'engarda.1 2)
Zu 'recommenda-3 ist die Randbemerkung gefügt: 'Licence
Poetique, dont je doute qu'on trouve d'exemple.'
Dieselben Vers curieux" citiert Hippolyte Lucas in seiner
Histoire philosophique et litteraire du theatre francais, Paris
1) [Ein Referat über diesen Artikel steht im Athenaeum 1876,
26. Febr. S. 299f.]
2) Ich gebe die Verse, nach der Mitteilung meines Freundes
Gaston Paris, genau wie sie in der Originalausgabe (Daire, tragedie
de feu Jacques de la Taille, du Pays de Beauce. Paris, par Federic
Morel [mprimeur du Roy. M. 1». LXXIIL), S. 35, stehen. Die Brüder
Parfaict haben die Orthographie etwas geändert und cque tu suis' statt
'oü tu sois\
Köhler, Kl. Schriften. III. 1
2 Zur neueren Litteraturuesrliirhte.
1843, S. 12 = 2ifeme edition revue et augmentee, Paris 1862,
T. I. S. 24, und urteilt darüber: 'Recommanda . . . pour re-
commandation est unique dans son genre; les deux syllabes
2 (tion) qui restent dans la gorge de Darius (vox faucibus
haesit) nous semblent constituer une licence un peu forte:
on nest jamais alle plus loin en fait de licences poetiques.
Jacques de La Taille mourut du reste ä vingt ans, et c'est
lä son excuse/
Der neueste Geschichtsschreiber der älteren französischen
dramatischen Litteratur, H. Tivier (Histoire de la litterature
dramatique en France depuis ses origines jusqu'au Cid, Paris
1873, S. 511 f.). spricht sich über die von ihm ebenfalls an-
geführten Verse1) also aus: Tl n'y a point ä demander gräce
pour les vers que les freres Parfait ont trouves si plaisants
qu'ils leur ont fait l'honnenr d'une citation. Tout le monde
a fait comme eux, et ce malheureux distique a fixe pour ja-
mais la reputation de son auteur. Le voici, puisqu'il faut
en parier Assurement la figure est burlesque ; il n'y
a pas d'autre exemple dune si etonnaute Suspension, et je
doute que Dumarsais l'ait mentionnee dans ses tropes. Xe
nous hätons pas cependant de condamner le jeune ecrivainy
pour ce jeu d'esprit d'un goüt detestable, et ne jugeons pas
de l'oeuvre entiere par im detail si minime/
Es scheint bisher nicht bemerkt worden zu sein, dass
sich zu den berüchtigten Versen des französischen Dichters
ein Seitenstück oder vielmehr, wie ich glaube, das Vorbild
in Ariostos Rasendem Roland findet. Im 42. Gesänge nämlich
lesen wir von dem auf den Tod verwundeten, sterbenden
Brandimarte: 2)
(St. 13) ^a Pur gh" e tanto spirto aneo rimaso
Che de' suoi t'alli al Re di Paradiso
Puo domandar perdono anzi l'occaso;
E confortare il Conte, che le gute
Sparge di pianto, a paz'ienza puote ;
J) Tivier har cMes enfants et ma fenime1 statt cMa niere et mes
enfant^'.
2) [Die Anregung zu dieser Stelle könnte Ariost, wie Rajua (Le
fonti dell' Orlando furioso, 2. ediz. 1900 j). 559) bemerkt, durch eine Stanze
1. Eine Stelle in Ariostos Orlando Furioso. 3
(St. 14^ E dirgli: Orlando, t'a che ti raccordi
Di nie ne l'orazion tue grate a Dio;
Ne inen ti raccomando la mia Fiordi . . . .
Ma dir non pote ligi; e qui finio.1) |
Es ist au sich nicht unwahrscheinlich, dass Jacques de 3
La Taille Ariostos Dichtung gekannt hat, aber es wird noch
wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, dass sein Bruder
Jean eine Komödie Ariostos ('Le Negromantf) übersetzt hat
(Parfaict a. a. P. S. -">:!<;. Brunet, Manuel du libraire 3, 870).
Ich glaube dalier, dass die Ähnlichkeit der mitgeteilten Verse
Ariosts und Jacques de La Tailles kein zufälliges Zusammen-
treffen ist. sondern dass der französische Dichter den italieni-
schen nachgeahmt hat.
Ob Ariosts Stelle noch sonst in ernsten Dichtungen nach-
geahmt worden ist, weiss ich nicht, dagegen kann ich zwei
komische Dichtungen, eine italienische und eine englische,
nachweisen, in denen dies augenscheinlich geschehen ist.
Ich meine die in Uttaveu geschriebene Novelle 'Mustafa' des
schmutzigen, aber nicht unwitzigen Dichters Domenico Ba-
tacchi (geb. 1740, f 1802) und die am 7. August 1810 auf
«Irr Spagna (36, 18) empfangen haben, in der von dem sterbenden Ulivieri
die Rede ist, der an Aldabella denkt, aber ihren Namen nicht mehr
aussprechen kann (vgl. Morgante 27, 68):
Disse Ulivieri: Omai non ti bisogna :
L'anima mia da nie giä vuol partire,
Che ritornare al suo Signore agogna.
E non pote le parole espedire,
Come ein parla molte volte e sogna ;
E bisognö quel che voleva dire
Per discrezione intender: che Aldabella
ßaccomandar volea, la sua sorella.]
') Der spanische Übersetzer des Orlando Furtoso, Hieronimo de
ürrea, dessen Übersetzung zuerst 1ö4ü in Antwerpen erschienen
«ein soll mir liegt die 1556 zu Lyon erschienene Ausgabe vor —
übersetzt:
Y dezir: Haz Koldan que no discorde
Tu oracion con el amor passado.
>>'o menos te encomiendo aqui a mi Flor de —
No pudo dezir Lis, y aqui ha espirado.
1*
Zur neueren Literaturgeschichte
-
dem Königlichen Theater Haymarket zuerst aufgeführte, mehr-
mals gedruckte und von George Cruikshank illustrierte burlesk-
tragische Oper 'Bombastes Furioso3 von William Barnes
Rho des.
In der italienischen Novelle hat der Türke Mustafa eine
seiner zwölf Frauen erstochen. Die letzten Worte der
Sterbenden sind (Opere di D. Batacchi. Londra 1856. Vol.
2, S. 7):
'Xon piangete, o compagne, il morir mio,
A voi «II piü bei d) >ara foriero;
Innanzi al gran profeta io giä m'invio,
Ei giustamente . . . punirä . . . Io spero . . .
Questo . . . baronfot . . .' Non pote dir tutto,
Che l'istante di raorte era venuto.
Im 'Bombastes Furioso3 wird König Artaxominous vom
General Bombastes im Zweikampf tödlich verwundet und sagt
sterbend zum General:
Yet ere I die I something have to say:
My once-lov'd Gen'ral, pri'thee come this way!
Oh ! oh ! my Born —
Gries hat in der ersten Auflage seines Käsenden Roland (1808)
übersetzt:
Und zu ihm sagen, wenn auch mit Beschwerde :
O Roland, im Gebet gedenke mein !
Dir auch empfehl' ich innigst meine Flor de —
Doch lise sagt er nicht; hier hält er ein.
In der zweiten Auflage (1828) ist die letzte Zeile geändert:
Lys sagen kann er nicht: u. s. w.
Die Übersetzung von Streckfuss (1820) lautet:
Er spricht: Ich bitte dich, mein Roland, sehr,
Gedenke mein in gläubigen Gebeten.
Und dir empfehl' ich herzlich nieine Flor -
De lise sagt' er nicht: denn aus den Nöten
Des Lebens flieht der Geist, u. s. w.
Hermann Kurz endlich (1841) hat übersetzt:
Er sagt, schon an des dunklen Nachens Borde :
Mein Roland, im Grebet gedenke mein.
Dir auch empfehl ich scheidend meine Flor de —
Nicht sagt er lise mehr; hier hält er ein.
1. 'Eine Stelle in Ariostos Orlando Furioso'. 5
Hier stirbt der König, und der General spricht:
Bastes he would have Baid ;
But ere tlie word was out, bis breath was fled.
Well, peace be with bim u. s. w.1)
.Man bemerke, dass bei Batacchi und Rhodes das abge-
brocheneWort nicht den Reim bildet, wie beiAriost und La Taille.
Gewiss werden manche Leser der vorstehenden Zu-
sammenstellung schon während des Lesens an die Herleitung
des Namens Achalm von dem durch den Tod abgebrochenen
Ausruf 'Ach Allin gedacht haben, wie sie in Gustav
Schwabs j Gedicht (Die Achalm3 und in Unlands 'Schlacht
bei Reutlingen2 verwendet ist.2) In letzterem Gedicht kommen
bekanntlich die Verse vor:
Ach A 1 1 m ! stöhnt' einst ein Kitter: ihn traf des Mörders Stoss ;
Allmächtiger! wollt' er rufen; man liiess davon das Schloss.
Schwabs hergehörende Strophen aber lauten:
Den Pfeil, den todesträchtigen,
Empfängt sein tapfres Herz,
Sein Rufen zum Allmächtigen
Verschlingt der letzte Schmerz.
Doch was er rief in letzter Not,
Das halbe Wort : A c h all m —
Das bat gewiss getönt vor Ciott
Als wie ein ganzer Psalm.
Ja selbst dem Feinde klang es schön,
Das ernste Scheidewort,
Er baute frisch auf diesen Höhn,
Und hiess Achalm den Ort. I
1 ) Die Stelle ans 'Bombastes Furioso' würde mir unbekannt sein,
wenn ich nicht in einer anonymen Besprechung des oben erwähnten
Buches von Tivier im Londoner Athenaeum vom 30. August 1873,
S. 283 , der Mitteilung jener Verse Jacques de La Tailles folgende
Worte vorausgeschickt gefunden hätte: 'A distich from J. de la Taille
mnst be given, so singularly does it antieipate in sober seriousness a
famous line in one of the earliest and most populär of burlesques.'
Von meinem Freunde W. H. S. Ralston in London erfuhr ich dann, was
für 'a famous line1 gemeint sei.
") Vgl. 0. F. H. Schönbutb, Die Burgen, Klöster, Kirchen und
Kapellen Württembergs (Stuttgart 1860), 3, 6, und P. Eichholtz, Unlands
schwäbische Balladen auf ihre Quellen zurückgeführt, Berlin 1873, S. 19.
(3 Zur neueren Literaturgeschichte.
[Durch Aiiost angeregt ist wohl eine Stelle in der spani-
schen Komödie 'Don Gil de las calzas verdes5 des Tirso de
Molina, Acto 3, Esc. 1 :
Dijo Adios, Don Mar — y en fin
Quedandose con el tin
MLurio com un pajarito.
Von Dohrn (Spanische Dramen 1, 268. 1841 ; vgl. Klein,
Gesch. des Dramas 4, 1, 152) ward sie folgendermassen wieder-
gegeben:
Juana, schon halbtot und eisig,
Haucht: 'Leb wohl, Don Mar' — , sank hin,
Stecken blieb im Hals der 'tin',
Und so starb sie wie ein Zei^iu'.
In zwei weiteren Fällen verursacht nicht der Tod die
Halbierung des Namens, sondern eine heftige Gemütsbewe-
gung des Sprechenden. So gedenkt die schöne Melior in
dem von Denis Pyramus verfassten altfranzösischen Epos
Partonopeus de Blois (ed. Crapelet 2, 76. 1834. Nach-
gewiesen 1875 von A. Tobler), iudem sie ihrer Schwester
Urrake von dem bevorstehenden Turniere berichtet, dessen
Verlauf über ihre Vermählung entscheiden soll, ihres geliebten
Partonopeus und wird vor Trauer ohnmächtig:
7241 Quant volt Partonopeus nomer,
Ses diols li trence son parier;
Pasmee chilt sor sa seror ,
Et quant revient de sa dolor,
7245 Nel puet nomer, et ne porquant
Balbie l'a en sanglotant;
'Parto, Parto' a dit sovent,
Puis dist 'nopeu' moult feblement.
Konrad von Würz bürg übergeht in seiner Bearbeitimg
des französischen Rittergedichtes (Partonopier und Meliur ed.
Bartsch 1871; vgl. Kölbing, Germanist. Studien 2, 85) diesen
Zug völlig, weil er die Rede der Königin in Erzählung um-
setzt. Dagegen haben ihn die Verfasser der niederländischen
und der englischen Übersetzung, welche ihrer französischen
Quelle genauer folgen, beibehalten. In den cOuddietsche Frag-
1. Eine Stelle in Ariostos Orlando Furioso. 7
Dienten vau den Parthonopeus van Bloys' ed. Bormans 1871,
S. 147 heisst es etwas weitschweifig:
3745 ETi als soe Parthonopeuse voort
Soude noemen, benara hare twoort
Die rouwe, dien soe hadde groot,
Eii viel op haerre suster scoot
Tele iaminerlike in ommacht.
3750 ETi als haer een lettel was ghesacht,
En raoeht soeue noemen nict noch doe,
Newaer al haprende seide soe
Vele crankelike: 'Pa rtho . . . Part ho' . . .
Eii als soe vele dicke hadde also
3755 Dat selve gheseit, doe seitsoe voort
'Xopeus' eii volmaecte twoort.
Etwas knapper gehalten ist The old english Version of
Partonope of Blois3 ed. by AA\ £. Buckley 1862 p. 195:
But wlian slie named Partonope's name,
AVhat for sorow and what für shame
Slie had no power hit ones so sowne,
5785 But l'yll in a new sodeyn sowun
Whan to herseif she come ayen
And wolld haue seyd Partonope fayn,
'Parto . Parto' she sayd at ones
And füll febyly she sayd efte sones.
5790 'Xopee' that wyth voys tremelyng.
Ähnlich stösst endlich auch in Wielands Erzählung cClelia
und SinibakF (6, V. 123. Werke 12, 175 ed. Hempel) die
nachts von Sinibald überraschte Rosine einen solchen halb
erstickten Schreckensruf aus:
'Marie und Josef!' ruft mit Schrecken,
Indem sie ihn erkennt, (wiewohl vor Schrecken nur
Mir halbem L;iut) die holde Kreatur,
(Der halbe Josef bleibt ihr in der Kehle stecken).]
g Zur neueren Literaturgeschichte.
2. Ober Guerrini, Croce.
(Litteraturblatt für german. und roman. Philologie 1880, 421 — 424.)
Öuerrini, Olindo1), Lavita e le opere di Griulio Cesare Croce. Mono-
grafia. Bologna, presso Nicola Zanichelli. 1879. XIII, 516 S. 8°.
Fr. 10.
Dieses interessante, dem fruchtbaren Bologneser Volks-
dichter G. C. Croce (geb. 1550, gest. 1609), dem Verfasser
des berühmten und noch heute in Italien beliebten Volks-
buches von Bertoldo, gewidmete "Werk zerfällt in zwei Teile,,
in die biographisch- literarhistorische 'MonograiiaJ und den
'Saggio bibliografico'.
Die drei ersten Kapitel der 'Monografia' (S. 1 — 96) schil-
dern in fesselnder Weise und, wie es scheint, mit sorgfältiger
Quellenbenutzung Croces Leben und die gleichzeitigen Zu-
stände des Kirchenstaates und Bolognas, das 4. (S. 97 — 141)
bespricht zunächst Croces Ansehen und Dichterruhm, sodann,
leider nur sehr im allgemeinen, sein Verhältnis zur Volks-
dichtung und den Charakter seiner Dichtung und endlich
seine Stellung als Dialektdichter, die drei folgenden (S. 142
bis 256) sind dem Bertoldo und dessen Quellen und deren
Geschichte gewidmet, und das letzte (S. 257 — 282) handelt
von dem Bertoldino und dessen Fortsetzung, dem Cacasenno,
sowie von dem späteren Gedicht über Bertoldo, Bertoldino-
und Cacasenno und von den Übersetzungen desselben in ita-
lienische Dialekte.
Croces Bertoldo ist bekanntlich eine freie Bearbeitung
der in die meisten Sprachen Europas übersetzten2) und zum
Volksbuch gewordenen lateinischen prosaischen Erzählung von
Salomo und Marco lfus, und daher hat sich unser Verf.
veranlasst gesehen, zunächst in Kap. 5 von den übrigen Sagen
von Salomo und dann in Kap. 6 von der Entstehung und
Entwicklung der Sage von Salomo und Marcorf zu handeln,
worauf er dann in Kap. 7 den lateinischen Marcolfus und
1) [Als Dichter u. d. Namen Lorenzo Stecchetti hekannt.]
2) [El Dyalogo di Salonion e Marcolpho (Venezia 1502) a cura di
E. Lamma. Bologna 188"). |
2. Über Guerrini, Croce. 9
<\en Bertoldo eingehend vergleicht. Streng genommen war
für ein Werk über Croces Leben und Werke eigentlich nur
das letzte Kapitel unerlässlich, die beiden vorhergehenden
hätten wegbleiben können. Aber gerade diese hat der Verf.
mit sichtlicher Liebe und anerkennenswertem Fleisse behan-
delt. Freilich ist die von ihm im Vorwort beklagte Be-
schränktheit seiner litterarischen Hilfsmittel1) besonders hier
bemerkbar. So wären für Kap. 5 Hammers Rosenöl 1. 147
bis 257 und Ewalds Geschichte des Volkes Israel 3 (2. Ausg.),
S. 4i Mi f. noch zu benutzen gewesen. Aus letzterer würde er
auch erfahren haben, dass das von ihm S. 155 erwähnte
Testament Salomos von Fleck im griechischen Urtext und
danach von F. A. Bormann in der Zs. für historische Theo-
logie 14 (1*47). 3, S. 9 ff. in deutscher Übersetzung veröffent-
licht worden ist. Wichtiger ist es, dass ihm für Kap. G nicht
bloss Kembles 'Salomon and Saturnus1, wie er selbst S. 184
klagt, unzugäng- lieh gewesen, sondern auch Konrad Hofmanns 422
Vortrag 'Über Jourdain de Blaivies. Apollonius von Tyrus,
Salomon und Marcolf in den Sitzungsberichten der k. bay-
rischen Akademie der Wissenschaften, philos.-philol. u. bist.
Kl.. 1871, S. 415 ff., und W. Schaumberss 'Untersuchungen
über das deutsche Spruchgedicht Salomo und Morolf in Pauls
und Braunes Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache
und Litteratur 2 (Halle 1876), S. 1 ff., unbekannt geblieben
sind, wogegen er mehrmals (S. 190. 199, 200 — 202) das von
Schaumberg nicht benutzte, in russischer Sprache geschriebene
Buch A. Wesselofskys 'Die slavischen Sagen von Salomo und
Kitowras [= KevravQog] und die westeuropäischen Legenden
von Morolf und Merlin' (St. Petersburg 1S72, 350 S. 8°)
citiert. Die Kenntnis der Schriften Kembles, Hofmanns und
Schaumitergs würde unseres Verf.'s Ansichten wahrscheinlich
mehrfach modifiziert haben: ich unterlasse aber eine Er-
örterung derselben im Vergleich mit jenen, teils des be-
schränkten Baumes wegen, teils weil ich selbst, wie ich ge-
M Diese zeigt sich auch darin, dass er manche griechische und
römische Schriftsteller nach sehr alten Ausgaben citiert. so S. 169 und
258 den Gellius und den Aesup nach den Aldinen von 1515 und 1505.
10 Zur neueren Literaturgeschichte.
stellen muss, in der schwierigen Frage über Entstehung und
Elitwickelung der M arcolf - Sage in wichtigen Punkten noch
keine feste begründete Ansicht gewonnen habe. [ch will
aber diese Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, um öffentlich
auszusprechen, wie bedauerlich es ist. dass die erwähnte
höchst wichtige Schrift t\ef< so vielseitigen, gründlichen und
scharfsinnigen russischen Forschers noch nicht durch eine
Übersetzung den des Russischen Unkundigen zugänglich ge-
macht worden ist. Man vgl. über sie V. Jagic in seinem
Archiv für slav. Philol. 1, 106 ff. u. 131 f. Auch wo in
Kap. 7 und 8 der Verf. den Ursprung und die Verbreitung
einzelner im Bertoldo, im Bertoldino und im Cacasenno vor-
kommender Geschichten und Schwanke bespricht, ist die
Beschränktheit seiner litterarischen Hilfsmittel öfters wahrzu-
nehmen. So bat er Oesterleys Ausgaben der Gesta Romano-
rum, des Pauli und des Kirchhof mit ihren reichen Quellen-
uud Parallelennachweisen nicht benutzen können. Aber auch
hier wie in den vorhergehenden Kapiteln ist anzuerkennen,
was der Verf. bei seinen beschränkten Hilfsmitteln doch ge-
leistet hat.
An die 'MonografiV schliessen sich zunächst vier kultur-
geschichtliche Anhänge au, gleichsam längere Anmerkungen
zu vier Stellen der drei ersten Kapitel (Appendice A : Le
giostre — B: La eucina — C: Rivolta degli studenti [di
Bologna] nell' anno 1500 — D: La festa della Porchetta [1597]
S. 283—315). und nun folgt (S. 318—513) der zweite
Hauptteil des Buches, der cSaggiö bibliografico delle opere di
G. C. Croce", der gegen 300 Nummern umfasst und den G.
wie er selbst S. XI sagt, 'con molta cura e pazienza5 be-
handelt hat. *) Er hat sich dabei auch nicht mit einer rein
a) Es sei, da der Verf. es in seinem Buch nicht erwähnt hat, hier
daran erinnert, dass ein deutscher Gelehrter, Dr. Lottich, ehemals
Erzieher des Fürsten F. Baciochi in Bologna, eine reiche Sammlung
von Dichtungen Croces zusammengebracht hatte, die in dem von der
Elwertschen Universitätsbuchhandlung in Marburg 1877 herausgegebenen
Katalog seiner Bibliothek verzeichnet und von der Stadtbibliothek in
Bologna gekauft worden ist. Wie A. D'Ancona in seiner lesenswerten
2. Über Guerrini, (iure. 1 1
bibliographischen Beschreibimg begnügt, sondern häufig
mancherlei Mitteilungen über den Inhalt einzelner Werke und
aus ihnen gemacht. Diese .Mitteilungen erwecken aber den
lebhaften Wunsch, dass es dem Verf. gefallen möge, seinem
Buch noch einen '2. Teil folgen zu lassen, in welchem die
Dichtungen Croces, der alle möglichen Stoffe und Formen
behandelt hat. im Zusammenhang und eingehend zu be-
sprechen und reichliche Proben mitzuteilen wären. Dabei
würden auch die vom Verf. aufgefundenen, aber für sein
Buch nicht mehr benutzten Hss. Croces (s. S. 325) auszu-
nutzen sein.
Au diese Bemerkungen mögen sich einige Nachträge
und Berichtigungen zu einzelnen Stellen der 'MonogranV so-
wohl als des 'Saggio bibliografico' anschliessen.
S. 1">4. Z. 10 v. u. lese mau 'AlmadaP statt 'Almader.
Z. <s v. u. 'Annulorum5 statt cde AunulorumJ, Z. 1 v. u. cmag-
uetica' statt 'Manetica'. S. 178, Z. 13 müsste es statt 'i fram-
menti di Giovanni Pediasimo' heissen 'i versi di G. P.'. denn
es sind keine Fragmente. Sie gehören aber überhaupt gar
nicht her und sind daher zu streichen. — Wenn S. IST von
des Petrus Alfonsi Disciplina Clericalis gesagt ist, sie sei
'scritta nel latino maccheronico d' allora e spesso oscena5, so
ist beides unrichtig. , Was auf derselben Seite von den Gesta 423
Romanoruni gesagt ist, ist nach Oesterleys Einleitung zu
seiner Ausgabe zu berichtigen. Wenn S. 202 Guerrini mit
Verweisung auf Wesselofskys obeu erwähntes Buch (S. 256)
sagt: 'Cosi il raeconto rabbinico di Asmodeo si conserva
chiaro nella storiella attribuita da un anonimo ad un cotal
Hieronimus Archely e che sarebbe veuuto dalla Grecia\ so
bezieht sich dies ohne Zweifel auf das altdeutsche Gedicht
über Salomo (Müllenh off- Scherer, Denkmäler, nr. 35), nach
welchem Hieronymus die Geschichte von Salomo und dem
Drachen (d. i. Aschmedai, Asmodeo) in einem griechischen
Anzeige von Guerrinis Buch in der Nuova Anrologia, 2. Serie, Vol. 13
(l>T'.t), p. 372, bemerkt hat, fehlen in Guerrinis Saggio zwei der von
Lottich besessenen Dichtungen: das 'Ali'abeto del villano' und die 'Laude
delle cittä d'Italia'.
12 Zur neueren Literaturgeschichte.
Buche 'archely' gefunden haben soll. Ich verweise hierzu auf
Scherers Aufsatz in der Zs. für deutsches Altertum 22, 11). —
Zu der Erzählung von Marcolfs Nachtwache mit Salomo
( S. 215) verweist' ich auf einen Aufsatz von mir in der Ger-
mania 18, 147 [oben 2, 266], auf einen von A. Wesselofsky
in der Russischen Revue 8, 287 und auf Ralston, Russian
Populär Tales. S. 371 f. — Über die Geschiebte von der
Alten, die das Glück eines Ehepaares zu zerstören weiss
(S. 217), sehe man Oesterleys reiche Nachweise zu Kirchhofs
Wendunmut 1, 366, die ich noch vermehren könnte.1) — Zu
S. 218 (Morolf im Bienenstock) vgl. auch zwei französi-
sche Volksmärchen in der Melusine 1, S. 90, und in der
Romania 8, 233 (nr. V) [Sutermeister S. 169]. - - Wenn (S. 220)
Marcolfus sich die Gnade ausbittet, nur an dein Baum, den
er sich selbst dazu auswähle, gehängt zu werden, so vgl.
mau das 59. (und auch das 80.) Beispiel im Libro de los
enxemplos [Krainz, Mythen aus dem steirischen Hochlande
S. 257]. — Zu Fagottos Frage (S. '234) cperche causa la gal-
lina nera fa l'uovo bianco' und Bertoldos Gegenfrage
rperche causa lo staffile del Re fa venir nere a te le chiappe
di Fabbriano?3 vgl. Plutarchs Symposiaca 2, 1, 12 [Plener.
Acerra pliilol. 4, 27 p. 546]; Scelta di facetie, motti, burle
e buffonerie di diversi, cioe del Piovano Arlotto, del Gonella,
M [Knust zu Juan Manuel, Conde Lucanor 1900 S. 386— 396. Etienne
de Bourbon 1877 nr. 245. Stengel, De iudieiis divinis 1651 2, 586
(c. 45, 4). Casalicchio, L:utile col dolee 2, 47. Somma, Cento raeconti
nr. 32. Busk , Folklore of Rome p. 411. Archivio 16, 284. Nie. de
Troyes, Parangon nr. 32. Keller, Fastnachtspiele 2, 497. H. Sachs 1, 195
ed. Goedeke = Fabeln 4,47 ed. Goetze. Germ. 3,423. 33,261. Gryse,
Laienbibel 1604 Fr. 41. A.br. Hossmannus, Vera verae vitae coniugalis
constantia 1613 S. 98. Kühne, Faustbuch S. 250 f. Rebmann, Nelken-
blätter 1,1 (1792). Nestroy, Werke 1891 S. 261. Flieg. Blätter 1849.
Hein, Zs. f. österr. Volksk. 1, 43. 74 (Hexenspiel). Simrock, Märchen
nr. 23. Bartsch 1. 515. Kehrein 2, 16. Sehönwerth 3, 86. Baumgarten
2, 24. Llitolf, Sagen 187. Kristensen, Jyske Folkeminder 4. 342 nr. 441.
Bäckström, Sv. Folkböcker, Öfv. 152. Djurklou 63. Bondeson , Sv.
folksagor nr. 59. Wurzbach, Pohl. Sprichwörter nr. 66. Polivka, Zs. f.
österr. Volksk. 2, 189 nr. 18; Archiv f. slav. Phil. 19. 254 nr. 61 f.
Schleicher, Litau. M. 53: Lidzbarski S. 156.|
2. Über Guerrini. Croce. ]:>
del Barlacchia et altre assai di diversi, Vicenza 1661, S. 159
(in P. Ristel hubers Contes et faceties d'Arlotto, Paris L873,
nr. 40) und L. Guicciardini, L'hore di ricreatione, Paris 1 < > -J 4 . S.
29 [oben 2. 630]. --Den Nachweisen auf S. 235 (Bertoldo spuckt
auf das kahle Haupt des Fagotto) füge man noch die Oester-
leys zu Pauli. Schimpf und Ernst nr. 475 hinzu. Wenn es
bei Luscinius heisst 'Aristippum idem fac'titasse alieubi legi-
tur\ so bezieht sich dies auf Diogenes Laertius II. § 75. —
Über die S. 239 f. berührte Geschichte von dem neuen
Adam oder der neuen Eva. die den Behälter einer Maus
oder eines Vogels aus Neugier öffnen, vgl. Crane zu Vitry.
Exempla nr. 13 und Oesterley zu Pauli 398. Ferner Romulus
app. 38. Yintler. Blumen der Tugend v. 4934. Tabeus,
Maynhinklers Sack 1612, Pfaffensack 12. Grecourt, Oeuvres
badines 1881, p. 144 = Hagedorn. Poet. Werke 2, 145 (1760).
Quirsfeld, Histor. Rosengebüsch 1685. S. 641. Thisabo Redt-
schor, AUamodische Sittenschule 1680, S. 138. Der kurtz-
weilige Polyhistor 1719. S. 87. Germania 26, 119 nr. 35.
Zwischenspiel einer Rastenburger Schulkomüdie 1709 (Möller,
Progr. Königsberg 1874, S. 10). Beaumont, Magasin des eu-
fants nr. 4. Langbein. Die neue Eva (Gedichte 1, 94. 1820).
J. Stutz. Die neue Eva, Bern 1878. Aurbacher. Volksbüch-
lein 1, 78 = 3 1. 62: cEi so beiss'. Meier. Vm. aus Schwaben
nr. 67. Merkens, Was sich das Volk erzählt 2. 155 nr. 185.
Molbech. I dvalgte eventyr nr. 2: cDen nysgierrige Rone3
(Mad. de Beaumont). Winter -Hjelm, Aeventyrbogen nr. 31:
'Kjärringen som icke var nyfiken3. Bondeson, Halländska
sagor nr. 35. Jurkschat, Litauische Märchen 1, 75 nr. 37.
Joos, Vlaamsche vertelsels 2, 58 nr. 11. Somma. Centn
raeconti. Busk. Folk-lore of Rome p. 341. 1001 Tag übers,
von v. d. Hauen 10, 154 (1832).] Über die S. 244 f. er-
wähnte, dem Verf. aber unzugänglich gewesene Tstoria di
Campriano contadino3 habe ich im Orient und Occident 3.
350—52 [oben 1. 253] ausführlich gehandelt. Dass dies
Volksgedicht die Bearbeitung eines alten und ungemein weit
verbreiteten Volksmärchens ist. über welches man meine Zu-
sammenstellung im Orient und Occident 2. 486—506 [oben
14 Zur neueren^Litteraturgeschichte.
1. 230], zu L. Gonzenbach, Siciliaoische Märchen nr. 70 u.
71. in der Germania 18, 15* und in Gröbers Zs. für roman.
Philol. 2, 350 und die E. Cosquins in der Romania 5, 359 ff. ;
6, 541 ff.; 7. 589 ff.; 8, 571 fi\ u. 603 vergleiche, ist Guer-
rini unbekannt geblieben. — Zu S. 261 (Bertoldino und die
Frösche; Bertoldino will Eier ausbrüten) vgl. 1. Schneller,
Märchen aus Wälschtirol, nr. 57, Grimm, KILM nr. 7. und
Schambach-Müller, Niedersächs. Sagen u. Märchen, S. 319 u.
370: 2. meine Anm. zu Gonzenbach nr. 27 [oben 1, 50. 323].
S. 264. Das ganze Citat in Anm. 2 ist falsch. La Riote
del monde kommt in Fr. Michels Lais inedits nicht vor. —
[S. 268. Zu der Geschichte von dem Deutschen, der in Poggi-
bonsi den Wein probierte, bis er Todes verblich und von
seinem Knechte die Grabschrift erhielt:
Propter est, est, est
Dominus mens mortuns est,
hat G. selber bemerkt, dass sie sonst von einem Fugger zu
Montefiascone erzählt werde. Er hätte hinzufügen sollen,
dass diese Geschichte sich auf einen noch vorhandenen Grab-
stein in der 1302 erneuerten Kirche S. Fravenno bei Monte-
fiascone stützt, der öfter von Reisenden beschrieben worden
ist: so 1612 von Paul Hentzner. Itinerarium Italiae S. 353,
1624 im Tagebuch Christians des Jüngeren, Fürsten zu An-
halt (hsg. von Krause 1858, S. 273), bei Limberg, Reise-
beschreibung 1690, S. 318; Keyssler, Neueste Reise 1, 574
(1740): E. Speckter, Briefe eines deutschen Künstlers 1, 385
(1846). Vgl. auch Tallemant des Reaux, Historiettes 7. 450
(1858). Indes ist die Glaubwürdigkeit der Erzählung ver-
schiedentlich bekämpft worden: von I. J. Geysius, Fabula
Montefiasconia (Diss. Altorf 1680. 4°). Gottlob Rothe. Der
falsch befundene Tod jenes Teutschen Bischoffs, welcher sich
zu Montefiascon in Italien soll zu tod gesoffen haben (Stendal
o. J. 4°, um 1700. Berliner Bibl. Rr 2636), Süden. Der ge-
lehrte Criticus 1. 259 (1715) u. a. Nach der Abbildung bei
Ramboux (Beiträge zur Kunstgeschichte des Mittelalters 1860,
Tat". 125) zeigt die Steinplatte das Bild eines Geistlichen in
Mitra und Stola mit «ekreuzten Händen: zu beiden Seiten
er
2. über Guerrini, Croee. 15
des Kopfes zwei Wappen (das eine enthalt einen springenden
Löwen und drei Balken, während das Fuggersche Wappen
nach Keyssler ganz abweicht) und darunter zwei Kelche.
Diese Becher hält Massmann (Mones Anzeiger 1834, 215 f.)
für die Zipfel des Kopfkissens, während ein Anonymus
(? Göttling) in der Zeitschrift Chaos 1. 4;.i (1830 nr. 13) den
einen auf den Priesterkelch bezieht und den anderen als
Rest eines Bischofsstabes deutet. Die stark verstossene In-
schrift, welche nach Massmann später zum Scherze hinzu-
gefügt ist. hat nach Göttling einen völlig abweichenden Sinn.
Ramboux liest nämlich :
EST EST EST PRT NIM
ES HIC IOÜFYCI
EREYS MORTVS ES
Göttling liest:
EST EST EST PR IIMIVM
EST HIC 10 DFVS DI
MEVS MORTVS EST
Und während Ramboux u. a. einen Johannes de Fugarer in
b'
der 2. und 3. Zeile erkennen wollen, deutet Göttling die In-
schrift theologisch: 'Est, est, est; pater hominnm est; hinc
ideo deus dominus Jesus mens mortuus estD, d. h. 'Ja es ist,
es ist, es ist so; es ist ein Vater der Menschen, und darum,
dies zu bezeugen, ist mein Herr, der göttliche Jesus, ge-
storben'. Ohne eine eigene Entscheidung zu fällen, verweisen
wir noch auf die älteren Anspielungen bei Fischart (Ge-
schichtklitterung c. 4, S. 84 Aisleben) und Moscherosch (Ge-
sichte Frankf. 1647 1. 812 = Strassb. 1650 2, 258), sowie
auf die Dichtungen von Wilhelm Müller (Gedichte 2, 64. 1868)
und A. Kopisch (Gedichte 1836, S. 25: Est est est).]
S. 331. Von der neugriechischen Übersetzung des Ber-
toldo liegt mir ein Venediger Druck von 1*47 vor. Es giebt
auch eine illirische Übersetzung des Bertoldo, 1857 zu Zara
erschienen und betitelt 'Nasradin iliti Bertoldo'. d. h. CN. oder
B/ Man hat hier nämlich dem Bertoldo den Namen des
berühmten, auf der ganzen Balkanhalbinsel bekannten Schwank-
helden Nasr-eddin (Nasradin) [oben 1, 481] gegeben. - - S. 392.
Das hier von dem Verf. erwähnte Testament um M. Grunnii
Corocottae Porcelli ist zuletzt und zum erstenmal kritisch
herausgegeben worden von Moriz Haupt in dem Berliner
Index Lectionum für das Sommerhalbjahr 1860, wiederholt
\Q Zur neueren Literaturgeschichte.
in seineu Opuscula 2, 175—83. — S. 394, nr. 104: 'Kco
artificiosa\ Ich benutze diese Gelegenheit, um auf Vittorio
Imbrianis schönen Aufsatz 'L'Eco responsiva nelle Pastorali
Italiane. 1. Cinquecento" in dem Giornale Napoletano di filo-
sofia e lettere. Vol. 2 (Napoli 1872), S. 279—314, dessen
Fortsetzung leider nicht erschienen ist. aufmerksam zu machen.
Von Croces 'I Fresehi della Villa' (S. 396. nr. 110) hat
dem Verf. nur ein defektes Exemplar eines bologneser
Druckes von 1617 vorgelegen. Die Grossherzogl. Bibliothek zu
Weimar aber besitzt ein vollständiges Exemplar eines anderen
Druckes 'In Bologna, & in Firenze. alle Scale di Badia', ohne
Jahreszahl, wonach sich Guerrinis Inhaltsangabe ergänzen lässt.
Es folgt nämlich in diesem Druck auf die Terzinen 'Napoli-
tana5 S. 59 ein Sonett 'Sopra il bei Naso d'vn Giouane", dann
folgen S. 60 drei 'Stanze alla Grazianesca' in bologneser Dia-
424 lekt, beginnend: j 'Qnand barba Titon s' lieua su', und endlich
zum Schluss S. 61 — 63 'Echo in Barzelletta\ beginnend: 'Hör
cht' io sono in questo boscoJ. — S. 403, nr. 115: 'Iudice uni-
versale della Libraria o studio del celebratiss. Arcidottore
Graciau Furbson da Franculiu". In Gustave Brunets 'Essai
sur les Bibliotheques imaginaires' (bei Le Bibliophile Jacob.
Catalogue de la Bibliotheque de l'Abbaye de Saint-Victor.
Paris 1862, S. 277 — 390) ist diese imaginäre Bibliothek nicht
erwähnt. — S. 431, nr. 161: 'La Pidocchia ostinataJ.
Zur Ergänzung von Guerrinis Bemerkungen vgl. man Noels
Ausgabe der Facetiae des Poggius 2. 51, Oesterleys An-
merkung zu Pauli nr. 595, J. F. Blade, Contes populaires
recueillis en Agenais. S. 42, und meine Anmerkung dazu
S. 155. und füge ausserdem noch hinzu Anecdotes historiques,
Legendes et Apologues tires du recueil inedit d'Etienne de
Bourbon, dominicain du 13. siecle, par A. Lecoy de la Marche,
Paris 1877, nr. 242, und Fischarts sämtl. Dichtungen, hrsg.
von H. Kurz 2. 154 [Montanus, Schwankbücher S. 622].
Schliesslich haben wir noch die schöne äussere Aus-
stattung des Buches zu rühmen, aber zu bedauern, dass die
nichtitalienischen Büchertitel und Citate durch Druckfehler
so oft entstellt sind.
Weimar, 3. August 1880.
3. Zu Eulenspiegel. 17
3. Zu Eulenspiegel.
(Weimarisches Jahrbuch 5, 477-480. 1856.)
Im 4. Baude des Jahrbuches S. 15 f. hat Karl Goedeke
mehrere Ergänzungen und Nachträge zu Lappenbergs Aus-
gabe des alteu Volksbuchs von Eulenspiegel mitgeteilt. Ihnen
mngen sich noch folgende Nachträge anreihen.
Die 6. Historie (von Eulenspiegel und dem Bäcker zu
Stassfurt) wird, wie Lappenberg bemerkt, in den dem fran-
zösischen Dichter Francois Vi Hon zugeschriebenen, vor 1495
gedruckten 'Gastmählern ohne Zeche" (Repeues franches) uud
in der ersten Ausgabe der Pauli sehen Schwänkesammlung
[Kap. 651] von einem Landstreicher erzählt; ebenso findet sieh
nach Lappenberg die 57. Historie (wie Eulenspiegel den Weiu-
zapfer im Rathause zu Lübeck hintergeht) in dem genannten
französischen Werke, doch so, dass die Scene dort in einem ge-
wöhnlichen Wirtshause spielt. | Beide Eulenspiegelstreiche 47)
begegnen uns aber auch, und zwar vereint, in einem Gedichte
des 15. Jahrhunderts, welches Keller in seinen später als das
Lappenbergsche Werk [1855] erschienenen 'Erzählungen aus
altdeutschen Handschriften" S. 104 zuerst herausgegeben hat.
In diesem Gedichte 'von drei Gesellen, die in ein Stat
kamen, und wie sie Wein, Brot und Fisch daselbs zu Wegen
brachten,' betrügt der eine Gesell einen Bäcker ganz so wie
Eulenspiegel den Stassfurter, nur dass er das Brot aus dem
Anne und nicht wie Eulenspiegel aus einem Sacke in den Schmutz
fallen lässt, und dass er, während der ihn begleitende Bauern-
junge sich danach bückt, ausreisst. da hingegen Euleuspiegel
den Jungen mit dem beschmutzten Brote zurückschickt, um
ein anderes zu holen, und so entkommt. Der andere Gesell
schafft eine Flasche Wein, indem er einen Wirt vermittelst
zweier Flaschen, einer leeren und einer mit Wasser gefüllten,
die er gelegentlich unter seinem Mantel verwechselt, ebenso
täuscht wie Eulenspiegel den lübischen Ratskellerwirt. End-
lich auch das. was vom dritten Gesellen erzählt wird, erinnert
an eine Geschichte von Iuileuspiegel. Der Gesell giebt sich
Kollier. Kl. Schriften. III. 2
1 (S Zur neueren Literaturgeschichte.
nämlich für einen Klosterknecht ans, kauft für sein vorgeb-
liches Kloster bei einem Fischer Fische und lässt sich einen
Knaben mitgeben, um das Geld zu empfangen, richtet aber
alles so ein, dass er mit den nicht bezahlten Fischen ent-
kommt, der Knabe dagegen von den Mönchen kein Geld
erhält, vielmehr für besessen gehalten wird. Dies erinnert
wenigstens einigermassen an die 71. Historie, wonach Eulen-
spiegel einem "Wirte in Hannover, bei dem er Schulden ge-
macht, vorlügt, der Pfarrer sei sein Bürge, dem Pfarrer aber,
der Wirt sei besessen, — ein Schwank, dessen anderweites
Vorkommen Lappenberg nachweist.
Zu der 80. Historie (wie Eulenspiegel den Wirt mit dem
Klang von dem Geld bezahlt) hat Lappenberg die gleichen
Geschichten aus den Cento novelle antiche [8] und aus
Pauli [48], welcher letztere als seine Quelle den berühmten
Kanonisten Johannes Andrea anführt, beigebracht. Goedeke
oben 4, 16 bemerkt, dass auch den Persern der Schwank
bekannt gewesen sei. Ich erinnere daran, dass Rabelais
im 37. Kapitel des 3. Buchs seines Gargantua und Pantagruel
die Geschichte erzählt, und zwar ziemlich so wie Pauli, mit
dem er aus gleicher Quelle geschöpft hat. Rabelais giebt
479 nämlich als solche ebenfalls den Andrea an, | fügt aber hin-
zu, dass nach diesem auch andere Juristen (Panormus, Bar-
batias und Jason, welchen Regis in die Anmerkungen zum
Rabelais S. 456 noch den Bartholus anreiht) die Geschichte
erzählt haben. [H. Sachs, Dichtungen ed. Goedeke 1, '221.
AVetzel, Die Reise der Söhne Giaffers ed. Fischer und Bolte
1896 S. 209—211.]
Lappeuberg führt nur von zwei Eulenspiegelschen Schwänken
[Hist. 63 und 71] eine Bearbeitung durch Hans Sachs an
(S. 265 und 271, vgl. S. 301); es hat aber der Nürnberger
Meister, in dessen kleiner Büchersammlung sich auch ein
Eulenspiegel — wir wissen leider nicht, in welcher Ausgabe
befand (s. Hertels Mitteilungen über die in Zwickau auf-
gefundenen Handschriften von H. Sachs, im Zwickauer Gym-
nasialprogramm 1854, S. 5 [Goedeke, Archiv für Littgesch.
3. Zu Eulenspiegel. 19
7, 2]), mehrere Historien vom Eulenspiegel behandelt. Wir
führen sie alle an nach der Zeitfolge ihrer Abfassung.
1538 entstand aus der 17. Historie das Meisterlied
'Der EulenspiegeP (Fabeln ed. Goetze 3, 108 nr. 39).
1538 bearbeitete H. Sachs die 92. Historie als Meisterlied
'Des Eulenspiegels Testament' (Sämtliche Fabeln und Schwanke
ed. Goetze 3, 210 nr. 96) und 1539 als Spruchgedicht (ebd. 1.
KU nr. HU).
1539 die (59. Historie als Meisterlied 'Der Eulenspiegel
im Bad' (ebd. 3, 217 nr. 100). Die 97. Historie der Er-
furter Ausgabe von 1532 (Lappenberg S. 143) als Meisterlied
'Eulenspiegel mit dem Prems" (ebd. 3, 219 nr. 101). Die
13. Historie als Meisterlied 'Des Eulenspiegels Osterspiel zu
Püdenstete0 (ebd. 8, 223 nr. 103). Die 32. Historie als
Meisterlied 'Der Heukersteg" (ebd. 3, 225 nr. 104) und als
Spruchgedicht (ebd. 1, 173 nr. 50).
1546 die 31. Historie als Meisterlied 'Eulenspiegel mit
dem HeiltunV (Goedeke, H. Sachs 1, 203) und 1563 als
Spruchgedicht (s. unten). — Die 80. Historie als Meister-
lied 'Eulenspiegel mit dem Wirt' (Goedeke 1, 227). Die
63. Historie als Meisterlied 'Euleuspiegels Disputation' und
1554 als Spruchgedicht (s. unten). Die 38. Historie als
Meisterlied 'Eulenspiegel mit der Kellnerin' und 1553 als
Fastnachtspiel (s. unten). — Die 30. Historie als Meisterlied
'Das Pelzwaschen Eulenspiegels' und 1556 als Fastnachtspiel
(s. unten).
1547 die 71. Historie als Meisterlied 'Eulenspiegel mit
den Blinden" (Lappenberg S. 272) und 1553 als Fastnachtspiel
(s. unten).
1548 die 3. und 4. Historie als Meisterlied und Spruch-
gedicht 'Eulenspiegel auf dem Seil' (Fabeln 1, 311 nr. 110).
Die 24. Historie als Meisterlied und Spruchgedicht
'Eulenspiegel mit dem Schalksnarren im Land zu Polen1
(ebd. 1, 318 nr. 111).
1550 die 48. Historie als Meisterlied 'Eulenspiegel war
ein Schneider' (ebd. 1, 370 nr. 138) und später als Spruch-
gedicht.
20 Zur neueren Literaturgeschichte.
1551 die 55. Historie als Meisterlied 'Eulenspiegel mit
der Katzen' (ebd. 1, 354 nr. 131) und später als Spruch-
gedicht.]
Die 71. Historie von Eulenspiegel mit den zwölf Blinden
und dem Wirte hat Hans Sachs in einem Fastnachtspiele
vom 4.[?] September 1553 'Der Eulenspiegel mit den Blinden3
[Werke, Folio-Ausgabe 3, 3, 73b = 14, 288 ed. Keller =
Fastnachtspiele ed. Goetze 5, 1 nr. 51] bearbeitet; der Ort
der Handlung ist aber bei ihm nicht Hannover, sondern
Egelsheim, und die Zahl der Blinden ist auf drei beschränkt.
[Stiefel, Germania 36, 31.]
Das Fastnachtspiel aus demselben Jahre vom Hj. De-
zember 'Der Eulenspiegel mit der Pfaffenkellerin und dem
Pferd' [Folio-Ausgabe 4, 3, 21a = 17, 80 ed. Keller = Fast-
nachtspiele ed. Goetze 5. 84 nr. 58] entspricht der 38. His-
torie. Das Dorf des Pfarrers heisst auch bei H. Sachs
Risenburg, statt des Bischofs von Halberstadt nennt er den
Merseburger, und den Herzog von Braunschweig sucht bei
ihm Eulenspiegel in Braunschweig, nicht in Wolfenbüttel
auf. [Stiefel, Germ. 36, 40. 37, 218.]
Die 63. Historie von Eulenspiegel als Brillenmacher gab
dem H. Sachs Stoff zu seinem Schwanke vom 29. August 1554
'Eulenspiegels Disputation mit einem Bischof ob dem Brillen-
machenJ [Folio- Ausgabe 2, 4, 60a = 9, 256 ed. Keller =
Fabeln ed. Goetze 2, 396 nr. 146]. Der Bischof, den H. Sachs
nicht näher bezeichnet, begiebt sich bei ihm nicht nach
Frankfurt, sondern zu einem Reichstage nach Worms.
[1556 die 27. Historie als Meisterlied und Spruchgedicht
'Eulenspiegel wart ein Maler' (Schweitzer, Etüde sur Hans
Sachs 1887 p. 447).]
Das Fastnachtspiel vom 30. November 1557 'Euleuspiegel
mit dem blauen Hostuch mit dem Bauern [Folio-Ausgabe 5,
3, 350b = 21, 49 ed. Keller = Fastnachtspiele 7, 37 nr. 77]
ist die 68. Historie. Der Ort der Handlung ist auch bei
H. Sachs Oltzen (d. i. Clzen). [Stiefel, Germ. 36, 57.]
3. Zu Eulenspiegel. 21
Nach einem Zwischenräume von mehreren Jahren fin-
den wir in dem Fastnachtspiele vom 12. Februar 1562 [viel-
mehr am f). Februar 1556. Folio-Ausgabe 5, 3, 366 b = 21,
11(5 ed. Keller = Fastnachtspiele 6, 121 nr. 72] wieder
einen Schwank von Eulenspiegel 'Eulenspiegel mit dem Belz-
wascheu zu Trügstetten3 entsprechend | der 30. Historie. Im -180
Eulenspiegel heisst das Dorf Nigstetten in Thüringen, von
H. Sachs ist der Name in Trügstetten, Trugstetten, Trugen-
stetten, offenbar wegen Erinnerung an Trug und trügen, ver-
ändert worden. [Stiefel, Germ. 36, 52.] Zum ersten Teile
der Historie vergleiche man auch H. Sachsens cGesprech
eines Abenteurers mit eim Bauern und Bäuerin die Wahrheit
betreffend' [Folio-Ausgabe 1, 4, 453 b: 1554].
Endlich die 31. Historie hat H. Sachs zu dem Schwanke
vom 12. August 1563 'Eulenspiegel mit seinem Heiltum'
[Folio-Ausgabe 5, 3, 412 b = 21, 332 ed. Keller = Fabeln
2. 485 nr. 337] verwendet. Auch er verlegt die Geschichte
nach Pommern und versäumt nicht, einen Ausfall gegen faule
und liederliche Priester zu machen. Statt des heiligen Bran-
danus, dessen Haupt Eulenspiegel im Volksbuche ebenso
wie sein Vorgänger, der Pfaffe Amis in dem nach ihm be-
nannten altdeutschen Gedichte, zu besitzen vorgiebt, nennt
H. Sachs den S. Stolprianus. Es ist das ein scherzhafter-
weise ersonnener Heiliger. In dem Fastnachtspiele von
H. Sachs 'Der Bauer mit dem Safran5 [Folio-Ausgabe 5, 3,
349b = 21. 47 ed. Keller] sagt einer:
Als ich vorm Thor gestolpert bin :
Kam mir der Stolprian in Sinn.
Derartigen fingierten Heiligen, wie z. B. S. Schweinhardt,
S. Reblinus, S. Grobianus, S. Kolbmann, S. Kosmann,
S. Nimmerlein u. a., begegnet man in unserer und in der
ausländischen komischen Litteratur, sowohl volkstümlicher
als gelehrter, nicht selten; und ich werde gelegentlich aus-
führlicher über diese wunderlichen Heiligen sprechen.
[Häuften, Caspar Scheidt 1889 S. 22. Strauch, Anzeiger f.
d. Altert. 18, 379. Fränkel, Germania 36, 186 f.]
■>■> Zur neueren Literaturgeschichte.
Dies sind die Historien vom Eulenspiegel, die H. Sachs
behandelt hat. Wem alle Ausgaben Eulenspiegels, die bis
dahin erschienen waren, vorliegen, der wird wohl bei genauerer
Vergleichung nachweisen können, welche Hans Sachs benutzt
hat. [Es wird die Erfurter Ausgabe von 1532 gewesen sein.]
4. Zu dem Gedicht von Hans Sachs
cDie achtzehen Schön einer Jungfrauen1.1)
(Germania 11, 217—221. 1866.)
Hans Sachs hat [1.327] ein Gedicht verfasst, welches 'Die
achtzehen Schön einer Jungfrauen' überschrieben ist und also
beginnt:
Nechten zu Abend ich spaciert
Auf freiem Mark und phantasiert
Zu machen ein neues Gedicht.
In dem da kam mir zu Gesicht
5 Ein Jungfrau, gar höflich geziert,
Gar adelich geliedmasiert,
Dergleich ich mein Tag nie het gsehen.
Dess ward ich zu mir selber jehen:
'Wahrhaft die Schön der Jungfrau da
10 Vergleicht der Schön Lucretia.'
Dess ich mich gleich verwundern gund
Und da geleich stockstiller stund
Und dacht, wer nur die Jungfrau wer.
In dem die zart trat zu mir her
15 Mit leisen Tritten, Fuss für Füss,
Und grüsset mich mit Worten süss
Und sprach, wess ich thet warten hie.
Ich sprach: 'Zart Jungfrau, merket wie.
Ich steh zu schauen euer Schön,
*) [Diesen Aufsatz hat V. Imbriani mit einigen Zusätzen ins
Italienische übersetzt in seiner Ausgabe von Sarnellis Posilecheata 1885
S. 120 — 128. — Vgl. auch R. Renier, II tipo estetico della donna nel
medioevo 1885 p. 119—121.]
4. II. Sachs, Die achtzehen Schön einer Jungfrauen. 23
20 Die ich ob allen Weihen krön,
Wann ich Bach nie schöner Figur.
Der siben Schön tragt ir ein Kur,
Die doch all siben traget ir.'
Da sprach die zart Jungfrau zu mir :
25 'Seind denn der Schön nit mehr denn siben?
Wo habt ir das funden geschrieben?'
Ich sprach: eIch hab bei meinen Tagen
Von siben Schönen hören sagen.' |
Sie sprach: cDer Schön sind wol achtzehen, 218
30 Die natürlichen Meister jenen.
Die werden aussgetheilt darbei
In sechs Theil, jeder Theil hat drei.
Drei kurz sind im ersten Anfang,
Darnach in dem andren drei lang,
35 Und zu dem dritten sind drei lind,
Und zum vierten drei schneeweiss sind,
Und zum fünften drei rosenrot,
Zum sechsten drei kolschwarz sind not.'
Im folgenden teilt dann die Jungfrau dem Dichter auf
sein Befragen mit, welchen Teilen des Körpers jene Eigen-
schaften zukommen; wir aber müssen dem neugierigen Leser
überlassen, dieses Nähere bei Hans Sachs selbst nachzulesen. *)
Wenn Hans Sachs sagt:
'Ich hab bei allen meinen Tagen
Von siben Schönen hören sagen',
so müssen wir annehmen, dass zu seiner Zeit 'sieben Schön-
heiten der Frauen5 sprichwörtlich waren, und man sollte
daher erwarten, denselben öfters in der Litteratur jener Zeit
zu begegnen. Ich meinerseits kann bis jetzt nur zwei Stellen
nachweisen, wo sie erwähnt werden, eine ebenfalls bei Hans
Sachs, eine andere bei Fischart. In dem Fastnachtspiel des
Hans Sachs 'Der alt Buler mit der Zauberei' (Werke 2, 4,
r) Werke 1, S. 507 der Nürnberger Ausgabe von 1558 oder 1, S. 380
der von 1589 [= 5, 176 ed. Keller = Fabeln und Schwanke ed.
Ooetze 1, 1. - - Ein Meisterlied gleichen Inhalts von 1547 bei Goedeke,
Dichtungen von H. Sachs 1, 253 = Fabeln und Schwanke 4. - - Stiefel
<H. Sachs-Forschungen 1894 S. 34) betrachtet Bebel als die Quelle für
den Nürnberger Dichter.-- Agricola Tabeus, Maynhincklers Sack 1612
nr. 49.]
24 Zur neueren Literaturgeschichte.
22a der Nürnberger Ausgabe von 1590 [= 9, 120 ed. Keller
= Fastnachtspiele ed. Goetze 5, 137]) sagt ein verliebter
Alter von seiner Geliebten:
'Und wenn ich die Wahrheit soll jehen,
Hets der sibn Schön wol dreizehen.'
Und Fischart sagt in der Geschichtklitterung (Kap. (>
[S. 112 ed. Alsleben 1891]) von der Braut Grandgosiers:
'Sie hatte die vier Schöne anstatt der vier Tugenden, ja der
sibn Schöne wol vierzeheu, samt dem Löchlin im Backen,
wann sie lacht, und dem Grüblin im Kinn.3 [Die Stelle wird
unter dem Namen des Rablesius citiert von P. Lauremberg,
Pasicompse nova, i. e. accurata delineatio pulchritudinis
1634 S. 93. — Schon Hans Folz (Keller, Fastnachtspiele 1,
72. c) bemerkt: 'Sie hat der siben schon wol dreizehen'.
Seh ei dt macht zu seiner Verdeutschung von Dedekinds
Grobianus (1551, Neudruck 1882 v. 2129) die Randnotiz:
'Sie hat die sieben schön, sie sind aber umgewent.' Ayrer
(2, 967, 23 ed. Keller) verwertet dieselbe Redensart wie Folz
und Hans Sachs:
Man sagt, ein "Weib hab sieben Schön;
Ach Herr, was solt meim Lieb abgehn,
Dass sie der nicht vierzehen hat !
Und in der Weimarischen Zeitung 1881, 18. Sept. (nr. 219:
Handwerksgesellen -Wanderleben) wird als altes Sprichwort
angeführt : 'Selbst die Hässlichste hat noch sieben Schön-
heiten." Auf diese weitverbreitete Regel scheint auch ein
Meisterlied der Kolmarer Handschrift (ed. Bartsch 1862
S. 350) zu zielen, wenn es wie in bewusstem Gegensatze an-
hebt: 'Siben tilgende sol ein ieclich frouwe haben."
Eine Aufzählung dieser sieben Schönheiten ist uns in
dem Münchener Cod. germ. 379 vom Jahre 1454 auf Bl. 218a
erhalten:
'Das sind die siben schien, die ein iegtliche fraw sol haben: das
ist die erst die lang vnd weyss vnd pran vnd rot vnd swartz vnd knrtz
vnd hört. — Das erst ist die leng, das sy gerad sey vnd lang seyten
vnd lang finger. - Die ander: weyss von angesicht vnd ein wetz.
4. H. Sacht?, Die achtzehen Schön einer Jungfrauen. 25
hör1) vnd weyss zen. — Das tryt, pran: zwey praune äugen vnd [?] pran
vnd ein praune t'ml. Das vierd, rot: ain rotten mund vnd rotten
häcklin vnd ein roten fad inwendig. — Das fünft ist swartz: zway
swartzen äugen vnd ein swartz arsloch an dem hindern. - — Das sechst
ist kurtz: kurtzen prustlin vnd kurtz fussz. — Das s i b e n [t] hört:
zwey hörtten pristlen vnd ein härtten ars.'
Vgl. The figure of seven (Halliwell, Fugitive tracts and
ehap-books 1849 p. 7 f. Percy Society 20.)]
Um so mehr war ich überrascht, in italienischen Liebes-
liedern, wie sie in neuerer Zeit aus dem Volksmund ge-
sammelt worden sind, die 'sieben Schönheiten' zu finden, und
zwar nicht nur im allgemeinen erwähnt, sondern auch einzeln
aufgeführt. Ich glaube den Lesern der Germania, denen die
italienischen Volksliedersammlungen nicht zur Hand sind, einen
Gefallen zu erweisen, wenn ich hier diese lieblichen und wohl-
klingenden Liedchen mitteile.
Ein toscanischer Rispetto bei Tommaseo, Canti popolari 1, 21»
46 (danach auch bei Tigri, Canti popolari toscani, 2da ediz.,
pag. 22, nr. 79) lautet:
Sette bellezze vuole aver la donna,
Prima che bella si possa chiamare :
Alta dev' esser senza la pianella,
E bianca e rossa senza su' lisciare:
Larga di spalla, e stretta in centurella:
La bella bocca, e il bei nobil parlare.
Se poi si tira su le bionde trecce,
Decco la donna di sette bellezze. 4]
Ahnlich die vicentinische Vilota bei Alverä, Canti popolari
tradizionali vicentini, Vicenza 1848, nr. 87 = Pasqualigo,
Canti popolari vicentini, Venezia 1876, nr. "2GJ:
Sete belezze deve aver la dona,
Prima che bela si fäcla chiamare;
Alta da tera senza la pianela;
Presta e legiadra nel suo caminare;
') [Lies weiss har ; d. h. blonde Haare. Vgl. Imbriani zu Samelli
S. 124 über 'capelli bianchi'.]
■) Ich erinnere die Leser an die schöne Anzeige, mit welcher
Jacob Grimm in dieser Zeitschrift 2, 380 die Tigrische Sammlung ge-
ehrt hat [= Kleinere Schriften 7,426.]
2ß Zur neueren Literaturgeschichte.
Bianca de late senza lavailura ;
Rossa de rosa senza farsi bela ;
Coi bei muri e con le Monde drezze;
Questa e la dona de sete belezze.
Ferner das ligurische Lied bei Marcoaldi, Canti popolari
inediti umbri, liguri, piceni, piemontesi, latini, Genova 1855,
pag. 77:
Sette bellesse a deve avei 'na fija,
Prima che bella si possa chiamare:
A deve esse' bella e galantin-na,
Grasiusetta nel so' raxunare;
Larga di s'palle, streita di sentüra,
Quella si chiaraa bella di natura:
E gli occhi neri colle biunde tresse :
Quelle si cliiamu le sette bellesse.
t
[Gianaudrea, Canti popolari marchigiani 1875 S. 199:
Sette bellezze 1' ha da ave' la donna,
Prima che bella se possa chiamare;
Dev' esse' alta senza la pianella,
Bianca e rossetta senza fasse bella;
La deve avere 'na bella statura,
Larga de petto e stretta de cintura ;
Du' occhi neri con du' biunde treccie,
Queste se puo chiama' sette bellezze.
Ive, Canti popolari istriani 1877 S. 39:
Siete belisse gä d'avi oüna duona,
Che vol che biela duona seia ciamata ;
La gä d'avire dui bai uoci in tiesta,
In uel parlä la gä da iessi unista.
La ga d'avi oüna biela vardadoüra,
Slarga in le spale e strita in la cintoüra,
E alta e strita cume oüna culuona;
Quila se ciamareia oüna biela duona.
Ähnlich Bernoni, Canti popolari veneziani 1, 1 und Corazzini,
1 minori componimenti della lett. ital. 1877 S. 192. A. d'Ancona,
La poesia populäre italiana 1878 S. 248 f.]
Unvollständig sind die Schönheitea in einem zweiten bei
Alverä nr. 86:
Sete belezze ghe vole a una dona,
Avanti la se fac,a ciamar bela;
4. H. Sachs, Die aehtzehen Schön einer Jungfrauen. 27
Prima de tuto una bela andatura,
Larga de spale e streta in la cintura;
Prima de tuto un' andatura bela,
Larga de spale e streta in eenturela;
Prima de tuto de un bei cao de drezze,
E quele se ciama la sete belezze. |
Ebenso in einem veronesischen bei Righi, Saggio di canti 220
popolari verouesi, Verona (1863), pag. 15:
Sete beleze ghä d'aver 'na dona,
Quando che bela se vol far chiamare;
Larga de spale e streta in zenturela,
Sete beleze ghä d'aver 'na bela;
I oci mori cole bionde treze,
Quele se ciama le sete beleze.
Endlich erwähne ich noch ein latinisches Lied (Marcoaldi
pag. 131), in welchem der sieben Schönheiten gedacht wird:
Oh vedi quant' e hello il paradiso!
E tu, bellina, nel viseo ce l'hai.
Sette cose ci vo' per compi1 '1 viso,
E tu, bellina, tutte e sette Thai.
E te ne manca una sul bei viso,
Solo che l'oochi neri tu non hai;
Ma siete tanto bella di persona,
Che vi stä bene Pocchi bianchi ancora.
Gegenüber den sieben Schönheiten, von denen Hans
Sachs sein Lebtag hat sagen hören, stellt also iu dem Ge-
dicht die schöne Jungfrau nach der Lehre der natürlichen
Meister'1) achtzehn Schönheiten auf.
Ob min wirklich in irgend einem gelehrten Werk des Mittel-
alters von den achtzehn Schönheiten gehandelt wird,
ist mir unbekannt2): wohl aber kann ich ähnliche Aufzählungen
!) In Albrecht von Eybes Ehebüchlein findet sich dieser Ausdruck
mehrfach, und er bezeichnet Naturkundige und Philosophen.
2) [Aus dem Cod. Riccardianus 688 teilt Wesselofsky (Novella della
figlia del re di Dacia 186(3 S. XXV) folgendes Sonett mit:
Ad essere perfectamente bella,
Diciotto cose vuole la donna avere :
Prima essere lunga senza pianella (hoc in Boemia)
La braccia e'l collo ancora al mio parere. (hoc in Bavaria)
Poi vuole avere corto la mamella,
28 Zur neueren Literaturgeschichte.
der zu einer vollkommenen weiblichen Schönheit notwendigen
Eigenschaften beibringen, die alle das gemeinsam halten, dass
immer eine Eigenschaft je drei Teilen des Körpers zuge-
teilt wird. Ich begnüge mich, im folgenden nur kurze Nach-
weist' zu geben und überlasse dem Leser die Einsicht und
die V ergleich ung der Aufzählungen. Die älteste mir bekannte
derartige Zusammenstellung ist ein französisches Gedicht vom
Jahr 1332 cCe sont les divisions des soixante et dnuze
beaute qui sont en dam es3 in Meons Nonveau recueil de
t'ahliaux et contes inedits 1, 407 ft". Weiter nichts als ein
unvollständiger prosaischer Auszug aus diesem Gedicht ist
die Liste von sechzig Schönheiten hinter dem Gedicht
cLa louenge des damesJ in A. de Montaiglons Recueil de
poesies fran^oises des XV et XVI siecles, Paris 1857, ly
299 ff. [= Fischart ed. Kurz 3, 438], wozu man auch Brunei,
Manuel du libraire. 5ifeme ed., 3, 1182 [und Bull, de la Soc.
La barba e i denti, dovete sapere,
Et vuole esser sottile in cinturella,
Sottili dita e'l naso dee seguire. (hoc in Polonia)
Del collo vi dico anco una novella:
Vuol esser grosso, le coste e'l sedere, (hoc in Lombardia)
Et si vuole essere bianca di natura
I denti e gli occhi, cioe il bianco, bianeo
E'l nero vuol essere nero a dismisura,
E poi le ciglia vuole avere nere anco,
Nero vuole essere quello etc.
Ebenso giebt in der spanischen 'Historia de Teodor la donsella"
(Knust, Mitteilungen aus dem Escurial 1879 S. 513) das kluge Mädchen
18 Zeichen der Schönheit an: 'luenga en tres (estado, cuello, dedos)>
pequenna (boca, naris, pies), ancha (cadenas, espaldas, fruente), bianca
(cuerpo, dientes. bianco de los ojos). prieta (cabellos, cejas, prieto de
los ojos), bermeja (labros, mexillas, ennas)'. Nach Knust S. 618 soll
diese Beschreibung der arabischen Vorlage des Werkes ähnlich sein,,
doch findet sich in der bei Hammer - Zinserling (1001 ^N'acht 1823 1,
207 — 260: 'Teweddud oder die gelehrte Sklavin) übersetzten Version
derselben nichts Entsprechendes. — Auf H. Sachs geht ein Nürnberger
gedrucktes Flugblatt des Peter Isselburg (im Germanischen Museum.
Weller, Annalen 2, 479) zurück, dessen Verfasser sich Pamphilus-
Parthenophilus nennt. — Eine Arie von Kurz-Bernardon
druckt E. Schmidt, Zs. f. Volkskunde 5, 358 ab.]
4. H. Sachs, Die achtzehen Schön einer Jungfrauen. 29
des anc. textes franc. 1">. 111. 1889; sowie Houdoy, La beaute
des femmes dans la litt. 1876 p. 48] vergleiche.1)- [Fünf-
zehn Schönheiten linden wir bei Sacchetti (hnbriani zn
Sarnelli S. 124) und in den Facezie e motti dei secoli XV e
XVI, 1874 S. 66: 'Ire cose nere, blanche, piceole, lurighe,
grosse.'] - Ein und zw an- j zig Schönheiten zählt Heinrich 221
Bebel in seinem Adagia Germanica auf, s. Bebeliana opus-
cula nova, Argent. Jo. Grüninger 1508, F Vllh Hebels
Proverbia germanica bearb. von Suringar 1879 S. 4(1 nr. 152,
dazu S. 275], dann auch in das 3. Buch der Facetiae [1660 p.
217] aufgenommen. — Ein lateinisches Gedicht in Distichen
über die dreissig Schönheiten von Franciscus Corniger
[Triginta hec habeat, que vult formosa vocarf etc. Auch bei
Kegis zu Kabelais 2, 204 und Kurz zu Fischart 3, 43G.
Melander, Joci atque seria 1603 nr. 176] teilt Joannes Nevi-
zanus in seinem wunderlichen 1521 erschienenen Werke 'Silva
nuptialis3 mit (Bl. 40b; in späteren Ausgaben Liber II, § 93),
wo er zugleich auf zwei denselben Gegenstand behandelnde,
mir unzugängliche, italienische Gedichte des Vincentius Calmeta
hinweist. 2) Auf Cornigers Gedicht sind zurückzuführen das
anonyme deutsche Gedicht 'Dreissig Stück werden an einer
x) ['Belle femme doit avoir troys longa, eourtz, blancs, durs, noirs,
gros, gresles, grans, molz, joincts, larges, haultz, gras, simples, bas,
fcraittiz, fosseluz, avant, petis, dangereux'.] Montaiglon hat das Gedicht
bei Meon nicht gekannt und verglichen: sonst hätte er p. 299 nicht
'Longues (cuisses)', sondern 'Long nez' geschrieben.
2) Auf Xevizans Hochzeitswald verweist Fischart in dem oben
angeführten Kapitel der Geschichtklitterung, und A. M. von Thümniel
teilt in einer Anmerkung seiner 'Reise in die mittäglichen Provinzen
von Frankreich' (Werke, Leipzig 1839, 5, 191) das ganze Gedicht
Cornigers mit — aber ohne diesen zu nennen und als wäre es von
Kevizanus selbst. [Nach dem Wortlaute der Ausgabe von 1521 aber hat
der sonst unbekannte Corniger nicht 30, sondern 34 Stücke der Schön-
heit aufgezählt und wäre somit nicht der Verfasser jener neun Distichen.
Vgl. Bayle, Dictionnaire bist, et crit. s. v. Helene, Anm. B. - Auch die
Angaben Xevizans über Calmeta hat Imbriani S. 125 als ungenau er-
wiesen; das von ihm citierte Gedicht 'Dolce Flaminia3 rührt weder von
Calmeta her, noch behandelt es überhaupt unser Thema. Über die
gleichfalls bei Nevizan erwähnte Ekloge Ter dar riposta' s. unten S. 30.)
30 ^ur neueren Literaturgeschichte.
recht schönen Jungfrau erfordert' in dem 'Kurtzweiligen Zeit-
vertreiber von C A. M. v. W., o. 0. [1666 S. 234 =] 1668,
S. 234 f., dann auch in dem 'Politischen und kurzweiligen
Stock-Fisch von Christoph Platt- Miss'. Frölichs-ßurg 1724,
S. 104 ff., und das Gedicht von Hoffmannswaldau 'Abbildung
der vollkommenen Schönheit' in Herrn von Hoffmannswaldau
und anderer Deutsehen .... Gedichten, Leipzig 1697, Teil 2,
S. (')•> ff. Endlich stimmt mit Corniger fast ganz überein die
spanische Liste von dreissig Schönheiten, die Brantöme in
seiner Abhandlung 'De la vue en amour" (Oeuvres completes,
Paris 1822, 7, 229) nach der Mitteilung einer spanischen
Dame giebt [:Tres cosas blancas : el cuero, los dientes y
las manosJ etc. Kurz zu Fischart 3, 440 = Imbriani S.
123, vgl. 144 (F. Alunno). Ein französisches Sonett bei
Cholieres, Matinees 1585 p. 167 = Labyrinthe d'Amoiir 1615
liv. 2 : Sur les beautes de la femme : 'Celle qui veut paroir
des belies la plus belle' . . . (daraus in der Anthologie
satyrique 2, 183. 1877) = Espion anglais 10, 204. — Drei-
unddreissig Schönheiten begegnen in einer anonymen
italienischen 'Eglogha pastoral de Philebo e Dinarcho pastorP,
die Imbriani (1885 S. 125 — 128) aus dem 1515 gedruckten
'Compeudio de cose nove di Vincenzo Calmeta et altri auctorP
wiederholt hat (Tre cose longlie, curte, larghe, strette, grosse,
subtili, rotonde, piecole, Manche, rosse, negre); ferner bei
Francesco Alunno, Della fabrica del mondo 1570 libro 9
(Imbriani S. 113) und Sarnelli, Posilecheata 1885 S. 5. So
heisst er auch in einem in Borgetto aufgezeichneten italienischen
Volksliede (Casetti ed. Imbriani, Canti popolari delle prov.
merid. 1871 1. 201): 'Bedda, chi trentatri biddizzi aviti.
Auf die gleiche Zahl spielt Wieland im Oberou 6, 39 an:
Von allen drei und dreissig Stücken,
Womit ein schönes Weib, sagt man, versehen ist, . . .
Iliitt' er kein einzigs gern an seiner Braut vermisst.
Wenn F. Pyat in seinem Schauspiele 'Diogene' (1846 I, 2:
'Toi, Aspasie, avec tes trente-deux qualites') nur 32 Stücke
erwähnt, so mag dies auf einem Gedächtnisfehler beruhen.
4. H. Sachs, Die achzehen Schön einer Jungfrauen. .'5 \
Statt der in allen diesen Schönheitskatalogen üblichen
Gruppierung nach Triaden weist eine arabische Liste, die
E. W. Laue in seiner Übersetzung der 1001 Nacht (ed. by
Poole 18()"> 1, 26) anführt, eine Einteilung in Tetraden auf.
Lane schöpft aus 'an unnamed author quoted by El-Is-häkee
(Al-Ishäqi) in Ins account of the 'Abbasee Khaleefeh El-
MatawekkiP: Tour things in a woinan should he black (the
hair of the head, the eyebrows, the eyelashes, and the dark
part of the eyes); four white (the complexion of the skin, the
white of the eyes, the theeth, the legs); four red (tongue, lipsT
middle of the cheeks, gums); four round (head, neck, fore-arms,
ankles); four long (back, fingers, arms, legs); four wide
(forehead, eyes, bosom, hips); four fine (eyebrows, nose, lips,
fingers); four thick (lower part of the back, thicks, calves
of the legs, knees); four sraall (ears, breasts, hands, feet). In
another analysis of the same kind (Kitäb el-'Ouwan fee
Mekaid en-Niswän) it is said that four should be short (hands,
feet, tongue, teeth); but this is metaphorically speaking; the
meaning is, that these members should be kept within their
proper bounds3.
Eine türkische Liste von 52 Schönheiten in der Zs. der
d. morgenl. Ges. 30, 1G2. — Neun Stücke zählt eine
italienische Frottola des 15. Jahrhunderts (Gargiolli, Pro-
pugnatore 14, 2, 289), die auf Jacopo Alighieris Dottriuale
cap. 52 (Renier, 11 tipo della donna p. 172) zurückgeht. Bei
letzterem werden jedoch, obwohl der Titel 'Nove bellezze
umaneJ lautet, vielmehr zehn Schönheiten beschrieben.
Neben diesen Verzeichnissen und bisweilen1) mit ihnen
verbunden gehen Beschreibungen einher, welche die einzelnen
Körperteile aus verschiedenen Ländern entlehnen. So
steht in dem schon citierten Münchener Cod. germ. 379, Bl. 218b
folgende Priamel:
M In dem S. 27 f. nach Wesselofsky abgedruckten italienischen
Sonett, bei Bebel und Fischart.
32 Zur neueren Literaturgeschichte.
Ein haüptlin von Pehem
Vnd zway pristlen von Swaben
Vnd ein leyblin von Östdrich,
Den ist >y wo! vngeleich,
Vnd ein ars von Boland
Vnd ein payriss f. dauran
Vnd zway hendlach von Pr au wand
Vnd zway fiesslach vom Kein:
Das mag wo! ein stdiiene fraw sein.
Ausführlicher bei Zingerle, Wiener Sitzungsber. 54, 321
(1866): Ton Prag ein haupt aus PehamlantJ, 20 Verse. Fu-
tilitates germanicae medii aevi 1864, S. 7. Eschenburg, Denk-
mäler 1799, S. 397 und Lessings Beiträge 5, 204: 'Ein weih
nach hübschheit als ich sag3. Liederbuch der Hätzlerin
S. LXVIII: cAin haubt vou Behmer land3. Recueil von allerhand
Oollectaneis 9, 47 (1720): 'Ein schönes Weib von Wunsch ich
sag'. Eiselein, Sprichwörter 1840, S. 86. Bebel, Proverbia
ed. Suringar Nr. 151 = Facetiae 1660 S. 211. Contes
d'Eutrapel 1585, S. 65a:
Qui veult belle femme querre,
Preigne visage d'Angleterre,
Qui n'aye mammelles normandes,
Mais bien un beau cors de Flandres,
Ente sur ung cul de Paris:
II aura femme a son devis.
Vgl. Kurz zu Fischart 3, 439. 465. Danach Cats, Spiegel
van den ouden en nieuwen tijt (Werken 1, 457 = Bebel ed.
Suringar S. 274): 'Wilt gy een hups, een rustigh wijf.
Percy's Folio-mser., Loose songs 1868, p. 112: 'Bring a face
out of England, a backe out of France, a bell y from Flanders3.
Ein italienisches Sonett, das Renier im Giornale stör, della
lett. ital. 7, 301 mitteilt, beginnt:
Se tu vuoi fare donna bella a niano,
Io la fornisco di cotal arnese,
Fronte di Grecia e l'occhio Senese,
Ungharo il ciglio, e il capo Marehiano etc.
Vgl. Renier, II tipo estetico 1885, p. 140 f. Reinsberg-Dürings-
feld, Internationale Titulaturen 1 , 8 (1863) und Jahrb. f.
roman. Litt. 9, 203. Marcoaldi, Cauti liguri 1855, p. 87.
4. Die achtzehen Schön einer Jungfrauen. ;',;',
Ive, Canti istriani 1877, ]>. 48. Ferraro, Canti monferrini
1870, p. 138. Pitre bei Renier. G. Blauco, El seno de las
mujeres 1878, p. 30. Carvajal im Cancionero de Lope de
Stuniga 1872, p. 377.
Zum Schlüsse sei es verstattet, auf ein paar Beschreibungen
eines guten Pferdes aufmerksam zu machen, die entweder
ähnlich wie jene Schönheitslisten angeordnet sind oder die
Eigenschaften der Rosse mit denen anderer Tiere oder gar
der Frauen vergleichen. Nach den Novelle autiche (ed. Biagi
Inno. nr. 96) muss ein treffliches Pferd besitzen cquattro cose
lunghe (collo, ganbe, angine, eoda), 4 larghe (petto, groppe,
bocha, nare), 4 corte (ginnte, dosso, orechi, coda)\ Eben-
so im Libro di Sidrach ed. Bartoli 1868, c. 368 und im
französischen Sydrac c. 444 (Romania 13, 536). — Nach dem
Strassburger Rätselbuch ed. Butsch 1876, nr. 135 soll ein
Pferd zehn Eigenschaften haben, je zwei vom Hasen, Esel,
Wolf, Fuchs und von der Frau. Eine englische Regel (Wright-
Halliwell, Reliquiae antiquae 1, 232. 1841) nennt 15 cproper-
tyes and condicions3, je drei vom Mann, Weib, Fuchs, Hasen,
Esel: ähnlich eine französische bei Montaiglon, Poesies francoises
6, 198 (15 nach Jungfrau, Fuchs, Hirsch, Esel, Rind). Koddige
en ernstige Opschriften, Amsterdam 1690, S. 227 (18 Schön-
heiten nach Pfau, Fuchs, Hase, Wolf, Esel, Jungfrau).
Meijer, Oude nederl. Spreuken eu Spreekwoorden S. 105
(ebenso). Der Vergleich zwischen Pferd und Weib ist in
einem Flugblatte von 1618, 'Kurtze vnnd eigentliche Be-
schreibung deren 16 Eygenschafften, welche ein Pferdt an sich
haben soF (Weller. Anualen 2, 477) durchgeführt: ebenso in
Georg Kiemsees gereimter 'Erklerung, wie ein Pferd vnd
ein Frauensperson in vielen Stücken einander gleichen sollen'
1624 (Weller 1, 388). Ein Sonett 'Comparaison de la femme au
cheval' findet sich in Le cabinet satyrique 1, 220 (1667). Folk-
lore Journal 2, 106.-- Eine gereimte Aufzahlung der 'Anlaster"
eines Rosses (84 v.) hat Ettmüller in Mones Anzeiger 1834, 175
herausgegeben; vgl. Romania 24, 446: 'Dit du cheval ä vendre3.
Noch entfernter steht eine altfranzösische Regel, nach
der guter Wein zwanzig Buchstaben halten muss: '■'> B
Köliler. Kl. Schriften. III. ^
34 Zur neueren Literaturgeschichte.
(bons, beu8, bevale) 3 C (court, clers. crespe), 3 N (net7
oeays, naturels), 3 S (sek, sayn, sade), 8 F (freit, fresche,
fryant, f remissaunt, furmentel, feire, fyne, fraunceys), bei
Jubinal, Nouveau reeueil de contes 2, 290 (1842). Doch
mag uns dafür folgendes der Form nach verwandte Epigramm,
du* bei Abele, Gerichtshändel 1, 19 und im Lyrum-larum
dt. 272 zu finden ist, zu unserm Thema zurückleiten:
Quam sis ducturus, teneat P quinque puella:
Sit pia, sit prudens, pulchra, pudica, potens.]
Weimar, März 1865.
5. Zu den zwei Sprüchen von Paris.
(Alemannia 3, 135. 1875.)
Ich mache darauf aufmerksam, dass dem von Crecelius
oben 3, 46 beschriebenen cuss dem frantzösischen vertütschten3
Buch1), welchem die 'zwei Sprüche von Paris" (3, 47 — 53)
entnommen sind, offenbar zwei französische Werkchen zu
Grunde liegen, über welche man in Brunets Manuel du libraire,
5. ed. 1, 383 (Artikel: Archevechez) und 4, 1452 (Artikel:
Rues) näheres findet.
Das zweite dieser Werkchen: cLes rues et eglises de
Paris" etc., welches infolge von Umstellung des Inhaltes auch
u. d. T. 'Les cris de Paris' etc. gedruckt ist, liegt mir in
einer bei Nicolas Oudot zu Troyes 1663 gedruckten Ausgabe
und in dem ebenfalls nach einer Troyeser Ausgabe des
17. Jahrhunderts besorgten Abdruck in P. L. Jacobs Sammel-
x) [Zacharias Bletz, 'In disem biechly wirt heyter anzeigt vnnd
verstand geben, wie vil Erzbistum, bistum. hertzogthum, graffschaft'ten in
der edlen Cron zu Franckrych erfunden vnd gregiert werden'
Basel, Lux Schouber 1536. — Über den auch als Dichter von Fastnacht-
spielen zu Luzern thiltigen Übersetzer vgl. Bächtold, Geschichte der
deutschen Litteratur in der Schweiz 1892, S. 336. 416; Anm. S. 87.]
6. Das älteste bekannte deutsche Sonett. 35
werk 'Paris ridicule et burlesque au dix-septieme siecle'
(Paris 1859) S. 297 — 370 vor, und dadurch bin ich in der
Lage, über die zwei Sprüche von Paris folgendes mitteilen
zu können. Der 'Spruch des, so der die statt Paryss umb-
gangen ist5 ist eine leidlich treue Übersetzung des strophischen
Gedichtes cLe tour de la ville de Paris' (bei Jacob S. 363 f.);
dagegen ist der Spruch 'Was der gemeyn bruch ist, alle tag
zu Paryss an den gasseu uss zu ruften' keine Übersetzung des
Gedichtes fLes cris de Paris" (Jacob S. 299 f.), sondern eine
ganz freie Urnarbeitimg desselben1).
6. Das älteste bekannte deutsehe Sonett und
sein italienisches Original.
(Archiv für Literaturgeschichte 9, 4—8. 1S80.)
Auf der Rückseite des Titelblattes der 1554 erschienenen
cApologiJ Bernardino Och in os (1) steht ein Sonett CA1 Christia-
nesmo bastardo3. Christoff Wirsung, der 1556 eine deutsche
Übersetzung dieser 'Apologf veröffentlichte (2), hat auch das
Sonett mitübersetzt, und zwar gleichfalls in Sonettform, und
auch bei ihm steht es auf der Rückseite des Titelblattes.
Es ist dies deutsche Sonett das älteste bis jetzt in
deutscher Sprache nachgewiesene, und als solches ist es in
') [Über ähnliche Sammlungen von Stras s enausr uf en vgl. Bolte,
Alemannia 22, 164. Ferner: Fourncl, Les rues du vieux Paris 1879,
S. 499 — 572. G. Kastner. Les voix de Paris 1857. Recueil des plusieurs
Chansons nouvelles, Lyon 1576, p. 225 = Sommaire de tous les recueils
de chansons, Lyon, 1576 p. 200. Criees municipales de Marseille ed.
Lientaud 1873. — Niederdeutsches Korrespondenzblatt 18, 66. Hübbe und
Suhr. Der Ausruf in Hamburg 1808. Zs. f. Volkskunde 9, 349. Deisch,
Danziger Ausrufer 1887. Imbriani, La novellaja fiorentina 1877 p. 48.
Archivio 12, 446 (Certeux, Les cris de Londres 1893) und 15, 331. 341
(Neapel. Florenz).]
3*
3(3 Zur neueren Litteraturgeschicbte.
neuerer Zeit schon dreimal wieder abgedruckt worden (3),
aber stets ohne das italienische Original.
Dies vorausgeschickt, mögen hier nun das italienische
Sonett und die deutsche Übersetzung in genauem Abdrucke
folgen.
AL CHRISTI ,\ X ESMO |
r. ASTAKDO. |
SON. |
ü Secol piu ch' ogni altro i'ciocco e Ctolto,
Bestiale, ignorante, e cieco mondo,
Poi che pur ti fei tutto in fi profondo
E tenebrofo abisso immerfo e inuolto.
Poi che cofi ti fei tutto fepolto
X'el caos che non ha ne fin ne fondo
D'errori, e doue il piu fetido e immondo
Stereo d'impietä tutto e raecolto. |
31a cofi auuiene ä chi le ciliare e pure
Fonti del ver lafeiando, fi riduce
AI le rotte eifterne, e d'humor vote:
E cui dilettan l'atre nebbie ofeure
De la menzogna, el la ferena luce
Di Veritä piu foftener non puote.
V. 10 ist im Original 'riduce' gedruckt.
Zu dem Baft ardischen |
Cli riftenthumb.
O zeit für andere torecht toll,
0 weit on witz, blind, viehifch, vnd
Die gantz vnd gar in finftern fcblund
Verfenckt, verftrickt, vnd mangels voll.
Du ligft ye vergraben wol
Im Chaos, da kein end noch grund
Der jrthumb. gftanck, kot, vngefund,
Da all Gottlofigkeit fein foll.
So gfchicht dem der den brunnen klar
Der warheit laft, vnd fücht erftert
Cifternen, die on f a ff t vnd leer,
Liebt Cchwartzen nebel. tuneklen gfar
Der lüg: das er das bell liecht werdt
Der warheit nit kan dulden mehr.
t>. Das älteste bekannte deutsche Sonett. 37
Vers 11 fehlt hinter 'leer' im Druck von 1556 »las Komma, steht
aber in «lern von 1559. — V. 13 hat der Druck von 1559 lug'. - V. 14
hat der Druck von 1559 ein Komma hinter 'warheit.
A l) m e r k u n g e n.
(1 i Das höchst seltene, mir in dem Exemplar der Königlichen
öffentlichen Bibliothek zu Dresden ('Ex Bibliotheca Bünaviana') vor-
liegende Büchlein ist betitelt:
Apologi nelli quali SI SCVOPRANO LI ABVSI, | SCIOCHEZE,
SVPERSTITIO ; ni, errori, idolatrie et impieta della i'inagoga | delPapa:
*\ Cpetialmente de l'uoi preti, rao- | naci & frati. j Opera ini'ieme vtile &
dilectuole. (Holzstoek : Ein Palmbaum, daneben links ein halb-
bekleideter Mann oder Knabe emporspringend und einen Zweig herab-
ziehend. Links PRESSA VA-; rechts LENTIOR. Unter dem Holzstock
die Jahreszahl:) M. D. LIIII. j 60 Blätter in Klein-Oktav, signiert 2A-H4
paginiert 3 — 57 und dann weiter durchaus willkürlich, so dass z. B.
die letzten Seiten folgendermassen paginiert sind: 111—114, 75. 74, 35,
58. - - Seite 3 und 4 enthalten die Vorrede: AL MOLTO MAGST- j fico
& illustre caualier el Signor Ric- j ciardo Moricini. N. S. Wie auf dem
Titelblatt, so fehlt auch unter der Vorrede der Name des Verfassers.
S. 5 beginnt: IL PRIMO LIBRO | degli Apologi nelli quali fi fpuo- |
prano li abufi. Alle folgenden Seiten haben abwechselnd als Columnen-
überschrift LIBRO und PRIMO. Am Ende des Buchs: Fine del primo
libro, de gli Apologi. Das Buch enthält anscheinend 100 Apologe,
in Wahrheit aber 101, da zwei Apologe dieselbe Nr. 17 tragen und dann
von 18 an weiter bis 100 gezählt wird. S. 25: Apologo 16 nel quäl si
feuopre la efceffiua i'tultitia de Papi. S. 25: Apologo 17 nel quäl fi
feuopre la superfluita, vanita, golofia, curiofita & inl'atiabilita delle
Monache. S. 'J7: Apologo 17 nel quäl fi feuopre quäl fia comunemente
la i'ede de prelati & la fuperbia de Papi. S. 28: Apologo 18 nel quäl
fi moftra quel che douerebben far li Signori del mondo. Die deutsche
Übersetzung zählt die Apologe richtig. Das Büchlein ist, wie noch
andere Schriften Ochinos, bei J. Girard in Genf gedruckt, und es giebt
Exemplare, auf deren Titel die Ort- und Druckangabe (Geneva, Giov.
Gerardo) sich findet. Vgl. Eberts Bibliogr. Lexikon 2, 221 Nr. 14994, Anm.
und Brunets Manuel 4. 151.
(2) Sie liegt mir in dem Exemplar der Grossherzogl. Bibliothek zu
Weimar vor und ist betitelt: Des Hochgelehrten vnd Gottfeligen
Bernhardini Ochini Apologi. | Darin werden die Mifsbreuch, Thor-
heiten, Aberglauben, Irrthumben, Götzendienst, vnd gottlofigkeiten der
Papiftifchen Synagoga, j Conderlich der Pfaffen. Miinieh, vnd der | Brüder
eröffnet, lieblich, darbey auch nutzlich zu lefen. | Durch Chriftoff
Wirfung verdeütfcht. Apologus redt wol in schertz Sticht doch dem
38 Zur neueren Literaturgeschichte.
Bapftumb ab das hertz. M. D. LVI. 4". Unpaginiert, signiert Aij-
Niij. Am Ende: 'Ende des Erften büchs | der Apologen.' Auf das
Titelblatt folgt die drei Blätter umfassende Vorrede des Übersetzers,
die an den Churfiirsten und 'Pfaltzgrauen bey Rhein, Hertzogen in
Xidern vnd Obern Beyern', 'Herr Ottheinricheir, gerichtet und datiert
i >r : 'Geben in Augfpurg, den 16. tag Martij im 1556. Jare\
Dieser Übersetzung des 1. Buches der Apologe des Ochino, des
einzigen, wie es scheint, das in italienischer Sprache erschienen i^t,
Hess Wirsung i. J. 1557 die des 2. Buches (wiederum 101 Vpologe)
folgen, welche die Groi'sherzogl. Bibliothek gleichfalls besitzt. Sie ist
betitelt: Des Hochgelerten vnnd | Gottfeligen maus, Bernhardini Ochini |
von Senis. Das ander Buch, feiner Apologen. In wöllichen die ZSIifs-
breüch, Thorhay- | ten, Aberglauben, Irrtbumben, Götzenehrungen,
vnd Gotlofigkeiten, der Papiftifchen Synagoga. | Sunderlich der Bäh fr.
Pfaffen, Münich vnd | der Brüder eröffnet werden, Lieplich, darbey
nutzlich zu lesen. | An den durchleüchtigl'ten Hochge- bornen Fürften
vnnd Herren, Herr Ott- | hainrieben, | Pfaltzgraue bey Rhein, Her-
7 tzogen in Nidern vnd obern Bayrn. j Defs hailigen Rö- j i milchen Reichs j
Ertzdruckfeffen, vTi Chur- ] fürften . etc. Durch Chriftoff Wirfung I
verdeütfcht. | Apologus kumpft noch ein fart, j Ja, ich ftraff, fpot, nach
meiner art. | Anno 1557. 4". Unpaginiert, signiert Aij-0(IV). — Diese
beiden Drucke besitzt auch die Wolfenbüttler Bibliothek; s. Ch. A. Salig,
Vollständige Historie der Augspurgischen Confession 2, 422.
Im Jahre 1559 erschienen diese beiden ersten Bücher nochmals
und mit noch drei Büchern vermehrt. Diese Ausgabe, die mir in dem
Exemplare der K. öffentlichen Bibliothek in Dresden (ebenfalls 'Ex Biblio-
theca Bünaviana') [ein anderes in Berlin] vorliegt, ist betitelt: Des
Hochge- | lehrten vnd Gottialigen maus Bernhardini Ochini von | Senis,
fünff Bücher finer | Apologen. Darin werden die Mifsbreüch, Thorheiten, J
Aberglauben, Irrtbumben, Götzendienft, vnd gott- lofigkeiten der
Papiftifchen Synagoga, fon- derlich der Pfaffen, Münich, vnd der |
Brüder eröffnet, lieblich, dar- | bey auch nützlich zu lesen. Durch
Chriftoff "Wirfung ; verdeütfcht. Apologus redt wol in fchertz j Sticht
doch dem Bapftumb ab das hertz. j M. D. LIX. | 4°. Das erste Buch
hat 8 unpaginierte und 87 paginierte Seiren, die folgenden Bücher
haben keine Paginierung, sondern sind nur signiert, aber jedes besonders,
wie auch jedes ein besonderes Titelblatt hat. Nämlich : Des Hochge- |
lehrten vnd Gottialigen maus Bernhardini Ochini von j Senis. das
ander Buch finer ] Apologen. j Inn wöllichen die .Mifsbreüch, Thorheiten, |
Aberglauben, Irrthumben, Götzeneerungen, vnnd j gottlofigkeiten der
Papiftifchen Synagoga: fon- derlich der Bäpft, Pfaffen, Münich, vnd |
der Brüder eröffnet werden, lieb- j lieb, darbey nutzlich ' zu lesen. |
Durch Chriftoff Wirfung verdeütfcht. j Apologus kumpft noch ein fart, |
Ja, ich ftraff, fpot noch miner art. j M. D. LIX. | Signiert aij-l(III). —
6. Das älteste bekannte deutsche Sonett. I)!)
Des Hochge- | lehrten , das drit Buch l'iner | Apologen . . . . |
Münich: Apologus [ Du kumbi't oft, ja: del's faulen Mil't j ll't so vil, da-
kein zal da ift. \ M. D. L1X. | Signiert Aij-Kiij(b). Enthält 100
Apologe. Des Hoehge- | lehrten , das vierdt Buch finer
Apologen | Pafquillus: Apologus. | P. Schweig. A. Nein. P. Wann
dann? A.Rom | wann du bift frum, keusch, milt, trew: du ! Bapi't ein
Chrift. P. Oho. | M. D. LIX. | Signiert Aij-Liij(b). Enthält 100 Apologe;
der letzte ist aber durch Druckfehler als der 90. bezeichnet. — Des
Hochge I lehrten | Senis, fünffte Buch feiner I Apologen. | . . . .
Papft: Metamorphol'is das | Buch Ouidij | B. Weck. M. AVarumb? B. Ich
hali mit dem j taut: ja Geift, Kirch, Lehr, Chrift | i'elbft verwandt. |
31. D. LIX. | Signiert Aij-Lij(b). Enthält 89 Apologe.
Bekanntlich war Ochino vom Herbst 1545 bis in den Anfang des
Jahres 1547 in Augsburg, wo ihn der Bat im Dezember 1545 zum
Prediger der Welschen machte (K. Benrath. Bernardino Ochino von
Siena, Leipzig 1875, S. 194 f.), und der im Jahre 1571 zu Heidelberg
im 71. Jahre verstorbene Chr. Wirsung [der Verdeutscher der Celestina]
war ein geborener Augsburger und, wie Melchior Adaini ( Vitae Germanorum
Philosophorum, Heidelb. 1615 S. 252) sagt, 'multos per annos senior
sive diaconus inecclesia Augustana\ Danach ist es nicht unwahrscheinlich,
dass Ochino und AVirsung sich in Augsburg persönlich | gekannt haben.
Man vgl. übrigens über Ochinos Apologe Gervinus, Geschichte der deutschen
Dichtung, 4. Aufl. 3, 69 = 5. Aufl. 3, 88 und Benrath a. a. O. S. 245 f.
(3) Zuerst ist Wirsungs Sonett abgedruckt worden in einem jetzt
vergessenen Buch, betitelt: 'Miscellen. Von Johann Karl Hock, Hof-
und Regierungsrat zu Gaildorf', Gmünd 1815, S. 167, und zwar mit
folgenden vorausgeschickten Worten: 'In Teutschland ist ohne Zweifel
dasjenige Sonett, wo nicht das erste, doch der ältesten eines, welches
von Christoph AVirsung , einem Augsburgischen Arzte [!] , seiner
1559 herausgegebenen Übersetzung von Ochinos Apologen vorgesetzt
worden ist, und, zur beliebigen Vergleichung mit den Produkten der
neuesten Sonetrfabriken, hier folgt'. — Dann haben es mitgeteilt, ohne
sich darüber auszusprechen, ob es Original oder Übersetzung sei.
E. Döpfner, Reformbestrebungen auf dem Gebiete der deutschen Dichtung
■des l(i. und 17. Jahrhunderts, Berlin 1866, S. 28 und W. Wackernagel,
Johann Eischart von Strassburg und Basels Anteil an ihm, Basel 1870,
S. 124, beide auch nach der Ausgabe der Übersetzung von 1559.
Erwähnt hatte es AVackernagel aber schon in der 1855 erschienenen
3. Abteilung seiner Geschichte der deutschen Litteratur S. 442 [2. Aufl.
2. 91], wo er es; in der 10. Anmerkung als das Sonett bezeichnet, Mas
Chr. AVirsung seiner Übersetzung der fünft' Buecher Apologen Bernhardini
Ochini vorangestellt hat', und in der 12. Anmerkung als das Sonett
"von Ochinus'. [Welti, Geschichte des Sonetts in der deutschen Dichtung
1884, S. 58.]
4(1 Zur neueren Literaturgeschichte.
7. Zu Shakespeares The Taming of the
Shrew.
(Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft 3, 397 — 401. 1868.)
In Svend Grundtvigs wertvoller Sammlung dänischer
Volksüberlieferungen1) findet sich (1,88) ein in Jütland auf-
gezeichnetes Märchen, welches in deutscher Übersetzung
also lautet:
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten drei
Töchter; die hiessen Karen, Maren und Mette. Sie waren
hübsch genug anzusehen, aber bös und widerspenstig waren
sie alle, indes Mette war doch die schlimmste. Dennoch
kamen Freier zu, Karen und Maren, und sie verheirateten
sich; aber es dauerte sehr lange, bis einer um Mette zu
freien wagte. Endlich kam doch ein Freier, aber er kam
auch gar weit her. Sie sollten dreimal aufgeboten werden,
sagte er. und drei Tage nach dem dritten Aufgebot zu dem
von ihm bestimmten Glockenschlag in der Kirche sich treffen,
um getraut zu werden; und damit ging er seiner Wege. Als
der Hochzeitstag kam, gingen die Leute mit ihrer Tochter
zur Kirche, aber sie mussten lange auf den Bräutigam warten.
Endlich kam er an. Er ritt auf einem alten, grauen Pferde,
hatte eine Büchse an der Seite und ein paar wollene Hand-
schuhe au den Händen, und ein grosser Hund folgte ihm.
Sobald die Trauung vorbei war, sagte er zu seiner Frau:
'Setz dich vor mich aufs Pferd und lass uns heim reiten."
Sie that so wie er bat, obschon ihr Vater viel dagegen j
398 hatte; aber der Bräutigam bestand auf seinem Willen, und
sie ritten fort, Als sie ein gut Stück gekommen waren,
Hess er seinen Handschuh fallen. 'Heb ihn auf!3 sagte er
zu seinem Hund, aber der Hund hob ihn nicht auf. 'Heb
') Gauile danske Minder i Folkemunde, Kjübenliavn 1854— 61,
'■> Hände. [Dann Grundtvig, Danske Folkeaeventyr, Ny Sämling, Kjüben-
liavn L87S, nr. 14; deutsch in Grundtvigs Dänischen Volksmärchen,
übersetzt von Leo u. Strodtmann 2, 232. 1819. — Vgl. E. T. Kristensen,
A.eventyr fra Jylland 4. 8 nr. 2 'Den lydigste Eone\ 1897.]
7. Zu Shakespeares The Taming of the Shrew. 41
ihn gleich auf!1 saute er nochmals, aber der Hund Hess ihn
doch liegen. Als er zum drittenmal vergeblich dem Iluud
das Nämliche befohlen hatte, nahm er seine Büchse und
sehoss auf ihn, dass er auf der Stelle tot dalag. Sie ritten
weiter und kamen in einen Wald. Hier wollte der Manu
rasten, und sie stiegen ab und Hessen das Pferd frei grasen.
Als der Mann fand, dass sie genug gerastet hatten, sagte er
dreimal zum Pferd, es su.lle herkommen: aber das kümmerte
sich nicht darum und graste weiter. Da nahm er seine
Büchse und sehoss es tot. Die Frau wunderte sich sehr
darüber und fasste alsbald den Entsehluss. ihrem Manne nie
zu widersprechen. Der Mann nahm nun eine grüne Gerte,
bog beide Enden zusammen und gab sie seiner Frau mit den
Worten: 'Heb sie auf, bis ich sie von dir zurück verlange!'
So gingen sie den Rest des Wegs bis zu ihrem Hause. Hier
lebten sie glücklich mehrere Jahre zusammen, denn die Frau
vergass nie. was sie sich im Walde gelobt hatte: nie ihrem
Manne zu widersprechen. Sie war stets so gut und so füg-
sam, dass niemand hätte sagen mögen, dass das die wider-
spenstige Mette war. Eines Tages sagte der Mann zu seiner
Frau: 'Was meinst du. sollen wir uns aufmachen und deine
Eltern besuchen?' Ja, das wollte die Frau gern. Der Mann
Hess gleich den Knecht anspannen, und sie fuhren fort.
Unterwegs trafen sie eine Menge Störche. 'Das sind schöne
Raben!3 sagte der Mann. 'Nein, da.s sind keine Raben, das
sind Störche!" sagte die Frau. 'Wend um und fahr wieder
nach Hause T sagte der Mann zum Knecht, und so fuhren
sie wieder nach Plause. Als einige Zeit vergangen war.
fragte der Mann sie wieder, oh sie sich aufmachen und ihre
Eltern besuchen wollten, und das wollte sie gerne. Unter-
wegs kamen sie zu einer grossen Herde Schafe und Lämmer.
'Das war ein grosses Rudel Wölfe!3 sagte der Mann. 'Nein,
das sind Schafe und Lämmer!' sagte die Frau. 'Wend
wieder um!' sagte der Mann zum Knecht, und so kamen sie
diesmal auch nicht weiter. Zum drittenmal fragte der
-Mann seine Frau, ob sie zu ihren Eltern sich aufmachen
wollten, und da sagte sie gleich ja dazu, ha Hess er an-
42 Zur neueren Literaturgeschichte.
spannen, und sie fuhren weg. Da sie ein gut Stück Wegs
gefahren waren, kamen sie zu einer Menge Hühner. 'Das
war eine schwere Menge Krähen !' sagte der Mann. 'Ja, das
ist auch wahr,' sagte die Frau. So fuhren sie weiter, und
390 als sie zu Mettes Eltern | kamen, war da grosse Freude.
Karen und Maren waren auch mit ihren Männern da. Die
Mutter nahm alle drei Töchter mit in die Schlafkammer,
denn sie wollte genau hören, wie Mette zufrieden wäre. In-
dessen füllte der alte Vater einen Krug mit Silberpfennigen
und Goldpfennigen; den setzte er auf den Tisch vor die drei
Männer und sagte : wer von ihnen die folgsamste Frau habe,
solle den Krug haben. Da rief der erste Mann: 'Karen.
kleine Karen, komm ein wenig heraus!' Aber wieviel er
auch rief und wieviel er auch bat, da kam keine Karen.
Nicht einmal als er hinein ging, konnte er sie mit heraus
bringen. Dem andern Mann ging es nicht ein Haar besser
mit seiner Maren. So kam die Reihe an den Dritten. Er
ging bloss an die Thür, klopfte daran und sagte : 'Mette,
komm heraus!" Da kam sie gleich gesprungen und fragte, was
er wollte. Da sagte er: 'Bring mir die Gerte, die ich dir
im Walde gab.3 Die hatte sie auch gleich bei der Hand und
brachte sie ihm, und die wies er da den andern Männeru
mit den Worten: 'Seht ihr wohl: ich bog die Gerte, als sie
grün war. Das hättet ihr auch thun sollen/
Wohl die meisten Leser des Jahrbuches würden auch
ohne die dieser Miscelle vorgesetzte Überschrift beim Lesen
des vorstehenden dänischen Märchens sofort an Shakespeares
'The Taming of the Shrew' sich erinnert haben. "Wie in
dem dänischen Märchen der Ehemann, um seiner Frau jeg-
lichen, auch den berechtigtsten Widerspruch abzugewöhnen,
zweimal die angetretene Reise zu den Schwiegereltern auf-
giebt, weil die Frau seinen, die Wahrheit ins Gesicht schla-
genden Behauptungen zu widersprechen wagt, und wie er es
dadurch dahin bringt, dass sie beim drittenmal seiner un-
wahren Behauptung beistimmt, so giebt auch bei Shake-
speare (Akt IV, Scene 3) Petruchio die Reise zum Schwieger-
vater auf, weil Katharina seiner Behauptung, es sei früh
7. Zu Shakespeares The Taming of the Shrew. 43
Morgens, während es bereits Nachmittag ist. widerspricht,
und als sie dann wiederum unterwegs sind (Akt IV. Sc. 5),
prüft er sie noch zweimal, indem er erklärt, der Mond
scheine, während die Sonne scheint, und indem er den alten
Yincentio für ein junges Mädchen ansieht. Und wie im
dänischen Märchen der Schwiegervater demjenigen der drei
Schwiegersöhne ein Geschenk verspricht, der die folgsamste
Frau habe, und wie dann die drei Männer nacheinander ihre
Frauen aus der Kammer herausrufen und nur die gezähmte
Widerspenstige folgt, so wetten bei Shakespeare in der letzten
Scene die drei Schwäger, wessen Frau zuerst, wenn er sie
rufen lasse, kommen | werde, und Petruchio gewinnt und erhält 400
überdies noch vom Schwiegervater eine andere, höhere Mitgift.
Bekanntlich ist Shakespeares 'The Taming of the ShrewJ
eine Bearbeitung eiues älteren, fast ganz so betitelten Lust-
Spieles 'The Taming of a Shrew3, dessen Verfasser unbe-
kannt ist. und es linden sich auch die eben berührten Scenen
bereits in dem altern Stück. 1 ) Eine Quelle für dies ältere
Stück ist bisher noch nicht nachgewiesen worden, und wir
wissen also nicht, wieviel von der Fabel der unbekannte
Verfasser erfunden, wieviel er entlehnt hat. Wären jene
Scenen Erfindung des Verfassers, dann müsste natürlich eine
Abhängigkeit des dänischen Märchens von dem altern oder
von Shakespeares Lustspiel angenommen werden. Es zwingt
uns aber nichts, vorauszusetzen, dass jene Sceuen erst von
dem Verfasser des Lustspiels erfunden seien: bedenken wir
vielmehr, dass die Art, wie der Mann im dänischen Märchen
seine ihm augetraute Frau auf der Heimreise durch das
Töten des Hundes und des Pferdes, die seinen nicht ver-
standenen Befehlen natürlich auch nicht folgen, einschüchtert,
schon in Dichtungen vorkommt, die um Jahrhunderte älter
sind als das englische Lustspiel , 2) so werden | wir geneigt ^n
') Vgl. X. Delius' Einleitung zu seiner Ausgabe des Shakespeare-
srhen Lustspiels S. XI tf'., wo die betreffenden Stellen des altern Stückes
mitgeteilt sind.
2) Nämlich in einem altfranzosiscb.cn Fabliau de la male dame
(Faldiaux et eontes des poeres frangois des XI — XY sieeles, publii -
par Barbazan, nouvelle edition par Meon 4, 365 [Montaiglon-Raynaud,
44 Zur neueren Literaturgeschichte.
sein, auch dem übrigen Teil des dänischen Märchens ein
höheres Alter beizulegen und anzunehmen, dass es ältere
Dichtungen von der Zähmung der Widerspenstigen in der
Litteratur oder in der mündlichen Überlieferung gegeben hat,
aus denen sowohl das englische Lustspiel als das dänische
Märchen abzuleiten sind.1)
Fabliaux 6, nr. 149; vgl. Bedier, Les fabliaux 1895, p. 464]), in welchem
ein Graf, auf der Heimreise mit seiner jungen Frau, seinen beiden
Windhunden und dann seinem Koss die Köpfe abschlägt, und in einem
mittelhochdeutschen Gedicht (Lassberg, Liedersaal 2, 499, von der
Hagen, Gesamtabenteuer nr. 3), in welchem ein Ritter zuerst seinen
Habicht erwürgt, dann seinen Hund erschlägt und endlich auch sein
Ross, auf welchem, wie im dänischen Märchen, zugleich mit ihm seine
Frau gesessen hatte, die sich nun satteln und zäumen lasseu und den
Ritter eine Strecke lang tragen muss [E. Strauch, Sibotes Vrouwen-
zucht, Progr. Breslau 1892]. In einer Schwanksammlung des 17. Jahr-
hunderts (Geflückte Finken, oder Studenten-Confect, Frankenau o. J.,
S. 212) wird von einem Rittmeister erzählt, der einige Tage nach der
Hochzeit mit seiner bösen Frau auf die Jagd reitet und dabei erst
seinen Falken totschlägt und dann seinen Hund und endlich sein
Pferd totschiesst, worauf er das Pferd seiner Frau besteigt, sie aber
mit Sattel und Zeug beladen nebenher laufen lässt [abgedruckt von
Bolte, Jahrb. der Shakespeare-Ges. 27, 130]. Verwandt, aber entfernter,
sind auch die 45. Novelle im Von de Lucanor1 des Infanten Don Juan
Manuel, wo ein junger Mann am Hochzeitsabend in seiner Wohnung
seine Hunde und sein Pferd tötet, weil sie seiner Aufforderung, ihm
Wasser zum Händewaschen zu bringen, natürlich nicht entsprechen,
[die 5. Novelle im selben Conde Lucanor, wo die Frau des Don Alvar
Fahez ihrem Manne recht giebt, dass Kühe Stuten sind und umgekehrt,
und dass ein Fluss bergauf fliesst; in Verse gebracht von Puymaigre, Heures
perdues 1894, p. 194, vgl. Simrock 1, 341], die 2. Novelle der 8. 'Nacht*
des <i. Straparola (übersetzt in Simrocks Quellen des Shakespeare
1, 243 [= 2. Aufl. 1S72, 1, 329], wo Pisardo seine Frau gleich nach der
Hochzeit in den Stall führt und vor ihren Augen ein ihm nicht folgendes
Pferd ersticht, und endlich die von Simrock a. a. 0. 3,234 [1S72, 1, 348] bei-
gebrachte persische Erzählung, woSadik ebenfalls gleich nach der Hochzeit
der ihn anknurrenden Lieblingskatze seiner Frau den Kopf abschlägt.
*) [Eine ähnliche Erzählung 'Bänke Chhail and bis witV ist
neuerdings in Mirzapur aus dem Munde eines [ndiers aufgezeichnet
worden: North Indian Notes and Querics 5, 33. nr. 37. Allahabad
1895—96. — Über das von Shakespeare wahrscheinlich benutzte Gedicht
'nf a wyfe, lapped in Morelles skin' und seine Sippe vgl. Bolte-Seel-
mann, Niederdeutsche Schauspiele 1895, S. :;:ä -*21.]
8. Albert Colins 'Shakespeare in Grermany'. 45
8. Einige Bemerkungen und Nachträge zu
Albert Colins Shakespeare in Germany'.
(Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft 1, 406—417. 1865.)
Zu Seite CIV.
Über die 'Englischen Comedien und Tragedien' möge hier
ein Urteil a. d. J. 1675 mitgeteilt werden. Der ungenannte
Verfasser des cAlamodisch Technologischen Interims" (Rappers-
weil 1675), derselbe, der auch die Kunst über alle Künste
und den pedantischen Irrtum verfasst hat (vgl. meine Ein-
leitung zur Kunst über alle Künste 1864, S. XXVI f. [Bolte,
Jahrbuch -27, 129 f.]) sagt S. 499: 'Etzlichen Ohren lautet
nichts, was nicht nach Sophocle, Euripide, Senica, Plauto,
Terentio und den Alten affectiret, andere wollen die Invention
nur nach Guarino, Lopez de Vega, Ariosto, Razzi, des Marets,
Tasso, Marini und anderen sinnreichen Ausländern verworren
und eingewickelt, damit die unerwartete seltsame Veränderung
die Sinne und Gemüther desto mehr einnehmen und beherrschen
könne, haben. Andere, sonderlich heutige Franzosen (denen
doch alles frei stehet) binden sich wenig au die rigorose
Gesetze, so ältere und neuere gegeben und bei Aristotele,
Scaligero, Casaubono, Fontane, Heinsio, Mesuardier etc. und
theils aus denen in der Poetica Giessena, Harsdörffers
'Poetischen Trichter und Gesprächspielen ' wie auch anderen
zu lesen; folgen deswegen nur ihrem Kopf und artigen Er-
findungen, | als sonderlich an Moullier (welcher dem Comico 407
Philemon gleich, der nach Apuleji [Florida 3, 16] Zeugniss
expectabatur, cpio in theatro Actum argumentum liniret. jam
domi veram fabulam consummaverat, in seinem lustigen
Beruf, als er den eingebildeten Kranken fürgebildet haben
soll, einen wahrhaftig gestorbenen gezeigt) zu sehen. Viel
von uns Teutschen, deren Mütter sich fast alle an Affen ver-
sehen, gehen ihnen einigermassen in solcher Freiheit nach
oder für. und seind nicht also scrupulos, folgen den Neuern
im einigen, lassen die Alten im andern fahren und hingegen,
46 Zur neueren Litteraturgeschiehte.
binden sich also nicht an eine gewisse, durchgehende Art
und Richtigkeit: wie Frischlinus, Rist, HarsdÖrffer, Caspar,
Gryphius, ßethulius, Stell, Schoch und andere, auch unter
den Herren Jesuiten, zeigen. Ja es schreiben ihrer etzliche
in der lateinischen und Muttersprache so artig (hätte bald
arg gesagt), dass die artige Unart zu verwundern und Hans
Sachs, die Fastnachts- und Kindelsbeers - Spiele da-
durch ganz sinnreich werden; das Volumen Englischer
Comoedien und mehrere absonderlich gedruckt können
meine Zeugen sein. Wie ich nun diese nicht billichen kann,
so ganz ohne Wissenschaft der Präcepten und Lehrsätze und
also mit ungewaschenen Fäusten dieser freudenreichen Dame
nach der Schürze tappen und tasten, also kann ich auch die-
jenigen, so gar zu ceremonios und affectirt ehrbar mit per-
fumirten Häuschen [d. i. Handschuhen] und überflüssigen
Complimeuten das Ding angreifen, nicht loben oder ihnen
folgen, darum caressire ich sie nach meiner Manier, die da
haltet: Zu wenig und zu viel verderbet alles Spiel."
Ich habe diese in mehrfacher Hinsicht interessante Stelle
in ihrer ganzen Länge auch deshalb mitgeteilt, weil wir auch
an ihr sehen, wie ein gelehrter Litteraturkenner jener Zeit
die Lustspieldichter der Franzosen, Italiener und Spanier
kennt, aber von dem Namen Shakespeare keine Ahnung hat.
Zu Seite CVI1.
Das hier nur nach Rommels auszugsweiser Mitteilung
angeführte Urteil des Job. Rhenanus v. J. 1613 über das
englische Drama und die englischen Schauspieler ist jetzt in
der eben erschienenen 'Geschichte des Theaters und der Musik
in Kassel' von W. Lynker (Kassel 1865) S. 249 vollständig
nach der Handschrift abgedruckt r) und mag auch hier eine
Stelle finden. Rhenanus schreibt: fEs haben aber die Alten
solche [die Komödien] nicht allein hoch gehalten, sondern
408 sie werden auch noch heutiges Tages beinahe | von allen
') [Vollständig hat Creizenach, Die Schauspiele der englischen
Comödiänten 1889, S. 327 die Vorrede abgedruckt. Vgl. Losch, Johannes
Rhenanus (Diss. Marburg 1895) S. 5.]
8. Albert Colins 'Shakespeare in Gernianv'. 47
nationibus Europae excolirt, da die Engländer, beids was die
Composition und dann auch die Action belangt, ohne Zweifel
den Vorzug haben. Denn was die Poeten und Comödien-
schreiber anlangt, brauchen dieselben in wichtiger, gravitä-
tischer und trauriger materia ein sonderlich jambicum
pentametrum, damit sie den Comödianten die Action gleichsam
in die Hand geben, in geringen Sachen aber reden sie nur
schlecht und in Prosa, damit hohe und geringe Dinge nicht
commisciret, sondern einem jeden Theile seine Gebär zugestellt
werde, und also beids ligatam und solutam orationem in den
Comödien sehr nöthig zu sein erachten, auch eine ohne die
andere (wenn man eine rechte Action nach Gelegenheit der
Personen und Materie haben will) nicht wohl sein könne,
vermeinen. Dieses hat den deutschen actoribns (so viel mir
bewusst) bisshero gemangelt, welche sich entweder ganz an
Reimenverse gebunden oder alles ohne Unterscheid in Prosa
vorgebracht haben, darinnen wichtige Sachen mit gebährlichen
actionibus sehr schwerlich ausgedrückt werden können. Es
haben auch viel vermeinet, als sei uns Deutschen unmöglich
in unser Sprache die Engländer zu imitiren und gleiche
carmina zu schreiben. Was aber die actores anbetrifft, werden
solche, wie ich in England in Acht genommen, gleichsam in
einer Schule täglich instituiret, dass auch die vornehmbsten
Actores sich von den Poeten müssen underweisen lassen,
welches dann einer wolgeschriebenen Comödie das Leben und
Zierde gibt und bringet, dass also kein Wunder ist, warumb
die Engländische Comödianten (ich rede von geübten) anderen
vorgehen und den Vorzug haben.'
Zu Seite CIX.
Nach Lynkers eben erwähntem Buch S. "255 befindet sich
die Komödie von Fortunato handschriftlich in Kassel. Es
wäre wichtig näheres darüber zu erfahren, wie sie sich zur
gedruckten Komödie verhält. [Harms, Die deutschen Fortnnatus-
Dramen und ein Kasseler Dichter des 17. Jahrhunderts,
Hamburg 1892.1
48 Zur neueren Litteraturgeschichte.
Zu Seite CX.
Von dem 5. Stück des 1. Bandes der 'Englischen Cpmedien
und Tragedien', der Komödie von Sidonia und Theagenes
sagte schon Tieck (Deutsches Theater 1, XXVI): 'Dieses
Stück verrät am wenigsten den englischen Ursprung', und
Colin verweist auf dieses Urteil Tieeks. Das Stück ist aber
auch gar keine Bearbeitung eines englischen Originals, sondern,
was bisher noch nicht bemerkt worden ist, eine Prosa-Um-
409 arbeitung der gereimten j Komödie Gabriel Rollenhagens
cAmantes amentes. Das ist: Ein sehr anmuthiges Spiel von
der blinden Liebe, oder wie mans Deutsch nennt von der
Leffeley." Wann Rollenhagens Komödie zuerst erschienen ist.
ist mir nicht bekannt; es giebt eine 3. Ausgabe v. J. 1G04
(s. Goedeke, Grundriss zur Geschichte der deutschen Dich-
tung 1, 316) x) und eine 4. vom Jahre 1614, die mir vorliegt.
Diese Komödie ist nun in der Komödie von 'Sidonia und
Theagenes5 Scene für Scene in Prosa wiedergegeben, wie ja
samtliche Tragödien und Komödien dieser Sammlung in Prosa
geschrieben sind. Hier und da hat der Umarbeiter etwas
weggelassen oder hinzugesetzt, meist aber hat er nur die
Reimverse in Prosa umgeändert, doch auch manche Reime,
ja ganze Verspaare zuweilen stehen gelassen. Bei Rollen-
hagen sprechen der Knecht und die Magd durchweg in platt-
deutscher Mundart, die der Umarbeiter ius Hochdeutsche
übertragen hat, wobei ich zugleich bemerken will, dass er
die Zoten im Munde des Knechts keineswegs vermehrt,
Mindern sie sämtlich bei Rollenhagen vorgefunden hat. Die
Personennamen sind bis auf einen im Original und in der
Umarbeitung verändert. Im < original kommen folgende Per-
sonen vor: Simon der Vater. Vetula die Mutter. Lucretia
die Tochter. Aleke ihre Magd. Hans der Bauersknecht,
') [Dies ist ein Irrtum (Joedekes. Graedei'tz, Gabriel Rollenhagen
1881 S. 33 hat nachgewiesen, dass die erste Ausgabe 1609 zu Magdeburg
erschien, wo noch vier weitere Drucke in den Jahren 1610, 1612, 1614
und 1616 (?) herauskamen. Goedeke, Grundriss 2 2, 375.]
8. Albert Colins 'Shakespeare in Germany'. 49
Eurialus l) der Stutzer, Lena die Hurenwirtin, Gratianus der
Doktor juris; in der Umarbeitung: Calasiris Jungfrauen Vater.
Grasilla Jungfrauen Mutter, Nausicles ein alter Buhler, Sidonia
Jungfrau. Cnemon Baur, Theagenes Jüngling, Knabe oder
Jung. Aleke der Jungfrauen Magd. Man sieht, die Namen
sind bis auf Aleke verschieden, die Personen selbst aber die
nämlichen, nur dass an die Stelle der Kupplerin Lena, die
zwischen den Liebenden Briefe besorgt, der Junge des Lieb-
habers getreten ist. Als Probe des Verhältnisses, in dem
Original und Bearbeitung oft zu einander stehen, diene ein
Stück der 2. Scene des 4. Aktes. Bei Rollenhagen sagt
Eurialus. Ich muss euch aber eines fragen,
Mein allerschönstes Engelein.
Sagt, könt ihr mir wol günstig sein,
Eim solchen stiefelbraunen Knaben?
Köntet ihr mich noch wol lieb haben ? -410
Wen habt ihr lieb auf dieser Erden?
Lucretia: Keinen, ich wil ein Nonne werden.
Eurialus. So macht mich zum Klosterprior,
Ich wil den Süstem wol stehen vor.
Lucretia. Ihr könt anhalten, für meine Person
Habt ihr das Jawort hinweg schon.
Eurialus. Nein gleichwol sagt mir ohne Scherz:
Wen liebt rechtschaffen euer Herz ?
Lucretia. Ich hab kein Lieb als Mutter und Vater
Nächst Gott, mein Herren und Berather.
Eurialus. Das weiss ich wol, ich frage frei,
Wer eur herzliebster Bule sei?
Lucretia. Das weiss ich nicht, ich hab noch keinen.
1". urialus. Wie könt ihr das von Herzen meinen?
Ihr seid kein Klotz, ihr seid kein Stein,
Sondern ein schönes Mägdelein.
Kenn ich doch allein einer zehen,
Die euch nur Tag und Nacht nachgehen.
Das kan nicht sein, dass unter alln
Euch nicht einer solte gefalln.
*) Eurialus und Lucretia als Namen eines Liebespaares sind dem
berühmten Romane des Aeneas Silvius entlehnt. Die dürftige Handlung
der Komödie (Tieck sagt, sie habe fast keine Handlung) hat Rollenhagen
gewiss selbst erfunden. [Die Namen Theagenes, Calasiris, Cnemon und
Nausicles hat der Bearbeiter aus Heliodors Aethiopica entlehnt. |
Köhler, Kl. Schriften. III. 4
50 Zur neueren Literaturgeschichte.
Lucretia. Xent mir einen, wenn ihr wohl wisset.
Eurialus. Welchen ilir für den Liebsten küsset?
Ihr werdets selbst am besten wissn,
Wenn icha thet, es möcht euch verdriessn.
Lucretia. Ich wüsste keinen, ihr müstets sein.
Eurialus. Das darf ich mir nicht bilden ein.
Jungfrau, sein diese Wort eur Spott,
So vergebs euch der liebe Gott.
411 Lucretia. Nein traun, was solt ich euch sein feind,
Weil ihrs mit mir nicht böse meint ?
Ich bin demselbn von Herzen gut,
Der mir lieb und nichts leides thut.
Eurialus. Ach ich bin euch von Herzen hold,
Wenn ihr es nur erkennen wolt.
Lucretia. Ihr treues Herz, ihr falsche Kröte,
Ihr jagt mir jetzund ab ein Röte.
Ich trau euch nicht, es sein nur Wort,
Der hab ich mein Tag viel gebort.
Eurialus. Fühlet mein Herz in meinem Leibe,
Ob es nicht schier zum Mund ausstreibe.
Die Wort besterben mir im Mund,
Ohn euch werd ich nimmer gesund.
Lucretia. Mein Lemblein, ich muss euch vexirn,
Ich wolt euch ein wenig probiern,
Es ist nicht mein Ernst, denn ich gleub,
Dass euch die Lieb zu mir treib.
Wenn ihr mir treu zu sein wolt schwern,
Ich wil euch mein Herz treu gewehrn.
Eurialus. Lucretia, mein ich es falsch,
So geb Gott, dass ich brech den Hals.
Hiermit vergleiche man die Stelle in den Englischen
Komödien:
Theagenes. Eins frag ich noch, mein allerschönstes Engelein l
Bekent mirs, könt ihr mir auch günstig sein? Sagt, wen habt ihr lieb?
Sidonia. Ich wil eine Nonne werden.
Theagenes. So macht mich doch zum Prior in selbigem Kloster,,
denn ich den Schwestern treulich auf den Dienst warten will.
Sidonia. Ihr könt euch darumb bewerben, denn sollet ihr mein
Jawort alls bereit haben. |
412 Theagenes. Nein gleichwol saget mirs ohne Scherz, wen liebet,
ihr rechtschaffen auf dieser Erden?
Sidonia. Xechst den Göttern weiss ich niemand denn Vater,
und Mutter.
8. Albert Colins 'Shakespeare in Grermany'. 51
Thea genes. Das weiss ich wol. Wer eur Allerliebster sei,
da-; frage ich.
Sidonia. Das weiss ich nicht, ich weiss von keinen.
Thea gen es. Wie köut ihr das wol mit Wahrheit sagen? Ihr
seid ja kein Holz, kein Stock, sondern ein schönes Mägdlein, kenne ich
doch ihrer selber einer 20, die Tag und Nacht euch nachgehen. Nun
kan nicht gleich sein, dass unter so vielen euch nicht einer gefallen
seife.
Sidona. So nennet mir doch einen, weil ihrs so wol wist.
Theagenes. Das wil mir nicht gebühren, denn wenn ichs thete,
mögtet ihrs übel aufnehmen.
Sidonia. So wüsteich auch keinen, ihr müstets denn selber sein.
Theagenes. Das darf ich mir nicht in Sinn ziehen, ziehet ihr
mich aber damit auf, so vergelt euchs der liebe Gott.
Sidonia. Nein traun was solt ich euch lange feind sein, weil
ihrs so gut mit mir meint, denn wer mir liebes und nichts leides thut,
dem bin ich von Herzen geneigt.
Theagenes. Ach ich bin euch von Herzen hold, wenn ihr es
nur erkennen wolt.
Sidonia. 0 ihr falsche Kröte, ihr untreues Herz, jetzt jaget ihr
mir eine Röte ab. Ich traue euch nicht, es sind nur blosse Worte,
derer ich mein Tage viel gehört.
Theagenes. Ach fühlet mein Herz in meinem Leibe, ob es
nicht solche Wort zum Munde raus zwinget, Ach Sidonia, ohne euch
werde ich nimmer gesund.
Sidonia. Mein Herzchen, ich wolte euch nur probiren, ob es
eur Ernst war, denn ich gar wol glaube, dass euch die Lieb zu mir 413
getrieben. Wenn ihr mir getreu zu sein verheisset, als wil ich auch
hingeben euch mein treues Herz offeriren und versprechen.
Theagenes. So Herzchen, meine ichs falsch, so hole mich der
Geier !
Als weitere Probe diene eine Stelle ans dem dritten Akt,
die Klage des Clratian-Nansicles, der von Lncretia-Sidonia
einen Korb bekommen.
G r a t i a n.
Ach weh. ach das sei Gott geklagt,
Das heist jo thumkühn gnug gewagt.
Es schwant mich wol, es würde so gehn,
Ach het ich sie doch nimmer gsehn!
Ach dass muss ich mich ewig schemn,
Ich will mich nur zu Tode gremn.
Sol ich der Liebe nicht geniessn,
Will ich die Sund mit Tode büssn.
52 Zur neueren Literaturgeschichte.
O Amor, du verfluchter Gott,
Was bringstu mir für grosse Not!
Venus, du böse Teufelin,
Deine Tücke werd ich itzt inn.
Ach weh verfluchet sei der Tag,
Darin ich der Sonnen Liecht such.
Ach wer ich doch nimmer gehorn,
So wer mir diss nicht widerfahrn.
Niemand sol mich, ob Gott wil, sehn
Hinfort mit eim Menschen umgehn.
Ade, ade, du schnöde Welt,
Dein Weise mir gar nicht gefeit.
Gott woll mein mattes Herze tröstn
Und mein Elend wenden zum bestn.
Ich weiss bei keinem Menschen Rat,
Pfui dich an der Herrischen That.
In der Prosa-Umarbeitung entsprechen folgeude Worte des
Nausicles:
Ach weh, ach weh, ach das sei ja den Göttern gekiaget, ach nun
ist mein Hoffnung auss, ganz und gar verloschen. Ach wolte Got, dass
ich sie nicht erblickt, noch etwas von ihr gehört hätte. Hei grausamer
414 Amol', verflucht seist du in Ewigkeit, wehe dir, grim- | mige Venus, für
deine listige Tücke, damit du mich ins Verderben gebracht, ja wehe
mir selbsten! Verflucht sei der Tag, darin ich das edle Firmament
zum erstenmal mit meinen Augen lustriret. Niemand, niemand soll mich
hinfüro weiter sehen, mit keinen Menschen wil ich Gemeinschaft haben,
sondern mein Leben in Traurigkeit und Betrübniss enden. Ade, ade,
o schnöde Welt1), o Zeit, o Freud, deine Weise mir jetzt nicht gefeit.
Gesegne euch Gott, o Laub, o Gras2), o du schöne hell leuchtende
Phoebe, gesegne euch Gott, was mir jemaln lieb oder angenehm ge-
wesen, aber o Nemesis, o Eumenides, suchet Rache und strafet an der,
') [Vgl. Gaedertz S. 40. 126. Stricker, De düdesche Schlömer
V. 5125.]
2) Dies ist deutschen Volksliedern entlehnt, wo vom Leben
Scheidende in gleicher Weise Abschied nehmen. Vgl. z. B. Unland,
Volkslieder S. 304: 'Gott gesegen dich, Loub, Gott gesegne dich, Gras,
Gott gesegne alles, das da was, ich muss mich von hinnen scheiden . .
Gott gesegen dich, Sunn, Gott gesegne dich, Mon, Gott gesegen dich,
schönes Lieb, wa ich dich hon, ich muss mich von dir scheiden.' Am-
braser Liederbuch S. 366: 'Gott gesegen dich, Mon und Sonne, des-
gleichen Laub und Gras, Gott gesegen dich , Freud und Wonne, Und
was der Himmel beschloss.' [Uhland, Schriften 4, 148 f. Bolte, Mär-
kische Forschungen 18, 176.]
8. Albert Colins 'Shakespeare in Germany'. 53
die mich in solch Unglück gestürzet, die mich so trostlos sterben und
verderben lesset. Ade. ade, ich scheide davon.'
Aus der Erwähnung der Phoebe, der Nemesis, der Eu-
menides1 . sowie aus ähnlichen sonst vorkommenden antiken
Reminiscenzen und aus häufigen lateinischen Bühnenbemer-
kungen2), die nur zum Teil auch bei Kolleuhagen vorkommen,
in den übrigen Stücken der 'Englischen Comedien und Tra-
gedien aber sich nicht finden, sehen wir, dass der Verfasser ein
klassisch gebildeter Mann gewesen sein muss.
Endlich noch ein Beispiel für die Art, wie das Platt-
deutsche ins Hochdeutsche übersetzt ist. Bei Rollenhagen
sagt Akt 1. Scene 6 Lucretia zu Hans: 'Du Unflat du must
Dicht schendiren3. Hans antwortet:
So niote ghy meck de schnitte vermuren.
Eck weit nich schnuptiler tau sprechen,
Ghy motent miner groffheit tau reken,
Ose derens de achtend sau nich.
In der Umarbeitung sagt Sidonia: 'Du Unflat must nicht
so grob sein.'
C ne in o n : So müsst ihr mir die Schnautze verschmieren, ich weiss
nicht | schnuptiler auszureden, ihr möchts meiner Grobheit zurechnen, 415
ich nehm es so genau nicht.
Diese Proben werden genügen, um das Verhältnis der
Bearbeitung zum Original zu veranschaulichen. [Der Nach-
wirkung von Rollenhagens Komödie geht Gaedertz S. 68—84
nach: er übersieht aber die Brieger Aufführung 1671 (Schönwälder
und Guttmann, Geschichte des Gymnasiums zu Brieg 1869,
S. 115) und Rud. Aug. Goskys Lyra tragi-comica (Halber-
stadt 1634. wo in Akt 3, Sc. 1 die Liebessceuen der Amantes
amentes 1, 6 und 2, •_' ausgeschrieben werden.]
Zu Seite CX1IT, Anmerkung 1.
In Bezug auf die holländische Tragödie des Jan Vos
'Aran en Titas' (Amsterdam 1641), welche eine Nachahmung
') Statt Eumenides ist verdruckt Erimenides, was natürlich
nur dem Setzer und Herausgeber zur Last fällt.
2) Z. B. cAd ancillam in ostio staritem' oder 'Hie potest cani cantio
illa' u. dgl.
54 Zur neueren Literaturgeschichte.
des Titus Andronicus5 des Shakespeare ist, bemerke ich, dass
Georg Greflinger dieselbe zu übersetzen jedenfalls beab-
sichtigt hat1). Ob er es wirklich gethan hat, muss dahin-
gestellt bleiben. In der Vorrede zu seiner Übersetzung des
'Cid' von Corneille, welche vom 1. August 1650 datiert ist,
sagt Greflinger: 'Gefällt dir (nämlich dem Leser) dieses (die
Übersetzung des Cid), so erwarte noch drei andere, nämlich
den bekläglichen Zwang, die Laura und den Andronicus
mit dem Aron.J Greflinger kannte, wie aus der Vorrede vom
Cid hervorgeht und sonst anzunehmen ist. die holländisch«
Litteratur, schwerlich die englische, weshalb wir hierbei nur
an die Vossche Tragödie, nicht an die Shakespearesche denken
dürfen. Der 'beklägliche Zwang' ist ein Drama Lope de
Vegas [niederländisch von Isaak Vos 1648]2). ebenso vielleicht
auch die 'Laura3 [niederländisch vonZjermez 1645]. 3) Vgl. die
Einleitung zu meiner Ausgabe der 'Kunst über alle Künste',
S. XII.
Zu Seite CXV.
Die im Juni und Oktober 1626 zu Dresden von den
Engländern aufgeführte Komödie 'von dem König iu Eng-
land und dem König in Schottland" ist 1628 zu Bautzen
von den Schülern gegeben worden. In der hsl. Bautzener
Chronik Techells 3, 257 liest man nämlich: 'Den 8. und 9.
Mart. (1628) haben die Schüler mit Zustimmung des Rectors
auf dem Rathause eine lateinische Comödia de vita scholasti-
corum und eine deutsche vom Könige in England und
Schottland auss dem Pickelhering aufgeführef. (Mitteilung
des Herrn Gymnasiallehrers Dr. Schubert in Bautzen; vgl.
dessen Programm v. J. 1864 'Zur Geschichte des Gymnasiums
in Budissin IF, S. 32.) Diese Komödie dürfte wohl eine und
dieselbe sein mit der 'Von eines Königes Sohne aus
') [Vgl. Creizenach, Berichte der sächs. Ges. d. "Wiss. 1886, S. 105,
und Die Schauspiele der englischen Komödianten 1889, S. 11. Bolte,
Anzeiger f. dtsch. Altertum 13, 111.]
2) [Bolte, Das Danziger Theater S. 110 f. 281.]
3) [Stiefel, Littbl. f. germ. Phil. 1884, 100. Schwering, Zur Ge-
schichte des niederländischen Dramas 1895, S. 78 f.]
tf. Albert Cohns 'Shakespeare in Germanv'. 55
Engelland und des Königes Tochter aus Schotland3,
welche im 1. Band der 'Englischen Comedien und Tragedien'
steht1). Letztere ist aber wirklich von den Engländern in
Deutschland gespielt worden: denn die 1607 in Kassel von
den Engländern gespielte Komödie 'von den zwei krieg-
führenden brittanischen Königen, von denen der eine des
andern Sohn, der andere aber des | ersteren Tochter ge- 416
fangen nimmt' (Rommel, Geschichte von Hessen 6, 401; vgl.
Colin p. LYIII), ist eben die cvon eines Königes Sohn aus
Engelland und des Königes Tochter aus Schottland', in deren
letztem Akt der schottische König den englischen Prinzen ge-
fangen nimmt. — Wie aber sind in jener Bautzeuer Chronik
die "Worte caus dem Pickelhering' zu erklären? Sollte man
die gedruckte Sammlung der englischen Komödien und Tra-
gödien, aus der die Bautzener das Stück können entnommen
haben, wegen des so oft darin vorkommenden Pickelherings
geradezu den Pickelhering genannt haben? [ Creizenach
S. LXXYL]
Zu Seite CXVIl.
Wenn Herr Colin von der am 7. Juli 1626 von den
Englischen Komödianten in Dresden aufgeführten Tragödia
von Dr. Faust3 sagt, es sei dies unzweifelhaft Marl ow es
Tragödie, so wird diese Vermutung dadurch bestätigt, dass
Oskar Schade nachgewiesen hat, dass das deutsche Volks-
drama uud Puppenspiel von Dr. Faust aus der Marloweschen
Tragödie, die ihrerseits aus dem deutschen Volksbuch ge-
schöpft hat, sich entwickelt hat2). Siehe Weimarisches Jahr-
buch 5. -247 f. 260 ff.
Zu Seite LXIX.
Die Komödie von der Crysella wird, wenn mau sich
erinnert, dass (nach Fürstenau 1, 231) 16*71 zu Torgau die
geduldige Chrysilla dargestellt wurde, wohl die von Thomas
J) [Vgl. Creizenach S. LVII f. Bolte, Das Danziger Theater
S. 117.]
*) [Vgl. Creizenach S. XXXIII und Der älteste Faustprolog,
Krakau 1887.]
56 Zur neueren Literaturgeschichte.
Dekker, Henry ('bettle und William Hau gh ton verfasste Ko-
mödie 'Patient GrissiP sein, welche wahrscheinlich schon
1599 oder 1G0O gespielt, aber erst 1(!03 gedruckt worden
ist1). Das Schwanken zwischen Crysella und Chrysilla ent-
spricht dem englischen Grissil und Grissel. Auch in der
Kunst über alle Künste (79, 16 meiner Ausgabe, wozu man
die Anmerkung auf S. 260 vergleiche) ist Shakespeares 'a
second Grissel' durch 'eine andere Chrysilla' gegeben.
Zu Seite CXIX: vgl. Seite CHI.
In Bezug auf die im Repertoir der englischen Komödianten
vorkommende Tragödie von der Enthauptung des Königs
Carl kann ich eine Stelle aus einem Buche des Altenburger
Rektors M. Jacob Daniel Ernst 'Ausersehene Gemüths-Er-
417 getzligkeiten Das | ist: funffzig sonderbare Lust- und Lehr-
( bespräche. Magdeburg 1697" S. 93 beibringen, die auch sonst
und namentlich deshalb interessant ist, weil hiernach noch
am Ende des 17. Jahrhunderts von wirklich aus England
gekommenen Schauspielern die Rede ist. Die Stelle lautet:
cWie ists, meine Herren, werden sie sich nachmittage
auch auf das Comödien-haus verfügen umb auzuschauen. was
die neulich aus England allhier angelangten Comödianten
werden gutes fürbringen? Ich höre sie wollen ihres vorigen
Königs Carol Stuarts Kriege mit seinen ünterthanen und
dessen darauf erfolgte Hinrichtung fürstellen, welches sich
wol wird sehen und hören lassen, sonderlich wegen der Ra-
chetten und blinden Pistolenschüsse, so man darbei zugleich
wird los brennen."
Zu Seite CXXIV.
Da ich, seitdem meine Ausgabe der 'Kunst über alle
Künste" erschienen ist, das von Herrn Colin beschriebene
Wiener Exemplar selbst vergleichen konnte, so will ich hier
noch bemerken, dass in beiden Ausgaben die 'Kunst über
alle Künste" auf Seite 217 endet, und dass in beiden S. 231
bis 237 falsch 331 bis 337 bezeichnet sind, dass aber die
J) Eine neue Ausgabe mit Einleitung und Anmerkungen erschien
1841 für die Shakespeare-Society [Creizenach S. XXXV. Oben 2,529].
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch Wiesenbrünnlein. 57
Exemplare von Weimar und Dresden ein Blatt mehr haben,
und zwar unpaginiert, und dass auf Seite 338 (verdruckt 138)
das singende Possenspiel endet und die Erklärung des
Kupfertitels auf der ersten Seite des letzten Blattes steht,
während im Wiener Exemplar auf S. 337 das Singspiel
schliesst und auf der unpaginierten letzten Seite die Er-
klärung des Kupfers steht. Endlich bemerke ich noch, dass
das Wiener Exemplar allerdings einige Druckfehler der andern
Ausgabe berichtigt hat, meistens jedoch die Druckfehler jener
Ausgabe geblieben und viele neue hinzugekommen sind.
[Bolte. Archiv f. Littgeseh. 15, 446. Jahrb. d. Shakespeare^
Ges. 27, 130. Bolte, Die Singspiele der englischen Komödianten
1893, S. 35.]
Zu Seite CXXV.
Zeile 2 der Anmerkung lies 'Don Jean von Barbarey1,
und Seite CXXVT, Zeile 8 v. u. im Text 'Süssmäulchen'.
[Burkhard Beizer, ein Engellandischer Commediant.
t 21. Juni 1654 in Wien. Karajan, Abraham a S. Clara
1867, S. 113.]
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch
Wiesenbrünnlein.
(Wagners Archiv für die Gesch. deutscher Sprache 1, 452—457. 1873.)
Michael Caspar Lundorf oder, wie er sich meist nannte.
Lundorpius, der Herausgeber der bekannten Acta publica,
über den erst vor wenig Jahren Dr. Ernst Fischer eine sehr
lehrreiche Abhandlung veröffentlicht hat,1) ist auch, was bis-
her meines Wissens noch nicht geschehen ist, als Verfasser
einer deutschen Historien- und Schwanksammlung zu nennen.
:) Michael Caspar Lundorp, der Herausgeber der Acta publica,
ein deutscher Publicist aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts. Gym-
uasialprogramm. Berlin 1870. 4°.
,")S Zur neueren Litteraturgeschichte.
Es liegen mir zwei, von der Grossh. Bibliothek zu Weimar
vor ein paar Jahren erworbene Teile dieser Sammlung vor:
ob noch mehr Teile, die der Verfasser nach der Vor- und
Nachrede des 2. Teils beabsichtigte, erschienen sind, weiss
ich nicht.1) Die Titel der beiden Teile lauten:
Wissbadisch "Wisenbrünlein: Das ist, Hundert schöne, kurtz-
weilige, zum theil new, zum theil aber auss etlichen Lateinischen vnd
Teutschen Scribenten zusammen gewesene vnd verdeutschte Historien.
Alien, bevorab aber zum Wissbad reysenden; Mann vnd Weibspersonen,
ohne verruckung Zucht und Ehr, gantz kurtzweilig, lustig vnd lieblich,
zu lesen und zuhören: An jetzo zum ersten in Truck gegeben.
RAPHAEL SULPICIUS a Munscrod Germanus. Franckfurt, Jn Ver-
legung Nicolai BasssBl Erben, Jm Jahr Christi, 1610. 216 Seiten. 8°.
[Gedruckt zu Darmbstatt, durch Balthasar Hofmann, Im Jahr. MDCX.]
Wissbadisch W is en brünn le in , Ander Theil: Das ist,
Hundert schöne kurtzweilige vnnd liebliche, zum theil Newe, zum theil
aber auss etlichen Lateinischen vnd Teutschen Scribenten, zusammen
getragene vnd verdeutschte Historien. Allen vnd jedwedem (bevorab
aber zum VVissbad reisenden Mann vnd Weibspersonen) ohne ver-
ruckung Zucht vnd Ehre, gantz lieblich vnd kurtzweilig zulesen, vnd
zuhören, an jetzo erstlichen in Truck verfertigt. Durch Michael Caspar
Lundorff. Ciuem Mceno-Francofurtensem. Gedruckt zu Darmbstatt,
durch Balthasar Hofmann, Jn Verlegung der Basseeischen Erben.
MDCXI. 240 Seiten. 8 °.
453 Dass Raphael Sulpicius a Munscrod ein angenommener,
Michael Caspar Lundorf aber der wahre Name des Verfassers
ist, erfahren wir aus den letzten Seiten des andern Teils,
welche lauten:
S. '237. An den günstigen Leser.
Günstiger wolmevneuder freundlicher lieber Leser. Dass
ich auff den ersten Theil meines Wissbadischen Wisenbrünn-
leins meinen Namen nicht so gar öffentlich, wie allhier in
diesem andern Theil geschieht, gesetzet: Ist darumb nicht
geschehen, dass ich mich irgend meines, GOtt lob, guten
Namens geschämet hette, sondern weil ich geförchtet, Es
möchte mir vielleicht nicht zum besten ausgedeutet werden,
ein solches geringfügiges Tractätlein [238] vnnd Kinderwerck
') [Den ersten Teil besitzt auch die Königliche Bibliothek zu
Berlin: Yt 7881. — Vgl. Wendeler, Zs. f. dtsch. Altertum 21, 461 f.]
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch Wiesenbrünnlein. ,r)<)
durch offenen Truck zu publicieren. Weil ich mich aber in
meiner Jugend des Alphabets oder ABC, in Schulen, biss ich
lesen und etwas anders lernen mögen, nicht geschämet, Pudor
euiin est nil discere velle: Also jetzt auch, biss Gott etwas
bessers bescheren wird, mich nicht schewe, Solche, dieses
Brünnleins, noch vbrige Theil folgend in Truck zu geben:
bevorab weil in gleicher Materv mir solche Leuth mit der-
gleichen Opusculis fürgeleuchtet, Denen ich die Schuhriemen
nicht aufflösen kan, welche auch mir den Weg also bereitet,
dass ich sampt jhnen wol vnangefochten bleiben werde.
Finden sich aber etliche Nassweise Ladüncker (deren dann
heutiges Tages mehr dann in jetzigen Hundstagen vnter [289]
der Metzig SchmeissHiegen gefunden werden) Wolan machen
sie es einmal besser, Soll als dann Lundorpius widerumb
hinder den Ofen kriechen, auch dannenhero nicht eher herfür
kommen, Er hab dann vor solche Tausendt Klügliu einen
stärckeren Mercurium dahinden aussgebrütet. Sed tu, candide
Lector, vale, ama & expecta, breui siquidem me rursum
videbis.
[•240] E I D E M.
Newlicli nennt man mich Raphael,
Vnd hiess mein Petter Michael,
Mein Yatter war Lundorpius,
So nennt man, mich Sulpicius j
A Munscrod, welches mir unhekandt, 454
Dann Franckfurt ist mein Vatterland.
Leser trett nun was bass herbey,
Seh was diss für ein Monstrum sey.
Man sieht leicht, dass der falsche Name aus dein
wahren anagrammatisch gebildet ist: Michael Caspar Lun-
dorpius ergiebt durch Umstellung Raphael Sulpicius a
Munscrod. l)
Manchen Historien, nicht nur des zweiten, sondern auch
schon des ersten Teils, sind Reime beigefügt, welche mit
r) Wie E. Weller, Annalen 2, 397, der nur den ersten Pseudo-
nymen Teil des Wiesenbrünnleins kennt, dazu kommt, hinter Raphael
Sulpicius a Munscrod in Parenthese 'Willi. Jocker?' zu setzen, weiss
ich nicht.
CO Zur neueren Literaturgeschichte.
M. C. L., also mit den Anfangsbuchstaben der Namen des
Verfassers, unterzeichnet sind.
E. Fischer sagt in seiner oben erwähnten Abhandlung
S. ."). unser Autor schreibe seinen Namen stets Lundorpius
und ebenso die Akten t\r<. Frankfurter Archivs, er selbst
aber nennt ihn Lundorp. Aus dem Wiesenbrünnlein geht
nun hervor, dass er vielmehr gut hochdeutsch Lundorf
hiess. Einen weiteren Beleg dafür entnehme ich E. Wellers
Annalen 2, 33, wo sich verzeichnet findet:
M vi ler Hammelburgensis seeligen. And. *), NeweTeutsche
Canzonetten, Franckfurt a. M. 1608, 4 °, mit einer "Widmung
des Herausgebers, Michael Caspar Lundorf f, dat. Franck-
furt, den 10. Aprilis Anno 1608.
Lundorf hat sein Wissbadisch AVieseubrünnlein. wie er
in der Vorrede zum ersten Teil sagt, 'aus sonderlicher
Affection und Zuneigung gegen das warme Bad zu Wiss-
455 baden", dessen | ausgezeichnete Heilkräfte er vorher sehr ge-
rühmt hat2), verfasst, damit die Besucher des Bades nach
*) Dies ist ohne Zweifel derselbe Andreas Myller, den Lundorf im
2. Teil des Wiesenbrünnleins S. 16, in einem lateinischen Anhang zur
3. Historie erwähnt: 'Anno Christi Salvatoris MDCIT. M. Iulio in sedibus-
Caspari Lundorpij Parentis mei p. m. factum est, eiusdem farinse homo
e numero vagabundorum Andrea? Myllero adtini meo et tum temporis in
prsefectura chori Musici Parentis mei fei. mem. successori, sed nunc-
quoque in triumphanti ac ccelesti choro Angelorum Musico cantori, can-
tilenam quandam obferret etc.' Über Lundorfs Vater Caspar s. Fischer
a. a. 0. S. 5.
2) Dabei richtet er an die 'Inwohner' Wiesbadens die Mahnung»
sie sollten 'die frembde Anwesende, die da Kranckheit wegen das Bad
besuchen müssen, mit fortelhafftigem vberentzigem Gewinn nit vber-
setzen, damit sie [d. h. die Einwohner] der grossen Gnad [des Bades]
nicht widerumb beraubet vnd in die grawsame Ruthen Gottes fallen
mögen'. Wegen des Wortes überenzig vgl. Schmeller, Bayer.
Wörterbuch, 2. Ausg. 1, 20 und 118, Kehrein, Volkssprache in Nassau
1, 412; Schmidt, Westerwäld. Idiotikon S. 276 und Vilmar, Idiotikon
von Kurhessen S. 420. Einen weiteren Beleg bietet J. Frey, Der ander
Theil des Rollwagens oder Gartengesellschaft (Mülhusen o. J.), Cap.
xlij, S. 62: 'Im Gülcher Land zohe ein armer Landsknecht daher über
das Feld und bette nit überäntzige Kleider an.' [Frey ed. Bolte 1896,
S. 57,4.]
9. Michael Caspar Lundorfs "Wissbadisch Wiesenbrünnlein. ßl
gehaltenem Bad und Malzeiten, sich entweder daheim, oder
bey dem sehr schönen und lustigen Wiesenbrünnlein, von
welchem dann ich den Tittel dises Büchleins genommen . . .
erlustiren mögen3. In der Vorrede zum andern Teil sagt er:
'Ich habe die Historien mit dem Namen Wissbadisehes
Wisenbrünnlein ennlgirt, anss der Vrsachen, weil vor dreyen
Jahren, cum nauicula mea operiretur nuctibus, an demselbigen
mich widerumb also ergetzet, dass ich desselben biss auhero
nit vergessen mögen, Noch auch jemals vergessen kan,
Sondern, wo es Gottes will ist, auch die folgende Theil mit
dieses lieblichen Brünuleins Namen insigniren wil. Denn
gleich wie der Hörnine Sewfried (si vera ferunt) ex succen-
sorum Draconum riuulo transmutirt worden : Also auch ich,
da ich dises Brünnlein heimgesucht, Omnia iniquae fortunae
tela, eburneus quasi inde redditus, vici.J
Bei vielen Historien hat Lundorf die litterarischen
Quellen, die er benutzt hat, angegeben. l) Von denjenigen,
bei welchen keine Quellen genannt sind, sind manche nach-
weislich aus denselben geschöpft, die er nach seinen eigenen
Angaben zu andern benutzt und genannt hat, manche aber
sind wohl überhaupt nicht litterarischen Ursprungs.
Als Probe der Erzählungswreise Lundorfs folge hier, in
etwas vereinfachter und geregelter Schreibung, die 50. Historie
des andern Teils. Sie ist aus dem rConvivium fabu- [ losum3, 456
einem der 'Colloquia' des Erasmus von Rotterdam, frei
übersetzt. 2)
*) [Es sind Bebel, Boccaccio, Breydenbach, Brusonius, Castiglione,
Erasmus, Etterlin, Tob. Fabricius, Goltwurm, Hasenmüller, Heidfeld,
Heresbacb, Hondorf, Krantz, Lercheimer, Luther, Maiolus, Marianus,
Matliesius, Melander, Miedes, Seb. Münster, Pontanus, Mart. Richter,
Mich. Saxo, J. Schenck, Schwarzenberg (Memorial der Tugend).
Schweiger, Syfridus presbyter; ein anonymer Judenspiegel wird 2, 30,
ein Gespräch des Esels wider Anshelmen von Turmedan 2, 14 citiert.
Vgl. die angehängte Inhaltsübersicht.]
2) [Vgl. Eulenspiegel, Erfurt 1532, Historie 92; bei Lappenberg
S. 141. Stiefel, Zs. f. vgl. Littgesch. 8, 483. Melander. Joci 1603 nr. 37
(= Erasmus).] Aus demselben Gespräche des Erasmus sind auch die
sechs folgenden Historien (51—56) übertragen, aber nur am Schluss von
62 Zur neueren Literaturgeschichte.
S. 120. Historia L
Von einem Schuster, wie derselbe von einem Fatzvogel
iinih ein par Srhuli und Stiefel betrogen wurden.1)
Zu Leyden kam auf eine Zeit einer auss den kurz-
weiligen Hofräthen oder auss Hensel Wursten Zunft zu
einem Schuhmacher, der da in seiner Werkstatt eben seine
verfertigte Arbeit auf den Kauf aussiegen thete, grüste den
Meister ganz freundlich, gaffte und beschnaupte die Arbeit
aufs genaueste, wolte doch, was er gesinnet were, sich im
geringsten nit vermerken lassen, biss so lang der Schuster
ihn selbst augeredet und fragen thete, ob er ein par Stiefel
haben wolte, so solte er sich ein par schöne aüsssuchen.
Was geschieht? Mein gutes Jann Buschetigtes2) Schleunle 3)
hatte schon gnug gehöret, was zu seinem Vorhaben ihm in
seinen Kram dienen würde, suchte derohalben ein par auss-
bündiger schöner Stiefel, welche ihm der Schuster Selbsten
anziehen helfen. Als er aber nunmehr so schön staffiret, be-
457 sihet er sich binden [121] und forn, nicht | änderst als wenn
sein Hindergestell ein Bischoff worden were, welches dann
auch dem Schuhmacher selbsten, weil er die Stiefel ihm so
wol belieben lassen, sonderlich wolgefallen. verhoffende, auss
50 und 51 ist auf Erasmus hingewiesen: 'Id. D. Eras. Rot. fol. 377 &
378' und 'Id. p. 381', welche Quellenangaben aus der zur vorher-
gehenden (49.) Historie deutlich werden: 'Ex Erasmi Colloq. Nauf. fol.
245 & 246.'
') Dieser Titel stimmt nicht mit der Erzählung, in welcher nur
von einem Paar Stiefel die Rede ist. Bei Erasmus allerdings ist von
oerea? und calcei die Rede.
2) Johan Bauschet (Buschet) ist in zwei Stücken des Herzogs-
Heinrich Julius von Braunschw-eig der Name der lustigen Person, s. in
Hollands Ausgabe S. 172, 183-185, 198—200, 203, 204, S79 ff. In
andern Stücken des Herzogs lautet der Name Johan Bouset, bei Ayrer
(Jan) Posset. Vgl. "W. Wackernagel, Geschichte der deutschen Litte-
ratur, S. 463 Anm. 9, und S. 466 Anm. 38; A. Colin. Shakespeare in
Germany, S. XLIII und LX1Y — LXYI, K. Weinhold in Gosches Jahrbuch
für Literaturgeschichte 1, 35 f. [Diesen Clown-Typus hatte der Engländer
Thomas Sacke ville geschaffen: vgl. Creizenach, Die Schauspiele der
englischen Komödianten 1889, S. VII. XCIII.]
8) Mir unbekanntes "Wort.
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch Wiesenbrünnlein. (>3
der Ursach würde er desto eher und wegen de* vielfältigen
Lobens wol theuere Zahlung erlangen. Alter das Gelt zu
dieser Stiefelzahlung war noch ungemünzet, dann er den
Meister also angeredet; 'Lieber Meister, sag mir uf guten
Glauben: Ist dir niemals widerfahren, dass ein solcher Kerle,
den du so munter, wie mich an jetzo, mit so schönen Stiefeln
aussstaffiret hast, entgangen were und die Stiefel dir nicht
bezahlet bette?' Der Schuster antwortete: Nein, das were
ihm noch nicht geschehen. 'Was thetest du aber,3 sprach
der ander, cwenn dir ein solches begegnete?' Der Schuster
antwortete: cEi was fragstu viel? Ich wolte einem solchen
Gesellen dapfer nachlaufen.' — 'Ist denn das,3 sagte der
ander hinwiderumb, 'dein Ernst oder Scherz?" - 'Ja freilich,3
sprach der Schuster, 'ists ein Ernst und kein Scherz." —
'Nun wolan,3 sagte der ander, 'so lauf ich umb die Stiefel
zuvor, du folge mir nach,3 lief auch alsbald. [122] was er
immermehr erlaufen kunte. Der Schuster säumpte sich auch
nicht, folgte schnelliglichen hernach, ernstlichen rufende:
'Halt den Dieb, halt den Dieb.J Als nun von Bürgern dero-
vvegen ein grosser Auflauf worden und den Eulenspieglichten
Stiefelkaufer aufhalten wolte, rief er mit frölichem Muth
und beherzten lächelichten Worten: '0 nicht, liebe Freunde,
dass ihr uns hierinnen uit verhindert, dann wir beide an
jetzo umb eine Kanten Bier der Wette laufen.3 Welches
dann die Bürger, weil er so frölich und mit lachendem Muth
solches geredet, geglaubet, auch vermeinet, der Schuster
wolte mit dem 'Halt den Dieb, halt den Dieb' ihn zurück-
halten und an seinem Lauf irgend verhinderen, biss endlichen
der Schuster ganz und gar ermattet nach Haus ganz nass
und müd einziehen und darzu die Stiefel verwettet haben
müssen. — Jd. D. Eras. Rot. fol. 377 & 378.
[Der Herausgeber fügt ein Inhaltsverzeichnis von Lun-
dorfs Schwanksammlung nebst einigen Quellennachweisen bei.
1. Teil.
S. 19. Diaeta, so mir kürtzlichen zuhanden kommen, wessen
man sich im Wissbad zuverhalten. Abgedruckt bei A. Henninger,,
Nassau in seinen Sagen, Geschichten und Liedern 1, 202 (1845).
('4 Zur neueren Literaturgeschichte.
Historia 1. Von einem Fränckischen Patzvogel, der meiner Hauas-
frauwen in Todtsnöthen das Hauss vermacht (S. 30).
2. Von einem schleckerhafftigen Schneider, welcher bey einer
Gastung Geyssbonen für Cappern gessen (S. 32).
3. Von einem armen Schüler vnd Sch.neiderknecht (S. 33).
4. Von einer Disputation vnd gehaltenem Zanek eines Manns vnd
Männlins (S. 35).
5. Von einer einfältigen Kochmagd, welche jhrer Frawen Gunst
zuerlangen Eyer am Spiss gebraten (S. 37).
6. Von einem Einspännigen vnd Medico, der auff einem guten
Weg reyten wolte, vnnd was sich zwischen diesen beyden veriotfen
(S. 38). — Vgl. Hertzog, Schilt wacht 1560 nr. 16 (Montanus, Schwank-
bücher 1899, S. 646).
7. Von einer alten alberen Bäwrin, wie sie sich vor einem Bürger-
meister verhalten (S. 41).
8. Von einem schnaupichten Reutersjungen, wie es jhm mit einem
grünen Müsslein ergangen (S. 42).
9. Von einem Burgermeister vnnd Augspurgischen Studenten (S. 44).
10. Von einem kurtzweiligen Dieb, genannt Nasskittel, vnd was
sich bey seiner Galgenwallfarth weiters verloffen (S. 45).
11. Von einem Metzger vnd einem groben vnbescheidenen Fleisch-
kauffer (S. 48).
12. Von einer hochfertigen Dienstmagd vnd jhrem Rheinhändler
(S. 49).
13. Von einer andern Niderländischen Dienstmagd, wie es der-
selben auff offnem freyen Marck vnd vnter der Metzig ergangen (S. 50).
14. Von Alexandro Magno vnnd einem Eseltreiber (S. 53). — Vgl.
Pauli nr. 507. H. Sachs, Fabeln 4, 143.
15. Von einem Bettelvogt zu Marpurg, genannt Drecksimon, wie
es jhm in einer Zech mit etlichen Studenten ergangen (S. 54).
16. Von einem Hessen, der sich umb geringes Diebstals willen für
dem Hencktod gefürchtet (S. 56).
17. Von einem andern Hessen, der zum Galgen verurtheilt, wie
er sich im aussführen verhalten (S. 58).
18. [Antipater geblendet, lacht] (S. 59). — Xach Brusonius, Face-
tiae exemplaque 1559, lib. 3 [V].
19. [Die Raben des h. Meynhard] (S. 60). - Nach P. Etterlins
Chronik Bl. 1—4. Vgl. oben 2, 5631*.
20. Von einem berühmten Sehwartzkünstler, welcher in einem
offnen Gasthauss demAVirth seinen Jungen gefressen (S. 64). — A. Lerch-
heimer (H. Witekind), Christlich bedencken von Zauberey 1597, Kap. 97
— S. 29 ed. Binz 1888.
21. Von einem Blinden, der sein Geld in Garten vergraben, welches
jm hernacher gestohlen worden, vnd durch was list er widerumb zu
9. Michael Caspar Lundorfs "Wissbadisch Wiesenbrünnlein. 65
seinem Geld kommen sey (S. 66). — Ygl. Dnnlop-Liebrecht S. 258 a.
539 b.
22. Von einem, so in grosse Armuth gerathen vnd sich zu hencken
in willens war, weil er aber einen grossen Schatz gefunden, sich eines
andren bedacht, vnd wie es mit dem Schatzvergraber entlichen ergangen
<S. 68). — Vgl. Bolte zu Montanus S. 584.
23. Von einem seltsamen zu Venedig gethanen vnnd wunderbar-
lichen entdeckten Diebstal (S. 70). — Münster, Cosmographey 2, 14
<1598, S. 264). Vgl. Holte, Allgem. d. Biogr. 33, 618: Seidel.
24. "Was der verdriesslichste Müssiggang sey (S. 72).
25. Von Hertzog Henrichs zu N. Leibarzt [Notherus von St. Gallen],
wie derselbgen besichtigung dess Vrins oder Harns auff ein zeit be-
standen (S. 74). — Vgl. v. d. Hagen, Gesamtabenteuer 3, CXXIX.
26. Von einem Bauwren, der Doctor Drachen von einem Pfarr-
herrn ein Hasen bringen solte vnd den Namen vergessen hatte (S. 76). —
Vgl. Melander, Joci atque seria 1603, nr. 291.
27. Von zweyen Taglöhnern, auff was weiss der eine den andern
vbern Dölpel geworffen (S. 77).
28. Von einem Bender, der zu Basel erhenekt vnd hernacher
widerumb lebend funden worden (S. 79). — Münster, Cosmographey 3,
103 (1558, S. 496 = 1598, S. 610).
29. Von einem gehenckten Juden, so am Galgen getaufft worden
<S. 80). Münster ebd.
30. Von Krafft, Herrlichkeit vnd Würckung des "Weyhewassers (S. 81).
31. Von Herrn D. Martino Luthero seligen, wie sein Bildnuss
■einsmals in einer [von den Münchener Jesuiten] gehaltenen Tragoedi ver-
brannt worden, vnd was darauss entstanden sey (S. 83). — Nach Hasen-
niüller, Historia Jesuitici ordinis 1594, S. 460.
32. Von Augusto dem Römischen Keyser (S. 84).
33. Von Claudia, einer Römischen Vestalischen Jungfrawen (S. 85).
Nach Brusonius lib. 4 p. 490 (1559, S. 283).
34. Von Tucia, auch einer Vestalischen Jungfrauwen (S. 86). —
Münster 2, 7 (1598, S. 231).
35. Von der "Würde vnnd Hoheit der Vestalischen Jungfrauwen,
wie dann auch von grausamer erbärmlicher Straff der Verfeiten (S. 87).
Münster, Cosmographey 2, 7 und 10 (1598, S. 231 und 238).
36. Von zweyen fürtrefflichen Xiderländischen Mahlern. (Steht
«rst auf S. 98.)
37. Von einem vngeschickten Mahler (S. 91).
38. Von einem Jesuwiten, der zu Augspurg eines Fuckers Magd
bekehren wollen, vnnd wie es jhm vber der Bekehrung ergangen.
(S. 92.) — Nach E. Hasenmüller, Historia Jesuitici ordinis 1594, S. 460.
39. Von einem Jungen Gesellen, der durch hülf eines Zauberers
seines Bulen gestallt zusehen vberkam, vnd was schrecklichen aussgang
Köhler. Kl. Schriften. HI. 5
(\Q Zur neueren Literaturgeschichte.
die Sach entliehen gewonnen (S. 93). — Nach Sifridus Presbyter in den
Monum. Germaniae, Scriptores 25, 705: cDe nygromantieo in VribergV
40. Von einem Engelländischen Mönch, wie demselben Nachmittag
der Schlaff bekommen (S. 96)- - - J. Schenck, Observationes medicae 7,.
'24') edit. 1597 (nach Erasmus).
41. Von grauwsamer Straff des Ehebruchs (S. 100). — Schenck,.
Observ. medicae 1, 8 (1584) nach Aventin und Cuspinian.
42. Von einem Hispanischen Hof-Junckern, welcher vor forcht dess-
Todtes in einer Nacht gantz graw worden (S. 102). — Schenck 1, 6 (1584).
43. Von einem Florentiner vnnd seiner Gespons (S. 104). — Ber-
nardinus Gomes Miedes, Diascepses de sale 1605, p. 404 und Münster,.
Cosmogr. 5, 71 (1558, S. 1168 = 1598, S. 1392).
44. Von einem so mit Ruthen aussgehawen worden, vnnd wie er
sich in seiner Aussfahrt verhalten (S. 106).
45. Von einem andern henckmessigen verurtheilten Dieb, wie der-
selbe den Nachrichter bescheiden (S. 108).
46. Von gleicher Gattung, so gehencket ward vnd für seinem
End ein Schaubhut begehrte (S. 110). -- Vgl. Miedes 1605, S. 409.
47. Von eines Sältzers Weib im Hessenland vnnd jhrer grauw-
samen vnnd erschröcklichen Mordthat (S. 111). — Nach C. Goltwurm,.
Wunderwerck und Wunderzeichen 1557 Bl. eija.
48. Von einem Italianischen Bawren, wie es demselben vber einem
halbgeschundenen Esel ergangen (S. 113). — Nach Schenck, Observ.
medicae 7, 272 (1597).
49. Von einem Jüngling, welcher Keyser Augusto gleich gesehen,
vnd was er auff gethane Frag des Keysers für Antwort geben (S. 120).
Nach Macrobius, Saturn. 2, 4, 21. Vgl. Pauli nr. 502.
50. Von einem vngezognen Hirtenbuben vnd einem reittenden
reysenden Handelsmann (S. 122).
51. Von dem hochlöblichen Römischen Keyser Maximiliano dem
ersten vnd Julio dem andern Römischen Bapst (S. 124). — Nach Golt-
wurm 1557, Bl. d 4 a.
52. Von der Schlacht zwischen Ladissiao, König in Vngarn, vnnd
Amurathe, Türckischem Keyser (S. 126). • Geistl. gross Prognostic
Practick 2, 34. Heresbachius, De repub. Christiane instituenda 221.
53. Von einer einfältigen Frawen, die S. Leonharden ein Kuh
verhiess (S. 128). — Nach Melander, Joci 1603 nr. 99.
54. Von einem Marpurgischen Waldförster (S. 129). - Schenck,.
Observ. medicae 1, 386 (aber noch nicht in der Ausgabe von 1584).
55. Von einem vermummten Mohrendantz zu Rom gehalten (S. 130).
— Miedes, De sale 1605 3, 22, S. 405.
56.' Von einem Podagramischen Edelmann (S. 132). — Melander, Joci.
57. Von Calisthene, einem fürtrefflichen Philosopho, welcher
massen er von Alexandro Magno hingerichtet worden (S. 133).
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch Wiesenbrünnlein. fj7
58. Xon einem vom Adel, der schlaffend gangen vnd zu aller
oberst dess Hauses ein Atzelnest aussgehoben (S. 134). Schenck,
Observ. med. 1, 363.
59. Von einem anderen vom Adel in Schlesien, wie er dess Nacht-
wanderns entwehnet worden (S. 136). — Schenck ebd.
60. Von einem Medico, der sich so wol auffs Vrin besehen ver-
stünde (S. 138). - - Melander, Joci lib. 2 (1604) nr. 34 (Lossius).
61. Von einem Zwereh vnd einem grossen vnd langen Edelmann
(S. 139). — Gliedes, De sale 1605, S. 408.
62. Von einem Egyptischen Jüngling vnd seiner Buhlschafft Theogne
(S. 140). — Brusonius 3, 10 p. 321 (1559, S. 186).
63. Auss was Orden der Teuffei entsprungen (S. 142). — Golt-
wurm 1557, Bl. zijb (Com. Agrippa).
64. Von den Mey lendischen Feygenbissern (S. 143). — Münster,
Cosmographey 2, 20 (1558, S. 196 = 1598, S. 274).
65. Von einem Schumacher zu Marburg, der sich wolt für einen
Poeten aussgeben (S. 147). - Melander, Joci lib. 3 (1607) nr. 22.
66. Von einem Blinden, der in 11 Jahren hernach widerumb sehend
worden (S. 148). — Herodot bei Schenck, Observ. medicae 1, 630 = 1,
322 ed. 1584.
67. Von zweyen Norm andern oder Frantzosen, die beyde zu Paris
gericht worden (S. 149). — Miedes 1605, S. 409.
68. Von einem Bawrn Schuldheissen (S. 151).
69. Von einem ersehröeklichen vnnd erbärmblichen Sterben zu
Thurneberg in Schlesien (S. 152). — Goltwurm 1557, Bl. sijb.
70. Von einem Sycilier, welcher nach Rom schiffen vnnd sein
AVeib ins Meer werften wolte (S. 153). — Vgl. Pauli nr. 138 und Miedes
1605, S. 419.
71. Von einein Einäugichten Bräutgam, wie derselbe von seiner
Braut vnd Jungfraw Fuit bescheiden worden (S. 156). - - Vgl. Melander,
Joci 1603, nr. 276 (Scheffer). Frey nr. 50.
72. Von einem Gesandten, wie derselbige sich vor einem Fürsten
vnnd dessen Frauwenzimmer in seiner Legationssachen verhalten habe
(S. 157). — Christoph. Marianus, Convivium evangelicum 1602, S. 46.
Vgl. Frey nr. 100.
73. Von einem andern Legaten, deme es auch fast wie dem
vorigen Redner ergangen (S. 159). - - Vgl. Pauli nr. 341.
74. Von einem vngelehrten Pi'äft'lin (S. 160). - Epiphania Christi
Amme.
75. Von einem sehr fürnemmen vnnd stattlichen Jungen Gesellen,
wie es demselben auff seiner Buhlschafft ergangen (S. 162). — Marianus
1602. S. 75. Vgl. die in Boccaccios Decam. 5, 10 eingelegte Erzählung.
Bolte zu Montanus S. 624, 94.
63 Zur neueren Literaturgeschichte.
76. Von einem Hispanischen Kriegs-Obersten (S. 165). — Miedes,
De sale 1605, S. 419.
77. Von einem Blinden (S. 167).
78. Von einem Bauwren, der nicht in Himmel wolte (S. 167). -
Melander, Joci 1603 nr. 278; vgl. R. Köhler, Aufsätze 1894, S. 69 und
Frey nr. 45.
79. Von einem, der sich vor den Antipodibus fürchtete (S. 168).
— Chph. Marianus, Conviv. evang. 1602, S. 53.
80. Von einem Pfarrherrn, der Christum auff den Palmtag einem
Esel verglichen, vnd wie es jhm darüber ergangen (S. 170). — Ebd. [?]
81. Von einem Mägdlein, welches einem Mönch gebeichtet (S. 171).
— Melander, Joci 1603, nr. 145 (Eur. Cordus).
82. Wann vnd von wem die Mönch erschaffen worden (S. 174). —
Marianus 1602, S. 35.
83. Von eim zanck zweyer Philosophen (S. 175). — Über das ehr-
lichste Glied.
84. Von einem Feld Prediger (S. 178).
85. Von einem andern Messpriester, der einem Dieb, so verur-
theilt, das letzte Geleyd zum Galgen gab (S. 180). — Marianus 1602,
S. 42.
86. Von einem spöttichten Glatzkopf? (S. 181).
87. Von einem, welchem seine Frau ertruncken (S. 183). — A'gl.
Melander, Joci 1603, nr. 277. Pauli nr. 142. Montanus S. 622. Sprenger,
Malleus malef. 1, 44 quaest. 6. Oben 1, 506.
88. Von einem Messpfaffen zu Forchhey m (S. 184). — Hondorff.
Promptuarium exemplorum 1, 131a (1597).
89. Von dem vollkommenen Pauliner Orden vnd einer sonderbaren
art, das Fleisch zuzähmen (S. 186).
90. Von Gregorio Heymburgensi, einem fürnehmen Juristen vnd
Redner (S. 188).
91. Von Georg Zecheln, einem Auffrührer, vnd von seiner grau-
samen vnd erschröcklichen Straff (S. 188). — Vgl. Münster, Cosmographey
1558, S. 1000.
92. Von eines Kochs höflichen begeren (S. 191). — Vgl. Melander,
Joci 1603, nr. 80 (Ebner). Frey nr. 15.
93. Von Keyser Sigismundo vnd einem geadelten Rechtsgelehrten
(S. 192).
94. Von Raphaele, einem Römischen Mahler, vnd zweyen Cardi-
nälen (S. 194). - - Castiglione, De aulico lib. 2; vgl. Kirchhof 2, 57.
95. Von einem vngesehickten Oeconomo zu Marpurg (S. 195).
96. Von einem Landtläutfigen Storger vnd Kelberartzt (S. 198).
— Vgl. Melander, Joci 1603, nr. 562; Frey nr. 23.
97. Von einem gestolnen Hammel, der sein eygnen Dieb erhenckt
(S. 202).
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch Wiesenbrünnlein. 69
98. Von einem alten Weib zu Venedig, das 6 Tag bey Bibeln voll
Malvasier vnd Marcipan verfastet (S. 204).
99. Von einem Juden vnd einem Opffermann zu Marpurg (S. 206).
100. Von einem Büttel vnd einer gefangenen Geyss zu H. (S. 209).
S. 212 — 214 folgen 6 'alte, albere vnnd einfältige Epitaphia oder
Grabsehrifften', die L. aus zwei lateinischen Orationes panegyricae von
einem Professor zu G. 160$ entlehnt hat, darunter nr. 6 die verbreitete
'pommersche' Grabschxift :
Hie ligt begraben Herr Melcher,
Ein Pfarrer gewest ist, welcher
Hat gelebt in Tugend vnd Zucht,
Ist gestorben an der Wassersucht.
Schaw doch, lieber Leser frey,
Ist das nicht seh ad Ey, ey!
Vgl. Melander, Joci 1643 3, 482 nr. 386. Moscherosch, Gesichte, Frankf.
1647 1, 744 (Hanss hinüber, Gauss herüber).
2. Teil.
Historia 1. Von einem Messpfaffen (S. 1). — Bebel, Facetiae 1, 14;
vgl. Frey, Gartengesellschaft nr. 108.
2. Von einem Italiener, wie derselbe zu Neapolis Boss kauifen
wolte, vnd wie wunderlich es ihm hiermit ergangen (S. 2). — Boccaccio,
Decam. 2, 5; vgl. Montanus, Schwankbücher 1899, S. 582.
3. Von einem fahrenden Schüler, wie derselbe von einem "Wagener
beantwortet worden (S. 14). — Bebel 1, 6; vgl. Kirchhof 1, 137.
4. Von einem Müller vnd Becker (S. 18). — Bebel 1, 3; vgl.
Frey nr. 9.
5. Von einem andern Müller, welchem seine Mühl verbronnen
(S. 19). — Bebel 1, 5.
6. Von einem Landvogt, der seinen Müller von dem Strick loss
gelassen (S. 21). — Bebel 1, 4; vgl. Frey nr. 116.
7. Von zweyen Georgianischen Fürsten, deren der eine die Christ-
liche Religion verläugnet vnnd sich mit seinem Söhnlein an der Otto-
mannischen Pfort oder Türkischem Hof beschneiden lassen (S. 23).
Sal. Schweigger, Reyssbeschreibimg nach Constantinopel vnd Jerusalem
B. 2, Kap. 18 (Nürnberg 1608, S. 82).
8. Von einem Bossenreisser, dem bey Nächtlicher weyl ins Hauss
gebrochen worden (S. 27). — Bebel 1, 32; vgl. Guicciardini, L'hore di
ricreatione 1624 p. 357 b (Christoforo Piacentino). Sandrub, Delitiae
historicae 1618 nr. 72 (nach G. Sabinus, Poemata 1606 p. 262: Becoc-
toris iocus). Fliegende Blätter 69, 116 (1878). Dorfzeitung 1885,
17. Sept. S. 2567 1>.
9. Von einem Christen und eines Juden Frawen (S. 28). — Bebel
1, 2; vgl. Frey nr. 3.
70 Zur neueren Literaturgeschichte.
10. Von einem Bawren in der Mosskaw, so in einen liolen Baum
voll Honigs gefallen, vnd wie er widerumb darauss entlediget worden
(S. 29). - Münster, Cosmographey 4, Kap. .so (Basel 1598, S. 1253).
11. Von einem Priester von Vlm (S. 33).
12. Von erstermeldtem Messpfaffen von Vlm (S. 34).
13. Von einem Betrügner in Flandern, welcher sich für einen
Gräften aussgeben. vnd wie im endlichen dieser betrug belohnet worden
(S. 36). - .Münster 2, 77 und 4, 117 (1598, S. 189 und 1288).
14. Von Bruder Johann Juliot, Prediger Ordens zu Tarragon in
Catalonien (S. 38). — Gespräch Dess Esels wider Bruder Anshelmum
von Turmedan, Prediger Ordens, vber die Natur, Eigenschafft vnd Yur-
trefflichkeit der Thier, ins Teutsch gebracht durch J. R. V. S. Mümpel-
gardt 1606 (Berlin Xz 218), S. 181—195. Dies Buch ist eine bisher un-
beachtete Verdeutschung der 'Disputation de PAsne contre frere Anselme
Turmeda sur la nature et noblesse des animaux' (Lyon 1544), die Brunet
einem Guil. Lasne zuschreibt. Zu der Erzählung vom Ehezehnten vgl.
Kirchhof, Wendunmut 2, 86 und Montanus S. 628 f.
15. Von zweyen Rotbärten, was sich einesmahls zwischen diesen
beyden verloffen (S. 46). - - Bebel 1, 39.
16. Von einem, so ein Pferd verkauftet, welches keinen Mangel
hatte, als dass es nur keinen Baum auffstiege (S. 48). — Bebel 1, 33;
vgl. Kirchhof 1, 185.
17. Von Francisco, König in Frankreich, wie er Marcellum seinen
Cantzler wegen seiner grossen Ehrgeitzigkeit vmb zwo Donnen Golds
gebracht (S. 50). — Melander, Joci 1603 nr. 34 (nach Pezel).
18. Von einem vnhöfflichen Gast, wie derselbe sich bey einer an-
sehnlichen Hochzeit verhalten (S. 52). - - Melander, Joci 3, nr. 14 (1604);
vgl. Frey nr. 127.
19. Von Doctor N. N., welcher wegen seiner stumpffirenden Stichel
"Wort vbel von einer Zunfft-Stuben abgewiesen worden (S. 55).
20. Von einem alberen vnd vngelehrten Artzt (S. 57). - - Mathe-
sius, Sirach S. 168.
21. Von Sultan Murath, Türckischem Keyser, wie er von einem
Gestirn Gauckler redlich einsmals mit der Nasen vmbgeführet worden
(S. 60). — Schweigger, B. 2, Kap. 23 (1608, S. 98).
22. Von Sebald Schleichern von Vlm vnd einem zu Constantinopel
gefangenen Italiener (S. 64). -- Schweigger 2, 27 (1608, S. 90).
23. Von etlichen einfältigen Schwäbischen Bawren .(ß. 66). —
Bebel 1, 42; vgl. Frey nr. 27.
24. Von erstgedachten Schwäbischen einfältigen Bawren (S. 68). —
Bebel 1, 43; vgl. Frey nr. 13.
25. Von Hamä vnnd Starcatero, zweyen hurtigen Kämpffern (S. 69).
— A. Krantz.
9. Michael Caspar Lundorfs "Wissbadiseh Wiesenbrünnlein. 71
26. Von einer alten Prophecey von dem Geschlecht Mediees (S. 70).
— Martin Richter, Chronicon oder Geschichtbuch 1598, 8. 373. 378.
27. Von Alphonso, Hertzogen zu Fcrrar (S. 72). — M. Richter 1598,
S. 396.
28. Von einem Bettelmönch, welcher einen f ürnemmen Türckischen
Wascha, vnder dem Allmoss geben erstochen (S. 73). - Schweigger 2,
22 (1608, S. 89).
29. Von Bruder Tetzeln, einem Ablasskrämer (S. 75). — Melander
1603 nr. 44 (nach Becherer);, vgl. Val. Schumann, Nachtbüchlein S. 405;
Frey S. 283.
30. Von Johann Pfefferkorn, einem getaufften Juden, welcher zu
Hall in Sachsen seiner vberauss grossen vnd erschrecklichen Missethaten
halber lebendig verbrannt worden ist (S. 77). — Nach Hütten, Alberthi
archiepiscopi Moguntini panegyricus 1515 (Opera ed. Böcking 3, 349).
31. Von Ferdinando, König in Hispanien, welcher in einem Jahr
beydes die Saracenen sampt 124 000 Juden vertrieben (S. 88). — Münster
2, 25 (1598, S. 88).
32. Von etlichen Leprosen vnd Aussätzigen, die durch anstifftung
■der Juden alle Brunnen in Franckreich vergifften wollen, vnd wie sie
derohalben zu gebürlicher Straff gezogen worden (S. 90). — Münster
2. 84 (1598, S. 200).
33. Von der Statt Bern, wie dieselbige wegen der Juden offtmals
belagert worden (S. 92). — Münster 3, 77 (1598, S. 564).
34. Von eines Gerbers Kind, so zu Triend von den Juden gemar-
tert worden (S. 93). — Münster 2, p. 342 [?].
35. Von dem Juden Mord zu Eger, wie vnd welcher weise der-
selbige entstanden (S. 96). — Münster 3, 505 (1598, S. 1164).
36. Von einer anderer grossen Auffruhr zu Lysibon in Portugal,
so wegen etlicher getaufften Juden erwachsen ('S. 97). — Münster 3, 24
<1598, S. 82).
37. Von König Philippo in Franckreich, warumb er die Juden
auss seinem Land vertrieben (S. 99). — Münster 2, 84 (1598, S. 199).
38. Von der Juden Fabulbafftigen vnd Phantastischen Meynung
■das Paradeyss belangende (S. 100). — Münster 1, 30 (1598, S. 37).
39. Von Michael Jud, der Juden vermeyneten Messia (S. 102).
40. Von D. Thoma, welcher mit seiner Haussfrawen das Christen-
thumb verläugnet vnd sich sampt einem andern Priester vnd zweyen
Jünglingen in das verfluchte Judenthumb gestürtzet hat (S. 104).
"Auss einem alten Büchlein, so zu Colin bey Henrich von Neuss gedruckt
worden 1509\
41. Von wunderbarlichem langen schlaffen eines Knabens, Bauwrens
vnd denn eins Mägdleins von Speyr (S. 106). — Goltwurm.
42. Von einem Patienten oder Krancken, der in Himmel fahren
wolt (S. 108). — Melander, Joci 1603 nr. 110 (nach Scheffer).
72 Zur neueren Literaturgeschichte.
43. Von Eberhardo, Hertzogen zu "Würtenberg, wie derselbe von
einem Gecken beantwortet worden (S. 109). — Bebel 1, 45; vgl.
Frey nr. 28.
44. Von einem Bawren, so in seinem Flecken Schultheis? worden
(S. 110). — Bebel 2, 30; vgl. Frey nr. 53.
45. Von einer Kindbätterin, die begangenen ihren Ehebruch onge-
ferth selbst vernitlien (S. 111). — Bebel 1, 47.
46. Von einem Studenten, der da gern Baccalaureus worden wehre
(S. 112). - - Bebel 1, 48.
47. Von etlicher Indianer brauch, Ehesachen vnd Aussstewrung
irer Töchter belangend (S. 113). — Münster 5, 71 (1598, S. 1392).
4s. Von einem Bauwren, welcher seinen Sohn wegen seines sfu-
direns examinirte, vnd mit was weiss er denselben seinen Sohn im dis-
putiren vberwunden (S. 115). — J. Heidfeld. Sphinx philosophica 1600,.
S. 162.
49. Von einem lächerlichen Gelübd, so einer in Wassersnöthen dem
Heiligen Christophoro gethan vnd gelobet hat (S. 117). — Erasmus,.
Colloquia 245.
50. Von einem Schuster etc. — Oben S. 61 — 63.
51. Von einem anderen Landbetrieger, wie derselbe ncmblich
einen Pfaffen vnd Krämer gantz listigliehen dargesetzet (S. 123).
Krasmus 381 (Convivium fabulosum).
52. Von Ludovico, König in Franckreich, vnnd einem einfältigen
Bawren (S. 126). — Erasmus, ebd.; vgl. Kirchhof 2, 39.
53. Ein andere Historia von diesem König (S. 130). — Ebd.
54. Die dritte History von diesem König (S. 131). — Ebd.
55. Die vierdte History von diesem König (S. 134). - Ebd.
56. Von Keyser Maximiliano vnnd einem Jungen vom Adel (S. 136).
— Ebd.
57. Von einem Caplan, welcher massen er seine Frawen mit guten
Worten gezogen (S. 140). — Melander 2, nr. 52 (1604); vgl. Montanus.
S. 560.
58. Von einem jungen Chorschüler, der das Magnificat corrig[ir]en
vnd rechtfertigen wollen (S. 142).
59. Von einem Schweitzer, so einäugicht in Krieg gezogen (S. 143).
60. Von einem Francken, dem seine Frauw gestorben, wie er sich
in seinem Leyde verhalten (S. 144). — Melander, Joci 1603, nr. 275
(Seb. Scheffer).
61. Von einem Priester vnd Bawren, so beyde zur Ader gelassen
(S. 145). — Melander, Joci 1603, nr. 576.
62. Von einem andern Bawren vnd seiner krancken Saw (S. 148). —
Melander. Joci 1603, nr. 578.
63. Von dreyen Spielern vnd ihrem erschröeklichen Ende (S. 149).
Gwoltunn and Hondorff, Promptuariuin exemplorum 1, 132a (1597).
9. Michael Caspar Lundorfs Wissbadisch Wiesenbrünnlein. 73
64. Von einem seltzamen Meerwunder, so in der Tybur gefangen
worden (8. 150). — Luther, Werke 2, 286 ed. Jen.
65. Von Arnoldo, einem Gräften zu Scheyern (S. 151). — Lercheimer
(Witekind), Von Zauberey 1597, Kap. 1 (1888, S. 6).
66. Von Herrn Doctore Martine Luthero seliger Gedächtnuss vnd
seinem Patlimo (S. 152). - - Lercheimer Kap. 4 (1888, S. 15).
67. Von einem Bawren, so sein Rossz verlohren hatte, vnd wie es-
ihme darüber ergangen (S. 153). - Lercheimer 1597, Kap. 4 (1888, S. 17).
68. Von einem, so Verdachts willen gehencket worden (S. 154). -
Lercheimer, Kap. 4 (1888, S. 18).
69. Von einem vom Adel, der wegen seiner schwartzen Kunst
Köptl' abhauwen vnnd wider autfsetzen kundte (S. 156). - - Lercheimer
Kap. 7 (188S, S. 29).
TU. Von Alberto Magno, Bischoffen zu Regenspurg (8. 157).
Lercheimer, Kap. 8 (1888, S. 35).
71. Von Maximiliane» dem Ersten. Römischen Keyser (S. 158). -
Lercheimer, Kap. 8 (1888, S. 38).
72. Von Rochardo, einem König auss Friessland (S. 159).
Vgl. Corrozet, Propos memorables 1556 p. 22 b. Domenichi, Facetie 1581
p. 286. Antwerpener Cluchtboek 1576 p. 86 (Tijdschrift 10, 134). F. Halm,
Werke 7, 149.
73. Von einem Narren vnd einem Seylführer (S. 160). Vgl.
Frischlin, Facetiae 1600, 8. 270; Frey nr. 7.
74. Von einem Bettler, wie derselbe zu Freyburg sich im Bad
verhalten (S. 162). - - Bebel 1, 11; vgl. Pauli nr. 373.
75. Von einem Franciscaner Mönche vnnd einer Alten Frauw zu
Wormbs (8. 163). -• 'Ex praefatione D. D. P. L. super conciones duas Pragae
a*ino 1607 habitas contra eieeta fulmina monachi cuiusdam capucini."
76. Von einem Apt vnd Edelmann (S. 165). — Bebel 1, 37; vgl.
Kirchhof 1. 2. 39.
77. Von Calipha Mahumets Jüngern vnd Discipuln (S. 167).
Goltwurm und Münster 5, 44. S. 1348. B. v. Breytenbach.
78. Von Conrado von Marpurgk, Sanct Elisabethen Beichtvattern
vnd der Ketzermeister Obersten (8. 169). — Münster 3, 173 (1598, 8. 704).
79. Von Sanct Hilario, wie er einsmals von dem bösen Geist an-
gefochten worden (S. 171).
80. Von einem Gespräch zweyer Studenten (S. 172).
81. Von einem weitberühinbten Indianischen Bogenschützen vnd
König Alexandro Magno (8. 173). — J. Heidfeld, Sphinx philosophica
HiOO, S. 183.
82. Von Thalete Milesio vnd seinem Maul Esel (S. 174). - Maiolus.
ex Aeliano.
83. Von Eduardo König auss Engelland (8. 179). - Frid. 3Iosella-
nus, Reuteriseher Striegel wider die von Jesuiten evngesehleichten Schar-
tecken angestelt 1608, 8. 103.
74 Zur neueren Literaturgeschichte.
84. Von einem Schwäbischen Soldaten, dein seine Frauw in seinem
Abwesen ein Kind geboren (S. 180). — Bebel 1, 29; vgl. Frey nr. 25.
85. Von Priester Fysilin, S. Sebastians Vffhebern (S. ,182). — Bebel
1, 59; vgl. Frey nr. 82.
86. Eine andere History von diesem Priester Fysilin vnd einem
Jarkoch (S. 183). - - Bebel 1, 60; vgl. Frey nr. 33.
87. Noch ein andere von diesem Fysilin (S. 185). Bebel 1, 62;
vgl. Frey nr. 34.
88. Noch ein andere von Bruder Fysilin (S. 186). - - Bebel 1, 63.
89. Die fünffte History von diesem Bruder Fysilin vnnd eim
Hertzogen von Würtcnberg (S. 187). — Bebel 1, 61.
90. Von Bapst Julio dem Dritten, welcher massen er sich eins-
mals vber einen Pfau wen erzörnete (S. 189). — Ex Tobia Fabricio.
91. Von Koberto Alitio auss Apulia, einem Bart'iisscr Mönch
(S. 191). — Mart. Richter, Chronicon 1598, S. 317.
92. Von zweyen Eheleuten, die beyde vor kurtzen Jahren zu
Petterweyl gehencket worden (S. 193). — Michael Saxo.
93. Von einem Soldaten, so niemals auff einem Federbette ge-
schlaffen hatte (S. 194).
94. Von zweyen Francken, welcher gestallt sie beyde ihnen Selb-
sten ihre Gebrechen vnd Mängel der Natur vorgeworffen vnd vnter-
einander sich damit vexiret haben (S. 197).
95. Von Nicoiao, Hertzogen zu Ferrar, wie derselbe in einer
Wettung von einem, genannt Gonella, vberwunden worden (S. 199). -
Pontanus.
96. Von einem geitzigen Pfaffen (S. 202). Bebel 1, 49; vgl.
Frey nr. 29.
97. Von einem Empirico vnd Krempel Artzt (S. 204). — Heidfeld
1600, S. 181; vgl. Frey nr. 98.
98. Von Thamaro, einem Feldprediger, vnd einem Landsknecht
<S. 205). — Melander, Joci 1603 nr. 360.
99. Von zweyen Brüdern, deme ihr Vatter gestorben, wie sie beyde
sich im Trawren verhalten (S. 207).
100. Von dem mächtig grossen Heeres-Zug Königs Alexandri
Magni, so er etlich hundert Jahr vor Christi Geburt in Indiam gethan
hat, vnd wie seltzam vnd abendthewrlich es ihm auff derselben Reyss
ergangen (S. 208). — Münster 5, 70 (1598, S. 1382).]
10. Joh. Mich. Moscherosch und sein 'Spraehverderber*. 75
10. Joh. Mich. Moscherosch und sein ' Spraeh-
verderber' und 'Der teutsehe Michel wider
alle Spraehverderber.
(Archiv für Literaturgeschichte 1, 291 -295. 1870.)
Joh. Mich. Moscherosch sagt in einem seiner Znsätze
zu dem von ihm nach des Verfassers Tode herausgegebenen
Buch Georg Gnmpelzhaimers 'Gymnasma de exercitiis academi-
cornni" (Argentinae 1652) S. 117: Talis ineptae variegationis
et ex latiua aliisque lingna coucrepitationis exemplnm delecta-
tionis ergo allatum vide in Menippo Dialog. 59 p. 106 et
in den Frauenzimmer Gesprächspielen Nobilissimi Harsdorfferi
Patricii Norimbergensis: in dem Teutschen Palm-Baum Illustris
Caroli Gustavi von Hill, und in dem Baptista Armato des
edlen kaiserlichen Poeten Herrn Joh. Risten: wie auch in
meinem Spraehverderber1.
Hier bekennt sich also Moscherosch als Verfasser eines
'Sprachverderbers': aber eine unter seinem Namen erschienene
Schrift dieses Titels wird, soviel ich weiss, nirgends angeführt:
dagegen existiert eine anonyme kleine Schrift v. J. 1643 'Der
Vnartig Teutscher Sprach-Verderb er', welche in Bechsteins
Deutschem Museum n. F. 1, "299 — 320 wieder abgedruckt
worden ist1), und diese könnte wohl von Moscherosch her-
') | Exemplar in München. 40 S. 8°. — Eine zweite Ausgabe vom
selben Jahre (18 S. 8 °. In Berlin, Göttingen, Greifswald) hat H. Riegel
1891 im 1. Beiheft zur Zs. des allgem. deutschen Sprachvereins 1, 26 — 41
abgedruckt. Ihr Verhältnis zu einander untersucht H. Graf, Der Spraeh-
verderber v. J. 1643 und die aus ihm hervorgegangenen Schriften
Jenaer Diss. 1892.] - Der Titel einer andern, auch von Goedeke 2, 513,
6a [= 2. Aufl. 3, 232. 265] erwähnten, mir vorliegenden Ausgabe lautet:
*Jo. Cocay Teutscher Labyrinth In welchem Durch viel artige moralische
Historien, lustige, liebliche Discursen die Melancholey vertrieben, vnd
die Gemüter auffermuntert werden. Sampt einem Poetischen Lustbringer
Vnd Teutschen Spraehverderber. Colin Apud Andream Bingen
Vor den Minnenbrüdern im Loret. Anno M.DC.L.' [Berlin Yt 8728.]
— Labyrinth und Poetischer Lustbringer füllen S. 1 —110; dann folgt
der deutsche Spraehverderber mit fortlaufender Paginierung (S. 111 — 163),
7(> Zur neueren Literaturgeschichte.
rühren. Jedenfalls enthält sie mehrere hübsche Beispiele
jener 'ineptae variegationis u. s. w.n) |
292 Auch im 'A la Mode Kehrauss3 in den 'Gesichten Philan-
ders von Sittenwald' ereifert sich Moscherosch gegen die
Sprachverderber und lässt da u. a. den König Ariovest sagen
(S. 746 der Frankfurter Ausgabe v. J. 1644): 'Ich meyne,
der Ehrliche Tentsche Michel habe euch Sprachver-
derbern. Welschen Cortisanen, Concipisten, Cancel-
listen, die jhr die alte Muttersprach mit allerley
frembden, Lateinischen, Welschen, Spanischen vnd Franzö-
sischen Wörtern so vielfaltig vermischet, verkehret
vnd zerstöret; so, das sie jhr selbst nit mehr gleich
siehet, vnd kaum halb kan erkant werden, die Teutsche
Warheit gesagt!" Und weiter (S. 747): 'Vnd jhr wollet die
edele Sprach, die euch angeboren, so gar nicht in obacht
nehmen in ewrem Vatterland, Pfny dich der schand.
Fast jeder Schneider will jetzund leyder
Der Sprach erfahren sein vnd redt Latein,
Welsch vnd Frantzösch, halb Japonesisch
AVan er ist doli vnd voll der grobe Knoll.
aber mit besonderem Titel: Der Vnartig Teutscher Sprach -Ver-
derber. Beschrieben Durch Einen Liebhaber der redelichen alten
Teutschen SprachWider alle die jenige, welche die reine Teutsche Mutter-
sprach mit allerley fremden ausländischen Wörtern vielfaltig zu ver-
unehren vnnd zu vertunckeln pflegen. Colin Vor den Minnenbrüder Im
Loret. Anno M.DC.L.' 12°. — [Eine vom Verfasser selbst 1643 besorgte
Umarbeitung liegt nach Graf vor in: T. S. Teutscher vnartiger Sprach-
Sitten und Tugend verderber. Gemehret vnd verbessert . . . M.DC.XXXXIV.
160 S. 8° (Berlin, Jena, "Wolfenbüttel); nicht von ihm rührt folgende
Überarbeitung des Sprachverderbers her: 'Xewe aussgeputzte Sprach-
posaun An die Vnartigen Teutscher Sprach -Verderber' 1648. 80 S. 8a
(Dresden, Jena, Wolfenbüttel). Vgl. auch Hans Schultz, Die Bestrebungen
der Sprachgesellschaften des 17. Jahrb. für Reinigung der deutschen
Sprache, Göttingen 1888 S. 150.1
') [Gegen Moscheroschs Verfasserschaft erhebt Bedenken Hans
Wolff, Der Purismus in der deutschen Litteratur des 17. Jahrhunderts,
Diss. Strassburg 1888 S. 40, Anm. und H. Schultz, Sprachgesellschaften
1888 S. 52 und 155. R. Bechstein wollte Schuppius die Schrift zuschreiben.
Vgl. Graf 1892, S. 32 f.]
10. Joh. Mich. Moscherosch und sein 'Sprachverderber'.
77
Der Knecht Matthies
"YVan er gut morgen sagt
Die wend den Kragen
Spricht Deo gratias
Ihr böse Teutschen,
Das jhr die Mutter-sprach
Ihr liebe Herren
Die Sprach verkehren
Dir thut alles mischen
Ynd macht ein misch gemäsch
Ich muss es sagen
Ein faulen Haaffen-käss
Wir bans verstanden
Wie man die Sprach verkert
Ihr böse Teutschen.
In vnserm Vatterland,
spricht bona dies,
vnd grüsst die Magd :
thut jhm danck sagen,
Herr Hippocras.
man solt euch peiitschen,
so wenig acht,
das heist nicht mehren;
vnd zerstören.
mit faulen Fischen,
ein wüste Wasch,
mit Ynmuth klagen,
ein seltsames Gfräss.
mit Spott vnd schänden
vnd gantz zerstöhrt.
man solt euch peütschen
pfuy dich der Schand.
Diese Reime hat Goedeke in seine 'Elf Bücher Deutscher
Dichtung' 1, 371 als selbständiges Gedicht von Moscherosch
aufgenommen; allein sie sind einem älteren Gedicht ent-
nommen, auf dessen Titel Moscherosch selbst in der vorher-
gehenden mitgeteilten Stelle (ich habe die betreffenden Worte |
gesperrt drucken lassen) mehrfach angespielt hat, und von 293
welchem es mehrere Ausgaben giebt. Die eine, im Besitz
der K. Bibliothek in Berlin und von L. Erk im Weimarischen
Jahrbuch 2, 206 f. besprochen, ist betitelt: 'Ein new Klag-
lied, Teutsche Michel genannt, wider alle Sprachverderber,
welche die alte deutsche Muttersprach, mit allerlei frembden
Wörtern vermischen, dass solche kaum halber kau erkant
werden. Im Thon: Wo kompt es here, dass zeitlich Ehre
u. s. w. ifolgt Holzschnitt: ein Wappen, worin der Name Hans
Heinrich von Ost ein). In Angspurg. bey Johann Schultes.0
— Eine andere ist auf der K. Hof- und Staatsbibliothek
zu München befindlich und in Kellers Ausgabe des Simplicis-
simus 2, 1051 beschrieben: 'Der Teutsche Michel. Das ist
Ein newes Klaglid vnd Allamodisch A. B. C. Wider alle Sprach-
Verderber, Zeitungschreiber, Concipisten und Caucellisten,
welche die alte Teutsche Mutter-Sprach, mit allerley frembden
Lateinischen. Welschen vuud Französischen Wörtern so vil-
78 Zur neueren Literaturgeschichte.
feltig vermischen, verkehren vnd zerstören, dass sie jbr selber
iiit mehr gleich sihet, vncl kaum halber kann erkennet vnd
verstanden werden. Im Thon: Das alt verachten, nach nevvem
trachten, eini teutscben Bidermann steht nit wol an u. s. w.
Nachgedruckt zu Ynssprugg bey Joann Gachen, 1G38." Ob
auf dieser Ausgabe das Wappen mit dem Namen Hans
Heinrich von Ostein sich befindet, ist bei Keller nicht be-
merkt; doch scheint es fast so, da Weller (Annalen 2, 393),
der auch das Münchener Exemplar anführt1), dem Gedicht
Hans Heinrich von Ostein als Verfasser vorsetzt. Der
Titel einer dritten, in Zürich befindlichen Ausgabe giebt
Weller a. a. 0. so an: 'Ein schön New Lied genannt Dem
Teutsche Michel etc. Wider alle Sprachverderber, Corti-
sanen, Concipisten vnd (Joncellisten, welche die alte teutsche
Muttersprach mit allerley frembden .... so vielfältig ver-
mischen, verkehren vnd zerstehren, dass Sie jhr selber nicht
mehr gleich siebet . . . Getruckt im Jahr, da die teutsche Sprach
verderbet war, 1641J. — Viertens endlich findet sich das
Gedicht in dem mir vorliegenden Büchlein: 'Lustiger Demo-
critus Das ist: Ausserlesene Fragen, Politische Discursen,
Kurtzweilige Schertz- Vnd Ehrliche Gemüths-Ergetzlichkeit: j
294 Allen den jenigen so an H. H. vnnd Fürstl. Hoffhaltungen,
oder auff der Reisen begriffen nutzlich vnd beforderlich.
Colin, Bey Andreas Bingen Vor den Minnenbrüdern im Loreet.
Anno M.DC.L/ [Berlin Yt 87-21.] In diesem Büchlein steht
das Gedicht auf S. 97 — 110 u. d. T.: 'Der Teutsche Michel,
etc. Klag Vber die teutsche Sprachverderber.' — Man sieht aus
diesen Titelangaben 2), dass Moscherosch, wenn es nicht noch
andere Ausgaben etwa gab. jedenfalls die von 1641 gekannt
haben muss, da nur in deren Titel die 'Cortisanen' vorkommen.
Das Gedicht selbst beginnt mit der Strophe:
Ich teutscher Michel versteh schier nichel,
In meinem Vatterland es ist ein schand.
Man thut jetzt reden, als wie die Schweden,
In meinem Vatterland, pfuy dich der schand.
') Weiler hat: Joann dächen.
2) [Vgl. Goedeke, Grundriss - 2, 232. H. Schultz, Sprachgesell-
schafteii 1888, S. 148.]
10. Job. Mich. Moscherosch und sein cSprachverderber\ 7!>
Dann kommen die vier ersten Strophen, welche Moscherosch
anführt, und zwar (ich kann freilich nur von der Berliner
Ausgabe nach Erks Mitteilung und von der mir vorliegenden
Kölner urteilen) ohne nennenswerte weitere Abweichung, als
dass es statt 'Ihr böse Teutschen' heisst 'Ihr fromme Teutschen',
und dass die zweite Hälfte der 5. Strophe lautet:
Ein faulen hafenkäss, ein wunder seltzambs gefräss.
Ein gantzes A. B. C. Ich nicht versteh.
Hierauf folgen (ich kann nur von der mir vorliegenden
Ausgabe mit Sicherheit sprechen) 44 Strophen, teils in der
AVeise wie Str. 6.:
Was ist armieren, was auisieren,
Was auancieren, attaquieren?
Was approchieren, archibusieren,
Was arriuieren, acoordieren? ')
teils wie z. B. Str. 17:
Was ist das Hauptquartier, ein frässigs wildes Thier,
Was ist die Guarnison, was ein Squadron?
Was ist die gantz Armee, nur lauter ach vnd weh,
AVas ist der Randefuss, ein Habermuss. |
Den Schluss des ganzen Gedichts bildet folgende Strophe: 295
Habt ihr verstanden, mit Spott vnd schänden,
Wie man die Sprach verkehrt, vnd ganz zerstöhrt?
Ich teutscher Michel, versteh schier nichel,
In meinem Vatterland, es ist ein schand.
Die Abweichungen dieser Strophe von der letzten bei
Moscherosch rühren vielleicht davon her, dass Moscherosch
nur aus dem Gedächtnis sie aufschrieb.
Schliesslich noch die Bemerkung, dass die Erörterungen
über die Sprachverderber, welche in den Gesamtausgaben
J) Man sollte nun erwarten, dass sämtliche Buchstaben des
Alphabets nach einander in dieser Weise durch eine Strophe vertreten
wären, und dies entspräche dem Titel des Innsbrucker Drucks cAlla-
modisch A. B. C Vielleicht ist es in jenem Drucke auch so, aber in
dem mir vorliegenden Kölner sind keineswegs alle Buchstaben des Alpha-
bets vertreten, sondern nur A, B, C (Str. 6, 7, 8), D, E, F (Str. 14, 15,
16), G (Str. 21), L, M, X (Str. 26, 27, 28), 0, P (Str. 34), Q (Str. 35),
R, S (Str. 40, 41), T (Str. 46).
SO Zur neueren Literaturgeschichte.
der Simplicianischen Schriften, dein 6. Kapitel des Deutschen
Michel (bei Kurz, Simplic. Schriften 4, 4(51 — 4(>5) sich an-
reihen, zum grossen Teil dem 'unartigen teutschen Sprach-
verderber' und den 'Gesichten Philanders von Sittenvvald'
entnommen sind.
11 Zu zwei Stellen der Simplicianischen
Schriften Grimmeishausens.
(Archiv für Literaturgeschichte 1, 295—298. 1870.)
1. Erklärung einer Stelle des Simplicissimus.
Simplicissimus beginnt seine Lebensbeschreibung mit einer
Rüge der Sucht emporgekommener geringer Leute, 'gleich
rittermässige Herren und adliche Personen von uraltem Ge-
schlecht sein zu wollen, da sich doch oft befindet und auf
fleissiges Nachforschen nichts anders herauskommt, als dass
ihre Voreltern Schornsteinfeger, Taglöhner, Karchelzieher und
Lastträger: ihre Vettern Eseltreiber, Taschenspieler, Gaukler
und Sailtäuzer, ihre Brüder Büttel und Schergen, ihre
Schwestern Näterin, Wäscherin, Besenbinderinnen oder wol
gar Huren, ihre Mütter Kupplerinuen oder gar Hexen, und
in Summa ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her
also besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerb asteis
Zunft zu Prag immer sein mögen.'
Zu den Worten 'des Zuckerbasteis in Prag0 bemerkt der
neueste verdienstvolle Herausgeber des Simplicissimus Heinrich
296 Kurz (2, 366): 'Ich konnte zur Erklärung dieses Ausdrucks
nichts ausfindig machen; auch Herr Prof. Dr. Grohmann in
Prag, den ich darüber befragte, konnte mir keine Auskunft
geben."
Allerdings lag es nahe, in dem Zuckerbastei eine ge-
schichtliche Person zu vermuten und in der Piager Lokal-
11. Zu zwei Stellen der Simplicianischen Schriften. 81
geschiehte Auskunft zu erwarten: in der That aber ist er
einer Dichtung entnommen.
Die köstliche Novelle des Cervantes 'Rinconete und
Contadillo\ in welcher er so meisterhaft das Leben uud
Treiben der Gaunerzunft in Sevilla geschildert hat, ward
schon sehr bald durch einen gewissen Niclas Ulenhart deutsch
bearbeitet J). und zwar so, dass der Schauplatz aus Sevilla
J) Diese Beschreibung erschien zugleich mit einer Übersetzung des
Lazarillo de Torines des Mendoza [doch bestreitet Morel-Fatio, Etudes
sur l'Espagne 1. serie 2, 115 (1S88) Mendozas Autorschaft] unter folgen-
idem Titel:
'Zwo kurtzweilige, lustige, vnd | lächerliche Historien, ] Die Erste,
von | Lazarillo de Tornies, einem | Spanier, was für Herkomens er
ge- | wesen, wo, vnd was für abenthewrliche Possen, j er in seinen
Herrendiensten getriben, wie es jme auch | darbey, biss er geheyrat,
ergangen, vnnd wie er letst- | lieh zu etlichen Teutschen in Kundschafft
gerathen. Auss Spanischer Sprach ins Teutsche [ gantz trewlich trans-
ferirt. j Die ander, von Isa ac W in- | ckelf elde r , vnd Job st von der
Schneid, Wie es disen beyden Gesellen in der weitberüm- i ten Statt
Prag ergangen, was sie daselbst für ein | wunderseltzame Bruderschafft
angetroffen, vnd sich | in dieselbe einverleiben lassen. Durch | Niclas
Ulenhart beschriben. Gedruckt zu Augspurg, durch Andream
Aper- | ger, In Verlegung Niclas Hainrichs. j M. DC. XVII.' 8 Bl. -(- 392
S. 8°.
Weder auf dem Titel, wie man sieht, noch in der Vorrede findet
sich eine Andeutung, dass die Historie von Isaac Winckelfelder und
Jobst von der Schneid dem Spanischen entlehnt ist, während dies da-
gegen vom Lazarillo auf dem Titel und in der Vorrede ausdrücklich
erklärt wird. Dass 'Rinconete y Cortadillo' zu Grunde liegen, ist schon
im Quellenverzeichnis zum 1. Bande des Grimmschen Wörterbuchs
S. LXXXIX und danach von Goedeke, Grundriss 1, 432 [2. Aufl. 2, 577]
angedeutet. Ob bereits früher das Verhältnis erkannt worden, ist mir
unbekannt. Ad. Ebert in seinem Aufsatz 'Litterarische Wechselwirkungen
Spaniens und Deutschlands1 in der Deutschen Vierteljahrs-Schrift 1857,
Heft 2, S. 86 erwähnt zwar den Lazarillo von 1617, aber nicht die
Cervantessche Novelle. — Mit Lazarillo zusammen ward Ulenhart»
Bearbeitung der Novelle des Cervantes auch 1 1624 zu Leipzig bei
M. Wacbsinan und 1656 zu Nürnberg bei Mich. Endter neu gedruckt
und einzeln gar noch 1724 u. d. T. : 'Sonderlich-Curieuse Historia Von
[saac Winckelfelder. und Jobst von der Schneid: AVie es diesen Beyden
Gesellen, in der Weltberühmten Stadt Prag, Ergangen; Und was Sie
daselbst, vor eine Wunderseltzame Bruderschafft Antroffen, und sich
Kühler. Kl. Schriften. III. 6
82 ^ur neueren Literaturgeschichte.
297 nach Prag verlegt und das spanische Kostüm mit deutschem
vertauscht worden ist. Die beiden Haupthelden Pedro del
Rincon aus Fuenfrida und Diego Cortado aus Pedrosa heissen
hier Isaac Winkler aus Waldmünchen in der Churpfalz und
Jobst Schneider aus der Nähe von Brunn in Mahren; Senor
Monipodio aber, der Oberste der Sevillaner Gaunerzunft, 'el
padre, el maestro y el amparo de los ladrones' x), heisst der
Zuckerbastei.
'Des Zuckerbasteis Zunft zu Prag5 bedeutet also die
Gaunerzunft zu Prag; und da der Verfasser des Simplicis-
simus diesen Ausdruck so ohne weiteres braucht, ihn mithin
als ganz allgemein verständlich betrachtet, so sehen wir zu-
gleich daraus, wie verbreitet und viel gelesen die Ulenhartsche
Bearbeitung der Cervantesschen Novelle gewesen sein muss. 2)
2. Eine Enieiidation zum Vogelnest Teil 1, Kap. 8.
Grimmeishausens Simplicianische Schriften hsg. von
H. Kurz 3, 337, n : cals wann wir mit den alten heidnischen
Philosophis Epicuro, Democrito, Anaximandro, Thaletis disci-
puln, Metrodoro. Anaximene, Aristoclo, Archeiao, Xenophane,
Leucippo, Diogene Apolloniate 3), Anaxarcho und andern mehr
noch von vielen Welten ohne die unserige wolten träumen.
Würde ein solcher, der damit aufgezogen käme, nicht mit
dem Cujano zu vergleichen sein, der durch die Luft zu Sonn,
Darein Einverleiben lassen. Aller Welt, Zur Lehr und War- | nung, Vor
Beutelschneider- Meuchelmörder- Banditen- Spitzbuben- u. Diebe-Rott,
sich wohl Vorzusehen und zu Hüten, Eheraals durch Niclaus Ulenhartr
Beschrieben. Anjetzo von Neuem wiederum Auffgelegt. M. DCC. XXIV,'
8°. Vor diesem Haupttitel befindet sich noch ein Blatt, worauf: Cere-
moniel der Gaw-Dieb, Banditen, und Spitz-Buben' [A. Schneider, Spaniens
Anteil an der deutschen Litteratur 1898, S. 210. Farinelli, Zeitschr. für
vergl. Litteraturgesch. 13, 437.]
J) S. 245 bei Ulenhart: 'ein Meister, Vatter vnd Trost aller deren,
die sich mit stelen vnd andern dergleichen mittein hinzubringen vnnd
zu ernöhren begehren.'
2) [R. Gosche bemerkt:] Der obigen Deutung begegnet die eines-
Ungenannten in den Blättern für litterar. Unterhaltung 1868, nr. 27.
3) D. i. Diogenes von Apollonia, was ich nur wegen der Anmerkung
von Kurz bemerke.
12. Zwei angeblich noch ungedruckte Gedichte Gellerts. 83
Mond und Sternen gesegelt und dieselbe mit Menschen und
Tliieren bewohnt gefunden?' |
Zu dem Namen 'CujanoJ bemerkt II. Kurz in den An- 298
merkungen S. 49'2: Tujanus, mir unbekannt.5 — Natürlich;
denn Cujano ist offenbar nur ein Druckfehler für Cyrano.
Es ist Cyrano de Bergerac, der Verfasser der 'Histoire comique
des Etats et Empires de la Lune et du SoleiP, gemeint.
12. Zwei angeblich noch ungedruckte Gedichte
Gellerts.
(Blätter für litterarische Unterhaltung 1862, 629-630.)
Das Komitee für die Errichtung eines Gellert-Denkmals
in Hainichen hat vor kurzem unter dem Titel: cDie Gellert-
Stiftung und das Gellert-Denkmal in Hainichen. Ein ge-
schichtlicher Beitrag, nebst Dank und Quittimg über die zum
Gellert-Denkmal eingegangenen Beiträge3 (Hainichen, Barch-
witz), ein Schriftchen herausgegeben, in welchem S. 42 fg.
zwei 'bisjetzt noch ungedruckte3 Gedichte aus Gellerts
Jugendzeit mitgeteilt sind. Professor Dr. Mosch in Herisch-
dorf bei Warmbrunn in Schlesien, ein geborener Hainichener,
hat die Gedichte früher vom Pastor Schmidt in Knauthain,
welcher in Meissen und Leipzig Gellerts Zeitgenosse und
Freund gewesen war, erhalten und dem Komitee zur beliebigen
Verwendung überlassen. Beide nach der Meinung des Gellert-
Komitee ungedruckte Gedichte sind aber, wenn auch nicht als
Gellertsche, bereits mehreremal gedruckt worden.
Das erste Gedicht ist das folgende:
Nacht wächterlied.
Melodie: Sollt' es gleich bisweilen scheinen u. s. w.
1. Hört ihr Herrn und lasst euch sagen,
Unsre Glock' hat neun geschlagen.
Neun vergassen Dank und Pflicht,
Mensch vergiss der Wohlthat nicht!
§4 Zur neueren Literaturgeschichte.
Unser Wachen wird nichts nützen,
Gott muss wachen, Gott muss schützen.
Herr, durch deine grosse Macht
Gieb uns eine gute Nacht.
2. Hört ihr Herrn und lasst euch sagen,
Unsre Glock1 hat zehn geschlagen.
Zehn Gebote schärft Gott ein,
Ach, lass uns gehorsam sein.
Unser Wachen u. s. w.
3. Hört ihr Herrn und lasst euch sagen,
Uusre Glock1 hat elf geschlagen.
Nur elf Jünger blieben treu,
Hilf Herr, dass kein Abfall sei.
Unser Wachen u. s. w.
4. Hört ihr Herrn und lasst euch sagen,
Unsre Glock' hat zwölf geschlagen.
Zwölf das ist das Ziel der Zeit,
Mensch, bedenk' die Ewigkeit.
Unser Wachen u. s. w.
5. Hört ihr Herrn und lasst euch sagen,
Unsre Glock1 hat eins geschlagen.
Eins ist not, o treuer Gott,
Gieb uns einen sergen Tod.
Unser Wachen u. s. w.
6. Hört ihr Herrn und lasst euch sagen,
Unsre Glock1 hat zwei geschlagen.
Zwei Weg1 hat der Herr vor sich,
Herr, den besten lehre mich.
Unser Wachen u. s. w.
7. Hört ihr Herrn und lasst euch sagen,
Unsre Glock; hat drei geschlagen.
Drei in Eins! was Christ nur heisst,
Ehrt Gott Vater, Sohn und Geist.
Unser Wachen u. s. w.
Dieses ist ein vielfach im Munde des Volks in Deutsch-
land verbreitetes Lied und mehrmals in Volkslieder-
12. Zwei angeblich noch ungedruckte Gedichte Geliert«. g5
Sammlungen abgedruckt, zuerst, soviel ich weiss, von Büsching
und von der Hagen in ihrer 'Sammlung deutscher Volks-
lieder' (Berlin 1807, nr. 16). Vgl. Erk 'Deutscher Lieder-
hort' (Berlin 1856), nr. 196 und die Nachweise daselbst,
denen noch beizufügen ist von Ditfurths 'Fränkische Volkslieder'
(Leipzig 1855, 2, 351). [Erk-Böhme, Liederhort nr. 1580—1581.
Die Melodie ist die des Chorals 'Sollt es gleich bisweilen
scheinen' (1731) oder 'Ach wenn komt die Zeit heran' (1657.
Bäumker, das katholische deutsche Kirchenlied 1, 390. 3, 254)
und hat früher wahrscheinlich dem Opitzschen Liebesliede
'Itzund kömmt die Nacht herbeiJ angehört (Bäumker, Musicasacra
1896, nr. 24). Wichner, Stundenrufe der deutschen Nacht-
wächter 1897, S. 29 und 42.] Alle diese Fassungen weichen
natürlich im einzelnen, wie dies bei Volksliedertexten immer
geht, mehrfach voneinander ab. Jede der Gellertschen
Strophen aber findet in einem der Texte sich fast buchstäb-
lich wieder, und der Refrain 'Unser Wachen u. s. w.' ist in
allen Texten vorhanden, wenu auch mit kleinen Abweichungen,
wie 'Menschenwaeheu' statt 'Unsre Wachen', 'weise Macht'
statt 'grosse Macht', 'kann' statt 'wirdJ. [In einem 'Der Nacht-
wächter' überschrieben en Gedichte führt Rückert (Poetische
Werke 2, 172. 1868) den Refrain in folgender Gestalt an:
Menschen wachen wird nicht nützen,
Gott wird wachen, Gott wird schützen ;
Herr, durch deine Huld und Macht
Gieb uns eine gute Nacht!]
In mehreren Texten beginnt der Wächterruf mit der achten J)
Stunde, in manchen erst mit der zehnten, in den meisten
schliesst er mit der vierten 2) , natürlich je nachdem nach
der örtlichen Sitte der Wächter früher oder später seine Runde
begann oder schloss.
') Nur acht Seelen sprach Gott los,
Als die Sündflut sich ergoss.
2) Vierfach ist das Ackerfeld,
Mensch wie ist dein Herz bestellt?
gß Zur neueren Literaturgeschichte.
Das zweite Gedicht lautet so:
Vertrauen auf Gottes Vorsehung.
1. Ihr Sorgen, weicht, lasst mich in Ruh,
Denn Gott wird für mich sorgen,
Schickt er mir heute gleich nichts zu,
Vielleicht geschieht's doch morgen.
Und wenn es morgen nicht geschieht,
So giebt's ja noch mehr Tage,
Denn der, der weiss, was mir gebricht,
Der hört auch, wenn ich klage.
2. Wer weiss, wer sich noch um mein Heil
Ganz wunderbar bemühet,
Und wer um mein bescheiden Teil
An schwerer Arbeit ziehet,
Wer weiss, wer mir mein Feld besät,
Worin mein Weizen grünet,
Und wo das Stückchen Korn wohl steht,
Das mir zur Nahrung dienet.
3. Wer weiss, wer mir den Tisch noch deckt,
Der meinen Körper weidet,
Wo Gott ein gutes Herz erweckt,
Das meinen Rücken kleidet.
Wer weiss, wo noch das Schäfchen geht,
Das meine Wolle traget,
Und wo das sanfte Bettchen steht,
Darein mein Gott mich leget.
4. Wer weiss, wo noch das Brünnlein quillt,
Woraus ich trinken werde;
Vielleicht, so du, mein Gott, es willt,
So quillt's aus fremder Erde.
Denn du, mein Gott, du gehst gar oft
Mit uns sehr fremde Strassen
Und führest uns ganz unverhofft
Hinweg, wo wir sonst sassen.
5. Wer weiss das Plätzchen und den Raum,
Der sich für mich noch schicket,
Wer weiss den Garten und den Baum,
Der mich forthin erquicket;
Ach treuer Vater, das weisst du,
Denn dir ist nichts verborgen.
Drum Sorgen Aveicht, lasst mich in Ruh,
Denn Gott will für mich sorgen.
12. Zwei angeblich noch ungedruckte Gedichte Gellerts. 87
Dieses Gedicht, welches Geliert, als er nach Leipzig auf
die Universität ging, gedichtet haben soll, findet sich in Franz j
Ludwig Mittlers 'Deutschen Volksliedern" (Marburg und 630
Leipzig 1855, nr. 1276) [Walter, Volkslieder 1841, ur. 108.
Erk-Böhme, Liederhort nr. 2004] nach einem 'fliegenden
Blatte" abgedruckt und zwar mit dem vorstehenden Texte
bis auf ganz geringe Abweichungen übereinstimmend. So
heisst. um das Wichtigere mitzuteilen, es in der ersten
Strophe 'Gott wilP, 'Es giebt ja', 'Und der, der weiss"; in der
zweiten 'Gar schwere Arbeit ziehet das bischen Korn"; in der
dritten 'Das weiche Bettchen3, 'Worin'; in der fünften
"Dir, dir ist". Ferner findet sich das Gedicht aus mündlicher
Überlieferung hannoverscher Bauern in Karl Goedekes 'Elf
Büchern deutscher Dichtung' (Leipzig 1849, 2, 366) mit ähn-
lichen, unbedeutenden Abweichungen, aber auch mit bedeu-
tenderen Entstellungen. So in der ersten Strophe 'Gott will",
*Es giebt ja5, 'Und hört mich wenig klagen"; in der zweiten
'Und sich an meim bescheiden Teil vor schwerer Arbeit
ziehet", 'Das bischen Korn"; in der vierten 'Wenn du vielleicht
mein Gott es willst": 'Den AVeg, wo wir auf sassen"; in der
fünften 'Worin ich mich erquicke", 'Dir, dir ist". Endlich
finden wir in den 'Geistlichen Volksliedern mit ihren ursprüng-
lichen Weisen, gesammelt aus mündlicher Tradition und
seltenen alten Gesangbüchern" Paderborn 1850, nr. 33) [Erk-
Böhme nr. 2005] ein hierhergehöriges Lied aus dem Paderborn-
scheu, das auch Mittler und Goedeke zur Vergleichung beibringen
und das ich hier ganz mitteilen muss. Es lautet:
Wer weiss, woraus das Brünnlein quillt,
Daraus wir trinken werden?
Wer weiss, wo noch das Schaf lein gebt,
Das für uns Wolle traget?
Wer weiss, woraus das Körnlein wächst,
Das uns zur Nahrung dienet?
Wer weiss, wer uns den Tisch noch deckt,
Der uns den Körper weidet?
Wer weiss, wer uns den Weg noch zeigt,
Darauf wir wandern müssen?
Wer weiss, wo wohl das Bettlein steht,
Darin mich Gott einleget?
88 Zur neueren Literaturgeschichte.
"Wer weiss, wannehr der Tod wohl kömmt,
Der uns zum Richter führet?
Ach, treuer Vater, das weisst du,
Dir ist ja nichts verhorgen.
Und wenn's auch heute nicht geschieht,
Geschieht es doch wohl morgen.
Ihr Sorgen weicht, lasst uns in Kuh;
Denn Gott wird für uns sorgen.
Hier haben wir eine recht volksmässige, verkürzte und
zum Teil auch sonst geänderte Bearbeitung des ursprünglichen
Textes. Ist nun Geliert wirklich der Verfasser der beiden
Lieder? Ich möchte, da ich weder für noch gegen die Glaub-
würdigkeit des Zeugnisses des obengenannten Freundes
Gellerts sprechen kann, dies bestimmt weder annehmen noch
abweisen. Solange die Lieder nicht irgendwo in einem früheren
Drucke nachgewiesen werden, nmss man, scheint mir. die
Möglichkeit zugeben, dass Geliert sie geschrieben, aber, weil
sie ihm wahrscheinlich zu einfach, zu volksliederartig er-
schienen, nicht in seine Dichtungen aufgenommen hat, dass
sie aber trotzdem irgendwie handschriftlich ins Volk gedrungen
sind, wo sie eben wegen ihrer Einfachheit und Volksmässig-
keit die oben nachgewiesene Verbreitung erlangt haben.
13. Zu Lessings Grabsehrift auf einen
Gehenkten. ')
(Archiv für Literaturgeschichte 7, 32. 1878.)
In den 'Gedichten' von Blumaue r 2, 167 (Wien 1787)
lindet sich folgende
Grabschrift eines Spaniers für seinen gehenkten Vetter.
Nach dem Französischen.
Hier schloss mein Vetter Raps die Augen zu.
0 Wandrer, Mick hier in die Höhe,
Und wünschest du dem armen Sünder Ruh,
So wünsche — dass der Wind nicht wehe !
!) Vgl. Archiv 5, 483 [wo Boxberger auf D. Stoppe, Neue Fabeln
1, 113 (1745) aufmerksam gemacht hatte:
Auf Hamanns Kirchhof zu begraben,
Auf dem die Toten ruhn, sobald der Wind nicht geht.]
14a. Zu Lessings Gedicht 'Das Muster der Ehen'. K<)
Die mir unbekannte französische Vorlage Blumauers
hat vielleicht auch Lessing gekannt und nach ihr seine Grab-
schrift eines Gehenkten gemacht: 'Hier ruht er, wenn der
Wind nicht weht'.
[P. Albrecht, Lessings Plagiate 1, 307 (1890) verweist
auf Paul Scarrons Epigramm in den Oeuvres 7, 352:
Epitaphe de Henri Ganelon.
En ce gibet Henri repose,
Quand le vent cesse ou qu'il est bas;
Quant il vente, c'est autre chose,
On diroit qu'il ne s'y plait pas.]
14 a. Zu Lessings Gedicht 'Das Muster der
Ehen.'
(Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte 1, 492—494. 1888.)
In Nicolaus Reusners x) Aureolorum Emblematum Liber
siugularis (Argentorati 1591) finden sich Bl. Diijb folgende
lateinische und deutsche Verse:
Tranquilli tas Coniugij.
Coniugium felix ut sit, blandumque : maritus
Surdus sit, coniux cseca sit OTTO, domi.
Blind sey das Weib, Taub sey der Mann,
Soll Lieb in Ehe lang wol bestahn.-)
Als ich diese Verse vor einiger Zeit kennen lernte, musste
ich sogleich au Lessings Gedicht 'Das Muster der Ehen3 denken,
welches also lautet:
Ein rares Beispiel will ich singen,
Wobei die Welt erstaunen wird.
Dass alle Ehen Zwietracht bringen,
Glaubt jeder, aber jeder irrt. |
') JsT. Reusner, berühmter Polyhistor und lateinischer Dichter, geb.
1545 in Löwenberg in Schlesien, f Hi02 als Professor der Rechte
in Jena.
2) Jedes der Aureola Emblemata besteht aus einer Überschrift in
lateinischer oder - - doch nur selten — in griechischer Sprache, einem
90 Zur neueren Literaturgeschichte.
493 Ich sah das Muster aller Ehen,
Still, wie <li<' stillste Sommernacht.
O dass sie keiner möge sehen,
Der mich zum frechen Lügner macht!
Und gleichwohl war die Frau kein Engel,
Und der Gemahl kein Heiliger.
Es hatte jedes seine Mängel,
Denn niemand ist von allen leer.
Doch sollte mich ein Spötter fragen,
Wie diese Wunder möglich sind?
Der lasse sich zur Antwort sagen:
Der Mann war taub, die Frau war blind.1)
Lessings Gedicht ist aber auch der Erzählung Gellerts
'Die glückliche Ehe3 — dem Inhalte wie dem Titel nach —
sehr ähnlich. Auch Geliert schildert eine glückliche Ehe,
die er gesehen hat, und auch er giebt zum Schluss einen
ganz unerwarteten überraschenden Grund dafür an, dass eine
so glückliche Ehe möglich war: das Paar starb acht Tage
nach der Hochzeit.
Offenbar ist Lessings Gedicht, wie auch Erich Schmidt,
Lessing 1, 94 [2. Aufl. 1, 94. 695], annimmt, eine Nachahmung
des älteren Geliertsehen, aber mit einem andern Schluss, und
auf diesen andern Schluss ist Lessing möglicherweise, ja man
darf vielleicht sagen wahrscheinlich, durch Reusners Emblema
Holzschnitt nach Tobias Stimmer, einem lateinischen Distichon und
einem deutschen Reimpaar, welch letzteres die — meist sehr unbeholfene
— Übersetzung der lateinischen Verse ist. Über obigen Versen steht —
gewiss nur aus Versehen - - ein zu ihnen gar nicht passender Holz-
schnitt (Orion, der die Diana verfolgt und dabei von einem Skorpion
gestochen wird), welcher Bl. Gvij an richtiger Stelle wiederkehrt. —
— Wer der Otto im lateinischen Distichon ist, weiss ich nicht. [In den
Deliciae poetarum Germanorum 5, 77G (1(512) steht Reusners Epigramm
*Ad. Joan. Hessum' in folgender Form :
Coniugium quo sit foelix expersque querelae,
Surdus vir, coniux coeca sit, Hesse, domi.]
*) In dem ersten und in dem dritten Drucke des ersten Teiles der
ersten Ausgabe von G. E. Lessings Schriften (Berlin bei C. F. Voss
1753), S. 144 lautet die letzte Zeile:
Die Frau war taub, der Mann war blind.
14 a. Zu Lessings Gedicht 'Das Muster der Ehen'. 91
gekommen, welches meines Wissens bisher noch nicht beachtet
worden ist.
Bei dieser Gelegenheit sei noch eine ganz unbegreifliche,
irrige Behauptung zurückgewiesen, die neuerdings über Lessings
Gedicht in der Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche
Litteratur 31, 104 aufgestellt worden ist. Richard M. Meyer
schreibt dort:
'Lessings Gedicht 'Das Muster der Ehen' (Lachmann2
1, 133) ist nicht, wie Erich Schmidt 1, 94 meint, die Be-
arbeitung einer Fabel von Geliert, sondern eine z. T. wörtliche
Übersetzung von Popes Gedicht c0n a certain lady at | court5 494
(Poetical works of A. Pope, Edinburgh, S. 435); der Anfang
lautet: I know the thing that 's most uncommon; der Schlnss:
The womau 's deaf, and does not hear. Popes Epigramm
gilt also nur der Frau, Lessings der Ehe. Dadurch wird die
Tautologie der englischen Schlusszeile beseitigt'.
Damit nun die Leser, von denen doch nur die Minder-
zahl Popes Werke zur Hand haben wird, über das Verhältnis
von Popes Gedicht zu dem Lessings gleich selbst urteilen
können, möge ersteres hier folgen:
On a certain lady at court.
I know the thing that 's inost uncommon
(Envy, be silent. and artend!);
I know a reasonable woman,
Handsome and witty, yet a friend.
Not warp'd by passion, aw'd by rumour,
Not grave thro' pride, or gay through folly,
An equal mixture of good humour,
And sensible soft melancholy
'Has she 110 faults then (Envy says), Sir:''
Yes, she has one, I must aver:
AVhen all the world, conspires to praise her,
The woman 's deaf, and does not hear. 1)
') The Works of A. Pope. New Edition. With Introductions and
Notes by W. Erwin and W. J. Courthope. Vol. IT. London 1882. S. 448.
— Das Gedicht geht, wie uns die Note des Herausgebers belehrt, auf
Mrs. Henrietta Howard, geb. Hobart, Gemahlin von Sir Charles Howard,
der 1731 Earl of Suffolk wurde.
02
Zur neueren Literaturgeschichte.
Ich frage nun: was hat Lessings Gedicht mit dem Popes
gemein, als dass in der letzten Zeile des Lessingschen Ge-
dichtes das Wort taub, wie in der letzten des Popeschen
das Wort deaf vorkommt? Und doch soll Lessings Gedicht
eine zum Teil wörtliche Übersetzung des Popeschen sein!
14b. Noch einmal Lessings Gedieht
'Das Muster der Ehen/
(Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte 2, 275—278. 1889.)
Mein Freund Robert Boxberger hat, gleich nachdem er
meinen Aufsatz über Lessings Gedicht 'Das Muster der Ehen'
(Vierteljahrsschrift 1, 492) gelesen, mich auf das 113. der
von Goedeke herausgegebenen geistlichen und weltlichen
Lieder von Hans Sachs hingewiesen. Dies einer eigen-
276 händigen Handschrift des Dichters entnommene Lied von drei
Strophen ist betitelt 'Was die e gut mach' und beginnt:
Alphonsum, den künig, tet fragen
ein graf, wan eleut fritlich sint?
cWan der man taub wirf, tet er sagen,
'und wan das weihe gar erblint1.
Der Graf bittet dann um Erklärung dieses Ausspruches,
und der König giebt sie in den beiden andern Strophen.
Goedeke hat dem Liede folgende Anmerkung beigefügt:
fAus den Dictis Alphonsi regis Arragoniae in Plutarchs
Sprüchen von Eppendorf, S. 589. Auch von Lessing behandelt:
Das Muster der Ehen (Maltzan 1, 133).'
Diese Anmerkung veranlasste mich in dem berühmten
Werke 'De dictis et factis Alphonsi regis Aragonum libri
<|iiatuor' nachzusehen, welches der italienische Humanist Antonio
degli Beccadelli, gewöhnlich nach seiner Vaterstadt Palermo
Antonius Panormita genannt, verfasst hat, und da fand
ich den 7. Abschnitt des 3. Buches also lautend:
Matrinionium ita denium exigi tranquille et sine querela posse
dicebat [sc. Alphonsus], si mulier caeca hat et maritus surdus.
14 b. Noch einmal Lessings Gedieht 'Das Muster der Ehen'. 93
Hierzu giebt Jakob Spiegel, der zu dem Werke Schotten
geschrieben hat1), folgendes Scholion:
Innuens, opinor, foemineum genus obnoxium esse zelotypiae, atque
hinc oriri rixas et querimonias, rursum maritis perraolestam esse uxoruin
garrulitatem, qua molestia cariturus sit, si hat surdus, nee illa vexa-
bitur adulterii suspitione, si careat oculis. Sie interpretatur magnus
noster Erasmus. Quanquam id dicti Pontanus ille quoque magnus vir
tribuit ipsi Antonio Panormitae libro tertio de Obedientia, et de Sermone
tertio. Sie enim ait: Antonium Panormitam, cum ab eo quaereretur,
quibus maxime opus esse iudicaret ad connubii tranquillitatem, respon-
dentem audivi, nullas nee quietas nee felices satis nuptias esse posse,
praeterquam si vir surdus esset, uxor vero eaeca, ne altera videlicet
inspiceret, | quae a marito intemperanter fierent plurima, alter ne 2) 277
audiret obgannientem assiduo domi uxorem.
Die angeführte Interpretation des Erasmus findet sich
in seinem Werk: Apophthegmatum ex optimis utriusque
linguae scriptoribus colleetorum libri VIII. In das letzte Buch
hat Erasmus nämlich eine Anzahl Aussprüche des Königs
Alfous aufgenommen und darunter auch — als vierten —
den obigen mit ein paar kleinen sprachlichen Änderungen
und mit beigefügter Erklärung:
Idem dicere solet , ita demum matrimonium tranquille eitraque
querimonias exigi posse, si maritus surdus hat, uxor eaeca: innuens,
opinor, etc. etc. 3)
Die beiden Stellen aus den Werken des Joannes Jovianus
Pontanus (Giovanni Gioviano Pontano), des jüngeren Zeit-
') Antonii Panormitae de dictis et factis Alphonsi regis Aragonum
libri quatuor. Commentarium in eosdem Aeneae Sylvii, quo capitatim
cum Alphonsinis contendit. Adiecta sunt singulis libris Scholia per
D. Iacobum Spiegelium. Basileae 1538. 4°. — Spiegels Dedikation an
Kaiser Karl Y. und dessen Bruder König Ferdinand I. ist vom 3. Mai
1537 datiert.
2) Die Worte 'alter ne' fehlen bei Spiegel.
3) 'Plutarchs Sprüche von Eppendorf, wie Goedeke a. a. O. kurz
citiert, sind eben die Apophthegmata des Erasmus [1533J in der Übersetzung,
die 1534 zu Strassburg erschien und betitelt ist: Plutarchi von Cheronea
und anderer kurtz weise und höfliche Spruch . . . Neulich durch Heinrich
von Eppendorf uss dem Latin in Teutsch verdollmetscht. Vgl.
J. F. Degen, Litteratur der deutschen Übersetzungen der Griechen 2,
329 ff., Nachtrag S. 279 ff.
Ü4 Zur neueren Literaturgeschichte.
genossen und Freundes des Antonius Panormita, welche Spiegel
citiert. alter nicht einzeln ihrem Wortlaut nach mitgeteilt, aus
welchen er vielmehr eine gemacht hat, mögen hier folgen.
De Obedientia über III, cap. II.
Antonium Panormitam, cum ab eo quaereretur, quibus maxiine
opus esse iudicaret ad connubii tranquillitatem, respondentem audivi,
nullas nee quietas, nee felices satis nuptias esse posse praeter quam si
vir Burdus esset, uxor veru caeca.
De Sermone liber III, cap. XVII.
Antonius Panormita, suavis admodum vir, interrogatus, ad rem
uxoriam iueunde concorditerque agendam quibusnam maxime opus esse
duceret, sumpto argumento a frequentia molestiarum ac magnitudine,
quae in vita contingerent coniugali, duobus tantum opus esse respondit,
vir ut aurium surditate teneretur, uxor vero ut oculis esset capta, ne
altera videlicet inspiceret, quae a marito intemperanter fierent plurima,
alter ne audiret obgannientem assiduo domi uxorem.
Nach vorstehenden Mitteilungen braucht also Lessing
278 auf den Schluss seines Gedichtes 'Das Muster der Ehen" | keines-
wegs gerade durch Reusners Emblema gekommen zu sein.
Boxberger hat mich auch noch wegen der letzten Zeile
des Lessingschen Gedichtes auf Lessings Brief an seinen
Bruder Karl vom 31. Dezember 1771 verwiesen, in welchem
Lessing schreibt: c\Yenn im zweiten Teile die Erzählung Das
Muster der Ehen noch nicht abgedruckt ist. so soll es mir
lieb sein. Denn ich kann nicht begreifen, wie vom Anfange
an die letzte Zeile so ganz widersinnig abgedruckt worden.
Es muss nämlich nicht heissen:
Die Frau war taub, der Mann war blind,
sondern umgekehrt:
Der Mann war taub, die Frau war blind.
Ändere das also, wenn es noch Zeit ist."
[Paul Albrecht. Lessings Plagiate 1. 437 (1890) führt
noch folgende weitere Bearbeitungen dieses Motivs an: Sebastian
Scheffer, Poemata 1572, p. 136 = Melander. Joci atque
seria 1603, nr. 489:
Thorus t r an qu i 1 1 u s.
Altera luminibus quando caret, auribus alter,
Improba coniugium tale querela fugit.
15. Die Quelle von Wielands Hann und Gulpenheh. 95
Francoys Gayot de Pitaval, Bibliotheque des gens de cour
4, 154 (1746): Tour vivre en paix dans le mariage, il faut
que l'homnie soit sourd, et la femnie aveugle.0 — [Stoeterogge,]
Recueil von allerhand Collectaneis, 11. Hundert S. 58, nr. 77
(1720): 'Een ervaaren Persoon wierd gevraegt, in wat huys
van getrouwde Heden dat men de grootste rust en vreede
vant? Hy antwoorde: Daer de man doof en de vrouw
blint was."
Carolus Desiderius Royer de Nommcy 5, 102, p. 130:
Quid coniugium trau quill um efficere possit.
Si vir sit surdus, si vero coeca sit uxor,
Coniugii stabilis pax erit atque quies.
M. Landau (Vjschr. f. Littgesch. 5, 1G0) verweist noch auf
Terenz, Andria 3, 1, 5: 'Utiuain aut liic surdus aut haec
nmta facta sit!' — auf das südslavische Sprichwort: cDas
Ehepaar lebt am glücklichsten, wenn der Mann blind und
die Frau taub ist3 (Fr. Krauss, Sitte und Brauch der Süd-
slaven 1885, S. 507) und auf Rabelais, Pantagruel 3, eh. 34:
'comedie de celluy qui auoit espouse une femme mute3.]
15. Die Quelle von Wielands Hann
und Gulpenheh.
(Archiv für Literaturgeschichte 3, 416—421. 1874.)
Es ist bekannt, dass die 'Bibliotheque universelle des ro-
mans3 unserm Wieland die Stoffe zu Geron dem Adeligen,
zum Sommermärchen, zum Pervonte und vor allem zum Oberon
geliefert hat;1) aber man scheint bisher nicht bemerkt zu
*) S. Küberstein, Grundriss 4. Ausg. 2, 1599 — 1601. [Über Geron
s. Ransohoff, Vjschr. f. Littgesch. 3, 530 und Singer, Zs. f. d. Phil. 25,
220. -- Köhlers Ausgabe von Wielands Oberon 1868. M. Koch, Das
Quellenverhältnis von Wielands Oberon 1880. Riedl, Zs. f. vgl.
Littgesch. 3, 124.]
96
Zur neueren Litteraturgeschiehte.
411
haben, dass auch die Quelle von Wielands 'Haiiu und Gulpen-
heh' in derselben Zeitschrift sich findet x).
Wielands Hann und Gulpenheh erschien zuerst im ersten
Vierteljahr des Teutschen Merkurs vom Jahre 17782), und nur
ein paar Monate früher war die Quelle, aus welcher Wieland
geschöpft hat. in der Bibliotheque des Romaus erschienen.
Es ist die im ersten Oktober-Bande des Jahrgangs 1777.
S. 186 — 191 stehende, den türkischen 'Vierzig Vezieren5 ent-
nommene 'Histoire du Tailleur et de sa femme\
Schon Petis de la Croix hatte die Geschichte des
Schneiders und seiner Frau in seiner Bearbeitung eines Teils
der 'Vierzig Veziere1, welche u. d. T. 'Histoire de la Sultane
de Perse et des Visirs, Contes Turcs, coinposes en langue
Turque par Chec-Zade, et traduits en FraneoisJ 1707 | zu Paris
erschien3), erzählt; aber seine Erzählung und die der Biblio-
theque des Romans sind nicht nur den Worten nach verschieden,
sondern weichen auch sachlich mehrfach voneinander ab4).
Der Übersetzer der Bibliotheque des Romans hat ein Manu-
script benutzt, welches, wie er S. 185 sagt: 'ajoute ou change
quelques circonstances ä ceux [contes] qui sont dejä traduits'.
(Vgl. auch 1778, Janvier, 2, 196.)
') Kobersteiü 2, 1600 sagt von Hann und Gulpenheh: cDie Quelle,
wenn der Dichter anders eine benutzt hat, ist mir unbekannt.' [Doch
vgl. Keller, Romans de Sept Sages 1836, S. CLXVI1.]
2) S. 103 — 114. Später erschien die Dichtung mit einigen Ver-
änderungen im 5. Bande der 'Auserlesenen Gedichte' Wielands (Leipzig
1785) und endlich mit neuen und zahlreicheren Änderungen im 18. Bande
der Göschenschen Ausgabe der 'Sämtlichen "Werke' Wielands (Leipzig 1796).
3) Wiederholt im Gabinet des Fees, Tome 16 (Geneve 1786) und
in der von Loiseleur-Deslongchamps und Aime Martin besorgten Aus-
gabe der Mille et un Jours, Paris 1840, S. 301—367. Unsere Erzäh-
lung steht an ersterem Orte S. 76, an letzterem S. 320. In neuerer Zeit
hat bekanntlich W. F. A. Behrnauer eine vollständige und treue Über-
setzung der türkischen 'Vierzig Veziere' geliefert (Leipzig 1851), wo
man S. 80 unsere Erzählung findet. [Riviere, Contes populaires de la
Kabylie 1882, S. 119: 'Jesus-Christ et la femme infidele'.]
4) Einige sachliche Abweichungen der Erzählung des Petis de la
Croix von der der Bibliotheque des Romans und also auch Wielands
sind: der Schneider will 24 Stunden auf dem Grabe seiner Frau weinen,
15. Die Quelle von Wielands Hann und Ghilpenheh. 97
Da die Bibliotheque des Romans schwerlich allen Lesern
des Archivs, welche die Erzählung Wielands mit seiner Quelle
gern seihst vergleichen möchten, zugänglich ist. so lasse
letztere hier folgen.
Histoire du Tailleur et de sa l'emme,
contee par le troisieme Visir. pour prouver combien on doit
se melier des femmes.
11 y avoit, du temps du prophete Aissa (on ne sait ou)
un Tailleur qui avoit epouse une tres-jolie femme, que Ton
nommoit Gulhendam, ä cause de la beaute de sa taille (car
Gulhendam veut dire taille de rose)1). Au milieu des traus- |
ports de leur mutuelle tendresse, (car le Tailleur de son 418
cöte etoit aussi im jeune homme tres-bien fait et tres aimable)
ils se promirent des preuves remarquables de leur passion.
*Mor, dit le Tailleur ä sa femme, rsi je te perds, je passerai
neuf jours ä pleurer sur ton tombeau.3 — cAhJ, repondit Gul-
hendam. cce n'est rien que cela, en comparaison de ce que
je veux faire pour te prouver rann amitie: si tu meurs le
premier, je m'enterrerai tonte vive avec toi.J Le Tailleur la
crut, et l'embrassa tendremeut. Cependant, im an apres, la
jeune femme ayant, par malheur. avale un os de mouton, il
•die Frau will Hungers sterben. Es ist nicht gesagt, dass die Frau an
einem verschluckten Knochen erstickt, sondern es heisst nur: 'Par la
toute-puissance de Dieu, la femme mourut la premiere.3 Der Prophet
Aissa berührt das Grab nicht mit der 'petite baguette', sondern betet
bloss und erweckt dadurch allein die Tote. Nicht der Königssohn selbst,
-nndern nur seine Begleiter sprechen mit Gulhendam auf dem Friedhof,
und einer der Begleiter giebt ihr sein Gewand. Schon nach drei Tagen
erfährt der Schneider, dass seine Frau im Serail ist. Gulhendam wird
zuletzt an Stelle ihres Mannes gehängt.
*) Wieland hat diesen Namen wahrscheinlich des Wohlklangs
wegen in Gulpenbeh geändert. 'Gulpenheh' schreibt Wieland übri-
gens erst | in der Gesamtausgabe, im Teutschen Merkur 'Gulpenhee',
in den Auserlesenen Gedichten 'Gulpenhe'. [K. 0. Mayer, Yjschr. f.
Littgeseh. 5, 392 verweist auf die 'Histoire d'Outzim Ochantey' in Gueu-
lettes 1001 quart d'heure (Gab. des fees 21, 219), wo der Name
Gulpenhe als cfleur de pecher" erklärt wird.)
Köh 1er. Kl. Schriften. III. 7
1 IS Zur neueren Literaturgeschichte.
1 n i resta dans le gosier sans qu'on put Ten tirer; de sorte
quelle tut etranglee et mourut ainsi avant son mari et au
graud desespoir de ce tendre epoux. II lui fit faire des ob-
seques aussi magnifiques que sou etat le lui permettoit; et
quaud eile tut dans le torabeau, il se placa ä ses pieds,
pleurant et gemissant .saus cesse, et comptaut rester ueuf
jours, au moins, dans cet etat douloureux. Des le soir
meine, le Prophete A'issa passa par le cirnetiere oü cette
femme etoit enterree; voyant le mari pleurant, il lui demanda
quel etoit le sujet de son affliction. 'HelasP lui repondit
le Tailleur, 'j'ai perdu une femme charmante, et dont j'etois.
adore: aujourd'hui meine on l'a mise dans ce tombeau'.
— Tuisque tu la regrettes tant3, dit le Prophete, 'je vais de-
mander a Dieu qu'il te la rende.J En meme temps il se mit
en prieres ; puis il frappa le trombeau d'une petite baguette
qu'il tenoit ä la maiu. Le sepulcre s'ouvrit, et Gulhendam
en sortit. Son epoux, enchante de la revoir, l'embrassa mille
fois, mais comme eile n'etoit enveloppee que d'un linceul extre-
mement court, et par consequent presque nue: 'Angle de mon
foye, lumiere des mes yeux, matiere de ma vieJ (expressions
teudres Turques, traduites litteralement) cque de graces n'avons-
nous pas ä rendre ä Dieu, et ä son Prophete! 'dit le Tail-
leur; 'mais je ue peux te tirer d'ici, et te faire traverser la
ville, pour te ramener dans ma maison, dans l'etat oü te
voilä. Attends-moi pendant quelques momens cachee cler-
419 riere ces | pierres; je revieudrai bientot avec im calecon, im
caffetan et im voile, et nous retournerons gaiemeut dans
notre maison, louant Dieu qui a sans doute voulu nous re-
compenser de notre extreme fideliteV
En disant cela le Tailleur partit. Un moment apres, le
fils du Roi passa par le cirnetiere, revenant dans la ville
assez tard, parce qu'il avoit soupe ä la campagne: Comme
il etoit precede de quelques flambeaux, ses gens apercurent,
ä leur lueur, une femme presque nue, et la trouverent belle,
comme eile l'etoit effectivement. 11s en avertirent aussitut
le Prince, qui s'en approcha; et la trouvant reellement digne
de ses attentions: 'Belle personne', lui dit-il, 'par quel hasard
15. Die Quelle von Wielands Sann und Gulpenheh. 99
vous trouvez-vous dans ce lieu, ä cette heure et dans eet
etat?' 'SeigneurJ, lui repondit la femme du Tailleur eu
rougissant extremement, 'je ue peux vous repondre dans
l'etat ou je suis/ Aussitöt le Prinee se depouillant de son
propre eaffetan, Pen revetit; et continuant ses questions, lui
demanda si eile etoit mariee. 'Si vous etes libreJ, lui dit-il,
'venez dans raon serail; vous eu ferez l'ornement, et vous y
guüterez toutes sortes de delices'1). La belle, qui reconnut
bieu le lils du Koi ä sa magnificence, fut seduite par l'espe-
rance d'habiter im serail delicieux, au lieu de la petite maison
oü eile vivoit avec son mari. 'Seigneur/ repondit-elle au
Prinee, 'je n'ai aucim engagemeut, je m'estimerai heureuse
d'etre la plus cherie de vos esclaves.3 Le | fils du Sultan, 420
satisfait de cette reponse, la conduisit dans son serail.
Le pauvre Tailleur revint peu-apres. apportant tout ce
qui etoit necessaire pour 1'liabillement de sa fernme : il ne la
trouva plus. 11 se douta bien qu'on la lui avoit enlevee;
mais il n'eut garde de soupconuer qu'elle y eüt consenti.
'Helas!' disoit-il, cma malheureuse epouse est actuellement
dans une furieuse afflietion; eile qui vouloit s'enterrer toute
vive avec moi, s'arrache surement les cheveux, puisqu'elle est
separee de moi; peut-etre meine s'est-elle perce le sein." Gul-
hendam. au contraire, se divertissoit tres-bien dans le serail
du Prinee. Son mari cherchant partout dans la ville et dans
les environs, s'informant. s'inquietant, ne put savoir aisement
ce qu' eile etoit deveuue. Ce ne fut qu'au bout de quelques
!) Die entsprechenden Verse bei Wieland lauten im Teutschen
Merkur und in den Auserlesenen Gedichten:
. . . Denn, falls ihr ledig seyd,
So kommt, und geht als wie die Morgensonne
In meinem Harem auf! .Macht eines Prinzen Wonne,
Und Freuden ohne Maas erwarten euch
In euerm neuen Reich !
In den Sämtlichen Werken :
. . . Denn; falls du ledig bist,
So komm und geh wie eine Morgensonne
In meinem Harem auf! Mach eines Prinzen Wonne,
Der ohne dich nicht mehr zu leben fähig ist '.
100 Zur neueren Litterarurgeschichre.
mois qu' un des esclaves du Princes lui ayant dit que la favo-
rite de son Maitre avoit ete trouvee dans un cimetiere, il com-
menca ä soupconner la verite: et ayant fait quelques autres
Information s, il ue put plus douter de 1a verite de ses eon-
jectures. Aussitot il court au palais, s'adresse aux Visirs,
au Sultan, au Prince meine, et demande avec instance qu'on
lui rende sa fenirae. Le Prince, aussi equitable que volup-
tueux, convient qu'il a trouve une fem nie dans un cimetiere.
mais ajoute qu'elle lui a declare qu'elle etoit libre. cC'est
la mienneJ, dit le mari; 'peut-etre dans ce moment avoit-elle
l'esprit trouble: mais je sais bien sür que des qu'elle ine
verra, eile volera dans mes bras.1 On consentit ä l'entrevue.
Gulhendam fut d'abord un peu troublee de l'arrivee de son
mari. Cependant s'etant remise et l'envisageant avec une
effronterie qui repondoit ä sa conduite quand on lui demanda
si eile connoissoit cet homme: cOui, je le connois", repondit-
elle ; Vest un voleur qui, m'ayant rencontree dans la nie.
m'a pris tont ce que j'avois, m'a conduite dans un cimetiere,
ou il m'a laissee tonte nue.3 Une accusation aussi grave
paroissant vraisemblable, on fit aussitot enlever le malheureux
Tailleur, on le fit juger par le Cadi : et sur le temoignage
de Gulhendam, il fut condamne a etre pendu. 11 touchoit au
421 moment de l'execution, et son indigne femme | en triomphoit
dans le serail du Prince, lorsque tout-a coup le Prophete
Aissa parut sur la place publique. La presence en imposa
aux executeurs, et leur fit suspendre leurs fonctions. Le Pro-
pliete harangua hautement, et rendit un compte fidele de
l'aventure du Tailleur et de sa femme. On reconnut l'inno-
cence du premier, et il fut ramene, accompagne dune foule
de peuple, au Sultan qui le congratula et le combla d'hon-
neurs et de biens. Pendant ce temps, la malheureuse Gul-
hendam mourut, et fut reportee dans le tombeau dont Aissa
l'avoit tiree: et son mari ne fut plus assez bon pour la
pleurer.
lt',. Zu Wielanda Clelia und Sinibald. 101
16. Zu Wielands Clelia und Sinibald.
(Archiv für Literaturgeschichte 5, 78—83. 1876.)
I.
Aus K. A. Böttigers handschriftlichem Nachlass (Littera-
rische Zustände und Zeitgenossen 1. 182) wissen wir, dass
Wieland am 28. Februar 1796 zu Böttiger sagte:
'Ich habe nie etwas gedichtet, wozu ich nicht den Stoff
ausser mir, in irgend einem alten Romane, Legende oder Fabliau
gefunden hätte. So half mir ein ganz unbekannter Romancier
Caveccio, aus dem l(i. Jahrhundert, dessen tolles Geschwätz
in den .Melanges tires dune grande bibliotheque4 steht, auf die
erste Idee von Clelia und Sinibald1), meinem Lieblingsstücke
unter den kleinern.5
Einen Romandichter Caveccio sucht man in den fMe- | langes' 79
etc. vergeblich. Böttiger muss falsch gehört oder be[richtet]
haben, oder der Name ist verdruckt2). Den richtigen Namen
giebt uns aber das Gedicht von Clelia und Sinibald selbst,
wo in der Einleitung V. 11—24 also lauten:
1) Diese Dichtung kam zuerst u. d. T. 'Clelia und Sinibald. Eine
Legende aus dem zwölften Jahrhundert' nach und nach — in acht
Teilen — im Teutschen Merkur von 1783 (Jänner, Februar, May,
November. December) und 17*4 (Jänner, April, May) heraus. Nach
Beendigung der Veröffentlichung im Merkur erschien alsbald eine un-
veränderte Einzelausgabe (Weimar 1784. In Kommission in der Hoff-
mannischen Buchhandlung). Dann brachte der 7. Band der 'Auserlesenen
Gedichte' Wielands (Leipzig, bey Weidmanns Erben und Reich, 1787)
eine verbesserte Ausgabe, in welcher das Gedicht 'Clelia und Sinibald,
oder die Bevölkerung von Lampeduse. Eiue Legende' betitelt und in
neun Bücher eingeteilt ist. Endlich erschien es in wiederum verbesserter
Gestalt im 21. Bande der cSämmtlichen Werke' Wielands (Leipzig,
bey G. J. Göschen 1796). In dieser letzten Ausgabe ist es in eine Ein-
leitung und zehn Bücher geteilt und hat folgenden Titel: 'Clelia und
Sinibald, oder die Bevölkerung von Lampeduse. Ein Gedicht in zehn
Büchern. 1783'.
2) Die Originalniederschrift von Böttigers Hand im Besitz der
Dresdener Bibliothek bietet Caveccio wie der Druck (F. Schnorr von
Carolsfeld).
102 Zur neueren Literaturgeschichte.
Hier ist demnach von Feen und von Zwersren,
Von Lilienstab und Born und Becher ke'ine Spur;
Den Orthodoxen der Natur
Zu grossem Trost! Doch können wir nicht bergen,
Dass zweimal wenigstens (wie wohl im Traume nur,
Und ohne selbst personlich auf die Bühne
Hervorzugehn) die heilige Kathrine
Mit ihrem Schwert, und einem Kranz von Myrt'
Und Rose1) um die Stirn, sich sehen lassen wird.
In einem Traum (der, wie ihr wisst, im Magen
Erzeugt wird) liisst sich das noch allenfalls ertragen'-):
Das Faktum übrigens weicht keinem im Homer,
Und Caviceo, (im Vertrau'n zu sagen)
Wenn ihr ihn kennet, leistet die Gewähr3).
Caviceo ist Giacopo Caviceo von Parma (geb. 1443,
j 1511), der Verfasser der zuerst 1508 erschienenen und im
16. Jahrhundert mehrmals gedruckten, auch in das Französische
und Spanische übersetzten Romans 'II PeregrinoH). Von diesem
Roman brachte der 10. Band der 'Melanges tires d'une grande
bibliotheque3 (Paris 1780) S. 278 —391 einen von 'Monsieur
M. C. D. G.5 verfassten sogen. cExtraitJ u. d. T. cLes Amours
<le Peregrin et de Genievre0, und diesen Extrait also hat
Wieland nach seiner oben mitgeteilten Äusserung gekannt.
Er hat aber nur den Anfang und ausserdem einen
verhältnismässig kleinen Teil der langen Liebesgeschichte
benutzt. Der junge Peregrin (so beginnt die Geschichte), der
bis dahin der Liebe getrotzt hatte, sieht am ersten Mai in
einer Kirche zu Ferrara Genievren und wird sofort von heftiger
Liebe ergriffen. Ahnlich ist der Anfang von Wielands Dichtung:
so Sinibald, der bis dahin 'nichts Schoners als sich selbst
•gefunden', und Rosine sehen sich am Sankt Katharinens-Tage
in einer Kirche zu Palermo uud verlieben sich sofort ineinander,
während zu derselben Zeit und in derselben Kirche Clelia
sich in Guido, der sie jedoch nicht sieht, verliebt. — l in
heimlich zu Genievren, die er schon mehrmals gesprochen
') rosen (T. Merkur).
*) lässt sich das zur noth noch wohl ertragen (Merkur).
3) und Caviceo legtet die gewähr (Merkur. Auserlesene Gedichte).
*) Mir liegt eine zu Venedig 1547 gedruckte Ausgabe in 8 ° vor.
16. Zu Wielands Clelia und Sinibald. 103
hat. zu gelangen, verfertigt sieh Peregrin eine kolossale
Figur der heiligen Katharme aus Pappe, in deren Inneres er
sich bergen kann. Alle Welt wünscht das Kunstwerk zu
sehen, und da auch Genievres Mutter zu den Neugierigen
gehört und es einen Tag laug bei sich zu habeu wünscht,
um es mit Müsse bewundern zu können1), so wird es eines
Tags — mit Peregrin darin — in ihr Haus geschafft. Kaum
ist es aber angelangt, als ein plötzlicher Todesfall in der
Familie eintritt und Ursache wird, dass man es bald wieder
furtschafft, ohne dass Peregrin mit der Geliebten hat zusammen-
kommen können. Einige Zeit darauf erscheint die heilige
Katharine Genievren in zwei Nächten im Traum, zeigt sich
durch Peregrins Benehmen auf das äusserste beleidigt, droht
ihren ganzen Zorn au Genievren auszulassen und erklärt
endlich, dass sie nur dann versöhnt sein werde, wenn Peregrin
sich auf den Berg Sinai begebe und dort in ihrer Kapelle
neun Tage lang zu ihr bete. Genie vre sagt dies ihrem
Geliebten, der ihr vorher geschworen, alles zu thun. was sie
verlange, und Peregrin erfüllt das Gebot der Heiligen. Nach-
dem er auf der Rückreise vom Sinai eine Zeitlang in
Sklaverei geraten, langt er endlich glücklich wieder in Ferrara
an. worauf die Liebesgeschichte ihren weiteren, noch sehr
langen Verlauf nimmt, der uns hier nichts angeht,
In Wielands Dichtung lässt Sinibald von Meister Ralf
eine Figur der heiligen Katharine verfertigen. Ganz Palermo
spricht davon, und Meister Ralf ist erbötig, das Bild dem
Adel in der Stadt ins Haus zu schicken. Rosine, als Ver-
ehrerin der Heiligen, macht gern von | diesem Anerbieten 81
Gebrauch, und das Bild mit Sinibald darin wird in ihre
Wohnung gebracht und in ihrem Schlafzimmer aufgestellt,
um am nächsten Morgen wieder abgeholt zu werden. Als
sie nun sich anschickt zu Bett zu gehen, verlässt Sinibald sein
x) Im italienischen Original ist Genievres Mutter gerade etwas
krank (alquanto amalata) und wünscht das fromme Bild (la devota
representatione) zu sehen, weil sie glaubt, dadurch geheilt zu werden
<esi>timando puoter alla contraria innrmita per intercessione della
Yergine soccorrere).
104 Zur neueren Literaturgeschichte.
Versteck, und die von ihm ersehnte Zusammenkunft findet statt.
Von der Aufregung und dem Wachen ermüdet, verlangt Rosine
endlich Ruhe. Sinibald muss auf einem Sofa Platz nehmen,
Rosine aber legt sich in ihr Bett. Während sie nun schläft,
erscheint ihr die Heilige im Traum und verlangt1), dass Sinibald
für seinen Frevel in ihrer Kapelle auf dem Sankt-Katharinen-
berge2) neun Tage Busse tliue. Rosine teilt dies Sinibalden
erst mit, nachdem er ihr zugeschworen, der von der Heiligen
82 verlangten Busse sich zu unterziehen, und so reist | er denn
nach dem Katharinenberg. Erinnern wir noch daran, dass-
Sinibald auf der Rückreise auch wie Peregrin in Sklaverei
gerät, so halten wir alles erwähnt, was in Wielands Dichtung
mit der Geschichte Peregrins und Genievres übereinstimmt.
') In den oben citierten Worten der Einleitung sagt Wieland, die
Heilige werde zweimal im Traume sich sehen lassen: sie erscheint aber
nur einmal. Wieland hat wahrscheinlich die Einleitung lange vorher
geschrieben, ehe das Gedicht vollendet war; im Druck wenigstens erschien
der Anfang des Gedichts , wie oben bemerkt, im Januarheft des Teutschen
Merkurs von 1783, während der Teil, der die Erzählung von der Er-
scheinung der Heiligen enthält, gerade ein Jahr später im Januarheft
von 1784 folgte. Und so wird er, als er die Einleitung schrieb, aller-
dings beabsichtigt haben, die Heilige zweimal erscheinen zu lassen, wie-
dies in seiner französischen Quelle (S. 337 und 339) der Fall ist, die
hier übrigens, wie öfters, vom italienischen Original abweicht, wo
S. Catharina auch nur einmal erscheint. Es bleibt nur merkwürdig,,
dass Wieland bei den beiden späteren Revisionen der Dichtung den
Widerspruch übersah. — Minder auffallend und ebenso zu erklären
ist ein zweiter Widerspruch in den citierten Worten der Einleitung,,
nämlich der, dass die Heilige 'mit einem Kranz von Myrt' und Kose
um die Stirn' erscheinen soll, während es dann in der Erzählung sell>>r
(Buch 7, V. 133) von ihr heisst:
Um ihre Stirn ein Kreis von Strahlen,
Ein Krönchen auf dem Haupt.
-) Mit Recht nennt Wieland diesen Berg; denn auf ihm, nicht
auf dem eigentlichen Sinai, liegt die Katharinenkapelle. — Für die Be-
schreibung des Katharinenberges (B. 7, 197 f. und 8, 120 f.) muss sich
Wieland in Reisebeschreibungen besonders unterrichtet haben. Wegen
der B. 7, 220 und B. 8, 123 erwähnten Rebhuhnsquelle s'erweise ich auf
Ritters Erdkunde 14, 551f. 505 und zu Vers 228 des 7. Buches (ihr
heiiger Leib, dem Boden eingedrückt) und Vers 127 des 8. Buches (Des-
heiigen Leibes Bild, in harten Stein gedrückt) ebendahin S. ">r>2 und 554.
16. Zu Wielands Clelia und Sinibald. 1(),">
II.
Bei dieser Gelegenheit will ich noch ein Kuriosum mit-
teilen. Unsere Wielandsche Dichtung- sehliesst bekanntlich da-
mit, dass Sinibald und Rosine und Guido und Clelia nebst Frau
Ciaren und Lauretten auf das Felseneiland Lampedusa
verschlagen werden, daselbst einen alten Eremiten und dessen
Neffen finden und mit diesen zusammen als vier glückliche
Paare nun die 'Bevölkerung von Lampeduse" bilden.
Diese Erfindung Wielands, jedoch entstellt wiedergegeben,
erscheint in zwei englischen Werken als sicilianische Sage.
Captain W. H. Smyth sagt in seinem 'Memoir descriptive
of the Ressources. Inhabitants, and Hydrography of Sicily and
its Islands, interspersed with antiquarian and other notices5
(London 1824) S. 285 bei Besprechung der Insel Lampedusa:
'A Sieilian legend states. that a vessel was wrecked on this
island. and that the only survivors were two Palermitan
ladies. Rosina and Clelia. They here fouud two hermits,
Sinibald an Guido, who, renouncing their ascetic life, marriecl
them: a population, of course was the consequence. and
the ruins near the Castle are adduced as vestiges of its
respectability'.
Joseph Hunter, der in seinen 'New Illustration^ of
the Life. Studies and Writings of Shakespeare 1, 158
(London 1845) ausführlich über die Insel Lampedusa handelt,
die er mit Prosperos Insel in Shakespeares Sturm identifiziert,
und der S. 159 Smyths 'Memoir ausdrücklich unter seinen
Quellen nennt, sagt S. 163: 'In the Sieilian legends there is
a story which bears a slight resemblance to the story of this
play (Shakespeare's Tempest). In early times a vessel was
wrecked ou Lampedusa. and the only persons who escaped
were two Palermitan ladies. Rosina and | Clelia. They found 83
ou the island two hermits. Sinibald and Guido, who, renouncing
their ascetic life, married tliemJ.
Hunter fügt zu diesen, wie nwn sieht, fast unverändert
aus Smyth abgeschriebenen "Worten noch eine Anmerkung
unter dem Text: 'On this tradition is founded a poem of
jOf) Zur neueren Literaturgeschichte.
Wielands 'Klelia and Sinibald, oder die Bevol-ferung [sie!]
von Lampeduse'.
Ich bemerke noch, dass mein Freund Giuseppe Pitre in
Palermo, der rühmlichst bekannte Herausgeber der 'Biblioteca
<lelle tradizioni popolari siciliane', mir geschrieben hat, dass
eine derWielandschen Dichtung irgendwie ähnliche sicilianische
Sage über die Insel Lampedusa nicht vorhanden ist.
Weimar. Januar 187.">.
17. Adams erster Schlaf.
(Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte 1. 150 f. 1888.)
Gar manche Leser dieser Blätter werden sich des nach-
stehenden hübschen Gedichtes von Matthias Claudius er-
innern.
Aus dem Englischen.
Es legte Adam sich im Paradiese schlafen;
Da ward aus ihm das Weib geschaffen.
Du armer Vater Adam, du!
Dein erster Schlaf war deine letzte Ruh. ')
Ungleich weniger bekannt aber wird es sein, dass sich
auch unter den 'galanten Gedichten5 Johann von Bessers
eins findet, dem derselbe scherzhafte Einfall zu Grunde liegt.
Es lautet:
Wider das Frauen-Zimmer,
aus dem Frantzüschen.
Als GOtt das grosse Werck der Schöpffung zu beschliessen,
Den Adam, und in ihm, Sein Ebenbild gemacht;
Stund der beglückte Mensch aus nichts hervor gebracht,
l) Asmus omnia sua secum portans, oder Sämmtliche Werke des
Wandsbecker Bothen, I. und IL Teil. Hamburg 1875, S. 109. — Zuerst
ist das Gedicht nach 0. Chr. Redlich, Die poetischen Beiträge zum
Wandsbecker Bothen, Hamburg 1871, S. 19 — erschienen im Wandsbecker
Bothen 1771 nr. 158 cMittewochs, den 2. October', mit der Überschrift
'Aus dem englischen.'
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 107
Und sali die gantze Welt, als Herr, zu seinen Füssen.
Was Erd und Paradiess, was Thier und Vogel hiessen,
War alles insgesamt auf seine Kuh bedacht;
Er lebt1 auch höchstvergnügt. Allein o kurtze Pracht!
Sein Glücke war zu gross es lange zu gemessen :
Di Meinung, wie man sprach, er wäre gantz allein:
Gab man ihm eine Frau. Kont auch was ärgers seyn !
Der Arme lag und schlief, und konte sich nicht wehren;
Man schuf, aus ihm ein Weib, das brachte man ihm zu:
Er nahms; doch leider nur, sich ewig zu beschweren!
Sein allererster Schlaf, war seine letzte Ruh. ') ]
Du in die Richtigkeit der Angaben der beiden Dichter 151
'Aus dem Englischen' und 'Aus dem Frantzöschen' wohl kaum
ein Zweifel zu setzen ist, so geschieht die Mitteilung beider
Gedichte, von denen ich nicht weiss, ob sie schon früher
einmal irgendwo zusammengestellt worden sind, hier in der
Hoffnung, dass vielleicht Leser derselben die Originale nach-
weisen können.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird von den beiden nach-
zuweisenden Gedichten das französische das ältere und auch
für das englische das Original sein.
18. Herders Legenden Die ewge Weisheit' und
Der Friedensstifter' und ihre Quellen.
■(Berichte der k. sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig
18S7, 105 -124.)
Weder Heinrich Düntzer, noch Carl Redlich, noch Hans
Lambel haben in ihren Ausgaben der 'Legenden' Herders die
Quelle der schönen Legende 'Die ewge Weisheit' nachzu-
weisen vermocht. Merkwürdig, dass keiner der drei Heraus-
') Des Herrn von B. Schrifften, Beydes in gebundener und un-
gebundener Rede. Leipzig 1711, S. 455. Andere Aufl. Leipzig 1720,
S. 434 f. - Die auf das Gedicht noch folgende 'Antwort eines Teutschen,
in Form einer Retorsion' geht uns hier nichts an, und ich lasse sie da-
her weg.
] ( is Zur neueren Literaturgeschichte.
geber durch den Titel der Legende und durch den Namen
ihres Helden 'Amandus3 an den berühmten Mystiker Heinrieh
Suso (»der Sense, genannt Amandus, den Verfasser des Büch-
leins von der ewigen Weisheit, erinnert worden und so darauf
gekommen ist, in Snsos Leben die Quelle der Legende zu
suchen.
Bekanntlich ist Snsos Leben von seiner geistlichen Tochter,
der Dominikanerin Elsbeth Stagel (Stagiin, Stäglin), nach
seinen eigenen Mitteilungen beschrieben und dann von ihm
selbst durchgesehen und vervollständigt worden.
Man braucht nur flüchtig irgend eine Ausgabe oder einen
Auszug dieser Lebensbeschreibung zu vergleichen, und man
wird bald finden, dass Herders Legende dem Leben Susos
nachgedichtet ist.
Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass das Abhängig-
keitsverhältnis der Legende Herders von Susos Leben manchen
Gelehrten und Litteraturfreuuden längst bekannt ist oder ge-
wesen ist. ich kann jedoch zur Zeit nur zwei Belege für
solches Bekanntsein beibringen. Am Schluss von Melchior
Diepenbrocks Vorbericht zu seiner Erneuerung von 'Heinrich
Susos, geuannt Amandus, Leben und Schriften" (zuerst Regens-
burg 1829 erschienen) ist Herders Legende abgedruckt, und
106 folgende | Worte sind vorausgeschickt: 'Folgendes sinnige Ge-
dicht auf Suso, von einem unserer ersten Dichter, möge hier
noch eine Stelle finden." Und Ferdinand Vetter teilt in seinem
Vortrag 'Ein Mystikerpaar des vierzehnten Jahrhunderts.
Schwester Elsbeth Stagel in Töss und Vater Amandus (Suso)
in Konstanz' (Basel 1882), S. 30, eine längere Stelle aus
Herders Legende mit und bemerkt dazu, so habe 'Herder,
geschickt in jeder Hülle die Goldkörner wahrer Poesie zu
erkennen, in einer seiner schönsten Legenden, zum Teil mit
den Worten unserer [d. i. der Susoschen] Lebensbeschreibung"
die dem Suso gewordene Erscheinung der ewigen Weisheit
geschildert.
Woher aber, so fragte ich mich, als ich vor einiger Zeit
das Verhältnis unserer Legende zu Susos Lebensbeschreibung
näher ins Auge fasste, woher und in welcher Gestalt kannte
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 109
Herder Susos Leben? Weder die beiden seltenen alten Augs-
burger Ausgaben von Snsos Leben und Schriften (14:82 und
151 2). noch des Surius lateinische Übersetzung, noch Über-
setzungen in andere Sprachen scheinen ihm zu Gebote ge-
standen zu haben, denn weder er selbst — nach dem Auk-
tionskatalog seiner hinterlassenen Bibliothek 1-) zu urteilen -
besass sie, noch fand er sie auf der Fürstlichen Bibliothek
iu Weimar vor. Ich glaubte also nach einem ausführlichen
Auszug oder einer Bearbeitung von Susos Leben suchen zu
müssen, die Herder benutzt haben kounte. Diepenbrocks
Vorbericht S. XII und XXI brachte mich bald auf die richtige
Spur, indem ich durch ihn hingewiesen wurde auf des Kar-
thäusers Heinrich Murer cHelvetia Sancta, seu Paradisus
sanctorum Helvetiaj florum; D. i. Ein Heyliger lustiger
Blumen-Garten vnnd Paradeisz der Heyligen\ Lucern 1648.
In diesem Buche, welches Herder dem eben erwähnten 107
Auktionskatalog nach nicht selbst besessen hat, welches ihm
aber aus der weimarischen Bibliothek zugänglich war, handeln
S. 315 — 46 cVon dem Leben, Wandel und Sterben des Gott-
seligen und hocherleuchten Vaters Amandi, sonsteu Henrici
Susonis, Prediger Ordens', und hierin haben wir, wie die
zahlreichen wörtlichen und fast wörtlichen Übereinstimmungen
und Anklänge zweifellos ergeben, die unmittelbare Quelle
von Herders 'Ewger Weisheit'.
Mein Suchen in der Helvetia Sancta ist aber noch durch
einen zweiten Quellenfund zu Herders Legenden belohnt
*) Bibliotheea Herderiana. Yimariae 1SU-4. 8°. In dem der weimari-
schen Bibliothek gehörigen Exemplar dieses Kataloges sind die Preise,
wofür die einzelnen Bücher verkauft worden sind, handschriftlich ein-
getragen, und von Vulpius' Hand findet sich auf der inneren Seite des
vorderen Einbanddeckels folgende interessante Notiz:
'Die Preisse, für welche die Bücher dieser Bibliothek weggegangen
sind, dürften schwerlich bei einer Bücher-Auktion wieder vorkommen;
und desshalb ist sie merkwürdig. Die grössten Conimissionen, ohne
Preisskenntnisse, waren von der neuen Universität Dorpat da, die für
800 Till. Bücher erhielt, welche aber nie dahin gekommen, sondern mit
dem Lübecker Schiffe verunglückt und mit Mann und Maus untergegangen
sind. Xotirt d. 21. Febr. 1SÜG. Ys.'
HO Zur neueren Literaturgeschichte.
worden: die in der Helvetia Sancta S. 387 — 404 enthaltene
Lebensbeschreibung des Bruders Clans ('Von dem wunderbar-
liehen Leben, Beruf und Gottseligen Sterben Nicolai von Flüe,
Einsidlers und Landmanns zu Underwalden. den man in das
geinein nennt Bruder Claus") ist die Quelle der Legende
'Der Friedensstifter'.
Letztere Legende folgt in den 'Zerstreuten Blättern", in
deren sechster Sammlung bekanntlich die meisten Herderschen
Legenden zuerst erschienen sind, unmittelbar auf die Legende
'Die ewge Weisheit', höchst wahrscheinlich, weil Herder die
beiden demselben Werke entnommenen Lebenden auch nach-
einander bearbeitet haben wird.
Damit nun die Leser gleich selbst bequem sehen, was
Herder aus seinen Quellen benutzt und wie er es benutzt
hat, lasse ich die beiden Legenden in einzelne Abschnitte
geteilt und hinter jedem Abschnitte die benutzten Stellen der
Helvetia Sancta folgen.
I. Die ewge Weisheit.
Von allem Schönen wählt' Amandus sich
Das Schönste nur; und also kam er bald
Vom Tand' hinweg zur frohen Einsamkeit.
Dann sprach er oft, wenn er vom Weltgeräusch
5 Zurückkam in sich selbst: co hättest du
Nicht Dies und Das gesehen uud gehört.
So wäre jetzt dein Herz nicht so betrübt."
Vgl. Helv. Sancta 316, 7— 11. *)
Wann er zu seinen Mitbrüdern käme sich zu belustigen, müsste er
vil hören und sehen von seiner angenommnen neuen Weis zuleben, dass |
108 er gemeiniglich mit betrübtem und unruhigem Herzen in seine Cell
kehrte, sprechende zu ihm selber: Wärestu nicht dahin gangen, so
hiittestu das nicht gehört, noch das ander gesehen, und dein Herz nicht
betrübt gemacht.
J) Die Rechtschreibung der Helvetia Sancta habe ich nicht durchaus
beibehalten, ich habe sie vielmehr in vielen Fällen geregelt und verein-
facht und immer i und u gesetzt, wo jene dafür j oder y und v oder w
hat. Auch die Interpunktion habe ich öfters geändert.
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 1 1 1
Einst zeigete sich ihm, was keine Zung'
Aussprechen kann. 'Ist Das nicht Himmelreich
10 Und Wonne? sprach er. Alles Leiden mag
Die Freude nicht verdienen.' —
Vgl. H. 8. 316, 14—21.
Als nun der H. Aniandus mit solchen innerlichen Streiten und Be-
trühnussen heftig heladen war, hegabe es sich zu einer Zeit, dass er
an S. Agnesen der H. Jungfrauen und Martyrin Tag, nach dem Mittag-
essen allein in dem Chor in den underen Stülen auf der rechten Hand
voller Kummer und Leiden stunde, und niemands bei ihm wäre, da
wurde sein Seel verzucket, sähe und hörte solche Sachen, welche kein
Zung könnte aussprechen, also dass er hernach spräche: Ist das nicht
das Himmelreich, so weiss ich nicht was das Himmelreich ist, dann
alles Leiden diser Welt mag dise Freud nicht verdienen. Dise Ver-
zückung wehrete eine halbe oder ganze Stund.
Ihm erschien
Die Schönheit alles Schönen, in Gestalt
Der ew gen Weisheit. Wie der Morgenstern
Trat sie hervor und ward zur Morgenröthe,
15 Zur Murgensonne. Die Unsterblichkeit
War ihre Krön": ihr Kleid die Anmuth. Süss
Und Huldreich sprach ihr Mund; und Sie, sie war
Der Freuden Freude, die Allgnugsamkeit.
Sie schien ihm nah und fern, von allem Hohen
20 Das Höchste, und von allem Innigen
Das Innigste, der Schöpfung Meisterinn,
Die sie in zarter Milde streng regiert.
Mit süssester Gebehrde sprach sie: 'Sohn!
Gib mir dein Herz.'
Vgl. H. S. 316, 12 v. u., 317, 9.
Er hatte von Jugend auf ein liebreich Herz. Die ewige Weisheit
aber vergleichet sich in der H. Schrift einer Liebhaberin, die sich schön
zieret, schmücket und liebreich redet, damit sie den Herzen ihrer Lieb-
haber gefallen, und die böse und eigensinnige Liebe ausreuten und
undertrucken könne. Sie zeigt auch ander andern, wie unbeständig die
unreine Liebe, | und hingegen beschreibet sie, wie fest und nutzlich die 109
Göttliche und geistliche Freundschaft seie. Als nun der H. Aniandus
dise und andere der ewigen Weisheit Bücher hörte lesen, gedachte er,
112 Zur neueren Literaturgeschichte.
wie er dise hohe Liebhaberin zu einer Gespons möchte bekommen, von
der er so grosse "Wunder hörte sagen und lesen, weil doch sein junges
Gemüht ohn ein Bonderbare Lieb in die Länge nicht möchte verharren.
Also geschähe es zu einer Zeit, da er sich in der Weisheit Bücher be-
lustigte, dass sie sich in einem Gesicht ihm erzeigte, sie schwebete hoch
in einer Liechten Wolken, sie leuchtete als der Morgenstern und scheinete
;il~ die aufstehende Sonn, ihr Cron war die Ewigkeit, ihr Kleid die
Seligkeit, ihr Wort die Süssigkeit, ihr Umbfang alles Lustes Genugsamb-
keit und (Jberfluss, sie war weit und nahe, hoch und nider, sie war
gegenwärtig und doch verborgen, sie Hesse mit ihr umbgehen und lieb-
kosen, es möchte doch sie niemand begreifen, sie erhübe sich über das
höchste des Himmels, und berührete die Tiefe des Abgrunds, sie er-
spreitete sich von einem End zu dem anderen gewaltiglich, und richtet
aus alle Ding süssiglich. Sie erzeigte sich als ein weise Meisterin lieb-
lich, und spräche zu ihm miltiglich: Praebe fili cor tuum mihi, gib mir
dein Herz mein Kind. Da neigete sich der Vatter Amand tief zu ihren
Füssen, und dankete der ewigen Weisheit aus seines Herzens Grund,
damit name dise Erscheinung ein End, und verliesse ihne voller Trosts.
f0 drücke mir dich selbst,
25 Dich selbst ins Herz, dass jeder Busenschlag
Es heb' und mich erinnre, dass ich Dich,
Nur Dich in Allem seh.'
Vgl. H. S. 317, Kap. 3, 1-25.
Eben zu disen Zeiten war ein übermässige Feursflammen in des
S. Susonis Herz angezündet worden, dass es in der Göttlichen Liebe
branne. Deswegen als dises Feur auf ein Zeit stark zugenommen hätte,
gienge er in sein Cell an ein heimbliche Statt, käme in ein schöne Be-
trachtung, und sprach also: Ach ewiger Gott, könnte ich etwas an-
mühtiges gedenken, dass ein ewiges Zeichen der Liebe wäre zwischen
mir und dir, zu einem Urkund, dass ich deines und du meines Herzen
ewiger Schatz und Liebe wärest, dass kein Vergessenheit oder Mensch
nicht vertilgen möchte. In disen innbrünstigen Gedanken entblösste er
sein Herz, name einen Griffel in die Hand, sähe sein Herz an und
spräche: Allmächtiger Gott, verleihe mir in disem Tag Kraft und Stärke,
dass ich mein Begierd möge vollbringen, dann du, o Herr, must heut
in den Grund meines Herzens begraben und geschmelzt werden. Darauf
fienge er an mit dem Griffel den Namen Jesus mit solchen Buchstaben
I H S. in das Fleisch zustechen und einzugraben, dass das Blut über
den Leib herab fiele. Dises war ihme lieblich anzusehen aus der feu-
rigen Liebe, mit der er entzündet war, und achtete des Schmerzens gar
wenig. Er gienge hernach also verwundt mit dem blutigen Herzen aus
seiner (eilen in die Kirchen under das Crucifix, so bei dem Pult stunde,
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 1 13
kniete nider und sprach: Ach mein Gott und Herr, meiner Seel | und 110
meines Herzens einige Liebe, sihe an meines Herzens einige Begierd,
dann ich kann dich in mein Herz je nicht tiefer trucken: 0 Herr, ich
bitte dich, dass du es vollbringest, dich in den Grund meines Herzens
truckest, und deinen H. Namen in mich also schreibest, auf dass er
aus meinem Herzen nimmermehr möge ausgelöschet werden. Es gienge
aber der S. Amandus mit verwundtem Leib und Herz vil Zeit herumb,
•ehe die Wunden widerumb zuheilen wolten, und bliben die Buchstaben
des Namen Jesus nach seinem Begehren auf dem Herzen, und waren
so lang als ein Gleich des kleinen Fingers, und so breit als ein Stro-
halm, und trüge den Namen auf seinem Herzen bis in das Grab. Und
wann sich das Herz bewegte, so bewegte sich der Namen Jesus
gleichfalls.
Sie Hess ihr Bild,
Berührend ihn, im Herzen ihm zurück.
So oft der Morgenstern erklang, erklang
30 Sein Hymnus : 'Schaut ! Der Schönen *) Schönste kommt !
Die Mutter aller Gnaden geht hervor
Vom Aufgang! Deiner hat mein Herz begehrt.
Auch schlummernd, o du Liebliche."
Er sprachs,
Und küssete die Erde,
Vgl. H. S. 317, 5 v. u. — 318, 6.
Es hatte der H. Amandus ein löbliche Gewohnheit, dass er nach
der Metten in ein Capell sich begäbe, allda in seinem Sessel ein kleine
Zeit zuruhen, als aber der Wechter den angehenden Tag verkündigte,
stunde er auch auf, fiele auf seine Knie, und grüssete den schönen
Morgenstern die zarte Himmelkönigin Mariam und Mutter aller Gnaden.
Als er nun auf ein Zeit also in seiner Ruhe sasse, hörte er etwas inner-
lich so hell erklingen zu Zeit des aufgehenden Morgensterns, dass sein
Herz bewegt war, und sänge also: Stella Maria maris hodie processit
ad ortum. Der Morgenstern Maria ist heut herfür gegangen. Dises
Gesang erschalle übernatürlich in ihme, dass in ihme sein Gemüht er-
freuet wurde, und die heissen Zähern von seinen Augen schössen. Nach
vollendtem Gebett grusste er auch die ewige Weisheit mit dem lob-
reichen Gebettlein Anima mea desideravit te in nocte. Mein Seel hat
dich in der Nacht begehrt, mit einem Kuss der Erden.
') Bei Redlich wohl nur verdruckt: Der Schönsten.
Köhler, Kl. Schriften. HL
114 ^ur neueren Literaturgeschichte.
redet' oft
35 Mit seinem Engel, der ihm sichtbar dann
In schöner himmlischer Gestalt erschien,
Und mit ihm freundlich von den Fügungen (
111 Der ewgen Weisheit sprach. 'Willst du Dich selbst
Erblicken, sagt' er einst, schau her!" — Er sah:
40 Ein Jüngling lag im Arm der Liebenden,
Die er im Herzen trug. Wie seligfroh
Erkannt' er sie! Es tönten himmlische
Gesänge um ihn her: 'Der Weisheit Lust
Ist an den Menschenkindern! Je und je
45 Hab' ich geliebet dich und zog zu mir
Aus Liebe dich und will dich zu mir zielin!'1)
cWie du uns gerne hörest, sprach zu ihm
Sein Engel, hören wir auch gerne Dich,
Zumal wenn du mit freudigem Gemüth
50 In Schmerzen auch die ewge Weisheit singst."
Er saug; es war ein Jubel um ihn her;
Ein Chor der Seligen umringt' ihn. Seelen,
Die er gekannt und nicht gekannt, umfingen
Ihn liebend, und erzählten traulich ihm
55 Ihr Wohl und Weh; wie aus der Bitterkeit
Die Weisheit ihnen stets das Süsseste
Bereitet. Seine Mutter kam zu ihm,
Sein Vater, (jetzt Gestalten jener AVeit)
Und sprachen ihm von ihrer Prüfungen
60 Belohnung.
Vgl. zu V. 34—60 H. S. 318, 40—319, 17.
Es hatte auch unser P. Vatter Amandus vil liebliche Gespräch und*
grosse Gemeinschaft mit seinem H. Schutzengel, dass er ihne oft sähe,
mit ihme redte, und ihne umbfienge. Auf ein andere Zeit als er nach
einer grossen Trübsal geruhet hatte, geschähe es dass er in einem Ge-
sicht von den himmlischen Geistern umbgeben wäre, da begehrte er
von einem Engel, dass er ihme zeigte, wo und auf was Weis Gott eine
verborgne Wohnung in seiner Seel hätte, da sprach der Engel also zu
') Vgl. Jeremias 31, 3: Ich habe dich je und je geliebet, darum
habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 115
ihme : Nun beschaue dich wol, und sihe wie Gott mit deiner liebhabenden
Seel ein Belustigung und Freud hat. Und als der S. Yatter seine Augen
undersich schlüge, und sein Seel ansähe, fände er sein Seel so klar
Bcheinen, als ein klarer Christall, und mitten in seinem Herzen die ewige
Weisheit in leiblicher Gestalt rühiglich sitzen, bei welcher sein Seel
sasse mir himmlischer Benedeiung begäbet, so die ewige Weisbeit mit
ihren Armen umbfangen, und an sein göttliches Herz getruckt hatte,
und läge also die Seel in den Armen Gottes verzuckt, und süssiglich
rastend.
An S. Michaelis und aller H. Englen Abend, als der H. Yatter ihme 112
Bcharpfe Bussband gemacht hätte (von denen hernach soll gesagt werden),
hörete er in einer Nacht in dem Gesicht ein engelisch Gesang, und eine
süsse himmelische Stimme, darvor war er seines Leidens getrost. Da
sprach ein Engel zu ihme: Gleich wie du gern hörest unser Gesang
von der Ewigkeit, also hören wir auch gern von dir das Gesang von
der ewigen Weisheit, und spräche der Engel weiter: Dises Gesang werden
die ausserwöhlten Heiligen Gottes frölich singen am Jüngsten Tag,
wann sie werden sehen, dass sie in der immerwehrenden Freud der
Seligkeit bestätiget seind worden. In diser Göttlichen Betrachtung
hatte der H. Yatter vil Stund zugebracht, bis dass der Tag anbrache,
da ersehine ihme ein Erzengel, und mit ihme vil schöne Jüngling,
sprechend, dass sie weren von Himmel herab gesandt worden, ihm ein
Freud in seinen Trübsalen und Leiden zu machen. Deswegen solle er
Amandus sein Leiden ausschlagen, und mit ihnen singen, und einen
himmlischen Tanz tanzen, und zogen also den S. Amand bei der Hand
an den Tanz. Der Yorsänger fienge an in schöner Melodei das fröliche
Gesänglein zu singen: In dulci Jubilo; von dem Christkindlein, und als
der S. Suso den süssen Manien Jesu hörte erschallen, da war sein
Herz und Sinn also mit Freuden übergössen, dass er aller seiner Trüb-
sal und Leiden vergase. Und war so wol das Gesang, als die Spruch
und Tanz zierlich, himmlisch und nit weltlich oder üppig. Dise und der-
gleichen himmlische Erscheinungen und Tröstungen begegneten ihme in
den Zeiten seiner Trübsalen, Creuz und Leiden vil, daraus er allwegen
getrost und erquickt wurde. Es hatte aber der H. Yatter Amandus vil
Gesichter und Offenbarungen Göttlicher verborgner Dingen, wie es im
Himmelreich, Fegfeur und Hölle stunde und zugienge. Es erschienen
ihme auch vil Seelen, so von diser Welt abgefordert worden, und offen-
bareten ihm, wie es umb sie stunde, waruinb sie ihr Pein hatten ver-
schuldet, und womit mau ihnen helfen möchte Es
erschiene ihme auch sein leiblicher Yatter und zeigte ihme an, wie er
eine grosse und erschröckliche Pein im Fegfeur litte, womit er sein
Straf verdienet hätte, und wie dass ihme zu helfen wäre mit seinem
Gebett und mit dem IL Messopfer, hernach käme er wider zu ihme, und
zeigte an, dass er jetzt durch die Hilf seines Gebets erlöst, und ein Kind
8*
1 1 (J Zur neueren Literaturgeschichte.
der ewigen Seligkeit worden. Sein H. Mutter die Saussin leide auch in
ihrem Leben vil Creuz und Trübsal, so meistentheil von ihrem Ehemann
berkam, dann er war ein weit- und Bündlicher .Mensch, sie aber ein an-
dächtige Frau, die all ihr Creuz und Leiden in das bittre Leiden ihres
Heilands Jesu Christi befähle, und darum!) auch Gott durch sie in disem
Leben Wunderzeichen würkete. Nach ihrem Tod erschine sie ihrem
Sohn Amand, zeigt ihm an, dass sie innerhalb 3 Jahren zu keiner Mess
gestanden, und ihr ein Gewohnheit gemacht, das bitter Leiden und
Sterben under der Mess zu betrachten, und zu beweinen, sie sagte ihme
auch, dass sie auf ein Zeit aus unmässiger Liebe gegen Gott erkrankte
und zwölf Wochen lang zu Bett gelegen, die Ärzten aber als sie solches
vermerkten, seind sie wol auferbauen worden. Sie gienge zu angehender
Fasten ins Münster, da die Ablösung Jesu des Herren von dem Creuz
mit geschnitzleten Bildern stunde auf einem Altar, allda käme sie in
ein so tief und anmühtige Betrachtung, und Mitleiden zu der Mutter
Maria, dass sie in ein Ohnmacht fiele. Als man sie in ihr Haus ge-
113 tragen, läge sie | still bis an den H. Charfreitag, und als man in der
Kirchen den Passion sänge, starbe sie seliglich. Zu denselben Zeiten
war der H. Suso zu Colin und studierte, da erschiene sie ihm in einer
Nacht, sprechend: Eia mein Kind, habe den allmächtigen Gott lieb, und
vertraue ihme wol, er wird dich in allen deinen "Widerwärtigkeiten
niemalen verlassen. Sihe an, ich bin von diser AVeit gescheiden, und bin
nicht todt, sonder lebe in dem ewigen Leben und Freud vor Gott. Nach
disen Worten küssete sie ihn an seinen Mund, benedeiete ihn treulich
und verschwände. Suso aber fienge an bitterlich zu weinen, und rufte :
O mein getreue und heilige Mutter! bitt für mich bei dem allmächtigen
Gott! und also weinend und seufzend käme er wider zu ihm selber.
Dergleichen Erscheinungen geschahen ihme von vilen Seelen, durch
deren Gegenwart er ein besondere Freud und Ergetzligkeit seines strengen
und mühseligen Lebens empfienge.
Und sein Antlitz glänzte. Oft
Sah man es glänzen, wenn er betete,
Und vorm Altar: 'Aufwärts die Herzen!" sans;.
e»*
Vgl. H. S. 316, 20 v. u. — 15 v. u.
Auf ein Zeit da er zu Colin mit grossem Eifer gepredigt hatte,
wäre auch ein andächtige Person, so sich nicht lang zuvor zu Gott be- :
kehret hatte, zugegen, welche mit den innerlichen Augen des S. Yatters '■
Susonis Angesicht sähe zu drei unterschiedlichen Malen mit hellem i
Schein gleich als die Sonne leuchten, glänzen, und also klar scheinen,
dass er sich selber darin sehen könnte, dardurch war diser Mensch in
seinem Leiden wol getrost, und in dem heiligen Leben gestärkt.
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 117
Vgl. H. S. 319, letzte Z. — 320, 3.
Der 8. Suso war von seinen Freunden gefragt worden, in was Ge-
danken er stunde, so er die Mess sänge, und vor der Präfation die
Wort Sursuin corda sagte: dann dise Wort so inbrünstig und andächtig
aus seinem Mund herfür klingleten, dass alle Zuhörer ein sonderbare
Andacht und Bewegung ihres Herzens empfunden.
In solchen Süssigkeiten schwamm Amandus,
Sein Herz bewahrend, strenge gegen sich,
65 Und überstrenge. Da erschien ihm einst
Sein Engel wieder: 'Glaubst du, sprach er sauft
Zum Schlummernden, indem du deinen Leib
Mit Büssungen belegest, dieses sei
Das schwerste Leiden? Leiden andrer Art
Tu Erwarten dich. Schau her! Ich bringe dir,
Dem zarten Knaben, Ritterkleider. Rüste 1U
Dich tapfer. Wenn du selbst dich peinigtest,
So höretest du, wenn du wolltest, auf.
Dich werden andre peinigen, und nicht
75 Aufhören, wenn du wünschest. Bis hieher
Empfand im Schmerz dein innerstes Gemüth
Geheime Süssigkeit. "Wenn aber du
Im tiefsten Schmerze Rath und Hülf und Trost
Bei Menschen suchest und nicht findest; Freund
80 Und Feind verfolgen dich; und wer dich schützt,
Wird selbst verfolget; wenn im Innern dann
Dich auch dein Gott verlässt; dann spricht zu dir
Die ewge Weisheit: 'Sohn, gieb mir dein Herz!'
Auf diesen Dornen blüht allein der Kranz,
85 Den deine Königin n von Dir verlangt.3
Vgl. H. S. 328, Kap. 18, 9 bis zum Schluss.
Nit lang hernach, als S. Amand in seiner Gellen auf seinem ge-
wöhnlichen Stuhl sasse, und betrachtete die Wort S. Job: Militia est
vita hominis super terram ; des Menschen Leben auf diser Erden ist
nichts anders dann ein Streit und Ritterschaft. In diser Betrachtung
sähe er geistlicher Weis einen schönen Jüngling gegen ihme kommen,
so ihme zween Schuh und andere schöne Ritterskleider brachte. Diser
Jüngling gienge zum S. Suso, bekleidete ihn darmit und spräche: Stark-
113 Zur neueren Literaturgeschichte.
\
mühtiger Kittor, bishero warestu ein Fussknecht, nun aber will Gott,
dass du ein Ritter werdest. Der S. Vatter Suso besähe sich gelbsten in
seinen ritterlichen Stiflen und Bekleidungen, und sprach: 0 Gott, wie
ist mir ergangen, und was ist aus mir worden? soll ich nun hinfüro ein
Ritter sein, wäre doch die Buhe meiner ('(dien angenemer, und zu
meinem Lob nutzlicher, dieweil ich in einem »Streit nit ein Ritter bin
worden. Der Jüngling lachte und sprach: Bis ohn Sorg, du wirst noch
Streits genug bekommen, wer die geistliche Ritterschaft1) will unverzagt
und starkmühtig führen, der hat täglich zustreiten, so da bei den welt-
lichen Rittern nicht geschieht, dann ihre Feind nicht täglich seind, wie
bei den geistlichen, welche die Welt, den Teufel, und das eigene Fleisch
zu bestreiten haben, etc. Du bildest nun dir selbsten ein, dass dir Gott
habe das schwere Joch deiner Leibscasteiungen abgelegt, und dich von
deinen grausamen Banden erlediget, und könnest jetzt deiner Ruhe
sicherlich pflegen, du solt aber wissen, dass es nicht also ergehen wird.
Gott will dir deine Band nicht ablegen, sonder nur verändern, und
schwerer machen, als sie zuvor waren. Ab disen Worten erschräke der
Diener der ewigen Weisheit übel und sagte: 0 Gott, was wilt du aus
mir machen? ich hatte ein Hoffnung, mein Leiden habe ein End, so
wird es erst anfangen. Ach Herr, bin ich dann allein ein Sünder, und
die ganze Welt gerecht, dass du deine verborgne Urtheil also an mir
übest? Muss es dann gelitten sein, so zeige mir, o Herr, meine Leiden,
115 die ich | ausstehen muss. Der Herr antwortete ihm und sprach: Silie
übersieh an den Himmel, und zehle die Sternen so du kanst, so wirst
du deine Leiden auch zehlen mögen, und gleich wie die Sternen klein
scheinen in den Augen der Menschen, aber in dem Firmament gross
seind, also werden deine Leiden von den Menschen klein geachtet werden,
die doch dich hart werden peinigen. Also begehrte der Diener der
ewigen Weisheit seine Leiden zuwissen, die ihme doch Gott abschlüge
zuoffenbaren, ausgenommen drei, damit er nicht verzagte. Das erste
Leiden war: du hast dich bishero selbst geschlagen und gepeiniget, und
hast aufgehört wann du hast wollen, und trügest auch ein Erbärmnus
über dich, jetzt aber will ich dich dir selber nemmen, und will dich
ohn alle Wehr den Frembden übergeben, dass sie dich schlagen und
umbziehen werden nach ihrem Willen. Das ander ist : wie wol du dich
oft also ermartert hast, dass sie dir das Leben auch hätten mögen nemmen,
aber du bist mit Göttlicher Hilf also umbgeben gewesen, dass solches
Leiden dir an dem Leben nichts geschadet hat, jetzt aber wird es ge-
schehen, dass, wo du Trost und Hilf wirst suchen, du die gröste Ver-
folgung und Untreu spühren must, und welche Menschen dich beschirmen
wollen, werden mit dir grosse und gleiche Xoht leiden und in Verfolgung
') [Über die Entwicklung der Vorstellung vom christlichen
Ritter in der deutschen Mystik vgl. P. Weber, Beiträge zu Dürers
Weltanschauung 1900, S. 18-36.]
IS. 'Herder, Die ewge Weisheit' und cDer Friedensstifter'. 1 [9
gerahten. Das dritte Leiden ist: du l>ist auf diese Zeit gleich einem
jungen Kind, so in seiner Mutter Schoss [iget, und ihre Brüsten sauget,
nemblich die Göttliche Süssigkeit, himmlische Tröstungen und Offen-
barungen, dise Brüste will ich dir jetzt nemmen, und dich selber lassen
Borgen, du wirst von Gott und allen Menschen verlassen werden, und
von Freunden und Feinden grausamb verfolget und verachtet werden,
und was du anfangen wirst, solt du nicht glücklich verrichten können.
Als nun der andächtige Vatter Suso dise drei traurige Zeitung von
Gott vername, erschräke er sehr, und fiele Creuzweis auf die Erden,
rufte mit weinenden Augen zu Gott und hatte ihn demühtiglich, das>
er disen Kelch der Trübsalen wolte von ihme hinweg nemmen, und ihn
durch sein Göttliche Barmherzigkeit von disem grossen Jammer erledigen;
möchte es aber nicht sein, so geschehe, nach Anordnung der ewigen
Weisheit, der Wille Gottes.
Voll Schrecken fuhr der Jüngling auf: und bald
Ward seines Engels Red' erfüllet. Schmach
Und Hohn, Verachtung, Kränkung jeder Art,
Verläumdungen und Hass und Neid und Wunden
90 Am zartsten Herzeu trafen ihn. Er sah
Kein Ende mehr, und lernt' im Leiden nur
Noch mehr zu leiden. Hülf und Rath und Trost
Bei Menschen war verschwunden. AVer ihm half,
Ward auch verfolget, und zuletzt gebrach
95 Das Letzte ihm. sein innrer Trost.
Da sprach er:
cSein Will geschehe!' und gab sich zur Ruh.
Die im Y. 87 ff. angedeuteten Prüfungen und Leiden erzählen 116
Murers Kap. 19 — 32. Zuletzt bringt ein liederliches und böses Weib den
Amandus gar in den Verdacht, mit ihr ein Kind gezeugt zu haben.
Amandus beginnt deshalb an Gottes Barmherzigkeit und Gnade zu
zweifeln und weiss vor Angst und Not nicht, was er thun soll, aber
{S. 340, Kap. 32, Z. 1) 'Letstlieh gäbe sich der S. Vatter zur Ruhe und
gedachte: Nun wolan, mag es nit änderst sein, fiat voluntas tua, o Deus!
In disen Gedanken sähe er im Geist sein geistliche Tochter [Anna] vor
ihm stehen, die ihme, als sie noch lebte in diser Welt, oft vorgesagt,
dass er vil leiden werde, aber Gott werde ihn nit verlassen, und aus
allen Xöhten helfen.' Die geistliche Tochter tröstet den Amandus und
verheisst ihm Gottes Hilfe, die dann auch bald kommt. An Stelle dieser
Erscheinung der geistlichen Tochter Anna hat Herder die nun folgende
Erscheinung der ewigen Weisheit gesetzt.
[20 Zur neueren Literaturgeschichte.
Und plötzlich stand vor ihm die Schönste da,
Sanftglänzender, als er sie je geselm.
Sie flocht ans vielen Rosen einen Kranz
100 Für ihn, und er erkannt' in jeder Rose
Den Dorn, auf welchem sie entsprossen war.
'Nimm, sprach sie, ihn; er ist der Deinige.
Jetzt ist mein Bild in Deinem Herzen: Du
Gewännest selbst es dir, bewahr' es treu.
105 Ihr Menschenherzen traut! Von allem Schönen
Die schönste Weisheit wird durch Prüfung nur.3
Zu V. 97—101 vgl. H. S. 336, Kap. 27, 1—9.
Dise Gottselige Tochter Anna zeigte under andern dein S. Vatter
Susoni auch an, dass sie auf ein Zeit in dem Geist hätte gesehen einen
schönen Rosenstock, mit rohten Rosen wolgezieret, auf dem Stock aber
stunde das Kindlein Jesus mit einem Rosenkränzlein, under der Stauden
aber sähe sie den S. Vatter Amandum sitzen, das Kindlein brache vil
Rosen ab, und warfe sie auf den Diener der ewigen Weisheit, und als-
er mit Rosen ganz bedeckt wurd, fragte sie das Jesusknäblein. was>
dises für ein Bedeutung und Geheimnus wäre? Das Kindlein antwortete:
Die manigfaltigen Rosen bedeuten mancherlei Leiden und Trübsalen so
Gott über ihn verhängen und zuschicken wird, die er freundlich von
Gott, und umb Gottes willen empfahen und leiden soll.
Zu V. 105 vgl. H. S. 343, 15—21.
[Suso] sähe die Mutter Gottes Maria ihr liebes Kind die ewige
Weisheit an ihr Herz druckend sitzen, er sähe auch um das Häuptlein
des Kindleins Jesus, mit schönen und glanzenden Buchstaben geschribenr
ach Herzen traut. Das könnte der S. Vatter wol lesen und verstehen.
Es sänge auch ihme ein engelischer Jüngling dises Gesänglein, Herzen
117 traut, so lieb- j lieh vor, dass er sein Hand auf sein Herz legte, das-
zuhalten, damit es ihm nit zerspränge, und da er widerumb zu ihm
Selbsten käme, fand er sein gerechte Hand ob seinem Herzen ligen.
Sie sprach es, und ein sanfter Abendglanz
Umfloss Amandas Haupt. All seine Feinde,
In Träumen kamen die Verstorbnen selbst,
ho Und flehten um Verzeihung und Gebet.
Und seinen Freunden war der vielgeprüfte
Amandus doppelt werth. Jungfraun und Fraun,
( Kr ehrete in ihrer Tugend stets
Der Mutter Gottes Gnad' und Zucht und Huld)
115 Sie ehreten in ihm der Weisheit Sohn.
18. Herder, cDie ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter1. 121
Zu V. 108—10 vgl. H. S. 340, Kap. 32, 1—24 und 29—33.
Unter andern Verfolgern wäre auch ein hoher Prälat, der erschine
dem S. Suso nach seinem Tod und sprach, dass ihme Gott der All-
mächtig sein Leben der Ursachen verkürzet und abgehrochen habe,
dieweil er ihme also unschuldiger Weis übel nachgeredt hatte, das
müsste er noch im Fegfeur büssen Sein bester Ordens-
gesell, so ihn in seinen grossen Nöhten verlassen, .... starbe bald
hernach, welcher als er sein Schuld im Fegfeur gebüsset und bezahlt
hatte, erschin er ihm in grosser Klarheit und güldenen Kleid, und hatte
ihn umb Verzeihung, neigte sein Angesicht freundlich gegen ihme, und
führe gen Himmel.
Zu V. 113 vgl. S. 326, Kap. 16, Z. 4, wo als Ausspruch Susos an-
geführt wird : Es ist mein Gewohnheit, dass ich die Weiber gern ver-
ehre umb der Mutter Gottes willen.
II. Der Friedensstifter.
Dreimal war der kühne Karl geschlagen,
Und die Macht Burgunds im Blut erlegen;
Gransee, Murten, Nansen zeugten ewig.
Was der Tapfre über ungerechten
5 Stolz vermag: als sich die böse Zwietracht
Auch ins Herz der Tapfern schlich. Sie zankten
Lieblos um des Sieges reiche Beute.
Fast schon th eilte sich der Eidgenossen
Bündniss. Denn mit Frankreichs Gelde waren
io Frankreichs Sitten in das Land gekommen,
Üppigkeit und Pracht. Dem Schweizerbunde |
Drohete Auflösung. Da am letzten 118
Friedenstag' zu Stanz in Uuterwalden
Trat ein alter Mann in die Versammlung.
Vgl. H. S. 395 f. (Kap. 14).
Nachdem die acht alte Ort der Eidgnossschaft mit Hilf Herzog
Sigmunden von Oesterreich und Kenati Herzogs von Lothringen Anno
147t> den grossmächtigen Herzogen Carlen von Burgund in dreien Feld-
schlachten zu Gransee, Murten und Nansen überwunden und erlegt:
entstund under ihnen, den Eidgnossen, selbst nicht ein geringe Uneinig-
keit. Dann erstlich möchten sie die grosse Beut, welche sie in ge-
dachtem Krieg erobert, nicht mit Liebe theilen, weil die Länder mit
den Stätten gleiche Portion haben wolten, die Statt aber ihnen selbst
mehr zueigneten als den Ländern. Zu dem hielten die Statt Freiburg
122 Zur neueren Literaturgeschichte.
und Solothum an, dass sie zu Oertern der Eidgnossschaft angenommen
wurden. Deren l'»irt zu willfahren waren Zürich, Bern und Lucern ur-
bietig und geneigt, aber die Länder Uri, Schweitz. Underwalden, Zug
und Glarus wolten solches keines wegs gestatten. Als derhalben die
erstgemelten ."> Statt gesehen, dass sie die Länder gar nit bereden
möchten, haben sie einen besonderen Hund zusamen gemacht, und Burg-
recht mit einander aufgerieht. Dessen waren aber die Länder nicht
zufriden, und understunden sich den Bund widerumb abzuschaffen. In-
sonderheit vermeinten die von Uri, Schweitz und Underwalden, es hätten
die von Lucern nicht Gewalt einigen Bund ohn ihr Wissen und Willen
zumachen, und ist diser Span auf vilen Tagen gehandlet, aber je länger
je grösser und ärger worden. Über diss alles hatten die Eidgnossen
in demselben Jahr von Königlicher Majestät aus Frankreich ein grosses
Gelt eingenommen, waren auch täglich mehr erwartend, wiewol nicht
unverdienet. Mit solchem Gelt aber schlichen allgemach in die Eid-
gnossschaft frembde und unlöbliche Sitten, als Pracht, Unmässigkeit etc.
Dise Ding nun missfielen dem fridsamen und demühtigen B. Clausen,
der sich auch in eigner Person (wie Peter Etterlein bezeuget) aus Liebe
gemeines Vatterlands, in die Sach gelegt, und verschaffen, dass zu Stanz
in Underwalden ein Tag gehalten wurde, da dann erscheinen solten der
8 Orten Bottschaften, sampt der Freiburger und Solothurner Legation,
wie beschehen auf Sambstag vor S. Thomas Tag, in dem December des
1481. Jahrs. Bruder Claus kam auch gen Stanz (welcher Fleck fast
4 Stund Wegs vom Ranft ligt,) redet die Eidgnossen an, strafte,
lehrte, batte, vermahnete und warnete sie ganz vätterlich und treulich.
Grad und hoch: sein Antlitz blitzte Schrecken.
Doch gemischt mit Gütigkeit und Anmuth.
Lang sein Bart, von wenig schlichten Haaren,
Zweigespalten; auf dem braunen Antlitz
Glänzt' ein Himmlisches. Gebietend stand er
20 Dürr und hager da. und sprach anmuthig,
Männlich-langsam:
119 Vgl. H. S. 401 (Kap. 19).
Es war ein Mann gerades und gestaltes Leibs, doch dürr, mager
und ausgeschöpft, allein von Haut. Adern und Gebein zusamen ge-
geschmucket. Sein Färb war braun, das Haar schwarz, ein wenig mit
grauem vermischt. Der Bart war von wenig Haaren nit gar lang, in 2
Theil gespalten, die Augen waren schwarz, daraus sein lieblich Gesicht
den Anschauenden schier ein Schrecken erweckt. Die Adern des Hals
und der Kaien, so er redte, wurden geachtet nicht mit Blut, sonder
18. 'Herder, Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 123
mit Luft erfüllet. Er gebrauchte sieh eines einigen Kleids oder Rocks,
einfältig bis auf die Fersen, das Haupt und die Füss hielt er alhvegen
bloss, er hatte ein männliche Stimm und langsame Red.
'Liebe Eidgenossen,
Lasset nicht, dass Hass und Neid und Misgunst
Unter euch aufkommen; oder aus ist
Euer Regiment! — Auch zieht den Zaun nicht
25 Gar zu weit hinaus, damit ihr eures
Theurerworbenen Friedens lang' geniesset.
Eidgenossen, werdet nicht verbunden
Fremder Herrschaft, euch mit fremden Sorgeil
Zu beladen und mit fremden Sitten.
30 Werdet nicht des Vaterlands Verkäufer
Zu unredlich-eignem Nutz. Beschirmet
Euch uud nehmt Banditen. Landesläufer,
Nicht zu Bürgern auf und Landesleuten.
Ohne schwere Ursach' überfallet
35 Niemand mit Gewalt: doch angefallen.
Streitet kühn. Und habet Gott vor Augen
Im Gericht, und ehret eure Priester.
Folget ihrer Lehre, wenn sie selbst auch
Ihr nicht folgen. Helles frisches Wasser
40 Trinket man. die Rühre sei von Silber
Oder Holz. Und bleibet treu dem Glauben
Eurer Väter ! Zeiten werden kommen.
Harte Zeiten, voll von List und Aufruhr.
Hütet euch, und stehet treu zusammen,
45 Treu dem Pfad' und Fusstapf unsrer Väter.
Alsdann werdet ihr bestelm! kein Anstoss
Wird euch fällen und kein Sturm erschüttern.
Seyd nicht stolz, ihr alten Orte. Nehmet
Solothurn und Freiburg auf zu Brüdern:
50 Denn das wird euch nützen.3 — Also sprach er, 120
Neigte sich, und ging aus der Versammlung.
Tgl. H. S. 396 (Kap. 15).
Die uberige Räht und Lehren, so B. Claus den Eidgnossen geben,
werden in den Schriften M. Heinrichs von Gundelfingen und H. Johan
124 Zur neueren Literaturgeschichte.
Salats glaubwürdig begriffen, wie folgt. 1. Liebe Eidgnossen, sagt er,
lasset nicht zu, dass Uneinigkeit , Neid, Hass, Missgunat und Partheien.
under euch aufkommen und wachsen, sonst ist euer Ding und Kegiment
aus. 2. Machet den Haag oder Zaun der Eydgnossschafft nicht zu
weit, damit ihr in desto besserer Ruhe und Friden euer säur eroberte
Freiheit besitzen und gemessen möget. 3. Beladet euch nicht mit
frembden Sachen, und verbindet euch nicht mit frembder Herrschaft.
4. Verkaufet das Vatterland nicht umb Mieht und Gaben, und hütet
euch vor eignem, unredlichem Nutz. 5. Beschirmet euer Vatterland
und bleibet darbei. Auch neminet frembde Schweriner und Banditen
nicht an zu Burgern und Landleuten. 6. (Hin hochwichtige Ursachen
solt ihr niemand feindlich und mit Gewalt überfallen. So man euch
aber undertrucken wolte, alsdann streitet dapferlich für euer Freiheit
und Vatterland. 7. Vor allen Dingen aber habet Gott vor Augen, und
haltet mit Fleiss seine Gebott. 8. Den Priestern erzeiget gebürliche
Ehr, und gehorchet ihren Vermahnungen, ob sie schon nit unsträflich
oder auferbäulich leben : dann gleich wie ein frisches Bronnenwasser
ebenso gut und wolgeschmack durch bleiene oder kupfere, als durch
silberne oder guldine Rören lauft, also empfahet ihr durch böse und
gute Priester einerlei und gleiche Gnad Gottes, wofern ihr euch
würdiglich darzu bereitet. 9. Endlich seind beständig im Glauben der
lieben Alten: dann es wird sich nach meinem Tod ein grosser Aufruhr
erheben in der Christenheit, und alsdann hütet euch, o lieben Kinder,
dass ihr durch Neuerung und Listigkeit nicht betrogen werdet. Haltet
euch zusamen, bleibet in dem Weg und Fussstapfen unserer frommen
Voreltern. Behaltet und bestettiget es, was sie uns gelehrt haben.
Alsdann mag euch weder Anstöss, noch Sturmwind nichts schaden, die
doch gar stark nachgehen werden.
Alle, die den heiigen Mann erkannten,
Hörten in ihm eines Engels Stimme:
Bruder Clans war es von Unterwaiden,
55 Der arj seiner einsamen Kapelle
Ohne Speis' und Trank, (so spricht die Sage)
Zwanzig Jahr gelebt. Dem Kind' und Jüngling
War am Himmel oft ein Stern erschienen,
Der sein Herz ins Innere zog. Er hatte
60 Jederzeit, auch emsig in Geschäften,
Stille Einkehr in sicli selbst geliebet,
Zehen Söhn' und Töchter auferzogen, |
121 Auch in Kriegeszügen seinem Lande
Treu geholfen; bis die Welt zu enge
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und 'Der Friedensstifter'. 125
65 Für ihn ward. Er nahm von Weih und Kindern
Liebreich Abschied, und mit ihrem Segen
Ging er zur Einöde. Vielen Pilgern,
Die ihn suchten, gab er Rath und Hülfe.
Manchen Sturm der Seele, manche Unruh.
7(» Senkete ein Wort von ihm zur Ruhe.
Denn er war von starkem Herzen; mächtig-
Frei, und floh wie Pest die Landsverderber.
Oft weissaget' er. und wusst' der Seelen
Innerstes Geheimniss. Seines Lebens
75 Täglicher und hocheinfältger Spruch war:
'Nimm, o Gott, mich mir; und gieb mich ganz dir.'
Zu Y. 55—57 vgl. H. S. 391 (Kap. 7).
[Bruder Claus hat] fürhin bis an sein End, nemblieh zwanzigthalb
Jahr also verharret, dass er weder essen noch trinken, noch leibliche
Nahrung gebraucht hat.
Zu Y. 57—59 vgl. H. S. 387 (Kap. 1).
Es hat aber der barmherzig Gott dises Kind auch in Mutterleib
übernatürlicher Weise erleuchten und begnaden wollen: anzuzeigen was
endlich aus ihme werden werde. Dann er Nicolaus zuvor und ehe er
geboren ein solches Gesicht gehabt, nemblieh am Himmel sähe er einen
Sternen, der an der Schöne andere Sternen übertraf, von welches Strei-
men die ganze Welt erleuchtet war, welchen Sternen er darnach in
dem Leben oft gesehen, inmassen dass er gemeint, es sei eben der
Sternen, den er in Mutterleib angeschauet hätte.
Zu Y. 59—61 vgl. H. S. 388 (Kap. 2).
[Er hatte im 16. Jahr seines Alters] angefangen die Yersamb-
lungen der Menschen fast zufliehen, und die Einsahme zulieben, doch
name er nichts unbescheidlichs für, er war seinen Eltern underthan
und hälfe ihnen die Haussorg mit Treuen verwalten.
Zu Y. 62 vgl. H. S. 388 (Kap. 3).
. . . als unser Xicolaus zu seinen mannlichen Jahren kommen,
er einer ehrlichen Tochter, mit Namen Dorothea Weissling sich ver-
mählet, . . . auch 10 Kinder, nemblieh 5 Söhn und 5 Töchtern er-
zeuget, .... welche Kinder er alle in aller Gottsforcht und Frommkeit
auferzogen.
Zu Y. 63 vgl. H. S. 388 (Kap. 3).
Und ob wol der S. Xicolaus ein höchster Liebhaber des Fridens
wäre, so hat er dannoch auch bei Zeiten seines wehrenden Ehestands
126 Zur neueren Literaturgeschichte.
122 aus Gebott | seiner Oberkeit, als ein Gehorsam mer sich in Kriegen, so
umb Beschirmung willen des Yatterlands und desselben Freiheit, fremb-
den Feinds Gewalt abzutreiben, fürgenommen, tapfer und redlich lin-
den lassen.
Zu V. 64—67 vgl. H. S. 390 Kap. 6).
Dahin, und so ferr wurde unser fromme Nicolaus durch göttliches
Einsprechen getriben . dass er vermeinte , die "Welt wäre ilime nicht
weit genug noch länger darinn zuwohnen. Derhalben thäte er seiner
lieben Gemahel sein Yornemmen kund, und zeigt ihr an, er hätte ihme
fürgesetzt die schnöde Welt gänzlich zuverlassen, und forthin an einer
füglichen Statt in einer Einöde Gott allein zudienen Welches
als er oft und vil von seiner Gemahel erforderte, war sie endlich uber-
redt, und gab ihme, damit sie ihme an dem Göttlichen Beruf nit ver-
hinderte, Erlaubnuss seinem Yornemmen nachzukommen. Derowegen
als man zchlt nach Christi unsere Herren Geburt 1-467 im Herbstmonat,
da der Nicolaus fünfzig und ein halbs Jahr alt war, verliesse er sein
Hausfrau und Kinder sampt aller seiner Hab.
Zu Y. 67—72 vgl. H. S. 395 (Kap. 14).
Des B. Clausen Red, Geberden und Angesicht war allzeit zu der
Sanftmuht und Gütigkeit geneigt, und erzeigte auch in allen Dingen
ein gleiches standhaftes Gemüht. Es war aber nicht allen Bilgern und
Frembdlingen zugelassen, dass sie ein freien Zugang zu ihme hätten,
dann wie er auch selbst bezeuget, kamen etliche dahin nicht zur Besse-
rung, sonder mehr aus Fürwitz und Lcicbtfertigkeit, nach der Phariseer
Art, dass sie ihn versuchten. Darumb als er etliche also gesinnet sähe,
und innwendig erkante, flöhe er sie fast, was aber die Gutherzigen, so
ihn heimbsuchten belanget: die Hesse er frei mit ihme reden, grüssete
sie freundlich, lehrte sie gütiglich, und ehrete sie gebürlicb. Und ob
er schon weder schreiben noch lesen könnte, pflegte er doch aus Gött-
licher Gnad und Weisbeit, auch mit den allergelehrtisten Leuten der-
massen zureden, dass er sie auch genugsamb berichtete, und oft ihr
Unverstand in heimblichen Dingen zuhilf käme.
Zu V. 73—74 vgl. H. S. 398 ff., Kap. 17, überschrieben 'Etliche
Propheceyung und Miracul bey seinen Lebzeiten'.
Zu Y. 74—76 vgl. H. S. 401 (Kap. 19):
Under andern Gebetten war auch dem Bruder Clausen dieses gar
gemein. 0 Gott, nimb mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir. O
Herr, gib mir alles, das mich bekehrt zu dir. O Herr, nimb von mir
alles, das mich wendet von dir.
Der war Bruder Claus. Die Bundsversammluug
Folgte seinen) Katli: einmüthig wurden
Aufgenommen Solothurn und Freiburg;
18. Herder, 'Die ewge Weisheit' und "Der Friedensstifter'. 127
80 Und so manche Rathsversammlung wünschte
Bruder Claus zu sich von Unterwaiden,
Mit der Bärentappe, die der Engel. 123
Falls er in den Himmel kommen wollte,
Ihm zum führenden Panier gegeben.
Zu V. 77—79 vgl. H. S. 396 (Kap. 15).
Welches auch ohne Frucht und Nutz nicht abgangeil. Dann an
demselbigen Tag haben wolgemelte acht alte Ort sich nicht allein mit
einander freundlich vertragen und vergliechen, sonder auch Freiburg
und Solothurn zu Oertern der Eidgnossschaft ganz einhelliglich auf-
und angenommen.
Zu V. 82-84 vgl. H. S. 390 (Kap. 5).
Als er [Bruder Claus] ferner« auf ein Zeit in seinen häuslichen
Geschäften war, seind drei ehrbare Männer in einer ehrlichen Gestalt
und guten Sitten zu ilnue kommen, under denen der erste anfing tu-
gendlich zureden, der Meinung : Nicolae wiltu dich ganz ergeben mit
Seel und Leib in unsern Gewalt? Er antwortet und sprach: Ich ergib
mich niemand andern dann dem Allmächtigen Gott, dessen Diener ich
nuu lange Zeit zusein begehrt hab. Da wandten sich dise 3 Männer
zusamen mit fröhlichem lachen, und redet der erste widerumb zu ihme*.
Dieweil du dann dich Gott allein zugeeignet hast ewiglich, so verheiss
ich dir gewiss, dass wann du wirst vollbracht und erlebt haben das
sibenzigst Jahr, wird sich der allergütigst Gott erbarmen über dein
Arbeit, und dich erlösen von aller Widerwärtigkeit, darumb ermahne
ich dich zu einer vesten ßeharrligkeit, so will ich dir geben einen
Panner mit einem Bärentappen bezeichnet, einem mächtigen Kriegsheer
in das ewige Leben vorzutragen. Ich verlasse dir auch zu unserer Ge-
dächtnuss das Creuz zutragen. Wie dises also vollendet, giengen die
drei hinweg;.
■-*•
Vorstehende Arbeit war schon fast ganz fertig, als mir
merkwürdigerweise erst einfiel, in den vom Jahre 1792 an
erhaltenen Ausleihebüchern der Grossherzoglichen Bibliothek
nachzusehen, ob und wann Herder daraus die Helvetia Sancta
entliehen habe. Da Redlich (Herders sämtliche Werke 28,
560) sagt: 'der Friedensstifter gehört, wie die Form und die
erhaltene Handschrift zeigt, erst in das Jahr 1796D, so suchte
ich gleich unter letzterem Jahre, und bald fand ich. dass
Herder am 19. November Murers Helvetia Sancta entliehen
hat. Daraus geht also hervor, dass 'Die ewge Weisheit3 und
[28 Zur neueren Literaturgeschichte.
'Der Friedensstifter' erst nach dem 19. November 1796 ge-
dichtet sind.
Ausser Murers Heiligeuleben hat aber Herder an dem-
selben Tage noch entliehen des Laurentius Surius Vitae Sanc-
torum, Coloniae Agrippinae 1617 — 18, (4 Foliobände) und
124 des Jo. Boni- facius Bagatta Admiranda Orbis Christiani. T. I
bis II, Venetiis 1680, und dann noch am 28. November 7.\vei
Heiligenleben von Antoine Godeau, nämlich La Vie de Saint
Augustin. Seconde edition, Paris 1657, und La Vie de Saint
Charles Borromee, Paris 16X4. Alle diese Entleihuugen be-
zeugen Herders damalige Beschäftigung mit den Legenden.
Aus den beiden Werken Godeaus hat Herder keine seiner
Legenden geschöpft, wohl aber dürfte für manche in den ge-
nannten Werken von Surius und Bagatta die Quelle zu finden
sein. Ich überlasse es andern, dies zu ermitteln.
19. Goethiana.
(Zeitschrift für deutsche Philologie 3, 475—480. 1871.)
I. Zwei brasilianische Lieder.
In seinen dankenswerten Mitteilungen über das Tiefurter
Journal in nr. 34 der diesjährigen Grenzboten hat Herr
Archivar Burkhardt das 'Todeslied eines Gefangenen'
aus dem 38. Stücke des genannten Journals zum erstenmal
durch den Druck bekannt gemacht und zwar als ein Goethe-
sches Gedicht, Herr Dr. Burkhardt hat nämlich unter audern
im Nachlasse der Herzogin Anna Amalia befindlichen Original-
concepten von Beiträgen für das Tiefurter Journal auch ein
Blatt gefuudeu. auf welchem von Goethes eigener Hand ge-
schrieben dieses und ein in demselben Stückt- des Journals
erschienenes cLiebeslied eines amerikanisch en Wilden'
stehen. Letzteres Lied hat Herr Dr. Burkhardt nicht ab-
drucken lassen, mir aber auf meine Bitte abschriftlich mit-
zuteilen die Güte gehabt. [Weimarer Ausgabe 4. 320. 1891.]
19. Goethiana. 1-_>1:I
Goethe hat diese beiden Lieder zwei brasilianischen
Liederfragmenten nachgebildet, welche Michel Montaigne
im 30. Kapitel des 1. Buches seiner 'Essais', welches 'De
Cannibales3 überschrieben ist und von den Wilden Brasiliens
handelt, in französischer Prosa mitgeteilt hat.
uo'
May une chanson' — sagt Montaigne — 'faicte par im
prisonnier, on il y a ce traict: Qu'ils viennent hardiinent
trestons, et s'assemblent pour disher de lny, car ils mange-
ront qnant et qnant lenrs peres et lenrs ayenlx. qui ont
servy d'aliment et de nonrritnre a son corps : ces mnscles.
dit-il, cette chair et ces veiues, ce sont les vostres, panvres
fols que vous estes: vons ne recognoissez pas que la sub-
stauee des membres de vos ancestres s'y tient encore: savou-
rez - les bien, vons y trouverez le gonst de vostre propre
chair. J
Und weiter unten sagt Montaigne: cOutre celuy (traict)
que je vieu de reciter de Linie de lenrs chansons guerrieres,
Jen ay nne antre araonrense, qui commence en ce sens:
Conlenvre, arreste-toy, arreste-toy, conleuvre, afin que ma
soeur tire sur le patron de ta peintnre, la facon et l'ouvrage
dun riclie cordon, que je puisse dünner ä m'amie: ainsi soit
en tont temps ta beaute et ta disposition preferee ä tous
les autres serpens."
In der zu Leipzig 1753 — 54 erschienenen Übersetzung
der 'Versuche" Montaignes von Job. Dan. Titins sind diese
Stellen so übersetzt:
'Ich habe einen Gesang, welchen ein Gefangener ver-
fertiget hat, in welchem diese Stelle vorkommt: 'Sie sollten
nur alle kühnlich kommen, und sich versammeln um von
ihm zu schmausen. Sie würden zugleich auch ihre Väter
und Grossväter mitfressen, die seinem Leibe zur Nahrung
und Speise gedient hätten. Diese Muskeln, sagt er. dieses
Fleisch, und diese Adern, sind von euch, ihr Narren. Ihr
wisst nicht, dass das beste von eurer Vorfahren Gliedern
noch darinnen ist. Kostet sie nur recht: ihr werdet euer
eigen Fleisch schmecken/ (Teil 1. S. 383.)
Köhler, Kl. Schriften. HI. 9
\'.J)0 Zur neueren Literaturgeschichte.
'Ausser dem gedachten Kriegsliede habe icli noch ein
Liebeslied von ihrer Art, welches sich so anfängt: 'Schlange,
warte, warte, Schlange, damit mir meine Schwester nach der
Zeichnung deiner Haut ein schönes Band für meine Liebste
machen kann. So mag deine Schönheit und deine Bildung
der Schönheit aller andern Schlangen vorgezogen werden.*
(Teil 1, S. 385.) |
477 Man vergleiche nun Goethes Bearbeitungen.
Todeslied eines Gefangenen.
Kommt nur kühnlich, kommt nur alle
Und versammelt euch zum Schmause,
Denn ihr werdet mich mit Dräuen,
Mich mit Hoffnung nimmer beugen.
Seht, hier bin ich, bin gefangen,
Aber noch nicht überwunden.
Kommt, verzehret meine Glieder
Und verzehrt zugleich mit ihnen
Eure Ahnherrn, eure Väter,
Die zur Speise mir geworden.
Dieses Fleisch, das ich euch reiche,
Ist, ihr Thoren, euer eignes,
Und in meinen innern Knochen
Stickt das Mark von euren Ahnherrn,
Kommt nur, kommt, mit jedem Bisse
Kann sie euer Gaumen schmecken.
Namentlich die beiden ersten Zeilen scheinen mir ent-
schieden für die Benutzung der Übersetzung von Titius zu
sprechen. Zeile 3 — 6 sind von Goethe eingeschoben und
durch folgende, einige Seiten vorher stehende Worte Mon-
taignes über jene Wilden veranlasst, die ich nach jener Über-
setzung (Teil 1, S. 37!) f.) hier folgen lasse: 'Sie verlangen
von ihren Gefangenen weiter keine andere Auslösung, als
das Geständniss dass sie überwunden sind. Allein unter
allen findet sich in einem Jahrhunderte kein einziger, der
nicht lieber das Leben eiubüssen, als nur mit einem einzigen
Worte etwas von seinem unüberwindlichen Muthe nachgeben
wollte. Mau findet keinen einzigen, der sich nicht lieber er-
morden und fressen lassen, als dieses verbitten wollte. Sie
verstatten ihnen alle Freyheit, damit ihnen das Leben desto
19. Goethiana. 131
lieber sein soll; und drohen ihnen gemeiniglich öfters mit
ihrem zukünftigen Tode. Sie stellen ihnen vor, was für
Martern sie dabey aus zu stehen haben, was für Anstalten
man dazu macht, wie sie zerfleischet werden sollen, und was
für einen Schmaus man auf ihre Unkosten halten wird. Alles
dieses geschieht bloss in der Absicht, um ihnen ein verzagtes
oder kleinmüthiges Wort ab zu locken, oder ihnen Lust zur
Flucht zu machen : um den Vortheil zu erlangen dass sie die-
selben in Furcht geiagt, und ihre Standhaftigkeit zu Boden
geschlagen."
Wenden wir uns nun zu dem Liebeslied. Es lautet in
Goethes Bearbeitung im Tiefurter Journal also: |
Liebeslied eines amerikanischen Wilden. 478
Schlange warte, warte Schlange,
Dass nach deinen schönen Farben,
Nach der Zeichnung deiner Ringe,
Meine Schwester Band und Gürtel
.Mir für meine Liebste flechte.
Deine Schönheit, deine Bildung
Wird vor allen andern Schlangen
Herrlich dann gepriesen werden.
Hier ist die Abhängigkeit von der Montaigne-Übersetzung
von Titius noch stärker als bei dem ersten Liede.
Eine Bearbeitung desselben Liedes findet sich auch in
Goethes Zeitschrift 'Über Kunst und Altertum", Band 5,
Heft 3 [1825], S. 130, worauf Herr Dr. Burkhardt nicht ver-
fehlt hat hinzuweisen.
Brasilianisch.
Schlange, halte stille!
Halte stille, Schlange!
Meine Schwester will von dir ab
Sich ein Muster nehmen;
Sie will eine Schnur mir flechten
Reich und bunt wie du bist,
Dass ich sie der Liebsten schenke.
Trägt sie die, so wirst du
Immerfort vor allen Sehlangen
Herrlich schön gepriesen.
9*
];;•_> Zur neueren Literaturgeschichte.
Üb auch diese Bearbeitung von Goethe herrührt, niuss
dahingestellt bleiben. (Siehe v. Löper in Strehlkes Ausgabe
der Goetheschen Gedichte 3, 370 f. [5, 228. 253 f. Wei-
marer Ausgabe 4. 333].) Während die Bearbeitung im
Tiefurter Journal nach der Übersetzung von Titius gemacht
ist, lässt die in 'Kunst und Altertum' in einigen Worten
Benutzung des französischen Originals erkennen. Dafür,
dass dem Verfasser der zweiten Bearbeitung die erste vor-
gelegen, könnte nur die Ähnlichkeit der letzten Zeile in
beiden sprechen, doch kann dies wohl auch zufälliges Zu-
sammentreffen sein.
Schliesslich mögen zur Vergleichung noch aus Bodes
Übersetzung der Essais Montaignes (M. Montaignes Gedanken
und Meinungen über allerley Gegenstände. Zweyter Band.
Berlin 1793. S. 121 und 124) die beiden Lieder hier Platz
finden.
Kommt herbey mit hellem Haufen,
Kommt, gelüstet Euch mein Fleisch!
479 Wollt Ihr Eure Väter fressen?
Kommt, schmeckt deren Yäter auch !
Ha! ihr aller Fleisch nährt mich schon lange!
Muskeln, Adern, Zasern und Gebein,
Sind aus ihrem Saft und Mark erzeuget.
Darnach lüstet's Euch, Ihr dummen Hunde ?
Nun so nagt und fresst Eur eignes Mark.
Nehmt mir wieder, was ich Euren Vätern nahm!
Fleuch nicht, Schlange, schöne bunte Schlange,
Bleib ! dass meine Schwester eine Zeichnung
Nach der Schönheit Deiner Haut mir mache,
Und nach der ein schönes Band für Cora,
Meine Jugendfreundinn, die ich liebe !
So nennt jeder Dich die schöne Schlange.
Preiset auch Dich mehr, als andre Schlangen!
Fleuch nicht, schöne Schlange; schöne Schlange, weile!
[Auf Hoffmann von Hoffmannswaldaus stillose!
Übersetzung (Gedichte 1689, Vorrede Bl. 4) und Morhofs
Unterricht von der deutschen Poesie 1700, S. 382 verweist
Erich Schmidt, Zs. f. d. österr. Gymn. 1883, 36. A. Chuquet,
19. Goethiana. 133
Revue crit. 1886, nr. 40. S. 293. Auch Ewald von Kleists
'Lied der Canibalen' (Gedichte von dem Verfasser des Früh-
lings 1756, S. 158 = Werke ed. Sauer 1, 94), das Herder
| Volkslieder 2, 304 = = Werke ed. Suphan 25, 538, nr. 5)
nennt, wäre anzuführen gewesen:
Verweile schöne Schlange,
Verweile! Meine Schwester
Soll in ein Band von Golde
Dein Bild für Isen wirken,
Für Isen meine Freundinn.
Alsdann wird deine Schönheit
Vor allen andern Schlangen
Der Welt gepriesen werden.]
IL Der christliche Roman0.
Fräulein von Göchhausen schreibt in einem Briefe vom
16. September 1782 an Knebel (abgedruckt in der Europa
1843, II, 344) mit Bezug auf das Tief urter Journal: cDer so-
genannte christliche Rom au ist aus dem Munde einer sehr
alten Frau in Ettern [Ottern] bei Belvedere nachgeschrieben
worden.0 Als ich vor Jahren zum erstenmal diese Stelle
las, war ich sehr neugierig, zu erfahren, was das für ein
'christlicher Roman' sein möchte, den man aus dem Munde
einer alten Bauersfrau aufgeschrieben und der Aufnahme in
jenes Journal wert erachtet hatte. Ich vermutete ein Volks-
märchen in Prosa, fand aber, als ich bald darauf Gelegenheit
hatte, Salomon Hirzels Exemplar des Tiefurter Journals ein-
zusehen, zu meiner Überraschung im 28. Stücke unter der
Überschrift 'Ein christlicher Roman3 ein mir wohlbekanntes
Volkslied. Es ist das Lied von der Tochter des Komman-
danten zu Gross -Wardein, von dem ich vier verschiedene
Drucke kenne: 1) Des Knaben Wunderhorn 1, 64; neue Aus-
gabe 1, 73 [1, 63. 520 ed. Birlinger-Crecelius — 1, 106 ed.
Boxberger]. 2) Volks-Sagen. Märchen und Legenden. Ge-
sammelt von .1. G. Büsching. Leipzig 1812. S. 163. 3)
Fränkische Volkslieder, gesammelt von Fr. W. Freiherrn
von Ditfurth. Leipzig 1855, 1. nr. 87. 4) Braut- Sprüche
und Braut-Lieder, auf dem Heideboden in Ungern gesammelt
134 Zur neueren Literaturgeschichte.
von R. Sztachovics, Wien 18G7, S. 276. (In letzterer Samm-
lung ist das Lied nach mehreren Liederhandschriften mit-
geteilt, deren älteste vom Jahre 1767.) x) Es bedarf kaum der
Erwähnung, dass diese fünf Texte des Liedes öfters unter-
einander abweichen, wie dies Texte eines und desselbeu |
480 Volksliedes, die zu verschiedener Zeit und an verschiedenen
Orten aufgezeichnet sind, ja immer thun. Was die dem
Texte des Tiefurter Journals eigentümlichen Lesarten betrifft,
so sind sie durchaus nicht der Art, dass man etwa eine
Überarbeitung von der Hand des Einsenders vermuten müsste,
man darf vielmehr annehmen , dass er unverändert, wie er
aus dem Munde der Alten aus Ottern nachgeschrieben
worden war, in das Journal übergegangen ist. Herr Dr.
Burkhardt hat (s. den oben citierten Aufsatz S. 289) auch
von dem 'christlichen Roman3 die Originalhandschrift vorge-
funden, und zwar ist sie von Goethes Schreiber geschrieben.
So mag denn das Lied durch Goethe in das Journal ge-
kommen sein. Wenn aber Herr Dr. Burkhardt sagt: cOb
Goethe die Erzählung in diese Reime gebracht hat, darüber
lässt sich kaum eine Vermutung aussprechen,3 — so ergiebt
sich aus dem obigen, was nicht als Vermutung, sondern als
Gewissheit auszusprechen ist.
III. Sprichwörtlich.
In der Abteilung der Goetheschen Gedichte, welche über-
schrieben ist 'Sprichwörtlich5 [Gedichte, hsg. von Loeper
1884 3, 41. Weimarer Ausgabe 2, 231], findet sich bekannt-
lich der Spruch:
Noch spuckt der Babylon'sche Thurm,
Sie sind nicht zu vereinen!
Ein jeder Mann hat seinen Wurm,
Copernikus den seinen.
In Jacob Bälde s merkwürdigem Gedichte 'De vanitate
mundf, worin gewisse lateinische Strophen immer auch frei
deutsch wiedergegeben werden, lesen wir unter nr. LVI:
') | Weitere Texte verzeichnet Bolte, Zeitschr. f. dtsch. Altertum
34, 28 und 36, 95 f. Vgl. auch oben 2, 226.]
20a. Harlekins Hochzeit und Goethes 'Hanswursts Hochzeit'. 13,")
Copernici deliria
Sunt involucra gypsi.
Quid hoc? iacet Copemicus,
Tellus stat, astra currunt.
Die Erden steht, vnd nit vmbgeht,
Wie recht die Glehrten meinen.
Ein jeder ist seins Wurmbs vergwist,
Copemicus d e s s seinen.
Weimar, August 1871.
20 a. Harlekins Hochzeit und Goethes
' Hanswursts Hochzeit'.
(Zeitschrift für deutsches Altertum 20, 119—126. 1876.)
Bekanntlich erzählt Goethe im 18. Buch von Dichtimg
und Wahrheit einiges über Entstehung, Schema, Dekorationen
und Charaktere eines Dramas, von dem sich in seinen Werken
nur ein paar Bruchstücke u. d. T. 'Hanswursts Hochzeit oder
der Lauf der Welt. Ein mikrokosmisches DramaJ finden. x)
Ich hatte', beginnt Goethe seinen Bericht über das Stück,
'nach Anleitung eines älteren deutschen Puppen- und Buden-
Spiels ein tolles Fratzenweseu ersonnen, welches den Titel
Hanswursts Hochzeit führen sollte."
Das hier von Goethe gemeinte Puppen- und Budenspiel
kaun ich nachweisen. Es ist ein Singspiel eines ungekannten
Verfassers, betitelt 'Harlekins Hochzeit" oder 'Harlekins
Hochzeitschmaus', aber auch als 'Harlekins singender Hoch-
') Die Bruchstücke sind zuerst in der Quart-Ausgahe der Werke
Goethes (1, 2, 38 f.), zuletzt 'mit Ergänzungen nach einer Handschrift'
in S. Hirzels Sammlung Der junge Goethe (3, 494 — 499) herausgegeben
worden. [Goethes Werke, Weimarer Ausgabe 38, 45 — 52: dazu S. 435
bis 449.]
136 Zur neueren Literaturgeschichte.
zeitschmaus', bekannt. x) Es hat mir in folgenden Drucken
vorgelegen: |
120 1. MONSIEVE j le I HARLEQVIN | Oder | Des HARLEQVINS |
Hochzeit. In einem Singe -Spiele | vorgestellet. | Gedruckt | zu Haar-
burg im Hochzeit-Hause in diesem Jahr. 31 Seiten 8° (Berlin).
2. L'Ifunnete Femme J Oder die ] Ehrliche Frau | zu Plissine, |
in Einem | Lust -Spiele, i vorgestellet, J und | aus dem Franzöischen
[sie!] | übersetzet | von j HILARIO, | Nebenst Harlequins Hochzeit- |
und Kind-Betterin- | Schmause. | Plissine, | Gedruckt in diesem Jahre.
8 ° (Berlin).
Das Lustspiel 'L'honnete femme'2) nimmt, mit Titelblatt
und Dedikationsgedicht au csämmtliche Herren Studiosi auf
der weitberühmten Universität Leipzig3, 6 unpaginierte und
64 paginierte Seiten ein. Dann folgt mit neuer Paginierung
(S. (3) bis S. 30) unser Singspiel mit der Überschrift: 'Des
1) Unter dem letztgenannten Titel erwähnen das Stück Gottsched
in seinem Versuch einer critischen Dichtkunst, 4. sehr vermehrte Auflage
(Leipzig 1751) S. 736 und J. F. Schütze in seiner Hamburgischen
Theater-geschichte (Hamburg 1794) S. 86 und 266. Die in mehrfacher
Hinsicht interessante Stelle Gottscheds, auf die ich durch Goedeke,.
Grundriss 2, 553 [=2. Aufl. 3, 373] hingewiesen worden bin, lautet
vollständig: 'Deutschland hat also die Ehre, dass in Nürnberg zuerst
die Kunst erfunden und ausgeübet worden, ganze musikalische Vor-
stellungen auf der Bühne zu sehen. Und ob sie gleich durchgehend»
nach einer Melodie gesungen worden, wie andere Lieder; so thut dies
nichts zur Sache. Denn wer weis, wie die erste wälsche Oper aus-
gesehen hat? Alle Dinge sind im Anfange schlecht und einfach: all-
mählich geht man weiter. So ist z. E. des Harlekins singender Hoch-
zeitschmaus, den wir einzeln vielmal gedrucket haben, und den ich
noch selbst habe singend aufführen gesehen, schon etwas künstlicher,,
weil er aus zweyerley Strophen besteht, und nach zweyerley Melodien
gesungen wird.' — Schütze erzählt S. 266 von Madame Schröder in
Hamburg aus den Jahren 1742 — 44: 'Auch Harlekins singenden Hochzeit-
schmauss, die ] alte Singposse, gab oder muste sie geben' — und
S. 86 f. von Johann Kuniger: 'Schon 1748 war er bis 1750 mit Mario-
netten in Hamburg und gab galante Aktionen und Singpossenspiele:
z. B. Arlequins lächerlich singender Hochzeitsschmaus (wo freilich nicht
der Schmaus, sondern die Hochzeitgäste sangen).'
2) [Diese Komödie Christian Reuters ist mit den beiden Anhängen
1890 von G. Ellinger nach dein ältesten Drucke (Plissine 1695) neu
herausgegeben worden. |
20a. Harlekins Hochzeit und Goethes 'Hanswursts Hochzeit'. 137
HARLEQVINS Hochzeit-Schmauss, In einem Sing-Spiele vor-
gestellet.' — Hieran schliesst sieh wieder mit neuer Paginieruug
(S. (1) bis S. 25) ein zweites Singspiel, eine Fortsetzung des
vorgehenden, überschrieben: 'Des HARLEQVINS Kindbetterin-
Schmauss In einem Singe-Spiele vorgestellet Von HILARIO. -
Hierauf folgen noch drei unpaginierte Seiten. Auf den beiden
ersten stellen je fünf, mit 1 — 5 numerierte Strophen, von
denen die erste auf der ersten Seite beginnt 'Mein einziger
Schatz auff Erden5, die erste auf der zweiten cDu wahrlich
gar nicht bist3. Diese wie zwei Lieder von je 5 Strophen
gedruckten 10 Strophen sind in Wirklichkeit ein Lied.
Auf der letzten Seite endlich steht:
Bericht | Am Buchbinder.
Der Titul zur Ehrlichen Frau sambt dem Kupffer-Blat an Harle-
qvins Hochzeit-Schmauss muss abgeschnitten, und vorhero ans erste
Alphabet gebracht werden. *) |
Von dem in diesem undatierten Druck den Harlekinaden 121
vorausgehenden Lustspiel führen Gottsched, Nöthiger Vorrath 1,
259 und Weiler. Annalen 2, 277 einen Druck von 1695 an.
Beider Titelangaben stimmen nicht ganz überein und scheinen
mit dem Titel unseres Druckes verglichen, beide ungenau.
Bei Gottsched lautet der Titel: 'L'honette Femme, oder die
ehrliche Frau zu Plissine, ein Lustspiel, aus dem Frantzösischen
übersetzt von Hilario. Plissine, S°\ bei Weller: cL'Honnette
femme, oder die ehrliche Frau zu Plissine, in einem Lust-
spiele. A. d. Franz. übersetzt von Hilario. Plissine (Leipzig)
1695. 8°'. Unser undatierter Druck wird ungefähr gleich-
zeitig sein.
3. ües ; HARLEQVINS j Hochzeit- | und | Kindtauffen-Schmauss |
In einem j Singe-Spiele vorgestellet. | Freywald, | 1730. | 52 paginierte
und noch 2 unpaginierte Seiten 8 ° (Berlin).
r) Die K. Bibliothek in Dresden besitzt von diesem Druck nur die
beiden Harlekinaden mit den 3 unpaginierten Seiten. Anstatt des Lust-
spiels 'L'Honnete Femme' ist die nach demselben bearbeitete Oper vor-
vorgebunden : cLe Jouvanceau Charmant Seigneur Schelmutfsky, Et
I/Honnete Femme Schlampampe, representee par une OPERA sur le
Theatre ä Hambourg. Oder Der anmuthige Jüngling Schelmuft'sky, und
Die ehrliche Frau Schlampampe, In einer OPERA auf den Hamburgischen
Theatro vorgestellet. Hamburg, Gedruckt im güldnen ABC
138
Zur neueren Literaturgeschichte.
S. 3 - 28 enthalten ohne besondere neue Überschrift
Harlequins Hochzeit -Schmanss, S. 29 — 52 die oben unter
ar. 2 erwähnte Fortsetzung 'Des HARLEQVINS Kindbetterin-
Schmauss In einem Singe-Spiele vorgestellet Von HILARIO\ —
Auf den beiden letzten unpaginierten Seiten steht, wie in
nr. 2, das Lied 'Mein eintz'ger Schatz auf Erden5, auch hier
als 2 Lieder gedruckt.
4. Des HARLEQVINS Hochzeit- und Kindtauffen-Schmauss |
In einem Singe -Spiele vorgestellet. ; Freywald, | 1735. | 52 paginierte
und noch 2 unpaginierte Seiten 8°. Neue Auflage von nr. 3 und daher
genau damit übereinstimmend (aus der Grossh. Bibliothek in Weimar).
5. Endlich hat mir 'Harlequins Hochzeit-SchmaussJ noch
in einem Druck aus der K. Bibliothek in Berlin vorgelegen,
dem nach der Paginierung irgend ein anderes Werk, wie bei
nr. 2, vorausgegangen sein muss. Das Stück beginnt auf
S. (81) ohne besonderes Titelblatt mit der Überschrift !
122 'Des I HARLEQVINS | Hochzeit -Schmauss, | In einem j Singe-
Spiele | vorgestellet.'
und endigt S. 112. Dann folgt auf S. 113—140
'Des | HARLEQVINS ' Kindbetterin- Schmauss | In einem Singe-
Spiele | vorgestellet ] von ; HILARIO.'
Dies sind die 5 Drucke von Harlekins Hochzeit oder
Hochzeitschmaus, die mir vorgelegen haben. Ausserdem kenne
ich aber noch 2 andere, leider jedoch nur aus Anführungen.
Gottsched nennt nämlich im Nöthigen Vorrath 1, 290, 'Harle-
quins Hochzeit'. 'Harlequins Kindbetterin -Schmauss5 und
'Harlequins närrische Ehe und lustige WürthschaiV als drei
im Jahre 1716 zu Durlach erschienene 'Opern \ und in
Goedekes Grundriss 2, 553 nr. 532 [2. Aufl. 3, 373] und
W. v. Maltzahns Deutschem Bücherschatz S. 533 nr. 2247
finde ich den Titel 'Der lustig-singende Harlequin oder die *)
Pickelhärings-Hoehzeit5. 0. 0. u. J. 8°.
[1884 wies Zarncke (Christian Reuter, der Verfasser des
Schelmuffsky, sein Leben und seine Werke. Abh. der k.
Sachs. Ges. der YViss. 21, 587 — 591) ein Manuskript Reuters
und 5 Drucke der beiden Singspiele nach, die er beide dem
') 'die' fehlt bei v. Maltzahn.
l'iia. Harlekins Hochzeit und Goethes 'Hanswursts Hochzeit'. 139
Leipziger Studenten Reuter zusehrieb. — 1893 fügte Bolte
(Die Singspiele der englischen Komödianten und ihrer Nach-
folger S. 148 — 166: vgl. 186) diesen und andern inzwischen
noch aufgetauchten Drucken und Handschriften einen wahr-
scheinlich in Hamburg gedruckten Text hinzu, der die älteste
Gestalt des Singspiels von Harlekins Hochzeit enthält:
Der Lustige | HARLEQUIX, | Wird vorgestellet in einem | Singe-
Spiel. || Im Jahr 1693. | 2 Bogen -4° (Hamburg). -- Enthält 595 Verse in
85 Strophen verschiedener Form, aber nicht in Auftritte abgeteilt. Ab-
gedruckt bei Bolte a. a. 0.]
Über den Verfasser von Harlekins Hochzeitschmaus
wissen wir nichts. Gervinus, Geschichte der deutschen
Dichtung 3, 461 r) nimmt ohne weiteres an, dass er und der
Hilarius, der sich als den Verfasser der Ehrlichen Frau 2)
und von Harlekins Kindbetterinschmaus 3) nennt, eine und
') Gervinus, den, um dies nebenbei zu bemerken, Menzel (Deutsche
Dichtung 2, 386) offenbar ausgeschrieben hat, sagt: 'Ja wir können
vielleicht am besten, unter der ganzen Masse von Harlekinaden zur
Probe ein Paar herausheben, die ein Hilarius als Anhänge des Schell-
muffsky publieirte (1696), der also wohl selbst Verfasser von den Spielen
wie von der Erzählung sein wird. In zweien spielt die Frau Schlam-
pampe mit ihrem Sohne Schellniuffsky die Hauptrolle; zwei andere
drehen sich um Harlekins Hochzeitschmaus und Kindbetterinschmaus.'
Mit den zwei Harlekinaden, in denen die Frau Schlampampe mit ihrem
Sohne Schelmuffsky die Hauptrolle spiele, meint Gervinus das mehr-
erwähnte Lustspiel 'L'honnete Feinnie' und dessen Fortsetzung 'La
Maladie et la mort de l'honnete Femme, das ist: Der ehrlichen Frau
Schlampampe Krankheit und Tod. In einem Lust- und Trauer -Spiele
vorgestellet, und Aus dem Französischen in das Teutsche übergesetzt,
von Schelmuffsky Reisse-Gefährten. Gedruckt im diesem 1696 Jahr. SV
Beide Lustspiele sind aber weder Harlekinaden, noch spielt Schelmuffsky
in ihnen eine Hauptrolle, noch sind sie ursprünglich als Anhänge des
Schelmuffsky herausgekommen.
2) Weller, Annalen 2, 277 nennt, ich weiss nicht nach welcher
Quelle, als wahren Verfasser der Ehrlichen Frau 'Christian Reuter'.
[Zarncke, Abb. der k. sächs. Ges. d. Wiss. 21, 457.1
3) In Harlekins Kindbetterinschmaus, Actus III, Scena I kommt
eine | Anspielung auf die Ehrliche Frau vor, indem die Kindbetterin
Ursel von ihrem Wochenbett sagt:
Betrachtet es nur fein genau.
Es war sonst der Ehrlchen Frau,
140 Zur neueren Literaturgeschichte.
123 dieselbe Person seien. Dass der Falsch- iname Hilarius heide-
mal einen und denselben Verfasser verbirgt, möchte auch
ich annehmen. Aber warum sollte dieser Hilarius sich gerade
als Verfasser von Harlekins Hochzeitschmaus nichl auch so
genannt haben? Allerdings machen Harlekins Hochzeitschmaus
und Harlekins Kindbetterinschmaus den Eindruck, als rührten
sie von einem Verfasser her; aber dies ist natürlich, da
eins eben nach dem Muster des andern gemacht ist. [Hilarius
ist. wie Zarncke musterhaft nachgewiesen hat. ein Deckname
des Leipziger Studenten Christian Reuter. Dieser über-
arbeitete 1695 das ältere Singspiel von Harlekins Hochzeit,
indem er sieben Strophen strich, neun neue einschob und
mehrfach Umstellungen und Änderungen im Ausdruck wie
in den Personennamen vornahm; vgl. Holte, Die Singspiele.
S. 187. Er fügte ferner der beliebten Posse eine Fortsetzung
'Des Harlekins Kindbetterin-Schmauss5 hinzu: doch war er
nicht der einzige, der auf diesen Gedanken kam. In der
Wiener Hs. 13287 ist ein anderer, derberer 'Kindtaufen-
schmausJ Harlekins in denselben Strophenmassen überliefert,
den Zarncke in den Berichten der sächs. Ges. 1888, 115 — 131
herausgegeben hat. Über eiue dänische Übersetzung beider
Singspiele v. J. 1730 vgl. Bolte S. 41.]
Harlekins Hochzeitschmaus ist ebenso wie Harlekins
Kindbetterinschmaus in gereimten Strophen geschrieben, und
zwar in zweierlei Strophen, und wurde mithin, wie Gottsched
in der oben citierten Stelle ausdrücklich auch bemerkt, nach
zweierlei Melodie gesungen. Eine Person singt häufig eine>
ja mehrere Strophen allein; öfters aber ist eine Strophe, ja
ein paarmal sogar ein Vers, zwischen mehreren Personen
verteilt. Ich lasse als Beispiel der beiden Stropheuarten
zunächst die Strophe folgen, mit welcher das Singspiel
beginnt:
Du liebes werthes Kind, vernimm itzt, was ich dir
Aus wahrer Vater -Treu und Liebe bringe für.
Das hab ich
Nur Neulich
Derselben abgekauft.
20a. Harlekins Hochzeit und Goethes 'Hanswursts Hochzeit'. 141
Meine Kräfte nehmen ab,
Auf mich wartet schon das Gral».
Die Augen
Nichts taugen,
Noch alles was an mir. ') ,
Diese Strophenart ist die vorherrschende: die andere kommt 124
zum erstenmal in der dritten cEutreV 2) also zur Anwendung:
Ursel. Wie ist es denn mein Kind,
Willstu mich gar nicht lieben?
Harlequin. 0 wenn ich wäre blind!
Ursel. Ich will dich nicht betrüben,
Ich bin ja so hübsch und fein
Und will gern dein Weibchen sein.
H a r 1 e qui n. Pfui Teufel :|: :|:
Wenden wir uns nun zu einer näheren Angabe des
Inhalts von Harlekins Hochzeit.
Harlekin, der von der unschönen Ursel, der Tochter des
Besenbinders Claus, geliebt wird, liebt die schöne Lisette,
Tenesos Tochter, die den jungen reichen Lavantin heiraten
*) Der letzte Vers reimt sich bald auf die beiden ersten, bald auch
nicht. In Harlekins Kindbetterinschmaus reimt er sich fast nie. —
Hier sei auch noch erwähnt, dass Schütze, Hamburgische Theater-
geschichte S. 88 f. ein 'Singpossenspiel älterer Zeit' kurz bespricht,
welches 'in Hamburg und Leipzig mit Beifall gegeben oder vielmehr
hergeleiert worden,' und dessen Titel lautet: 'Lustige Nacht -Comoedia,
betitult: der verirrete Geist, oder der zur Nachtzeit bei dem Müller
eingekehrende [! | Lysander. Aus einer wahrhaftig passirten Historie
in solcher Form metamorphosiret und auf die Melodey des Harlequinischen
Singe -Spiels gerichtet, als Fortsetzung des Harlequins Hochzeit, dem
Neid zum Leid vorgestellet von dem Jungen Müller (mit Holzschnitten
verziert, ohne Druckort und Jahrzahl) 12.' — Schütze führt dann die
beiden ersten Strophen des Prologs an, die in der | eben mitgeteilten,
in Harlekins Hochzeit vorherrschenden Strophenart, der letzte Vers
ungereimt, verfasst sind.
2) Das Stück zerfällt in 16 Entrees, die aber nur in dem Druck
nr. 1 richtig 'Entree I' bis 'Entree XVI' bezeichnet sind, während die
übrigen Drucke von der 4. Entree an eine falsche Bezifferung haben,
nämlich 'Entree V— XVII' statt 'IV— XVI'. Harlekins Kindbetterin-
schmaus ist nicht in Entrees, sondern in Actus und Scenae eingeteilt,
was vielleicht auch dafür spricht, dass die beiden Singspiele nicht von
einem Verfasser sind.
142 Zur neueren Literaturgeschichte.
soll. Eines Nachts steigt er auf einer Leiter vor Lisettens
Kammerfenster und singt eine 'AriaJ. 1) Lisettens Vater
kommt hinzu, zieht die Leiter hinweg, so dass Harlekin am
Fenster 'in der Luft schwebt', und schickt nach den Häschern,
die auch kommen und Harlekin festnehmen und ins Hundeloch
bringen. Ursels Vater erwirkt von dem Richter, dass Harlekin
frei kommen soll, wenn er Urseln heirate, und Harlekin ist
es zufrieden, da 'Not aus Kuhdreck Milch macht'. Nachdem
das Paar und Vater Claus beim Richter gewesen und 'ein-
geschrieben" worden sind, tritt der Hochzeitbitter auf und
125 ladet den Richter und dann sämtliche Versam-|melte 'Jungfern,
Frauen, Herrn und Junggesellen all' zur Hochzeit ein. Hierauf
wird die Hochzeit selbst dargestellt: Schmaus, Beschenkung
des Brautpaars durch die Hochzeitsgäste. Saufen und Runda-
singen, endlich, nachdem 'Tisch und Bänke übern Haufen
geworfen und weggeschafft', Tanzen. Nach dem Tanze be-
schliesst der Hochzeitbitter das Stück:
Jetzt dank ich denen, die uns haben zugeschaut,
Es dankt der Bräutigam euch auch mit seiner Braut.
Geht nur heim, zu guter Xaeht,
Denn die Braut wird schon gebracht
Zu Bette.
Yalete
Und nehmet so verlieb !
Vergleicht man die Fragmente von Goethes Hanswursts
Hochzeit und das, was er in Dichtung und Wahrheit über
das Stück und aus ihm mitteilt, mit Harlekins Hochzeit, so
ergeben sich nur folgende Parallelen.
Goethe hat die Braut seines Hanswursts Ursel Blandine
nach Ursel, der Braut Harlekins, genannt. Ferner ist das
') Die erste der vier Strophen dieser Aria lautet:
Lisette, liebster Rosenstock,
Meines Herzens Zuckerstengel
Du meines Leibes Unterrock,
Mein Schatz und Tausendengel,
Vernimm den Klang
Und schönen Gesang,
Die säubern Kittornellen,
So klingen wie Kuhschellen.
20a. Harlekins Hochzeit und Goethes 'Hanswurst* Hochzeit1.
143
Wirtshaus zur goldenen Laus, in welchem Harlekins Hochzeit
gehalten wird und dessen Wirtin in der vorletzten Entree
mit folgenden Worten auftritt:
Es giebt jetzt viel zu thun allhier in meinem Haus,
Drum häng ich aus mein Schild, genannt zur güldnen Laus,
Dass ein jeder Gast mag sehn.
Wo die Hochzeit wird geschehn,
dies Wirtshaus zur goldenen Laus ist auch in Goethes Stück
übergegangen, wo es im Hintergrunde des Theaters zu sehen
war cmit den goldenen nach dem Sonnenmikroskop gearbeiteten
Insignien\ Und wenn endlich nach Goethes Erzählung in
Hanswursts Hochzeit 'der Hochzeitbitter als Prologus auftrat,
seine herkömmliche bannale Rede hielt und mit den Worten
endigte:
Bei dem Wirth zur goldnen Laus
Da wird sein der Hochzeitsehmaus',
so sind diese zwei Verse der Einladung des Hochzeitbitters
in Harlekins Hochzeit entnommen, mit welcher er den Richter
einladet:
Herr Harleqvin der last den Herren laden ein,
Mit Bitte, dass er doch sein Hochzeitgast möcht sein,
Bei dem Wirth zur güldnen Laus ')
Da wird sein der Hochzeitschmaus. |
Dies ist, was ich über Harlekins Hochzeit und ihr Ver- 12t>
hältuis zu Goethes Hanswursts Hochzeit zu sagen habe. Ich
schliesse daran noch andere Bemerkungen zu Goethes Dichtung.
Hanswursts Vormund heisst Kilian Brustfleck. Nun
liegt mir ein, wie es scheint, im vorigen Jahrhundert ge-
drucktes Volksbuch vor,2) betitelt:
Ein schön | ganz neu erfundenes | Lust- Scherz- und | Würfel-
Büchlein, | welches mit zwey Würfeln gespielet wird | und einem ofter-
nialen gar artlich die | Wahrheit sagen thut. | 1. Für die Jungfrauen.
1) [Zarncke weist das Vorbild dieser Stelle in Chr. Weises Drei
Erznarren (1673, S. 332 = 1878, S. 187) nach: 'Im Gasthoffe zur güldenen
Laus'; eine Nachahmung bei Bernardon - Kurz E. Schmidt, Zs. f. d.
Altert. 25, 241.]
2) Im Besitz der hiesigen Grossherzogl. Bibliothek, die es vor
mehreren Jahren erworben hat. [Vgl. unten S. 145.]
144
Zur neueren Literaturgeschichte.
3. Für die Mägde, j 4. Für die Junggesellen. |
Ganz neu gedruckt. [ 8°, 2 Bogen stark, un-
2. Für die Frauen.
5. Für die Männer
paginiert.
Der zweite Bogen dieses Büchleins enthält unter der
Überschrift 'Des Kilians Brustfleck Lustige Scherz-Spiele'
eine Anzahl Gesellschaftsspiele. Wenn der Name Kilian
Brustfleck nicht etwa auch sonst noch vorkommt, x) so wird
ihn Goethe wohl diesem Volksbüchlein entlehnt haben.
In den Fragmenten von Hanswursts Hochzeit nennt
Kilian Brustfleck sein Mündel Hanswurst einen
'Jüngling, der Welt bekannt,
Von Salz- bis Petersburg genannt.'
Hat Goethe dabei vielleicht an die c Lustige Reyss- Be-
schreibung, Aus Saltzburg in verschiedene Länder. Heraus-
gegeben von Joseph Antoni Stranitzkhy, oder den so
genannten Wiennerischen Hannss Wurst3 (4 °, o. 0. u. J.)
gedacht? In diesem mehrmals [zuletzt von R. M. Werner,
Wien 1886] aufgelegten Buch des berühmten Wiener Hans-
wursts ist, wie Flögel, Geschichte des Groteskkomischen
S. 133 berichtet, eine erdichtete Reise des Stranitzkhy (f 1727)
caus Salzburg nach Moskau, Tyrol, Finnland, Grönland und
Lappland, Schweden, Steiermark, Schwaben, Croatieu, Holland,
Westphalen, Welschland, Böhmen und in die Türkei enthalten'.
Weimar, Ostern 1876.
') [Kilian Brustfleck war, wie 0. Hartwig, Archiv für
Littgesch. 10, 441 nachweist, der Rollenname des fürstlich Eggen-
bergischen Komödianten Joh. Val. Petzoldt (geb. 1648 zu Passail bei
Graz, gest. nach 1719), der in den Jahren 1693, 1694 und 1719 ver-
schiedene Schriftchen herausgab und in Schwanksammlungen 1725 und
1753 als Held mehrerer Eulenspiegelstreiche erscheint; vgl. Scherer,
Aus Goethes Frühzeit 1879, S. 122. Bolte, Zschr. f. dtsch. Phil. 25, 5642.
Könnecke, Bilderatlas 1895, S. 205. Minor, Chronik des Wiener Goethe-
Vereins 13, 15 (1899). - - Über die unter J. K. Sammenhammer herum-
ziehenden Eggenbergischen Komödianten vgl. Trautmann, Jahrb. f.
Münch. Gesch. 3, 331. Weilen. Die Theater Wiens 1, 118 (1899).]
21. Ein Brief Goethes an Alessandro Poerio. 145
20 b. Kilian Brustfleck.
(Goethe- Jahrbuch 3, 361. 1882.)
Freiherr W. v. Maltzahn besitzt ein ans 8 unpaginierten
Blättern bestehendes, im vorigen, wenn nicht erst in diesem
Jahrhundert gedrucktes Volksbuch, betitelt:
Kilian Brustflecks Kurzweiliges "Würfel-Spiel. Dieses
ist gar gespässig gleich dem Glücks-Rath , und fchut die "Wahrheit nit
spahren. Zum 1. werfen die Jungfrauen. 2. Die Frauen. 3. Die Mägde.
4. Die Gesellen. 5. Die Männer. Dieses Spiel wird mit zwei Würfel
geworfen, und hernach das Loss dessen so geworfen hat, nachgesehen
{zum Exempel) eine Jungfrau wirft 3. so schaue bei der Jungf. nach.
{Holzstock. Rad in einem Schild.) Gedruckt in diesem Jahr. 8°. (Eine
andere Ausgabe von Hartwig beschrieben Archiv f. Littgesch. 10, 448.)
Es enthält dieser Bogen nichts anderes, als was der erste
Bogen des von mir in der Zeitschrift für deutsches Altertum
und deutsche Litteratur 20, 126 [oben S. 143] beschriebenen
Tust- Scherz- und Würfel-Büchlein3 enthält.
In dem 'Katalog der Bibliothek aus dem Nachlasse des
Herrn Franz Haydinger' 1. Abteilung. 2. Hälfte (Wien 1876)
ist verzeichnet (nr. 325):
Schnacken, Schnurren, lustige Schwanke und Einfälle des welt-
bekannten Kilian Brustflecks, welche er im Wirthshause zu Gablitz
zu erzählen pflegte. Nürnberg 1801. 8°. Mit 1 Kupfer. [E. Schmidt,
Anz. f. dtsch. Altert. 8, 168.]
21. Ein Brief Goethes an Alessandro Poerio
und Aufzeichnungen des letzteren über seinen
persönlichen Verkehr mit Goethe.
(Archiv für Literaturgeschichte 11, 386-395. 1882.)
Der hier zum erstenmal in Druck erscheinende Brief
Goethes befindet sich im Besitz meines Freundes Yittorio
Imbriani in Pomigliano d'Arco bei Neapel, eines Sohnes der
Schwester A. Poerios. Nur die Namensunterschrift und die
vier vorhergehenden Worte sind von Goethe selbst geschrie-
Köhler Kl. Schriften. HI. 10
14(i Zur neueren Literaturgeschichte.
ben. alles übrige ist diktiert. Auf der Aussen seite des Briefes
stellt folgende Adresse:
A Monsieur
Monsieur Alexandre Poerio
fr. Florence.
Der Brief selbst lautet also:
Mit Vergnügen und Dank habe Ihr Schreiben, mein
werthester Herr, vom 17. September, mit beygelegter Tragödie,
durch Vermittelung des Herrn von Savigny erhalten, auch
Ihre frühere Sendung war zu rechter Zeit angekommen. Ich
zweifle nicht, dass bei der Aufführung die Verdienste de*
Antonio Foscariui mit Beyfall aufgenommen worden. Meine
Freunde, die sich mit mir nach auswärtiger Literatur umthun,
wissen das genannte Stück gleichfalls zu schätzen und ich
hoffe nächstens davon ein günstiges Zeugniss abzulegen.
Von den Promessi Sposi sind schon zwey Uebersetzungen
unter der Feder, ja die ersten Theile schon aus der Presse.
Empfehlen Sie mich dem werthen Manne, wenn er sich noch
387 in Florenz befindet; seine liebenswürdigen Arbeiten verbreiten
sich auch in Deutschland immer mehr, so wohl durch den
Abdruck der Originale, als durch Uebersetzungen.
Leben Sie recht wohl und geben mir manchmal Nach-
richt von sich und der neuen Italiänischen Literatur. Glauben
Sie dass Ihre Briefe richtig ankommen, wenn ich auch nicht
immer alsogleich zu antworten im Stande seyn möchte. Auf
alle Fälle werde ich von Ihren Mittheilungen den besten Ge-
brauch machen.
Das Beste wünschend
Weimar ergebenst
d. 1. Nov. 1827. J. W. v. Goethe.
Der Adressat des Briefes, Alessandro Poerio aus
Neapel, nachmals durch seine trefflichen lyrischen Gedichte
und seinen Tod fürs Vaterland berühmt geworden1), war,
*) A. Poerio, geb. am 27. August 1802, starb am 3. November
1848 in Venedig an den Wunden, die er am 27. Oktober als freiwilliger
heldenmütiger Mitkämpfer bei einem Ausfall gegen die Österreicher
21. Ein Brief Goethes an Alessandro Poerio. 147
als Goethe an ihn schrieb, ein junger, erst fünfundzwanzig-
jähriger Mann, der damals in Florenz bei seinem ausge-
zeichneten, wegen seiner hervorragenden Thätigkeit im neapo-
litanischen Parlamente von 1820 auf 1821 aus Neapel ver-
bannten Vater Giuseppe Poerio lebte. In den beiden vor-
hergehenden Jahren hatte er wahrend eines längeren Aufent-
haltes in Deutschland Weimar um Goethes willen dreimal
teils wochen-. teils tagelang besucht und das Glück
gehabt, den Dichter mehreremal zu sprechen und sein
Wohlwollen sich zu erwerben. Er hat über seinen Verkehr
mit Goethe in mehreren Briefen an seinen Vater und in einem
Tagebuchbruchstück Näheres berichtet, und diese Berichte,
die mir mein Freund V. Imbriani ebenso wie Goethes Brief
abschriftlich mitgeteilt hat. mögen | hier teils im Auszug, teils 388
in wörtlicher Übersetzung — wo es wünschenswert scheint,
zugleich mit Beifügung des Originals — folgen.
Gleich am Tage seiner Ankunft in Weimar Sonntag
den 2. Oktober 1825 begab sich A. Poerio, mit einem
Empfehlungsbriefe des österreichischen Gesandten in Florenz,
dt^ Grafen Ludwig Bombelies1), versehen, zu Goethe, der
ihn. nachdem er den Brief gelesen, sehr freundlich aufnahm
und sich mit ihm etwas unterhielt. Der Besuch war jedoch
nicht lang, da Goethe beschäftigt schien. Goethe hatte Poerio
aufgefordert, noch denselben Tag zu seiner Schwiegertochter
zu gehen, aber Poerio traf sie nicht zu Hause. Am folgenden
Tage war die goldene Hochzeit des Grossherzogs Carl August,
erhalten hatte. Seine zuletzt von Mariano D'Ayala mit einer biogra-
phisches Einleitung herausgegebenen 'Poesie edite ed. inedite (terza Edi-
zione Italiana), Italia [Xapoli] 18G0'; bestehen aus 43 lyrischen Gedichten.
Dazu kommen aber noch eine Anzahl, die erst 1870 von K. Imbriani in
der Pvivista Pxilognese herausgegeben worden sind. Eine verständnis-
volle Würdigung Poerios bietet Pietro Arditos kleine Schrift CA. Poerio
e le sue poesie', Xapoli 1878.
') Goethe gedenkt seiner in den Tag- und Jahresheften im Jahre
1819: 'Zu Hause sowie in Jena ward mir gar manches Gute durch
bleibende und vorübergehende Personen. Ich nenne die Grafen Canikoff
und Bombelles und sodann ältere und neuere Freunde.' Graf Bombelles
war im Jahr 1819 Gesandter in Dresden.
10*
148 Zur neueren Literaturgeschichte.
und Poerio hielt es daher nicht für passend, an diesem Tage
wieder zu Goethe zu gehen, sondern that dies erst am 4.
'Ich bin3 — schreibt er noch an demselben Tage an seinen
Vater — 'mit ihm ungefähr drei Viertelstunden im Garten
spazieren gegangen. Er sprach mit mir von verschiedenen
Dingen. Er erkundigte sich nach Alfieri, nach der Alb an y
und andern auf Italien bezüglichen Gegenständen. Er ist alt,
aber kräftig; er geht gerade und ziemlich rasch: das Auge
ist adlerartig und strahlt noch mit dem ganzen Glanz der
Jugend."1) Poerio hatte die Braut von Korinth übersetzt
und wollte die Übersetzung dem Dichter vorlesen, aber Goethe
nahm selbst die Handschrift, um die Übersetzung, wie er
gewohnt sei, still für sich zu lesen, worauf jedoch Poerio er-
klärte, er wolle dann erst seine unleserliche Handschrift
deutlich abschreiben lassen. |
389 In seinem Briefe vom 8. Oktober schreibt Poerio, dass
er endlich am Tage vorher Goethes Schwiegertochter zu Hause
getroffen habe. Sie war, berichtet er, sehr liebenswürdig
gegen ihn, versprach ihm Empfehlungsbriefe Goethes au
Blumenbach und Sartori us in Göttingen, wohin sich Poerio
von Weimar begeben wollte, stellte ihm ihre deutsche und
englische Bibliothek zur Verfügung, lieh ihm Goethes Über-
setzung von Manzonis Ode 'Der fünfte Mai'2) und ver-
schaffte ihm eine Eintrittskarte zu dem am Abend statt-
findenden grossen Balle des 'CasinoJ, d. h. der noch heute
bestehenden Erholungsgesellschaft. An demselben Tage lernte
Poerio auch Goethes Sohn uud einen seiner Enkel, 'dem der
Dichter oft diktiert', kennen. Über Goethes Übersetzung
der Ode Manzonis schreibt Poerio in demselben Briefe: 'Sie
ist so, wie man von einem grossen Dichter, der in der Sprache,
*) Ho passeggiato con lui pel giardino per circa tre quarti d' ora.
Mi ha parlato di diverse cose. Si e informato di Alfieri, dell' Albany,
di altre cose relative all' Italia. E attempato, na robusto; cammina
diritto e con bastante celeritä; l'occliio e aquilino e brilla ancora di
tutto lo splendore della gioventü.
2) Sie war bekanntlich zuerst 1823 in Kunst und Altertum, Bd. 4,
Heft 1, S. 182 ff. erschienen.
21. Ein Brief Goethes an Alessandro Poerio. 149
aus der er übersetzt, bewandert ist, erwarten kann.'1) Er
bemerkt dann weiter: 'Man muss wissen, das Goethe Manzoni
besonders hoch schätzt und vor einigen Jahren seine Tragödie
'Der Graf Carmagnola' gelobt hat. wofür der Verfasser ihm
in einem an ihn gerichteten Brief vielmals gedankt hat. Zu
mir sagte er [Goethe] über Byron, er sei ein ausserordent-
licher (ieist. ein Leben sei in seinen Werken. Ach! — fügte
er hinzu als ich ihm einige Verse der Aufmunterung
schrieb, wusste ich nicht, dass es Abschiedsverse sein sollten/2) |
Am 19. Oktober schreibt Poerio: 'Goethe hat mir sagen 390
lassen morgen gegen Mittag zu ihm zu kommen. Ich werde
von diesem grossen Manne Abschied nehmen und von ihm
zwei Empfehlungsbriefe [due commendatizie] erhalten, einen
an Sartorius, den andern an Blnmenbach/3)
J) Essa e tale, quäle puö attendersi da un gran poeta versato
nella lingua, da cui traduee.
-) Convien sapere, che Goethe sa in partieolare stima Manzoni ; e,
sin da qualche anno, lodö la sua tragedia il Conte di Carmagnola, onde
l'autore eon lettera direttagli molto lo ringraziö. A nie ha detto di
Byron essere una mente straordinaria, una vita essere nelle sue opere
e per ci6 dovere essere immortali. 'Ahime' — soggiunse — 'quando
gli scrissi alcuni versi d'incitamento, nun sapea, che doveano essere
versi di congedo.'
Die hier gemeinte Besprechung des Grafen von Carmagnola ver-
öffentlichte (ioethe bekanntlich zuerst in Kunst und Altertum, Bd. 2,
Heft 3 (1820), S. 35 ff., und ebendaselbst Bd. 4, Heft 1 (1823). 8. 98 ff.
teilte er dann auch Manzonis Dankesbrief — jedoch nur in deutscher
Vinrsetzung - - mit. Das italienische Original des Briefes hat er erst
später in den 'Opere poetiche di A. Manzoni eon prefazione di Goethe ',
Jena 1827, 8. XXXV ff.; bekannt gemacht und es dann auch in seine
'Werke' 38, 292 ff. aufgenommen.
Die an Byron geschriebenen Verse sind die zuerst in Kunst und
Altertum, Bd. 5, Heft 1 (1824), S. 5, unter dem Titel 'An Lord Byron'
veröffentlichten. Man vergleiche über ihre Entstehung die Hempelsche
Goethe-Ausgabe 29, 761 ff.
3) Im Feuilleton der Wiener 'Neuen Freien Presse' vom 8. Januar
1>78 hat Karl Goedeke u. d. T. 'Ein Freund Goethes' die Verbindung
Goethe mit Sartorius und nebenbei auch die mit Blumenbach be-
sprochen. Vgl. auch (Joethe- Jahrbuch 2, 277 f. und F. Strehlke, Goethes
Briefe 1, 6."> f.
150 Zur neueren Literaturgeschichte.
In seinem ersten Briefe ans Göttingen, wo er am
23. Oktober angekommen war, meldet er dann dem Vater,
dass er sich am 24. bei Blumenbach und Sartorius mit
Empfehlungen Goethes und mit gewissen zu Ehren der Gross-
herzogin von Weimar geprägten Medaillen, die Goethe den
beiden berühmten Professoren zum Geschenk gemacht, vor-
391 gestellt habe1) und | von ihnen sehr freundlich aufgenommen
worden sei. Nur durch ihre Vermittehmg wurde es ihm
möglich, obgleich ihm gewisse sonst nötige Zeugnisse fehlten,
an der Universität zugelassen zu werden.
In der zweiten Hälfte des Dezembers fand sich Poerio
veranlasst, auf einige Zeit nach Leipzig zu gehen, wo er den
ganzen Januar blieb und Goethes Iphigenie ins Italienische
übersetzte. Am 5. Februar war er wieder in Weimar und
besuchte Goethe, der sich (wie Poerio am 6. seinem Vater
schreibt) mit ihm eine Viertelstunde unterhielt. Poerio
kündigte ihm seine Übersetzung der Iphigenie an, die er
einem Kopisten zum Abschreiben übergeben hatte, und über-
reichte ihm eine (nicht näher bezeichnete) Dissertation Gott-
fried Hermanns, die dieser ihm in Leipzig für Goethe mit-
') . . mi presentai da Blumenbach e Sartorius con raccomandazioni
di Goethe e con certe medaglie in onore della Granduchessa di Weimar,
dono fatto da Goethe a' due celebrati professori. — In Goethes Natur-
wissenschaftlicher Korrespondenz 1, 50 nr. 31 findet sich ein Brief
Blumenbachs an Goethe vom 9. November 1825, worin er ihm für cdie
gewogentliche Uebersendung der köstlichen Jubelmedaille auf die beiden
edeln Hoheiten' den 'ehrerbietigsten wärmsten Dank' sagt und dann
fortfährt: 'H. Pouris, der mir sie vom geweihten Weimar überbrachte,
ist ein trefflieh vorbereiteter junger Mann, und ein treufleissiger Zuhörer
im 101. Semester meines akademischen Lehrstandes.' Hier haben wir
Blumenbachs Dank für Goethes durch Poerio überbrachtes Medaillen-
geschenk und zugleich seine lobende Erwähnung des Überbringers.
Pouris statt Poerio — ist natürlich nur Lese- oder Druckfehler.
Es ist aber noch ein anderer Lese- oder Druckfehler in dem Briefe
zu berichtigen. Statt 'Jubelmedaille' muss 'Jubelmedaillen' gelesen
werden. Es giebt keine Jubelmedaille auf das grossherzogliche
Paar, sondern nur eine Jubelmedaille auf Carl August zu seinem
Regierungsjubiläum am 3. September 1825 und eine bei oder gleich
nach der oben erwähnten grossherzoglichen goldenen Hochzeit aus-
21. Ein Brief Goethes an Alessandro Poerio. 1 ,"> 1
gegeben hatte. Goethe sprach sich sehr lohend über Hermann
ans. l) Da Poerio wieder nach Göttingen gehen wollte, so sagte
ihm Goethe, er habe ihm etwas für Blumenbach und Sartorius
mitzugeben. 'Ich werde ihn also', schreibt Poerio, noch ein-
mal sehen, und es werden fünf Besuche sein, die ich ihm gemacht
habe.'2) Poerio hat Goethe aber nicht nur noch einmal, sondern
noch dreimal besucht. Der Weimarische Kopist hatte die Iphi-
genie-Übersetzung aus Unkenntnis der italienischen Sprache so
schlecht abgeschrieben, dass sie Poerio | selbst noch einmal 392
abschreiben musste und sie erst am 12. dem Dichter über-
reichen konnte. Über diesen Besuch am 12. hat Poerio kurz
in einem Briefe vom 14. und ausführlicher in einem Tage-
buchbruchstück berichtet. In letzterem schreibt er, dass er
sich mit seiner in Maroquin gebundenen Übersetzung am
Vormittag zu Goethe begeben habe, dass aber der Grossherzog
gerade bei ihm gewesen sei, und dass ihm deshalb der Diener
gesagt habe, er solle gegen zwei Uhr wiederkommen. Er
that dies, und der Diener führte ihn in den grossen Saal.
'Bald darauf kommt der Verehrungswürdige; er erkundigt
sich freundlich nach meiner Gesundheit. Ich halte mein
Manuskript in den Händen, wage jedoch nicht davon zu
sprechen. Aber er wendet das Gespräch darauf. Ich gebe
ihm das Manuskript. Er fragt, ob ich die Tragödie ganz
gegebene Medaille auf die Grossherzogin Luise zur Erinnerung an ihre
Verdienste um die Stadt Weimar unmittelbar nach der Schlacht bei
Jena (14. Okt. 1806). Ton letzterer spricht Poerio in dem Briefe vom
19. Oktober, aber aus Blumenbachs Dank geht hervor, dass Goethe ihm
nicht allein diese Medaille auf die Grossherzogin, sondern auch die auf
•den Grossherzog durch Poerio geschickt hat. Vgl. auch unten S. 394.
1) Molto mi lodo il professore Hermann. — Man vgl. über Goethes
Beziehungen zu G. Hermann v. Biedermann, Goethe und Leipzig 2,
265 — 88, und 0. Jahn, Goethes Briefe an Leipziger Freunde, 2. venu.
Aufl., S. 329 ff. Die durch Poerio an Goethe überbrachte Dissertation
Hermanns ist vielleicht sein 1825 veröffentlichtes Programm cDe Aeschyli
Philocteta dissertatio' gewesen, welche, wie aus Goethes Brief an Zelter
vom 20. Mai 1826 hervorgeht, dem Dichter lebhaftes Interesse abge-
wonnen hatte.
2) La vedrö dunque im1 altra volta e saranno cinque le visite che
gli avrö fatto.
152 Zur neueren Literaturgeschichte.
übersetzt habe. Ich antworte: ja. Er sagt, er werde mir
die Handschrift zurückgeben, nachdem er sie gelesen. Ich
bitte ihn sie zu behalten, und mit vieler Güte dankt er mir
dafür. Darauf wird von dem italienischen verso sciolto ge-
sprochen, den er sehr lobt, besonders wegen der Anmut
der Übergänge von einem Vers zum andern. Er steht auf,
um mir eine neue Tragödie zu lesen zu geben. Es ist eine
italienische, von Herrn Tedaldi-Fores geschrieben und 1825-
zu Mailand erschienen. Er fordert mich auf sie zu lesen und
ihm meine Meinung zusagen. Darauf wird von Manzoni etc.
gesprochen. Er will nicht Italienisch sprechen und sagt:
'Verführen Sie mich nicht! Es ist lange her, dass ich diese
Sprache nicht gesprochen habe.' Hierauf entlässt er mich.
Morgen Mittag soll ich ihn besuchen.'1) |
393 In der That war Poerio, wie er seinem Vater am 14.
schreibt, am 13. wieder bei Goethe, freilich 'nur kurze Zeit,
aber immer mit der grössten Güte behandelt'.2) An demselben
Abend war Reunion (riunione) bei Goethes Schwiegertochter,.
') Dopo un poco viene il Venerando; s'informa con bontä della mia
salute. Io tengo il mio manoscritto nelle niani. Kon oso parlargliene,.
Ma egli volge il discorso su di ciö. Gli d6 il manoscritto. Demanda,.
se ho tradotta tutta la tragedia. Rispondo di si. Dice, che mi ren-
derä lo scritto, dopo averlo letto. Io lo prego di ritenerlo, e con molta
bontä nie ne ringrazia. Indi si parla del verso sciolto Italiano, del
quäle fa molto elogio, specialmente per la soavitä de' modi, nel passag-
gio da un vsrso all1 altro. Si alza per darmi una tragedia nuova a
leggere. Essa e Italiana, scritta dal Sr. Tedaldi-Fores e pubblicata in
Milano nel 1825. Mi dice di leggerla e di dirgliene il mio parerc
Indi si parla di Manzoni, ecc. Non vuol parlare Italiano, dice: 'Non
mi seducete! E lungo tempo, che non ho parlato questa lingual —
Mi congeda dipoi. Domani debbo visitarlo a mezzogiorno. - Die Tra-
gödie von Carlo Tedaldi-Fores heisst, wie auch Poerio in seinem Briefe
vom 14. Februar angiebt, cBeatrice Tenda3 und ist nach Kleins Ge-
schichte des italienischen Dramas 4, 530 ein sehr schwaches Werk.
Die zu Cremona 1825 erschienenen 'Meditazioni poetiche' desselben
Dichters hat Goethe in Kunst und Altertum, Bd. 5, Heft 3 (1826),,
S. 176 und Bd. 6, Heft 1 (1827), S. 164 f. kurz besprochen. Vgl. Goethes
Werke. Ausg. letzter Hand, 46, 125 und 126, Hempelsche Ausgabe
29, 627 ff.
-) per breve tempo, ma sempre trattato con somma bontä.
21. Ein Brief Goethes an Alessandro Poerit». 153
und schreibt Poerio cer (höchst seltener Fall !) erschien
in der Gesellschaft, er war heiter und ich ergötzte mich sehr
an seinen Urteilen. Er hatte die Güte mir in Gegenwart ver-
schiedener Damen zu sagen, dass er mit meiner Übersetzung,
soweit er sie bisher gelesen habe, zufrieden sei. Goethe lebt
jetzt in äusserster Zurückgezogenheit; die Mittagsmahle, an
denen bis vor einigen Jahren häutig Fremde teilnahmen,
siud jetzt auf die Familie beschränkt und einsam: ihn mehr-
mals zu sehen ist keine kleine Gunst. Die Besuche sind
übrigens nur kurz. Er ist sehr mit Kunstgegenständen be-
schäftigt, seine unermüdliche Thätigkeit beugt sich nicht unter
dem Gewicht der 75 Jahre. Der Grossherzog besucht ihn
oft.'1)
Am 14. Februar verabschiedete sich Poerio bei Goethe,
um wieder nach Göttingen zurückzukehren. Er schreibt dar-
über: 'Sehr kurz nur war meine Anwesenheit, aber ungemein ver-
gnügt, denn mit schmeichelhaften Worten von solchen Lippen |
empfing ich zum Geschenk seine Medaille und zwei andre, 39-4
die den Grnssherzog und die Grossherzogin von Weimar dar-
stellen. Ferner gab er mir ein Packet für die Familie Sar-
torius. Er entliess mich mit der Versicherung, er werde mich,
wenn ich wieder nach Weimar käme, immer mit Vergnügen
sehen. Ich habe also Grund mit meiner Arbeit und meiner
kleinen Reise zufrieden zu sein, denn ein Geschenk von Goethe
ist eine ehrenvolle Auszeichnung."2)
J) . . egli (caso rarissimo!) apparve in societa. fu ilare e molto mi
dilettai di alcuni suoi giudizi. Ebbe la bonta tli dirmi, in presenza di
varie Dame, ch'era contento della mia traduzione, per quanfco fino allora
ne avea letto. Goethe vive ora in estrema ritiratezza ; i pranzi, che
soleano alcuni anni sono esser frequenti di forestieri, sono adesso fami-
liari e solinghi; ed il vederlo piü volte non e piccolo favore. Le visite
per altro son corte. E occupatissimo di oggetti d'arte: la sua instan-
cabile attivitä nun >i curva sotto il peso di settantacinque anni. II
Qranduca lo visita spesso.
2) Brevissima e stata la mia presenza, nia altremodo lieta, poiche
con lusinghiere parole da tanto labbro ho ricevuto in dono la sua me-
daglia e due altre rappresentanti il Granduca e la Granduchessa di
Weimar. Inoltre mi ha dato un pachetto per la famiglia Sartorius.
],")4 Zur neueren Literaturgeschichte.
Poerio blich nun bis zum 19. Juni in Göttingen und be-
gab sich dann über Weimar nach Leipzig. In Weimar sah
er (wir wissen nicht an welchem Tage) Goethe noch
einmal. Goethe empfing ihn schreibt Poerio am 27. Juni
von Leipzig aus sehr freundlich, riet ihm sich noch
einige Zeit in Dresden und München aufzuhalten und forcierte
ihn auf, ihm aus einer oder der andern dieser Städte zu
schreiben. Goethes Rat war für Poerio ein mächtiger Sporn
('potentissimo sprone5), und er hielt sich sowohl in Dresden
als in München einige Zeit auf, bis er gegen Mitte September
nach Florenz zurückkehrte. Ehe er München verliess, hatte
er wahrscheinlich einen Brief au Goethe geschrieben; wenigstens
schreibt er am 8. September von München aus seinem Vater:
'Ehe ich abreise, werde ich einen kleinen Brief an Goethe,
seiner Erlaubnis gemäss, schreiben/
Schliesslich noch ein paar Erläuterungen zu Goethes Brief.
'Antonio Foscarinf ist die 1827 zu Florenz erschienene
Tragödie des bekannten Dramatikers Giovanni Battista
Niccolini (178"2 — 1861). Wenn Goethe schreibt, er hoffe
nächstens davon ein günstiges Zeugnis abzulegen, dass seine
Freunde das Stück gleichfalls zu schätzen wüssten, so bezieht
sich dies wohl auf die in Kunst und Altertum, Bd. 6, Heft 2 |
395 (1828), S. 260 — 66 erschienene Besprechung der Tragödie
durch Streckfuss 1), der sie freilich cnur sehr bedingt" hat
'loben' können.
'Die Verlobten" (I Promessi Sposi), der berühmte Roman
Alessandro Manzonis, waren damals erst seit einigen Monaten
bekannt. Zwar tragt die erste, von Vincenzo Ferrario in
Mailand verlegte Ausgabe die Jahreszahlen 1825 — 26, aber
wirklich erschienen ist sie erst 1827. (Vgl. A. Vismara,
Bibliografia Manzoniana, S. 3.) In Goethes Händen waren
E mi ha congedato assieurandomi, che, quando sia per tornare in Weimar
mi vedra sempre con piacere. Ho motivo dunque di esser contento del
mio lavuro e della mia gita, poiehe im dono di Goethe e una onorevole
distinzione.
*) Streckfuss ist als Verfasser der Besprechung nur im 'Inhalt' des
Heftes auf der Rückseite des vorderen Umschlags genannt.
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi. [55
die 'Verlobten3 nach Eckermanns Bericht am 15. Juli 1827,
und sie bildeten das Hauptthema der Gespräche Goethes mit
Eckermann am 18., 21. und 23. Juli. Aus diesen Gesprächen
und aus Briefen Goethes an Knebel (vom 21. Juli) und au
S. Boisseree (vom 4. November) geht hervor, wie sehr Goethe
den Roman bewunderte, und es ist daher einigermassen auf-
fallend, dass er ihn nicht, wie die früheren Dichtungen Man-
zonis, selbst in Kunst und Altertum besprochen, sondern
dass dies Streckfuss in dem vorhin angeführten Hefte (S. 252
bis 59) gethan hat. v)
Die von Goethe angedeuteten beiden Übersetzungen der
'Verlobten" sind die von Daniel Lessmann (Berlin) und
vou Eduard von Bülow (Leipzig), deren Goethe auch in
einem Briefe an den Kanzler von Müller vom 27. Oktober
1827 (Goethe-Jahrbuch 3, 242) und in dem oben angeführten
Briefe an Boisseree gedenkt. 2)
22. Goethe und der italienische Diehter
Domenico Batacchi.3 )
(Berichte der Kgl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 1890,
72 — 78.)
Nachdem Goethe in den Tages- und Jahres-Heften unter
dem Jahr 1811 erzählt hat, dass Büschings Armer Heinrich
ihm physisch-ästhetischen Schmerz gebracht habe und die
darin vorkommende schreckliche Krankheit (der Aus-
satz) auf ihn so gewaltsam wirke, dass er sich vom blossen
Berühren eines solchen Buchs schon angesteckt glaube, fährt
er fort: 'Durch einen besonderen Zufall kam mir sodann ein
') Streckfuss hatte nicht lange vorher seine Übersetzung von
Manzonis Tragödie "Adelgis' (Berlin 1827) veröffentlicht.
2) Zum Kanzler von Müller äusserte Goethe am 16. August 1828:
"Wäre ich jünger, so hätte ich sogleich die Promessi Sposi ä la Cellini
übersetzt.' (Burkhardt S. 126.)
3) [Ein Auszug dieses Aufsatzes erschien im Archivio delle tradiz.
pop. 10, 21— 27. J
i:,i;
Zur neueren Literaturgeschichte.
73
Werk zur Hand, von welchem man dagegen eine unsittliche
Ansteckung hätte befürchten können: weil man .sich aber vor
geistigen Einwirkungen aus einem gewissen frevelhaften
Dünkel immer sicherer hält als vor körperlichen, so las ich
die Bändchen mit Vergnügen und Eile, da sie mir nicht lange
vergönnt waren; es sind die Novelle galant i von Verocchio:
sie stehen denen des Abbate Casti an poetischem und
rhetorischem Wert ziemlich nahe, nur ist Casti künstlerisch
mehr zusammengenommen und beherrscht seinen Stoff
meisterhafter.'
Die Angabe fvon Verocchio' ist nicht ganz richtig, es müsste
heissen cvon Padre Atanasio da Verrocchio", und so hat auch
einige Jahre später Goethe, wie wir sehen werden, in einem
Brief an Knebel den Dichter genannt. Der Name ist natürlich
ein fingierter, in Wirklichkeit hiess der Dichter Domenico
Batacchi. Er war 1748 zu Pisa geboren, wurde 1793 au
der Douane in Livorno angestellt und im Dezember 1801
cministro principale delle Regie Rendite dei Presidi' zu
Orbetello, wo er am 11. August 1802 starb. Ausser den
25 'Novelle galantf in Seste | rime besitzen wir von ihm
noch die komischen Gedichte 'La Rete di Vulcano' und 'II
Zibaldone5, ersteres in 24 Gesängen in Ottave rime, letzteres
in 12 Gesängen in Seste rime1).
Kehren wir nun zu Goethes Beziehung zu Batacchi
zurück.
Von Padre Atanasio da Verrocchio und seinen Novelle
galanti handeln ausser obiger Stelle in den Tag- und Jahres-
') Im November-Heft der Xuova Antologia vom Jahre 1S7-4 hat
Feiice Tribolati unter dem Titel 'Un novellatore toscano del secolo X.YIII.
Racconto biografico-critico1 über D. Batacchi eine treffliehe Arbeit ver-
öffentlicht. Leider ist der in Aussieht gestellte Wiederabdruck des Artikels,,
den lange Anmerkungen begleiten sollten, meines Wissens bisher nicht
erschienen. — Was die verschiedenen Ausgaben der Werke Batacchis
betrifft, so vgl. Giambattista Passano, I Novellieri Italiani in verso indicati
e descritti, Bologna 1868, S. 137—40. Mir liegen vor 'Opere di D. Batacchi.
Vol. I V. Londra is5ß\ 8°.
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi. 157
heften noch einige im Briefwechsel zwischen Goethe und
Knebel1). Es sind folgende:
Knebel an Goethe. 11. Januar 1814 (Briefwechsel 2.
124): cGries möchte gar zu gern das italienische Gedicht
haben, von dem Du uns sprachst, und ist auch wohl bereit,
es zu übersetzen, wenn Du es für gut findest und es seine
Kräfte nicht übersteigt/
Goethe an Knebel. 12. Januar (2, 125): 'Hierbey das
italiänische Gedicht! Dem geübten Talent des Herrn Gries
wird eine Uebersetzung so leicht werdeu, als sie ihn unter-
halten wird. Von einer ganzen Sammlung ähnlicher Gedichte
ist dies das einzige producible, die übrigen sind ein bischen
gar zu lustig.5
Knebel an Goethe, 18. Januar (2, 126): fDas italiänische
Gedicht habe ich an Gries abgegeben, der dafür dankt. Er
fand, dass die sechszeiligen Stanzen neuerer Formation seien,
und hat auf Casti als Verfasser gerathen.J
Goethe an Knebel, 19. Januar (2, 127): 'Der Verfasser
des Gedichts ist freilich ein neuer, mit Casti gleichzeitig,
aber jünger: es sind zwei Bändchen galanter Novellen, unter
dem fingirten Namen P. Atanasio da Verrocchio, und dem an-
geblichen ] Druckort London 1800 herausgekommen, seinen 74
eigentlichen Namen habe ich noch nicht erfahren können."
Knebel an Goethe, 21. Januar (2, 129): cUnser Gries
hat, wie es scheint, nicht Lust, das italiänische Gedicht zu
übersetzen. Er will beim Calderon bleiben.'
Goethe an Knebel, 22. Januar (2, 131): 'Unserem treff-
lichen Gries kann ich nicht verdenken, dass er der einmal
ergriffenen Dichtungsart, die so würdig ist, treu bleiben will.'
Goethe hat hiernach Batacchis Novelle galanti. die ihm
1811 'nicht lange vergönnt waren1, im Januar 1814 wieder
in seinen Händen gehabt, vielleicht sie besessen, wie sich
1) "W. Frh. v. Biedermann hat natürlich in seinen so wertvollen An-
merkungen zu den Tag- und Jahres -Heften (Hempelsche Goethe -Aus-
gabe 27, 1, S. 471) auf diese Briefstellen verwiesen, merkwürdiger-
weise aber hat er die Pseudonymität des Padre Atanasio da Verrocchio
nicht enthüllt.
158 Zur neueren Literaturgeschichte.
denn heute noch wenigstens der erste Band der von ihm
citierten Ausgabe1) in seiner Bibliothek befindet, und es hat
ihn eine der Novellen damals besonders interessiert. Wenn
er diese nun als die 'einzig produeible' bezeichnet, so kann
damit nur die erste gemeint sein, welche betitelt ist: La vita
e la morte di prete Ulivo3; alle andern sind mehr oder
weniger lasciv2).
Batacchi hat, wie wir aus einem Briefe von ihm wissen3),
die Geschichte vom Priester Ulivo von seiner Grossmutter oder von
seiner Amme erzählen hören. In der That liegt der Novelle
ein Volksmärchen zu Grunde, das nicht nur in Italien, sondern
auch in Deutschland und anderen Ländern in vielen Varianten [
"r> vorkommt, wie hier nicht länger nachgewiesen zu werden
braucht. Der Inhalt der Novelle, die 104 sechszeilige Stanzen
lang ist, lässt sich in möglichster Kürze etwa folgender-
massen geben.
Ulivo, ein reicher Mann in Palästina, hatte einst Jesus
Christus und die zwölf Apostel gastlich aufgenommen und
bei sich übernachten lassen. Am Morgen fordert ihn Sankt
1) Irrig hat er in obigem Brief von nur zwei, statt von drei Bändchen
gesprochen.
2) Ein Freund Batacchis schreibt in einem Brief vom 12. Oktober
1797 an ihn (La Nuova Antologia a. a. 0. S. 568): 'Le Novelle del
P. Atanasio metteranno in qualche impegno il loro Autore: Prete Olivo.,
che e la piü innoceute, ha fatto mormorare molti.'
3) Batacchi schreibt am 4. Oktober 1797 an den Buchhändler Luigi
Migliaresi in Livorno (La Nuova Antologia a. a. 0. S. 56t>): 'Prete Flivo
e uiiu novella che in compagnia di quella di Buchettino della Menandugia
mi fu raccontata dalla nonna o dallabalia, e che per tale e stata conosciuta
da chi l'ha letta, avendo mostrato di applaudire alla maniera con cui e
stata decorata e vestita una insipida e inconcludente novella.' — Buchet-
tino heisst ein kleiner Knabe in einem in neuerer Zeit vielfach aus dem
Volksmunde aufgezeichneten toscanischen Märchen, den der Orco
(Menschenfresser) gefangen hat und fressen will, der aber dem Orco
wieder entkommt. Man sehe Giov. Papanti, Novelline popolari livornesi,.
Livorno 1877, nr. V, Gherardo Nerucci, Cincelle da bambini, Pistoia
1880, nr. III, Gius. Pitre, Novelle popolari toscane, Firenze 1885. nr. XLIII
und XLIY. "Was aber della Menandugia bedeutet, darüberhaben mir
auch italienische Freunde keine Auskunft geben können.
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi. ]5!>
Peter auf, sieh von seinem Meister, der nicht weniger mächtig
auf Knien als im Himmel sei, eine Gnade zu erbitten. Ulivo
erbittet sieh vom Herrn noch 600 Jahre zu leben. Sankt
Peter macht ihm deshalb Vorwürfe und sagt ihm. er solle
noch einmal zum Herrn gehen und um etwas Besseres bitten.
Ulivo, der in seinem Garten einen schönen Birnbaum hat,
dessen Birnen ihm aber immer gestohlen Verden, bittet nun
den Herrn, dass, wer auf den Baum steige, nicht eher wieder
heruntersteigen könne, als bis er (Ulivo) es ihm erlaube.
Natürlich ist Sankt Peter über diese Bitte wieder sehr
ungehalten und heisst ihn noch ein drittes Mal zum Herrn
gehen und endlich etwas Höheres und Edleres erbitten. Aber
Ulivo, der Abends gern bei sich mit guten Freunden Karte
spielt, dabei sich aber sehr oft ärgert, wenn die Freunde zu
bald nach Hause gehen wollen oder wenn er verliert, bittet
den Herrn, dass, wer sich auf einen gewissen Stuhl in seiner
Stube setzt, ohne seinen AVillen nicht von ihm aufstehen
könne, und dass ein Spiel Karten, das er in der Tasche habe,
immer gewinne. Sankt Peter giebt es jetzt auf, den hirnlosen
Ulivo nochmals zum Herrn zu schicken, und erbittet selbst
für ihn die ewige Seligkeit. Als die 600 Jahre vergangen
sind, erscheint Frau Tod (Signora Morte) bei Ulivo, der
inzwischen Christ und Priester in Italien geworden war, um
ihn zu holen. Er stellt sich bereit mit ihr zu gehen, bittet
sie aber, ihm erst ein paar Birnen von seinem Baum zu
brechen. Sie steigt auf den Baum, kann aber nicht wieder
herunter und muss drei Tage lang auf ihm sitzen, bis endlich
Gutt der Vater den Erzengel Gabriel zu Ulivo schickt. Gabriel
erscheint in der Gestalt eines alten Notars und bringt es zu
Wege, dass Ulivo die Frau Tod vom Baum herablässt, nach-
dem sie sich verpflichtet hat, ihn noch 500 Jahre und
4 Monate leben zu lassen, worüber vom Erzengel eine elf
Strophen lange, komische Urkunde aufgesetzt wird. Nach
Ablauf dieser Zeit erscheint abermals Frau Tod und wird
diesmal auf dem wunderkräftigen Stuhl, auf den sie sich gesetzt
hat, um sich am Kamin etwas zu warmen, so lange fest- |
gehalten, bis sie dem Ulivo nochmals 500 Jahre gewährt. 76-
KjO Zur neueren Literaturgeschichte.
Nachdem auch diese verflossen sind, klopft Frau Tod an
Ulivos Thür. und diesmal erwidert Ulivo: 'Ich komme" und
stirbt alsbald. Er wird feierlich begraben und, wie er in
seinem Testament angeordnet hatte, sein immer gewinnendes
Spiel Karten mit ihm. Seine Seele begiebt sich zunächst
zum Fegefeuer, das alter infolge der vielen Ablässe, Messen,
liussen u. s.w. erloschen ist, und dann zur Hölle, wo Beizebu
ihn zum Paradiese weist, das ihm ja geschenkt sei. Ulivo
schlägt darauf dem Teufel ein Spiel vor und gewinnt ihm
eine Menge Seelen ab, mit denen er sich zum Paradies
begiebt. Sankt Peter will die vielen Seelen nicht ohne
weiteres mit hereinlassen und fragt deshalb beim Herrn an.
der dem Ulivo sagen lässt, er solle erst angeben, wieviel
Seelen es seien. Ulivo erwidert , er habe , als er einst den
Herrn und die zwölf Apostel bei sich aufgenommen, sie nicht
erst gezählt. Darauf wird er mit allen Seelen von Sankt
Peter eingelassen und von den Engeln und den Heiligen
jubelnd be willkommt.
Dies also der Inhalt der Novelle Batacchis, über die
Goethe im Januar 1814 mit Knebel gesprochen und
korrespondiert hat, Auf eben diese Novelle bezieht sich
noch einmal — im Jahre 1816 — der Goethe-Knebelsche
Briefwechsel . wobei aber weder Titel noch Verfasser ge-
nannt sind.
Knebel schreibt am 5. Juli 1816 (2, 199) an Goethe:
*N. S. Welches war denn das dritte Versprechen, das sich der
Dekan von dem Heiland geben Hess? Ich wollte die Geschichte
nacherzählen, vergass aber dieses.'
Darauf antwortet Goethe am folgenden Tage: fDie dritte
Gabe, die der Dechant verlangte, war ein Spiel Charten, das
nie verlöre; mit diesem gewinnt er dem Teufel die zwölf
Seelen ab, die er zuletzt in den Himmel bringt.5
Zu Knebels Worten hat Riemer folgende Anmerkung
gemacht: 'Diese Geschichte, welche Hofrat Meyer einer alt-
italienischen Novelle mit eigentümlichem Humor nachzuerzählen
wusste, hat in der Hauptsache die meiste Ähnlichkeit mit
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi. 1 (> 1
der Legende vom Schmidt zu Jüterbock und der von
Falk dieser wiederum nachgebildeten vom Schmidt zu
Apolda.1)5 |
Nach dieser Anmerkung und da Knebel in dem Brief, 77
zu dem obige Nachschrift gehört, von Goethes und Meyers
Besuch bei ihm in Jena spricht, haben wir wohl anzunehmen,
dass nicht Goethe, sondern Meyer bei diesem Besuch die
fragliche Geschichte erzählt hat. Er hat sie aber nicht einer
altitalienischen Novelle — es giebt keine dieses Inhalts — ,
sondern der Novelle Batacchis nacherzählt. Auf diese passt,
was sich aus Knebels Frage und Goethes Antwort und der
Anmerkung zu ersterer über die Geschichte entnehmen lässt.
Ganz unwesentlich ist, dass aus dem "prete' oder ccuratoJ oder
tpievano:>eincDekan>oder<DechantJ geworden ist. und dass Goethe
schreibt, der Dechant habe ein Spiel Karten verlangt, das nie
verlöre, während Ulivo für das Spiel Karten, das er gerade in der
Tasche hatte, diese Eigenschaft erbittet. Etwas wichtiger
ist. dass nach Goethes Antwort der Dechant mit diesem Spiel
Karten dem Teufel zwölf Seelen abgewinnt, während bei
Batacchi eine bestimmte Zahl von Seelen zwar nicht angegeben,
aber eine viel grössere angedeutet ist. Hier ist nun wahr-
scheinlich Langbeins im Jahre 1811 verfasstes, vom Dichter
als cLegendeJ bezeichnetes Gedicht: 'Der Gastfreund' (Langbeins
neuere Gedichte, Tübingen 1812, S. 171 — 88) von P^influss
gewesen, in welchem Philemon dem Teufel ebenfalls 12 Seelen
abgewinnt. Langbeins Gedicht verhält sich im übrigen so
*) Stephan Schlitze erzählt in seinem Aufsatz 'Die Abend-
gesellschaften der Hofrätin Schopenhauer in Weimar. 1806—1830' in
"Weimars Album zur vierten Säcularfeier der Buchdruckerkunst am
24. Juni 1840' von H. Meyer S. 189: 'Nicht selten erging er sich auch
naiven Humors im Vortrage alter Schwanke'. — Wegen des Schmieds
zu Jüterbock verweise ich auf die Anmerkung zu nr. S2 der Kinder-
und Hausmärchen der Brüder Grimm S. 139 f. Falks 'Unser Herr und
der Schmidt von Apolda. Ein Schwank. Nach einer alten Thüringschen
Volksfabel' steht in seinen 'Grotesken, Satyren und Naivitäten auf das
Jahr 1806'. [Oben 1, 67. 133. 349. Köhler, Aufsätze 1894, S. 58. 77.
Bolte, Zs. für d. Piniol. 32, 369 'Die Historia von Sancto'.]
Köhler, Kl. Schriften. III. 11
162 Zur neueren Literaturgeschichte.
zu dem Batacchis, dass man annehmen darf, Langbein habe
es gekannt und benutzt. l)
Schliesslich sei noch erwähnt, dass in einem im Goethe-
und Schiller-Archiv befindlichen Notizbuch Goethes, über
welches G. von Loeper im Goethe-Jahrbuch 11, 137—43
berichtet hat, von Riemers Hand notiert ist 'Novelle Galanti
edite et inedite del P. Atanasio Da Verrocchio Minore
78 Osservante di . . Tom. III. | Londra 1800 per Richard Barker.2)
Es ist dies der Titel der von Goethe in dem Brief an Knebel
citierten Ausgabe, von der sich, wie oben bemerkt, der erste
Band in seiner Bibliothek noch vorfindet. Auf dem Titel
dieses ersten Bandes steht aber nicht 'Richard Barker1, wie
" Riemer geschrieben hat, sondern 'Richard Rarker\
[Anhangsweise folgt ein Auszug aus Köhlers Notizen
über Batacchis andere Novellen.
Nr. 2 ed. 1800 (=2 ed. 1856). Re Barbadicane e
Grazia. — - König Barbadicane verliebt sich in Grazia, die
Frau eines Schneiders, und bewegt den letzteren, sie ihm
abzutreten, durch die zweideutigen Worte: cLa grazia spero
che ci accorderete.3 Der eifersüchtige Schneider muss der
Braut des Königs einen Anzug anmessen; doch als er über
die Ähnlichkeit mit seiner Frau betroffen heimeilt, findet er
diese wieder in seinem Hause vor. — Vgl. Busk, Folklore
of Rome 1874, p. 399 cLa buona Grazia del gobboD. Oben
1, 393, nr. 12. Wetzel, Die Reise der Söhne Giaffers, hsg.
von Fischer und Bolte 1896, S. 219.
3 (3). Elvira. — Der Stoff von Wielands Combabus
(1770); vgl. Europa 1874, Nr. 74, S. 1474. Lucian, De
Syria dea c. 17 — 27. Doni, Novelle nr. 33 ed. Gamba 1815
(zuerst 1552). C. J. Dorat, Combabus, conte moral, Amsterd.
1765 (in Versen, nach Bayles Dictionuaire). Liebrecht, Ger-
*) Langbeins 'Gastfreund' ist von dem niederländischen Dichter
Hendrick Tollens (geb. 1780, gest. 1856) unter der Überschrift 'Philemon..
Legende' frei übersetzt worden.
2) Im Goethe-Jahrbuch a. a. 0. S. 141 steht 'minore1 statt 'Minore',,
und 'London' statt 'Londra'.
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Bataechi. l(\',\
vasius von Tilbury 1856, S. '21 (5. G (irres, Heldenbuch von
Iran 2, 4 1 "J . Wollheira, Nationallitt, sämtl. Völker des
Orients 1, 630 (1873. Ans Bochärls malaiischem Werk 'Die
Krone aller Könige', um 1600).
4 (4). La scommessa. - - Meo, der seine Frau vor den
Augen des Fra ßernardino liebkost, gewinnt die Wette, nach
welcher derjenige eine Geldsumme zahlen sollte, der zuerst
ein unanständiges "Wort sagt. Er verliert sie aber, als Fra
Biagio ans seiner Frau eine Kutsche machen will. — Vgl.
Grecourt, Oeuvres badines 1881, p. 340 'La charrue3. Das
Urbild war Boccaccio, Decamerone 9, 10: vgl. Bolte zu Mon-
tanus, Schwankbücher 1899, S. 631, nr. 111.
5 (5). II falso Serafino. — Ein Jüngling erscheint
einer Mutter und Tochter als Engel verkleidet und erfreut
sich dann nachts mit letzterer, ohne dass jene seine Gegen-
wart ahnt.
6 (6). Re Grattafico. — Ein heiratslustiger, aber miss-
trauischer König besucht in der Verkleidung einer Frau und
mit der Fälligkeit, sich unsichtbar zu machen, drei Prin-
zessinnen. Er entdeckt, dass die erste Schwester sich nur
hochmütig und unverträglich stellt, um ungestört eine Lieb-
schaft mit einem Offizier pflegen zu können. Die zweite
weint beständig um ihren Gatten. Die dritte aber, die
immer lacht und tollt, erweist sich in einem verführerischen
Augenblicke als keusch und wird von ihm zur Gattin erwählt.
— Scheint auf Christoforo Armenos Reise der Söhne Giaffers
zurückzugehen: vgl. "Wetzels Verdeutschung ed. Fischer und
Bolte 1896, S. 215. 217.
7(7). Lasciamo star le c ose com e st anno. -- Amor
bittet Mutter Natur, ein menschliches Glied abnehmbar ein-
zurichten, zieht aber später diese Bitte zurück.
8 (fehlt 1856). Mercurio e le ombre. Novella imi-
tata dal Sig. de La Motte.
9 (fehlt 1856). Suor Canna Fessa.
10 (fehlt 1856). La Sentenza.
10 bis (11). I tonfi di Sau Pasquale. -- Der Priester
Barzighella verführt die Gräfin Isabella, deren Zofe im Ein-
n*
164 ^ur »eueren Literaturgeschichte.
Verständnis mit ihm die Rolle des heiligen Pasquale spielt.
auf Grund einer ähnlichen Vorspiegelung wie der Raccommo-
deur in den < entnouvelles nouvelles 3. Der zurückgekehrte Graf
rächt sich an der Schwester des Pfarrers, indem er ihr durch
Zauberei ein vermisstes Gerät wiederzuschal'fen verheisst.
Vgl. noch Malespini 1, 45. Straparola 6, 1. Cintio dei
Fabrizii, Origine delli volgari proverbi nr. 16.
11 (9). Fra Pasquale. — Ein Mönch wird bei einem
Besuche bei DoDna Rosa durch deren Liebhaber, einen Offi-
zier, gestört und versteckt sich unter dem Bette. Später
entfernt er sich in den Kleidern des Nebenbuhlers und zeigt
dem Kommandanten an, dass in jenem Hause ein Franzis-
kaner der Wollust fröhne. — Brydone, A Tour through
Sicily and Malta (zuerst 1773) 1776, p. 113—130 = Bry-
dones Reise durch Sicilien und Malta 2, 59 — 72 (1774) =
Vade Mecum für lustige Leute 9, 157, nr. 220 (1783). Vgl.
auch Bolte zu Freys Gartengesellschaft nr. 87, S. 250 l.
12 (12). II morto a cavallo. — Herzog Zambullo er-
mordet aus Eifersucht den Fra Marco und lässt ihn auf den
Abtritt seines Klosters setzen. Aber Fra Buti bringt ihn iu
der Meinung, ihn getötet zu haben, wiederum vor den Palast
des Herzogs. Dieser lässt die Leiche als Türken kleiden
und auf einen Hengst setzen, der bald darauf die Stute er-
blickt, auf der Fra Buti aus dem Kloster entflieht, und sie
verfolgt. Verzweifelt haut der Mönch dem Türken den Kopf
ab und tötet ihn so zum drittenmal. — Vgl. oben 1, 65
und 190 zu Schneller nr. 58 und Campbell nr. 15. Obert.
Ausland 1856, 716: 'Der viermal getötete Pope5. Grisanti,
Folklore di Isnello 1899 p. 213: *Sor Beppo'. Im Pariser
Figaro war die Geschichte kürzlich als wahres Er-
eignis erzählt: Ein Betrunkener findet vor seinem Hause
einen andern Schwerberauschten, trägt ihn in sein Zimmer
und wirft ihn, indem er ihn in das Bett des Alkovens zu
legen meint, zum Fenster hinaus: und so zu dreien Malen,
immer sich über die Menge von Betrunkenen wundernd, die j
vor seinem Hause ausruhen.
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi. 165
13 (16). Madama Lorenza. Lorenza, die Favoritin
des Kaisers, entscheidet einen Rechtshandel, bei dem ein
Mönch und ein Hauptmann wegen Entehrung einer Bürgers-
tochter verklagt werden, auf Grund einer seltsamen Körper-
visitation. Der Kapitän, der nur mit der Magd eine Lieb-
schaft unterhielt, muss das Mädchen heiraten, während der
Mönch in grosse Gunst bei Hofe kommt.
14 (17). Ke Bischerone. Der Tochter des Königs
Bischerone wird als Gatte ein Jüngling verheissen, der zu ihr
kommen würde rin barca fabbricata senza vele ne remi e
senza ruote ne per terra ne in acqua strascinata1. Der
Dummling Mirtillo naht auf einem Luftschiffe und entführt
die Prinzessin wider den Willen des Vaters.
15 (18). Donna Chiara. — Eine Nonne entgeht der
Entdeckung ihrer Liebschaft dadurch, dass sie ihren Lieb-
haber im Bette der Äbtissin versteckt.
16 (19). La notte di Bef ana. — Eine Bearbeitung von
Boccaccios Novelle vom Stallknechte des Königs Agilulf
(Dec. 3. 2).
17 (15). La pianella. — Eine Cymbelingeschichte.
Fiordiligi entlarvt ihren Verleumder Francatrippe, indem
sie ihn beschuldigt, ihr einen Pantoffel gestohlen zu
haben; er behauptet, dass er sie nie gesehen. — Vgl. Köhler
zu Gonzenbach nr. 7; Nachträge Zs. d. V. f. Volksk. 6. Gl.
Oben 1. 212. 581. 588.
18 (20). La mala notte. — Ein Kavalier wettet, dass
er sich eine als tugendhaft berühmte Dame zu willen machen
werde. In der That gewährt sie ihm ihre Gunst, lässt ihn
aber dann, um den Schein zu retten und ihn wegen seiner
Anmassung zu strafen, durch ihre Diener aus dem Hause
werfen, als ob er einen Anschlag wider ihre Ehre gemacht
hätte.
19 (21). La vita e la morte di Sansone.
20 (10). Ami na. - Die schöne Amina bleibt auf langer
Irrfahrt Jungfrau, weil trotz ihres entgegengesetzten Wunsches
1(3(3 Zur neueren Literaturgeschichte.
jedesmal eine Störung; eintritt. — Piron, Rosine, ou tout vient
ä point qui peut attendre (Oeuvres 8, 28G).
21 (13). I vecchi delusi. — Eine dumme Geschichte
ohne Pointe.
22 (8). La morte di Oloferne.
23 (14). Mustafa. — Als der grausame Mustafa eine
von seinen zwölf Frauen tütet, steigt der Genius Capeihruno
in Mustafas Gestalt zur Erde herab und nimmt von dessen
Hause Besitz. Der Iman, der zwischen den beiden Mustafas
entscheiden soll, bestimmt eine schmutzige Probeleistung" und
erklärt den Sieger Capelbruno für einen Himmelsbewohner.
Dieser giebt sich nun zu erkennen und überliefert den
Frauen ihren Peiniger zur Bestrafung. — Eine eigentümliche
Variante der Sage vom König im Bade; vgl. Liebrecht. Zur
Volkskunde S. 52. Bolte zu Schumanns Nachtbüchlein nr. 4.3
und Freys Gartengesellschaft S. 285.
Die folgenden vier Novellen, die in der Ausgabe von
1800 fehlen, stehen im Drucke von 1856 (2, 213) als bisher
unediert:
I. II demonio meridiano. Meca ist dem Fra
Simoni nachts in seine Zelle gefolgt; als er sich auf eine
Weile entfernt, reibt sie, durch den Geruch verführt, ihr
Gesicht mit dem Inhalt einer Flasche ein, der sich als Tinte
erweist. Als der zurückkehrende Mönch sie so geschwärzt
erblickt, ruft er das Kloster gegen den Mittagsteufel zu Hilfe.
— Vgl. Tünger, Facetiae ed. Keller nr. 39. Rosenblüts
Schwank von der Tint (Keller, Fastnachtspiele 3, 1186).
Kirchhof, Wendunmut 1, 2, 51. Rolland, Recueil de chansons
pop. 1« 154, nr. 73 cLa fille au couvent des meines5. Beau-
quier, Chansons pop. rec. en Franche-Comte 1894, p. 77 'La
servante fardee\ Ferner Bolte, Das Danziger Theater 1895,
S. 230 3, wo noch Vincentius Bellovacensis, Speculum morale
3, 3, 17 (Teufel reicht dem Narren eine Büchse), Rijndorp,
Dokter Joan Faustus (1731, Akt 4. Creizenach, Euphorion
3, 714) und Mathesius, Analecta Lutherana ed. Loesche 1892,
S. 193 nachzutragen ist.
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi. 1({7
II. L'onore perduto alla fiera. Ein einfältiges
Mädchen, dem die Mutter einschärft, ihre Ehre zu hüten,
glaubt, als sie auf dem Markte einmal die Hand erhebt, die
Ehre verloren zu haben. Ein gefälliger Jüngling aber er-
bietet sich, sie zu befestigen. — Einen ähnlichen norwegischen
Schwank hat M. Moe hsl. an Köhler mitgeteilt: Meuten,
som skulde passe paa Mödommen sin.' Kryptadia 1, 191.
.317. 2, 5. 4, 246. 326.
III. Una le paga tutte. Eiu Mönch, der von einem
Jungen begleitet wird, speist bei einer Dame zu Nacht. Als
der Ehemann unvermutet erscheint, wird der Knabe oben auf
•einem Schranke, der Mönch unter einem Tische verborgen.
Die von ihrem Manne geprügelte Frau ruft: 'Der da oben
wird dirs bezahlen." Der Knabe glaubt sich gemeint und
ruft: 'Was soll ich geben! Ich habe selbst nichts.' Und so
kommt die ganze Geschichte heraus. Die Überschrift will
sagen, dass der Mönch sich glücklich ans hundert ähnlichen
Att'aireu gezogen hat, bis er endlich einmal übel ankommt.
— Vgl. Oesterley zu Kirchhof, Wendunmut 1, 323. Lessing,
Der über uns (W. 1, 255). Riederer, Das poetische Schertz-
( 'abinet 1713, nr. 69. Hang, Bacchus 1823, S. 292: cEin
Schwank". Langbein, Die Freunde (Gedichte 1, 269). Ant-
werpener Liederbuch 1544, nr. 188. Erk-Böhme, Liederhort
1, 490, nr. 152. Vade Mecum für lustige Leute 1, nr. 98
(1767). Korrbl. f. siebenbg. Landeskde. 1886, 5-S. Kryptadia
1, 59. 2, 167. 4, 301. Berliner Ms. germ. qu. 616, nr. 102.
Mont-Cock, Vlaamsche Vertelsels 1898, S. 260. Chrzanowski,
Rej 1894, S. 342. Amusemens franeois ou Contes ä rire
1752 2, 20.
Ein Meisterlied des Hans Sachs 'Der Beckenknecht ob
dem Bett1, 1554 im verkerten Ton M. Beham gedichtet (MG
14, 89. Dresdener Hs. M 5, 97), wird nächstens in E. Goetzes
Ausgabe der Schwanke des H. Sachs erscheinen. Hier möge
ein vielleicht noch etwas älteres Meisterlied Hans Vogels aus der
Dresdener Handschrift M 5, 639 (steht auch in M 207, 107a)
folgen.
168
Zur neueren Literaturgeschichte.
Hans Vogel, Der k auf f man zu Dilingen [?] mit seim
bulenden weibe.
Im schätz thon Hans Vogels.
1.
Eins mals ein reicher kauffman sass
Zu Dübingen, der selbig was
Von eren frum und feste.
Der het ein schöne trauen zart,
5 Die heimlich ein bulerin wart
Und lud offt heimlich geste,
Das es ir man nit weste.
Eins mals lud man denn kauffman auss.
Die frau lud ein burger ins hauss,
10 Der kam bei dages scheine.
Da sie sassen ein kleine weil,
Da käme auch mit schneller eil
Ein münich, wolt hineine
Zu der frauwen aleine.
15 Das erschrecket denn burger sere.
Er meint, es kern ir man und mere,
Steig eilend auf den offen.
Die frau wurd dem münich auf thon,
Da lass er ir die lection.
20 In dem det auch anklopffen
Ir man, der von dem wein heim kam.
Das hörten die zwen droffen.
Der münch sprach auss draurigem sinn:
c0 we, wo muss ich fliehen hin,
25 Das mich der mann nit spüre ?'
Die frau in bei der kuten zoch,
Hiss in kriechen ins offen loch.
Setzet ein bret dar füre,
Det dem mann auff die thüre.
30 Der kauffman flucht, ward zornig ser.
Die frau sprach zu im: 'Thu mir mer
Deins fluchens ursach sagen!'
Der man sprach : 'Wen dus wissen wilt,
Mein gelt hab ich ales verspilt.'
35 Die frau saget mit klagen:
'AVie darfstus so kün wagen,
Das du mir das mein dust verschlemen !
Wo willen wir ein anders nemen ?'
22. Goethe und der italienische Dichter Domenico Batacchi. 169
Er sprach: 'Schweig stil hinfort!
40 Der droben es hezalen kau.'
Der burger meint, es ging in an,
Sprach : 'Es ist mir nit eben.
Der münieh im offenloch dort
Muss auch halben deil geben.'
3.
45 Der kauffman stund ein gute weil
Und west gar nichts in schneller eil,
Was er darzu thon solte.
Der burger griff in beute] sein,
Warft' im nüber in sal hinein
50 Zehen gülden an golde.
Der mann ward dem gelt holte.
Der burger sprach: 'Nim hin das gelt!
Ich bitt dich, Lass mich ungemelt.3
An denn münieh er käme,
55 Der selbig war an dem gelt blos<.
Der kauffman mim ein bengel gross,
Denn münch darmit grausame
Zerschlagen det on schäme.
Sülicher menner findt man file,
60 So offt kumen zu solchem spile,
Xoch schweifen sie forthan,
AVeren dem weib das bulen nit,
Xemen gelt, essen, drincken mitt,
Thun sich zu samen setzen.
65 Ich sag, dass man ein solchen man
Mit hunden solt auss hetzen.
IV. L'albero delle pere. — Ein Schuhflicker .stiehlt
seiner Frau zulieb aus einem Klostergarten Birnen. Um
den Dieb zu fassen, bringt man Glückchen an den Zweigen
an. Jener aber merkt die Falle und läutet, als er ein ver-
liebtes Stelldichein von Mönch und >>'ouue erblickt, absicht-
lich und verhilft andern zu den ihm zugedachten Prügeln. -
Im Grundgedanken ähnlich ist Th. Storms allerliebste Skizze
"Wenn die Äpfel reif sind' Sämtl. Schriften 5, 179. 1868)
und Roquelaure, Roger Boutems eu belle humeur 2, 8S (1757).]
170 Zur neueren Literaturgeschichte.
23. Schiller und eine Stelle aus Tausend und
einer Nacht [vom Wunder vogel].
(Archiv für Litteraturgeschichte 3, 145 — 147. 1874.)
Im 13. Auftritt des 3. Aufzugs von Wallensteins Tod
folgten, wie man seit langem weiss1), auf die Verse:
Ich sollte aufstehn mit dem Schöpfungswort
Und in die hohlen Läger Menschen sammeln.
Ich thats. Die Trommel ward gerührt. Mein Name
Ging wie ein Kriegsgott durch die Welt. Der Pflug,
Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmelt
Der altbekannten Hoffnungsfahne zu —
ursprünglich fünf Verse, die Schiller dann im Druck wegliess,
'sicherlich wohl (um Ernst Köpkes Worte2) zu gebrauchen),
weil das Bild in denselben, so anmutig an sich, eben durch
seine Anmut für den Helden und seine Situation zu zierlich
istJ. Die Verse lauten:
Und wie des Waldes liederreicher Chor
Schnell um den Wundervogel her sich sammelt,
We nn er der Kehle Zauberschlag beginnt,
So drängte sich um meines Adlers Bild
Des deutschen Landes kriegerische Jugend.
Wie wir aus dem erst im vergangenen Jahre erschienenen
12. Teil der Stuttgarter historisch-kritischen Schiller-Ausgabe
(S. 120) sehen, hatte Schiller auch in der Piccolomini
denselben wunderbaren Vogel in ahnlichster Weise verwendet,
aber ebenfalls wieder getilgt. In dem 7. Auftritt des
146 2. Aufzugs der Piccolomini finden sich nämlich nach den
Worten Wallensteins:
— — Durch Sachsens Kreise zog
Die Kriegesfurie, bis an die Scheeren
Des Belts den Schrecken seines Namens tragend —
') Siehe Viehoffs und Herrigs Archiv für das Studium der neueren
Sprachen 7, 403 (1850) und 13, 38 (1853) und: Wallenstein von Schiller.
Nach den Handschriften und Veränderungen des Verfassers vom Jahre
1799. Herausgegeben von W. von Maltzahn, Stuttgart 1861, S. 48.
2) Viehoffs und Herrigs Archiv 13, 38.
23. Schiller und eine Stelle aus Tausend und einer Nacht. 171
in dem sog. Ruesschen Manuskript auf der k. öffentlichen
Bibliothek in Stuttgart folgende Verse:
"Wie aus den "Wolken fielen da Armeen
Und Länder und Viktorien ihm zu,
Und kaiserliche Majestät vermeinten.
In mir des Mäh rle i n s Vogel zu besitzen,
Der mit der Kehle wundervollem Schlag
Des Waldes Sänger an sich lockt.
Ich kann das cMährlein', in welchem der wunderbare Vogel
vorkommt, uaehweisen: es ist das letzte Märchen der Galland-
schen Tausend und einen Nacht, welches cHistoire des deux
soeurs jalouses de leur cadette' betitelt ist 1). Hier erzählt
eine alte Frau der Prinzessin Parizade von drei wunderbaren
Dingen, und zwar beschreibt sie das erste derselben mit
folgenden Worten:
'La premiere de ces trois choses est l'oiseau qui parle: c'est
im oiseau smgulier qu'on nomme Bulbulhezar [les mille
rossignols], lequel a encore la propriete d'attirer des environs
tous les oiseaux qui chanteut, lesquels viennent accompagner
son chaut.'
Schiller hat natürlich die für seinen Zweck gleichgültige,
für den Verlauf des Märchens freilich besonders wichtige
Eigenschaft des Sprechens weggelassen. Dagegen hat er in
einer Stelle der Turandot den Vogel des Märchens nur in
seiner Eigenschaft als fden Vogel, welcher redet3, und zugleich
mit den beiden andern wunderbaren Dingen des Märchens
verwendet. Die beiden andern Wunderdinge beschreibt die
Alte in dem Märchen folgendermassen:
cLa seconde [chose] est l'arbre qui chante, dont les feuilles
sont autant de bouches, qui fönt im concert harmonieux | de 147
voix differentes, lequel ne cesse jamais. La troisieme chose
enfiu est i'eau jaune, couleur d'or, dont une seule goutte
') Das arabische Original dazu findet sich in keinem der bekannten
Texte der Tausend und einen Xacht; wahrscheinlich fand es sich aber
in dem nach Gallands Tod verloren gegangenen Band der Pariser Hand-
schrift. [Oben 1, 1191. Nach Zotenberg (Histoire d' 'Alä-al-din, Paris
1888, p. 28. 61 — 67) hörte Galland diese Geschichte 1709 von dem Maroniten
Hanna aus Halep und zeichnete sie in seinem Tagebuche auf.]
] 72 Zur neueren Litteraturgeschichte.
versee dans un bassin prepare expres, en quelqu' endroit que
ce soit dun jardin, abonde dune maniere quelle le remplit
d'abord, et s'eleve dans le milieu en gerbe, qui ne esse jamais
de s'elever et de retomber dans le bassin, sans que le bassin
deborde.3
Nun vergleiche man die folgenden Verse im 1. Auftritt
des 2. Aufzugs der Turandot:
Eine andre hätte ihre Liebeswerber
Auf blutig schwere Abenteuer aus
Gesendet, sieh mit Riesen 'runi zu schlagen,
Dem Schah zu Babel, wenn er Tafel hält,
Drei Backenzähne höflich auszuziehen,
Das tanzende TV asser und den singenden Baum
Zu holen und den Vogel, welcher redet.
Die entsprechende Scene in Gozzis Turandot ist nur
eine Stegreifscene, die Ausführung derselben ist durchaus
Eigentum Schillers. Man könnte sich nun denken, dass Schiller
die drei Wunderdinge ausschliesslich dem Märchen der Tausend-
undeinen Nacht entlehnt, aber das dort umständlich be-
schriebene wunderbare Wasser der Kürze wegen selbständig
als 'tanzendes Wasser" bezeichnet habe. Erinnert man sich
jedoch, dass in dem 'Augelimo belverde3 Gozzis die singenden
Apfel, der redende Vogel und das klingende und tanzende
Wasser (Tacqua che suona e balla', oder cche suona e danzaJ)
eine grosse Rolle spielen 1), so wird mau nicht zweifeln, dass
Schillern, als er die beiden Verse der Turandot schrieb, so-
wohl das Märchen der Tausendundeinen Nacht als auch das
Drama Gozzis vorgeschwebt haben, und dass er aus letzterem
die Bezeichnung 'tanzendes Wasser' hat. [Köster, Schiller als
Dramaturg 1891, S. 198.]
!) Gozzi hat bekanntlich den Stoff seines 'Augellino belverde' haupt-
sächlich aus Straparolas Piavevoli notte 4, 3 geschöpft, aber auch das
obige Märchen der 1001 Nacht benutzt. Straparolas Märchen und das
Märchen der 1001 Nacht sind nur verschiedene Versionen eines und
desselben Märchens, welches sich auch in mehreren in neuerer und
neuester Zeit in Italien, Deutschland und anderwärts aus dem Volks-
mund aufgezeichneten Märchensammlungen findet [Oonzenbach nr. 5;
dazu Köhler, Zs. f. Volkskunde 6, 60. Oben 1, 118. 560].
•_'4a. Die Quelle von Bürgers Lenardo und Blandine. 17.'}
24 a. Die Quelle von Bürgers Lenardo und
Blandine.
(Zeitschrift für deutsche Philologie 8, 101 -- 104. 1877.)
Bürgers c Lenardo und Blandine' behandelt bekanntlich
eine ganz ähnliche Geschichte wie die von Boccaccio im
Decamerone IV. 1 so meisterhaft erzählte Novelle von Guiscardo
und Ghismonda, r) und da Bürger selbst in der Vorrede zur
ersten Ausgabe seiner Gedichte (Göttingen 1778), S. XIV,
gesagt hatte, cdie Geschichte von Lenardo und Blandine
komme in alten Novellen, unter dem Namen Guiscardo und
Gismunda. ähnlich vor,3 so hat man bisher wohl allgemein
mit A. W. »Schlegel angenommen, dass Bürger den Decamerone
vor Augen gehabt habe, als er Lenardo und Blandine dichtete.2)
Aber ein erst von A. Strodtmann in seiner Sammlung der
'Briefe von und an Bürger' veröffentlichter Brief Bürgers
belehrt uns eines andern. Bürger schreibt nämlich am
15. April 1776 an seinen Freuud Boie. dem er die eben
vollendete 'Königin der Romanzen"3) für dessen Deutsches
Museum schickte, über dieselbe:
'Übrigens wirst du mich vielleicht, wie jeuer Cardinal
den Ariost, fragen: AVo habt Ihr denn das närrische Zeug
!) [Über die Geschichte dieser Novelle vgl. Montanus, Schwank-
bücher 1899, S. 586— 589. 557. — Ferner eine Aufführung in Mainz 1512
(Roth, Zs. f. Kulturgesch. 3, 265. 1896); Gismunda 1725 (Menzel,
D. Dichtung 2,433), E. D'Alberts Oper Ghismonda; J. Zey er, Ghismonda
1882 (tschechisch), deutsch bei E. Albert, Neueste Poesie aus Böhmen
1, 63. 1895. |
2) Schlegel sagt in seinem Aufsatz 'Über Bürgers Werke' von
dessen 'Lenardo und Blandine' (Charakteristiken und Kritiken 2, 51 =
«Sämtliche "Werke 8, 105): 'bestimmte Einzelheiten zeigen bei aller
Abweichung unwidersprechlich, dass Bürger den Decamerone vor
Augen gehabt'.
3) "Wenige Tage vorher — am 11. April — hatte er sie dem
Freunde schon angezeigt, und zwar als: 'die Königin nicht nur aller
meiner, sondern auch aller Balladen des heil. Kömischen Reichs teütscher
Nation. [Vgl. den Brief vom 22. April in der Vierteljahrschrift f.
Littgesch. 3, 83.]
1 74 ^U1* »eueren Literaturgeschichte.
102 alle her?1) Antwort: | Es ist dergestalt alles das Werk
meiner Phantasie, dass schwehrlich Jemand das veranlassende
Histörchen, welches ich einmal in einem Büchlein, wie Melusine
und Magelone, gelesen habe, wieder darin erkennen wird?"
Also in einem 'Büchlein, wie Melusine und Magelone',
d. h. in einem unserer seit Görres so genannten 'Volksbücher',
will Bürger das 'Histörchen', das ihm den Anlass zu 'Lenardo
und Blandine' gegeben hat, einmal gelesen haben, und in der
That giebt es ein Volksbuch, welches die Geschichte von
Guiscardo und Gismunda enthält.
Es ist «lies das bekannte Volksbuch, welches in dem
ältesten Druck, den ich kenne, betitelt ist: 'Schöne bewegliche
und Anmuthige Historien, Von Marggraf Walthern, Darinnen
dessen Leben und Wandel, auch was sich mit ihm begeben
und zugetragen, kürtzlich vor Augen gestellet. Dem günstigen
Leser zugefallen mit schönen Figuren gezieret und verbessert.
Gedruckt im Jahr Christi, 1680.' (8 °). -) In ihm sind der
Titelerzählung als Anhang beigefügt: 'Eine schöne Historia
1) Man vergleiche Bürgers Brief an Boie vom 12. August 1773r
wo er nach Vollendung der Lenore schreibt: 'Ich muss mir selbst zu-
rufen, was der Kardinal von Este Ariosten zurief: Ter dio, Signor
Burgero, donde avete pigliato tante cujonerie?1 — Cujonerie ist be-
zeichnend für Bürgers Kenntnis des Italienischen.
2) Einen etwas frühern Druck besass Gottsched, wie sich aus dem
seltenen Auktionskatalog seiner Bibliothek ergiebt, in welchem nach
J. M. Wagners Mitteilung in Petzholdts Neuem Anzeiger für Bibliographie
und Bibliothekwissenschaft 1872, S. 208 vorkommt: 'Historia von Marggr.
Walther. 167G. 8°.' Über spätere Drucke s. meinen Artikel 'Griselda' in
der Ersch und Gruberschen Encyklopädie, S. 415, denen ich jetzt noch
folgenden beifügen kann : 'Schöne anmutige Historien von Markgraf
Walthern, darinnen dessen Leben und Wandel und was sieh mit ihm
zugetragen dein günstigen Leser kürzlich vor Augen gestellet wird.
Aufs neue mit schönen Figuren geziert und verbessert. Dresden, zu
haben bey dem Buchbinder H. B. Brückmann, Breitegasse Xo. 63.' 8°.
Dieser Druck gehört unserm Jahrhundert an; zwei andere mir vor-
liegende Volksbücher mit derselben Dresdener Buchbinderhrma tragen
die Jahreszahlen 1828 und 1829. — In dem genannten Artikel 'Griselda*
habe ich auch nachgewiesen, dass die 'Historia von Markgraf Walthern*
nur eine anonyme Wiederholung von Johann Fiedlers 1653 zu Dresden
erschienenem '.Marggraf Walther1 ist. [Oben 2, 507.]
24 a. Die Quelle von Bürgers Lenanlo und Blandine. 175
von des Fürsten zu Salerno schönen Tochter Gissmunda' und
noch fünf ganz kurze Beispiele von Gattenliebe.
Diese 'schöne Historia von des Fürsten zu Salerno schönen
Tochter Gissmunda' ist Bürgers 'veranlassendes Histörchen3.
Sie ist aber nichts anderes als Boccaccios Novelle in
deutscher Übersetzung, die einem der späteren Drucke der
alten, Heinrich Steinhöwel zugeschriebenen, bis ins 17. Jahr-
hundert hinein immer wieder neu gedruckten Decamerone-
Übersetzung1) entnommen, aber sprachlich über- | arbeitet und 103
hier und da verkürzt ist. Der Überarbeiter hat offenbar das
Bestreben gehabt, seine Vorlage 2) lesbar und verständlich zu
machen, und es ist ihm dies auch, abgesehen von einigen
Missgriffen und Missverständnissen, im ganzen gelungen. 3) |
*) Vgl. das Decameron von H. Steinhöwel , lisg. von A. v. Keller,
S. 682 fg., Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung 2 4, 229 = 2\
352, und Goedeke, Grundriss 1, 11 4 [= 2. Aufl. 1, 368.]
2) Ich hahe ausser Kellers Ahdruck der Originalausgabe der
Übersetzung einen Druck von 1540 — 'Cento Nouella Johannis
Boccatii. Hundert newer Historien usw.,' Strassburg 1540. Mio-- und
einen von 1583 -- 'Kurtzweilige vnd Lächerliche Geschieht Vnd Historien
Die wol in Schimpft' und Ernst mögen gelesen werden . . . Hierzu
seindt kommen die hundert neuwe Historien, sonst Cento Nouella
genannt, usw.,' Frankfurt a. M. 1583, folio vergleichen können.
Danach muss, wenn nicht der letztgenannte Druck selbst, jedenfalls ein
mit ihm in gewissen Lesarten übereinstimmender dem Verfasser der
'schönen Historia' vorgelegen haben. Dies zeigt unter anderen folgende
Vergleichung. Ghismondas "Worte: 'In ogni cosa sempre et infino a
questo estremo della vita mia ho verso nie trovato tenerissimo del mio
padre l'amore, ma ora piü che giammai' sind in der alten Übersetzung-
nach Kellers Abdruck also wiedergegeben: 'Ich hab allwegen gen mir
mein vatter milt vnnd diemütig funden Nun an meinem letsten end
meines lebens mer dann ye.' In dem Drucke von 1540 lauten die
Worte: 'Ich hab allwegen gen mir meinen vater milt vnd demütig
funden, Nu aber an meinem letsten end nie ins lebens mer dann je;'
in dem von 1583: 'Ich hab allwegen gegen mir meinen Vater milt vnd
vnd demütig funden, Xu aber an meinem letzten ende jn eins L Owens
mehr dann je'; endlich in der 'schönen Historia': 'Ich habe allewege
meinen Vater gegen mir milde demüthig und barmhertzig, nun aber an
meinem letzten Ende als als einen grimmigen Löwen erfunden.'
3) Der Anfang der 'Historia' lautet [wörtlich nach Hosemann]:
'Wir lesen in alten glaubwürdigen Geschichten, wie dessen zwar auch
[76 Zur neueren Literaturgeschichte.
[Wir können seine Thätigkeit sogar ziemlich genau verfolgen;
denn es ist kein anderer als der csclilesische Lügenschmied'
Abraham Hosemann (geb. 1561, gest. 1617), der seiner
oft aufgelegten Schrift 'Veras amor conjugalis, d. i. warhaft'tige,
gewisse vnd eygentlielie Beschreibung der rechten Ehelichen
Liebe zwischen zweyen Ehegatten' neben andern Liebes-
novellen auch die von Guiscardus und Gismunda eingeflochten
gedencket der Hochgelährte Jurist und Käyserliche Legat , Doctor
Saltzborn, dass bey Käyser Friedrich des ersten Zeit ein Fürst zu Salerno
Hof gehalten, welcher eine überaus wunderschöne Tochter gehabt1.
Diese Berufung auf calte glaubwürdige Geschichten' und auf den wohl
fingierten Dr. Salzborn (in späteren Drucken: Salzhorn) und die will-
kürliche Versetzung der Geschichte in die Zeit Friedrichs I. sollen der
Erzählung offenbar nur den Anschein geschichtlicher Wahrheit geben,
ebenso dann die genauen Angaben, dass Gismunda 1 Jahr und 5 Monate
verheiratet gewesen sei, während Boccaccio allgemein 'poeo tempo' und
die Übersetzung 'wenig Jahre' hat, und dass Tancred nach Gismundas
Tod nur noch 15 Wochen gelebt-, während Boccaccio und die Über-
setzung gar nichts von dessen Tode sagen. Der 'Historia' sind am
Schluss folgende Nutzanwendungen [die erste genau nach Hosemann]
beigefügt:
1. Hierbey ist sonderlich zu sehen, was rechte Liebe kan, auch
was es offt für einen Aussgang zu nehmen pfleget, und dass Eltern
nicht allewege geschwinde fahren sollen hertzliche Liebe zu trennen,
denn was offt für grosser Unrath daraus erfolget, sind alle Historien
voll, wie Doctor Mauritius Brand, der dieser Historien auch gedencket,
saget, dass Eltern sonderlich auff ihre [lies : ihrer] Kinder tieff ein-
gewurzelte Liebe gut achtun g haben sollen, und die Liebe umb geringer
Ursachen wegen ja nicht zu trennen, sondern ihr ihren Fortgang gönnen,
so saget auch der Poet:
Gib deinem Kind das ihm gefall,
Aus Honig wird dennoch wohl Gall.
2. Mercket dieses ihr harten Eltern, und endert euch, damit euch
die Reue nicht auch zu spat möge kommen, wie sie also diesem Fürsten
kommen ist.'
Beiläufig sei hier erwähnt, dass auch in dem 'Schertz mit der
Warheyt,' Frankfurt 1550, Bl. XXXXII— XLV, die Geschichte von
Guiscardus und Gismonda unter der Überschrift cYon thorechter Lieb
erbärmlichem Aussgang, die Historien Guiscardi vnnd Gismonda?, der
Tochter Tancredi des Fürsten zu Salerno' erzählt ist und dass ihr gleich-
falls die Decamerone-Übersetzung, die aber zum Teil sehr verkürzt ist,
zu Grunde liegt.
24a. Die Quelle von Bürgers Lenardo und Blandine. 177
hat. Sie stellt iu der 5. Auflage (Magdeburg 1618) auf Bl.
Sija-Tva, iu der 10. (Brauusehweig und Magdeburg 1642)
Bl. 136b — 150b1): und der Autor, der bei früheren Gelegeulieiteu
seiner 1597 verfassten Tragödie Tyramus und Thisbe'und seiner
Komödie Thänicia' gedacht hat, verheisst dabei, auch diese
Historia binnen kurzem iu eine Tragödie zu bringen. Auch
hier sucht er dem gläubigeu Leser durch frei erfundene Citate
zu imponieren. Den hier angeführten Doctor Mauritius
Brand, der sonst (Goedeke, Grundriss 2 2, 575) nur als Über-
setzer von Bandello-Belleforests Phänicia bekannt ist, tituliert
er anderwärts als 'Ferdinand! Königs in Castilia gewesenen
Hoff-Rath vnnd Cantzler3 und schreibt ihm eine fabelhafte
grosse Burgundische Chronica zu Antorff gedruckt", 'Spanische
Geschichten", eine 'Beschreibung der Stadt Brüssel" etc. zu.]
Der Nachweis der 'schönen Historia von des Fürsten 104
zu Salerno schönen Tochter Gismunda" als der unmittelbaren
Quelle von Bürgers 'Lenardo und Blandine" scheint mir be-
sonders deshalb von Wert, weil wir dadurch einen neuen
Beleg für den Einfluss unserer Volksbücher auf unsere
neuereu Dichter erhalten, aber auch für die Würdigung der
Ballade ist er nicht ohne Belang. Da nämlich die 'schöne
Historia" die Novelle Boccaccios inhaltlich unverändert wieder-
giebt, so treffen zwar die Vorwürfe, die A. W. Schlegel
Bürgern wegen seiner Abweichungen von dem Decamerone
gemacht hat, auch bei Vergleichung der Ballade mit der
'Historia" zu; aber diese Vorwürfe wögen doch viel schwerer,
wenn Bürger Ghismondas Geschichte als Werk Boccaccios im
Decamerone kennen gelernt und den Decamerone beim Dichten
"vor Augen gehabt" hätte, als sie nun wiegen, wo wir wissen,
J) [Berliner Bibl. Da 7374 und 7376. Da die Vorrede 'Lauben
1606' datiert ist, erschien die erste Auflage vermutlich 1606. Ein Druck
Magdeburg 1607' wird in Vulpiua Curiositäten 4, 173, ein anderer
'Magdeburg 1651' in Zedlers Universallexikon 13, 968 genannt. Die
Weimarer Bibliothek besitzt zwei weitere Ausgaben: Magdeburg 1634
und Braunschweig 1682. — Vgl. über Hosemann noch Otto, Ober-
lausitzisches Schriftstellerlexikon 2, 182; Suppl. S. 183. Grünhagen,
ADB. 13, 179.1
Köhler, Kl. Schriften, in. 12
[78 Zur neueren Litteraturgeschiehte.
dass er sie nur in dem anonymen 'Histörchen' des Volksbüchleins
'einmal gelesen" hatte. Das Wort 'einmal' aber drückt doch
offenbar aus , das zwischen dem Lesen des Histörchens und
dem Dichten der Ballade Zeit vergangen war, und so sind
vielleicht manche Abweichungen Bürgers nicht bewusste
Änderungen, sondern rühren daher, dass er alle Einzelheiten
der Erzählung nicht mehr im Kopte hatte. Dieser Annahme
widerstreitet nicht, dass in den Versen der vierten Strophe:
Der schönste der Diener trug hohes Gemüt,
Obschon nicht entsprossen aus hohem Geblüt . . .
und noch mehr in denen der neunten:
Der du trägst züchtiger, höher Gemüt
Als Fürsten und Grafen aus hohem Geblüt . . .
eine wörtliche Reminiscenz der Stelle der 'schönen Historia*
vorliegt, wo Guiscardus 'ein hübscher Jüngling, von niedriger
Geburt, aber von hohem, edlen und züchtigen Gemüt*
genannt wird.
24 b. Zu Bürgers Lenardo und Blandine.
(Zeitschrift für deutsche Philologie 16, 362f. 1884.)
Vor mehreren Jahren habe ich in dieser Zeitschrift (87
101 — 104) die unmittelbare Quelle nachgewiesen, aus welcher
Bürger den Stoff zu Lenardo und Blandine geschöpft hat. x) AVie er
aber zu den Namen Lenardo und Blandine — ■ anstatt Guiscardus
und Gismunda seiner Quelle — gekommen, wusste ich damals
nicht, und es ist mir darüber erst vor kurzem ein Licht
*) Herrn P. Holzhausen, dem Verfasser der verdienstvollen Ab-
handlung 'Die Ballade und Romanze von ihrem ersten Auftreten in der
deutschen Kunstdichtung bis zu ihrer Ausbildung durch Bürger' im
15. Bande dieser Zeitschrift, ist mein Nachweis entgangen, und er hält
deshalb (S. 311) Boccaccios Novelle von Guiscardo und Ghismonda für
Bürgers unmittelbare Quelle.
24b. Zu Bürgers Lenardo und Blandine. 17J)
aufgegangen, als mir bei gelegentlichem Suchen nach einem
Datum in dem vorjährigen, in der Hofbuchdruckerei zu Weimar
gedruckten Kalender auf einmal die beiden Heiligennamen
Blandina und Leonhard unmittelbar hintereinander stehend,
nämlich am 5. und 6. November, in die Augen fielen. Also
einfach einem Kalender, in welchem an den genannten Tagen
die Namen Blandina (oder Blandine) und Leonhard standen,
dankt das Liebespaar der Ballade seine Namen. Aller
Wahrscheinlichkeit nach suchte Bürger, als er mit der Ballade
(Frühjahr 1776) beschäftigt war und für die Liebenden, | da 363
ihm die Namen seiner Quelle aus irgend welchen Gründen
nicht gefielen, andere Namen brauchte, nach solchen in dem
ersten besten Kalender, den er zur Hand hatte, und er wählte
Blandine und Leonhard, die er nicht erst zusammenzusuchen
geltraucht, sondern gleich beisammen gefunden hatte, änderte
jedoch des Versmasses und vielleicht auch des Wohlklanges
wegen Leonhard in Lenardo. Vielleicht war es der 'Leipziger
Musenalmanach aufs Jahr 1776, Leipzig, im Schwickertschen
Verlage', den Bürger zu Rate zog, in dessen Kalender sind
wenigstens Blandina und Leonhard die Heiligen des 5. und
6. Novembers, während im Kalender des Göttinger Musen-
almanachs Blandine und Erdmaun stehen. —
[Auch die Herkunft folgender Stelle in Bürgers Ballade
glaube ich nachweisen zu können:
Nun, blutiger Jammer! Wann rinnst du zu End' ? —
Wenn alle Gewässer auf Erden verrennt. —
Acb ! alle Gewässer verrinnen ja nicht!
So endest du, blutiger Jammer, auch nicht!
So lautet die 74. Strophe im Deutschen Museum 1776,
während Bürger 1778 in den Gedichten den Reim glättete:
0 Jammer! Nun gleichest du Wasser und Wind:
Wol AVinde verwehen, wol Wasser verrinnt.
Doch alle verwehn und verrinnen ja nie. —
So du, o blutiger Jammer, auch nie.
Im gleichen Jahre 1778 brachte Herder (Volkslieder 1,
118) das vermutlich Bürger längst bekannte Volkslied vom
12*
IgO Zur neueren Literaturgeschichte.
verwundeten Knaben zum Drucke, welches mit folgendem
Zwiegespräch zwischen dem tiefbetrübten Mädchen und dem
sterbenden Jüngling stimmungsvoll abschliesst:
Wie lang soll ich denn trauren gehn? —
Bis alle Wasser zusammen gehn. —
Ja alle Wasser gehn nicht zusamm'n,
So wird mein Trauren kein Ende han.
Viele Varianten geben Erk-Böhme, Liederhort nr. 96c — g
und Köhler-Meier, Volkslieder von der Saar nr. 9, in denen
öfter statt des 'Knaben1 eine verwundete 'Dame' erscheint.
Aus der Ballade ist ein Lied erwachsen (Mittler nr. 929.
Vilmar, Handbüchlein für Freunde des Volksliedes 1868,
S. 135), in dem die Begebenheit zur blossen Vorstellung
verblasst ist; dem einsam wandelnden Jünglinge steigt die
trübe Ahnung vom Tode der Geliebten auf:
Und wenn denn mein Schätzchen gestorben war.
Wie lange sollt ich in Trauren dann gehn?
'So lange sollt' du in Trauern nun stehn,
Bis dass alle Wasser zu Ende ja gehn'.
Und alle die Wasser vergehen ja nicht,
So nimmt auch das Trauren kein Ende ja nicht.
Diese volksmässige Umschreibung des Begriffes Niemals,
zu der Hauffen (Gottschee 1895, S. 168 f.) einige Parallelen
beigebracht hat, sehwebte offenbar Bürger bei der ersten
Niederschrift seiner Ballade vor, während er später den
Anklang an das Volkslied etwas verwischt hat.]
25. Deutsche Übersetzungen eines Leonardo
da Vinci zugeschriebenen Sonettes.
(Aus dem Nachlasse zusammengestellt.)
G. P. Lomazzo erzählt in seinem Trattato dell' arte
della pittura' Milano 1585, p. 282 = Roma 1844 2, 68),
dass der vielseitige Künstler Leonardo da Vinci (1452 — 1519) j
mehrfach dichtete, führt aber von seinen cschwer aufzufinden- .
25. Ein Sonett von Leonardo da Vinci. 1$1
den Sonetten' nur eins an, welches also beginnt: cChi non
puö quel che vuol\ Dies Sonett hat bis in die neueste Zeit
in den Lebensbeschreibungen des grossen Florentiners seine
Stelle gefunden, obwohl keine Handschrift Leonardos davon
existiert l) und andere Schriftsteller es anderen Verfassern
zuteilen. Erst Gustavo Uzielli') hat mit minutiösem Fleisse
die sämtlichen ihm erreichbaren hsl. Aufzeichnungen des
Sonettes durchforscht und festgestellt, dass weder Leonardo
noch Domenico Burchiello (1380 — 1448) noch Niccolö Cieco
Anspruch auf dessen Verfasserschaft haben, sondern dass
diese nach dem Zeugnis einer in der ersten Hälfte des
15. Jahrhunderts entstandenen Florentiner Handschrift dem
Florentiner Antonio di Meglio zukommt, der 1441 bei
einem in Santa Maria del Fiore veranstalteten Dichterkampfe
über das Lob der wahren Freundschaft den Preis davontrug.
Das Sonett lautet in dieser ältesten Handschrift (Uzielli 2, 93)
folgendermassen :
Chi non puö quel che vuole, quel che puö voglia
Che quel che non si puö, folle e volere
E quell' uom dicho saggio e da teuere,
Che da quel che non possa il voler toglia.
Perö ch' ogni diletto nostro o doglia
Sta in si o no saper voler potere,
Sol cholui dunque puö che vuol dovere,
Ne mai trae la ragion fuor di sua soglia.
Non seinpre e da volere ciö chell' huom puote,
Spesso appar dolce, quel che torna amaro,
Piansi gia quel che volli, poi chi l'ebbi.
Adunque o tu lector di queste note
S' atte vuogli esser buono, agli altri charo,
Voglia sempre potere quel che tu debbi.
') Daher fehlt es in den von J. P. Richter aus den eigenhändigen
Handschriften veröffentlichten Scritti letterari di Leonardo da Vinci
(London 1883).
2) Uzielli, Ricerche intorno a Leonardo da Vinci 2, 27— 114 (1884):
'Sopra un sonetto attribuito a Lionardo da Vinci.1 - Uzielli handelt
1H2 Zur neueren Literaturgeschichte.
Die in diesen Zeilen zusammengedrängte Lebensweis-
heit und nicht minder der erlauchte Name Leonardos haben
verschiedene deutsche Obersetzer gelockt, ihre Fertigkeit an
diesem Sonette zu versuchen. Fiorillo l) begleitete 1798
seinen Abdruck des italienischen Textes mit der Bemerkung:
'Mir sind von diesem Sonett zwey deutsche Übersetzungen
bekannt, die eine von meinem schätzbaren Freund, dem Herrn
Rath Schlegel, die andere von unserem damaligen Professor
Meyer'. Von diesen beiden Verdeutschungen ist jedoch die
erste, von August Wilhelm Schlegel herrührende nie gedruckt
worden, vermutlich weil sie dem Dichter, nachdem Bürger
sie getadelt hatte, selber missfiel. Bürger2) schrieb nämlich
am 28. Sept. 1792 an Schlegel: 'Es ist mir in der That un-
angenehm gewesen, mein liebes Söhnlein, nichts von dir in
den Almanach aufnehmen zu können. Die Fragmente aus
dem Dante erschienen mir (vollends ohne Commeutar) hier
nicht an ihrer Stelle, und in dem Sonett von Leonardo da
Vinci konnte ich das zweite Quatrain unmöglich gut heissen.
Ich habe es zwar anders zu geben gesucht; alleiu ich selbst
bin ungewiss, ob ich den wahren Sinn getroffen habe. Die
Umänderung ist meinem Gedächtniss entfallen, und ich bin
auch nicht im Stande sie unter meinen Papieren aufzufinden,
sonst wollte ich sie hieher schreiben. Ein andermahl !J — ■
Bezeichnend ist es jedenfalls, dass Schlegel 1798 in seinem
Gespräche 'Die Gemälde" (Sämtliche Werke 9, 65) nur die
letzte Zeile des Sonetts in italienischer Sprache anführt, die
er auch am Schlüsse seines Gedichtes 'Leonardo da Vinci*
(1799. Ebd. 1, 222) dem vor der Leiche des Meisters
stellenden König Franz in den Mund legt. 3)
S. 60 — 66 über die deutschen Übersetzer nach Keinhold Köhlers Notizen,
die ihm durch Vermittelung von Alessandro d'Ancona zugegangen waren,
druckt aber diese Verdeutschungen selbst nicht ab.
J) Geschichte der zeichnenden Künste 1. 809 (Ciöttingen 1798).
2) Archiv für Litteraturgeschichte 3, 449 = Strodtmann, Briefe
von und an Bürger 4, 24.
3) 'Wie dein ernster Spruch mich lehrte: Was ich soll, das will ich
können.'
25. Ein Sonett von Leonardo da Vinci. 1X3
Fr. L. Willi. Meyer dagegen veröffentlichte in der
"Poetischen Blurnenlese aufs Jahr 179-2' (Göttingen, Dieterich)
S. 163 f. l) folgenden
Zuruf Leonardo' s da Vinci.
"Wer nicht kann, was er will, der wolle was er kann!
Uni das versagte Ziel wird sich ein Tlior bemühen:
Doch der Unmöglichkeit sein Wollen auch entziehen,
Dadurch bewähret sich vor uns der weise Mann.
Es hängt des Lebens Qual, sowie des Lebens Glück,
Aon dem Bewusstseyn ab, dem Willen zu genügen.
Dich lehre die Vernunft in deine Pflicht sich fügen ;
Auf beyde richte du den unverwandten Blick.
Nicht alles, was du kannst, ist deines Wollens werth.
Die Süsse wird gar leicht in Bitterkeit verkehrt,
Und oft erröthen wir des Kampfes Preis zu nennen.
Du, der mit frischer Kraft auf meine Rede hört,
Sind eigne Ruhe dir und fremde Liebe werth,
Du wollest immer nur das, was du thun sollst, können.
Im 19. Jahrhundert haben sich Riemer, Gries, Bentzel-
Sternau und Schlosser an dieselbe Aufgabe gemacht. Fr. W.
Riemer (Gedichte 1826 1, 322) lieferte eine steife und
trockene Arbeit 2) :
Nach Leonardo da Vinci.
Kannst wie du willst nicht, wie du kannst so wolle,
Weil Wollen thöricht ist wo fehlt das Können;
Dennoch verständig ist nur der zu nennen,
Der, wo er nicht kann, auch nicht sagt er wolle.
') Danach wiederholt in Meyers 'Spielen des Witzes und der
Phantasie' (Berlin 1793) S. 132 und bei A. Hagen, Leonard da Vinci in
Mailand 1840 S. 99.
2) Die trotzdem in Schorns Vasari 3, 1, 5 und in Guhls Künstler-
hriefen (1853 1, 103 = 1880 1, 79) Aufnahme fand. G. Droysen änderte
in seinem Aufsatze über Leonardo da Vinci (Preussische Jahrbücher 19,
519. 1867) die ersten Zeilen etwas ab:
Kannst was du willst nicht, was du kannst das wolle,
Denn thöricht ist das Wollen ohne Können ;
Drum ist ein weiser Mann nur der zu nennen —
Auch schrieb er in V. 5: Lust- und Leidenvolle.
1 g | Zur neueren Literaturgeschichte.
Das ist für uns das Lust-, das Leidenvolle,
Zu wissen ob, ob nicht wir wollen, können;
Drum kann nur der, der nimmer trennen
Hein Wollen mag vom Wissen was er solle.
Nicht immer ist zu wollen was wir können,
Oft däuchtet süss, was sich in Bitter kehrte,
Wie ich beweint, besass ich was ich wollte.
Drum mög', o Leser meinen Rath erkennen:
"Willst du der Gute seyn, der andern Werthe,
Woll immerdar nur können das Gesollte.
Besser gelang es J. D. Gries,1) auf Goethes Anregung
hin das italienische Poem einzudeutschen:
Kannst du dein Wollen nicht, dein Können wolle!
Wer will, was er nicht kann, muss Klugheit missen;
Doch dem, der nie zu wollen sich beflissen
Was er nicht kann, den Ruhm der Weisheit zolle !
Denn das nur dient zur Freud' uns wie zum Grolle,
Ob, oder nicht, wir können, wollen, wissen;
Und der nur kann, der, prüfend sein Gewissen,
Weiss, dass er allzeit, was er will, auch solle.
Nicht immer wollen darf der Mensch sein Können.
Oft sah ich Süsses sich in Bittres wandeln;
Ich weint' um was ich wollt', als ich's, besessen.
Drum lass, mein Leser, diesen Rath dir gönnen :
Soll heilsam dir, werth Andern seyn dein Handeln,
Musst du dein AVollen nach dem Sollen messen.
Da die bei Gries (Gedichte 2, 26G) erwähnte Übersetzung
des Grafen Karl Chr. Ernst zu Bentzel-Sternau nicht gedruckt
zu sein scheint, wenden wir uns der von Goethes Freunde
Fritz Schlosser (1780 — 1851) hinterlassenen Verdeutschung,
die in den von seiner Gattin herausgegebenen 'Wanderfrüchten32)
vorliegt :
Nach Leonardo da Vinci.
Wer nicht kann, was er will, woll' was er könne,
Denn Thorheit ist, was man nicht kann zu wollen:
Wohl ziemts den Preis der Wahrheit dem zu zollen,
Der nicht um das, was er nicht kann, entbrenne;
*) Gedichte und poetische Übersetzungen 1829 2, 132; vgl. Aus.
dem Leben von J. D. Gries 1855, S. 128.
2) Aus dem Nachlasse von J. F. H. Schlosser 1, 144 (1856).
26. Zacharias Werners 'Vierundzwanzigster Februar'. 185
Denn, siehe, was man Hass und Liebe nenne,
Ist Ja und Nein, ist Können, Wissen, AVollen;
Drum kann er einzig das, dess ernstes Sollen
Die hohe Herrschaft der Vernunft erkenne.
Nicht ziemet immer, was man kann, zu wählen:
Oft wird, was Wonne schien, zu bitterm Leide,
Oft schmerzt, ersehntes Gut sein eigen nennen;
Drum, willst du nie den rechten Pfad verfehlen,
Dein eigner Freund seyn und der Andern Freude,
So sey dein Wollen, was du Sollst, zu können.
Ob noch andere Übersetzer hier zu verzeichnen waren,
können vielleicht unsere Leser uns sagen.
26. Ober den Stoff von Zacharias Werners
'Vierundzwanzigstem Februar.
(Weimarer Sonntags-Blatt 3, 197a— 200b. 1857.)
In einer der früheren Nummern dieser Blätter (nr. 11,
S. 109) ward [von J. Saupe, Abraham a Santa Clara] eine
Erzählung aus Abrahams a Sancta Clara Gemisch Geniasch
[1704. S. 43 — 46] mitgeteilt J) und dabei die Vermutung aus-
gesprochen, dass daraus Zacharias Werner den Stoff zu seinem
Vierundzwanzigsten Februar entlehnt haben möge. Möglich
ist diese Annahme, allein keineswegs notwendig, da Werner
jenen Stoff von verschiedenen Orten her kennen konnte.
Zunächst ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass
ihm zwei deutsche Volkslieder bekannt waren. Das eine
Lied fängt an: 'p]s hatt ein Gastwirt einen Sohn'2) und
J) [Dieselbe Geschichte hat R. M. Werner. Zs. f. dtsch. Altert. 30,
85 (1886) nochmals abgedruckt; vgl. Anz. f. d. Alt. 12, 290.]
2) Z. B. bei Hoffmann, Sohlesische Volkslieder nr. 34. Erk, Deutscher
Liederhort nr. 44. [Erk- Böhme, Liederhort 1, 175 nr. 50 c. Meinert,
Kuhländchen S. 207 = Mittler nr. 292. Hruschka -Toischer. Böhmen
1891, S. 229 nr. 227. Peter, Oesterreichisch- Schlesien 1, 203. Alfr.
Müller, Erzgebirge 1883, S. 72. — Eine im ganzen übereinstimmende
1SI,
Zur neueren Literaturgeschichte.
erzählt, wie der Sohn eines Wirtes nach sechzehnjähriger Ab-
wesenheit bei seinen Eltern unerkannt einkehrt. Nur der
Schwester, die ihm zum Schlafgemach leuchtet, giebt er sich
zu erkennen, bittet sie aber, bis zum Morgen nichts zu sagen.
Nachts fällt es den Eltern ein, den Fremden, der ihnen sein
Geld zur Verwahrung gegeben hat, zu ermorden. Die Tochter
hört des Sterbenden Wehruf und eilt zu spät herbei. Vater
und Mutter töten sich.
Die Tochter starb vor Herzeleid,
Den Freunden brachts viel Traurigkeit,
Gott behüte uns doch alle.
Ein anderer Text schliesst:
Es sollte sein eine grosse Freud,
AVar aber nichts als Traurigkeit,
Drei Mord die waren geschehen.
Das zweite hierher gehörige Lied fängt an: 'Es waren
einmal zwei Bauern söhn' 1). Nach ihm kehren zwei
Bauernsöhne nach langer Abwesenheit mit Beute beladen aus
dem Krieg in ihre Heimat zurück. Der eine kehrt im Wirts-
hause seiner Eltern ein, ohne erkannt zu werden. Nachts
fordert die Wirtin ihren anfangs widerstrebenden Mann auf,
den Soldaten, der von seinem vielen Gelde gesprochen hat,
197b zu | morden. Es geschieht, indem die Mutter dem schlafenden
Sohne heisses Fett in den Hals giesst. Am Morgen erkundigt
sich der andere Soldat nach seinem Kameraden und entdeckt
die Unthat. Die verzweifelten Eltern töten sich. Mehrere
Texte schliessen mit den Worten:
tschechische Ballade bei "Waldau, Böhmische Granaten 2, 188 nr. 276
(1860) macht den Vater zum Müller; zum Schlüsse stürzt sich die Mutter
in den Fluss, in den sie die Leiche des Soldaten geworfen haben; der
Vater erhängt sich.]
v) Z. B. Wunderhorn 2, 196 [= 2, 306 ed. Birlinger-Crecelius]. Erk
nr. 43 und 43 a. Simrock, Deutsche Volkslieder nr. 39. Meier, Volks-
lieder aus Schwaben nr. 190. [Erk-Böhme, Liederhort nr. 50 a-b. Köhler
und Meier, Volkslieder von der Mosel 1. 24 nr. 20 (1896) mit der Anm..
wo jedoch die oben S. 1852 aufgezählten Lieder nicht ausgesondert sind.
Dazu C. Weiss, Aus dem Volksleben, Nürnberg 1863, S. 38 (Andreas
Christoph V\, geb. 1813, f 2. Okt. 1883) und G. Mühl in Stöbers Alsatia
1851, 58.]
26. Zacharias "Werners 'Vierundzwanzigster Februar'. \st
Ei du verfluchtes Geld und Gut,
Bringst manchen um den guten 31ut
Und um sein jung frisch Leben,
welcher Sehluss an Abraham a Sancta Clara '0 du verfluchtes
Geld, was Übels stiftest du in der Welt!" erinnert.
Hofr'mann (Schlesische Volkslieder S. 60) teilt in einer
Anmerkung zu diesen Liedern aus .loh. Jacob Vogels
Leipzigischem Geschichtsbuche [ 1 7 14J S. 367 folgende Stelle
mit: cAnuo 1618. (Also dasselbe Jahr, welches Abraham
angiebt.) Dieses Jahr hat sich in Leipzig eine erschreckliche
Mordgeschichte zugetragen, welche zwar in denen Leipzigischen
Annalibus mit Stillschweigen übergangen, vom sei. Daun-
hauero x) aber im andern Theil seiner Catechismus -Milch
auf dem 135. Blatt auf diese Art erzählet wird: Im Jahre
1618 nächsthin begab sich eine traurige Geschieht zu Leipzig
mit einem Soldaten, so 23 Jahre nicht daheim, sondern im
Kriege gewesen; der stellete sich nach verflossener Zeit bei
seinen Eltern, so in gedachter Stadt Wirthschaft getrieben,
kehret als ein Gast unbekannter Weise ein, gehet zuvor zu
seiner Schwester, so an einem andern Orte gewohnet, bei
welcher er zuvor gewesen, ihr alles offenbaret, und sie zu
solchem Ende ins Vaters Haus geladen, auch gegenwärtig
sich zu erkennen gegeben. Darauf übergiebt er sein Paquet
und Geld, so oOO Thaler gewesen, dem Vater als Wirth in
Verwahrung mit Vermeldung, dass er sich des andern Tags
allererst recht lustig mit ihnen machen wollte. Unterdes hat
<ler Teufel sein Spiel, verblendet die Eltern mit dem Gelde.
dass sie den Sohn des Nachts im Bette ermorden: da sie
aber den folgenden Tag von der Tochter verstanden, wer
er gewesen, geriethen sie in solche Bekümmerniss und Ver- 198a
zweiflung, dass der Vater sich erhänkete, die Mutter sich
erstach, die Tochter in einen Brunnen sprang und sich ersäufte.
Diese Geschichte ist auch in Gottfrieds Chronica 2) fast am
:) [Job. Conr. Dannbauer, Catechismus Milch, oder der Erklärung
des Christlichen Cateehismi ander Theil. Strassburg 1658, 2, 135.]
-) [Gemeint ist offenbar Gottfried Schultz, Chronica, 3. Edition
1650 (zuerst 1646), 12°, S. 275 f. = 1656. S. 223 = 1660, 8. 169.]
188 Zur neueren Literaturgeschichte.
Ende und Ottens Krankentrost x), in einer Predigt am
XV. Sonnlage nach Trinitatis erzählet zu finden. Unter anderen
geschriebenen Leipzigischen Geschichten befinde ich diese
traurige Begebenheit mit diesen Umständen erzählet: dass
Amin IG 18 der Gastwirth in der Hällischen Gasse zum
güldenen Siebe 2) seinen Sohn, der aus der Fremde kommen,
sich aber seinem Vater des ersten Tages nicht zu erkennen
geben wollen, in der Nacht, durch Verleitung des Geldgeizes
ermordet, und als er den Ranzen visitiret, hätte er den Ge-
burtsbrief und Zeugniss, den er seinem Sohne mit auf die
Reise gegeben, gefunden, und als er von seiner Tochter ver-
ständiget worden, dass es sein Sohn gewesen, hätte er sich
erhänket." — [Mit wenig veränderten Nebenumständen erzählt
Gottfried Schultz (Chronica 1656, S. 723 = 1660, S. 543)
dieselbe Geschichte 3) als 1649 zu Thermeis in Böhmen vor-
gefallen. Der Sohn ist 18 Jahre in der Fremde gewesen;
zum Schlüsse stürzt sich der Vater in einen Brunnen, die
Mutter erhängt sich, und die Schwester stirbt vor Schreck.]
In Dithmarschen kannte man, wie Müllenhoff (Sagen,
Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und
Lauenburg, Kiel 1845, S. 534) berichtet, vor wenigen Jahren
noch ein Lied dieses Inhalts: Ein junger Mann war länge in
der Fremde gewesen. Eines Abends kam er, heimkehrend,
J) [Joh. Jacob Otto, Kranckentrost, Nürnberg 1665 und 1671. —
Ferner erscheint dieselbe Geschichte bei Joh. Peter de Memel, Lustige
Gesellschaft 1660, nr. 1113; J. D. Ernst, Historisches Bilderhaus 1675r
1, 228 (nach Dannhauer); in einem um 1690 zu Nürnberg entstandenen
lisl. Historienbuche (808 Bl. fol. Nürnberg, German. Museum Hs. 2434)
Bl. 284a: bei E. M. Freudenberg, Etwas für Alle (Hall 1732) nr. 161.]
2) [Nach freundlicher Mitteilung des Leipziger Stadtarchivars Herrn
Dr. G. Wustmann gehörte das 'Goldene Sieb' von 1605 bis Ende der
vierziger Jahre dem Conrad Wolffermann; 1651 wird als Besitzer sein
Schwiegersohn, der Gastwirt Daniel Kestner, genannt. Was aber am
meisten gegen die Glaubwürdigkeit der Geschichte spricht, ist das voll-
ständige Schweigen des Leipziger Leichenbuchs von 1618, das alle Er-
mordeten, Verunglückten u. s. w. verzeichnet, über einen solchen Vorfall.]
;1) [Danach Mich. Wiedemann, Historisch-poetische Gefangenschafften
7, 90 (1689) = Erk, Alemannia 8, 61. |
26. Zacharias Werners 'Vierundzwanzigster Februar'. 139
wieder vor das Haus seiaer Eltern und bat um Herberge für
die Nacht, ohne sich ihnen zu entdecken. Nur seine Schwester
erfuhr, wer er sei. Es waren arme Leute, aber der Sohn
hatte sich viel Geld erspart. Da gingen die Alten in der
Nacht hin und erschlugen ihn, ohne dass sie ihn erkannten.
Durch das Geräusch aber erwacht die Schwester und (diese
Strophe allein kennt man noch)
Se nam äer Lieht wol in de Hand,
Se leep wol äer Slaepkamer enlank:
cAeh Gott, min eenzigste Broder min,
Min hartallerleevste Broder min !'
Das hörten die Eltern, und wie die Tochter kam und
sie den Toten sahen, erkannten sie ihn und stürzten tot vor
Schrecken nieder. | — [Eine mecklenburgische Sage, die
bei Niederhöffer (Mecklenburgs Volkssagen 1, 26. 1857) und
etwas abweichend bei Bartsch (Sagen aus Mecklenburg 1, 214.
1879) erzählt wird, verlegt das Ereignis in die Martensmühle
zwischen Teschow und Sülstorf. Die Müllersleute ermordeten
einen bei ihnen eingekehrten Fremden im Schlafe, indem sie
ihm geschmolzenes Blei ins Ohr (nach Bartsch siedendes
Schmalz in den Hals) gössen. Am anderen Morgen kam sein
Freund (nach Bartsch sein Diener) und offenbarte, dass der
Ermordete der heimkehrende Sohn gewesen sei. ■ — In Danzig
knüpft sich ein gleicher Bericht an ein vor dem Olivaer Thore
belegenes Häuschen, das seinen Namen 'Jerusalem" von jenem
mörderischen Gastwirte tragen soll (G. Löschin, Beiträge zur
Geschichte Danzigs 3, 64. 1837. 0. F. Karl, Danziger
Sagen 2, 1. 1844). — In einer Gra ubündener Sage
(D. Jecklin, Volkstümliches aus Graubünden 2, 31 nr. 10.
1876) hört der Sohn in der Fremde, dass seine Eltern, die
im Dolmetsche -Haus bei Chur eine Wirtschaft haben, als
Unmenschen verrufen seien, und kehrt, um sich davon zu
überzeugen, bei ihnen ein, ohne sich zu erkennen zu geben.
Nachts giesst ihm die Mutter siedendes Schmalz in den Hals.
Den gleichen Eingang hat die Geschichte von der Wirtin von
Boscha (Jecklin 2, 30 nr. 9) und das später zu erwähnende
französische Volkslied.]
190 ^lir "eueren Literaturgeschichte.
198b So gut nun Wernern eins jener Lieder oder auch Vogels
Leipzigisches Geschichtsbuch zufällig in die Hände gekommen
sein konnte, ebenso gut konnte ihm aber auch eine italieni-
sche Novelle bekannt geworden sein. Die Novelle, die wir
meinen, ist von Vincenzo Rota aus Padua. der im vorigen
Jahrhundert [1703—1781] lebte. Sie ist [1794 gedruckt und
1834] von Ed. von Bülow in seinem Novellenbuche 1, 161
bis 17-t u. d. T. 'Der Gastwirt von Maderno' übersetzt und
erzählt folgendes: Ein fünfzehnjähriger Knabe entflieht seinen
harteu und überaus geizigen Eltern, welche auf Brescianer
Gebiete eine Gastwirtschaft haben. Nachdem er als Diener
eines vornehmen Herrn in Neapel ein Vermögen erworben,
kehrt er nach 25 Jahren in die Heimat zurück. Er begiebt
sich in das Haus seiner Eltern, denen er sich nicht zu
erkennen giebt, da er. um sie desto mehr zu überraschen,,
eine Nacht als Fremder bei ihnen zubringen wollte. Der
Alte aber bemerkt das Geld und beschliesst mit seinem
Weibe seinen Tod. Die Frau schneidet ihm den Hals ab,
und mit den von den verblendeten Eltern nicht verstandenen
Worten cAch Vater, ach Mutter' stirbt der Unglückliche. Am
Morgen kommt der Pfarrer des Ortes, dem sich der Sohn,
sein Pate, zu erkennen gegeben hatte, und entdeckt den
Eltern ihre Unthat. Die Mutter ersticht sich: der Vater aber,
dem man das Messer, mit dem auch er sich töten will, ent-
reisst, wird in Venedig hingerichtet, 'als Warnung und Spiegel
allen bösen Menschen, besonders den verwünschten Hab-
süchtigen, deren verabscheuungswürdiges Gezücht Gott ver-
tilgen möge1. — Bülow bemerkt in der Vorrede S. XXXV:
'Die Novelle verlieh wohl mittel- oder unmittelbarerweise
Zacharias Werner den Gegenstand zu seinem verderblichen
Vierundzwanzigsten Februar, dessen Roheit durch diese
Novelle vielleicht in noch helleres Licht gestellt wird/
Die Geschichte wird wahrscheinlich noch sonst in Italien
vorkommen.1) Ein hierhergehöriges korsisches Volks-
*) [Eine 1732 zu Mailand erschienene Darstellung, die A. d'Ancona
1889 in seinem lesenswerten Aufsatze 'La storia del padre che assassina
il figlio' (Archivio delle tradiz. pop. 8, 153 — 173) zum Abdrucke brachte,
26. Zacharias Werners 'Vierundzwanzigster Februar*. 191
lied hörte Ferdinand Gregorovius auf Korsika. Er sagt in
sei- nein trefflichen Buche cCorsika3 (Stuttgart 18")4. 2, 27) 199a
über den Inhalt folgendes: 'Ein junger Mann aus den Bergen
verlässt Mutter, Vater und Schwester und geht auf das Fest-
land in den Krieg. Nach vielen Jahren kehrt er als Offizier
heim. Er steigt zu seinem Paehe hinauf: niemand der Seinen
erkennt er hier. Nur der Schwester giebt er sich zu erkennen,
deren Freude unsäglich ist. Dann sagt er dem Vater und
der Mutter, denen er sich noch nicht entdeckt hat. sie mögen
auf morgen ein herrliches Mahl rüsten, er wolle es gut be-
zahlen. Abends nimmt er die Flinte uud geht auf die Jagd.
In seinem Zimmer hat er den Ranzen gelassen, in welchem
verlegt den Mord nach Marseille. Per Jüngling hat im Dienste eines
spanischen Obersten 16 000 Scudi erworben und wird nachts durch
kochendes Wasser getötet; die Entdeckung erfolgt wie bei Rota durch
einen Gevatter, den der Jüngling zuvor besucht und zum Frühstück
geladen hatte. Der Titel lautet: 'Caso spaventevole e orrendo, occorso
nella Citta di Marsiglia, dove s'intende come un perfido e scelerato Oste
detto Saverio Polinder, assieme con sua Moglie Anna Salusti. come
diedero morte ad uno che alloggiö nella loro Osteria, per aver quantita
di denaro, e dopo morto, fu conosciuto che quello era il loro vero fi-
gliuolo.5 — Um 1800 scheint ein gleichfalls von D'Ancona besprochenes
Volksbuch in sechszeiligen Strophen entstanden zu sein, dessen Ver-
fasser sich Xicodemo Lermil (? Anagramm für Domenico Miller) nennt:
'II caso funestissimo di un assassino che uccise il proprio hgliulo inco-
gnito.' Hier ist der Schauplatz zufolge dem Florentiner Drucke von 1850
ein Wald drei Meilen von Rom, in einer Luccheser Ausgabe von 1857
dagegen 'presso Valenzien terra della Francia'; der Wirt ersticht nachts
den Soldaten und erfährt am anderen Morgen von seiner verheirateten
Tochter, dass er seinen Sohn ermordet habe. Wie in der Flugschrift
von 1732 wird schliesslich die ganze Herberge niedergebrannt. Über
solche Zerstörung des Hauses, in dem ein Mord verübt war, vgl.
die Zusammenstellungen von V. Chauvin. Melusine 9, 92 f. und AVallonia
8,11 f. — In einer bulgarischen Ballade (Strauss, Bulgarische Volks-
dichtungen 1895, S. 188) wird nicht der Sohn, sondern der unerkannt
heimkehrende Gatte von der Wirtin und ihrer Mutter erschlagen; am
Morgen fragen die Hirten Ivans nach ihm. — Nähere Untersuchung
verdient die uns unzugängliche polnische Erzählung von Kwiatkowski
(Theater des menschlichen Lebens in historischen Darstellungen.
Kaiisch 1740). die nach A. Royer (Histoire universelle du theatre 4,
464. 1870) denselben Stoff wie Lillos und Werners Tragödien behandelt.]
] 92 Zur neueren Literaturgeschichte.
viel Gold enthalten ist. Der Vater sieht den Reichtum und
beschliesst. den Fremden nachts zu ermorden. Die schreck-
liche That wird vollbracht. Wie nun der Tag kommt und
der Mittag kommt und sich der Bruder nicht zeigen will,
fragt die Schwester nach dem Fremdling; in der Angst ihres
Herzens entdeckt sie den Eltern, dass es der Bruder sei.
Sie stürzen in die Kammer, Vater, Mutter, Schwester; da
liegt er in seinem Blute. — Die Geschichte ist wahr, wie
überhaupt, was die korsischen Volkslieder singen, ein wirk-
liches Ereignis ist.J
[Ein französisches Volkslied, das uns in drei Fassungen
vorliegt (Smith, Romania 10, 208: aus Velay und Forez,
18 Str.; Bujeaud, Chants populaires de l'Ouest 1866 2, 237:
aus Aunis, 11 Str.; Guillon, Chansons populaires de l'Ain
1883, S. 112. 8 Str.), schweigt ganz von dem Vater des Sol-
daten, gerade wie die Graubündener Erzählung von der
Wirtin von Boscha. Als der Heimgekehrte sich Tuch kauft
erkennt ihn seine Tante und warnt ihn, bei der Mutter ein-
zukehren:
Pauvre Soldat, prends garde ä toi,
Si tu vas loger chez ta mere :
A bien tue d'autres marchands,
Elle t'en pourrait bien faire autant.
Als sie am anderen Morgen ihre Schwester besucht, findet
sie den Soldaten von seiner Mutter erstochen und zeigt die
Unthat dem Gerichte an.]
Auch in England ist die entsetzliche That mehrfach
überliefert. John Dunlop sagt in seiner Geschichte der Prosa-
dichtungen (übertragen von Felix Liebrecht, Berlin 1851)
S. 294 bei Erwähnung der Rotaschen Novelle : 'Eine ähnliche
Geschichte wird in dem 'Visitor\ einer obskuren englischen
Zeitschrift, von einem normannischen Gastwirt erzählt und
liegt auch der 'Verhängnisvollen Neugier' (The fatal curiositv).
einem dreiaktigen Trauerspiele von Lillo [1693 — 1739], zu
Grunde, von welchem J. Harris in seinen 'Philological inqui-
ries' [1781] sagt: 'Es ist das Muster eines vollkommenen
26. Zacharias Werners 'Vierundzwanzigster Februar'. 193
Stoffes.' Die Fabel dieses Stückes ist einer alten Flugschrift1)
entnommen, betitelt: 'Newes frorn Perin in Cornwall, of a
most bloody aud unexampled Muriner, very lately com- j uiitted n»9b
by a Father ou his owne Sonne [(who was lately returned
froni the Iodyes), at the Iuvestigation of a merciless Step-
mother, Together with their several most wretched Eudes;
being all performed in the Mouth of September last. Anuo
1648.' -4 ° (Oxford, Bodleian Library). Diese Flugschrift,
welche auffälligerweise dasselbe Jahr für deu Vorfall angiebt
wie die Berichte über den Leipziger Mord, stimmt auch in
den Grundzügen der Handlung zu diesen, nur erzählt sie viel
ausführlicher auch von dem abenteuerlichen Vorleben des
Helden. Dieser kehrt mit Gold und Edelsteinen beladen aus
Indien nach London heim und besteigt dort ein Schiff, um
seine in Cornwall lebenden Eltern nach fünfzehnjähriger Ab-
wesenheit wiederzusehen. Das Fahrzeug strandet, aber er
rettet sich schwimmend an die Küste. Dort findet er die
einst wohlhabenden Eltern verarmt in einer Hütte, die
Schwester mit einem Krämer verheiratet. Der letzteren ent-
deckt er sich und ladet sie mit ihrem Manne auf den folgen-
den Tag ins Elternhaus. Die Eltern nehmen den als armer
Schiffbrüchiger auftretenden Fremdling voll Mitleid auf, der
ihnen am Küchenfeuer von seinen Reisen berichtet. Als die
Mutter Thränen vergiesst, giebt er ihr zuerst ein Goldstück
für sein Nachtlager und zeigt ihr dann seinen vollen Geld-
gurt, der hinreiche, um alle ihre Not zu enden. Er versinkt
darauf in festen Schlaf; in der Mutter aber erwacht die Gier
nach dem Golde des Fremden; sie weckt ihren schon zur
1) [Vgl. G. C. Boase and W. P. Courtney, Bibliotheca Cornubiensis
1, 319 (1S74). — Die Begebenheit ist danach erzählt bei W. Sanderson,
Compleat History of the Lives and Reigns of Mary, Queen of Scotland,
and of her Son and Successor James (London 1656) S. 463 — 465; Thomas
Frankland, Annais of James I. and Charles I. (1681); Baker, Biographia
dramatica 1812 2, 224 (nach Frankland) ; D. Gilbert, Parochial History of
Cornwall 2. 100 (1838); R. Hunt, Populär Romanees of the West of
England, 3. ed. 1881, S. 442-444: 'The Penryn Tragedy'. - Vgl.
"W. E. A. Axon, The story of Lillo's 'Fatal curiosity1 in Notes and Queries
6. Ser. 5. 21 f. (1882).]
Köhler, Kl. Schriften. KI. 13
1<)4 Zur neueren Litteraturgeschichte.
Ruhe gegangenen Mann und beredet ihn. den (last zu er-
morden. Als um Morgen die Tochter erscheint und nach
dem Seemann fragt, leugnen die Eltern, einen solchen gesehen
zu haben. Sie erzählt, es sei ihr Bruder, den sie an einer
Narbe am Arme erkannt habe. Da eilt der Vater in die
Kammer, findet die Narbe und schneidet sich mit dem Messer.
das zum Morde gedient hat. die Kehle ab. Die Frau eilt
ihm nach und stösst sich dasselbe Messer in den Leib, das&
die Gedärme herausfallen. Über das Ausbleiben der Eltern
besorgt, geht ihnen die Tochter nach, entdeckt die drei
Leichen und sinkt voller Entsetzen tot zu Boden. Im der
angesehenen Verwandten willen verschweigt der Bericht-
erstatter den Namen der unglücklichen Familie. — 'Vergleicht
man diese an charakteristischen Zügen reiche und dramatisch
zugespitzte Darstellung mit dem trockenen Leipziger Referat,
das historische Glaubwürdigkeit nicht beanspruchen darf, so
scheint es zunächst durchaus glaublich, dass das englische
Flugblatt einen deutschen Leser reizte, die schaurige Be-
gebenheit in der Heimat lokalisiert seinen Landsleuten vor-
zuführen. Aber solange uns nicht diese vorauszusetzende
älteste deutsche Fassung, die vermutlich gleichfalls als Flug-
blatt erschien, selber vorliegt, entstehen doch Zweifel, ob
nicht umgekehrt der Engländer aus der deutschen Schrift
schöpfte, indem er den Ort veränderte, das Datum 1618-
dagegen beibehielt. Diese Zweifel würden natürlich schwinden,
wenn die Thatsache der Blutthat zu Penryn aus anderen
Quellen erwiesen werden könnte.]
Lillos Stück ist wiederum in einem späteren Trauerspiele
nachgeahmt worden, welches den Titel 'Der Schiffbruch' führt
von Henrv Mackenzie 1784. Sodann in Deutschland von
K. Ph. Moritz, Blunt oder der Gast 1781 und W. H. Brömelr
Stolz und Verzweiflung 1785]. Schliesslich vergisst Dunlop
auch nicht zu erinnern, dass Werners Tragödie einen ähn-
lichen Stoff behandle. Ja es liegt nicht zu fern, anzunehmen,
dass Werner Lillos Stück gelesen haben möge. Lillos gar
nicht zu verachtende Werke, die jetzt nur der Forscher kennt,
waren in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in
26. Zacharias Werners 'Vierundzwanzigster Februar'. 195
Deutsehland wohl bekannt und in mehr als einer Übersetzung
verbreitet: galt doch Lillo als der Schöpfer einer neuen
dramatischen Richtung, der bürgerlichen Tragödie, l) welche
bald in Frankreich und Deutschland (hier durch Lessmgs
Miss Sara Sampson 1755) Nachfolge fand. Wer nun an-
nehmen will, dass Wernern Lillos Trauerspiel vorgeschwebt
habe, könnte sich vornehmlich auf die Ähnlichkeit der Väter
in beiden Stücken berufen. Der alte Kuruth Werners ist
ebenso wie Lillos Wilmot eine eigentlich brave, noble, aber
leidenschaftliche, ungeduldige Natur; beide sind in die äusserte
Armut und dadurch in Verzweiflung geraten; beide denken
ernstlich an Selbstmord; beide sind empört, als ihnen ihr
Weib vorschlägt, den schlafenden Fremden zu berauben.
Dagegen wird Wilmot zu dem Morde durch seine Frau an-
geregt, während der alte Kuruth von selbst darauf kommt
und von seiner Frau umsonst gewarnt wird.
Wer belesener ist als wir, wird die Geschichte von den
Mordeltern (so hat man passend jene deutschen Volkslieder
zuweilen überschrieben) wohl noch sonst in geschichtlichen
und poetischen Werken angetroffen haben; denn so grauen-
voll sie ist, so ist sie doch wieder so einfach, dass sie sich,
wie lloffmann a. a. 0. S. 59 mit Recht bemerkt, gewiss zu
verschiedeneu Zeiten und in mehreren Gegenden begeben
hat: las man doch, irren wir nicht, vor | etlichen Monaten 200a
in den Zeitungen die Begebenheit als ganz neuerdings in
Russland vorgefallen. 2)
1) Lillos erste bürgerliche Tragödie war der 'Kaufmann von London'
(1731). Die 'Fatal curiosity' ward 1736 aufgeführt.
2) [Auch die Neue Freie Presse in Wien berichtete im Juni 18S0
(Notes and Queries 6, 5, 21) von der Ermordung eines "Wieners durch
seine Mutter, zu der er nach löjähriger Abwesenheit aus Amerika heim-
gekehrt war. Er hatte ihr. ohne sich zu erkennen zu geben, seine
100 000 Gulden zur Aufbewahrung anvertraut. Zwei Tage später trafen seine
Brüder, die er zuvor besucht hatte, bei der Mutter ein und entdeckten
die Unthat. — A. D'Ancona, der (Archivio 8, 167 f.) noch zwei entfernter
stehende Mordgeschichten aus dem Progres du Nord 1876 und aus dem
Memorial de la Loire 1869 anführt, weist auf eine Erzählung eines
chinesischen Matrosen hin, die in der Tradition 1, 7 von L. Didier mit-
13*
um;
Zur neueren Literaturgeschichte.
Bei der Einfachheit des Stoffes bleibt denn auch die
Möglichkeit, dass Werner ihn selbständig erfunden hat.
Mag er ihn aber auch irgendwoher entlehnt haben, das wird
200h sein Eigentum bleiben, dass er die Unthat als | Folge eines
Fluches und eines hierdurch auf einem gewissen Tage ruhen-
den Unsterns darstellte. Den 24. Februar aber wählte der
Dichter« weil einst an diesem Tage (1804) seine Mutter und
ein teurer Freund, J. J. Mnioch in Warschau, gestorben
waren.
[Die Frage nach der Quelle von Zacharias Werners pein-
lich ergreifendem Drama hat auch andere Forscher beschäftigt.
Ein uns nicht zugänglicher Aufsatz im Mainzer Unterhaltungs-
blatt 1840, nr. 347 (K. B e, Der Stoff zu Werners
24. Februar), den Wurzbach (Biogr. Lexikon 55, 96) citiert,
mag auf Engelhardts Naturschilderungen aus den Alpen 1840,
S. 82 zurückgehen, wo nach Menzel (Gesch. der deutschen
Dichtung 3, 376) berichtet wird, dass in dem einsamen Alpen-
geteilt ist: Der geizige Li-Ti-Fo tötet den unerkannt heimgekehrten
Sohn im Schlafe; das aus dem Haus her vorrieselnde Blut verrät den
Mord, man schlägt die Thür ein, und nun erst erkennt der Yater den
Sohn.
Ebenso kann die folgende Erzählung von der Ermordung eines uner-
kannten Sohnes, die sich bei 'Victor Hugo raconte par un temoiu de sa vie'
1, 11 (1863) findet, zeigen, wie sich ähnliche Begebenheiten wiederholen:
'Hugo (Leopold H., der Vater des Dichters) etait alors chef d'etat-major.
II prit part a l'expedition de Quiberon. II vint ä Chateaubriant. II y
fut presque temoin d'une chose horrible. Un Soldat, convalescent d'une
blessure regue ä l'armee du Rhii), allait se retablir chez son pere; on
lui avait bien recommande de ne pas devancer l'escorte de la diligence;
mais, a la vue de son village, il n'avait pu attendre et s'etait hasarde
seul; un paysan qui travaillait ä la terre, le voyant venir, prit un fusil
cache dans une haie, l'ajusta, l'atteignit en plein visage, puis vint
depouiller le mort. La detonation avait ete entendue, l'escorte de la
diligence accourait, le paysan s'enfuit avec le havresac et un porte-
feuille dans lequel il y avait une feuille de route ; comme ni lui ni sa
femme ne savaient lire, ils prierent un voisin de leur dire ce qu'il y
avait dans le papier, et ils apprirent que le mort etait leur fils. La mere se
tua d'un coup de couteau, et le pere vint se livrer h la justice.']
26. Zacharias Werners 'Vierundzwanzigster Februar'. 197
wirtshause Schwarenbach an der Gemmi einmal die Wirtsleute
von zwei Italienern erschlagen worden seien. Menzel erinnerte
sich dabei merkwürdigerweise der viel genauer mit Werner
übereinstimmenden Lieder und Erzählungen nicht, die er
selbst ebd. 2, 355 verzeichnet hatte. 1880 wies 0. Abrahamson
(Archiv f. Littgesch. 9, 219) auf Lillo und Moritz, 1886
K. M. Werner (Zs. f. d. Altert. 30, 85. Anz. 12, 290) auf
Abraham a 8. Clara als Vorbilder der Tragödie hin, worauf
Erich Schmidt 1888 (Vierteljahrschr. f. Littgesch. 1, 503) an
Köhlers von jenen übersehene Zusammenstellung verwandter
Berichte und Lieder erinnerte und nebenher eine wichtige
Episode der Vorgeschichte *) aufWickrams Rollwagenbüchlein
(1557) zurückführte.
Nun existiert eine von E. W. Weber (Zur Geschichte des
Weimarischen Theaters 1865, S. ^ß9 f. = Archiv f. Littgesch.
4. 4G1 - = Goethes Gespräche hsg. von W. v. Biedermann 8, 309.
1890) nach den Erinnerungen des Schuldirektors F. Schubart
aufgezeichnete weimarische Tradition, nach der Werner seinen
'Vierundzwanzigsten Februar' auf Grund einer schauerlichen,
mit einem merkwürdigen Zusammentreffen der Jahrestage
verbundenen Kriminalgeschichte dichtete, die in einer Gesell-
schaft bei Goethe aus den Zeitungen vorgelesen wurde,
und die Goethe Werner als einen geeigneten und fruchtbaren
Stoff zu einem kleinen einaktigen Trauerspiel empfahl.
Da wir aus Goethes Tagebuch2) wissen, dass Werner bei
diesem am 27. Februar 1809 nach Tische cmit einem Argu-
ment zu einer Tragödie' erschien, welches er in den folgenden
zehn Tagen ausarbeitete, müsste jenes Gespräch, durch das
"Werner die erste Anregung zu seinem Stücke erhielt, kurz
1) 'Der kleine Kurt hat, kindisch verführt durch den Anblick der
ein Huhn abstechenden Mutter, sein Schwesterchen im Spiel ge-
schlachtet.'
2) Goethes Tagebücher 4, 13 (1891). Am 10. März meldet Werner
an Goethe die Vollendung seines 'Nachspiels1; vgl. Schüddekopf und
Walzel, Goethe und die Romantik 2, 30 (1899); dazu S. XXVIII f. und
320. Pauline Gotters Briefe an Schelling 1810 (Aus Schellings Leben
2,208.214. 1870). Düntzer, Zwei Bekehrte 1873 S. 157 f., Goethe, Briefe
20, 319 (28. April 1809 an Werner).
]!)s Zur neueren Literaturgeschichte.
zuvor stattgefunden haben1). Werner selber äussert sieh am
4. Mai 1809 in einem Schreiben an [ffland, dem er seineu
Einakter zur Aufführung übersandte2), mit aller wünschens-
werten Deutlichkeit über dessen Entstehung, wie folgt:
'Der Gegenstand ist die bekannte Anekdote, dass
zwei Eltern ihren als Reisenden bei ihnen einkehrenden Sohn,
ohne zu wissen, dass es ihr Sohn sei, umbringen. Ich habe
dabei nicht nur die Triebfeder der griechischen Tragödie, den
Fluch, nach Goethens Meinung sehr zweckmässig ins Spiel
gebracht, sondern auch, um das Gemälde mehr der Wirklich-
keit näher zu bringen, die Scene, als wäre sie wirklich vor-
gefallen, nach einem sehr grausenvollen Orte in der Schweiz,
dem Wirtshause auf der Geminialpe. versetzt, ein von der
Natur schon zum Entsetzlichen gestempelter Ort, den ich selbst
besucht und treu geschildert habe, und wo wirklich vor ein
paar Jahren eine Mordthat, wenn gleich nicht mit den in
meinem Stücke erwähnten Umständen geschehen ist. Auch
die Benutzung dieses Motivs billigt Goethe sehr'.
Wenn somit der Dichter die Fabel seines Trauerspiels
als eine 'bekannte Anekdote' bezeichnet, so wird er sie ent-
weder schon vor jener Gesellschaft bei Goethe gekannt oder
von den dort Anwesenden ihre weite Verbreitung vernommen
haben. Ausserdem hat Schubarts Bericht, dass die so oft
wiederholte Mordgeschichte gerade damals durch die Zeitungen
gegangen sei, durchaus nichts Unwahrscheinliches; denn der
Fürst Hermann von Pückler-Muskau vernahm sie 1808
am 6. August zu Genf als kurz zuvor dort vorgefallen und
notierte sie folgendermassen in seinem Reisetagebuche (Brief-
wechsel und Tagebücher hsg. von Ludmilla Assing 2, 267 f.,
Hamburg 1873):
'Herr Martin unterhielt uns bis au die Tliore der Stadt
(Genf) mit einer betrübten Geschichte, die sich vor kurzem
hier zugetragen hat. Ein junger französischer Offizier, der
1) Goethes Tagebuch berichtet, dass "Werner am 30. Januar bei
ihm zu Tische geladen war und ihm am 6. Februar Abends sein Trauer-
spiel Kunigunde vorlas.
2) J. V. Teichmann, Litterarischer Nachlass 1863, S. 330.
26. Zachariäs Werners 'Vieründzwanzigster Februar'. 199
als Kind vor vielen Jahren seinen Eltern entlaufen war. kehrt
in das Dorf, wo sie ihre Tage in Armut verleben, mit allem
in der Zeit seines Dienstes erworbenen Gelde zurück, um es
mit ihnen zu teilen und nach Verlauf einiger Wochen wieder
zu seinem Regimente abzugehen. Sobald er angekommen ist,
erkundigt er sich bei dem Maire des Orts genau nach der
Wohnung und den Umständen seiner Eltern, teilt ihm seine
Geschichte mit und ersucht ihn zugleich, morgen bei ihm zu
frühstücken, wo er Zeuge der Erkennungsscene sein solle.
Er selbst geht hierauf in die väterliche Hütte und verlangt,
mit Mühe die stürmenden Gefühle seines Herzens unter-
drückend, ein Nachtlager: unterdessen überliefert er ihnen
seine Goldbörse, die er sie bis morgen für ihn aufzuheben
bittet, welche aber in der That für sie selbst bestimmt ist,
und legt sich mit freudiger Erwartung zur Ruhe. Die
unglücklichen Eltern, ohne zu ahnen, wie nahe sie der Jüng-
ling angeht, beschliessen, vom Glanz des anvertrauten Goldes
geblendet, seinen Tod. Beide schleichen in seine Kammer,
ermorden ihn im Schlaf und werfen den Körper in den
Brunnen. Am anderen Morgen erscheint Verabredetermassen
der Maire und fragt mit fröhlicher und bedeutender Mieue
nach dein jungen Fremden, der bei ihnen herberge. cOh, der
ist gauz früh schon abgereist", antwortete der Vater betreten,
cer hatte grosse Eile'. — 'Wie, und er hat nichts bei euch
zurückgelassen '.'' — 'Mein Gott, nein; er hat uns richtig be-
zahlt, aber weiter nichts dagelassen.' — 'Und er hat euch
nicht gesagt, dass er bloss hergekommen ist, sein Vermögen
mit euch zu teilen, mit einem Wort, dass er euer verlorener
Sohn ist?' Er hatte kaum ausgeredet, als in wilder Ver-
zweiflung die Mutter sich zum Fenster hinabstürzte und der
schaudernde Vater ohne Leben zu seineu Füssen niedersank.
Er kam nur zu sich, um sein Dasein auf ewig zu verfluchen;
wenige Tage darauf ward er gerichtet."]
200 ^ur neueren Literaturgeschichte.
27. Über Grässe, Die Quelle des Freischütz.
(Jenaer Litteraturzeitung 1876, 224.)
J. G. Tit. Grässe, Die Quelle des 'Freischütz'. Dresden, R. v. Zahns
Verlag [1876] 1875. 15 S. 8°. 0,80 M.
In diesem Schriftchen teilt der Verfasser die, wie er
S. 15 meint, von ihm zuerst entdeckte, bisher unbekannte
'Quelle des Kind-Weberschen Freischützen3 mit, nämlich eine
Erzählung aus dem im Jahre 1730 zu Leipzig erschienenen
5. Stück der 'Monatlichen Unterredungen von dem Reiche der
Geister" l). Diese 'Quelle des Freischützen' ist jedoch schon
seit mehreren Jahren bekannt. Im März 1872 erschien in
der Wiener 'Österreichischen Wochenschrift für Wissenschaft
und Kunst3 (Neue Folge, 1. Bd., S. 379—383) unter der
Chiffre H. M. ein Aufsatz 'Das Urbild des Freischütz', worin
nachgewiesen ist, dass jene Erzählung der 'Unterredungen*
die Quelle von Joh. Aug. Apels Erzählung 'Der Freischütz'
gewesen ist, und dass Friedrich Kind für seinen 'Freischütz"
nicht bloss Apels Erzählung, sondern auch deren Quelle be-
nutzt haben muss2). Denselben Nachweis hat dann auch
A. W. Ambros in dem Aufsatz 'Der erste Keim des Frei-
schütz-Textes" in seinem Buche 'Bunte Blätter, Skizzen und
Studien für Freunde der Musik und der bildenden Kunst',
.Neue Folge (Leipzig 1874) S. 93 — 104 geliefert und zugleich
die in der Österreichischen Wochenschrift nur auszugsweise
gegebene Erzählung aus den 'Unterredungen" ganz mitgeteilt.
Ambros erwähnt den Aufsatz in der Österreichischen Wochen-
schrift gar nicht, giebt aber an, dass der 'geschätzte Archäolog
Prof. Meynert in Wien' ihn auf die Stelle in den 'Unterredungen*
') Grässe schreibt fälschlich (S. 6 und 9) 'Monatliche Unterredungen
aus dem Reiche der Geister' und nennt als Verleger 'Weidmann1 statt
'Samuel Benjamin "Walther'. Die 'Unterredungen' führen Andrenio
und Pneumatophilus, Grässe aber schreibt S. 14 Andreino statt Andrenio.
2) [Über andere Dramatisierungen von Apels Erzählung vgl. Bolte,
Zs. f. dtsch. Altertum 32. 4.J
l'T. Über Grässe, Die Quelle iles Freischütz. -J01
aufmerksam gemacht und das Buch ihm geliehen habe, und
hiernach dürfen wir die Chiffre H. M. in der Österreichischen
Wochenschrift ohne Bedenken 'Hermann Meynert1)' deuten.
Den Aufsatz von Ambros hat bald nach seinem Erscheinen
G. Wustmann in einem besondern Artikel 'Zur Entstehung
des Freischütztextes5 in den 'Grenzboten3 vom 13. März 1874
(S. 414 — 417) natürlich beistimmend besprochen und dabei
zugleich wahrscheinlich gemacht, dass Kinds Angaben (im
Freischützbuch3 und in einer hier zuerst mitgeteilten Brief-
stelle) über einen Quartanten der Leipziger Stadtbibliothek,
der die Quelle des Freischützen enthalten habe, nicht auf
einer absichtlichen Mystifikation, sondern auf einer Verwech-
selung beruhen.
Somit ist also in den Jahren 1872 — 74 die Erzählung
der 'Unterredungen von dem Reiche der Geister1 als Quelle
des Freischützen mindestens dreimal besprochen, bezüglich
mitgeteilt worden. Sicherlich ist auch in manchen Anzeigen
und Kritiken des Ambrosschen Buches der Aufsatz über den
ersten Keim des Freischütztextes wenigstens genannt worden;
und es ist daher wunderbar, dass ein so belesener Gelehrter
wie der Verfasser unseres Schriftchens von all dem keine
Kenntnis gehabt und so die bekannte Quelle als 'von ihm
zuerst entdeckt und bisher unbekannt' hat veröffentlichen
können. Schliesslich sei noch bemerkt, dass weder Ambros
noch Grässe den Text der 'Unterredungen' buchstäblich treu
wiedergeben, dass aber Grässe ihn noch mehr als Ambros
modernisiert und geändert hat. und dass bei Grässe S. 10,
Z. 8 v. u. statt Giesskolben 'Giess-Kellen', S. 11, Z. 8 v. u.
statt wenige 'einige wenige' und S. 12. Z. 5 statt über sie
zu rauschen 'überhin zu rauschen' zu lesen ist.
r) Man s. über diesen 1808 zu Dresden geborenen, aber seit langem
in Wien lebenden Gelehrten Hermann Günther Meynert C. v. "Wurzbachs
Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich 18, 187 f.
202 ^ur neueren Literaturgeschichte.
28. Über Elberling, Oehlenschläger.
(Litterarisches Centralblatt 1888, 1021=1022.)
Carl Elberling, Oehlenschläger og de esterlandske Eveutyr.
Kjebenhavn. 1887. Thiele's Bogtrykkeri. 2, 128 S. 8°.
In obigem Büchlein 'Oehlenschläger und die morgenlän-
dischen Märchen3 bespricht der Verf., der sich schon früher
durch interessante, auf Oehlenschläger sich beziehende Arbeiten
verdient gemacht hat, in ebenso gründlicher als feinsinniger
Weise das Verhältnis der im Morgenland spielenden Dich-
tungen Oehlenschlägers zu ihren Quellen. Er will, wie er
S. 20 erklärt, keine Beurteilungen dieser Dichtungen geben,
er will nur zeigen, wie der Rohstoff beschaffen ist, den Oehlen-
schläger benutzt hat, und er glaubt, dass es diesem nicht
schaden werde, wenn man seinen Quellen nachspürt und sich
Rechenschaft zu geben sucht, wie er gearbeitet hat. Die
behandelten Dichtungen sind die Dramen 'Aladdin', 'Der
Fischer' (in der deutschen Bearbeitung zutreffender 'Die
Fischerstochter'), 'FarukJ und 'Die Drillingsbrüder von
Damasku sJ, die prosaische Erzählung CA 1 y u n d G u 1 h y n d yJ
und die Romanze 'Die Prinzessin mit der langen Nase3.
Die beiden ersten Dichtungen beruhen auf Erzählungen der
'Tausend und einen Nacht3 und die drei folgenden auf Erzäh-
lungen in Thomas Simon Gueullettes Mille et un Quart d'heure;
die Romanze endlich beruht, wie Ref. dem Verf. hat nach-
weisen können, auf Frdr. Hildebrand von Einsiedeis im
dritten Bande von Wielands 'Dschinnistan' [1789, S. 54 — 89]
1022 erschienener Bearbeitung | der 'Histoire du Prince Tangut et
de la Princesse au pied de nez1 in Jean Paul Bignons Aven-
tures d'Abdalla. fils d'Hanif1). Neben diesen Quellen für
l) [Vgl. oben 1, 5S7 f. und Y. Chauvin, Les sources des Palmblätter;
Cbl. f. Bibliothekswesen 17, 318. Auf Bignon beruhen ferner ein Gedieht
von La Harpe (Tangu et Felime, ou le pied de nez. Poeme en quarre
chants, Paris 1780) und das Märchen von der langen Xase in Kleists
Phöbus 1, *i. Stück (Junius 1808) S. 8 — 17. Diese Verzweigungen sind
Fürst (Die Vorläufer der modernen Novelle im 18. Jahrb. 1897, S. 53 f.)
entgangen.]
29. Mörikes Gedicht an den Schlaf und seine Vorläufer. 203
den Hauptinhalt, die Fabel der genannten Dichtungen hat der
Verf. auch noch für einzelne Stelleu und Züge, ja auch für
einzelne Namen die Quellen nachgewiesen, darunter das be-
kannte Reisewerk des Adam Olearius, welches mehrfach für
Einzelheiten, besonders im 'Aladdin', Oehlenschlägers Quelle
gewesen ist. In der 'Einleitung3 (S. 3 — 23) berichtet der
Verf. über das Bekanntwerden der Tausend und einen Nacht
und anderer Sammlungen orientalischer oder angeblich orien-
talischer Erzählungen -in Dänemark, über die verschiedene
Beurteilung und Schätzung derselben und über ihre Benutzung
durch die dänischen Dichter seit Oehlenschläger, der sie zuerst
benutzt hat. Diese Einleitung ist ebenso anziehend und
lehrreich wie alles Folgende. Es muss noch erwähnt werden,
dass das Büchlein im Selbstverlag des Verf. in nur 100 Exem-
plaren erschienen und dass sein Äusseres so solid und ge-
schmackvoll wie sein Inneres ist').
29. Mörikes Gedieht an den Schlaf
und seine Vorläufer.
(Aus dem Nachlass zusammengestellt.)
An den Schlaf.
Schlaf! süsser Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiss' ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!
l) [Als eine Fortsetzung hat Elberling 1899 ein Büchlein 'Et og
Andet om Aladdin' herausgegeben, das der Geschichte des arabischen
Märchens als Volksbuch, Volksmärchen und Drama sorgsam nachgeht;
vgl. \. Andersen, Dania 5, 225. — Zu S. 22 sei hier bemerkt, dass das
deutsche Volksbuch von dem unschätzbaren Schloss in der afrikanischen
Höhle Xaxa ein Abdruck der gleichnamigen Erzählung in Polychrest
Meletaons Wohlangerichteter neuerlundener Tugendschule ist. Mele-
taon ist der 1688 geb. und 1727 gest. Job. Leonhard Rost in Nürnberg;
von der Tugendschule, die bei Goedeke 3, 262 fehlt, citiert Götzinger,
Erläuterungen zu deutschen Dichtern 5 2, 235 eine Ausgabe von 1739.
In dem uns vorliegenden Drucke (Frankfurt und Leipzig, in der Ras-
peschen Buchhandlung o. .1.) steht die Erzählung auf S. 497 567.)
■J04 Zur neueren Literaturgeschichte.
Diese lieblichen Verse Mörikes1) haben eine merk-
würdige Entstehungsgeschichte, die der Dichter selber in
anschaulichster AVeise folgendermassen erzählt2):
'Am 24. Dez. (wahrscheinlich 1830 oder 1831) Abends
spät, da schon alles im Bette war, bat ich die Schwester
L[uise], dass sie sich mit ihrer Strickerei noch eine Weile an
das meinige hersezte, weil ich nicht einschlafen wollte. Ich
las ihr einiges ans Lichtenbergs Erklärung von Hogarth3)
vor; bei Gelegenheit einer Pnnschgesellschaft, wo Einer in
seinem Sessel eingeschlummert ist, werden im Spass die vor-
trefflichen Verse des Meibom angeführt, die mir ganz neu
waren und mich entzücktem
Sonine levis! quanquam certissima mortis imago,
Consortem cupio te tarnen esse tori.
Alma quies, optata, veni ! nam sie sine vita
Yivere, quam suave est, sie sine morte mori.
Die Damen, heisst es im Buch, sollen sichs vor Schlafen-
gehen von jemand übersetzen lassen. Darauf ruft Lichten-
berg Gute Nacht, und wir beiden sprachen es ihm nach, nach-
dem ich ihm zuvor mit Folgendem gehorsam war:
1 Leichter Schlaf! Bist du gleich das vollkommenste Bild des
Todes, so -wünsch ich dennoch dich zum Gefährten meines Lagers,
Süsse Ruhe! du erwünschte, komm ! Denn so ohne Leben zu leben wie
angenehm, und — zu sterben so ohne Tod.
Indessen plagte mich bald der Vorwitz, mehrere metrische
Übersetzungen zu probiren, ob mir gleich die lezte, gar zu
schöne und rührende wizige Wendung in dieser treffenden
Kürze unerreichbar vorkam.
2 Bist du das sicherste Bild des Todes, so teile du dennoch,
Leichter Schlaf! wie ein Freund, immer dies Bette mit mir.
Komm, o gefällige Ruhe, zu mir! Denn so ohne Leben
Ach wer lebte nicht gern, stürbe nicht gern ohne Tod.
1) Gedichte. 4. Aufl. (Stuttgart 1867) S. 233, wo die lateinische
Vorlage beigefügt ist.
2) R. Weitbrecht, Aus Mörikes Dichterwerkstatt. Allgemeine
Zeitung 1888, 2. Februar (nr. 33, Beilage) S. 483.
s) Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche 1, 115 f.
(Göttingen 1794): 'Die herrlichen Verse Meiboms, mit denen ich mich
so oft eingewiegt habe'.
29. Mörikes Gedicht an den Schlaf und seine Vorläufer. 205
3 Du magst, o sanfter Schlaf, dem Tode gleichen,
Doch sollst du nie von meinem Bette weichen!
Komm, süsse Ruhe, komm! Denn ach, wer leht nicht gerne
So ohne Lehen — stirbt — dem Tod so ferne.
Auf diese Art suchte ich umsonst mich iu eleu Schlaf
zu übersezen und hatte schon das Licht gelöscht, aber es
wollte nichts haften. Endlich kam ich auf folgende Variation
meines Themas, wobei es merkwürdig ist, dass mir die Verse
beinah unwillkürlich in die Hände liefen. Ich hatte die Augen zu
und war durch den Genuss von allerhand gewürzigen Sachen
in einer Art von Rausch, die Ohren brausten mir und ich
zweifelte einigemal an meinem Wachen. Es ist eine Art von
Sonett und wird darin auf dreifache Weise mit jenem Ge-
danken gespielt.
4 "Wenn sich die Sonne nun begräbt ins Meer,
Nicht strebt mein Arm, sie ängstlich aufzuhalten,
Sie schickt den Mond, den bleichen Träumer, her
Die Bürgschaft ihres Lebens zu verwalten.
Magst du dich noch so sehr zum Tod gestalten,
O weicher Schlaf, dies schreckt mich nicht so sehr,
Nein, lasse nimmer doch mein Bette leer,
Komm an, mein Leben linde einzufalten.
Doch wie? Mein Sinn bleibt wach, mein Auge hell;
So fliehst du mich ? Was hat mich dir verleidet ?
Nur still! — ich ahne deine Absicht schnell,
Wie sinnreich du mein Flehen hast gedeutet.
Zwei Leben hab' ich, dies ist mir bewährt,
Geschwister, die gar feste sich umfangen.
Du hast mit bill'gem Sinn so mein Gebet erklärt.
Und gleich das edlere in deinen Arm empfangen.
Schlaf wol, Luise! Denn ich bhvs nicht wert.
Bin nur der Mond. Die Sonn' ist untergangen.
Nach dem Frühstück schrieb ich dies Alles ins Reine,
aus dem Gedächtnis, wiewol mühsam Zeile um Zeile, wie
etwas ganz Fremdes. Auch war mir diese geistige Beschäf-
tigung nicht gleich beim Erwachen wieder eingefallen/ —
Indessen gab sich der Dichter mit dieser vierfachen An-
rufung des Schlafgottes, die ihm wohl einen guten Teil der
206 Zur neueren Literaturgeschichte.
Nacht geraubt hatte, nicht zufrieden. Als er 1838 die erste
Sammlung seiner Gedichte drucken liess, verlieh er jener
(S. 1 IT») diese neue Form:
;> Schlaf! sanfter Schlaf! obwohl dem Tod wie du Nichts gleicht:
Komm! theileu wir dies Lager brüderlich!
So ohne Leben, ach wie lieblieh lebt es >ich!
So ohne Tod, wie stirbt es sich so leicht!
t
Aus dieser Gestaltung erwuchsen endlich die oben mit-
geteilten Verse, in denen Mörike die treffendste Ausprägung
des lateinischen Epigramms gefunden zu haben meinte.
Mörike ahnte nicht, dass lange vor ihm sich andere
Kräfte, wenn auch schwächere, an derselben Aufgabe gemüht
hatten. Schon 1774 war die Aufmerksamkeit deutscher Leser
auf das lateinische Epigramm hingelenkt worden durch einen
Abdruck desselben, den die Gothaischeu gelehrten Zeitungen.
1774, St. 84, S. 672 aus den cSelecta poemata Anglorum
latinaJ (1774) brachten1). Und im folgenden Jahre erschienen
in demselben Blatte (1775, St. Q6, S. 543 f.) nicht weniger
als acht von verschiedenen Dichtern eingesandte Übersetzungen:
1 Du bist, du leichter Schlaf! des Todes sichres Bild,
Und doch, du wollest dich zu mir ins Bett begeben,
Du wollest, leichter Schlaf! denn süss ist, eingehüllt
In seine Tugend, hier, wo kein Gewissen schult,
Kein Held trompetet, und kein Löwe brüllt,
So sterben ohne Tod, so leben ohne Leben.
Gl.
2 Dir Bild des Todes, Schlaf, nicht furchtbar meinen Blicken,
Steht stets mein nächtlich Lager zu Geboth !
Erscheine mir, dir fleh' ich! — welch' Entzücken,
Zu leben, ohne Leben, zu sterben, ohne Tod!
E.
3 0 süsser Schlaf! blickt schon der Tod aus deinen Zügen,
Als Gatten lad' ich dich an meine Seite ein ;
Du liebe Ruh'! komm' - - folg'! — Welch' labendes Vergnügen !
So tod, beseelt; und so entseelt, nicht tod zu seyn.
L.
l) Hierauf wies Erich Schmidt in seiner Monographie über H. L.
Wagner (2. Aufl. 1879) S. 122 hin.
29. Mörikes Gedicht an den Schlaf und seine Vorläufer. 201
4 Schlaf der du des Todes Bildnis bist !
Mocht ich dich doch nie vermissen!
0 wie süss ist
Zwischen "Wirklichkeit und Schein,
Wann sich meine Augen schliessen,
So zu sterben und nicht tod zu seyn,
So zu leben und es nicht zu wissen.
5 Du bist ein sichres Bild von meiner Sterblichkeit
Und doch bleibt dir der Wunsch geweiht,
Dass ich auf meiner Lagerstätte,
Du leichter Schlaf, dich zum Gefährten hätte.
Ja — komm erquickungsvolle Ruh,
Komm, eile meinen Wünschen zu!
Wie lieblich ists, in dir nicht leben und zu leben,
Und ohne tod zu seyn, sich so dem Tod ergeben.
6 Leichter Schlaf, zwar bist du das ähnlichste Bildnis des Todes,
Dennoch wünscht1 ich, du wärst immer des Bettes Genoss;
Komm, o Ruhe, du giebst entzückendes Leben und Sterben,
Ohne des Lebens Verdruss, ohne des Todes Gefühl!
S.
7 Sey nur o Schlaf dazu gemacht, uns Grab und Baare vorzustellen,
Ich wähle dich deswegen doch und ohne Furcht zum Bettgesellen;
Erwünschte Ruhe komm! wie sanft wiegst du mich ein!
Zu leben, ohne es zu wissen, zu sterben, ohne tod zu seyn.
St.
8 Des Todes treustes Bild, o leichter Schlaf, bist du.
Doch fleh' ich; möchtest du hier um mein Lager schweben!
Denn ach, es ist zu süss, willkommne, theure Ruh,
So sterben ohne Tod, so leben ohne Leben!
R.
Einem Kenner der damaligen Taschenbuchlitteratur mag
es vielleicht gelingen, die Unterschriften der Übersetzer zu
enträtseln. Die von nr. 1 weist auf Gleim hin, wenn
die Verse auch nicht in seinen gesammelten Werken stehen.
Als Verfasser des 6. Versuches giebt sich uns Jakob Friedrich
Schmidt, der 1796 als Diakonus in Gotha starb, zu erkennen;
denn in Hangs und Weissers Epigrammatischer Anthologie
4, 71 finden wir unter seinem Namen folgende wenig abge-
änderte Fassung:
'20$ Zur neueren Literaturgeschichte.
An den Schlaf.
Leichter Schlaf! zwar liist du das Bild des gefürchteten Todes;
Dennoch wünsch1 ich, du wärst immer des Bettes Genoss.
£01001', 0 Schlaf! du giebst behagliches Leben und Sterben
Ohne des Lebens Pein, ohne des Todes Gefühl.
Die 177f> von Blessig und Salzmann begründete Strass-
burger Wochenschrift 'Der Bürgerfreund' (1, 1, 313; wählte
die vierte der Gothaer Übersetzungen als die gelungenste aus und
brachte sie, freilich ohne Angabe derQuelle, zum Abdruck. *) Ge-
ändert ist dabei Z. 5' Wenn" und in Z. 6 und 7 cSo' weggelassen.
Dem Gothaer Wettkampfe folgten noch einige andere Über-
setzungsversuche. In der Berliner Zeitschrift Ulla Potrida
1783, 2, 156 f. liess sich ein Anonymus mit weitschweifigem
Pathos vernehmen:
An den Schlaf.
O Du, des Todes Abdruk!
Sprich, Schlaf! Willst Du mich tödten?
Schon starren mir die Glieder.
Die Ohren hören leise.
Die Augen sind gebrochen.
Ich bin nicht mehr Gedanke.
Ich höre auf zu fühlen.
O Du, des Todes Abdruk!
Sprich, Schlaf; willst Du mich tödten !
Xein, — viel zu sanft, zu tödten,
Wirfst Du mich lächelnd nieder.
Und j ahnend fall ich nieder,
Fall sanft in Deine Arme.
Da lieg ich, wie erstorben,
Und weiss nicht, dass ich lebe.
Da sterb ich, ungestorben,
LTnd athme neue Kräfte,
O Du des Todes Bildnis!
Erneurer meiner Kräfte !
Komm, Schlaf; so stirbt sichs süsse.
Komm. So magst Du mich tödten;
Mich immer immer tödten.
Wenn mich Dein Tod belebet,
Will ich in Deinen Armen,
Gern sterben und doch leben,
Gern leben und doch sterben.
') Dies wies Erich Schmidt a. a. O. nach, der mich auch freundlichst
auf das nachstehende Gedicht der Olla Potrida aufmerksam machte.
29. Mörikes Gedicht an den Schlaf und seine Vorläufer. 209
Der Schwabe Friedrich Haug schloss sich im Göttinger
Musen-Almanach 1798, 147 an:
An den Schlaf. (Nach dem Lateinischen.)
Ich lade dich mit Sehnsucht ein,
Geliebter Schlaf! — Komm, über mir zu schweben!
Süss ist es, so zu leben ohne Leben,
Süss, ohne Tod so todt zu seyn!
Joseph Charles Mellish (Deutsche Gedichte eines Eng-
länders. Hamburg 1818, S. 25) lieferte diese 'Nachahmung
eines bekannten lateinischen Epigramms':
Komm, Schlaf, von Sorgen rings umgeben,
Dich ruf ich an in meiner Noth ! —
Wie süss ist's ohne Leben leben,
"Wie süss ist1s sterben ohne Tod!
Stehen alle diese Dichtungen trotz ihrer Mannigfaltigkeit
unleugbar hinter Mörikes Versen zurück, so ist dies auch bei
den glatten, aber etwas matten Zeilen der Fall, in denen A. F.
von Schack in seiuer Anthologie abendländischer und morgen-
ländischer Dichtungen (1893) 2, 81 mit Mörike zu wetteifern
unternahm :
Sanfter Schlaf, in dir erblick ich wohl des Todes Bild,
Dennoch fleh ich, bette neben mir dich auf dem Lager mild.
Komm, ersehnte Ruhe, süss ists frei von Drangsal und von Not
Ohne Leben so zu leben, so zu sterben ohne Tod.
Wenden wir uns endlich zu dem lateinischen Originale
dieser Gedichte, das nach Lichtenbergs Angabe von Meibom
herrührt! Damit ist offenbar der Helmstedter Professor
Heinrich Meibom (1555 — 1625) gemeint; da wir jedoch unter
dessen Werken, soweit sie uns zugänglich waren, das Epi-
gramm an den Schlaf nicht linden, so wird Lichtenbergs von
Mörike übernommene Behauptung einigermassen zweifelhaft,
Dazu kommt, dass man auch andere Dichter, wenn auch ohne
ausreichende Sicherheit, als Verfasser bezeichnet hat1). Der
älteste Druck, von dem wir wissen, die schon oben erwähnten
"Selecta poemata Anglorum latinaJ coli, by E. Popham 1774.
l) Vgl. die in den Notes and Queries 5. Ser. 3, 187. 236. 299
(1875), 6. Ser. 9, 309. 339. 394 (1884), 7. Ser. 7, 348. 470. 8, 93 (1889)
zusammengetragenen Notizen.
Köhler, Kl. Schriften. III. 14
210 Zur neueren Literaturgeschichte.
nennen den Dichter nicht, halten ihn aber für einen Eng-
länder. Ans dieser Quelle stammt der Abdruck in den
Gothaischen gelehrten Zeitungen 1774, (172 und in The An-
nual Register for 1775. 18, 280, während die 1779 erschienene
2. Auflage der 'Selecta poemata Anglorum' auffällige Ab-
weichungen enthält"). Eine vage Überlieferung meldet, der
Literarhistoriker Thomas Warton (1728 — 1790) habe die
Verse als Unterschrift für eine Statue des Somnus im Garten
des Philologen James Harris in Salisbury verfasst; indes be-
zweifelt der Herausgeber von Wartons Gedichten2) die Richtig-
keit derselben. Auch dem Schotten Georg Buchanan (1506
bis 1582) hat man ohne weitere Gewähr die Verse zu-
geschrieben3).
Die vorhandenen englischen Übersetzungen beweisen
zwar die Verbreitung des Epigramms, geben aber weder über
seinen Ursprung noch seine Entstellungszeit Aufschluss:
1) Ah. gentle sleep, fchough on thy form imprest
Death's truest, strongest lineaments appear,
To share my couch thy presence I request
And sooth my senses with repose sincere.
Coine, wished for rest, then all my cares relieve ;
For at thy kind approach all cares retire ;
Thus without life how sweet it is to live,
Thus without death how pleasing to expire.
E. (i. in Annual Register for 1775,. 18. 280 (X. & Q. 5, 3. 236).
2) Come, gentle sleep ! attend thy votary's prayer,
And, though death's image, to my couch repair;
How sweet, though lifeless, yet with life to lie.
And. without dying, o how sweet to die !
John Wolcot (Peter Pindar. 1738—1819) laut X. & Q. 6, 9, 339.
') Nach Xotes and Queries 5, 3, 236 lauten V. 2—3:
Consortem lecti te cupio esse mei:
Grata venito quies: nam vita [!] sie sine curis.
-) Tho. Warton, Poetical works ed by Rieh. Mant 2, 258 (OxL
1802). Die 3. Zeile lautet hier:
Huc ades, haud abiture cito: nam sie sine vita.
Vgl. X. & Q. 5, 3, 187. 6, 9, 394. Warton wird als Verfasser ge-
nannt bei Headley, Beauties of Ancient Poetry 2, 164; Anthologia Oxo-
niensis, Lond. 1846, p. 233.
3) Xotes and Queries 5, 3, 299.
29. Mörikes Gedicht an den Schlaf und seine Vorläufer. -Jll
3) O Sleep, of death although tlie iniage true,
Much I desire to share niv bed willi von.
0 conie and tarry, for how sweet to lie,
Thus without life, thus without death to die!
Dod's Epigrammatists. London 1870, p. 431 aus Kett's Flowers of
wit. (N. & Q. 7, 7, 470.)
4) 0 Sleep, an image true of death tliou art, I vouch,
And yet 1 pray thee to lie with nie on niy couch.
Come liither to nie Sleep, and do not haste away,
For life, thus suuk in thee, is pleasant death, I say.
K. & Q. 7, 8, 93.
Somit müssen wir einem glücklicheren Forscher die Auf-
hellung des über der Entstehung unseres Epigramms schwe-
benden Dunkels überlassen. Doch verdient wohl noch be-
merkt zu werden, dass uns ältere Anrufungen des Schlafgottes
in den Silvae des Statins (5, 4: Vrimine quo merui, iu-
venis placidissime divum) und in einem 1494 auf dem
Krankenlager geschriebenen, an Statins und Ovid (Metamorph.
11, 623) angelehnten Gedichte Beb eis1) vorliegen, deren In-
halt in den vier Zeilen unseres Epigramms zusammengedrängt
erscheint2). Endlich zeigen, was Erich Schmidt zuerst be-
merkt hat, die letzten beiden Verse auffällige Verwandt-
') Bebeliana opuscula nova (Argeiitorati 1514) Bl. d 8a: cEpi-
gramma ad somnum3 (18 Verse):
Sonine, quies rerum, multis optate querelis,
Cur profugus lectuni spernis adire meum?
Der Schluss lautet:
Dulcis aiuiee, veni, cunctis placidissime somne,
Mordaci curae tu medicina, salus !
2) 'Mortis imago1 wie in V. 1 heisst der Schlaf z. B. bei Owen,
Epigrammata 1648, p. 79 (Ad quendam soniniatorem) und 100 (Soinnus,
Mors). Cicero, Tusc. 1, 38, 92: 'Habes somnum imaginem mortis eamque
cotidie induis'. Den beliebten Vergleich zwischen Schlaf und Tod führt
auch Calderon in einem Gedichte (Hart, Blütenlese aus spanischen
Dichtern 1883, S. 151) aus. — Über antike Darstellungen des Hypnos
vgl. C. Robert, Thanatos (1879) ; 0. Jahn, Archäolog. Zeitung 1860, 97;
E. Gerhardt ebd. 1862, 217. M. Kubensohn verweist auf Apollonidas
(Anthol. Vn\. 11, 25), der den Schlaf eine Vorübung für den Tod
(jioio(di>j iif/Jt)]) nennt.
14*
212 Zur neueren Literaturgeschichte.
schaft mit einem Epigramme von Paulus Melissus Schedius
(1539—1602) 'De amore'1).
Nil araor est aliud, si nescis, quam sine vita
Yivere, nil aliud quam sine morte mori.
30. Eine Schopenhauer-Anekdote.
(Allgemeine Zeitung 1888, 29. Juli. Beilage zu nr. 179, S. 2628a.)
Wilhelm Gwinn er erzählt in seinem Werke 'Arthur Schopen-
hauer aus persönlichem Umgange dargestellt' (Leipzig 1862)
S. 210 und in dessen späterer Umarbeitung 'Schopenhauers
Leben' (Leipzig 1878) S. 530 folgendes aus Schopenhauers
Frankfurter Leben:
'Bei der Mahlzeit (an der Wirtstafelj sprach er gern,
doch verhielt er sich aus Mangel an tauglicher Tischgesell-
schaft öfter beobachtend. So legte er z. B. eine Zeitlang
täglich ein Goldstück vor sich hin, ohne dass die Tisch-
nachbarn wussten, was er damit wollte; nach aufgehobener
Tafel nahm er es wieder an sich. Endlich darüber zur Rede
gestellt, erklärte er, das sei für die Armenbüchse, wenn die
am Tische sitzenden Offiziere nur ein einziges Mal eine
andere ernsthafte Unterhaltung als über ihre Pferde, Hunde
und Frauenzimmer auf die Beine brächten.5
Nur wenigen Lesern dürfte es bekannt sein, dass das-
selbe, was Gwinner hier von Schopenhauer erzählt, nach der
Erzählung des Dichters Matthisson ein Engländer im Jahre
1799 in Innsbruck gethan hat. Matthissons jetzt wohl nur
sehr wenig gelesene, obschon in mehrfacher Hinsicht recht
lesenswerte 'Erinnerungen" enthalten im 5. Bande (Zürich
1816) unter anderm 'Bilder aus Helvetien, Tyrol und Italien.
1799J; und darin erzählt Matthisson S. 121—124 (Schriften
von F. v. Matthisson, Ausgabe letzter Hand. 5. Bd. Zürich
1825, S. 253—255), wie folgt:
') Melissus, Schediasmatum reliquiae 1575, S. 102 = Schediasmatum
poeticorum pars tertia, secundum rocognita S. 164 = Delitiae poetarum
Germanorum 4, 463 (1612).
30. Eine Schopenhauer-Anekdote. 213
'Ich speiste gewöhnlich an der Wirtstafel, wo die Ge-
sellschaft grösstenteils aus jungen Offizieren bestand. Auch
ein Engländer von ernsthaftem und schweigsamem Wesen fand
sich dabei regelmässig ein. Er öffnete den Mund selten
anders als zur Stillung der Begierde des Tranks und der
Speise. Auffallen musste der Tischgenossenschaft indes die
Sonderbarkeit, dass er Tag für Tag nach aufgefalteter Ser-
viette einen Louisd'or neben sein Gedeck legte und beim
Dessert immer sorgsam in den Geldbeutel zurückschob. Ein
Spiel, welches er unausgesetzt wiederholte. Endlich fing es
den Herren an, warm vor der Stirn zu werden, und man be-
schloss einmütig in der festen Meinung, der Fremde führe
nichts mehr und nichts weniger im Schilde, als durch das
rätselhafte Goldstück sie samt uutl sonders zum Besten zu
haben, ihn deshalb um Erklärung anzusprechen. Ein jovialer
Leutnant erbot sich auf der Stelle, als Repräsentant der ver-
unglimpften Gesellschaft aufzutreten und den wunderlichen
Heiligen, wie er sich ausdrückte, dermassen ins Gebet zu
nehmen, dass ihm die Strassensteine von Innsbruck zu glühen-
den Kohlen werden sollten.
Als am folgenden Mittag der verfängliche Louisd'or
wieder auf das Tischtuch gelegt wurde, erhob sich der Leutnant
von seinem Sitze und sprach mit der feierlichen Würde des
Meisters vom Stuhl in einer Freimaurerloge: 'Mein Herr, wir
sind des einfältigen Spasses überdrüssig, dass Sie den Louis-
d'or da zur Schau legen und wieder in den Sack stecken.
Wir dringen auf Erklärung. Dahinter lauert eine Schalkheit.
Sie haben es mit uns alleu zu thuu: das bedenken Sie wohl!
Also nur hurtig zur Sache V
'Augenblicklich, meine Herren', erwiderte der Brite mit
ruhiger, beinahe phlegmatischer Gleichmütigkeit, 'bin ich be-
reit. Ihrem Wunsche zu willfahren. Das Ding, welches Ihnen
so wichtig scheint, ist im Grunde nur ein ganz unschuldiger
Scherz und verhält sich kürzlich so : In den fünf Jahren, die
ich nun bereits in der Welt umherziehe, nahm ich meine
.Mahlzeiten immer am liebsten an der Wirtstafel ein. Daher
wurde mir gar häufig die Ehre, mit jungen Herren vom
2J4 Zur Volksdichtung.
Soldatenstande zusammenzutreffen. Wenn doch diese braven
Gäste auch nur ein einziges Mal von etwas anderm gesprochen
hätten als von Dirnengeschiciiten und vom Dienste! Da lief
mir denn der Einfall durch den Kopf, der Armut einen Louis-
d'or zu geloben, wenn die Rede sich zur Abwechslung in
günstiger Stunde vielleicht mitunter auch auf andere Gegen-
stände lenken würde. Doch hat es mir bis auf den heutigen
Tag noch immer nicht gelingen sollen, mein Goldstück an
den Mann zu bringen.'
Der Brite sprach diese kleine Tischrede mit so naiver
Unbefangenheit, dass die jungen Herren das Ding wirklich
für das nahmen, wofür der freimütige Sprecher es ausgab:
für einen unschuldigen Scherz." — -
Dies die von Matthisson, wie die Leser gefunden haben
werden, sehr gut erzählte Geschichte. Wir dürfen unbedenklich
annehmen, dass Schopenhauer Matthissons Erinnerungen ge-
lesen und somit auch obige Erzählung gekannt hat. Als er
nun an der Frankfurter Wirtstafel die fast gleiche Erfahrung
machte wie der Engländer in Innsbruck, da fiel dieser ihm
ein, und er verschmähte es nicht, ihn zu kopieren. So
erklärt sich, wie mir scheint, die Übereinstimmung der
Schopenhauer -Anekdote mit Matthissons Erzählung am
natürlichsten und einfachsten.
31 Ein bolognesisehes Lied aus dem
13. Jahrhundert.
(.Jahrbuch für romau. Litt. 9, 117- HS. 1868.)
In einer Handschrift des Archivio notarile zu Bologna
'Memorialia contractuum et ultimarum voluntatum anni
MCCCV tempore dominorum Symeonis dni Hyughilfredi de
Padova et Ramberti de Rambertis capitaneorum populi civit.
Bonon/ findet sich von der Hand des Schreibers der ganzen
Handschrift, nämlich des Notars Antolino Rolandino de'
Tedaldi, zur Unterbrechung der trockenen juristischen
31. Ein bulognesisches Lied aus dem 13. Jahrhundert. 215
Schreiberei, folgendes anmutige Gedicht, ein echtes Er-
zeugnis der Volkspoesie, niedergeschrieben:
Fuor della bella caiba
Fuge lo lusignolo.
Piange lo fantino — po'i cbe non trova
Lo so osilino — ne la gaiba nova.
E dice cum dolo — Cbi gli avri l'usolo?
E dice cum dolo — Chi gli avri Tusulo? |
En un buschetto — se mise ad andare: 118
Senti l'ozletto — si dolze cantare.
Ob bei lusignolo, — torna nel mio brolo :
0 bei lusignolo, — torna nel mio brolo.
Professor Giosue Carducci in Bologna, welcher dies Lied
in einer Abhandlung in den cAtti della Societä di Storia
patria per le provincie delL EmiliaJ (1807) nebst Nachrichten
über noch andere ebenfalls in Bologneser Notariatsmemorialien
aufgefundeue lyrische Poesien herausgegeben hat1), sagt mit
Recht über dasselbe: 'E una di quelle volate aeree del sen-
timento cosi comuui nella poesia popolare, delle quali manca
l'occasione e il motivo o se n'e perduta la ricordanza, ma
■che certo uon erano senza una allusione almeno allegorica a
un qualche avvenimento che dove aver commosso le menti ai
giorui in cui quella poesia fu cantata\
Das Gedicht erinnert an das schöne Sonett aus dem
dreizehnten Jahrhundert Tapina me, che amava uno spar-
viero !J (bei Trucchi Poesie italiane inedite 1, 51 und daraus
in K. Lachmanns und M. Haupts Des Minnesangs Frühling
S. 230 [A. d'Ancona e Comparetti, Le antiche rime volgari 5,
100 nr. 797. 1888]) und an unseres Kürenbergers 'Ich zöch
mir einen valken'.
Weimar, Januar 1868.
') Die Abhandlung ist überschrieben 'Di aleuue poesie popolari
bolognesi del secolo X11I inedite' und liegt mir in einem durch den
Buchhandel bezüglichen Separatabdruck vor. [Carducci, Cantilene e
ballate nei secoli XIII. e XIV. 1871, S. 47 nr. 25.]
216 Zur Volksdichtung.
32. 'Oci, oci' als Naehtigallengesang.
(Zeitschrift für romanische Philologie 8, 120—122. 1884.)
Ludwig Unland hat in seiner 'Abhandlung über die
deutschen Volkslieder' (Uhlands Schriften zur Geschichte der
Dichtung und Sage 3, 97 f.) mehrere Stellen aus französischen
Diclitungeu des Mittelalters gesammelt, nach denen die Nachtigall
'Oci, oci! (Occi, occi! Ochi, ochi!)3 singt.1)
Es ist Unland unbekannt geblieben, dass in dem schönen
lateinischen Gedicht Thilomena32), welches von dem heiligen
Bonaventura verfasst sein soll, auch cOci, ocf, das freilich
dem altfranzösischen Oci der Aussprache nach nicht gleich,
aber doch ähnlich ist, als Ruf oder Sang der Nachtigall mehr-
fach vorkommt. Es heisst nämlich in dem Gedicht zunächst
Str. G — 10 von der Nachtigall:
De hac ave legitur, quod cum deprehendit
Mortem sibi properam, arborem ascendit,
Summoque diluculo rostrum sursum tendit,
Diversisque cantibus totam se impendit.
Cantilenis dulcibus praeviat auroram,
Sed cum dies rutilat, circa primam horam,
Elevat praedulcius vocem insonoram,
In cantando nesciens pausam sive morain.
Circa vero tertiam quasi modum nescit,
Quia semper gaudium cordis ejus crescit;
Yere guttur rumpitur, sie vox invalescit,
Et quo cantat altius, plus et inardescit.
*) Über die bei dieser Gelegenheit von Uliland, Anmerkung 198,
angeführte Strassburger Handschrift vgl. Paul Meyers 'Notice sur un
ms. brule ayant appartenu ä la bibliotheque de Strasbourg' in dem Bulletin
de la Societe des anciens textes franrais 1883, p. 55 — 60.
2) Es liegen mir drei Texte der Philomena vor, nämlich 1. Jacobi
Bälde e Societate Iesu Poematum Tomas IV, complectens Miscellanea.
Colonise Ubiorum 1660. S. 489 ff. 2. Geistlicher Blumenstrauss aus
christlichen Dichter-Gärten den Freunden heiliger Poesie dargeboten von
Melchior v. Diepenbrock. 2. verm. Aufl. Sulzbach 1852. S. 310 ff.
3. Des hl. Bonaventura Philomele oder Nachtigallenlied. In deutscher
Übertragung mit dem lateinischen Originaltext zur Seite v. S. Priester.
Lingen 1883. — Eine Ausgabe der 'Opera' des Bonaventura steht mir
nicht zu Gebote.
32. 'Oci, oci' als Nachtigällengesang. •> \ J
Sed cum in nieridie sol esr in fervore,
Tunc disrumpit viscera nimio calore;
'Oci! oci!' clamitat illo suu more.
Sicque sensu deficit cantans prae labore.
Sic quassato organo liujus philomenae,
Rostro tarnen palpitans fit exsanguis pene;
Sed ad nonam veniens moritur jam plene,
Cum totius corporis disrumpuntur venae. |
Im weitereu Verlauf der Dichtung wird dann ausgeführt, 121
wie die Nachtigall die Jesus liebende Seele bedeutet, welche
sich in die mystische Betrachtung der einzelnen Tageszeiten
i Huren) versenkt, und es kommt das Oci der Nachtigall oder
der Seele noch an folgenden Stellen des Gedichtes vor:
24. 'Oci !' cnntat tale cor, gaudens in pressura.
37. 'Oci, oci!1 clamitat avis haec beata.
47. 'Oci, oci!1 anima clamat in hoc statu.
50. Tunc exclamat pia mens 'Oci!' cum lamentis:
'Oci. oci, miseram, quia meae mentis
Turbat statum pallidus vultus morientis
Et languentes oculi in cruce pendentis'.
55. Ista signa recolens 'Oci, oci!' clamo,
Dulcis Jesu, querulor. quod te minus amo.
61. 'Oci, oci!' clamitans nunquam conticescam.
Während aber in fast allen von Uhland gesammelten
französischen Stellen das Oci nicht als blosse Wiedergabe eines
Naturlautes, sondern vielmehr als ein französisches Wort.
nämlich als der Imperativ von occir (töten) aufgefasst ist, hat
in dem lateinischen Gedicht Oci als Wort keine Bedeutung,
sondern soll nur die klagenden Laute der Nachtigall wieder-
geben.
Der Minorit Jacomo da Porto, der die Philomena in
Terziuen übersetzt hat 1), giebt das fOci' nur an drei Stellen
und zwar durch 'OchijJ wieder.
Oehij, Ochij grida con sonora voce
E per stanchezza ä poco, a poco manca
Declinando al suo fin' assai veloce.
(Seite A ij'>. Vgl. Str. 9.)
J) Filomena di S. Bonaventura ridotta in terza rima dal R. Padre
Fra Iacomo da Porto Minore Osseruante. Firenze 1585. 4°.
21 X Zur Volksdichtung.
A questo dunque, e notte, e di, pensando,
Ocliij Ochij crido, e mi consumo e sfaccio
E lagrime, e sospiri ä te rimando.
(Seite B ij >'. Vgl. Str. 55.)
Ochij Ocliij fra tanto audio gridando
KTe cessarö, benche stimata vile
Ne venga, aazi quäl pazza. vö cbiamando.
(Seite B iij. Vgl. Str. 61.)
Die mir bekannten deutschen Übersetzer der ganzen Philo-
mena, M. von Diepenbrock und der Anonymus S. (s. oben
die 2. Anmerkung), und C. Fort läge, der in seinem Werke
'Gesänge christlicher Vorzeit" (Berlin 1844), S. 520 — 53, 14 aus-
gehobene Strophen des Gedichtes übersetzt hat 1), haben c0cf
(Fortlage und S. schreiben c0zi'j beibehalten. |
122 Dagegen hat Jacob Bälde in seiner Taraphrasis lyrica
in Philomelam D. Bonaventurae' (Poematum T. IV, p. 487 — 548)
Oci an einer Stelle durch Ocyus und an einer zweiten durch
Oti (Genetiv von Otium) wiedergegeben, an allen übrigen es
ganz weggelassen. In Abschnitt IV, welcher Str. 6 — 10 para-
phrasiert, heisst es, Strophe 9 entsprechend:
. . . cum sol medium flagrantior igne scandit axem,
lila iiescio quos crebro vocat impotenter hora,
'Ocyus', exclamans, 'huc ocyus, ocyus venite'.
'Ocyus advolita. soror, ocyus, ocyus sorori1.
Adriacum rapidis toties mare non turnet procellis.
Nee folia arboribus, simul ingruit Africus, moventur,
Multa suum quoties canit ocyus, ocyusque plorat.
Und im XXI. Abschnitt, welcher die Strophen 54 — 57 para-
phrasiert. singt die in Jesus Herz sich bergende Seele:
Oti blanda quies, dulcedo nobilis oti,
Recepta cordis angulo
Mens Philomela canit.
J) Nämlich 1, 2, 3, 6, 9, 12. 17. 18, 34, 37, 47, 62, 79, 82.
33. Zu F. "Wolfs portugies. und catalan. Volksromanzen. 219
33. Zu F. Wolfs Proben portugiesischer
und catalaniseher Volksromanzen.1 )
(Jahrbuch für romanische Litteratur 3, 56—63. 1861.)
1.
In der portugiesischen Romauze 'Bella Infanta' (S. öl)
[Geibel-Schack, Romancero 18G0, S. 371] bietet die Infantin
dem, der ihr den Gemahl wiederbringt, ihre drei Mühlen,
wovon die eine Gewürznelken, die andere Zimt, die dritte
köstliche Ölfrucht mahlt.
— De tres moinhos que tenho,
todos tres t' os dera a ti;
um mol o cravo e a cannella,
outro moe do gerzerli:
ricca farinha que fazem!
Tomära-os elrei p'ra si.
Merkwürdig ähnlich sagt in einem deutschen Volksliede
(Sinirock, Die deutschen Volkslieder ur. 9) Stolz Heinrich zur
Königstochter:
Margretchen, du mein liebes Kind,
Willst du wohl mit mir gehn?
Ich hab' in meinem Vaterland
Noch sieben Mühlen stehn.
'Hast du in deinem Vaterland
Noch sieben Mühlen stehn,
So sag mir, was sie mahlen,
So will ich mit dir gehn.'
Sie thun nicht mehr, als mahlen
Zucker und Kand,
Dazu Muskatenblumen
Und gestossen Nägelein.
[Über solche Wundermühlen vgl. Uhland, Schriften 3,
240. 4, 34. Liebrecht, Zur Volkskunde 1879, S. 302 f.
Schuster, Siebenbürg. Volkslieder S. 40. 331. 409. Prior.
Ancient danish ballads 3, 303. Blade, Poesies pop. de la
') "Wien, 1856. In Kommission bei W. Braumüller. [Aus den Sitzungs-
berichten der Wiener Akademie 20. 17 - 168.]
220 ^ur Volksdichtung.
Gascogne 3, 345. Fleury, Basse- Nor rnandie 18*3, p. 356.
Decombe, Chansons pop. d'Ile et Vilaine 1884, p. 221. Terry
et Chaumont, Recueil d'airs de cramignons et de chansons
pop., Liege 1889, p. 353. Tarbe. Romancero de Champagne
2, 53. 127. Revue des langues rom. 33, 621. Rivista della
lett. pop. 1, 64. Giannini, Canti pop. della montagna lucchese
1S89, p. 186. Nigra, Piemonte nr. 73, p. 168. Widter-Wolf,
Venetien 1864, nr. 78. Zs. f. roman. Phil. 6. 449. Mila,
Romancerillo catalan 1882, nr. 302. Aigner, Ungar. Volks-
dichtungen 1873, S. 80. Miklosich, Zigeuner 4. 56.]
II.
Zu der portugiesischen Romanze nr. 3 von Bernal-
Francez (S. 71) [Geibel-Schack S. 352], welche beginnt:
Wer pocht an nieine Pforte?
AVer pocht, wer fordert Einlass?
— Bin Bernal-Francez, Senhora,
Eure Pforte, Liebste, öffnet! j
57 vergleiche mau das italienische Volkslied von der schönen
Margherita (Grimms Altdeutsche Wälder 1, 160; W. Müller
und 0. L. ß. AVolff, Egeria S. 44 [Kopisch, Agrumi S. 231.
Heyse, Ital. Liederbuch S. 127]), welches ganz ähnlich an-
fängt:
Chi bussa alla mia porta?
chi bussa al mio porton?
— Son il Capitan dell' onde,
son il vostro servitor.
Im weiteren Verlauf weichen die Lieder sehr vonein-
ander ab, obwohl der Hauptinhalt in beiden der nämliche
ist: ein Ehemann, den seine Frau ferne wähnt, geht nachts
zu ihrer Thür, giebt sich für ihren Geliebten aus, erlangt
Aufnahme und giebt sich dann als Gatten zu erkennen und
rächt die Untreue dadurch, dass er der Gattin das Haupt
abschlägt. [Nigra, Canti pop. del Piemonte 1888, nr. 30: 'II
marito giustiziere.J Widter-Wolf, Volkslieder aus Venetien
1S64, nr. 84.]
33. Zu F. Wolfs portugies. und catalan. Volksromanzen. 22 1
III.
Zu der portugiesischen Romanze nr. 4 'vom gefangenen
Grafen oder Gottes Gerichte5 (S. 75) vergleicht Wolf die
spanische cdel conde Lombardo' (Primavera nr. 137, 2). Ich
verweise auf die ähnlichen Geschichten von Frauenschändern,
die zuerst gezwungen werden, die entehrte Frau zu heiraten,
und dann die Todesstrafe erleiden, welche Simrock, Quellen
des Shakespeare 3, 178 [=: 2. Aufl. 1, 152] und Dunlop-
Liebrecht, Geschichte der Prosadichtungen S. 278, beibringen,
und füge noch bei die Tragödie von Hans Sachs cDie zwei
Ritter von Rurgund' in der dritten Abteilung des zweiten
Buches seiner Dichtungen, nach der 'französischen Chronik'
bearbeitet. [Primavera 1, 120 nr. 39. Widter-Wolf, VI. aus
Venetieu nr. Sb. Bolza nr. 50. Ferraro nr. 21. Nigra nr. 3.
Oesterley zu Kirchhof, Wendunmut G, 213. H. Sachs ed.
Goedeke 1, 211. Jahrb. der Shakespeare-Ges. 29—30, 292.
Lope de Vega bei Schack 2, 448. Rouillet, Philanire 1556.
Rodenburg, Hoecx en Cabeliaus 1628 n. s. w. — Dagegen
begnügt sich bei Bracton (De legibus Angliae 3, 28 = Romania
25, 310) der König damit, dass der Graf die Witwe des
jüdischen Jongleurs, die er entehrt hat, heiratet.]
IV.
In der portugiesischen Romanze nr. 12 Vom Fräulein
das in den Krieg zieht1 (S. 99) [Geibel- Schack S. 100]
wird erzählt, wie ein als Mann verkleidetes Mädchen auf ver-
schiedene Weise geprüft wird, um zu sehen, ob es wirklich
ein Jüngling oder ein Mädchen sei. Hiermit vergleiche man
das von Anastasius Grüu übersetzte k rainische Lied Von
Roschmanns LenchenJ (Lieder aus der Fremde, Hannover 1857,
S. 76). Auch hier zieht ein Mädchen als Mann verkleidet in
den Krieg, man schöpft Verdacht und stellt drei Proben an,
von denen zwei mit der portugiesischen Romanze stimmen.
In der portugiesischen Romanze heisst es :
'Lad ihn ein, mein Sohn, zu gehen
Mit dir zu des Marktes Buden;
Wenn ein Weib es wirklich wäre,
Wird er nach den Bändern langen. |
222 ^ur Volksdichtung.
58 Doch das Fräulein, weil es klug ist,
Wählt zum Ankauf einen Dolch sich:
'Ha! wie ist der Dolch so trefflich
Um sieh Mann gen Mann zu wehren!
Schmucke Bänder sind für Damen;
Wer sie ihnen bringen könnte!'
Im krainischen Lied heisst es von den Herren:
Sie winken sich und flüstern leis,
Wie man's ergründ in schlauster "Weis' ?
Zum Krämerladen gehn sie drauf,
Wo Waren lagern bunt zu Häuf:
'Und ist's ein Mann, trifft seine Wahl
Das Kugelrohr, den Säbelstahl;
Und ist's ein Weib, so wählt es aus
Das bunte Band, den Blumenstrauss.'
Schön Lenchen griff in rascher Wahl
Nach Kugelrohr, nach Säbelstahl!
Jedermann denkt an die ähnliche Prüfung des verkleideten
Achilles anf Skyros. — Weiter wird in beiden Liedern
das Fräulein aufgefordert im Strom zn schwimmen, was die
krainische Jungfrau thut; die portugiesische ist bereit es zu
thun, wird aber durch die von einem Pagen gebrachte Nach-
richt daran verhindert. Wie diese zwei Proben, so stimmen
aber auch die Anfänge beider Lieder. In beiden Liedern ist
die Jungfrau eine der sieben Töchter eines Vaters, der keinen
Sohn hat und dies schmerzlich bedauert, als Krieg ausbricht
und er keinen Sohn ins Feld zu stellen hat, worauf sich jene
Tochter verkleidet und in den Krieg zieht.
A uch in einem w a 1 a c hische n Märchen bei Schott
(Walachische Märchen, S. 175) wird ein als Mann verkleidetes
Mädchen dadurch geprüft, dass es auf den Bazar geführt
wird und zwischen Waffen und Spindeln, Nadeln und dergl.
die Wahl hat. Eigentümlich ist dort eine zweite Probe. Man
veranlasst das Mädchen in einem Weinberge Trauben zu
pflücken; würde es die gepflückten Weintrauben ungewaschen
essen, so würde man aus dieser Lüsternheit und Naschhaftig-
keit sicher schliessen können, dass es kein Mann sei. [F.Wolf,
Jahrb. f. rom. Litt. 3, 63 — G7. Mihi y Fontanals. Romancerillo
catalan 1882, nr. -245. Nigra, Piemoute 1888, nr. 48: 'La
33. Zu F. Wolfs portugies. und catalan. Volksromanzen. 223
guerriera5. Widter-Wolf, Volksl. aus Yenetien 1864, nr. TD.
Prato, Romania 13, 160. Archivio "2, 510. Puymaigre, Chants
pop. du pays messin 1881 1, 122: 'La fille soldat'; Romanceiro
1881, p. 166. Liebrecht, Zur Volkskunde S. 217. E. Albert,
Neueste Poesie aus Böhmen 2, 291 (1895): 'Die Kämpferm'.
Schiefner, Bull, de l'acad. de St. Petersbourg 4, 284 (1862).
Rambaud, La Russie epique p. 84. Prym-Socin nr. 4.
Zu den Proben des verkleideten Mädchens vgl. auch Grimm,
KLOI nr. 67 'Die zwölf Jäger5.]
V.
Die catalanische Romanze nr. 7, der Pilger (Wolf S. 118),
gründet sich auf eine Legende1), die von Lucius Marinaeus
(f um 1533) in seinem Werke 'De rebus Hispaniae memo-
rabilibus3 im letzten Abschnitte des 5. Buchs also2) erzählt 59
wird: 'In antiquissima civitate, quam sancti Dominici Calcia-
tensis vulgus appellat, gallum vidimus et gallinam, qui dum
vixerunt cuius coloris fuissent ignoramus; postea vero cum
iugulati fuissent et assi, candidissimi revixerunt, magnam dei
poteutiam summumque miraculum referentes. Cuius rei
veritas et ratio sie se habet, Vir quidam probus et amicus
dei et uxor eins optima mulier cum filio adolescentulo magnae
probitatis ad sanetum Jacobum Compostellam proficiscentes
in hanc urbem itineris Iabore defessi ingrediuntur et quiescendi
gratia restiterunt in domo cuiusdam qui adultam filiam habe-
bat. Quae cum adolescentem pulchra facie vidisset, eins amore
capta est. Et cum iuvenis ab ea requisitus atque vexatus
eins voto repugnasset, amorem convertit in odium et ei nocere
cupiens tempore quo discedere volebant eins cucullo crateram
') [Vgl. Child, Englisa and scottish populär ballads 1, 236—239
(nr. 22: St. Stephen and Herod) 505. 2, 501. 3, 502. 4, 451. 5, 212.
288. Germania 33. 337. F. Wolf, Jahrb. f. roman. Litt. 3, 67 verweist
auf Haupt-Schmaler, Volkslieder der "Wenden 1, 285 nr. 289 und Grundt-
vig, Danmarks gamle folkeviser 2, 518 nr. 96: 'Jesusbarnet, Stefan og
Herodes.'J
2) Die Stelle des Lucius Marinaeus ist mit Weglassung des ein-
leitenden Satzes abgedruckt in den Acta Sanctorum, Julius, Tom. 6,
p. 46.
224 ^"r Volksdichtung.
sui patris clam reposuit. Cumque peregrini mane discessissent,
exclamavit puella coram parentibus craterani sibi fuisse sub-
reptam. Quod audiens praetor satellites confestim misit, ut
peregrinos reducerent. Qui cum venissent, puella conscia sui
sceleris accessit ad iuvenem et crateram eruit e cucullo. Qua-
propter comperto delicto iuvenis in campum productus iniqua
sententia et sine culpa laqueo suspensus est miserique paren-
tes, cum filium deplorassent, postea discedentes Compostellam
pervenerunt. Ubi solutis votis et deo gratias agentes subinde
redeuntes ad locum pervenerunt ubi filius erat suspensus, et
mater multis perfusa lacrimis ad filium accessit, multum desua-
dente marito. Cumque filium suspiceret, dixit ei filius: Mater
mea, noli flere supra me, ego enim vivus sum, quoniam virgo
dei genitrix et sanctus Jacobus me sustinent et servant in-
columem. Vade, carissima mater, ad iudieem, qui me falso
condemnavit, et die ei me vivere propter innocentiam meam,
ut me liberari iubeat tibique restituat. Properat solicita
mater et prae nimio gaudio flens uberius praetorem convenit
in mensa sedentem, qui gallum et gallinam assos scindere
volebat, Praetor, iuquit, filius mens vivit, iube solvi obsecro.
Quod cum audisset praetor, existimans eam quod dicebat
propter amorem maternum somniasse, respondit subridens:
Quid hoc est, bona mulier? Ne fallaris. Sic enim vivit filius
tuus, ut vivunt hae aves. Et vix hoc dixerat, cum gallus et
60 gallina saltaverunt in mensa statimque gallus cantavit. | Quod
cum praetor vidisset, attonitus contiuuo egreditur, vocat sacer-
dotes et cives proficiseuntur ad iuvenem suspensum et inve-
nerunt incolumem valdeque laetantem et parentibus restituunt
domumque reversi gallum capiunt et gallinam et in ecclesiam
transferunt magna solennitate. Quae ibi clausae res admira-
biles et dei potentiam testificantes observantur, ubi septennio
vivunt. Hunc enim terminum deus illis instituit, et in fine
septennii antequam moriantur pullum relinquunt et pullam
sui coloris et magnitudinis, et hoc fit in ecclesia quolibet
septennio. Magnae quoque admirationis est, quod omnes per
hanc urbem transeuntes peregrini, qui sunt innumerabiles,
galli huius et gallinae plumam capiunt et nunquam illis
33. Zu F. Wolfs portugies. und catalan. Volksromanzen. 225
plumae deficiunt. Hoc ego testor, propterea quod vidi et
interfui plumainque mecum fero3 1). — Man vergleiche die
treffliche Romauze, und mau wird sie fast Zug für Zug hier-
mit übereinstimmend finden.
Gerade so wie Lucius Mariuaeus erzählt die Legende
ein späterer Schriftsteller, Ludovicus de la Vega (Acta
Sanctorum, Majus, Tom. 3, p. 171), nur mit dem Unterschied,
■dass er die Pilger (Franzosen) in Calciata einkehren lässt, um
•das Grab des h. Dominicus zu verehren, und dass dann den
Sohn am Galgen die h. Jungfrau und der h. Dominicus
lebend erhalten. Sonst stimmt alles mit Lucius Mariuaeus.
L. de la Vega scheint der einzige, der S. Dominicus an die
Stelle des Jacobus setzt.
Kürzer erzählt die Legende Nicolaus Bertrandus, der
1515 Gesta Tolosanornm herausgab: die Stelle lautet nach
■den Acta Sanctorum, Julius, Tom. 6, p. 46 also: cUnum
miraculum, quod legimus ac pictum etiam videmus in singulis
beati Jacobi ecclesiis aut capellis, Tholosae factum fuit de
peregrino ad beatum Jacobum accedente in Compostella, qui
mense uno manens suspensus falsis accusationibus hospitis
Tholosani usque ad patris et matris reditum vivus remansit,
quem beatus Jacobus sustinuit, ipsumque parentes in patibulo
vivum cernentes de gravi injuria et calumnia accusatum filium
conquesturi judicem adeunt. Sed cum praeses Tholosanus id
credere recusaret, nisi pulli jam tosti in veruto exeuntes
cantassent aut volareut, et volatu sumpto ab igne discessissent
garriendo. admiratus est. Cumque patibulum j adiisset juve- 61
nemque suspensum vivum cerneret et vitae causam quaereret,
ait judici, meritis divi Jacobi se servatum esse.J In dieser
Darstellung fehlt vor allem die Tochter oder Nichte des "Wirts,
die ihre verschmähte Liebe in Hass verkehrt.
Noch weniger mit der Romanze stimmen die beiden
ältesten Fassungen der Legende, welche die Acta Sanctorum
l) Angelinus Gazaeus (15G8 — 1653) hat in seinen jambischen
''Pia hilaria5 [Londini 1657, p. 242] diese Legende nach seiner eigenen
Angabe dem Marinaeus entlehnt und in seiner, zum Teil echt poetischen,
2um Teil aber auch geschmacklosen "Weise behandelt.
Köhler, Kl. Schriften. III. 15
226 Zur Volksdichtung.
a. a. 0. p. 45 und 50 mitteilen, nämlich aus einer dem Papst
Calixtus beigelegten Legendensammlung x) und aus des-
Caesarius von Heisterbach Dialogus miraculorum (VIII, 58).
Nach der ersteren Fassung versteckt der Wirt zu Toulouse-
den Becher aus Habsucht in dem Ranzen des deutschen
Pilgers, bei Caesarius heisst es ganz allgemein, der Wirt
habe die Pilger (aus Utrecht) des Diebstahls beschuldigt. Bei
beiden fehlt also das .Mädchen, bei beiden fehlt ferner die
Mutter, mir vom Vater und Sühn ist die Rede, bei beiden
endlich fehlt das Wunder mit dem Hahn und der Henne,
lügen ist der ersteren Darstellung der Wettstreit zwischen
Vater und Sohn: jeder will — da der Richter erklärt hat.
nur einer solle sterben — für den anderen sterben. Bei
Caesarius wird der Vater verdammt, der Sohn aber lässt sich
für ihn hängen.
Wie die Legende Gegenstand eines Volksliedes in Catalo-
nien wurde, so ist sie es auch in den Niederlanden geworden.
Das niederländische Lied (Antwerpener Liederbuch nr. 20.
Unland, Volkslieder nr. 303) erzählt, wie die Jacobspilger auf
ihrer Fahrt in einem Wirtshause einkehren. Die Wirtstochter
verliebt sich in einen jungen Pilger und sucht ihn zurück-
zuhalten. Da aber der Vater des Jünglings erklärt, sie hätten
beide zusammen die Fahrt zu vollenden gelobt, steckt die
Wirtstochter, im Einverständnis mit dem Wirte, ihrem Vater,
dem alten Pilger, um ihn los zu werden, einen vergoldeten
Napf in den Sack. Der Alte als Dieb soll sterben, aber der
Sohn opfert sich für ihn. Der Alte zieht nun nach S. Jacob-
und findet auf der Rückkehr seinen Sohn noch lebend:
Sinte Jacob heeft mi geliolpen,
Maria mit alder noot.
Er eilt in die Herberge und verkündet dem Wirte das-
Wunder: der aber meint, das sei ebenso wahr, als dass die
') Hieraus liat laut eigener Angabe Jacobus a Voragine in seiner
Legenda aurea (ed. Grässe p. 426) geschöpft; ebenso auch Hieronymus
Rauscher in seinen hundert auserwählten Papistischen Lügen, Eisleben
1562, nr. 39, welche Stelle Goedeke in seinem P. Gengenbach S. 638
mitteilt.
33. Zu F. Wolfs portugiea. und catalan. Volksromanzen. 227
drei Hühner, die eben am Feuer braten, zur Tliiir hinaus- 62
flögen. Kaum hat er dies gesagt, da fliegen die drei Hühner
auf die Strasse, auf S. Dominicas Hans, wo die Pilger ver-
sammelt waren1. Der junge Pilger wird nun feierlich herab-
genommen, und der Wirt an seiner Statt gehangen, die Tochter
aber cghedolnen\
Diesem Liede eigen ist. dass die Wirtstochter nicht aus
Ilass wegen verschmähter Liebe den Sohn zu verderben trachtet,
sondern nur den Vater loswerden will, weil sie hofft, den
Sohn dann leichter halten zu können. Die Motivierung in
der Romanze und in mit ihr stimmenden Legendenfassungen
scheint mir einfacher und natürlicher. Eigen ist ferner dem
niederländischen Liede, dass das Wunder mit den Hühnern
dem Wirte, nicht dem Richter passiert. Es ist aber viel
natürlicher, dass der Vater dem Pächter die Rettung des
Sohnes zuerst meldet, als dem AVirte, seinem Ankläger. Die
Mutter fehlt in dem Liede.
Nach alledem glaube ich, verdient unsere Romanze
den Vorzug vor dem niederdeutschen Liede, ganz abgesehen
von ihrer vortrefflichen kurzen, aber lebendigen und fast
dramatischen Darstellung gegenüber der etwas breiten Erzählung
des letzteren. Hätte Goedeke(P. Gengenbach S. <i4o die Romanze
gekannt, er würde wohl kaum gesagt haben, dass die Legende
in dem niederländischen Volksliede am besten überliefert sei.
Dass auch ein italienisches Mirakelspiel [D'Ancona, Sacre
rappresentazioui 3, 465] die Legende behandelt, hat du Meril,
wie Wolf erwähnt, im Athenaeum francais nachgewiesen.
Leider ist mir diese Zeitschrift nicht zugänglich, und ich weiss
daher nicht, mit welcher der von mir beigebrachten Legenden-
fassung das Spiel am meisten stimmt. [Vgl. oben 2. 55s zu
nr. s. Buckel. Deutsche Volkslieder aus Oberhessen 1885, S.IXf.
Knnz Kistener. Die Jakobsbrüder ed. Euling 1899, S. 44. j
In Bezug auf das Wunder der Wiederbelebung der
gebratenen Hühner hat Wolf an das bre tonische Lied
'Notre-dame du Folgoat" [Luzel. Gwerziou Breiz-Izel 1, 215:
*) Das Lied nimmt also wohl mir Lucius Marinaeus denselben
Schauplatz, an.
15*
228 /ur Volksdichtung.
Marguerite Laurent"] und an eine Stelle der Chanson de geste
von Ogier de Danemarche erinnert, wo in ähnlicher Weise
das Wunder sich vorfindet. Ich erinnere noch an eine Legend*-,
die der schon oben erwähnte Ludovicus de la Vega erzählt
(Acta Sanctorum, Majus, Tom. 8. p. 171). Ein Spanier wird
von Mauren gefangen und ruft im Gefängnis unablässig den
h. Dominicus, den Schutzpatron seiner Vaterstadt Rigovia, an.
Als eines Tages der Herr des Gefangenen bei Tafel sitzt.
63 meint einer der Gefangenenwäch- ter, der Heilige werde
doch vielleicht den gefangenen Christen wegen seiner fort-
währenden Bitten befreien. Dies wird, versetzt der Herr,
ebenso wenig geschehen, als der vor mir liegende gebratene
Hahn wegfliegen und krähen wird. Kaum hat der Maure dies
gesagt, als der Hahn auffliegt und kräht. Man eilt in den
Kerker, den man von Lichtglanz erfüllt findet: der Gefangene
aber ist fort. S. Dominicus hatte ihn befreit.
Schliesslich bemerke ich noch, dass auch das boshafter-
weise versteckte Gefäss, um den, bei dem es gefunden
wird, des Diebstahls zu zeihen, ein öfter vorkommender Zug
ist. Jedermann erinnert sich, wie Joseph seinen Becher in
Benjamins Sack stecken lässt. Aber auch in der griechischen
Sage, namentlich in der vom Tode des Fabeldichters Aesop
(s. Welckers Kleine Schriften 2. 232 f.) kommt dieser Zug
vor. [Folk-lore Journal 2, 34. Revue des deux mondes 1874,
jeuillet p. 65. P. v. Götze. Stimmen des russ. Volkes 1828,
S. 59. Schiefner, Bull, de l'acad. de St. Petersb. 4, 284
(nach Rybnikow 1, 237). — Goldener Apfel oder Löffel:
Köhler, Zs. f. Volkskunde 6. 69 zu Gonzenbach nr. 25. Kris-
tensen, Aeventyr 3, 283.]
[Über die catalanische Romauze nr. 16 Der König
Herodes (Wolf S. 136) vgl. F. Wolf, Jahrb. f. roman. Litt.
3, 73. Reinsch, Die Pseudo-Evangelien von Jesu und Marias
Kindheit 1879, S. 60 — 64. 94; Revue des langues rom. 3.
ser. 11, ()S und besonders Child 2, 7 nr. 55 'The carnal and
the Grane', dazu 2, 509. 3, 507. 4, 462. 5, 220.]
84. Der heimkehrende Gatte. 229
34. Zur Volksliederlitteratur. [Der heim-
kehrende Gatte.]
(Jahrbuch für roman. Litt. 8, 356—359. 1867).
Ein beliebtes, viel verbreitetes deutsches Volkslied ist
das Lied von dem nach lauger Zeit aus dem Kriege heim-
kehrenden Soldaten , dessen Frau sieh inzwischen wieder
verheiratet hat. Es findet sich in seiner vollständigen Gestalt
von elf Strophen aus dem Volksmund aufgezeichnet bei Hoff-
mann von Fallersieben, Schlesische Volkslieder nr. 228, L. Erk,
Neue Sammlung deutscher Volkslieder Bd. 3, Heft 1, nr. 55,
und Simrock, Die deutschen Volkslieder nr. 310; in un-
vollständiger Gestalt steht es bei Walter, Sammlung deutscher
Volkslieder S. 160 und im Weimarischen Jahrbuch Bd. 3,
S. 291. und habe ich es vor mehreren Jahren in Ilmenau
singen hören. [Erk-Böbme, Liederhort nr. 191 a — b. Mittler
nr. 262. Scherer. Jungbrunnen 1875 nr. 151 (Pfalz). Zur-
mühlen, Des Dülkener Fiedlers Liederbuch 1875, nr. 58: cEs
kam ein Ulane wohl aus dem Kriege/ AVegener, Volks-
tümliche Lieder aus Norddeutschland 1880, S. 296, nr. 1036.
Alfr. Müller, Erzgebirge 1883, S. 34. — Schure, Geschichte
des deutschen Liedes 1870, S. 132 wiederholt Simrocks Text.]
Ich lasse es hier in dem Texte folgen, welchen Erk giebt,
mit Beifügung einiger Varianten der anderen Texte.
1. Soldat kam aus dem Kriege,
Kuckuck,
Soldat kam aus dem Kriege,
Kuckuck,
Wohl ganz zerrissen und noch viel mehr.
'Mein lieber Soldat, wo kommt er her?'
Kuckuck, kuckuck, kuckuck. 1)
2. 'Ich komm1 wohl aus dem Kriege;
Ich hab1 gedient sechs ganze Jahr,
Das zeigt mein Pass und Abschied dar.' I
!) Erk hat für 'Kuckuck' in den Text: 'Hur r ah' gesetzt, wie man
allerdings an vielen Orten singt, sagt aber in der Bemerkung, dass im
Oldenburgischen 'Kuckuck' gesungen werde, und dies findet sich auch
in Walters Aufzeichnung und im schlesisehen Texte.
230 Zur Volksdichtung.
357 3. Soldat ging in das Wirtshaus 'nein.
'Frau Wirtin, hat sie gutes Bier?'
'Soldat, hat er auch Geld dafür?'
4. 'Kein bares Geld, das hab' ich nicht:
Ich trag' einen grauen Mantel hier,
Damit bezahl1 ich euer Bier.'
5. Soldat setzt sich zu Tische;
Er fing zu essen, zu trinken an,
Iran Wirtin fing zu weinen an.
6. 'Frau Wirtin, warum weinet sie?
Weint sie vielleicht wohl um das Bier
Und meint, sie kriegt kein Geld dafür ?'
7. 'Wohl um das Bier da wein1 ich nicht;
Ich hatt1 ein'n Mann, der mich verliess,
Und meint', Ihr wär't es ganz gewiss.' 1)
8. cWo kommen denn die Kinder her ?
Zwei hab1 ich hinterlassen dir,
Jetzt aber, seh1 ich, hast du vier.'
9. 'Das machen die falschen Briefe,
Die mich so sehr betrogen hab'n; "-)
Da nahm ich mir ein'n andern Mann.
10. 'Die Kinder, die woll'n wir uns teilen :
Den allsten Sohn nehm1 ich zu mir,
Die andern drei gehören dir.' 3)
11. 'Nun komm, mein ält'stes Söhnelein! 4)
Zu Hamburg*) woll'n wir uns schiffen ein:
Ade, mein Weib und Kindelein!'
') Bei Simrock: Ich glaub1, Ihr seid u. s. w. In Ilmenau: Ich
hab1 einen Mann wol in dem Krieg, Ich glaub1, Sie sein's ja ganz
gewiss.
2) Bei Simrock: Ein falscher Brief, der mich betrog, Zeigt1 mir dein
Leichenbegängnis an. In Ilmenau: Das hat der falsche Brief gethan,
Er zeigt1 mir sein Begräbnis an.
3) Bei Simrock und in Ilmenau: Die andern drei behalt (behältst)
du dir.
4) Bei Simrock: Dem König ist Krieg jetzt angesagt.
R) In einem schlesischen Text: Zu Pressburg.
34. Der heimkehrende Gatte.
231
Dasselbe Lied habe ich nun neuerdings auch französisch
gefunden und zwar in zwei Texten, nämlich in des Grafen
de Puymaigre Chants populaires recueillis dans le Pays Messin
(Metz et Paris 1865), S. 25 [1881 1,65 = Ulrich, Französische
Volkslieder 1899, nr. 71], und in Jerome Bujeauds Chants
et chausons populaires des provinces de l'Ouest (Niort 1866),
2, 89 x) = C. Mendes, Les plus jolies chansons du pays
de France (1888) p. 37]. Ich lasse beide Texte, die sich zum
Teil ergänzen, nebeneinander gestellt hier folgen:
(Puymaigre.) (Bujeaud.)
1. Soldat revenant de la guerre, 1. Quand le marin revient de guerre,
:;:,s
Coucou,
Un pied chausse et l'autre nu,
Coucou, corna, ricoucou.
Tout doux,
Tout mal chausse, tout mal vetu,
cPauvre marin, d'oü reviens-tu?'
Tout doux.
2. cJe reviens de la guerre
2. 'Madame, je reviens de guerre.
Hotesse, avez-vous du vin blanc?' Qu1on apporte ici du vin blanc,
'Soldat, avez-vous de l'argent?1 Que le marin boive en passant.'
3. 'De l'argent je n'en ai guere,
J'engagerai mes pistolets,
Mon manteau et mon cheval
blanc.3
4. Soldat se mit ä table,
3. Brave marin se mit a boire,
Se mit ä boire, ä chanter,
Et la belle hötesse a pleure.
4. 'Ah ! qu'avez-vous , la belle ho-
tesse,
Kegrettez-vous votre vin blaue
Que le marin boit en passant ?' |
5. 'C'est point mon vin que je re-
grette,
NPai mon mari qui est ä Tarmee, Cest la perte de mon mari,
II vous ressemble, je crois que Monsieur, vous ressemblez ä lui.'
c'est vous.'
') Bujeauds Sammlung hat Herrn Gaston Paris zu einem vor-
trefflichen Artikel in der Revue critique d'histoire et de litterature 1866,
nr. 19 Veranlassung gegeben, in welchem er unter anderem das schöne,
auch von dem sinnigen Gerard de Nerval zweimal (Les filles du feu
p. 158; La Boheme galante p. 77) besonders hervorgehobene Volks-
359
232 Zur Volksdichtung.
5. 'Quand je suis parti pour la 6. 'Ali! dites-moi, la belle hotesse,
guerre, Vous aviez de lui trois enfants,
Je ifavais laissr qu'un enfant, Vous en avez six a present.'
Et fc'en voilä ä präsent.
f.. 'Si je savais oü est le pere, 7. cOn m*a ecrit de ses nouvelles,
Je tuerais le pure et la mere ; Qu'il etait mort et enterre,
J'engagerais les trois enfants. Et je nie suis remarie.'
7. '.I'iii mettrais an dans les trom- 8. Brave marin vida son verre,
pettes, Sans remercier, tout en pleurant,.
Un autre dans la cavalerie, S'en retourna-t-au regiment.
Et l'autre il servira aussi.'
[Weitere Fassungen des französischen Liedes sind ver-
öffentlicht durch V. Smith , Romania 9, 290: cLe retour du
pere' (zwei Texte aus Velay und Forez) ; Ch. Guillon, Chansons-
populairesde rAinl883, p. 229;Beauquier, Chansons populaires-
de la Franche-Comte 1894, p. 106 ; Tiersot, Histoire de la chanson
populaire en France 1889, p. 18 (unvollständig; aus Damas
in den Vogesen) ; Pineau , Folklore de Poitou 1892, S. 383;
Revue des trad. pop. 12, 370 (10 Str. aus Savoyen. 'Brave
soldat venant de guerre, CoucouJ); ebd. 5, 68 (9 Str. aus-
Maine) und 14, 141 (kritischer Text von Doncieux.1) Bei
Tiersot weicht der Anfang ab:
Trois jeun' soldats rev'nant de guerre,
Bien equipes, bien arranges
Et ne sachant chez qui loger.
lied von Jean Renaud in mehreren ihm bekannten Texten mitteilt
und bespricht. Infolge hiervon haben in nr. 33 und 44 der Revue
critique die Herren A. Brächet und E. J. B. Rathery noch mehrere,
wertvolle Varianten desselben Liedes bekannt gemacht. [Romania 2V
141. 10, 372. 581. 11, 97. 12, 15. Puymaigre, Chants pop. messins 1881 1, 39.
Ulrich nr. 28. Revue des trad. pop. 1, 33. 11, 65. 196. 14, 675 (bretonisch cLe
comte et la fee'j. Child 1. 371, nr. 42: 'Clerk Colvill'; dazu 2, 506.3, 506.
4, 459. 5, 215. 290.] — Eine Anzeige der beiden citierten Sammlungen
hat Felix Liebrecht in den Göttinger gelehrten Anzeigen 1866, nr. 51
geliefert mit mancherlei dankenswerten Bemerkungen zu einzelnen
Liedern.
') [Dagegen gehören die unter gleichem Titel in der Revue des-
trad. pop. 8, 560 und 12, 613 mitgeteilten Balladen zu einer anderen
Gruppe von Heimkehrsagen.]
34. Der heimkehrende Gatte. !>;;;;
Die vollständigste Fassung ist die erste der von Smith
abgedruckten: denn hier wird der Gang zum Pfandleiher
beschrieben :
4. Si n'a couru tonte la ville,
Pour engager ses [üstolets,
Son cheval gris, ses manteaux bleus.
5. S'est retourne: Dame l'hötesse,
Apporte a boire de vin blanc,
Car ä present j'ai de l'argent.
Der Schluss lautet:
11. Oh! j'ai un frere dans les Landes,
Me nourrira nies deux enfants,
Je tournerai au regiment.
In Smiths zweitem Texte stüsst in einer offenbar nicht
ursprünglichen Schlussstrophe der Soldat seiner Frau dreimal
den Degen ins Herz, nachdem er zuvor die Kinder mit ihr
geteilt hat.
AusPiemont teilt Nigra (Canti popolari del Piemonte 1888,
nr. 28) vier Texte des 'Ritorno del soldato3 mit, welche auf-
fällig, auch im Wortlaute, zu dem französischen Liede stimmen.
In den Fassungen B und C lautet der Anfang wie bei Tiersot:
'Tre soldalin veno da n gueraJ und 'Sun tre solda ch' i veno
da NissaJ; in einer fünften Version kommt der Refrain 'Cuchin
cocon cocot e capun' vor, welcher an den des Metzer Textes
erinnert. Die Fassung A, welche den Soldaten seinen Mantel
beim Pfaudleiher versetzen lässt (wie der erste Text bei
Smith), möge hier vollständig wiederholt werden:
1. Pover solda ven da la guera
('un ün pe caussa [calzato] e l'aut nü.
Pover solda l'e mal venu!
2. Pover solda va a l'ostaria.
Va a l'ostaria sensa dene [denari].
'Pover solda, turne andare [indietro] !'
3. Pover solda sü e giü per vila [citta]
L'e andä angage [andato ad impegnarel so mantel bianc,
L'e per tire dl'or e dl'arzan.
234 Zur Volksdichtung.
4. Pover soldä si seta | siede] <a tt'iula,
Si seta a täula per mange.
Madäima l'osta s'büta a piure [pianger].
5. cCosa piure, madäima l'osta?' —
'Mi Tan piuro del me man,
Ch'a l'e set agn ch'i Tai pi vi st.' —
6. 'Piure pa tan, madäima l'osta,
Piure pat tan del vost man,
Ch'a l'e nin väir hintan da si !
7. Quand che mi na sun andäit via,
Se v'un lassä-ve ün eit anfan :
Adess n'ei düi e n'äut [un altro] per man.' —
8. cS'a m'e riivä die fäusse növe,
Ch'i j'ere niort e sepeli;
Mi sun piä-me n'äut man.' —
9. cS'a l'e cozi, madäima l'osta,
Fai-me ün bazin [bacio], o düi o tre ;
Mi na turno a servir lo re.
10. Bundi, bundi, madäima l'osta.
Dispartiruma i vostr' anfan,
A vui i cit [piccoli], a mi '1 pi grand!']
Man sieht, das deutsche Lied stimmt mit Ausnahme
der letzten Strophen mit dem französischen Lied, besonders
mit der Metzer Recension. wenn wir uns dieselbe durch die
andere ergänzt denken, so sebr überein, dass eins die Über-
setzung des anderen sein muss; doch fühle ich mich ausser
stände, welches das Original, welches die Übersetzung sei,
zu entscheiden. Musikverständige können vielleicht aus der
Vergleichung der Melodien (bei Hoffmann, Erk, Bujeaud)
zur Entscheidung beitragen. [Doncieux hält das deutsche
Lied für eine Übersetzung des französischen.]
Schliesslich will ich noch erwähnen, dass in dem Ilmenauer
Text die 2. Strophe so lautet:
Meli komme wohl aus dem Kriege her.
Frau Wirtin, hat sie ein gutes Glas Bier?'
'Soldat, hat er auch Geld dafür?'
35. Über Luzel, Gwerziou Breiz-Izel II. 235
Also ganz entsprechend dem französischen:
'Je reviens de la guerro,
Hutesse, avez-vous du vin blanc ?'
'Soldat, avez-vous de Pargent?'
[Vgl. Splettstösser, Der heimkehrende Gatte und sein Weih
in der Weltliteratur (Berlin 1899) S. 9—13. Auf die
Behandlung des gleichen Stoft'es durch neuere Dichter wie
Tennyson (Brown, Modern Language Notes 1897, 333).
Theuriet, Richepin, Zola, Maupassant haben C. Mendes und
Splettstösser hingewiesen].
Weimar, Januar 1867.
35. Ober Luzel, Gwerziou Breiz-Izel IL
(Jenaer Litteraturzeitung 1874, 318b- 319b.)
F. M. Luzel, Gwerziou Breiz-Izel. Chants populaires de la Basse-
Bretagne, recueillis et traduits, Tome IL Lorient, imprimerie
Corfmat fils (Paris, A. Franek) 1874. 584 S. 8°. Preis 10 Francs.
Mit Freude begrüssen wir diesen lange erwarteten zweiten
Band der musterhaften Sammlung bre- tagnischer Volks- 319a
lieder, deren erster bereits im Jahre 1868 erschienen ist. Er
enthält ebenso wie der erste nur Gwerziou, d. h. epische
Lieder oder Balladen. Die lyrischen Lieder, die Soniou, wird
ein dritter, der die Sammlung abschliessen soll, bringen. l)
'Dans ce second volume3, sagt Herr Luzel in der Vorrede,
'je suis reste fidele ä la meme methode, qui a eu generale-
ment l'approbation des critiques et des savants, tant fran<;ais
qu'etrangers. Textes bretons donnes tels absolumeut que je
les ai recueillis de la bouche des chanteurs, ipsissima verba,
production de versions differentes du meine chant et de
variantes, traduction aussi litterale que possible, enfiu. grande
') [Luzel et Le Braz, Soniou Breiz-Izel, Chansons populaires de la
Bretagne. Paris 1890. 2 Bde.]
236 Zur Volksdichtung.
sobriete de commentaires historiques et autres: voilä en quoi
consiste cette methode'.
Während der erste Band 67 Balladen enthält, darunter
21 in doppelten, 2 in dreifachen Versionen, l) bringt dieser
74. darunter 12 in doppelten Versionen. Dazu kommen als
Anhang noch drei Herrn Lnzel während des Druckes mit-
geteilte wertvolle Varianten zu zwei Balladen des ersten
Bandes. Auch in dem zweiten Bande finden sich einige
Balladen, von denen de La Villemarque in seinem Barzaz-
Breiz bereits Versionen gegeben hatte, die, gewiss zumeist
infolge der Überarbeitung durch de La Villemarque, 2) von
Luzels Texten stark abweichen. Der dichterische Wert der
Balladen dieses Bandes ist ungleich; und wer nur dichte-
rischen Genuss sucht, würde manche missen können; aber
') [Zu dem Liede von der ilagd, die unschuldig des Kindes-
morde s angeklagt wird (1, 219 cAnne Cozik': 223; 229), vgl. Erk-
Bühme, Liederhort nr. 213 und 1798. Waling Dykstra en T. G. van der
Meulen, Aide Snipsnaren S. 82.]
-) Herr Lnzel sagt in seiner trefflichen Schrift cDe l'authenticite
des chants du Barzaz-Breiz de M. de La Villemarque' (Saint-Brieuc,
Paris (A. Franck), Brest 1872. VI und 47 S. 8°) S. 38 und 41: 'Deux
parts sont a faire dans les pieces dont se compose le Barzaz-Breiz. La
premiere est forme de pieces supposees, entierement fabriquees, et dont
on ne trouve rien dans la tradition populaire, du moins comme vestiges
de chants ayant existe La seconde se compose de pieces qui
existent reellement dans le peuple, en substance du moins; mais que
l'editeur a arrangees, remaniees, en un mot, violentees de toutes les.
fae.ons, pour les forcer ä rentrer dans le cadre prepare d'avance et a
servir, bon gre mal gre, des theories et des opinions preconcues.' —
Ich mache bei dieser Gelegenheit auch aufmerksam auf das kleine
Schriftchen von H. D'Arbois de Jubainville, Encore un mot sur
le Barzaz Breiz. Lettre a M. .1. Salaün (Paris, J. B. Dumoulin, 13
Quai des Augustins, 1873. 8 S. 8°), in welchem der ausgezeichnete Ge-
lehrte, der schon mehrfach gegen die Echtheit des Barzaz-Breiz ge-
schrieben hat, die Unechtheit des Liedes 'Le Tribut de Xomenoe' (Barzaz-
Breiz S. 112) aus sprachlichen Gründen darthut, und auf die lesens-
werten Aufsätze von L. Havet, Les poesies populaires de la Basse-
Bretagne, in der Pariser Revue politique et litteraire, 1. mars 1873,
S. 833 — 845, und von G. Lejean (f 1871), La poesie populaire en Bre-
tagne, in der Revue celtique 2. nr. 1 (aoüi 1873), S. 44 — 70.
35. Über Luzel, (rwerziou Breiz-Izel IL 237
dein Forscher auf den Gebieten der Volksdichtung und der
Volksüberlieferungen und wohl auch dem Sprachforscher sind
alle willkommen.
Es ist hier nicht der Ort, die vielen mir in verschiedenen
Rücksichten besonders interessant erscheinenden Balladen zu
besprechen; jedoch möge es gestattet sein, zu dreien einige
Citate hier mitzuteilen, die Stoff zu anziehenden Verglei-
chungen geben. Mit der Ballade 'Ar SerrasinedJ (Les Sarra-
sins, S. 20), welche erzählt, wie die geraubte Louisaig (la
petite Louise) 7 Jahre bei dem 'grossen SarracenenJ zubringt,
dann aber mit ihrem Geliebten, der in Bettlergestalt zu ihr
gelangt, entflieht, vergleiche man eine provencalische Ro- 319 b
manze bei D. Arbaud, Chants populaires de la Provence 2,
73 und eine catalanische bei M. Milä y Fontanals, Romance-
rillo catalan nr. 9 (deutsch bei F. Wolf, Proben portugiesischer
und catalanischer Volksromanzen 1856, S. 121 f.: 'Die Tochter
(\e^ Mallorkaners'). [Nigra, Canti pop. del Piemonte 1888,
nr. 40: 'II moro saracino' = Romania 14, "231.]
[Zu S. 30 Isabeau le Jean' vgl. unten S. 243 zu Reiffer-
scheid nr. 2.]
Die Ballade cAr MerdedT (Les matelots, S. 182) er-
zählt von einem Schiff, auf dem die Lebensmittel ausgegangen
sind, weshalb man ausmacht, dass, wer den kürzesten Stroh-
halm zieht, getötet und von den übrigen gegessen werden
soll. Der Herr des Schiffes zieht den kürzesten Halm. Er
bittet seinen kleinen Pagen, auf die Spitze des Mastbaumes
zu steigen und nach Land auszuschauen. Singend steigt der
Page hinauf und weinend herab: er hat kein Land gesehen.
Noch einmal bittet ihn der Herr hinaufzusteigen. Weinend
steigt er diesmal hinauf und singend herab; er hat den Turm
von Babylon gesehen und seine Glocken läuten hören u. s. w.
Hiermit vergleiche man ein proveucalisches Lied bei Arbaud
1, 127, ein französisches und ein baskisches, welche Rathery
im Moniteur vom 15. Juni 1853 mitgeteilt hat, die in 7 Ver-
sionen bekannte portugiesische Romanze von dem Schiff
Catherineta bei Almeida-Garrett, Romauceiro 1851, nr. 26
(daraus deutsch bei F. Wolf 1856, S. 89 und portugiesisch
238 Zur Volksdichtung.
und deutsch bei Bellermann, Portugiesische Volkslieder und
Romanzen 1864, S. 117), Tb. Braga, Romanceiro geral 1867,
nr. 23 und Cantos populäres do Archipelago Acoriano 1S69,
nr. 37 — 40 [Revista lusitana 1, 325. 2, 237. Puymaigre,
Romanceiro 1881, p. 17o. Ein castilisches Bruchstück bei
F. Wolf, Jahrb. f. romau. Phil. 3, 69], ein isländisches Lied
bei Grundtvig und Sigurdsson, Islenzk Fornkvaedi nr. 6
(deutsch bei R. Warrens, Norwegische, isländische, füröische
Volkslieder 1866, S. L20 [und Willatzen, Altisländische Volks-
balladen 1865, S. 71 1897, S. 7: 'Die Kaufherren']), ein
norwegisches bei S. Bugge, Gamle norske Folkeviser 1858r
nr. 17 und ein meines AVissens im Original noch nicht ge-
drucktes und nur zum Teil von R. Warrens S. 391 deutsch
mitgeteiltes dänisches Volkslied.
Mit der Ballade endlich von 'Anna Ar Gardien' (Anne
Le Gardien, S. 448), welche, ihre Ehre verteidigend. 18 Edel-
leute erschlägt, deshalb verklagt, nach Paris sich begiebt und
vom König begnadigt wird, vergleiche man Grundtvig, Dan-
marks gamle Folkeviser 4, 96 nr. 189: cMö vaerger Aeren\
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volks-
lieder.
(Anzeiger für deutsches Altertum 6, 263 — 275. 1880.)
Westfälische Volkslieder in Wort und Weise mit Klavierbegleitung- und
liedervergleichenden Anmerkungen herausgegeben von Dr. Alexander
Reifferscheid, a. o. Professor der deutschen Philologie in Greifs-
wald. Heilbronn, Gebr. Henninger 1879, XVI und 192 S. Lex.-8°.
8 Mark.
In diesem schön ausgestatteten Buch haben wir einen
willkommenen Beitrag zur Kunde unserer Volkslieder erhalten.
Der Herausgeber hat darin aus der reichen Sammlung deutscher
Volkslieder, welche Mitglieder der Familie von H axthausen
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. 239
im Anfange dieses Jahrhunderts aus dein Volksmunde auf-
zeichneten,1) die in Westfalen, besonders im Paderbornschen,
im Corveischen und im Münsterschen gesammelten Lieder
zum erstenmal veröffentlicht. 52 Lieder sind es, die hier
zugleich mit ihren (von Herrn Konzertmeister Lindner in
Hannover mit Klavierbegleitung versehenen) Melodien und
mit ausführlichen Anmerkungen des Herausgebers erscheinen.
Ausserdem sind noch 20 Lieder ohne Melodien und ohne
Anmerkungen als Anhang beigegeben. Über die 'Weisen5
kann Ref. nicht urteilen. Was aber die 'Worte" betrifft, so
sind es fast sämtlich Lieder, von denen schon Texte bekannt
waren. Die hier mitgeteilten Texte zeichnen sich dadurch
aus. dass sie, wie der Hrsg. S. XI versichert, cohne die ge-
ringste Contamination3 festgestellt sind, übrigens sind sie, wie
nicht anders zu erwarten, von sehr ungleichem Wert. Sehr
schätzbar sind die ausführlichen Anmerkungen, in denen
hauptsächlich die dem Hrsg. bekannt gewordenen verschiedenen
Fassungen der einzelnen Lieder, sowie auch Lieder verwandter
und fremder Völker, welche dieselben oder ähnliche Motive
behandeln, verzeichnet und verglichen werden. Leider sind
die zwanzig (zum Teil gerade sehr interessanten) Lieder 264
des Anhangs ohne solche Anmerkungen.
Sowohl bei der Sichtung und Ordnung der Melodien als
auch bei der Ausarbeitung der Anmerkungen hat sich der
Hrsg. der Hilfe des Herrn Hermann K estner in Hannover
zu erfreuen gehabt, von dem er S. XI mit vollstem Recht
sagt, er sei wie wenige in Deutschland durch jahrelange
eifrige Studien mit der Volkspoesie in Wort und AVeise
vertraut.
Es mögen nun ausser einigen Berichtigungen und Aus-
stellungen eine Anzahl von Nachträgen zu den Anmerkungen
folgen, die sich mir bei Vergleichung derselben mit meinen
eigenen Sammlungen zur Volksliederlitteratur ergeben haben.
!) Näheres darüber in der Einleitung und in den vom Hrsg. ver-
öffentlichten Freundesbriefen von "Wilhelm und Jacob Grimm 1S7S,
S. 195 ff.
240 Zur Volksdichtung.
Nr. 1. Et w a s e n t w e i K u n n i g e s k i n n e r.
Dem Herausgeber ist der Text des Liedes unbekannt
geblieben, den G.W. Büeren in dem von ihm herausgegebenen
Jahrbüchlein zur Unterhaltung und zum Nutzen, zunächst für
Ostfriesland und Harrlingerland. Auf das Jahr 1841 (Emden
1840), S. 4 — 6, mitgeteilt hat und den er, wie er sagt, cin
Papenburg aus dem Munde einer Amme auffischte'. Ich lasse
diesen Text, da das Jahr buch lein sehr selten zu sein scheint
und im Buchhandel nicht mehr zu haben ist, hier in buch-
stäblich treuem Abdruck folgen. x)
1. Der wassen twee Königeskinder,
Dee hadden eenander so leew;
Bi 'n ander kunnen se nich komen:
Dat Water wat völs to breed.
2. 'Du kanst ja good swemmen, min Leve,
So swemme herover to mi:
Van nagt sal een Fackel hier braunen,
De See to belügten vor di.'
3. Der was ook en falske Nunne,
Dee sleek sück ganz sagt na de Stee
Un dampte dat Lugt hüm to maal uut:
De Königssohn bleev in de See.
4. De Dogter sprak to de Moder:
cMien Harte, dat deit mi so wee,
Laat mi in de Lügt gaan to wandeln
An de Kante van de See.'
5. cDoo dat, min leeveste Dogter,
Doch dürst du alleen nich gaan;
Weck up din jüngste Broder
Un dee laat mit di gaan!'
6. cOch nee! min jüngste Broder
Dee is so wild, dat Kind,
De schütt na alle de Vogels,
Dee an de Seekante sunt;
x) Er ist auch abgedruckt, jedoch mit einigen orthographischen
Änderungen, in Yolckmars Abhandlung zur Stammes- und Sagengeschichte
der Friesen und Chauken im Programm des kgl. Gymnasiums zu Aurich,
Ostern 1867, S. 47, welches auch nur wenig verbreitet sein wird.
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. 241
7. 'Un schütt he dann alle de maeken,
De wilden let he gaan,
Dan sagt gliek alle Lüde:
Dat het dat Königskind daanT
8. 'Doch Dogter, leeveste Dogter,
Alleen diirst du nich gaan:
Weck up dien jüngste Süster
Un dee lät nii di gaan.''
9. 'Och nee! min jüngste Süster
Is noch een spölend Kind,
Dee löpt na alle de Blöömtjes,
Dee an de Seekante sunt,
10. 'Un plükt see dann alle de roden, |
De witten let see staan, "*,°
Dan segt gliek alle Lüde:
Dat het dat Königskind daan!'
11. De Mooder gunk na de Karke,
De Dogter gunk an de See ;
See gunk so alleen un so trürig,
Dat Harte, dat dee hör so wee.
12. '0 Fisker, min gode Fisker,
Du sügst, ick hün so krank;
Du kanst un most mi helpen:
Sett uut dien Netten to Vank!
13. 'Hier hebb' ik mien Leevste verloren,
Wat ik up Erden had,
Doch riek wil ik die maken,
Kanst du uptisken den Schat.3
14. 'Vor ju wil ik dagelank fisken,
Verdeend' ik ook niks, als Godslohn.'
Un smet sien Netten in 't Water;
Wat vunk hee? — den Köningssohn!
15. 'Daar Fisker, leeveste Fisker,
Daar nimm dien verdeende Lohn:
Hier liest du min goldene Ketten
Un mine demantene Kroon.'
16. See nam hör Leevst' in hör Armen
Und küsde sin bleeken Mund :
'0 traue Mund, kunst du spreken,
Dan worde min Hart weer gesund!'
Köhler, Kl. Schriften. III. 16
242 Zur Volksdichtung.
17. See drüktle liiiin fast an hör Harte,
Dat Haiti', dat dee hör so wee,
Und langer kun see nich leeven,
Un sprunk mit hüm in de See.
Der bei Firmenich 1, 15 ohne Quellenangabe mitgeteilte-
Text in costfriesischer Mundart5 unterscheidet sich von dem
Buerenschen nur sprachlich, d. h. in einzelnen Formen, in.
einzelnen Worten und Wortstellung und in der Schreibung.
[Vgl. Böhme. Altdeutsches Liederbuch nr. 26. Erk- Böhme,
Deutscher Liederhort 1893 — 94. nr. 83 — 85. Köhler-Meier,
Volkslieder von der Mosel und Saar 1896, nr. 6 mit den
Nachweisen. W. Alexis, Über Balladenpoesie (Hermes 1824. 1
= nr. 21) S. 96. Lootens et Feys, Chants pop. flamands.
L879, nr. 44. Priebsch, Deutsche Hss. in England 1, 233.
Die Melodie cElslein, liebes Elslein0 wird in einer tschechischen
Hs. des 15. Jahrhunderts citiert (Feifalik, Wiener Sitzgsber.
39, 738. Dreves, Analecta hymnica 1, 184). Kristenseny
Jydske Folkeviser 1, 273. 2, 391. 3. 331. 4, 166. Madsen,
Folkerninder S. 83. Skattegraveren 4, 210. Noreen och
Schuck, 1500 - och 1600 - talens Visböcker 1, 31 (1884).
Rolland, Recueil de chansons populaires de la France 3, 68..
4. 1 — 20. Revue des trad. pop. 7, 389. Almanach des trad.
pop. 1, 65. Nigra, Canti pop. del Piemonte nr. 7.]
Wenn R. die Einleitung zu dem Lied mit folgenden
Worten eröffnet: fDie diesem Liede zu Grunde liegende Sage
beruht auf uralter Tradition, die vielleicht bis nach Indien
hinaufreicht. Die Bewohner des Pendshab sollen nämlich
nach dem Zeugnis des Afsos (f 1809 in Calcutta), dessen
Glaubwürdigkeit aber angezweifelt wird, viele Lieder über
die unglückliche Liebe der Hirunddes Randsha. deren Grab sich
am Ufer des Shinab befinde, recitieivn und ihnen zu Ehren
Klagelieder singen", so ist dazu folgendes zu bemerken. Aller-
dings hat der berühmte Orientalist Gar ein de Tassy in
seiner Übersetzung des hindostanischen Romans cLes aventures
de Kämrüp par Tahcin-Uddin3 (Paris 1834). S. II l) gesagt,
*) Diese l'liersetzung, jedoch ohne die Yorrede, ist wieder ab-
gedruckt in Allegories, recits poetiques et chants populaires, traduits
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. -J43
das Liebespaar Kämrüp und Kala sei in [ndien nicht weniger
berühmt als Nal und Dam an, Manahora und Madhmälat, Mir
und Ränjha, und zu dem letztgenannten Paar unter dem
Text folgende Anmerkung gesetzt: cAm.ants celebres cönnus
cliez les Grecs sous les noms de Hero et Leandre. Afsos
nous apprend (Ara'iseh-i Mahfi] p. 191) que leur tombeau est
sur la i-ive de Chinäb, a quatre kos de Hazära. Les habi-
tants du Panjäb, dit-il. reeitent mille poemes sur leurs
amours, et chantent en leur honneur des elegies qui fönt
couler les larmes des auditeurs sensibles.' Diese ] in mehrere 266
deutsche Bücher übergegangene Annahme de Tassys, dass
die Sagen von Hir und Rändscha und von Hero und Leander
eine und dieselbe seien, ist aber eine irrtümliche, da viel-
mehr beide Sagen nichts miteinander zu tliuu haben, wie
derselbe Gelehrte in der Vorrede zu seiner mehr als 20 Jahre
später erschienenen Übersetzung von Macbül Ahmads Roman
von Hir und Rändscha M ausdrücklich anerkennt, indem er
die Sage von Hir und Rändscha bezeichnet als ccette legende,
qui, par le nom de l'heroine, nous rappelle celle de Hero et
de Leandre, avec laquelle eile n'a cependant aucun rapport'.
Vgl. auch E. Rohde, Der griechische Roman S. 137, Anm. 2,2)
und F. Liebrecht im Archiv für Literaturgeschichte 6, 602
[Jellinek, Hero und Leander in der Dichtung, 1890].
Nr. 2. Christinchen ging in "n Garten.
Den deutschen Fassungen sind noch hinzuzufügen eine
von Hoffmann von Fallersieben im Deutschen Museum 1852,
_. 1(>4 mitgeteilte aus Preussisch- Schlesien (20 zweizeilige
de l'Arabe, du Persan, (b2 l'Hindousstani et du Türe par M. Garem de
Tassy. Seconde edition. Paris 1876. [Schwimmersagen : Knoop, Hinter-
pommern 1885, S. 38. 1 1 S. Jahn, Volkssagen aus Pommern 1889, nr. 670.
Giesebrecht, Gedichte 2, 161. 1867: 'Der AVurl'.]
1) Zuerst 1857 in der Revue d'Orient, de l'Algerie et des colonies
erschienen, wieder abgedruckt in den Allegories, recits poetiques et
efaants populaires p. 481 — 516.
2) S. 133 ft'. dieses vortrefflichen Buches ist eingehend die Sage
von Hero und Leander besprochen, was dem Hrsg. leider unbekannt
geblieben ist.
16*
244 Zur Volksdichtung.
Strophen) und eine sehr entstellte aus dem Mühlgau in Haus
Zurmühlen, Des Dülkener Fiedlers Liederbuch, Viersen 1875,
nr. 29 *) (8 vierzeilige Strophen). [Erk-Böhme nr. 2. Kühler-
Meier nr. 13 mit Anm.]
In dem S. 132 besprochenen und in der schwedischen
Fassung [Geijer-Afzelius, Svenska Folkvisor, ny upplaga 1880,
nr. i>] in deutscher Übersetzung mitgeteilten nordischen Lied
von Herrn Feder und klein Christel spielt ein Hirsch mit
goldenem Geweih vor einer Brücke, und das Brautgefolge,
das ihn zu erjagen sucht, lässt deshalb die Braut allein. Der
Herr Herausgeber bemerkt dazu: cDer Hirsch mit goldenem
Geweih erinnert an die Unterwelt, so dürfen wir in Peder
einen Gott des Himmels sehen und in dem ganzen Mythus
einen nordischen Orpheusmythus erkennen oder besser noch
den Mythus vom Kampfe des Frühlingsgottes mit dem Winter-
gotte um die schöne Erdgöttin". Und alles dies nur, weil
der Hirsch au die Unterwelt erinnert!!
S. 133 wird in deutscher Übersetzung aus Villemarques
Barzaz-Breiz das Lied von Baron le Jauioz mitgeteilt: es
hätte aber vielmehr aus Luzels Chauts populaires de la Basse-
Bretagne 2, 30 das Lied von Isabeau le Jean mitgeteilt
werden sollen, von welchem H. d'Arbois de Jubainville in
der Bibliotheque de l'Ecole des chartes G. Serie 5, 621 — 32,
nachgewiesen hat, dass dies der echte ursprüngliche Text ist,
den Villemarque in seiner Weise überarbeitet hat: crevue et
corrigee suivant un Systeme oü limagination et certains
267 procedes litteraires out eu plus de part que l'erudition; Tsa-
belle le Jean' est devenu cle baron de Jauioz' du Barzaz-
ßreiz', sagt d'Arbois de Jubainville.
Nr. 3. Ein Mädchen von achtzehn Jahren.
Vgl. auch H. Zurmühlen nr. 25. [Erk-Böhme nr. 211
Köhler-Meier nr. 12.]
1) Eine zweite Ausgabe dieser Sammlung ist betitelt: Nieder-
rheinische Volkslieder im alten Mühlgau gesammelt von Dr. H. Zur-
mühlen. 2. Ausgabe von des Dülkener Fiedlers Liederbuch, Leipzig
1879. Es ist dies nur eine neue Titelauflage.
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. •_>!.">
Nr. 4. Kind, wo bist du denn henne west?
Den nachgewiesenen englischen und schottischen Versionen
habe ich noch folgende hinzuzufügen:
1) 0 whare liae ye been a' day, Lord Donald,
my son? (10 Str.) zuerst mitgeteilt von G. R. Kinloch,
Ancient scottish ballads S. 11»». dann auch abgedruckt bei
Child, English and scottish ballads 2, 244 [= Ghild 1882 1,
L58 nr. 12 B 'Lord Randal.' Newell, Journal of American Folk-
lore 13, 115]. Diese Version schliesst mit dem Vermächtnis
des Sterbenden, während dies die anderen englischen und
schottischen nicht thun.
2) Ah! where have von been. Lairde Rowlande,
my son? (5 Str.) mitgeteilt von J. 0. Halliwell in seinen
Populär rhvmes and nursery tales, London 1849, S. 261
[— Child 1, 161 nr. 12E]
3) Whare hae ye been a' the day,
AVillie Doo, Willie Doo? (9 Str.)
mitgeteilt in Peter Buchans Ancient ballads and song,s of the
north of Scotland. Reprint from the original edition of 1828
(Edinburgh 1875) 2, 170 [= Child 1, 164 nr. 12L]. Diese
Version hat eine überflüssige erzählende Schlussstrophe:
They made bis bed, laid bim down,
PoorWillie Doo, AVillie Doo;
He turn'd bis face to the wa', —
He is dead now!
4) 0 whaur hae ye been a' the day,
My little wee croodlin doo? (6 Str.)
bei Child 2, 363 [= 1882 1, 1G4 nr. 12 K] aus 'Chambers,
Scottish ballads p. 324', die mir nicht vorliegen, entnommen
und nur unbedeutend von der Version, die Chambers in den
Populär rhymes gegeben hat, abweichend.
Zu der von R. S. 136 in Wilhelm Grimms Übersetzung
mitgeteilten, zuerst von Walter Scott in The minstrelsy öf
the border' bekannt gemachten Version sei bemerkt, dass sie
auch Freiligrath (Werke 2, 22G) sehr gut. doch minder treu
übersetzt hat.
246 Zur Volksdichtung.
R. hat die verschiedenen deutschen und ausserdeutschen
Versionen unseres Liedes, welches man als das Frag- und
Antwortlied von dem vergifteten Kind (Knaben oder
Mädchen) oder Jüngling bezeichnen kann, in zwei Gruppen
geteilt, deren eine mit der Bitte des Sterbenden, ihm das
Bett auf dem Kirchhof zu machen, die andere mit dem
Testament oder Vermächtnis schliesst. *) Zu der zweiten
268 gehört auch ganz entschieden ein ita- \ lienisches Lied vom
Comersee bei Bolza, Canzoni popolari comasche nr. 49,
welches R. mit Unrecht nur als cder zweiten Gruppe ver-
wandt" bezeichnet und mit einem catalanischen Lied in
F. Wolfs Proben S. 115 und einem tschechischen in Waldaus
Böhmischen Granaten 2, 109 (1860) in eine Linie stellt, ob-
wohl beide letztere inhaltlich und formell (es sind nicht reine
Frag- und Antwortlieder) weit abstehen.
Ausser der comasker giebt es noch andere italienische
Versionen, die R. unbekannt geblieben sind. Man sehe dar-
über A. D'Ancona, La poesia popolare italiana, Livorno
1878, S. 106 ff. [Nigra, Canti popolari del Piemonte 1888,
S. 31. Archivio 16, 129. Im allgemeinen vgl. die Anmerkungen
bei Child, English and scottish populär Ballads 1882 f. nr. 12
'Lord RandaP. Erich Schmidt in Forschungen zur neueren
Litteraturgesehichte, Festgabe förHeinzel 1898, S. 45. A. Herr-
manu, Vergiftung (Ethnolog. Mitt. aus Ungarn 1, 89. 203. 292).]
Nr. 5. 0. Seh ip mann.
Eine, wie es scheint, ganz vergessene Fassung dieses
Liedes findet sich in einer Erzählung von Friedrich Kind,
welche 'Märthchen' betitelt und zuerst in der Abendzeitung
auf das Jahr 1819 nr. 163 — 173 und dann in Kinds Erzäh-
lungen und kleinen Romanen, 2. Bändchen, Leipzig 1822,
S. 61 — 140 erschienen ist. An ersterer Stelle steht das Lied
in nr. 164, an letzterer S. 77 — 79. Das Lied wird in der
Erzählung von der Heldin, die die ganze Erzählung selbst
!) Über den in Volksliedern häufig vorkommenden Zug, 'dass
Sterbende in articulo mortis erst noch ihr Testament machen', vgl. jetzt
auch F. Liebrecht, Zur Volkskunde 1879, S. 203.
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. -_>47
«erzählt, als ein alter Dreigesang bezeichnet, cden alle
Schiffer dortiger Gegend l) im Munde führen, ohne dass jemand
•dessen wahren Ursprung angehen kann. Er handelt nämlich
von einem schwarzbraunen Mädchen, dem ans irgend einer,
schwer zu begreifenden Ursache Gefahr droht, ins Wasser
versenkt zu werden". Nachdem die Erzählerin das Lied ganz
mitgeteilt hat. fährt sie fort: 'Bernhard hatte bei dem Drei-
gesange, der wohl eigentlich ein Fünfgesang ist, die
erste, ich die zweite, und Heinrich die dritte Stimme über-
nommen'. Es scheint mir nicht ungerechtfertigt, diese Fassimg
liier abzudrucken. Sie lautet:
1.
Schiffmann, lass das Schiffchen versinken,
Lass das schwarzbraune Mädchen ertrinken. —
2.
Halt, ach halt, mein Schiffmann, halt!
Ich habe noch einen Vater zu Haus,
Der wird mich nicht verlassen! —
Ach Vater mein !
Verkauf du deinen rothen Stier
Und rett' das junge Leben mir!
Ach Vater mein !
3.
Meinen rothen Stier verkauf ich nicht,
Dein junges Leben rett ich nicht. —
1.
Schiffmann, lass das Schiffchen versinken,
Lass das schwarzbraune Mädchen ertrinken. —
2.
Halt, ach halt, mein Schiffmann, halt!
Ich habe noch eine Mutter zu Haus,
Die wird mich nicht verlassen! —
Ach Mutter mein! |
Verkauf du deine Silberzier 269
Und rett' das junge Leben mir,
Ach Mutter mein!
3.
Meine Silberzier verkauf ich nicht.
Dein junges Leben rett1 ich nicht. —
*) Die Erzählung spielt in einem Fischerdorf und dann in der
'.2 Meilen davon am Ausfluss des Stromes gelegenen reichen Handelsstadt.
>2±$ Zur Volksdichtung.
1.
Schiffmann, lass das Schiffchen versinken,
Lass das schwarzhraune Mädchen ertrinken. —
2.
Halt, ach halt, mein Schiffmann, halt!
Ich habe noch einen Liebsten zu Haus,
Der wird mich nicht verlassen! —
Ach Liebster mein!
Verkauf dich selbst ans Ruder hier
Und rett' das junge Leben mir!
Ach Liebster mein!
3.
Mein Blut und Leben setz ich dran,
Wenn ich das deine retten kann. —
1. 2. und 3.
Schiffsmann, stoss das Schiffchen vom Lande,
Lass das schwarzbraune Mädchen am Strande,
Sie hat noch einen Liebsten zu Haus,
Der wird sie nicht verlassen!
Zu R.'s Anmerkung ist ferner noch zu vergleichen)
F. Liebrechts Aufsatz cEin sicilianisches Volkslied5 in Zur Volks-
kunde S. 222 ff. (zuerst in der Zs. f. d. Phil. 9, 53 erschienen)..
Das von Liebrecht S. 234 im Original und in Übersetzung
mitgeteilte schone färöische Lied ist auch von Rosa Warrens
in ihren Norwegischen, isländischen, färöischen Volksliedern
S. 215 übersetzt, trotzdem aber von R. in der Anmerkung
nicht berücksichtigt. [Erk-Böhme nr. 78. — Child 2, 346
nr. 95 The maid freed from the gallows\ 3, 516. 4, 480.
5, 231. A. Herrmann, Ethnolog. Mitt. aus Ungarn 1, 33..
106. Estlander, Finsk Tidsskrift 10 (1881). J. Krohn, Journal
de la Societe finno-ougrienne 10, 111 — 129 (1892). — Ander-
wärts handelt es sich um Befreiung des Mädchens von Räubern
(Wlislocki, Volksdichtungen der Zigeuner 1890, S. 119. Zs. f.
Volkskunde 2, 318) oder von einer in den Busen gekrochenen
Schlange (Wlislocki 1890, S. 109. Derselbe, Märchen der
transsilvanischen Zigeuner 1886, S. 108. Zs. f. vgl. Littgesch.
n. F. 1. 250. Strauss, Bulgarische Volksdichtungen 1895,,
S. 441. Weigand, Die Aromunen 2, 151. 1894. J
36. Über Reifferseheid, Westfälische Volkslieder. 249"
Nr. 6. Ich sah min II e e rn von Valkensteen.
Ich verweise dazu noch auf die Aufzeichnung bei Fir-
menich, Germaniens Völkerstimmen 1, 263 und auf von der
Hageus Bemerkungen dazu in seiner Germania 8, 216. [Erk-
Böhme nr. 62.]
S. 143 a, Z. 7 v. u. lies: Lh 37*.
Nr. 0. De Kuckuck up den Time satt.
Man füge noch die Variante in Stöbers Elsässischem
Volksbüchlein. 2. stark vermehrte Auflage 1, 7!) hinzu, zu
deren Zusatzstrophen 7 — 10 mau meine Alten Bergmanns-
lieder nr. 15 und 15a und meine Anmerkungen dazu ver-
gleiche. [Erk-Böhme ur. 880. A. Baumgarten 1, 96 = Linzer
Museumsber. 22.]
Zu der Schlussstrophe vgl. man noch den kurzen Hoch-
zeitsgesang hei J. Spee, Volkstümliches vom Niederrhein
2. Heft (Köln 1*7.")) S. 7.
R.'s mit grösster Sicherheit vorgetragene Erklärung des
Liedes als Umbildung eines uralten heidnischen, durchaus
mythischen Hochzeitsliedes wird wohl ebensowenig allgemeine
Zustimmung finden, wie seine bei der Gelegenheit ausge-
sprochene Behauptung, dass der Falke als Bild des Geliebten
in der altdeutschen Dichtung mit dem Volksglauben, nach
welchem der Kuckuck sich mit der Zeit in einen Sperber
oder Falken verwandelt, zusammenhänge.
Nr. 10. Es wollt ein Mädchen Wasser holen.
Vgl. noch A. Paudler, Nordböhmisehe Volkslieder, ß.Leipa
1877, S. 26, wo das Mädchen drei Rosen verlangt: j
Die eine weiss, die andre blau 270
Die dritte wie Korallen —
und Zurmühlen nr. 18 (in Oberkrüchtener Mundart). [Erk-
Böhme nr. 117. Petak, Festgabe für Heinzel 1898, S. 91.]
Im Sommer 1855 habe ich das Lied von Bergleuten aus
Kammerberg und Manebach bei Ilmenau in folgender Fassung
singen hören:
250 Zur Volksdichtung.
l.Ks wollt ein Madchen Wasser holen
Dorthin an jenem Brunnen.
Sie hat ein Bchneeweiss Hemde an,
's war heller als die Sonne.
2. Das Mädchen schaut sich um und um,
Sie dacht, sie war alleine,
Da kam ein Reiter geritten her
Und küsste sie ganz leine.
3. Ich küsse dich ganz feine,
Du bist ja hier alleine.
Meiu Schlafgeselle sollst du sein
Nur eine kleine AVeile.
4. Dein Schlafgesell kann ich nicht sein,
Bis dass du bringst drei Rosen,
Die im "Winter gewachsen sein
Und blühen an die Ostern.
5. Der Reiter ritt wohl über Berg und Thal.
Drei Rosen kann nicht finden.
Er ritt wohl hin vor's Malers Haus:
Frau Malerin, gucken Sie nur wenig 'raus!
6. Guten Tag, guten Tag Frau Malerin,
Bringen Sie mir nur drei Rosen,
Die im Winter gewachsen sein
Und blühen bis an die Ostern.
7. Und als er nun die drei Rosen bracht1,
Da fing sie an zu weinen:
Hab ich ein Wort zu viel gered't,
So hab ich's nicht gemeinet.
Nr. 11. Wohl heute noch und morgen.
Nachzutragen ist, dass in der neuen Bearbeitung des
Wunderhoras von A. Birlinger und W. Crecelius 2, 73 ff.
zwei Niederschriften aus von Arnims Nachlass mitgeteilt sind.
die von dem Text in dem Wunderhorn abweichen. Wenn
Crecelius in der Anmerkung zu der ersten dieser Nieder-
schriften bemerkt, sie sei im Wunderhorn von den Heraus-
gebern willkürlich geändert, so spricht gegen diese Annahme,
dass unser Böckendorfer Text mit dem des Wunderhoras bis
auf ein paar unbedeutende Kleinigkeiten durchaus überein-
stimmt. [Erk-Bühme nr. 45."). Wittstock, Sagen und Lieder aus
dem Nösner Gelände 1860, S.40nr. 10. Aufzeichnung von Auguste
Pattberg, Neue Heidelb. Jahrb. 6, 112.]
36. Über Reiffer scheid, Westfälische Volkslieder. 251
Nr. 12. Es ging ein Reiter spazieren.
[Erk-Böhme ur. 65.] Zu der Anmerkung über den Rechts-
gebrauch, dass eine zum Tode Verurteilte frei wird, wennsie
den Henker heiratet, verweise ich auf ein tschechisches Lied,
welches Michael Klapp im Deutschen Museum 1854. 2; 287
und A. Waldau, Böhmische Granaten 1. 271 übersetzt haben,
und auf F. Liebrecht. Zur Volkskunde S. 434 [sowie Buckel.
Volkslieder aus Hessen 1885, S. LH— LIV. Ferner Nigra,
Canti popolari del Piemonte nr. 11: cLa parrieida'. Överland,
Fra en svunden tid 1888, S. 65. Das neue Blatt 1889, nr. 39
S. 623 (1793 in Orange). Über die Sitte, dass ein zum
Galgen Verurteilter von einem Mädchen freigebeten
werden kann, wenn er dies zu ehelichen verspricht, vgl. noch
Liebrecht S. 433 und Buckel S. XLVII— LH. Kaufmann.
Mtschr. f. d. Gesch. West-Deutschland 7. 257—270. Archiv
f. sächs. Gesch. 1. 236 (1863). M. Zeiller, Centuria 111 var.
quaestionum 1659, S. 137 nr. 30. Abegg, Versuch einer Gesch.
der Strafgesetze 8. 115. 129. Hippel. Beitr. 101. Notes
.and Queries 1869, 417. 524. Wright-Halliwell, Reliquiae
antiquae 1, 2$X:
There is the vornan, here is the galowe tree;
Of boothe choyce harde is the parte;
The woman is the worsse, drive forthe the carthe.
Cintio dei Fabrizi bei Rua, Antiche novelle in versi 1893
S. 67. Louandre. Conteurs fr. avant La Fontaine p. 314 f.
IL Sachs, Der Student Hess sich henken (Meisterlied 1552
im Dresdener Mscr. M 5, 864: wohl nach Waldis 4, 67).
Lyrum Lamm nr. 330. Duportus, Mttsae subsecisivae 1696,
p. 199: 'In furem. qui suspendi maluit quam deformen
uxorem ducere.3 Grässe, Sachs. Sagenschatz 2, 372. Gredt,
Sagenschatz des Luxemburger Landes 1883, nr. 975. Casti-
glione, Hofmann S. 185 b.]
Nr. 13. Es stand eine Linde im tiefen Thal.
Es ist dem Herausgeber entgangen, dass A. Birlinger
das Liederbuch der Ottilia Fenchlerin von Strassburg in dem
1871 erschienenen 1. Hefte seiner Alemannia publiziert hat.
252 Zur Volksdichtung.
Unser Lied stellt dort S. 55. Den neueren Texten sind
R. Sztachovics, Brautsprüche und Brautlieder auf dein Heide-
boden in Ungern (Wien 1867) S. 234 (fast durchaus mit dem
271 Text aus dem Ende des 17. Jahrh. in Erks | Liederhort nr. Ja
über einstimmend)1); Adam Wolf. Volkslieder aus dem Eger-
lande, Eger 1869 nr. 2 (eigentümlicher, leider mehrfach ent-
stellter Text) 2) und Zurmühlen nr. 34 hinzuzufügen. 3) [Erk-
*) Str. 11 und 12 lauten bei Sztachovics:
11 Und kann er mir nicht werden
Der Liebste auf dieser Erden,
So will ich mir brechen meinen Mut
Da irret weder Laub noch Gras.
12 Es fleugt den Winter so kühle
Und trinkt das Wasser so trübe
Es setzt sich auf ein dürren Ast
Gleichwie das Turteltäubchen thut.
Natürlich muss man die vierte Zeile der zwölften Strophe und die -4.
der 11. miteinander vertauschen; dann stimmen die Strophen genau mit
den Text bei Erk. In dem Liederbuch der Fenchlerin lauten die beiden
Strophen arg entstellt:
11 Da hat man im ein Jüngfrewlin geben,
So will ich beweinen mein Leben
Und mir nemmen ein einigen Mut,
Gleichwie das Turteltäublein thut.
12 Es fleugt wohl auf ein dürren Nast,
Dringt uns ja weder Laub noch Gras,
Und meidet das Brünlin küele,
Und trinket das Wasser trüebe.
2) Merkwürdig sind besonders Str. 4 und 5:
4 Da sah sie auf sechs ganze Jahr,
Bis sie hat verhoffet gar,
Da nahm sie ein glühende Scheer,
Sie gesenget ab der Linden ihr Laub.
5 Ach Linden, liebste Linden mein,
Lass du dein Laub gesenget sein,
Mein feines Lieb hat mein vergessen,
Hat nimmer an mi dacht,
Hat mir mei Herz ins Trauern bracht.
3) Darin die Zeilen:
Er zog vom Finger ein Ringelein rut,
Woran sie ihn ja erkennen thut.
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. 253
Böhme nr. 67. Köhler-Meier nr. 117. Obert, Deutsches
Museum 1858, 2, 2-20. Böckel, Zs. f. vgl. Littgesch. 1, 73.
Kristensen, Gamle Viser 4, 251. Krejci, Zs. d. V. f. Volksk.
1, 418.]
Nr. 15. Es blies eiu Jäger wohl in sein Hörn.
Vgl. über dies Lied W. Menzel, Odin S. 215 f. [Erk-
Böhnie nr. 19. Frischbier, Ostpreussische Volkslieder nr. 79.]
Nr. 16 — 18. Stolz Syburg, der wollt freien gebn.
Und als ich auf grün Heide kam. Es zog ein Reiter
wohl über den Rhein.
Zu den in der Anmerkung zu diesen Nummern von R.
ausführlich besprochenen Liedern von dem Frauen- oder
Jungfrauenmörder [Erk-Bölime nr. 41 — 42. 195. Child
1, 22 nr. 4 cLady Isabel and the Elf-Knight3] habe ich einige
hinzuzufügen und zwar:
1. Zu der Gruppe derjenigen, welche mit der Erzählung
von dem wunderbaren Gesang des Reiters, dem die Jung-
frau willenlos folgt, beginnen, und mit der Errettung der
Jungfrau durch ihren Bruder und mit der Drohung oder der
Ausführung der Rache an dem Jungfrauenmörder schliessen,
noch die von Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau 1 24,1)
Lütolf, Sagen, Bräuche und Legenden aus den fünf Orten Lucern,
Uri, Schwyz, Unterwaiden und Zug S. 71 und Birlinger,
Schwäbisch-augsburgisches Wörterbuch S. 458 mitgeteilten
Lieder. [Schlossar 338.]
2. Zu der Gruppe derer, in welchen auch die zuletzt
von dem Mörder entführte oder geheiratete Jungfrau von ihm
ermordet, er aber dann von ihrem Bruder getötet wird,
noch das in den Neuen preussisclien Proviuzialblättern,
andere Folge, Bd. 3 (49), 158 aus Natangen mitgeteilte Lied.
[= Frischbier, Ostpreuss. Volkslieder 1893 nr. 23. A. Müller,
Erzgebirge S. 92.]
3. Zu der Gruppe derer, in denen der Frauenmörder
von der Jungfrau überlistet und getötet wird, die von
') Dies Schweizer Lied hat Reifferscheid allerdings S. 167 b Z. 2
angeführt, aber bei einer anderen Gruppe, zu der es nicht gehört.
•254 Zur Volksdichtung.
J. Spee, Volkstümliches vom Niederrhein 2. Heft, Köln L875,
272 S. 3 und Waling Dykstra | en T. G. van der Meulen, In Doas-
fol aide Snipsnaren, Freantsjer 1856, S. 80 mitgeteilten Lieder.
Nr. 19. Nichts mehr was mich erfreuen kann.
Vgl. noch Aus Herders Nachlass 1, 156; Zurmühlen
nr. 47; A. Wolf, Volkslieder ans dem Egerlande, nr. 1,
Haupt und Schmaler 1, nr. 144. [Erk-Böhme nr. 48. Köhler-
Meier nr. 18.]
Nr. 20. Wach auf, wach auf, mein Schatz allein.
Vgl. auch V. Pogatschnigg u. E. Herrmann, Deutsche
Volkslieder aus Kärnten 1 (Graz 1869), 335 nr. 1458 mit
Nachtrag 2, 22t)1). [Erk-Böhme nr. 93. Frischbier nr. 2.]
Nr. 21. Auf dieser AVeit hab ich kein Freud.
[Erk-Böhme nr. 569. Köhler-Meier nr. 32.] Zu Str. 10:
Ich wollt der Himmel war Papier,
Und alle Sternlein schrieben hier
Sie schrieben wohl mit siebzig Hand,
Und schrieben doch der Lieb kein End' —
verweise ich auf meinen Aufsatz im Orient und Occident 2,
546 — 4!) 'Und wenn der Himmel war Papier1, zu welchem
ich seitdem eine Menge Nachträge gesammelt habe. [Unten
nr. 40.]
Nr. 23. Hans Michel de wunt in de Lämtnergass.
Vgl. noch Simrock nr. 334 [Friedländer. 100 deutsche
Volkslieder nr. 99. Germania 22. 309 nr. 190. Erk-Böhme
nr. 1748], ferner auch das Kinderlied im 'Anhang" zum
Wunderhorn S. 47, welches 'Kinder-Konzert, prima vista' be-
titelt ist und anfängt: 'Kleins Männele, kleins Manuele, was
kannst du machen?" [2, 756 ed. Birlinger-Crecelius] und
A. Durieux et A. Bruyelle, Chants et Chansons populaires du
Cambresis 1, 122 (Le bonhomme Jean) und 122 f. (Mon per'
m'envoie au inarche). Kristensen, Danske Dyrefabler 189G,
S. 190.]
J) In der 1879 erschienenen 2. verbesserten u. vermehrten Auflage
des 1. Bandes ist das Lied weggelassen und für die zweite — noch nicht
erschienene neue — Auflage des 2. Bandes zurückgelegt.
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. 255
Nr. 24. 0 Dannebom, o Dannebom.
Folgende Zeugnisse für die alte Beliebtheit dieses Liedes
habe ich gelegentlich gesammelt. In einem Liederquodlibet
vom Jahre 1620, betitelt Newer Grillen Schwann, kommen,
wie Hoffmann von Fallersleben im Weimarischen Jahrbuch
3, 131 mitteilt, die Zeilen vor:
Du grünest uns den "Winter,
Die liebe Sommerzeit.
In der Pseudonymen, angeblich von Gottfried Wilhelm Sacer
verfassten und 1673 erschienenen Satire: 'Reime dich, oder
ich fresse dich'1) wird S. 42 neben vier anderen Lieder-
anfängen auch genannt: Tannebaum, ach Tannebaum. In dem
Possenspiel: 'Der visierliche Exorcist', welches dem gleich zu
erwähnenden 'Interim' angehängt ist, singen Frater Johannes
und Pater Bernhard auf die Weise des Tannenbaums
(S. 29) folgende Strophe:
Ambo appropinquamus jam
Herr Aniice, zu dir:
Sagende, bona dies quam,
Mit dir, optamus wir.
In dem Alamodisch technologischen Interim (Rappers- 273
weil 1675)2) sagt einer (S. 143), er sei nicht so alt, er könne
noch dt'n calten Hildebrand" und cGut Hencheu1 (lies:
Henschen) über die Heide naus reit' singen und nach dem
Tannenbaum eine Galgenarth 3) springen. In einer Schrift
vom Jahre 1719 wird als Beispiel der 'alten Stückchen',
welche die Studiosi in Altdorf um 1700 bei ihren Schmausen
sangen, cO Tannenbaum, o Tannnenbaum' genannt. S.
Weimarisches Jahrbuch 3, 472. [Erk-Böhme nr. 175. Tobler
1, 174. Petrus Fabrieius hsl. Liederbuch von 1608, nr. 173
(Bolte, Niederdeutsches Jahrbuch 13. 55). — Citiert von
J) Vgl. Gervinus 3 +, 320; Goedeke 2, 500 nr. 277 [2 3, 225. Bolte,
Die Singspiele der engl. Komödianten 1893, S. 37 f.].
2) Vgl. über das Interim meine Ausgabe der Kunst über alle
Künste S. XXVII ff. - - Die Grossh. Bibliothek zu Weimar besitzt seit
1868 ein Exemplar des Interim, welches mit desselben Verfassers Pedan-
tischem Irrtum zusammengebunden ist.
3) D. i. eine Galliarde.
256 Zur Volksdichtung.
Thomasius, Monatsgespräche 2, 231 (1688): 'Traut Hedewich
oder Tannebaum'. Chr. Reuter, Graf Ehrenfried 1700 (Zarncke,
Abh. der k. säehs. Ges. d. Wiss. 21, 574).]
Nr. 25. Drüben auf grüner Heid.
Den Varianten1) sind noch folgende hinzuzufügen: [Erk-
Böhme nr. 1746. Hauffen, Gottsehee nr. 1 29.] Meier, Deutsche
Volksmärchen aus Schwaben nr. 84; Büsching, Wöchentliche
Nachrichten 2, 66 (aus der Umgegend von Stuttgart): ßir-
linger, Nimm mich mit!, Freiburg im Breisgau 1862, S. 121
(aus Leuchtenberg-Oberpfalz): Fiedler, Volksreime und Volks-
lieder au Anhalt-Dessau S. 34: Pröhle. Kinder- und Volks-
märchen nr. 57; Dunger, Kinderlieder und Kinderspiele aus
dem Vogtlande nr. 88 und 89; Zurmühlen nr. 73: E. de la
Fontaine, Die Luxemburger Kinderreime. Luxemburg 1877.
S. 50; Waling Dykstra en T. G. van der Meiden, In Doas
fol aide Snipsnaren, Freantsjer 1856, S. 77; S. Grundtvig,
Gamle danske minder i folkemunde 3, 191; Poesies
populaires de la Lorraine, Nancy 1854, S. 148; A. Durieux
et A. Bruyelle, Chants et chansons populaires du Cambresis
1, 119; Revue des langues romanes 2, 309 und 3. 209;
(aus Languedoc); Melusine, recueil public par H. Gaidoz et
E. Rolland, Paris 1878, S. 461 (aus der Bretagne). [Luzel
et Le Braz, Soniou Breiz-Izel 1, 67 (1890). Desaivre, For-
mulettes S. 29. 31.]
Nicht eigentliche Varianten, aber verwandt sind die
Kindersprüche bei Meier, Deutsche Volksmärchen aus
Schwaben nr. 89; B. Spiess, Volkstümliches aus dem Fränkisch-
Hennebergischen S. 72; A. Paudler, Nordböhmische Volks-
lieder S. 35; Meier, Kinderreime aus Schwaben nr. 121, S. 57:
Fiedler, Volksreime S. 44 nr. 47 (als Rätsel mit der Auflösung:
Stangenbohnen) ; Th. Vernaleken und F. Brauky, Spiele und
Reime der Kinder in Oesterreich S. 62; Stöber, Elsässisches
Volksbüchlein 1, 39; Kehrein, Volkssprache und Volkssitte
im Herzogtum Nassau 2, 294.
!) Stöber, Elsäss. Volksb. 37 i*t zu streichen.
36. Über Reifferscheid, Westfälische Volkslieder. 257
Nr. 26. Da droben auf jenem Berge.
[Erk-Böhme nr. 419. Köhler-Meier nr. 99.] Peter
Moser, Aus den Alpen, Geschichten, Schwanke und Bilder
aus dem Volksleben (Gera 1874) S. 203 f. giebt 2 Strophen,
die Varianten von Str. 3 und 4 unseres Liedes sind, als ein
besonderes Lied und dann 4 Strophen, deren beide erste
Variauten von nr. 1 und 2 unseres Liedes sind, wieder als
besonderes Lied, j
Zu Str. 1 vgl. man die 5. Strophe eines ermländischen 274
Liedes auf die heilige Maria in der Zeitschrift für deutsche
Mythologie 2, 427, welche lautet:
Dort auf jenem Berge
Da steht ein hohes Haus
Da fliegt alle Abend, alle Morgen
Eine goldne Taube heraus.
Nr. 27. Hab nun keinen Schatz nicht mehr.
[Erk-Böhme nr. 511. Frischbier nr. 49.] Dies Lied
habe ich im Sommer 1855 in Ilmenau von Kammerberger
und Manebacher Bergleuten so singen hören:
1. Wenn ich gleich kein Schätzchen mehr hab',
Werd' ich schon eins kriegen,
Ging das Gässlein auf und ab,
Bis ich kam zur Linden.
2. Als ich zu der Linde kam,
Stand mein Schatz darneben:
Grüss dich Gott herztausender Schatz,
Wo bist du gewesen?
3. Und wo ich gewesen bin,
Darf ich dir's wohl sagen?
Ich bin gewest in fremden, fremden Land
Hab' auch was erfahren.
4. Und was ich erfahren hab,
Darf ich dir's wohl sagen?
Ich hab erfahren, heut diese, diese Nacht
Bei dir zu schlafen.
5. Bei mir schlafen darfst du wohl,
Ich will dir's auch nicht wehren,
Aber nur, herztausender Schatz,
Aber nur in Ehren!
Köhler. Kl. Schriften. III. IT
■_>58 Zur Volksdichtung.
6. Zwischen Berg und tiefen, tiefen Thal
Sassen auch zwei Hasen,
Frassen ab das grüne, grüne Gras
Bis auf den Rasen.
7. Als sie sich satt gefressen hatten,
Setzten sie sich nieder,
Kam ein Jäger aus dem Wald,
Schoss sie beide nieder.
8. Wächst denn nun kein grünes, grünes Gras.
Gar nicht mehr auf Erden?
Bist zuvor mein Schatz gewest,
Sollst's auch wieder werden.
Nr. 33. Mein Schatz der geht den Krebsgang.
Zu Str. 6:
Wer mit Katzen ackern will,
Der spann die Maus voraus,
Dann geht es alles wie der Wind,
Die Katz, die fängt die Maus.
vgl. Wunderhorn, Erksche Ausgabe 3, 217 = Birlinger-Cre-
celius 2, 118 Str. 3:
Doch wer mit Katzen ackern will,
Der spann die Maus voraus,
So geht es alles wie ein Wind,
So fängt die Katz die Maus.
Scherer, Juugbrimnen nr. 83B, Str. 3:
Doch wer mit Katzen ackern will,
Der spann die Maus voraus,
So geht es alles wie der Wind,
So fängt die Katz die Maus.
Mittler nr. 776, Str. 3: |
275 Und wer mit Katzen ackern will,
Der schickt die Maus voran,
Dann geht es allezeit hoxdebox,
Die Maus die läuft voran.
[Tobler 1, -JOS nr. 3.]
[Nr. 35. Ich hab ein AVort geredet.
Gedichtet von Chr. Weise 1679; vgl. Ph. Spitta, Musik-
geschichtliche Aufsätze S. 214. Erk-Bühme nr. 643.]
36. Über Reiffer6cheid, Westfälische Volkslieder. 259
Nr. 4-1. Bökendorf, geliebtes Örtchen.
[Erk-Böhme nr. 773.] Zu Str. 2, 3 imd 4 ist nicht nur
auf Simrock 256 und Erk, Lh. 2:21 zu verweisen, sondern
auch auf ein schlesisches Lied in Hoffmanns von Fallersleben
Findlingen 1. 107 (3 Str., fast ganz mit Erk Str. 1 — 3 stimmend),
ein Lied aus Natangen und Samland in den Neuen preussischen
Provinzialblättern, andere Folge Bd. 3 (49), S. 153 (5 Str.,
dem Erkschen Text sehr nahe stehend), und auf ein Lied
aus Nordböhmen im Deutschen Museum 1854, 1. 464 (6 Str.
sehr abweichend). [Erk-Bühme nr. 774.]
Nr. 45. Muss ich stets in Trauren leben.
Vgl. auch Hoffmann von Fallersieben, Findlinge 1, 112
und Zurmühlen nr. .'!.">.
Nr. 46. De siden Schnur geit ümme dat Hus.
Zu Str. 3:
Wi wünschen den Heern en golden Disch,
An allen veir Ecken en gebacken Fisch -
ist auf H. Pfannenschmid, Germanische Erntefeste im heid-
nischen und christlichen Kultus, mit besonderer Beziehung
auf Niedersachsen (Hannover 1878) S. 414 und 416 bis 11»
zu verweisen, wo ausser unserem westfälischen Lied auch
das fränkische Neujahrslied bei Ditfurth 2. nr. 379, und das
steirische bei Firmenich 2, 747 hinzuzufügen sind. In
ersterem heisst es:
Wir wünschen ihm (dem Herrn) einen goklnen Tisch,
Darauf soll er essen gebackene Fisch —
im letzterem:
Mia wedn an (dem Herrn) winschn
an guldign Tisch,
af an iaddn Egg
an guldign Fisch,
pa da Mitt a Glasl Wain,
dos suPn Hausheadn
sain Gsunthaid sain.
In dem langen Neujahrslied bei A. Wolf, Volkslieder
aus dem Egerlande S. 88 ff. kommt der goldene Tisch nicht
vor. [Erk-Böhme nr. 1185. Treichel, Volkslieder aus West-
17*
260 Zur Volksdichtung.
preussen nr. 69 — 70. Lemke, Ostpreussen 1, 31. Bartsch,
Mecklenburg 2, 277. 298—305. Hrusehka-Toischer S. 44,
nr. 64 — 66.]
Nr. 49. Hei, hei, hei, hei, w e is dat denn?
Zu Str. 4 (vgl. auch die Variante S. 188) verweise ich
auf Grimm KHM. nr. 96 und Bd. 3, S. 176.
[S. 106, Nr. 1. Ach Wunder über Wunder.
Vgl. Erk-Böhme nr. 194. Köhler-Meier nr. 14. Child
1, 177 nr. 15 'Leesome Brand;3 vgl. 1, 501. 2, 499. 3, 500.
4, 450. 5, 209.
Parallelen zu den folgenden Liedern führt Böhme, Littera-
turblatt 1880, 250 f. an.]
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder I.
(Anzeiger für deutsches Altertum 11, 76 — 84. 1885.)
Schweizerische Volkslieder , mit Einleitung und Anmerkungen heraus-
gegeben von Dr. Ludwig Tobler. (Bibliothek älterer Schriftwerke der
deutschen Schweiz 4). Frauenfeld, J. Huber 1882. CLI und 234 S.
8°. — 5 M.1)
L. Tobler bietet uns in seinen Schweizerischen Volks-
liedern eine Auswahl sowohl schon gedruckter, als bisher
ungedruckter Volkslieder. Die Mehrzahl der schon gedruckten
sind solche, die bisher in zahlreichen zum Teil, besonders
ausserhalb der Schweiz schwer zugänglichen Büchern und
Zeitschriften zerstreut und deshalb wenig bekannt waren.
Aus bekannten, jedermann leicht zugänglichen Liedersamm-
lungen sind nur einige Lieder hier wieder abgedruckt, bei
denen besondere Bemerkungen oder Textänderungen anzu-
bringen waren. Die mitgeteilten bisher uugedruckten Lieder
sind teils älteren, handschriftlichen Sammlungen entnommen,
') Vgl. Allgem. Zeitung 1882, nr. 353 Beilage. — Deutsche
Litteraturzeitung 1883, nr. 11 (M. Heyne). - [Einen zweiten Band der
Volkslieder gab Tobler 1884 heraus.]
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder I. 261
teils erst in neuerer Zeit aus dem Volksmund aufgezeichnet
worden. Die Lieder sind in 'historische' und in 'allgemeine'
eingeteilt, die 'allgemeinen' wieder in 'geistliche' und 'welt-
liche", und letztere in 'epische' und 'lyrische', denen sich dann
noch als 'Anhang' einige Gebete, Alpsegen, Nachtwächterrufe
und Reimsprüche anschliessen. Ausser diesen mit sprachlichen
und sachlichen Anmerkungen reich ausgestatteten 'Texten'
('S. 1 — 218) enthält das Buch aber noch eine 'Einleitung'
(S. 1 — CLI), die in folgende Abschnitte zerfällt: 'Historische
Volkslieder. Begriff und Quellen derselben; Grundsätze der
Auswahl und Behandlung. Chronologisches Verzeichnis. All-
gemeine Volkslieder. Einleitung: I. Alter und Verbreitung.
11. Sprachform. III. Metrische Formen. IV. Quellen und
bisherige Sammlungen. V. Auswahl, Behandlung und Anord-
nung der Texte. Übersicht: I. Geistliche Lieder: a. Epische.
b. Lyrische. IL Weltliche Lieder: a. Epische, b. Lyrische.
1. Liebe und Kiltgang. '2. Hausrat und Hochzeit. 3. Stände.
4. Sitte und Geselligkeit: Jahreszeitfeste: Tierleben. Anhang.
Verzeichnis (1) der in der Einleitung angeführten, aber nicht
in die Texte aufgenommenen allgemeinen Volkslieder, welche
in der Schweiz verbreitet, aber meistens bereits aus anderen
Sammlungen bekannt sind. Verzeichnis (2) einiger in der
Einleitung vorkommender, in der Inhaltsübersicht nicht an-
gegebener Gegenstände von allgemein literarhistorischer Be-
deutung. — Diese Einleitung ist ebenso wichtig und interessant
als es die Texte sind, insbesondere die Übersicht der Lieder,
welche nicht nur die in der Sammlung gedruckten, sondern
überhaupt alle dem Verfasser bekannten gedruckten und
ungedruckten umfasst. Beim Lesen dieser Übersicht bedauert
man, dass der Verfasser von den ihm bekannten, anderwärts
gedruckten oder auch noch ungedruckten Liedern nicht noch
mehr in seine Sammlung aufgenommen hat. Er sagt selbst
5. X f : 'Ich bin auf den Vorwurf gefasst, dass ich mehr oder
gar alles Vorhandene hätte geben sollen. Sollte das Begehren
danach wirklich in weitern | Kreisen laut werden und sollte,
was ich jetzt noch nicht zu hoffen wage, trotz der Unvoll-
ständigkeit des jetzt Gegebenen eine zweite Auflage nötig
2ß2 Zur Volksdichtung.
werden, so könnte jener Wunsch Erfüllung finden, indem
dann die Einleitungen weggelassen oder verkürzt und dafür
mehr Texte aufgenommen würden'. Wir wünschen lebhaft,
dass eine zweite Auflage nötig werde und dass dann die
Texte beträchtlich vermehrt werden mögen. Wir möchten
dem Herrn Herausgeber für eine zweite Auflage aber auch
empfehlen, der Machweisung und Vergleichung der nicht
schweizerischen Varianten zu seinen Texten grössere Auf-
merksamkeit zuzuwenden und deshalb die gesamte deutsche
Volksliederlitteratur daraufhin gründlich durchzugehen. In der
gegenwärtigen Auflage hat er sich, wie er selbst S. LXXXIX
gesteht, fast nur auf Vergleichung und Citierung der bekannten
Mittlerschen Sammlung beschränkt, 'welche ihrerseits die
meisten anderen Sammlungen citatweise in sich aufgenommen
haf. Mittlers Buch ist aber 1855 erschienen, und sind nicht
seitdem zahlreiche neue wertvolle Liedertexte veröffentlicht
worden? Übrigens hätte Herr T. Mittlers Sammlung auch
noch öfter zur Vergleichung heranziehen können.
Es sei mir nun gestattet, zu einer Anzahl der allgemeinen
(d. h. nicht historischen) Lieder Nachweise anderer Texte und
Varianten, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit
machen, und einige andere Anmerkungen hier mitzuteilen.
S. 74 nr. 1. In mitten der Nacht, vgl. H. Pfannen-
schmid, AVeihnachts-. Neujahrs- und Dreikönigslieder aus
dem Ober-Elsass (Colmar 1884), S. 5—7, und W. Pailler.
V\"eihnachtslieder und Krippenspiele aus Oberösterreich und
Tirol, 1. Bd. (Innsbruck 1881) nr. 145 und die Nachweise in
der Anmerkung. [Erk-Böhme, Liederhort nr. 1943.]
S. 77 nr. 3. Reich und Arm soll fröhlich sein.
Vgl. Pailler 1, nr. 84 und die Anmerkung. [Erk-Böhme,
nr. 1183.]
S. 81 nr. 5. Ich lag in einer Nacht und schlief.
Vgl. von Ditfurth, Fränkische Volkslieder 1, nr. 15: Pailler 1.
nr. 308 und die Nachweise in der Anmerkung, Pfannen-
schmid S. 20. [Erk-Böhme nr. 1956.]
S. 86 nr. 8. Laz a r u s und seine Schweste r n.
Vgl. A. Paudler, Nordböhmische Volkslieder (B.-Leipa 1877)
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder I. 263
nr. 1 [= Hruschka-Toischer, Deutsche Volkslieder aus Böhmen,
1891, S. 66 nr. 100] und A. Peter, Volkstümliches aus
Österreichiseh-Sehlesien 1, 353.
S. 88 nr. 9. Regina. Vgl. Meier, Schwäbische Volks-
lieder nr. 208 (Regina ging in Garten), K. J. Schröder, Wörter-
buch der Mundart von Gottschee, S. 193 (Wan dort da stet
(»in gartle, mit roasen ists angesän Str. 6: Main name
der hoisset Regina), A. Schlossar, Deutsche Volkslieder aus
Steiermark nr. 308 (Eine Jungfrau ging im Garten) und
C. Mündel. Elsässische Volkslieder nr. 22 (Christina ging im
Garten). Unland S. 1037 bemerkt zu dem verwandten Lied
von der Jungfrau und Jesus, dem Tlümelmacher' (nr. 331):
'vgl. Lied Von der heil. Jungfrawen Regina u. s. w.D H. Bl.
München bei Anna Bergin 1619, auch in (Auerbachers)
Anthologie deutscher katholischer Gesänge aus älterer Zeit,
Landshut 1831. S. 219. [Erk-Böhme nr. 2122. Bolte, Zs. f.
dtsch. Altert. 34, 25. 36, 96.]
S. 90 nr. 10. Die heilige Turtilla. In den 'Nach-
trägen' (S. 228) bemerkt der Hg. dazu: 'Turtilla ist mund-
artliche Entstellung von Ottilia, Mit diesem Namen ist das
Lied in Schwaben bekannt; s. Schwab. Volkslieder, Frei-
burg i. B. 1864, S. 50.D Nicht nur in Schwaben, sondern auch
am Rhein und in Franken, s. die Nachweise bei G. Scherer,
Jungbrunnen zu nr. 53. Ich erinnere auch an einen Segens-
sprucli bei F. W. Schuster, Siebenbürgisch-sächsische Volks-
lieder u.s.w. S. 311, der beginnt: 'Duidelgh die ward blind
geboren". [Erk-Böhme nr. 2113L]
S. 92 nr. 11. S'will eine Jungfrau reise. Vgl. Meier
nr. 199: Es wollt' eine Jungfrau wandern. [Erk-Böhrne
nr. 2126.]
[S. 93 nr. 12. Die drei armen Seelen. Vgl. Köhler,
Aufsätze S. 76. Erk-Böhme nr. 217—218. Meier. Schwab.
Volkslieder nr. 210; Volksmärchen aus Schwaben nr. 69.
Bols, Oude vlaamsche Liedereu 1897, nr. 48.
S. 102 nr. 19. Tannhäuser. Vgl. auch A. Baumgarten.
Aus der volksmässigen Überlieferung der Heimat 9 (Linzer
Musealjahresbericht 29), 150, Pogatschnigg und E. Herrmann,
•_>(J4 Zur Volksdichtung.
Deutsche Volkslieder aus Kärnten S. 434. [Erk-Böhme
nr. 17 — 18. Levissohn, Zs. f. d. Altert. 35, 439. Rosegger,
Ausgew. Schriften 3, 286 (1884).] — Interessant ist die
3. Strophe der von Tobler gegebenen Version des Tannhäuser-
Liedes, wonach die drei schönen Jungfrauen im Frau-
Vrenesberg am Sonntag Ottern und Schlangen sind. Es
ist dies ein neuer Beleg für den Glauben, dass Feen oder
ähnliche Wesen in jeder Woche an einem gewissen Tage oder
auch an mehreren Schlangen sind. Die Belege, die ich dafür
beibringen kann, sind folgende: In dem italienischen Roman
Guerino Meschino (cap. 145) wird die Sibilla Cumana in der
Höhle von Norcia alle Sonnabende eine Schlange und erhält
erst Montag menschliche Gestalt wieder; mit ihr verwandelt
sich ihr ganzer Hofstaat in verschiedene brutti vermi. Niccolö
Eugenico, einer der alten Kommentatoren von Ariostos Orlando
furioso, bemerkt zu der gleich zu erwähnenden Stelle dieses
Gedichtes :
Nelle montagne di Norsia e im' entrata, dove si va, dopo
molto travaglio, nella spelonca abitata della Sibilla Cumana
con molte sue donzelle, le quali ogni venerdi si cangiano con
lei in serpenti (s. Panizzis Ausgabe des Orlando furioso 4, 305).
Ariosto lässt nämlich im Orlando furioso (43, 98) die Fee
Manto sagen, es sei allgemeines Los der Feen,
Ch' ogni settimo giorno ognuna e certa
Che la sua forma in biscia si converta — -,
in den Cinque canti aber (2, 117) erzählt er von der Fee
Medea, die in einem alten Wald in Böhmen hauste,
Dove ogni ottavo di sua bella forma
In bruttissima serpe avea a mutarsi.1)
Giuseppe Parini (1729 — 1799) sagt in seinem Gedicht II mattino
gegen das Ende hin :
Fama e cosi, che il di quinto le fate
Loro salma immortal vedean coprirsi |
79 Giä d' orribili scaglie, e in feda serpe
Volte strisciar sul suolo u. s. w.
') Auf diese Stelle der Cinque canti bin ich durch P. Rajna, Le
fonti dell' Orlando furioso (Firenze 1876) S. 509 hingewiesen -worden.
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder I. 265
Allbekannt ist die Sage von der Fee Melusine, die
alle Sonnabende zwar nicht ganz, aber doch vom Nabel an
zur Schlange wird und welcher Graf Raimund vor seiner
Vermählung mit ihr das Versprechen geben muss, sie nie
am Sonnabend sehen zu wollen. Mit der Melusinen-Sage
stimmt auffallend ein ehstnisches Märchen iF. Kreutzwald.
Ehstnische Märchen, übersetzt von F. Löwe, Halle 1869, nr. 16),
in welchem eine Meermaid alle Donnerstage vom Nabel
abwärts zu einem Fisch wird und in dieser Gestalt von ihrem
sterblichen Manu nicht gesehen werden darf u. s. w. l) Ich
begnüge mich hier mit dieser blossen, meines Wissens nach
nie gemachten Zusammenstellung.2)
S. 118 nr. 15. Vom Schützerschmied- Anneli. Früher
schon in Lütolfs Sagen u. s. w. aus den fünf Orten S. 70 f., hier
aber mit Benutzung einiger nachträglich von Lütolf dem
Herausgeber mitgeteilten Varianten. Der Herausgeber sagt
S. 121, er habe zu dem Lied keine Parallele finden können:
ich kann aber deren vier nachweisen, nämlich Pröhle, Welt-
liche und geistliche Volkslieder nr. 10, von Ditfurth, Fränkische
Volkslieder 2. nr. 28. Peter, Volkstümliches aus Österreichisch-
Schlesien 1. 278, und ein ostpreussisches Lied bei A. Schott-
müller, 'Die Krügerin von Eichmedien' (Bericht über das-
Königl. Gymnasium zu Bartenstein), Bartenstein 1875, S. 18.
[Erk-Böhme nr. 11 und 219. Köhler-Meier. Volkslieder von
der Mosel nr. 10. Häuften. Gottschee nr. 122. Siebenbürg.
Korresp. -Blatt 1898, 80.] Es sind diese, soviel ich weiss,.
*) Sowohl das ehstnische Märchen als auch die Stellen über die
Sibilla in der Höhle von Xorcia, die aus Ariosto und Parini und dem
Tannhäuserlied sind dem Verfasser der neuesten Schrift über dieMelusinen-
Sage unbekannt geblieben. Die Schrift, die recht verdienstlich ist, auch
wenn man nicht alle Ansichten des Verfassers teilen kann, ist betitelt :
Le mythe de la Mere Lusine (Meurlusine, Merlusine, Mellusigne, Mellusine,
Melusine, Meleusine). Etüde critique et bibliographique par le dr. Leo
Des ai vre (Extrait des Memoires de la societe de statistique, sciences,.
lettres et arts des Deux-Sevres), Saint-Maixent 1883.
2) In meiner Anmerkung zu Kreutzwald S. 364 habe ich auf
Melusine, die Manto im Orlando furioso und die Sibilla im Guerino
hingewiesen. [Kohler, Der Ursprung der Melusinensage 1895.]
266 Zur Volksdichtung.
noch nicht zusammengestellten fünf Lieder1) sehr verderbte
und stark voneinander abweichende Varianten eines Liedes,
welches man bezeichnen kann als das Lied von der Schmieds-
tochter, die der Teufel in ein Pferd verwandelt, auf dem er
reitet, und die er von ihrem Vater, dem sie sich dabei als
seine Tochter zu erkennen giebt, beschlagen lässt. Lütolf
bringt S. 468 eine mit seinem Lied im wesentlichen überein-
stimmende Lokalsage: Lied und Prosa ergänzen die Lokal-
tradition. S. 76 aber hat er als verwandt mit seinem Lied
eine Sage bei Vernaleken, Mythen und Bräuche aus Österreich
S. 46, und die ihm nur aus Nork, Mythologie der deutschen
80 Volkssagen | S. 88 bekannte, seitdem von Schottmüller a. a. 0.
ausführlich behandelte Sage von der Krügerin von Eichmedien
herangezogen. Nach der österreichischen Sage weckte einst
in einer Winternacht ein unbekannter Mann einen Schmied
und forderte ihn auf, sein Ross zu beschlagen, und als er
den ersten Nagel hineinschlug, sagte das Ross: 'Gevatter,
nicht so tief!" Ob das Teufelsross früher ein Mann oder ein
Weib gewesen und weshalb die Verwandlung erfolgt ist.
berichtet die Sage nicht. Nach der ostpreussischen, in
mancherlei Versionen überlieferten Sage holte der Teufel die
betrügerische Schenkwirtin von Eichmedien, als sie sich eines
Abends verschwor, der Teufel solle sie holen, wenn sie die
Zeche falsch gemacht habe, verwandelte sie in ein Ross und
ritt auf ihm zum Schmied in Schwarzenstein, den er weckte
und aufforderte, sein Pferd zu beschlagen. Das Pferd aber
sagte zum Schmied: 'Nur sachte, Gevatter, ich bin die Krügerin
von Eichmedien!3 Ehe der erschrockene Schmied sie be-
schlagen hatte, krähten die Hähne, und sie erhielt ihre
menschliche Gestalt wieder'. Viel näher unserem Lied von
•der Schmiedstochter steht aber eine lateinische Erzählung,
]) Bei Chr. Petersen, Hufeisen und Rosstrappen oder die Hufeisen-
sfeine in ihrer mythologischen Bedeutung (Kiel 186(3) S. 68 sind nur
die von Pröhle und Ditfurth veröffentlichten Lieder zusammengestellt,
und Schottmüller weiss nur von dem Schweizer Lied, von dem er
jedoch nur die Inhaltsangabe bei Henne am Khvn, Deutsche Yolkssage
•S. 447 kennt.
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder 1. -J(i7
die W. J. Thomas aus einer Ils. des 13. Jahrb. in den Alt-
deutschen Blättern 2, 7(3 herausgegeben und die dann
Th. Wright in seine Selection of latin stories nr. 35 auf-
genommen hat. Sie lautet: 'Contigit in Anglia, quod daemon
in specie hominis sedens super jumentum nigrum venit aocte
ad (lomuni cuiusdam fabri, exitans eum, ut jumentum suum
ferraret; et eum clavos in pedes feriret, exelamavit animal
illud, diceus: cLeniter age, tili, quia multum nie gravas.3
Quo stupefacto et dicente: fQuis es tu?' respondit: c£go sum
mater tua. (jiiae quia fueram sacerdotis fornicaria, facta sum
daemonis vectura.' Quo dicto disparuit cum sessore suo.
Merito enim fuit daemonis jumentum quae ad modum vixit
jumentorum/
Mit dieser Erzählung vergleicht sich wieder ein im ver-
gangenen Jahr in der Romania 12, 221 — 23 zum erstenmal
herausgegebenes Fabliau, welches in einer Hs. aus der
2. Hälfte des 13. Jahrh. steht und nach dem Jahr 1239 gedichtet
sein muss, da es ein Ereignis dieses Jahres erwähnt. Nach
diesem Fabliau kommt ein Teufel eines Nachts zu einem
Schmied in der Normandie auf einer schwarzen Stute geritten,
lässt sich von ihm das Pferd frisch beschlagen und teilt ihm
auf sein Befragen mit. er sei der Teufel Maquerel, die Stute
aber sei früher eine Priestersfrau (prestresse) gewesen und
weide nun nach ihrem Tod zur Strafe von ihm als Pferd
geritten. cNous amon mieus', sagte er, ca chevauchier prest-
resses et plus les avon chier que destrier a roi ne a conte,
por fere leur asez de honte." Die lateinische Erzählung
und das Fabliau r) sind die ältesten mir bekannten Belege
für den in katholischen Landen bis in die Neuzeit verbreiteten
Glauben, dass die Konkubinen von Geistlichen nach ihrem |
Tod des Teufels Rosse werden2). Ferner vergleiche man 81
r) Der Herausgeber des Fabliaus, Gr. Raynaud, hat S. 220 die
lateinische Erzählung zur Vergleichung mitgeteilt.
2) Man vgl. F. Liebrechts Nachweise in der Germania 18, ISO
(auch von Tobler citiert) und Petersen a. a. 0. S. 73. Nach den Evangiles
des quenouilles (nouvelle edition, Paris, A. Jannet 1855), Journee 6
chap. 11 — worauf Liebrecht hinweist soll man einem Pferd,
2(58 Zur Volksdichtung.
eine Sage in den von M. Tscheinen und P. J. Rnppen
herausgegebenen Walliser-Sagen (Sitten 1872) S. 255. Nach
ihr kam einst ein Reiter zu einem Schmied und forderte ihn
auf. sein Pferd zu beschlagen, während er im Dorfe Geschäfte
zu besorgen habe. Als er fort ist. hebt das Pferd zu
sprechen an und sagt, es sei des Schmiedes Tochter, die er
verwünscht habe und die deshalb der Teufel reite. Es sei
heute der letzte Tag, an dem sie dem Teufel entkommen
könne, wenn sie über 99 Friedhöfe setze. Der Schmied
lässt sie natürlich frei. Nach drei Tagen kehrte die Tochter
in ihrer wahren Gestalt wieder zurück und erzählte, auf dem
99. Friedhof sei der Teufel ihr nachgekommen und habe sie
am Schweif erfasst, sie sei aber, den Schweif in seinen
Händen lassend, über die Mauer gesetzt und so entzaubert
und frei geworden. ■ — Endlich habe ich noch eine Sage
anzuführen, die J. V. Zingerle, Sagen, Märchen und Gebräuche
aus Tirol nr. 505 [1891, nr. 698] aus Ulten mitteilt. Auf dem
Larchenberg, so berichtet diese Sage, wohnte einst eine
durch ihr ausgelassenes Leben berüchtigte Dirne. Da kam
eines Tages der Teufel in Gestalt eines Jägers zu ihr. ergriff'
sie, führte sie durch die Luft herab zu einem Schmied und
befahl diesem, ihr Eisen aufzuschlagen. Als dies geschehen
war, setzte er sich auf sie und fuhr so durch die Lüfte von
dannen. In dieser Sage fehlt, dass die Dirne in ein Pferd
verwandelt ist, aber es ist dies wohl nur vom Erzähler ver-
gessen. Dies sind die mir bekannten Erzählungen von dem
Teufelsross, das ein Schmied frisch beschlagen muss und das-
vorher ein Mädchen oder eine Frau — und zwar in den
meisten Erzählungen des Schmieds Tochter oder Mutter oder
Gevatterin — gewesen war. Üb in unserem , wie schon
oben bemerkt, nur in entstellten Varianten überlieferten Lied
welches sich nicht besteigen lassen will, folgende Worte ins Ohr sagen:
'Cheval, aussi vray que niesine de prestre est cheval au dyable, tu
vueilles souffrir que je monte sur toy.' Dieselbe Besprechung deutsch
findet sich bei K. Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklen-
burg 2, 447 nr. 2056 : 'Pferd, so wahrhaftig als des Pfaffen Magd des.
Teufels Pferd ist, so lass dich beschreiten.'
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder I. 269
die Schmiedstochter ursprünglich auch als sacerdotis fornicaria
Teufelsross geworden, muss dahingestellt bleiben. [Oben
1, 586. Prätorius, Glückstopf S. 507 B. Anhorn, Magio-
logia 1674, S. 580. Polivka, Zs. f. österr. Volkskunde 3, 377.
Revista lusitana 2, 322.]
S. 121 nr. 26. 'Der Schwanenwirt sprang zum
Thor hinaus". Vgl. Meier nr. 182. [Erk-Böhme, nr. 54.]
S. 137 nr. 39. 'Untreue' (Und das der Wald so finster
ist). Vgl. Simrock, Deutsche Volkslieder S. 342, nr. 5; Pröhle
nr. 42; Erk nr. 229. [Erk-Böhme nr. 1042.]
S. 145 nr. 48. cKiltspruch'. Vgl. H. Schuchardt,
Ritornell und Terziue (Halle 1874) S. 62.
S. 149 nr. 54. cUnd jetz fängt das Frühjahr an'.
Vgl. Scherer, | Jungbrunnen nr. 107 und die Nachweise dazu, 82
und ausserdem v. Leoprechting, Aus dem Lechrain S. 272,
und C[hristoph] Weiss, Aus dem Volksleben, Nürnberg 1863,
S. 9. [Erk-Böhme nr. 686. Köhler-Meier nr. 68. Zs. f. österr.
Volksk. 3, 1. 192.]
S. 151 nr. 56. cEi du mein schöne Margret! hättest
du m i c h.J Vgl. die von mir herausgegebeneu Alten Bergmanus-
lieder nr. 12, bes. Str. 10. [Erk-Böhme nr. 880.]
S. 152. 'Wie-n-i ag'fange ha huse'. Vgl. dazu
Rochholz, Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel S. 156 ff.
(Der Mutter Hausbestand), worauf Hr. Tobler verweist, und
ausserdem noch [des Knaben Wunderhorn ed. Birlinger-
Crecelius 2, 758; Alemannia 11, 68] Münsterische Geschichten.
Sagen und Legenden S. 272 ; L. Strackerjan, Aberglaube und
Sagen aus Oldenburg 2, 81; Ph. Wegener, Volkstümliche
Lieder aus Norddeutschland nr. 180 und 181; Fiedler, Volks-
reime und Volkslieder in Anhalt-Dessau S. 36 nr. 39;
Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 3, 65; T. Diermissen,
Ut de Musskist nr. 88 (vgl. auch nr. 23 und 201); Korre-
spondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung
2, 58; 4, 22; 8, 20, Peter, Volkstümliches aus Österreich-
Schlesien 1, 47; Schleicher, Volkstümliches aus Sonneberg
S. 105, Birlinger, Schwäbisch-Augsburgisches Wörterbuch
S. 453; Schuster, Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder S. 364
•_>7() Zur Volksdichtung.
und 403; Schröer, Wörterbuch der Mundart von Gottschee
S. 67; Hoffmann von Füllersleben, Niederländische Volks-
lieder nr. 184; J. van Vloten, Nederlandsche Baker- en
KinderrijnuMi. 3. veel verm. druk. Leiden 1874, S. 116 nr. 24
und S. 117 nr. 26, [ßols, Honderd oude vlaamsehe Liederen
1897 nr. 98] W. Dykstra en T. G. van der Meulen, 'In
Doaze fol aide Snypsnaren, oadre en folle fermeardere Druk5
Frjentsjer 1882, S. 13: Thiele, Danske Folkesagn 3 (1820),
S. 163: Grundtvig, Gamle danske minder i folkemunde 3, 187;
J. Madsen, Folkeminder fra Hanved Sogn ved Flensburg,
Kjöbeuhavn 1870, S. 144. [Böhme, Kinderlied und Kinder-
spiel 1897, S. 268 — 270. Kristensen, Danske Dyrefabler og
Kjjederemser 1896 S. 168. 178. 182.]
S. 154 nr. 59. cNiedersingerliedJ (Wo kommt denn
au der Ehstand her?) Vgl. auch J. H. Schmitz, Sitten und
Sagen, Lieder u. s.w. des Eifler Volkes 1, 132, undR.Sztachovicsy
Braut-Sprüche und Brautlieder auf dem Heideboden in Ungern
S. 42. [Erk-Böhme nr. 867. Tobler 2, 255.]
S. 156 nr. 61. cChan i nit gar ordeli tänzele?*
Vgl. Simrock, Kinderbuch, 2. verm. Aufl. nr. 950 = 3. verm.
Aufl. nr. 1043; Pröhle nr. 93; Erk, Liederhort nr. 193;
Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes,
2. verm. Aufl. S. 239; H. Dunger, Kinderlieder und Kinder-
spiele aus dem Vogtlande nr. 91 und 92. [Erk-Böhme
nr. 1002.]
S. 163 nr. 67. 'Rot, rot sind alli mini Chleideli*
Vgl. Peter 1. 220; Pogatschnigg und Herrmaim 2, nr. 598;
[Erk-Böhme nr. 1794; Köhler-Meier nr. 201; Treichel, Volks-
lieder aus Westpreussen 1895 nr. 47.] E. Lemke, Volks-
tümliches in Ostpreussen (Mobrungen 1884) 1, 147.
S. 163 nr. 68. 'Frisch auf wohl in das Feld.' Nicht
nur auf Mittler nr. 1442, sondern auch auf nr. 1510 war zu
verweisen. Vgl. auch Zurmühlen, Niederrheinische Volks-
lieder nr. 57.
S. 172 nr. 75. (Streit zwischen dem Wasser und
dem Wein.) Vgl. Schlossar nr. 317 und die dazu in der
Anmerkung angeführten Lieder und ausserdem Sztachovics
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder 1. "271
S. 137, 140, 141. Schuller, 'Das Todaustragen und der
muorlef (Hermannstadt 1861) S. 10 verweist auf einen von 83-
Schnler von Libloi in dem von Trauschenfels hg. Magazin
für Geschichte, Litteratur und alle Denk- und Merkwürdig-
keiten Siebenbürgens 1. 1 S.24 mitgeteilten Wettstreit zwischen
Wein und Wasser. [Erk-Böhme nr. 1074 — 1077. Hanffen-
Gottschee nr. 137.]
S. 174 nr. 76. c0 Tannebaum, o Tannebaum1. Vgl.
A. Reifferseheid, Westfälische Volkslieder nr. 24 und die
Anmerkung S. 176 dazu, nebst meinen Nachträgen im An-
zeiger 6, 272 [= oben S. 255 Erk-Böhme nr. 175.]
S. 176 nr. 77. 'Ich armes Häsli im wite Feld.3
Vgl. Mittler nr. 610 und Erk, Liederhort nr. 57 b — e und
deren Nachweise und ausserdem noch Pröhle nr. 58. [Erk-
Böhme nr. 169.]
S. 196 nr. 8 (86). Miez wei in er uiedergö, acht-
zehn Eu2,eli mit is 1Ö.D Vgl. meine Aufsätze in der Germania
5, 448 und 11, 435 und im Jahrbuch für romanische und
englische Litteratur 8, 409. [Unten nr. 42a — 43.]
S. 197 nr. 10 (88). 'Heiliger Andreas, ich bitt
di. Bettladen, i tritt diJ. Vgl. H. Harrys, Volkssagen u.s. w.
Niedersachsens 2, 26 (Bettspond, ich tret dich. Sanct Andreas,
ich bitt dich); A. Witzschel, Sagen, Sitten und Gebräuche
aus Thüringen S. 156 (Bettbret, ich tritt dich, heiliger
Andreas, ich bitt dich): E. Köhler. Volksbrauch u. s. w. im
Voigtlande S. 383 (Bettbret, ich tret dich, heiliger Andreas,
dich bitt ich). [Hruschka-Toischer S. W nr. 99. Schweizer.
Archiv f. Volkskunde 2, 63. Über das Andreaslied J. W.
v. Beusts vgl. Böhme, Volkstümliche Lieder 1895, nr. 683.]
S. 197 nr. 11 (89). Alpsegen. Vgl. J. Grimm, Mvth.1
Anhang S. CXXNV1I, 2 S. 1189, Zeitschrift für deutsche
Mythologie 4, 26—28; Germania 20. 437—39; Mannhardt,
Der Baumkultns der Germanen und ihrer Nachbarstämme
S. 274.
S. 199. 'Jetzt steh ich auf der Abendwacht.
Vgl. D. Jecklin. Volkstümliches aus Graubünden 3. 201.
272 Zur Volksdichtung.
S. 200 m\ 3. Losed. was ich euch will sage: die
Glogg hat zehn Uhr gschlage! Lösched Für und
Liecht, dass Gott alli Mensche wol bi hüt! Vgl. Jecklin
a. a. 0. In Bartholomäus Krügers Spiel von den bäurischen
Richtern und dem Landsknecht (1580), hsg. von J. Bolte,
(Leipzig 1884) ruft der Wächter die Stunde also aus (v. 1634):
Nun hört, ihr Herren, lasst euch sagen,
Der Seiger der hat zwölf geschlagen,
Bewahrt das Feur und auch das Liecht,
Damit der Stadt kein Schad geschieht.
Aus meinen Knabenjahren erinnere ich mich des Nacht-
wächte rspruches in folgender Fassung:
Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen :
'8 hat .... geschlagen.
Bewahrt das Feuer und auch das Licht,
Dass kein Schade geschieht.
Lobet Gott den Herrn !
[Erk-Böhme nr. 1582. — Die Stundenrufe und Lieder
<Ier deutschen Nachtwächter hat J. Wichner 1897 gesammelt,
ohne auf die literarhistorische Seite seines Themas und auf
ältere Zeugnisse näher einzugehen. Deshalb mögen hier
einige Kollektaneen über dies Thema eingestreut werden.
Dem Franzosen Montaigne fiel 1580 das Stundenabrufen der
"Nachtwächter in Deutschand als etwas Ungewohntes auf.
ebenso seinem Laudsmanne Mabillon (Iter germanicum 1717,
S. 26. J. Beckmann. Beyträge zur Gesch. der Erfindungen
4, 119 — 140: Nachtwächter. 1799). — Nachtwächterrufe:
Nd. Korrespondenzblatt 18, 66 (P. Lauremberg 1642). N. preuss.
Prov.-Bl. 11, 442 (1851). Pröhle, Volkslieder und Volks-
schauspiele 1855, S. 219. Mündel, Elsäss. Volkslieder nr. 200.
Weckerlin, Chants pop. de l'Alsace 2. 72 (1883). Seb. Baur.
Denkwürdigkeiten 9, 316. Wolfram, Nassau. VI. nr. 395.
Anzeiger f. K. der Vorzeit 1882, 74. Alemannia 7, 231.
22, 259. 26. 76. Schweizer. Archiv f. Volksk. 2, 40. Zs. d.
V. f. Volksk. 9, 212. Zs. f. österr. Volkskunde 3, 178.
249. 4,41. Urban, As da Haimat 1894, S. 119. Firmenich,
Germaniens Völkerstimmen 2. 22. 103. 172 u. s. w. Über die
dänischen Wächterrufe vgl. V. Fausböll. Vaegter-Versene
37. Über Tobler, Schweizerische Volkslieder I. 273
i deres seldre og yngre Skikkelse (2. Opl. Kjöbenhaven 1862)
und Om Vsegtere og Vaegtersangen (Kjöbenhavn, Möller o. J.).
Über die satirischen Nachtwächterlieder neuerer
Dichter von Fouque bis auf G. von Amyntor handelt Tardel,
Zs. f. vgl. Littgesch. 13, 126—131. 134. Vgl. ferner Bertuchs
Secular-Naelitwächterlied im Journal des Luxus und der
Moden 1801, 1: dazu Matthissons Litt. NacMase 4, 121.
Fessler, Nachtwächter Benedict 1809 (W. Menzel, Dtsch.
Dichtung 3, 164). Ditfurth, Hist. Volkslieder der Freiheits-
kriege S. 67: 'Nachtwächter vor Paris5. Epple, Vermischte
Gedichte in schwäbischer Mundart 1821, S. 4: 'Nachtwächter-
lied\ Rückert, Gedichte 1841, S. 549: 'Der Nachtwächter'.
C. B. Trinius (1778—1844), Gedichte 1848, S. 143: f Der Nacht-
wächter-Ruf. E. Minneburg (d. i. E. Meier), Gedichte 1852,
S. 176: cZwei Lieder eines Nachtwächters3. Scheffel, Gedichte
aus dem Nachlasse 1889, S. 88: 'Der Wächter in der Mitter-
nacht3. Hansjakob. Schneebällen 3, 218 (1894). Münchner
Cod. germ. 5985, 8: 'Der Nachtwächter von Boxdorf. Neben
■den von Tardel erwähnten Dramen Körners und R. Wagners
(Meistersinger) wäre etwa zu nennen das Puppenspiel vom
Dr. Faust, wo Kaspar als Nachtwächter das Ende des Helden
ankündigt (Engel, Puppenkomödien 8, 53. 9, 72 f. 10, 37.
Kralik-Winter, Deutsche Puppenspiele 1885, S. 191. Zs. f. d.
Alt. 31, 158. Kraus, Das böhmische Puppenspiel vom Dr. Faust
1891, S. 87. 156. 160). ein Nicolausspiel bei E. Schnell,
St. Nicolaus 4, 67, ein hsl. Puppenspiel (nr. 46) der Weimarer
Bibliothek 'Der Nachtwächter von Bocksdorf5. — Aus dem
18. Jahrhundert: Schiebeier, Auserlesene Gedichte 1773, S. 257 :
'Lied eines Nachtwächters5. M. Claudius, Asmus 3, 60 (1777) :
'Wächter und Bürgermeister3. Geliert, Die beiden Wächter
(Fabeln und Erzählungen 2. Buch). Kortüm, Jobsiade 1,
Kap. 36. Erasmus, Lob der Narrheit übers, v. Becker S. 267.]
S. 200 nr. 4. 'Stönd uf im Name Jesu Christ!'
Vgl. Jecklin a. a. 0.
S. 202 nr. 8. 'Hört, ihr Christen und last euch
sagen: unsere Glock hat zehn geschlagen! Zehn Gebote
schärft Gott ein: last uns ihm gehorsam sein!3 u. s. w. Vgl. Erk.
Kühler, Kl. Schriften. III. 18
274 Zur Volksdichtung.
&± Liederhort nr. 196 und j Scherer, Jungbrunnen nr. 167 und
deren Nachweise und ausserdem A. Birlinger und W. Crecelius,
Deutsche Lieder (Heilbronn 1876) S. 30 und Jecklin a. a. 0.
[Erk-Böhme nr. 1580 f. Tobler 2, 255. Simrock nr. 379.
Schlossar, Volkslieder aus Steiermark nr. 352. Flugblatt der
Berliner Bibliothek Yd 7912, nr. 98. 1. Hamburger Dreh-
orgellieder 2, 498. 606 (Sammelband des Vereins f. Hamburg.
Geschichte). Hruschka-Toischer. Böhmen 1891, S. 270. Wolfram,.
Nassauische Volkslieder 1894, nr. 396. Notes and Queries 6.
Ser. 12, 245 (Herrenhuther Lied). Wichner S. 29, 34 u. ü.
Oben S. 83: Geliert. Vgl. Kirchhof, Wendunmut 7, 197:
Nützliche Betrachtung der Stunden- und Schlaguhren". Bernh.
Schilling, Vier Predigten von Gewittern oder Thüringische
Wetter-Glocke, Erfurt 1613, S. 106—114: cSchlag-Seyger
eines jeden frommen krancken, hochbetrübten, sterbenden
Christen, wessen er sich bey einer jeglichen Stunde erinnern
vnd wie er Gott hertzlich anruffen soP (Gedicht). Die gaist-
lich Ur: 'Zwelft' Stundt im Thag siudt, Christus spricht'
(Berliner Mgq. 1036, 10).]
S. 208, 3. cWenn einmitChatze z*Acher will, so
spann er d1 Mus vorusJ. Vgl. meine Nachweise im Anzeiger
6, 274 [= oben S. 258].
38. Vom Fortleben der Seelen in der
Pflanzenwelt.
("Weimarisches Jahrbuch 1, 479—483. 1854.)
Der sinnige und anziehende Aufsatz Kobersteins über
die Vorstellung von dem Fortleben der Seelen in der Pflanzen-
welt [Weimarisches Jahrbuch 1, 78—99 = Kobersteim Ver-
mischte Aufsätze zur Literaturgeschichte 1858, S. 31 — 62}
ein Thema, auf dessen Bedeutung Jacob Grimm schon in
den Altdeutschen Wäldern 1, 139 hinwies — hat ohne Zweifel
bei den Lesern genusr Interesse erregt, um die Mitteilung
38. Vom Fortleben der Seeleu in der Pflanzenwelt. 275
einer kleineu Nachlese, wie sie uns gerade zur Hand ist, zu
rechtfertigen.
Dass auch in griechischer Sage aus dem Blute Ver-
wundeter oder Getöteter Blumen oder Bäume erwachsen, da-
von könnten noch mehr Beispiele angeführt werden. So sollen
aus dem Blute des Adonis Anemonen oder Rosen (Ovid,
Metam. 10, 731. Bion, Epitaph. Adon. 66), aus dem des
Dionysos der Granatapfelbaum (Clemens Alex., Protrept. 8.
§ 19), aus dem des einen ermordeten Kabiren der Eppich
(Clemens a. a. 0.) entsprossen sein. Weniger gehört die von
Nonnus (Dionys. 12, 292) erwähnte Sage hierher, wonach aus
dem auf die Erde herabgeflossenen Götterblute die Rebe erwuchs.
Näher aber liegt unserem Thema, dass die Eumeniden auf
dem Grabe der feindlichen Brüder von Theben das Reis eines
Granatbaumes pflanzten, welches fortwuchs, und wenn man
davon etwas abbrach, | immer wieder blutete (Philostratus, 480
Gemälde "2, 29), wie auch bei Vergil (Aeneis 3, 22) die auf
dem Grabe des Polydorus stehenden Bäume bluten, als Aeneas
sie fällen will. Merkwürdig ist die Sage vom Grabe des
Bebrykeukönigs Amykos, jenes gewaltigen streitlustigen Faust-
kämpfers, den der Dioskure Polydeukes erschlug. Auf seinem
Grabe stand nämlich ein grosser Lorbeerbaum: brach jemand
einen Zweig davon ab, so wurde er unwillkürlich zu Streif
und Lästerung gestimmt (Seholion zu Apollonius Rh. 2, 159).
Plinius (Hist. nat. 15, 44) erzählt, man habe diesen Baum
'den tollen" genannt, und sei etwas von ihm abgerissen und
auf ein Schiff gebracht worden (ein Hafen war nämlich in
der Nähe des Grabes), so habe sich plötzlich dort Streit er-
hoben, bis man den Zweig, oder was sonst abgerissen war,
in das Meer geworfen. Nach einer andern Erzählung (Ptolemäus
Hephaest. 187, 23 bei Westermann) wuchs auf dem Grabe
ein Rosenlorbeer oder Oleander, und wer davon ass, ward
zum Faustkampf geneigt und tüchtig. Hier sehen wir recht
das Bestreben, zwischen der Pflanze auf dem Grabe und dem
Charakter des Darunterliegenden einen engen Zusammen-
hang zu ersinnen. Wenn übrigens Koberstein nicht nur das
Wachsen von Pflanzen aus dem Blute und aus den Gräbern,
18*
276 Xur Volksdichtung.
sondern auch die in der griechischen Mythe häufigen un-
mittelbaren Verwandlungen von Menschen in Gewächse sämtlich
aus dem einstigen Glauben an eine Seelenwanderung herleitet, so
finden wir bezüglich jener unmittelbaren Verwandlungen diese
Annahme etwas gewagt und erwarten eine endgültige Ent-
scheidung erst von einer zusammenhängenden wissenschaftlichen
Untersuchung der sog. Metamorphosen, die uns noch fehlt.
Auch in der phrygischen Sage von Rhea und Attis
finden wir hierhergehörige Züge. Der Mandelbaum entsteht
aus dem Blute des Zwitters Agdistis oder aus dem der grossen
Göttermutter selbst (Movers, Phönizier 1, 578). Attis aber
entmannt sich unter einer Fichte, in welche sein Geist ent-
weicht, während aus seiuem Blute Veilchen entspriessen, die
den ganzen Baum bekränzend umschlingen (Preller, Griechische
Mythologie 1, 407).
Wie ferner aus dem Grabe des h. Dominicus eine Rebe
erwuchs (Weirn. Jb. 1, 89), so aus dem des Apostels Johannes
481 zu Ephe- | sus 'himilbrof (Benecke-Müller, Mhd. Wörterbuch
unter 'Johannes').
Talvj in ihrem hübschen Buche 'Versuch einer geschicht-
lichen Charakteristik der Volkslieder germanischer Nationen'
(Leipzig 1840) sagt S. 139 folgendes: cEine Hinweisung auf
das Jenseits liegt auch in dem Volksglauben, der die Seele
der Liebenden im Grabe auf daraus emporsprossende Bäume
und Blumen überträgt und die hier Getrennten einander auf
diese Weise begegnen lässt, wie in den bekannten Balladen
von William and Margaret und Lord Thomas and fair Anet
[Child 2, 179 nr. 73—74]:
In der Marienkirche begruben sie ihn
Und sie im Marien-Chor;
Aus ihrem Grab ein rot Röslein sprosst,
Aus seinem ein Weissdorn hervor.
Die neigten sich, die verzweigten sich.
"Wär'n gern einander recht nah;
Dass jeder es gleich erkennen könnt',
Zwei Liebende ruhten allda. 1)
') [Diese Strophen sind für vierstimmigen Chor schön komponiert
von Carl Loewe op. 81.]
38. Vom Fortleben der Seelen in der Pflanzenwelt. 277
Ein Schluss, der mit geringen Veränderungen nicht allein
fünf bis sechs englischen und schottischen Volksballaden an-
gehört [ausser den genannten Child nr. 7 'Earl Brand1. 64
'Fair Janet', 75 Trince Robert1, 87 'Lord Lovel1], sondern den
wir auch fast wörtlich in einer alten dünischen und der Idee
nach in einer serbischen (auch von Koherstein 1, 8*2 mit-
geteilten) Erzählung wiederfinden.1
Den hierher gehörigen Schluss der Tristansage behandelt
Koberstein weitläufig und hält ihn mit Recht für echt keltisch
(1, 94). Hierfür spricht auch ein bretagnisches Volkslied
(Volkslieder aus der Bretagne. Ins Deutsche übertragen von
A. Keller und E. v. Seckendorff, Tübingen 1841, nr. 2),
welches Lied wegen der dreizeiligen Strophen, in denen es
teilweise abgefasst ist und früher ganz gedichtet zu sein scheint,
und welche sich mit dem 12. Jahrhundert nicht mehr finden, sehr
alt ist. Junker Nann (so erzählt das Gedicht) gerät im
Walde in eine Feengrotte; die Fee verlangt ihn zum Gatten,
sonst soll er am dritten Tage sterben. Junker Nann aber
verschmäht die Fee, treu seiner erst seit Jahresfrist ihm ver-
mählten Gattin, und stirbt wirklich am dritten Tage. Als
das seine Gattin vernimmt, |
Auf beide Knie fiel sie drob, 482
Und nimmermehr sie sich erhob.
Da wars zu schauen wunderbar,
Als jener Tag vorüber war,
In einem Grabe lag das Paar.
Da wuchsen aus der neuen Gruft
Zwei Eichen mächtig in die Luft.
Auf ihren Zweigen wonniglich
Zwei weisse Tauben schnäbeln sich.
Sie sangen bis zum Morgen dort,
Dann flogen sie zum Himmel fort.
Dies Lied ist zugleich ein schöner Beleg zu Kobersteins
Andeutung (1, 98 Anm. 41), wie die Seelen Abgeschiedener
durch Bäume aus dem Grabe gleichsam heraufsteigen und
sich dann in Vögel verwandeln *).
') In diesen Vorstellungskreis gehört wohl auch ein malayischer
Pantun, den Kertbeny (Gedichte aus fremden Sprachen, Jena 184:».
•_>78 Zur Volksdichtung.
Iu den Anmerkungen der erwähnten bretagnischen Lieder-
sammlung findet sich eine weitere uns berührende Mitteilung
(S. 242): cUm das Jahr 1513 lebte in der Bretagne ein Blöd-
sinniger Namens Salaür in der Nähe von Lesneveii. Er hatte
sich in einen Wald zurückgezogen, wo er bei einer Quelle
einen Stein als Kissen, einen Baum als Dach. 39 bis 40 Jahre
zubrachte und sein Leben der Jungfrau Maria weihte. Er
ging Sommer und Winter in Lumpen und barfuss und bettelte
in der Umgegend, keine andern Worte vorbringend, als Ave Maria
und Salaür möchte Brod. Wenn es stark fror, hing er sich
an zwei Äste seines Baumes, um sich zu wärmen, schwang
sich so in der Luft und sang zu Ehren der heiligen Jungfrau.
Er starb an seiner Quelle und wurde ebenda begraben. Aus
seinem Grabe wuchs eine schöne duftende Lilie, auf deren
Blättern mit goldenen Buchstaben Ave Maria stand. Ein
483 altfran- | zösisches Fabliau in einer Neueuburger Handschrift
scheint einen ähnlichen Gegenstand zu behandeln (vgl. Revue
suisse 2, 249). Johann IV., Herzog von Bretagne, liess an
der Quelle eine schöne Kirche zu Ehren unserer lieben Frauen
von Folgoat bauen, die bald durch grosse Wunder berühmt
wurde.' — Diese Erzählung stimmt zu dem deutschen Ge-
dichte bei v. d. Hagen (Gesamtabenteuer 3, 587), an das
Koberstein 1. 89 erinnert. In den Anmerkungen erwähnt
v. d. Hagen auch unsere bretagnische Sage, indes nur kurz und
nach einer andern Quelle. [Leg. aurea 51,2 p. 221. Vincentius,
Spec. hist. 7,116. Weber, Zs. f. roman. Phil. 1,365 nr. 34.
Mussafia, Wiener Sitzber. 105, 63. 91 f. Lübben, Progr. Olden-
burg 1874; S. 12.]
Endlich müssen wir noch ein Märchen, welches Emil
Sommer (Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und
Thüringen 1846, S. 92) erzählt, erwähnen. Ein Schäfer hat
mit einer Nixe im Mansfelder See zwei Jahre lang gelebt.
Nach einem dreitägigen Besuche bei seinen Angehörigen kann
S. 55) nach der Mitteilung eines- Missionars giebt. Eine Gattin sagt da
von ihrem Gatten :
Stirbt er, so wird er ein Vogel,
Ich mach1 mich als Zweiglein zum Sitz ihm.
39. Das Lied von der verkauften Müllerin. 27!)
<er sich nicht wieder entschliessen, in den See zurückzukehren.
Da nun nach Nixenbrauch der kleine Sohn des Schäfers und
•der Nixe, die in dem See bleiben muss, zwischen den Eltern
geteilt werden soll, so nimmt der Vater die untere Hälfte,
die Nixe aber warf die obere in den See, wo alsbald ein
munterer Fisch daraus wurde. Da grub der Schäfer die andere
Hälfte des Kindes am Ufer ein, und an der Stelle wuchs eine
Lilie, die neigte sich über das Wasser: und man sah oft, wie der
Fisch in der Dämmerung bei der Lilie auf- und niederschwamm.
Schliesslich noch die Bemerkung, dass zu dem walachischen
Märchen, welches Koberstein 1, 91 f. hat abdrucken lassen
[= Schott 1845, S. 1*21], einige Züge eines ungarischen
(G. Stier, Ungarische Märchen und Sagen 1850. S. 87) stimmen.
Ein schönes, feenartiges Mädchen wird von einer Zigeunerin
in einen Brunnen gestürzt und wird ein Goldfischchen. Dasselbe
wird geschlachtet, doch aus einer in den Hof gefallenen
Schuppe entsteht ein Baum. Er wird gefällt und verbrannt,
und nur ein Stück wird erhalten und dient einem Holzhacker
als Deckel auf einem Topfe. Aus diesem Deckel entsteht
endlich jenes Mädchen wieder.
[Vgl. Hauffen, Gottschee S. ]78 — 183: cBlumen auf
Gräbern'. Erk-Böhme, Liederhort nr. 93 e. 109. 110. 181.
740. Liebrecht, Zur Volkskunde S. 166. 183. Child, Ballads 1.
'.Mi — 98 und den Iudex 5, 491 'Plauts from gravesJ. Nigra.
Canti pop. del Piemonte zu nr. 19 cFior di tomba'. Darmesteter.
Chants pop. des Afghans p. 117.]
39. Das Lied von der verkauften Müllerin.
(Zeitschrift für deutsche Mythologie 4, 180—185. 1859.)
Ein viel verbreitetes deutsches Volkslied1) erzählt, wir
ein Müller in einem Walde drei Räubern uud Mördern be-
gegnet und von denselben aufgefordert wird, ihuen sein
*) Vgl. die Xachweise bei Simrock, Deutsche Volkslieder, Anmer-
kung zu nr. 36, und Schade, Volkslieder aus Thüringen S. 46 (Weima-
risches Jahrbuch 3, 286), wozu seitdem noch gekommen sind eine schwä-
•_>S0 Zur Volksdichtung.
schwangeres Weib zu verkaufen. Er kanD der hohen Summe,
die sie bieten1), nicht widerstehen, und verspricht, ihrem |
181 Verlangen zu willfahren. Nach Hause zurückgekehrt, schickt
er die Frau unter einem Verwände in den Wald, wo sie den
Räubern in die Hände fällt. In fast allen Fassungen des
Liedes wird die Frau von dem drohenden Tode gerettet, in
den meisten durch ihren gerade herzukommenden Bruder, der
ein Jäger ist, in den andern durch einen vorüber reitenden
grossen Herrn oder durch einen der Räuber selbst.
Dieses Lied scheint bisher nicht verstanden worden zu
sein. Schade S. 4!» fragt: 'Warum kaufen überhaupt die
Räuber das Weib? Aus purer Mordlust? Die konnten sie
doch billiger befriedigen. Es muss etwas anderes dahinter
stecken, das jetzt vergessen ist.'
Man bedenke, dass die Räuber eine schwangere2) Frau
kaufen und dass es in einigen Fassungen (bei Meier nämlich
und bei Ditfurth) heisst, dass sie die Frau aufschneiden
wollten, und das Rätsel löst sich folgendennassen: die Räuber
kauften die schwangere Frau nicht aus blosser Mordlust,
sondern um sie aufzuschneiden und die Händchen des in
ihrem Schosse ruhenden Kindes als Diebslichter zu be-
nutzen. Dass aber zu solchem Zwecke in früherer Zeit wirk-
lich schwangere Frauen zuweilen überfallen und gemordet
worden sind, dafür lasse ich einige Belege folgen, die sich
bische Fassung in Meiers Schwäbischen Volksliedern S. 403 und zwei
hessische in Mittlers deutschen Volksliedern nr. 94 und in Erks Deut-
schem Liederbuch nr. 39 a. [Erk-Böhme, Deutscher Liederhort 1, 193
nr. 58. Köhler und Meier, Volkslieder von der Mosel 1896 nr. 19 mit
der Anm.]
*) In den meisten Texten werden erst 300, dann 600, endlich 900
Thaler geboten; im thüringischen sind die Hunderte zu Tausenden ge-
steigert; im fränkischen bieten die Räuber erst 100, dann 200r
endlich 1200 Thaler; im Liede aus dem Kuhländchen erst 300 und dann
500 Dukaten.
2) Dass die Müllerin schwanger ist, wird in den besten, echten
Texten (bei Ditfurth, Erk Liederhort 39, Meier, Meinert, Schade) aus-
drücklich gesagt und muss auch in den übrigen dem ganzen Zusammen-
hange nach angenommen werden.
39. Das Lied von der verkauften Müllerin. 281
wahrscheinlich vielfach aus Chroniken und Gerichtsakten ver-
mehren lassen.
Der Nürnberger Scharfrichter Frank erzählt, däss er
1577 zu Bamberg einen Mörder gerädert, der drei schwangere
Frauen aufgeschnitten hatte. 1601 richtete derselbe zu Nürn-
berg einen Mörder, der zwanzig Personen ermordet hatte,
darunter auch mehrere schwangere Frauen, cdie er hernach
aufgeschnitten, den Kindern die Händlein abgeschnitten und
zum Einbrechen Lichtlein daraus gemacht.' (Man sehe das
in vieler Beziehung höchst interessante Büchlein: Meister
Franken Nachrichters alliier in Nürnberg all sein Richten am
Leben sowohl seine Leibesstraffen, so er ver-| rieht, alles hierin 182
ordentlich beschrieben, aus seinem selbst eigenen Buch ab-
geschrieben worden. Genau nach dem Manuscript abgedruckt
und herausgegeben von 1. M. F. von Endter. Nürnberg 1801.)
— Philo (Bartholomaeus Anhorn) in seiner Magiologia (Au-
gustae Rauracorum 1675 [= Basel 1074]) S. 708 f. sagt:
Tmb Kindshände bewerbeu sich solche verzweifelte, Stehlens
begierige Bösswicht, welche den Kinde ren der von Mördern
oder jhuen selbst aufgeschnittnen schwangeren AVeibern
abgehawen oder von aussgegrabuen ungetaufften Kinderen ge-
nommen sind. DieDiebshändabernemmen sie bey Nacht zueiuer
gwissen Stund von den an den Galgen hangenden Dieben.
Zu und mit diesen Kinds- und Diebshänden brauchen sie
zauberische Wort und Geberden zu dem End, dass sie die
Leut in den Häuseren, welche sie bey Nacht besteigen und
bestählen wollen, in so harten Schlaff feilen, dass niemand
erwachen kan. Wann solches geschehen, zünden sie die
Finger dieser Kinds- und Diebs-Händeu an, dass sie brennen
wie ein Lieht und jhnen leuchten.' — In Heinrich Ludwig
Fischers fBuche vom Aberglauben" (neue verbesserte Auf-
lage. Leipzig 1791) 1, 155 lesen wir: 'Wenn Diebe von einem
ungeborenen Kinde einen Finger anzünden (und sie sollen wie
Lichter brennen), so kann, sagt der Abergläubische, keiner
im Hause aufwachen, und sie können ruhig stehlen. Daher
ermorden sie schwangere Weiber, um von ihrem Kinde
die Finger zu bekommen.' — Endlich berichtet Montan us,
282 Zur Volksdichtung.
Die deutschen Volksfeste (Iserlohn und Elberfeld 1854) S. 88:
'Mit den Gliedern von ungetauften Kindern wurde mancherlei
Zauberei bewirkt. Es herrschte der Aberglaube, dass Diebe
mit der Hand eines ungetauften Kindes Schlösser öffnen und
unbemerkt in die Häuser eindringen könnten. Weil aber in
katholischen Gegenden die Taufe, wenigstens die sog. Jäh-
taufe, vorläufige Taufe, gleich bei der Geburt nicht versäumt
wird, so wurde es schwer, ein solches Heiltum echt zu er-
halten, woher das Diebsgesindel auf den entsetzlichen Einfall
kam, hochschwangere Frauen zu ermorden und so die
ungetaufte Kindeshand zu erlangen. In der Sage leben noch
viele solcher Beispiele. Vom Anfange des vorigen Jahr-
183 hunderts steht noch ein solches j Verbrechen aus der Nähe von
Düsseldorf in den Untersuchungsakten fest.5
Auch Grimm, Mythologie S. 10*27 berührt unsern Aber-
glauben. Indem er von den Hexen, welche die Leichen junger
Kinder ausgraben und ihnen die Finger abschneiden, spricht,
fügt er in der Anmerkung hinzu: 'Mit den Fingern unge-
borener Kinder kann gezaubert werden : angezündet geben
sie eine Flamme, welche alle Leute des Hauses im Schlaf
erhält. Ähnlichen Vorteil schafft der Daume, welcher einem
aufgehängten Dieb abgeschnitten wurde; vgl. Schambach. De
jure digitorum p. 61. 62 und Praetorius, Vom Diebsdaumen.
Lips. 1677. Die Coutume de Bordeaux § 46 handelt vom
Zauber mit den Händen toter Kinder.' [Leoprechtiug, Aus
dem Lechrain 1855 S. 78. Stracker jan 1, 100. Hartmann-
Weddigen, Sagenschatz Westfalens 1884 S. 178. Tettau-
Temme, Volkssagen Ostpreussens 1837 S. 266 (neun Herzen .
Wuttke, Volksaberglaube 1869 S. 126. Lammert, Volks-
medicin 1869 S. 84. Kamp, Danske Folkeminder 1877 nr.
1366. Polivka, Archiv f. slav. Phil. 22, 302.]
Dem Volksliede sehr ähnlich ist die 182. Geschichte in
Harsdörffers Buche 'Der grosse Schau-Platz jämmerlicher
Mordgeschichte' ([1652] zum siebenden Male gedruckt, Franck-
furt 1693). Harsdörffer will die 'unlängst' vorgefallene Be-
gebenheit aus glaubwürdigen Briefen aus Schweden erfahren
haben und teilt sie mit, cweil sie eine jämmerliche und seltne
39. Das Lied von der verkauften Müllerin. 283
Begebenheit ist, dergleichen schwerlich gelesen oder gehört
worden5. Zwei Räuber nämlich fallen bei Upsala einen Bauer
an und nehmen ihm sein Geld. Der Bauer bittet um Scho-
nung und sagt dabei, er habe zu Hause ein schwangeres
Weib. Als die Räuber dies hören, geben sie ihm sein Geld
wieder und versprechen ihm hundert Thaler, wenn er ihnen
sein Weib liefere. Der Bauer geht nach Hause und sagt
seiner Frau, er habe sein Häuschen verkauft; und da die
Frau hiermit unzufrieden ist, fordert er sie auf, mit ihm zu
gehen, um mit den Käufern den Handel rückgängig zu machen.
Die Frau ahnte Unheil, und da sie bei ihrem Bruder, der ein
Wildschütz war, vorbeigehen musste, bat sie ihn heimlich, ihr
nachzugehen. Als der Bauer und seine Frau endlich an den
bestimmten Ort zu den Räubern gekommen, empfängt der
Bauer seinen Lohn und entflieht ; die Frau aber wird von den
Räubern an einen Baum gebunden, und eben will einer ihr
den Leib aufschneiden, als der Bruder erscheint und den
einen Mörder erschiesst, den andern aber niederschlägt und
gefangen nach Upsala führt, cda er mit glühen- | den Zangen 184
gebrannt und lebendig gerädert worden.' 'Bevor dieser Räuber
mit wohlverdienter Strafe angesehen wurde, hat er bekennet,
dass sein Gesell und er bereits zweier ungeborner Kinder
Herzen gehabt und vermeinet, das dritte also dazu zu be-
kommen, mit welchen sie für allen Menschen bestehen, allen
obsiegen und sich unsichtbar machen, grossen Reichthum
zusammenbringen und allerlei Wunder hätten thun können/
Durch diese Geschichte erfahren wir, dass also nicht bloss
Arme, Hände, Finger, sondern auch Herzen ungeborener
Kinder den abergläubischen Räubern wertvoll waren.
Dass der Aberglauben auch in Spanien zu Hause war,
lehrt eine catalanische Räuberromanze (F. Wolf, Proben
portugiesischer und catalanischer Volksromanzen S. 146), wo
es von Räubern, die sich in ein Haus eingeschlichen haben, heisst:
Werfen einen Kinderarm ins Feuer da hinein:
'"Wer nun wach ist, schläft nicht ein, und nicht erwacht, wer schläft.'
(In einer Anmerkung dazu verweist Wolf auf das mir unzu-
gängliche , auch von Grimm citierte Buch von Praetorius
284 Zur Volksdichtung.
S. 153 f.) Freilich geht aus der Romanze nicht hervor, von
was für einem Kinde der Arm war. von einem ungeborenen
oder von einem ungetauft gestorbenen. Ob überhaupt bei dem
Aberglauben das Hauptgewicht auf das noch nicht geboren
oder auf das ungetauft gestorben sein zu legen ist, lasse ich
für jetzt dahingestellt, da es mir genügt zum Verständnis
jenes Liedes nachgewiesen zu haben, dass Räuber Ursache
haben konnten, eine schwangere Frau teuer zu kaufen und
dann zu töten.
Die vorstehenden Zeilen waren längst niedergeschrieben,
als mir das neue, höchst schätzbare Buch von Roch holz
'Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel aus der Schweiz5
(Leipzig 1857) in die Hände kam und ich bei Durchsehung
desselben fand, dass auch Rochholz das Lied von der Müllerin
richtig verstanden hat. Er führt nämlich S. 344 als schwei-
zerischen Aberglauben folgendes an: 'Ungetauft gestorbene
185 Kinder muss man nachts nach Betzeit- | läuten in aller Stille
beerdigen, damit Hexen und Hexenmeister das Grab nicht er-
fahren; sonst öffnen sie es und nehmen des Kindes kleinen
Finger heraus, der ihnen zum Schatzgraben wie eine Kerze
leuchtet." Rochholz erinnert in der Anmerkung dazu an
Zaubersalben aus Kindesleichen, verweist kurz auf die von
uns oben vollständig mitgeteilte Stelle aus Philos Magiologie
und bemerkt endlich: cDas Volkslied 'Es ging ein Müller
wohl übers Feld' erzählt, wie die Mörder Geld bieten, damit
der Müller sein schwangeres Weib in den Wald schicke, dem
sie das Ungeborene aus dem Leib zu schneiden gedenken.'1)
[Weitere Nachweise liefern Böckel, Volkslieder aus Ober-
hessen 1885, S. XXVI — XXXIII und Bolte zu Montanus 1899,
*) Dazu bemerkt W. Mannhardt: 'Der Sinn des vorstehend be-
sprochenen Aberglaubens ist folgender: Die Seelen werden von den
heidnischen Germanen bald als Windhauch, bald als Feuer gedacht
(vgl. Mannhardt, Germanische Mythenforschungen S. 2B9 f. 310 Anm. 3).
Die noch ungebornen Kinder haben noch seelische Natur, der Körper
galt daher als leuchtend. Dass man die Seele selbst unsichtbar dachte,
gab Veranlassung zu glauben, diese Unsichtbarkeit gehe auf diejenigen
über, welche unter dem Schein jenes seelischen Lichtes einhergehen.'
39. Das Lied von der verkauften Müllerin. 285
S. 625. Von deu an letzterer Stelle erwähnten Flugblättern
des 16. Jahrhunderts mögen hier zwei, deren poetischer Wert
freilich recht gering ist, eine Stelle finden:
Drey newer zeyttung. Ein erschreckliche vnd erbärmliche geschieht,
so sich ein meihvegs von der Statt Bremen, in Nidernsachsen zuge-
tragen, wie daselbst ein Mann sein schwanger Weib verkaufft, vnd den
Mördern in einen Wald geliffert hat, Aber wunderbarlicher weiss, von
einem Junckern der da jagen geritten, erlöset, vnd wie der thäter mit
Bampt den Mördern darüber gefangen, vnnd nach jhrer behauter übelthat
zu Bremen gerieht sein worden . . . 15 79. jar. 4 Bl. 4° (München
P. 0. germ. 234, 34). Gedruckt zu Königsberg in Preussen, durch Johann
Taubmann.
1. Ihr lieben Christen, gebt euch zu Rhu,
Hört mir ein wenig zu,
Was ich euch thü singen
Von einer erschröcklicheu That!
Hilff Gott, das mir gelingen.
2. In Nidersachsen da ligt ein Stat,
Bremen sie ihm Summen hat;
Ein Meilwegs darausse
Da ligt ein Dorff zur Bach genant,
Darinn da sass zu Hause
3. Ein Mann, der was da wol bekant,
Petter Fisch war er genannt.
Hört, was er hat getreiben:
Er hat verkaufft sein eygen Weib
Mit ihrem schweren Leibe.
4. Er sass in eim Wirtshaus an dem End,
Drey Mörder betten sich zu ihm gewend,
Er thet sich zu ihn gesellen;
Drey hundert Gulden für sein Frawen
Die theten sie im zöhlen.
5. Er nam das Gelt auff den Bescheid
Und globt den darauff mit dem Eydt,
Er wolt sie liffern balde,
Sie selten nur warten an einem Orth,
Er wolt sie bringen inn Walde.
6. Der Bösswicht geht bald hin zu Hauss
Und bered sein Fraw mit ihm hinauss
Und sprach: 'Mein liebe Frawe,
Ich hab gekauffet gar gute Schwein;
Gehe mit, lass sie beschawen.'
•_>yt) Zur Volksdichtung.
7. Die Fraw hat sie bewegen lahn
Durch listige AVort von ihrem Mann,
Sie ging mit grosser G lehre.
Er band sie im Holtz an einen Baum
Mit ihrem Leib gar schwere.
8. Erstlich verband er ihren Mund,
Das sie gar nicht schreyen kund,
Den saumpt er sich nicht lange,
Er Hess sein "Weib bey den Mördern allein
Unnd ist zu Hauss gegangen.
9. So hat der Bösswicht inn dem Wald
Sein "Weib unnd Kinnder geliffert bald.
"Wol zu den selbigen Zeyten
Spilten die Mörder da zühauf,
"Wer die Fraw solt aufschneiden1).
10. Es begab sich wol zu der Stunde,
Das ein Juncker mit sein Hund
In den "Wald reittet jagen.
Die Hund kamen auff die Spor,
Alda die Mörder lagen.
11. Die hetten schon mit Pein und Schmertz.
Die Frau geschnitten umb jhr Hertz ;
Aber die Hund zuhauffe
Die bälten da mit grossem Geschall,
Die Mörder theten verlauffen.
12. Der Juncker forcht der Ungefehr
Vnd entsetzt sich von Hertzen sehr
Der erschröcklichen Dingen,
Erlöset die Fraw von dem Baum,
In sein Hauss that er sie bringen.
13. So ist die Fraw durch Gottes Gnad
Von dem Juncker erlöset tratt,
Den selbigen Tag gar schöne
Ist sie ein Mütter worden bald
An zweyen jungen Söhnen.
14. Man schicket nach dem Mann hinauss,
Das er solt kommen ins Junckern Hauss.
Der Juncker sprach mit Nammen:
'Sendet nach ewer Fraw daheim
Vnd lasst sie zu mir kommen!'
*) Druck: schneiden auff.
39. Das Lied von der verkauften Müllerin. 28 <
15. Er sprach zum Junckern mit falschem Sitt:
'31 ein Fraw die ist daheim e nit.'
Der Juncker sagt zu ihme :
'Wann ihr dann ewer Prawe schawet,
Solt ihr sie wol erkennen ?'
L6. Bald geleitt man jn hehend
In eine Kamer an dem End,
Er kont es nit entlauffen.
Der Juncker sprach : cSchaw Weih und Kind,
Die du hast thun verkauffen.'
17. Er antwurt dem Junckern tratt:
'Der Teufel hat mir geben den Raht.'
Wol zu der selben Stunden
Hat man ihn gfängklich gnommen an,
Auff einen Wagen gebunden.
18. Und fürt ihn gehn Bremen in die Statt,
Da er gesagt vor dem Rath
Und hat genent zühauffe,
Was es für Leutte sein gewesen,
Den er sein Weib hat thun verkauffen.
19. Man schrieb bald Brieffe ohn Underlass
Und sandte [Botten] auff alle Strass.
Darnach ein Zeyt nit lange
Fünff Meil von Bremen ungefehr
Kriegen sie zwen gefangen.
20. Und seind zu Bremen gefangen gelegt,
Gefraget für dem strengen Gericht;
Das was ihn kein Verlangen,
Ir übelthat haben sie bekant,
Die [sie] hetten begangen.
21. In Dennmarck hätten sie gar schon
Zwo schwangere Frawen aufschneiden thun
Und ihn genommen das Leben,
Dem Hertz lebendig genommen darauss,
Damit haben sie ihr Büberey getriben.
22. Noch will ich nun jetz zeigen an,
Was sie weitters haben gethan:
Der eine bekant gar bald,
Neun mordt het er begangen
Bev Lübeck in dein Wald.
r)g# Zur Volksdichtung.
23. Dem andern was da wol bekant,
Andres von F erden was er genant,
Der thet gar bald Bagen,
Zu Hamburg het er genommen ein Fraw,
Die het er thiin erschlagen.
24. So haben die Übeltheter alle drey
Ihr Missethat bekennet frey;
Das Urtheil wardt gegeben,
Das man sie solt richten nach ihrer Schuld
Zum Todt wol von dem Leben.
25. Erstlich hat man gerichtet schon,
Der sein Fraw hat verkauften thon.
Die ander thet man greiften
Lebendig auf ein Kad,
Auss der Statt thet man sie schleiften.
26. Man hat sie thün zerstossen frey
Arm unnd Bein mitten entzwey,
Mit glüenden Zangen thet man sie pfetzen
Nach ihrer grossen Übelthat,
Auff d Strassen thet man sie setzen.
27. Diss Liedlein hab ich zum besten gemacht,
Das sich ein jeder wol betracht,
Er sey gleich jung oder alte,
Das er sich besinne wol,
Bey was Gselschafft er thut halten.
28. Dann jetzt niemand zu trawen ist,
Die Welt ist vol Bossheit unnd Argelist,
In Sinden thut sie wütten,
Lasst uns bitten Gott umb sein Gnad,
Das er uns wöll behüten.
Amen.
Diese Mordthat soll nach einem andern Liede 1575 zu
Voilland 'ein Meil über Bremen" durch einen Mann Namens
Johann verübt worden sein. Dies Lied enthält 20 achtzeilige
Strophen und berührt sich im Ausdrucke vielfach mit dem
eben angeführten. Der in Berlin (Ye 4529) befindliche Druck
ist betitelt: 'Zwey erschreckliche Newe Lieder, das erste von
«inem Kinde, das geborn ist in Yfland. in der Stadt Parnaw.
Das andere von einem Manne, der seine Fraw verkaufft,
39. Das Lied von der verkauften Müllerin. 289
welche schwanger gieng. M. D. LXXX.J 4 ßl. 8°. Anfang:
'Ach wer will hören singen Ein kleglich newes Lied.'
Mehrfach verändert sind die Nebenumstände in folgendem
1596 gedruckten Liede, das die That nach Kirchen boland im
Allgergau verlegt und zwei Förster als Retter der bedrängten
Frau einführt:
Zween Erschreckliche geschieht, Gesangs weise. Die Erste, von
einem "Wirt im Allgergaw, Bastian Schönmundt genandt, in ein flecken
Kirehenboland wonhafftig gewesen,wieersein Ehelich Wieb, [!]so schwanger
Leibs gewesen, Dreyen Mördern verkaufft, Geschehen, im 6. Januarij
Anno 1596. Auch wie er seinen Lohn empfangen, vnd mit dem Rad
gericht ist worden. In König Lassla Thon. (Berlin Ye 5141). 4 Bl. 8°.
Gedruckt im Jahr Christi, Anno 1596.
1. Ihr Christen höret ein wenig zu,
Was ich euch jetzund singen thu,
"Was sich hat zugetragen
Gar ein wunderlich Geschieht
In kurtz verschienen Tagen.
2. Als man zehleii thet fürwar
Ein tausent vnd fünff hundert Jahr,
Sechs vnd !) neuntzig darneben,
Ist das ein gründlicher Bericht,
So sich da hat begeben.
3. Ein Fleck ist menniglich bekandt,
Kirchenbolandt ist er genandt,
Darin ein "Wirdt thet wohnen,
Bastian Schönmund ist er genandt,
Thet sein Weib nicht verschonen.
4. Vnd er hat sich zuvor bedacht,
Mit dreyen Mördern ein Kauff gemacht,
Verkaufft heimlich geschwinde
Vmb dreihundert Gülden sein Weib,
Im Wald wollten sie sieh finden.
5. Vnd fürwar auff einen Sontag
Aus falschem Hertzen der Wirt sprach
Zu seiner Frawen balde,
Sie wollten mit einander gehn
Spatzieren in den Walde.
*) Druck : vntz.
Köhler, Kl. Schriften. III. 19
290 Zur Volksdichtung.
6. Er hat fürwar ein schönes Weib,
Vnd sie ging gros mit schwangerm Leib
Vnd sie war gar nicht alte ;
Aus falschem Gemüth vnd Hcrtzen
Führt er sie in den Walde.
7. Sie hat sich angelegt mit Fleiss,
Hat vnterm Arm ein Tüchlein weiss,
Da sie kamen in den Walde,
Da nahm der Wirth das Tuch gar fein
Vnnd breitet auss1) geschwind vnd bald.
8. Die Mörder das Geld von Silber weiss
Zeltens auff den Tuch mit Fleiss
Drey hundert Gülden bare.
Ein jeder Christ die That bedenck
Vnd hüt sich vor Gefahre.
9. Der Wirt das Geld thet nemen schon
Vnd hies die Frawen warten thun,
Er wollt nach etwas sehen,
Vnd lies die Frawe gar allein
Vnter den Mördern stehen.
10. Die Fraw stund da mit schwangerm Leib,
Das Herz erzittert in dem Weib,
Noch thet sie Gott vertrawen.
Die Mörder bunden sie an ein Baum,
Worffens Loss vmb die Frawen.
11. Vnd das Loss wurffen sie gar schon,
Welcher sie solt auffschneiden thun,
Es thet auffn Jüngsten fallen,
Welcher sein Leblang kein Mord
Hat helffen volbringen.
12. Er nam das Messer, gieng hinzu,
Er kundt ihr aber gar nichts thun,.
Er kund nicht bey sie kommen
Wol auff ein Schrit oder drey,
Wie ich doch hab vernommen.
13. Der ander bald das Messer nam:
cDu must dich nicht so stellen thun,
Wenn du mit vns wilt morden,
Du must sie wacker greiffen an,'
Sprach er mit trotzigen Worten.
l) Druck: auff.
39. Das Lied von der verkauften Müllerin. 291
14. Er gieng bald nach der Frawen hinan
Vnd wolt sie schnell auffschneiden thun
Vnd kund nicht bey sie kommen ;
Denn Gott war mit diesem Weib,
Wie ich hab vernommen.
15. Der dritte trat mit Hertzen hinan
Vnd wolt die Fraw auffschneiden thun,
So gibt Gott seine Gaben,
Das zween Waltförster gut
In den Wald theten draben.
16. Die Förster sahen die mörderisch That,
Ein jeder sein Rohr gespannet hat
Vnnd die Hahn auffgezogen
Vnd schoss den ersten durch das Hertz,
Ist war vnd nicht erlogen.
17. Der andere Förster auch geschwind
Dem andern schoss durch die Seyten hin,
Die zween theten todt bleiben ;
Denn dritten haben sie auch bald
Mit Spiessen thun entleiben.
18. Da die Förster so ritterlich
Vnd manhafftig gewehret sich
Vnnd sie alle entleibet,
Sind sie gelauffen zu dem Bawm,
Von Stricken erlöst das Weib.
19. Vnd führten sie aus dem Wald hinaus
In ihres Nachbarn Hauss.
Der thet zum Schuldtheis gehen,
Das man etliche Menner auffmahnt.
Bitt, wollet mich recht verstehen.
20. Die beyde Förster ohne Grauss
Giengen hin in des Wirts Hauss,
Begerten ein Kanne Weine.
Der Wirth mit trawrigem Muth
Gieng in der Stuben alleine.
21. Die beyde allein haben sich bedacht
Vnd dem Wirth einen Trunck gebracht
Vnd ihn zwischen sich genommen
Vnd haben gefragt nach seinem Weib.
Er sagt: 'Sie wirdt baldt kommen.'
19*
292 Zur Volksdichtung.
22. Ein Strick der ein Förster hat,
Weiss[t] den vnd sagt ihm von der That,
Ob er den auch thet kennen,
Da er sein ehelich Weib
Verkaufft hat an demselben Enden,
23. Vnd wurft'en ihm den Strick an.
Der Wirth erschrack gar sehr davon,
Er must sich gefangen geben;
Das Haus war allenthalben vmbstellt,
Das sing ich euch gar eben.
24. Sie führten ihn gefenglich ein,
Vnd allda must er innen sein,
Biss das Gericht thet kommen.
Da hat ihm das Gericht gegeben,
Das bracht ihm nicht viel Frommen.
25. Das Vrtheil ihm geben hat,
Vnd das man ihn mit dem Radt
Von vnten an solt stosäen.
Es solt menniglich ein "Warnung sein,
Von den[!] Bösen zu lassen.
26. Also bekam er seinen Lohn,
Was er hat verdienet schon
Allhie in seinem Leben.
Die schreckliche That bedenckt,
Die sich da hat begeben.
27. Sehr wunderbarlieh Gottes Sohn
Die Seinen erhalten kan,
Vnd sie auch recht begaben.
Also beschert Gott diesem Weibe
Auch noch zween junge Knaben.
28. Es verwundert Weib vnd Man,
Das sie keinen Schaden empfangen hau
In ihren grossen Schmertzen.
Das möcht manch Mutter Kind
Wol gehen1) zu Hertzen.
29. Der allmechtige Gottessohn,
Der die Seinen erhalten kan,
Der helft' vns alle sammen
Vnnd mach vns Erben in seinem Reich
Durch .Thesuni Christum. Amen.]
') Druck: gegen.
40 a. Und wenn der Bimmel war Papier. 293
40a. Und wenn der Himmel war Papier.
(Orient und Occidenl 2, 546—559. 1863.)
Nicht nur Mythen, Märchen, Novellen und Fabeln. Lieder,
Sprüche, Sprichwörter und Rätsel wandern von Volk zu Volk
und lassen sich in mannigfach veränderter Gestalt über weite
Strecken des Raumes und der Zeit verfolgen, auch von einzelnen
Vergleichungen, Bildern und dichterischen Formeln gilt das-
selbe. Freilich wird man auch liier zuweilen — und noch
Öfter als dort — ■ geneigt sein, keine Wanderung, keine Ent-
lehnung voneinander, sondern selbständige, unter sich unab-
hängige Erfindung anzunehmen.
Ich erlaube mir nun den Lesern dieser Blätter eine viel-
fach vorkommende dichterische Formel, die ich seit langem
im Auge gehabt habe, in den mir bisher bekannt gewordenen
verschiedenen Gestalten und Anwendungen vorzulegen, und
besinne gleich mit den ältesten.
Der berühmte Rabbi Rabbi Jochanan ben Zacchai, der
zur Zeit Vespasians lebte und Lehrer des Josephus gewesen
sein soll, soll von sich gesagt haben1): 'Wenn alle Himmel
Pergament wären und alle Söhne der Menschen
Schreiber und alle Bäume des Waldes Schreibfedern,
sie könnten nicht ausschreiben was ich gelernt habe' (Jalkut
fol. 7, col. 1. Chronic. Sehalscheleth fol. 26, 2). Im Talmud
aber (Schabbas fol. 11, 1) heisst es: 'Wenn alle Meere
Tinte und alle Binsen2) Seh reib federn und der | ganze 547
Himmel Pergament und alle Söhne der Menschen
Schreiber wären, sie reichten nicht aus zu beschreiben
die Tiefe des Herzens der Könige1.
Hiermit stimmt ziemlich genau überein eine Stelle eines
noch heute üblichen hebräisch - aramäischen Pfingstliedes,
welches der im elften Jahrhundert lebende Rabbi Meir ben
Isaak gedichtet hat. Sie lautet:
') Diese und die folgende Stelle des Talmud finden sich hebräisch
und lateinisch in Johannis Buxtorfii Lexicon chaldaicum, talmudicum et
rabbinicum, Basileae 1640, p. 2042, vgl. p. 22.
2) Hebräisch agaraini, von Buxtorf 'junci' übersetzt.
294 Zur Volksdichtung.
'Wären die Firmamente Rollen und Federn alles
Röhricht x), wären alle Meere und alle Gewässer der
Seen Tinte, wären alle Bewohner der Erde Schrift-
gelehrte und geübte Schreiber, so wäre doch unbe-
schreiblich die Majestät des Himnielsherren und des Erdball-
fürsten". 2)
Aus dem Koran gehören zwei Stellen hierher. Die eine
(Sure 31, V. 26) lautet nach Ulimanns Übersetzung (Crefeld
1842, S. 352): 'Wären auch alle Bäume auf der Erde
Schreibfedern und würde auch das Meer zu sieben
Tinten in eeren anschwellen, so würden die Worte Gottes
doch noch nicht erschöpft sein, denn Gott ist allmächtig und
allweise.'3) Die andere (Sure 18, V. 109, bei IJllmann S. 250):
'Wenn selbst das Meer Tinte wäre, das Wort meines Herren
ganz nieder zu schreiben, so würde doch das Meer noch eher
als das Wort meines Herrn erschöpft sein, und wenn wir auch
noch ein ähnliches Meer hinzufügten5. 4) In einem türkischen
Traktat, der sich handschriftlich auf der Dresdener Bibliothek
befindet und den Ebert in den Kuriositäten (Weimar 1818)
7, 335 ff. übersetzt hat, lesen wir, dass nach der eigenen Er-
zählung des Propheten, die sein Vertrauter Ans Ebn Malek
überliefert hat, der Engel Gabriel den Propheten die Kraft
548 eines gewissen mystischen Gebe- | tes also geschildert habe:
'Wenn alle Meere Tinte, alle Bäume Schreibfedern,
alle Menschen Schreiber wären, so würden sie dennoch
von nun an bis zur Auferstehung die Kraft dieses Gebetes
1) kene kol churschata.
2) Auf die Existenz dieser Stelle bin ich durch den Anonymus in
Frommanns Deutschen Mundarten 6, 223 aufmerksam gemacht worden,
der sie jedoch nicht wörtlich mitteilt. Diese Mitteilung in Original und
Übersetzung verdanke ich Herrn Professor Paulus Cassel in Berlin.
3) Ullmann bemerkt zu der Stelle : 'Eine ganz ähnliche Stelle be-
findet sich im Talmud, und, wenn ich nicht irre, im Tr. Sabbath. Vgl. auch
Sure 18, S. 250.'
4) "Wenn in der Zeitschrift für die deutschen Mundarten a. a. 0.
Koran Sure 31, 26; 18, 109; 16,18 citiert werden, so ist das letzte Citat
ungehörig, da an jener Stelle nur ganz allgemein gesagt wird: Gottes
"Wohlthaten seien nicht zu zählen.
40a. Und wenn der Himmel war Papier. 295
nicht beschreiben können.'1) Es ist kaum notwendig daran
zu erinnern, dass in allen drei Stellen der Himmel als
Pergament fehlt.
Indem ich mich nun nach Europa wende, beginne ich
zunächst mit Griechenland.
In einem neugriechischen Lied klagt ein Liebender,
wie in der Zeitschrift für die deutschen Mundarten a. a. 0.
ohne Quellenangabe mitgeteilt ist:
Tor ovgavo xäfivco "/aqxl, xtjv fiüXaooa fxeXävrj,
Na ygäyco zä Tieiofiauxa xai~jräX.n> Skr fik qpßävei,
•d. h. Den Himmel nehm ich zum Papier, zur Tinte nehm das Meer ich,
Um auszuschreiben all mein Leid, doch reiche nimmermehr ich.
Im Gedanken ganz gleich, in den Worten etwas anders
gewandt hörte Edward Dodwell von Atheniensern singen:
Na ijzarE 6 ovgavo.; y.aori] y.al ?) ßäXaooa fieXai'v>],
Aia va ygäcfsn' rovg novovg fiov axofii der sar&aivs
d. h. Wenn der Himmel Papier wäre und das Meer Tinte,
es würde doch uichtausreicheu,um meine Leiden auszuschreiben.
Dodwell (A classical and topographical tour through Greece,
London 1819, II. S. 18) findet dies übrigens csingularly
hyperbolical and ridiculousT2)
Endlich gehört hierher noch der Anfang eines jener Lieder,
mit denen am ersten Januar, dem Feste des heiligen Basilios,
die einzelnen Glieder eines Hauses angesungen werden. | Das 549
uns hier berührende Lied gilt einem erwachseneu Sohne, der,
wie Müller in seiner Übersetzung der Faurielschen Sammlung 2,
127 sagt, dem Inhalte nach einen Anstrich von gelehrter
*) Ebert vergleicht in einer Anmerkung S. 339 Koran 21, 26,
Buxtorfs Lexikon a. a. 0. und zwei unten anzuführende Stellen, die eine
von Chaucer oder vielmehr von Lydgate, die andere aus Des Knaben
Wunderhorn.
2) Mit den Yersen bei Dodwell müssen die von Hobhouse, Journey
through Albania p. 1091 mitgeteilten wohl genau stimmen. Hobhouse
ist mir nicht zur Hand, Talvj in ihrem Versuche einer geschichtlichen
Charakteristik der Volkslieder germanischer Nationen, Leipzig 1840,
S. 450 citiert Hobhouse, giebt aber nur eine deutsche Übersetzung:
Wenn all das Weltmeer Tinte war' der Himmel all Papier,
Wollt' ich beschreiben meinen Schmerz, nicht Gnüge thät' es mir.
296 Zlu" Volksdichtung,
Bildung haben müsste. Der Anfang lautet (Fauriel 2, 252,
daraus Passow, Popularia carmina Graeciae recentioris nr. 303):
rgattftUTtxs, yoctftfianxE, ygaii/tarixt: xul xpakrrj,
Tor ovqolvov e%eis "//toxi, ri]v ßulaooav fieXävi,
K* av syQCupes, x uv ^eyoafpsg, ri/r döXaiav rl/r uyä.-n/v.
il. h. 0 Schreiber du, o Schreiber du, o Schreiber du und Sänger !
Du nimmst den Himmel zum Papier, das Meer zu deiner Tinte,
So oft du schreibst und wieder schreibst an deine arme Liebe.
(Müller 2, 109.)
Von den Griechen wenden wir uns zu den ihnen be-
nachbarten Serben. In einem Liede (Talvj, Volkslieder der
Serben 2, 87) spricht eine Liebende:
All der Himmel wenn's ein Blatt Papier war',
All der Wald wenn es Rohr federn wären,
All das Meer wenn's schwarze Tinte wäre,
Und wenn ich daran drei Jahre schriebe,
Nicht ausschreiben könnt1 ich meine Schmerzen.
Gehen wir nun nach Italien über. Hier habe ich
zunächst einen mittelalterlichen Dichter anzuführen, der freilich
in lateinischer Sprache schrieb. Henricus Septimellensis,
von seinem Geburtsort Settimello im Florentinischen so ge-
nannt, dichtete im Jahre 1191 oder 1192 eine Elegia de
diversitate fortunae et philosophiae eonsolatione, von deren
Beliebtheit auch eine alte italienische Prosa-Übersetzung zeugt
(vgl. Tiraboschi, Storia della letteratura ital., sec. ediz. 4,
449; Grässe, Litterärgeschichte 2, o, 825). In diesem Gedicht
(liber 1, v. 232, bei Leyser, Historia poetarum medii aevi
p. 464) klagt der Dichter:
Tot mala, tot poenas patior, quod si quis arenam
Conferat in numero, cedat arena meis.
Pagina sit coelum, sint frondes scriba, sit unda
Incaustum: mala non nostra referre queant.
In italienischer Sprache kann ich mehrere neuerdings
gesammelte und bekannt gemachte Volkslieder anführen. Ein |
550 toscanisches Volkslied bei Tommaseo, Canti popolari 1, 97
danach bei Tigri, Canti popolari toscani S. 76, nr. 268)
lautet :
40a. Und wenn der Himmel war Papier. 29 i
Se gli alberi potesser favellare,
Le foglie che c' e su, baren le lingue, l)
E fusse inchiostro l'acqua dello mare,
La terra fusse carta, e l'erba penne,
Tanto ci mancherebbe qualche foglio
A scrivere, amor mio, '1 ben che vi voglio.
Ein anderes bei Tommaseo 1, 08 ist zum Teil wörtlich
gleich, zum Teil wieder abweichend:
Se gli alberi potessan' favellare,
Le fronde che son su fossano lingue,
L1 inchiostro fosse l'acqua de lo mare,
La terra fusse carta e l'erba penne,
E in ogni ramo ci fusse im bei foglio,
Ci fusse scritto il bene che ti voglio!
E in ogni ramo ci fasse un bei breve,
Ci fusse scritto quanto ti vo' bene!
Ein venezianisches Lied bei Dalmedico, Canti del popolo
veneziano. seconda edizione, Venezia 1857, S. 70 lautet:
Vorave che qu'i albori parlasse,
Le fogie che xe in cima fusse lengue,
L' aqua che xe nel mar el fusse ingiostro,
La tera fusse carta e l'erba pene,
Ghe scrivaria una letera al mio Bene.
Ma chi fusse quel can che la lezesse,
Sentir le mie passion e no pianzesse?2) |
In einer corsischen Tütenklage bei Tommaseo 2, 158 551
rühmt die Klägerin die Thaten des Ermordeten und sagt von
ihnen :
1 ) Vgl. im deutschen Märchen 'Vom treuen Johannes' (Grimm nr. 6)
die Worte : Meine Liebe ist so gross, wenn alle Blätter an den Bäumen
Zungen wären, sie könnten's nicht aussagen.
'-) Nach Paul Heyses Übersetzung (Italienisches Liederbuch S. 77):
Ich wollte dass die Bäume sprechen könnten,
Die Blätter an dem Gipfel Zungen wären,
Das Meer zu Tinte, zu Papier die Erde,
Die Flur soll statt der Gräser Federn treiben,
Dann würd' ich meinem Schatz ein Briefchen schreiben.
Wo wäre dann der Hund, der all mein Sehnen
Geschrieben sah' und las' es ohne Thränen?
298 Zur Volksdichtung.
S'ejo l'avessi da scrive,
S'ejo l'avessi da stampane,
D'argentu buria la piumma,
E d'oru lu calamane,
Per inchiostru ci vuria
Tutta l'acqua di lu mare.
Per papere ci vuria
La piana di Mariana. ')
Hervorzuheben ist, dass in allen angeführten italienischen
Volksliedern als Papier nicht der Himmel, sondern stets die
Erde (im corsischen Liede Marianas Ebene) gedacht wird,
was uns später auch im Englischen begegnen wird.
Es bleibt noch ein toscanisches Lied zu erwähnen, wo
die Erde als Papier fehlt, als Schreiber aber die Sterne ge-
dacht werden, was sonst nur, wie wir gleich sehen werden,
in der deutschen Poesie vorkommt:
Se l'acqua dello mare fosse inchiostro
D'ogni Stella ci fusse uno scrivano,
Non scriveressi il bene ch' io vi voglio.
(Tigri S. 240, 2. Ausg. S. 131.
In französischer Sprache ist mir nur eine Stelle bekannt
geworden, und zwar ein Erzeugnis der altfranzösischen Kunst-
lyrik. In einem Lied eines ungenannten Dichters (Wacker-
nagel, Altfranzösische Lieder und Leiche S. 64) wird gesagt,
die Güte des Erlösers könne keiner aussprechen, auch wenn
er alle Sprachen verstände und wenn Meer und Himmel in
Tinte und Pergament verwandelt wären, j
l) Nach Paul Heyses Übersetzung ä. a. O. S. 240 :
Wenn ich es zu schreiben hätte,
Wenn in Druck ich's geben sollte,
Müsste silbern sein die Feder
Und das Schreibzeug ganz von Golde,
Tinte müsste sein die Meerflut
Alle die ans Ufer rollte,
Und Papier Marianas Ebne,
Drauf ich alles schreiben wollte.
40 a. Und wenn der Himmel war Papier. 299
meir et ciels fuissent muei 552
en encre et en parchamin. ')
Ehe ich Stellen in deutscher Sprache mitteile, schicke
ich zwei Stellen in lateinischer Sprache voraus, die aber von
Deutschen herrühren.
Ein sonst unbekannter Adolphus dichtete im Jahre 1315
in elegischem Masse zelin fabulae mit Prolog und Epilog,
sämtlich auf List und Trug der Weiber sich beziehend, die
Leyser in seiner Historia poetarum medii aevi p. 2007 ff.
herausgegeben hat, und sagt darin v. 575 ff.
Si stellaa scribaä, pelles coelum, maris unda
Esset ineaustnm, nee eifra cum soeiis
Sufficerent plene mulierum seribere fraudes,
Cum quibus illaqueant corda modo juvenum.
Sehr ähnlich ist der von Mone im Anzeiger für Kunde
deutscher Vorzeit 1834, Sp.32 aus einer Handschrift des 15. Jahr-
hunderts in der Heidelberger Bibliothek mitgeteilte Spruch:
Si membrana polus foret, encaustum mare, stellae
Penna?, non possent mulierum seribere velle.
In diesen beiden lateinischen Stellen haben wir wie in
fast allen folgenden deutschen die Sterne als Schreiber.
In dem anmutigen mittelhochdeutschen Gedicht (das
Rädlein' von Johann von Freiberg, welches wahrscheinlich
dem 13. Jahrhundert angehört (von der Hagen, Gesamt-
abenteuer 3, 111 ff.), sagt eine Jungfrau, nachdem sie das
erste Mal der Liebe genossen, v. 435 ff.:
Und waere das mer tinte
Und der himel perminte
Und alle sterne daran,
Beide, sunne unde man,
Gras, grie3 unde loup,
Darzuo der kleine sunnen stoup,
Da3 da3 wreren pfaffen und schribsere,
Den waere e3 allen ze swsere |
Da3 sie vol schriben und vol lesen
Künden, wie sanft mir ist gewesen.
l) Die Handschrift des Liedes bat cterre et ciels', Wackernagel
bessert aber S. 177 mit Recht cmeir' und vergleicht dann cvon vielen
Stellen ähnlicher Art' die oben angeführte des Henricus Septimellensis
und die gleich anzuführende des Johann von Freiberg.
553
300 Zur Volksdichtung.
In der Schrift von der ewigen Weisheit des Mystikers
Heinrich Suso (-J- 1365), den Wackernage] in seiner Literatur-
geschichte S. 336 cüberschwänglich in Bildern der Phantasie
und den Ergüssen der Empfindung, einen Minnesinger in Prosa
und auf geistlichem Gebiete' nennt, linden wir folgende Stelle
(Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch 2. Aufl., S. 873. 29):
'Wer git mir des himels breit bermit, des meres tiefe
ze tineten. lob und gras zu vedren, das ich vol schrib
min herzeleid und da,3 unwiderbringlich ungemach das mir
da3 leitlich scheiden von mineni geminten hat getan?'
Andere mittelhochdeutsche Stellen bieten die Formel nur
unvollständig und entstellt. Reinbot von Dum sagt in
seiner Dichtung vom heiligen Georg, die zwischen 1231 — 1253
verfasst sein muss, einmal (V. 3041 ff.<:
Wsere der grie3 gar gezalt,
Der bi allen wa"s~sern lit,
Und wsere da3 allis permit
Und bie darzu wsere
Iglicher stern ein schribsere,
Die mohten von der godis kraft
Noch von aller siner geschaft
Vol ahten, aoeh vollen schriben.
Und schon vorher, V. 1013:
AVior allis laub permit,
Daran mohte man geschriben niht
Die froeude die man an in beiden siht -
nämlich an Christus und seiner Mutter im Himmel.
In dem 1293 verfassten Gedicht von den Martern der
heiligen Martina des Bruders Hugo von Langenstein lesen
wir 81, 13 ff.
YYasre e3 so geschaffen
Da3 alle steinen pf äffen
AVieren wol geleret . . .
Die mohten niht den anevanc
Machen kunt, der äne wanc
Ze diner (Gottes) wislieir pfuhtet.
Der Dichter einer Marienklage (bei Mone, Schauspiele
des Mittelalters 1. 245) singt: I
40a. Und wenn der Himmel war Papier. ;-)01
Wim war der himel bermlt \vi3 554
Unt leite ich allen lniiien vli"s
Unt schribe ich alle niliie tage
Die vil bitterlichen Klage
Marien unt die augehabe,
Die sie tet an ir Kindes grabe,
Ich mühte e3 niht geschriben.
In einem Fastnachtspiele des 15. Jahrhunderts, wahr-
scheinlich von Hans Rosenplüt (Keller S. 134), sagt ein
Ehemann:
Nu hört, ir frauen und ir man,
Wie ich mein weip so recht liep han.
Wenn das mer eitel tinten wer,
Das schrieb man alle auss trucken und 1er,
Dass nindert kein tropf darin belieb,
Ee man mein lieh nur halbe gesclirieb,
Die ich hab tag und nacht zu ir:
So unausprechlich liebt sie mir.1)
In einem handschriftlichen gereimten Liebesbriefe vom
Jahre 1548 (Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1858,
S. 216) schreibt der Liebende:
Ich hett' euch geren mer geschriben,
Mich hat die Inbrinstigkeit der Lieb vertriben.
Und wan der Himel war' Papier,
Und ein jeder Steren ein stolzer Schreiber war1,
So kund ich euchs, Herzlieb, nit alls erschreiben.
Um die unaussprechliche Grösse der Liebe anzudeuten,
kommen Himmel und Sterne als Papier und Schreiber in
deutschen Volksliedern sehr häufig vor. Das Meer als Tinte
wird im Volkslied nie erwähnt.
Wenn glai dar Hiemmel popiren weär'
Onn ides Stanle a Schraiberle weär1
Onn schrieben a'n ides meit sieve Hend',
Se queme ni meit niai'r Liv zu End'.
Alte teutsche Volkslieder in der Mundart des Kuh-
ländchens, hsg. von J. G. Meinert (Wien u. Hamburg 181?)
1, 253. I
') Ich folge in der 4. und 6. Zeile der Münchner und Wolfenbüttler
Handschrift.
302 ^ur Volksdichtung.
555 U wenn der Himmel papyrige war'
Und e jede Sterne-n-e Schryber war'
U jedere Schryber hätt siebe siebe Hand1,
Sie schriebe doch all! mir Liebi kes End'.
Schweizerisch, Wunderhorn, neue Ausg. 1, 334.
Und wenn der Himmel war' Papier
Und jeder Stern ein Schreiber war'
Und schrieben all mit tausend Hand',
Sie schrieben doch der Liebe kein End'.
Fränkisch, Wunderhorn 4, 138.
Wenn all der Himmel war' Papier
Und jeder Stern ein Schreiber schier
Und beschrieben das ganze Firmament,
Sie schrieben der Liebe ja noch kein End'.
Aus Rheindorf bei Bonn, Simrock, Deutsche Volkslieder S. 605.
Und wann der Himmel war' Papier
Und jeder Stern könnt' schreiben hier
Und schreiben die Nacht bis wieder an Tag,
Sie schreiben die Liebe kein Ende, ich sag!
Aus Schwaben in Böckhs und Gräters Bragur 1 (1791),
S. 275, daraus in Biischings und von der Hagens Sammlung
deutscher Volkslieder 'S. 147.
Und wenn der Himmel Papiere war'
Und alle die Sterne die Schreiber wär'n,
Schreiben thäten sie die liebe lange Nacht,
Sie könnten nicht beschreiben was Liebe ausmacht.
v. Ditfurth, Fränkische Volkslieder 2, 73.
Und wenn der Himmel papieren war'
Und alle Sternlein Schreiber wär'n
Und schrieben von Morgen bis in die Nacht,
So schrieben sie uns beide die Liebe nicht ab.
Aus Thüringen im Weimarischen Jahrbuch 3, 300.
Derartiger Volkslieder oder Liebesbriefe erinnerte sich
ohne Zweifel der Dichter der 1799 zum erstenmal erschienenen
Jobsiade, Konrad Arnold Kortüm, als er darin (Buch 3,
Kap. 20, Strophe 13) Esther an den Baron schreiben liess:
Wenn der ganze Himmel Papier wäre
Und alle Sterne Schreiber und Sekretäre |
556 Und schrieben fort bis zum jüngsten Gericht,
So kleckten sie doch zur Beschreibung meiner Liebe nicht.
40 a. Und wenn der Himmel war Papier. 303
Abweichend von den bisher mitgeteilten Stellen deutscher
Volkslieder sind zwei andere. Nach der einen (Altrhein-
ländische Märlein und Liedlein, Coblenz 1843, S. 106) sollen
die Wolken das Papier sein:
Waren alle Sterne Schreiber gut
Und alle AVolken Papier dazu
Und sollten sie schreiben der Liebsten mein,
Sie brächten die Lieb' in den Brief nicht hinein.
Nach der anderen (Wunderhorn 3, 107) sollen die
Felder Papier sein, wie in dem oben erwähnten corsischen
Liede Marianas Ebene:
Ich wollt' dass alle Felder wären Papier
Und alle Studenten schrieben hier,
Sie schrieben ja hier die liebe, lange Nacht,
Sie schrieben uns beiden die Liebe doch nicht ab.
Aber nicht bloss zur Anzeigung massloser Liebe wird
unsere Formel gebraucht. In einem Volkslied aus der Eifel
(Schmitz, Sitten und Sagen des Eitler Volkes 1, 130) klagt
eine arme Seele:
Allwann der Himmel Papier nur war1
Und jedes Sternlein ein Schreiber war',
Sie könnten nicht beschreiben zumal,
"Was ich muss leiden für Pein und Qual.
In einem Schwank, den die Sachsen in Siebenbürgen er-
zählen (Haltrich, Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsen-
lande in Siebenbürgen S. 252) sagt ein aufschneidender
Student: cIch habe soviel gelernt, dass mans nicht nieder-
schreiben könnte, wenn das Meer lauter Tinte und der ganze
Himmel Papier wäre.5 Der sächsische Student spricht also
ganz ähnlich dem eingangs erwähnten jüdischen Rabbi.
Und jetzt kommen wir zum Schluss unserer Sammlung
deutscher Stellen zu einem Spruch, der die Formel in ihrer
Dreiheit (Himmel. Wasser, Sterue) bietet:
Ja wenn gleich war' das Firmament
Lauter Papier und Pergament,
Und alle Wasser samt dem Meer
Nichts denn lauter Tinten war', |
Die Stern am Himmel allzumal, 557
Deren doch seind ohne Zahl.
304 Zur Volksdichtung.
Ein jeder sich zum Schreiben rieht,
Könnten sie docli die Bosheit nicht
Beschreiben eines bösen Weibs:
Der Teufel in der Höll beschreibs.
So ist der Spruch im Jahre 1644 zweimal in ein Stamm-
buch eingezeichnet, welches damals einem Buchbindergesellen
aus Hall in Tirol gehörte und sich jetzt in der Grossherzog-
lichen Bibliothek zu Weimar befindet (Stammbücher nr. 34).
Denselben Spruch, nur mit ein paar kleinen sprachlichen
Varianten, führt der Anonymus in der Zeitschrift für die
deutschen Mundarten a. a. 0. aus dem Rosetum Historiarum . . .
durch Matthaeum Hammerum, Zwickau 1654, S. 165 an.
Aus England kann ich zwei Stellen beibringen. In einem
Gedicht (A balade warning men to beware of deceitfnll
women), welches in älteren Ausgaben Chaucers (so z. B. auch
in Robert Andersons The works of the British Poets, Vol. 1,
p. 586, London 1795) ihm beigelegt wird, aber nach einer
Harleianischen Handschrift von John Lydgate herrührt und
deshalb aus den neueren Ausgaben Chaucers verschwunden
ist (vgl. The Canterbury Tales of Chaucer: with an essay
upon his language and versification, an introduetory discourse
notes, and a glossary, by T. Tyrwhitt, Vol. 1, London 1822,
S. LV) heisst die letzte Strophe :
In soth to saie, though all the yerth so wänne
"Wer parchiment smoth, white and scribabell,
And the gret se, that called is the Ocean,
Were tournid into ynke blackir than sabell.
Eche sticke a pen, eche man a scrivener abel,
Not coud thei writin woman's trechirie,
Beware therefore, the blind eteth many' a flie.
Ein mir befreundeter Engländer erinnert sich folgender
Zeilen, die er in seiner Jugend auswendig gelernt hat:
Could I with ink the ocean fill,
Were the whole earth of parchement made,
Were every blade of gras a quill
And every man a scribe by trade ....
(Gottes Grösse könnte nicht ausgeschrieben werden). |
558 Er vermutet, dass die Zeilen aus einem geistlichen Ge-
dichte des übrigens sonst sehr poesielosen Dr. Isaac Watts sind.
40a. Und wenn der Himmel war Papier. 305
Das sind die mir bekannt gewordenen Gestalten derselben
Formel. Wir sind ihr — um das Bisherige zusammenzu-
fassen — bei Juden, Arabern, Neugriechen, Serben, Italienern,
Franzosen. Deutschen und Engländern1) begegnet, und ich
glaube, wir haben ihren Ursprung bei den Juden zu suchen
und, solange kein älteres Vorkommen nachgewiesen wird,
den Rabbi Jochanan als ihren Vater zu betrachten. Der Koran
hat ohne Zweifel aus dem Talmud entlehnt; für die spätere
Verbreitung der Formel aber im Abendland ist wahrscheinlich
das oben angeführte jüdische Pfingstlied von Wichtigkeit,
welches seit dem 11. Jahrhundert in den Synagogen alljährlich
gesungen ward. Keine der von mir beigebrachten abend-
ländischen Stellen ist nachweislich älter als das jüdische
Pfingstlied. Natürlich braucht nicht bei jedem europäischen
Volke die Entlehnung direkt aus dem jüdischen stattgehabt
zu haben.
Dass aber eine Stelle eines religiösen jüdischen
Liedes Christen bekannt geworden ist und auf ihre Dichtung
Einfluss gewonnen hat, wird uns um so weniger wundern,
wenn wir bedenken, dass ein ganzes jüdisches Osterlied unter
den Christen bekannt geworden und natürlich in modifizierter
■Gestalt grosse Verbreitung gefunden hat. Es ist dies das
Lied, welches beginnt 'Ein Zicklein, ein Zicklein, das hat ge-
kauft mein VäterleinJ und welches in Griechenland, Ungarn,
Deutschland, Frankreich, England und Schottland mannigfache
Nachahmungen veranlasst hat. Vgl. die Nachweise vou Rocli-
holz, Alemannisches Kinderlied S. 153 ff., Stöber, Elsässisches
Volksbüchleiu 1, S. 129 ff., von einem Ungenannten in
Frommanns Deutschen Mundarten 6, 223 und von mir in
Pfeiffers Germania 5, 463 ff. [= unten nr. 45.].
Auch von einem anderen jüdischen Osterliede cEins das
weiss ich, einig ist unser Gott5 nimmt man an (Erk, Deutscher
Liederhort S. 407 ff., Rochholz a. a. 0. S. 267 ff., Stöber
a. a. 0. S. 147 ff.. Frommanns Mundarten 6, 224). dass es
das Original für zahlreiche ganz ähnliche, aber christlich um-
*) Auch bei den Indern; s. Nachtrag. (Anm. der Red.)
Köhler, Kl. Schriften. HI. 20
306 Zur Volksdichtung.
gedichtete Lieder sei. Nur konnte vielleicht ein altes bretag-
559 nisches | Lied, welches Villemarque, Barzaz-Breiz, 4. ed. lr
S. 1 ff. mitteilt, dem jüdischen die Originalität streitig machen.1}
Kiii sicheres Beispiel jüdischen Einflusses auf nicht-
jüdische Poesie sind endlich noch die von mir in Pfeiffers-
Germania 2, 481 [oben 2, 47] mitgeteilten Reime 'Zehn Dinge
in der Welt stark sind', die ich damals nur aus dem 'Neu-
vermehrten Rathbüchlein' kannte, seitdem aber auch mit einigen
Abweichungen in dem 1668 erschienenen 'kurtzweiligen Zeit-
vertreiber von C. A. M. v. W.D S. 582 gefunden habe. Diese
Reime und der von mir mit ihnen zusammengestellte äthiopische-
Spruch finden ihre Quelle in dem Talmud (Baba bathra 10a),
wie ich aus Landsberger Einleitung zu den Fabeln des
Sophos, Posen 1859, S. LIII sehe.
Nachtrag von Theodor Benfey.
Wie oben zu S. 558 bemerkt, erscheint diese Ausdrucks-
weise auch bei den Indern, nämlich in dem von Subandhu.
abgefassten Roman Väsavadattä, dessen Zeit zwar nicht ge-
nauer zu bestimmen ist, der aber doch, nach der Ansicht
des Herausgebers Fitz Edward Hall, wohl vor zwölfhundert
Jahren geschrieben sein möchte (s. dessen Einleitung zu der
Ausgabe in der Bibliotheca Indica, Calc. 1859, S. 24). Hier
sagt S. 238 die Vertraute der Heldin zu dem Geliebten der-
selben: tvatkrte yänayä vedanänubhütä sä yadi nabhali paträ-
yate sägaro melänandäyate brahmäyate lipikaro bhujagarä-
jäyate kathakas tadä kim api katham apy anekayugasahasrair
') Die deutschen Lieder sehe man bei Erk, Rochholz und Stöber
an den angeführten Stellen und bei Schmitz, Sitten und Sagen des Eitler
Volkes 1, 113. Neugriechisch bei Sanders, Volksleben der Neugriechen
S. 328, mährisch bei Wenzig, "Westslawischer Märchenschatz S. 293,
wendisch bei Haupt und Schmaler, Lieder der Wenden 2, 150, spanisch.
bei Segarra, Poesias populäres (Leipzig 1862) S. 131, schottisch bei
Chambers, Populär rhymes of Scotland, 3. ed., S. 199, dänisch bei
Grundtvig, Gamle danske Minder, ny Sämling, S. 68 und endlich in.
lateinischer Sprache bei Erk a. a. 0. S. 409 und Villemarque a. a. 0-
S. 25.
-tob. Und wenn der Himmel war' Papier. 307
abhilikhyate kathyate vä. Das ist 'Welch Leid diese deinet-
wegen ertragen, das Hesse sich. — wenn der Himmel sich
in Papier verwandelte, das Meer zum Tintenfass
würde, der Schreiber (an Ewigkeit des Lebens) zu Brahma
der Erzähler (an Vielfältigkeit der Zungen) zum Schlangen-
könig, nur zum Teil und mit Mühe in vielen Tausenden von
Weltaltern niederschreiben und erzählen.' Aus der wahrhaft
kolossalen Übertreibung, welche mit dem übrigen Charakter
des Romans in Harmonie steht, dürfen wir schliessen, dass
die naivere Form in Indien allgemein bekannt war.
40b. Nachträge zu meinem Aufsatz ' Und wenn
der Himmel war' Papier3.1)
(Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn 1, 312—318. 1889.)
Den Wunsch des Herrn Herausgebers dieser Blätter, die
von mir zu dem in der Überschrift genannten Aufsatz ge-
sammelten Nachträge hier zu veröffentlichen, erfülle ich gern.
Ich bin aber nicht im stände, jetzt gleich alle auf einmal
mitzuteilen, muss vielmehr die Mitteilung der Nachträge aus
der Volksliederlitteratur, sowie einiger anderer auf das nächste
Heft verschieben.
1.
Einem Aufsatz von S. Logiotatidis in der Athenischen
Zeitschrift Ilao&evojr, "Eros H (1872), 'Ajrgi/jog, S. 741 ent-
nehme ich. dass ein von dem Verfasser leider nicht genannter
byzantinischer Schriftsteller, ein Zeitgenosse des Photios
J) Diese auf unsere Bitte vom hochgeehrten Verfasser uns zur
Veröffentlichung gütigst überlassene reiche Zusammenstellung gehört
unmittelbar zwar nicht in den Rahmen unserer Zeitschrift, doch er-
Bcheint die Mitteilung durch das wichtige Moment der Yergleichung mit
unseren eigenen einschlägigen Beiträgen (Heft 1, 12—19; 2. 211—213;
3, 319 323) wohl völlig berechtigt. (Die Red.)
20*
308 z>"- Volksdichtung.
(9. Jahrhundert), im Prolog einer seiner Schriften also
schreibt:
Kai idv 6 ovoavög öXoxXrjQog juereßd/J.eTO etg ~/Aqj))v> öbzavra
de rd devöga r>/c yfjg elg xovdvha, 1) xa) ÖXoxXrjQog fj ddXaooa
eis fiekdv)p\2) xa\ ndXiv (biavxa tavra ouov 6ev da i^/joxovv
Troog ovvjak'ir xazaXöyov r(7n> eoyoyv /uov xa\ rcov Trooreorj-
linTOiV jUOV.
•2.
In dem die Ordnung des Paradieses beschreibenden An-
hang oder vielmehr Schlnss der Geschichte des Rabbis Josua.
des Sohnes Levis, wird von dem berühmten Rabbi Johanan
(gestorben am Ende des 3. Jahrhunderts) berichtet, er habe
zu sagen gepflegt:
'Wenn alle Himmel Pergament wären und alle Menschen
Schreiber und alle Wälder Schreibrohre, sie könnten nicht
schreiben, was ich von meinen Lehrern gelernt habe, und
wovon ich nur so viel vergessen habe, als ein Hund aus dem
Meere trinken kann'.
Man sehe: Storia di Rabbi Giosne figliuolo di Levi.
Leggenda talmudiea, tradotta dall" ebraico da Salvatore De
Benedetti (Estratto dall* Annuario della Societa Italiana per
gli Studi Orientali, Anno I, 1872) S. 11.
3.
In der ungefähr am Anfang des 12. Jahrhunderts ver-
fassten Schrift Megillat Taanit, d. h. Fastenrolle, 3) kommt
folgende Stelle vor:
'Wenn alle Meere Tinte wären und alle Binsen Schreib-
rohre und alle Söhne Adams Schreiber, sie würden nicht
hinreichen, um die Missgeschicke aufzuschreiben, die jedes
Jahr über sie (nämlich die Israeliten) kommen". 4) |
a) Schreibrohre, Schreibfedern.
2) Tinte.
3) Eine Art Kalendarium der Tage, an denen es erfreulicher
geschichtlicher Erinnerungen wegen verboten ist zu fasten, und der.
an denen man fasten muss.
4) Mitteilung des Herrn Professors Salvatore De Benedetti in Pisa.
40b. Und wenn der Himmel war' Papier. 309
4.
Hieran schliesse ich eine Stelle an, die Max Grünbaum 313
in seiner Jüdisch -deutschen Chrestomathie, Leipzig 1882,
S. '245. aus dem 170(> zu Frankfurt am Main und 1718 zu
Sulzbach gedruckten Buch Simchas hannefesch, d. h.
Seelenfreude, mitteilt [oben 1, 579]:
'Wenn alle die Himmel Parmit weren. im all die Gemu-
sich Rohrenfedern weren, im all die Wasser Tint weren, is
nit zu derschreiben die grosse Wunder un Achperkeit (Acht-
barkeit) Gottes0.
5.
In dem spanischen Libro de los engannos et los
asayamientos de las mugeres J), der 1253 verfassten Über-
setzung einer, wie es scheint, verloren gegangenen arabischen
Redaktion des Sindibad - Buchs, sagt ganz am Ende der
Infante zum König:
cSenor non te di este enxenplo sinon que non creyas ä
las mageres que son malas. Et dise el saldo que aunque se
tornase la tierra papel. la mar tinta, et los peces della
pendolas, que non podrian escrevir las maldades de las
mugeres.'
Ich habe schon 1871 im Jahrbuch für romanische und
englische Litteratur 12, 108 auf diese Stelle aufmerksam
gemacht. Ich bemerkte dabei, dass die Fische als Schreib-
federn sonst nicht vorkommen; seitdem aber ist mir eine
spanische Copla bekannt geworden, in der es der Fall ist.
Die Copla wird in der zweiten Abteilung der Nachträge mit-
geteilt werden.
J) Zum erstenmal herausgegeben von D. Comparetti als Anhang
leiner im Jahre 1869 in den Memorie del R. Istituto Lombarde- di
Science e Lettere, Vol. 11, 2 della serie III, und in einem Sonderdruck
erschienenen Ricerche intorno al Libro di Sindibad, wiederholt und
von einer englischen Übersetzung begleitet in der von der Londoner
Folk-Lore Society 1882 herausgegebenen, von H. Ch. ('oote verfassten
englischen Übersetzung der Ricerche (Researches respecting the Book
of Sindibad) [p. 114. 164].
310 Zur Volksdichtung.
6.
In Adam Kellers De officiis juridico-politicis chiragogiei
libri tres (Constantiae 16U8) S. 217 ist zu lesen: cCrede
mihi, inquit Augustinus, si totum coelum esset papyrus,
et totum mare atramentum, et omnes stellae pennae, et omnes
Angeli scriptores: non possent describere astutias mulierum.
Refert Nicol. Reusn. in Imperat. symbolo 45. class. 2.'
Es findet sich aber in Nicolaus Reusners Symbolorum
Imperatoriorum Classis Secunda, Francoforti ad Moenum
1588, im XLV. Symbolum S. 272 eine ganz andere Stelle
Augustins angeführt: 'Recte argumentatur sie Augustinus in
Quaestionibus: Mulier, inquit. nee docere potest, nee testis
esse, nee fidem dicere, nee iudicare : quanto magis non potest,
aut non debet imperare."
Finden sich die von Keller angeführten Worte wirklich
bei Augustinus?
7.
Ein von Thomas Wright in seinem Werke The Anglo-
Latin Satirical Poets and Epigramuiatists of the Twelfth
Century' (London 1872) 2, 157 herausgegebenes Epigramm,
betitelt 'Reprehensio superfluitatis in epitaphio Johannis
abbatis', schliesst mit den Versen: |
314 Si fiat calamus stans omnis in arbore ramus,
Fiat et incaustum quod suggerit omnibus haustum,
Si pro membrana sint omnia Corpora plana,
Vivi vel funeti si scribant talia euneti,
Yivos vel funetos lassabunt talia eunetos. ')
8.
Eine Haud des 14. Jahrhunderts hat auf den Rand eines
älteren Haudschriftenbruchstücks im Besitz von Alwin Schultz
nach dessen Mitteilung im Anzeiger für Kunde der deutschen
Vorzeit 1869, Sp. 45 nachstehende Zeilen geschrieben:
Si membranum polum incaustum foret stelleque mare
Nemo possit scribere mulierum malarum velle.
1) Auf diese Stelle hat 0. Böckel, Deutsche Volkslieder aus Ober-
Jiessen, Marburg 1885, S. LXXXVI hingewiesen.
40b. Und wenn der Himmel war1 Papier. 311
Es liegt hier eine sinnlose Entstellung der in meinem
Aufsatz S. 552 [oben 290] abgedruckten Verse vor:
Si membrana polus foret, encaustum mare, stellse
Pennee, non possent mulierum scribere velle.
9.
In einer Papierhandschrift der Bibliothek des Halber-
städter Domgymnasiums aus dem 15. Jahrhundert steht folgen-
der von W. Wattenbach im Anzeiger für Kunde der deutschen
Vorzeit 1878, Sp. 315 mitgeteilte Spruch:
Si foret incaustum mare totum vel quod ad haustum
Pertinet, at calami penne vel robora trunci,
Et scribe populus omnis, si cutis Olimpus, ')
Non possent omnes mulierum scribere fraudes.
10.
In dem Promptuarium Exemplorum Discipuli secundum
ordinem alphabeti, welches von dem in der ersten Hälfte
des 15. Jahrhunderts lebenden Dominikaner Johannes
Herolt aus Basel verfasst ist, findet sich in dem Artikel
<Gaudium virginum in celoJ ein Exemplum, in welchem eine
verstorbene Nonne einer noch lebenden Nonne erscheint und
zu ihr sagt:
cSi totus numdus esset pergamenum et mare incaustum
et omnia folia arborum et gramina scriptores cum omnibus
hominibus, qui fuerunt et sunt et erunt futuri, prius omnes
deficerent quam immensitatem praemii caelestis exprimerent.'2)
Das Exemplum ist auch deutsch zu finden in dem
Plenarium oder Ewangely buoch, Basel 1514, S. CXXXIIII.
b — c (mit der Quellenangabe: Des haben wir ein exempel
in Promtuario discipuli) und in Casparus Finckius, Legen-
dorum Papisticorum Centuria, d. i. Hundert auszerlesener,
alter, verlegener, Papistischer Unwarheiten, Giessen 1614
= Frankfurt 1618, S. 58 (mit der Quellenangabe: [Pel-
*) Hierzu macht Wattenbach die Anmerkung: 'Das heisst wohl:
wenn der ganze Himmel eine Pergamenthaut wäre'.
2) Mitteilung meines verstorbenen Freundes Anton Schiefner in
St. Petersburg.
312 Zur Volksdichtung.
bartus] Dominic. 4. post Pascha sermon. 4. ex discipulo in
Promptuario).
Die Übersetzung unserer Stelle lautet im Plenariuin :
315 'Wenn es mü glich wer das di gantz weit papiren wer,
und das mer tinten, x) und als laub und gras Schreiber mit
sarapt allen menschen die yetz leben und gelebt haben und
kummen werden in dise weit, die alle samen möchten nit
beschreyben noch an den tag bringen den grossen übertreft'en-
lichen Ion den got bereyt hat seinen liebhabern.'
Höchst wunderbar ist zum Teil die Übersetzung von
Fiuckius: 'Wann die gantze Welt Pergament, und das gantze Meer
incaustum, und alle Bletter der Beum Feder und Dinten,
alle Menschen wie viel jr seynd, werden werden, und gewesen
seyn, noch stunden, so würden sie doch die hohe Gaben,
die wir im Himmel sollen haben, nit genugsam an tag geben
können."
11.
Die folgende Strophe eines Marien-Liedes eines un-
genannten altfranzösischen Dichters, welches im Archiv für
das Studium der neueren Sprachen 43 (1868), 244 gedruckt
ist, hat schon K. Bartsch in der Germania 17 (1872), 128 als;
Nachtrag zu meinem Aufsatz mitgeteilt. Sie lautet:
Se roches et caillo bix
ierent frait et destrerapeit
dou Rin et dou Rone et dou Lis
et d'airement atenprei,
en parehemin conreie
fuissent ciel et terre mis,
et chascuns tust ententis
d'escrire la veriteit,
jai sui bien per ces escris
ne seroient recordeit.
D. h.: Wenn Felsen und schwärzliche Kiesel zerbrochen
und eingeweicht wären vom Rhein und von der Rhone und
vom Lys und tintenartig zubereitet, und wenn in gegerbtes
(zubereitetes) Pergament Himmel und Erde verwandelt wären,
a) Die Worte cund das mer tinten1, die im Plenarium geAviss nur
aus Verseilen fehlen, habe ich eingeschoben.
40b. Und wenn der Himmel war1 Papier. 313
und jeder bemüht wäre, die Wahrheit zu schreiben, so würden
ihre (der Maria) guten Eigenschaften (Tugenden) durch diese
Schriften doch nicht aufgezählt werden.
12.
In dem von A. Jubinal, Jongleurs et Trouveres, Paris
1835. S. 182 — 87 herausgegebenen Gedicht 'Le Sort des
Dam es selonc les cheanzes des iij dez' wird zu einer schönen
Dame gesagt (S. 186):
Se quanqu'il a desouz le ciel,
Di ci jusqu'au mont Saint-Michiel,
Devenait enque et parchemin,
Et tuit eil qui sont par ehemin
Xe finoient james d'escrire,
La moitie ne porroient dire
De vostre gent cors la faoon.
13.
Inder mittelhochdeutschen Erzählung 'Der Schüler zu
Paris' (nr. 14 in von der Hagens Gesamtabenteuer) heisst
es nach der Handschrift M (Gesamtabenteuer 1, 305) von
der Geliebten des Schülers, der eben in ihren Armen ge-
storben ist: |
Si stuont in soliohen liden, 316;
man möht' ez niht volle geschriben,
allez ir leit und ire swaer',
und wser' itel tinten daz raer
und der liimel bermentin,
dar an möht' ez allez niht geschriben sin.
14.
In dem von A. Jeitteles in der Germania 31 (1886),
•_'(.'l — 310 herausgegebenen Lobgesang auf Maria lauten
V. -215—246 also:
215 sweime also manic schriber wsere,
als tropfen sint in dem mere,
und als vil griez daz mer hat,
und als manic stern am himel stät,
und also vil die erde breit
220 bluomen unde gras treit
314 Zur Volksdichtung.
in dem meien über al,
und als vil aller vogel schal
in dem sumer wirt volant,
und als vil loubes ist bekant
225 an allen boumen unde zwigen,
und als vil sträzen unde stigen
die erde hat und dar zuo steine,
und als vil Hute gröz und kleine,
daz mac ich sprechen wol vür war:
230 der schriber ein so michel schar,
die schriber solden al gemeine
äne sünde wesen reine,
und so daz mer wsere tinte
und «also breit daz berminte,
235 als himel und erde hat begriffen:
die schriber al ir sinne versliffen,
solden si din lop beschriben,
daz bi dir muoz an ende bliben,
si wurden ouch an sinne mat,
240 e halp si ksemen an die stat,
da din lop entspriuzet,
daz himel und erde umbfliuzet ;
der tinten müeste ouch gebrechen,
des mac din lop nieman yolrechen,
245 daz bermint wurde in ouch ze smal.
des ist din lop, frow, äne zal.
15.
In der Münchener Fr ei dank -Handschrift, die eine
ziemliche Anzahl von Stellen hat, die in den anderen Frei-
dank-Handschriften nichtvorkommen, findet sich (104, 11, g — m
der zweiten Freidank-Ansgabe von W. Grimm) folgende Stelle:
wsere der himel permit J)
und da zuo daz ertrich vvit,
und alle sternen pfaffen
die got hat geschaffen,
sie künden nit geschriben
daz wunder von den wiben. I
*) Die Handschrift hat 'pennet' statt 'permit' und 'lief statt Vit*.
Franz Sandvoss hat in seiner Freidank-Ausgabe geändert 'permint' und
'tint'. 'Ich dächte doch', schreibt er S. 252, 'zu dem unendlichen Perga-
ment . . . gehört auch einige Tinte.' Ich verweise Herrn Sandvoss auf
meinen früheren Aufsatz S. 554 [oben 301[ und nr. 2 und 19 dieser Nachträge.
40b. Und wenn der Himmel war1 Papier. 315
16. 317
Graf Hugo von Montfort spricht im vierten seiner
Gedichte, Vers 25 — 33, von Gott also:
Weren alle wasser timpten,
Darus geschriben mit worten gekrimpten,
Der fürin himel ') papir f in,
Alles mergries subtil 2)
Schriber, und scbribent tusent jar,
Als lob, gras vedreu clär,
Nieman möcht es volsehriben,
Die hoch, die tieff durch triben,
Die breit, die leng durchgründen.
17.
Ein Stammbuchvers von 1590 lautet nach der Mit-
teilung von K. Bartsch in der Germania *24, 128:
Wenn der Himmel eitel Papier war1
Und lauter Dinte das Meer
Und alle Sterne Schreiber,
So beschrieben sie doch nicht die List der Weiber.
18.
Der vonmirinmeinem Aufsatz S.556f. [oben 303] mitgeteilte
Spruch cJa wenn gleich war' das Firmament' ist von H. Frisch-
bier in den Wissenschaftlichen Monats-Blättern, herausgegeben
von 0. Schade, Jahrgang 1878, S. 174 nach einer Nieder-
schrift des Königsberger Licentiaten der Medizin Caspar Stein,
der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebte, veröffent-
licht und lautet hiernach:
Wenn gleich das gantze Firmament
Wer lauter Papier und Pergament,
Alle Wasser und das grosz Meer,
Nichts dann nur lauter Dinte wer,
') Dazu bemerkt K. Bartsch in seiner Ausgabe Hugos von Mont-
fort: Der fürin himel ist ohne Zweifel das Empyreum, der äusserste und
daher grösste der neun Himmel.
2) Die Handschrift hat 'subtil schin\ Bartsch hat 'schin' ge-
strichen, er nennt es mit Recht unsinnig und sieht es als Zusatz des
Reimes wegen an. Vgl. seine Anmerkung zu der Stelle und seine Be-
merkung in seiner Anzeige von J. E. Wackernells Ausgabe des Hugo
von Montfort in den Göttinger gelehrten Anzeigen 1882, 1, 472.
316 Zur Volksdichtung.
Darzu die Sterne allzumal.
Welcher doch viel sind ohne Zahl,
All ihr Thun zum Schreiben gericht,
Könnten sie doch die Bosheit nicht
Beschreiben eines bösen Weibs,
Der Teufel in der Hell beschreibs.
In cRecueil von allerhand Collectaneis und Historien, auch
moral-curieux-critic- und lustigen Satyrischen Einfällen zu
Entretenirung einer galanten Conversation\ 12. Hundert,
o. 0. 1719, S. 24, steht folgender Text:1)
Und wenn schon war das Firmament
Lauter Papier und Pergament,
Und alle Wasser samt dem Meer
Nichts dann lauter Dinten war,
Die Stern am Himmel allzumahl,
Derer doch viel seyn an der Zahl,
Ein jeder sich zum Schreiben rieht, |
318 Konten sie doch die Bosheit nicht
Beschreiben eines bösen Weibs,
Der Teufel in der Höll beschreibs!
Fast ganz derselbe Text ist auch in der Sammlung
'Poetischer Schnap - Sack', 1. Band, Franckfurth und Leipzig
1756, S. 71, mit der Überschrift 'Beschreibung eines bösen
Weibes5 zu finden. Die Abweichungen vom Text in Recueil
sind folgende: Z. 1. Und wenn gleich — 3 Auch alle —
4 Nichts denn nur lauter — 6 Deren doch viel sind ohne
Zahl — 8 Konten sie doch beschreiben nicht — 9 Die Bosz-
heit eines.
19.
* Johann Riem er lässt in seinem anonym unter der Chift'er
R. R. R. R. erschienenen satirischen Werke 'Lustige Rhetorica,
oder Kurtzweiliger Redner" (Merseburg 1681), S. 604 einen
verliebten Schüler in einem Liebesbrief, der übrigens in Prosa
geschrieben ist, schreiben:
*) In A. Birlingers Alemannia 9 (1881), 163 ist der Spruch auch
aus dem Recueil abgedruckt, aber mit folgenden wohl unabsichtlichen.
Änderungen: Z. 4 Nichts als lauter — Z. 5 Die Sterne — Z. 8 Kanten.
40b. Und wenn der Himmel war1 Papier. 317
Sie glaube sicherlich,
Und wenn der Himmel Babbir war,
Und alle Sterne Schreiber,
Und schrieben die Nacht bisz an den Tag,
So schrieben sie doch meiner Liebe kein Ende ab ;
Und alle Wasser wären Wein,
Und alle Berge Edelgestein,
Und ich darüber Herr solte sein,
Wolte ich doch nicht verlassen die Liebste mein.
20.
Dem von A. Birlinger in seinem Schwäbisch-Augsburgi-
schen Wörterbuch, München 1864, S. 456 mitgeteilten zwölf-
zeiligen cDoadalied3 (Totenlied), welches früher in Birkach
und Klimnach in und ausser der Kirche gesungen wurde,
folgen die nachstehenden prosaischen Zeilen:
'Wenn der Himel babbeire war und die Steara Schreiber
wäre, so kont' sie it schreiba, was mei arme Seal im Feagfnir
leida muess.'
21.
In einer der von J. F. Vonbun veröffentlichten 'Volks-
sagen aus Vorarlberg' (Wien 1847) S. 58 sagt eine alte
Bettlerin zu einem Burgfräulein:
cIhr thätet 's it gloube, g'streng Freile, was i miner
Leabtag ho glitte! Keak darf i säge: war der Himmel an
Böge Papier, und d' Sterne dob d' Schriber, und der Bodesee
dunda mithalb an Hafa voll Dinte: schouet, sie kintet's it
verschribe, was i ho glitte."
22.
Victor Jagic teilt in seinem Archiv für slavische Philo-
logie 2, 402 als Nachtrag zu meinem Aufsatz eine Stelle aus
einem bosnischen Schriftsteller des 16. bis 17. Jahrhunderts,
Namens Divkovic, im Original und in Übersetzung mit,
welche in der Übersetzung also lautet:
'Wenn all der Himmel von Papier wäre, wenn all das
Meer Tinte wäre, wenn alle Strohhalme uud Stengel Federn
wären und wenn alle Sterne Schreiber und Gelehrte wären,
wie es die Gelehrten von Paris sind, alle diese Gelehrten
318 Zur Volksdichtung.
und Schreiber wären nicht im stände auszusprechen und zu
beschreiben selbst den geringsten Teil der Freude, welche die
Heiligen durch den Anblick des Gottesantlitzes gemessen.5
Jagic bemerkt dazu: 'Unzweifelhaft hat Divkovic diese
Stelle aus einem italienischen oder lateinischen Predigtbuche
ausgeschrieben, darauf führt schon die Erwähnung der Ge-
lehrten, Doktoren von Paris/
(Ein weiterer Aufsatz folgt.)
41 Sehwalbenspraehe.
(Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 114—116. 1855.)
Die Bd. 1, S. 239 der Zeitschrift aus der Wetteraii
mitgeteilten Reime, welche man im Zwitschern der rück-
kehrenden Schwalbe zu hören meint, stimmen fast wörtlich
mit den in den Altdeutschen Wäldern 2, 88 mitgeteilten:
Wenn ich wegzieh, wenn ich wegzieh,
Sind Kisten und Kasten voll. |
115 Wann ich wiederkomm, wann ich wiederkomm,
Ist alles verzehrt.
Sehr ähnlich sind auch die Reime, die Rückert nach
Jugenderinnerungen seinem wunderschönen Gedichte 'Aus der
Jugendzeit' als Schwalbengesang zu Grunde gelegt hat:
Als ich Abschied nahm , als ich Abschied nahm,
Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer.
Claus Harms hörte in seiner Jugend, wie er S. 11 seiner
Lebensbeschreibung erzählt, in Süderdithmarschen als
Schwalbengesang:
Als ick hier letztmal war,
Do wer dit Fatt voll, do wer dat Fatt voll ;
Nu is et all verte-e-ret.
41. Schwalbensprache. 3 1 * ►
Bei Salzwedel lautet nach II. Masius, Naturstudien,
Leipzig 1852, S. 143 der Gesang der Schwalbe:
As ik uttog, as ik wegflog,
Waren Kisten un Kasten villi.
As ik wedderkam, wedderkam,
War niseht mehr darinnen.
De Sperling, de Spitzbov,
Hat alles verterrrrd.
Bei Soest singt die Schwalbe, welche im Bauernhause an
den Balken der Tenne ihr sorgsam geschontes Nest hat, dem
schlechten Wirte zu (Firrnenich, Germaniens Völkerstimmen
1,348):
Äss iek wiäg genk,
Was diäte un schuier un alles füll ;
Äss iek wuier kam,
Was alles verquickelt, verquackelt, verdüäräst1).
Man wird gewiss aus den verschiedensten Gegenden
Deutschlands noch reiche Variationen dieser Schwalbenreime,
die an die Klage der Naemi im Buche Ruth: Toll zog ich
aus, | aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht!5 116
erinnern, sammeln können. Dass man übrigens auch Reime
ganz anderen Inhaltes der Stimme der Schwalbe unterlegt,
zeigen drei von Masius a. a. 0. angeführte Beispiele.
[Vgl. Böhme. Deutsches Kinderlied 1897, S. 218, nr.
1071—1080. Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen,
2, 93 nr. 613—632; dazu S. 379 f. H. Menges (Rückerts
Schwalbenlied. Zs. f. d. dtsch. Unterricht 13, 826—9) ver-
weist noch auf Simrock, Kinderbuch 3, S. 184, Stöbers Alsatia
1852, 105 und Alemannia 16, 71. Wackernagel, Voces variae
animantium 1869, S. 16f. 128. Haltrich , Zur Volkskunde
1885, S. 154. N. Peucker, Wohlklingende Paucke 1702,
S. 385 = 1880, S. 15 (gedichtet 1654). Kristensen, Jyske
Folkeminder 9, 83 nr. 43 und Danske Dyrefabler 1896, S. 202
nr. 487—491.]
l) Bei Firrnenich erklärt: durch den Hintern gejagt; bei Masius,.
der den Spruch auch anführt: durch die Gurgel gejagt.
.320 Zur Volksdichtung.
42 a. Ein altes Kindergebet.
(Germania 5, 448—456. 1860.)
Johannes Agricola (1492 — 1566) hat uns in seinen
deutschen Sprichwörtern hei Erklärung der sprichwörtlichen
Redensarten cGot gebe euch ein gute nacht, ein fröhlichen
morgen gebe uns GotJ (nr. 547) neben einem andern auch
folgendes Kindergebet mitgeteilt:
cUns kinder lernten unsere eitern also beten, wenn wir
schlafen giengen:
Ich will heint schlafen gehen,
Zwölf engel sollen1) mit mir gehen,
Zwen zur haupten,
Zwen zur Seiten,
Zwen zun Füssen, |
449 Zwen die mich decken,
Zwen die mich wecken,
Zwen die mich weisen
Zu dem himlischen paradeise. Amen.'
Es ist dies die älteste bekannte Aufzeichnung eines noch
heute vielfach in Deutschland verbreiteten Gebetes2).
Indem man aber gern an jeder Seite zwei Engel sich wünschte,
erscheint in den meisten Fassungen des Gebets die Vi er zehn-
zahl der Engel. [So schon in der Umarbeitung, die Joachim
*) So hat die Ausgabe von 1529, in der Hagenauer von 1537 fehlt
'sollen'. Eben sehe ich, dass "W. Wackernagel in die neueste Ausgabe
seines Altdeutschen Lesebuchs S. 1330 dies und das andere von Agricola
mitgeteilte Gebet aufgenommen hat.
2) [Eine politische Parodie dieses Gebetes entstand 1548, als
'des gefangenen Landgrafen Philipp von Hessen Schlafsegen' (Voigt,
Raumers Histor. Taschenbuch 3. F. 2, 336. 1851):
Des Abends, wenn ich zu Bette Zwei die mich weisen nach dein
gehe, spanischen Paradeise;
Sechzehn Hispanier um mich stehen, Allda will ich mich hinkehren,
Zwei zu Häupten, zwei zu Füssen, Gut Spanisch will ich lehren
Zwei zur Rechten, zwei zur Linken, Und will nit wiederkommen;
Zwei die mich decken , zwei die Denn es bringt Deutschland keinen
mich wecken, Frommen.]
Zwei die mich kleiden mit dem
spanischen Herzeleide,
42a. Ein altes Kindergebet. 321
Löisentinus (Christliche Hausszucht Dantzig 1655, S. 55
Wunderhorn ed. Birlinger-Crecelius 2, 781) liefert:
Wi'im Ich mich niederleg und Schiart'*,
Auff dich mein'n Gott ich allzeit hoff.
Vierzehn Engel las mit mir gehn:
Zween, die zu meinen Füssen stelin,
Zween, Herr, zu meinem Haupte stell,
Die mich schützen für Ungefell,
Zween stell zu meiner Rechten Seit,
Zween sein die Linck' zu b'wach'n bereit,
Zween, lieber Herr, die mich zudeek'n.
Zween, die mich wieder früh auffweck"n,
Zween, die zu deinem Lob und Preiss
Mich führ'n ins Himlisch Paradeiss. Amen.]
So ist in der ersten Ausgabe des Wuuderhorus im An-
hange S. 27 (neue Ausgabe 3, 383; [2, 781 ed. Birlinger-
Crecelius]; Simrock, Deutsches Kinderbuch nr. 167) das Gebet
also zu leseu:
Abends wenn ich schlafen geh,
Vierzehn Engel bei mir stehn.
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zwei zu meinen Häupten,
Zwei zu meinen Füssen,
Zwei die mich decken,
Zwei die mich wecken.
Zwei die mich weisen
In das himmlische Paradeischen1).
') Der Vollständigkeit wegen verweise ich auf Zingerles Sitten
etc. des Tiroler Volkes (Innsbruck 1857) S. 149 und die dort gegebenen
Hindeutungen auf Müllenhoff S. 520. Schmitz 78. Baslerische Kinder-
reime S. 2. — Pfeiffer. [Ferner Brentano, Gesammelte Schriften 4, 24.
Erk-Inner, Volkslieder 1, 5, nr. 69. Erk-Böhme, Liederhort nr. 199.
Böhme, Deutsches Kinderlied 1897, S. 313. Dunger, Kinderlieder aus
dem Vogtland." 1874, nr. 115 = 1894 nr. 129. Hruschka-Toischer, D. Volks-
lieder aus Böhmen 1891, S. 398, nr. 99c und S. 6, nr. 6a mit Anm. Wegner.
Vnlkstüml. Lieder aus Norddeutschland 1879. S. 18, nr. 65. Sachse, Über
Volks- und Kinderdichtung, Progr. Berlin 1869, S. 10. Vjschr. f. d.
Gesch. v. Glatz 9, 27. Meier, Ostfriesland S. 212. Jörres, Sparren 1888,
S. 41. De la Fontaine, Luxemburg. Kinderreime 1877, S. 14. Eskuche,
Siegerländische Kinderliedchen 1897, nr. 372. Fränkel, Zs. d. V. f. Volks-
Köhlrr, Kl. Schriften. I!l 21
322 Zur Volksdichtung.
Ebenso in kölnischer Mundart bei Ernst Weyden, Kölns
Vorzeit S. 226. In Holstein lautet das Gebet nach Joh.
Fr. Schützes Holsteinischem Idiotikon 1, 7(5. wo es nicht
bloss als Kindergebet, sondern als 'Gebet der Bettlerinnen
und anderer Beterinnen zur Abendzeit' bezeichnet ist:
In dem Bedd ik trede,
Veertein Engel neein ik mede,
Twee to minen Höven,
Twee to minen Föten,
Twee to miner rechten Sied,
Twee to miner luchter Sied,
Twee de mi decken,
Twee de mi wecken,
Twee de mi den Weg wisen
To dem himmlischen Paradisen. |
450 In der Grafschaft Mark nach Wöste, Volksüberlieferungen
S. 4 (daraus bei Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 2«
179) ebenso:
Awens wann wi te Bedde gatt,
Vertien Engelkes bi mi statt,
Twe ten Höften,
Twe ten Fäuten,
Twe ter Hechten,
Twe ter Linken,
Twe da mi decket,
Twe da mi wecket.
Twe da mi wist
Int hillige Paradis.
Desgleichen in Trier nach Firmenich 1, 535:
Owens wemmer schlofen giehn,
Verzehn Engel met mer giehn.
Zwai zu Kopp,
Zwai zu Füss,
Zwai zu rechter Seit,
Zwai zu lenker Seit,
künde 9, 356. — Der Aufsatz von P. J. Müntz in den Annalen des V. für
Nassauische Altertumskunde 9, 177 — 186 (1868) sucht die Zahlen der
Engel aus der mittelalterlichen Symbolik abzuleiten; er fusst auf
Köhlers Material, dessen Namen er gleichwohl nicht nennt.)
42a. Ein altes Kindergebet. 323
Zwai sollen mich decken,
Zwai sollen mich wecken,
Zwai sollen mich weisen
Zu den himmlischen Paradeisen.
Ebenso hochdeutsch in der Eifel: Schmitz, Sitten etc.
des Eifeler Volks 1, 78.
Im Elsass nach Stöbers Elsässischeru Volksbüchlein 1,
S. 34 (bei Firmenich 2, 527 nach S. 62 der 1. Auflage des
Volksb.):
Z1 Nachts wenn i schlofe geh,
Vierzeh1 Engele bi m'r stehn,
Zwei zuer Rechte,
Zwei zuer Linke,
Zwei ze Haupte,
Zwei ze Fiesse,
Zwei di mich decke,
Zwei di mich wecke,
Zwei di m'r zaje
Das himmlische Barrediss.1) j
Eigentümlich erweitert ist das Gebet im Osnabrückschen 45]
nach Firmenich 1, 246:
's Avends wenn 'k to Bedde gaae,
Legg 'k mie in Mariens Schaut.
Marie is mien Mooder,
Johannes is mien Brooder,
Jesus is mien Geleidesmann,
De mie n Weg wohl wisen kann.
Waar ick ligg und waar ick staae,
Folg 't mie veertein Engel na:
Twee to mienem Koppe,
Twee to mienen Föten,
Twee to miener rechten Sit,
Twee to miener linken Sit,
Twee de mi decket,
Twee de mi wecket,
Un twee de mie'n We» tom Hemel wist.
J) Hier steht 'zeigen' statt des in den andern Texten vorkommenden
weisen. Die Bindung der Reime paradise und wisen ist sehr alt, vgl.
Diemer, Gedichte 7, 19 'idi wil dich wisen in daz paradise1 und die An-
merkung dazu.
21*
324 Zur Volksdichtung.
Ganz ähnlich im Münsterschen [Mi'mstersche Geschichten
S. 222. Bahlmanu, Müusterische Lieder 1896. S. 45] Firmenic
1, 295:
Aowens wenn ick in min Bettken triäde,
Triäd ick in Marias Schaut.
Mai'ia is min Moder,
Johannes is min Broder,
De leiwe Här is min Geleitsmann,
De mi den Weg wull wisen kann.
Twiälf Engelkes gaot mit mi,
Twee Engelkes an den Kopp-Eml,
Twee Engelkes an den Föten-Eml,
Twee an de rechte Siet,
Twee an de linke Siet,
Twee de mi decket,
Twee de mi wecket,
Jesus in min Hiätken,
Maria in minen Sinn,
Im Namen Gaodes slap ick in.
Hier sind zwar auf jeder Seite zwei Engel, aber die zwei,
welche zum Paradies leiten sollen, fehlen, und so ist die
Zwölfzahl herausgekommen.
Zwölf Engel kommen auch in einer schwäbischen
Fassung vor, die Schmid in seinem Schwäbischen Wörterbuche
452 S. 211 mit folgen- | den Worten erwähnt: cIn einem dem von
Schütze im Holst. Id. 1, 67 mitgeteilten vollkommen ähnlichen
Kindergebete wird um zwölf beschützende Engel gebeten
und zwar um zwean z Kopfnet (am Kopfende), zwean z
Fussnet.' [Hruschka-Toischer S. 6, nr. 6 b und S. 398, nr. 99 b.
Athenaeum 16, 185.]
Die Verminderung der Zwölfzahl oder der Vierzehen
ist Entstellung, und man darf annehmen, dass in allen Texten,
wo uns eine geringere Zahl begegnet, diese nicht ursprünglich
ist. Derartige Entstellungen sind folgende.
Zunächst das Gebet, wie es Rochholz in der Zeitschrift
für deutsche Mythologie und Sittenkunde 4, 137 aus dem
Dorf Frick im Aargau mitteilt:
42 a. Ein altes Kindergebet. 325
In Gottes Name niedergange,
Zwee Engel mit üs gange,
Zwee zu der Chopfete,
Zwee zuer Fuessete,
Zwee dasse üs leeke,
Zwee dasse üs decke.
[Die Zehnzahl auch bei A. Wolf, Volkslieder aus dem
Egerlande LIV, 1; Hruschka-Toischer S. 398. or. 99a.]
Aus Niederösterreich linden wir zwei sehr ähnliche Ge-
staltungen in Frommanns deutschen Mundarten 3, 387 und
6, 113. Die eine lautet :
In Gods Nöm güs i schloffa,
Wean sex Engel bai mia wochtn,
Zwen z" Happn,
Zwen z' Fiessn,
Zwen ne'm main,
God und unse liawi Frau wird ah bai mia sain.
Die andere:
In Gotts Xom leg i mi schlaffn,
Sex Engerln san mer bschaffn,
Zwa z' Häuptn,
Zwa z' Füessn,
Zwa nebn meiner.
Wie bin i unsern Herrgod so freuud,
Dass er mi alli Nacht deekt
Und zu der rechtn Zeit aufweckt.
Bis auf drei ist endlieh die Zahl der Engel herabgesunken
iu dem Gebete in der Mundart von Ghiazza, einer der
deutschen Gemeinden in den Venedischen Alpen (Schindler
in den | Abhandlungen der Münchener Akademie, philosophisch- 453
philologische Klasse 2, S. 650, daraus Firmenich 2, 830):
Haint gen - i - niader suaze
Bit drai Enghiler a' de Fuaze:
Oaz decka-bbi
Un oaz dorbecka-bbi
Un oaz huata-bbi von alljen poasen Tromen,
Derwai der habe Machte Tac kint.
[Dazu erscheint in dem anonymen Aufsatze 'Ein Besuch
bei den Cimbern der alten 13 deutschen Veroneser Gemeinden'
326 Zur Volksdichtung.
in der Allgem. Zeitung 1875, Beil. zu nr. 287, S. 4491
folgende Variante:
Ganiader fuasse (1. Ga koffe?)
Dar Got der hearre,
Gan fuassan
Drai engilar ;
Oans decke mi,
Oans darwecke mi,
Oans b'huate mi
Vun allen boasen dingern
Und allen boasen tröumen
Vunze (bis) an den liaben Machten Tak!|
Dieses sind die Variationen, in denen mir unser Gebet
in deutscher Sprache begegnet ist: wir finden es aber auch
ferner im skandinavischen Norden. Sophus Bugge in
seinen Gamle Norske Folkeviser, Kristiania 1858, S. 132 teilt
uns das Gebet norwegisch also mit:
E gjee me te sengjin1
Ma? tolv Gussengle,
Tvo te bände aa tvo te tot,
Tvo te kvart eitt lidemot ;
Tvo ska' min sengjastokk vere,
Tvo ska' me te Gussheim bere,
Tvo ska' me tekkje,
Tvo ska' me vekkje.
Kors i Jeses navn ! Kors i Jeses navn!
Kors i Jeses navn !
Dazu verweist Bugge auf Pontoppidanus , Everriculiim
ferm. vet. S. 64 und Sv. Grundtvig, Gamle danske Minder
i Folkem., 2den Saml., S. 153, wo sich das Gebet dänisch
finde, welche Citate ich leider nicht nachschlagen kann, und
auf Erik Fernow, Beskrifning öfvef Wärmeland, Göthebora
1773, S. 251, wo das Gebet schwedisch so lautet:
Nu gär jag te sängje,
Med mig bar jag Guds angle,
Tolf te band och tolf de fot,
Tolf te hwar ledamot1).
l) Bugge citiert auch mehrere der obigen deutschen Texte und
bemerkt in Beziehung auf den des WunderbornB: 'Det er vel en Be
42 a. Ein altes Eindergebet. 327
Endlich finden wir auch in England Ähnliches. James
0. Halliwell giebt uns in The aursery rliymes of England'
(5. edition. London 1853), S. 136 unter den ccharms' auch
folgenden: |
Matthew, Mark, Luke and John, 454
Guard the bed that I lay on !
Four corners to my bed,
Four angels round niy head;
One to watcb, one to pray,
And two to bear my soul away1)!
Robert Chambers erwähnt dieselben Reime in seineu
Topular rhymes of ScotlancP, 3. edition, Edinburgh 1847,
S. '283 aus Somersetshire, wo die Kinder mit ihnen ihre Betten
segnen. Statt 'guard" hat Chambers 'blessJ. In der Zeitschrift
für christliche Archaeologie und Kunst von Otte und Quast 1,
S. 36 führt Otte aus Paley's Manuel of gothic architetucre,
London 1846, S. 300 das 'wunderschöne, unter der ländlichen Be-
völkerung noch gegenwärtig gebräuchliche Abendgebet' also au:
Matthew, Mark, Luke and John,
Bless the bed that 1 lay on:
Four corners to my bed,
Four angels round my head,
God within and God without,
Blessed Jesus all about.
In dieser Fassung fehlen die beiden, die Thätigkeit der
vier Engel näher bestimmenden Zeilen, und es sind zwei
andere, allgemeinere an ihre Stelle getreten2).
arbeidelse af denne tydske Optegnelse som findes i "Wergelands saml.
Skr. 2. 155\ [Fernows Spruch ist abgedruckt bei Grimm, D. Mythologie1,
CXLVII = 4 3, 506, nr. 52. Vgl. ebd. nr. 53 (aus Nyerup, Morskabs-
lgesning S. 200): ctolv engle'.]
1) Dazu bemerkt Halliwell: 'a charm somewhat similar may be
seen in the Townley Mysteriös, p. 91*, die mir leider nicht zu Gebote
stehen.
2) Otte führt dies Gebet nur wegen der E va nge li s ten an, weil
man häufig in den Ecken spätmittelalterlicher Grabsteine die Symbole
der vier Evangelisten angebracht finde und die englischen Ekklesiologen
in jenem Gebete eine Beziehung darauf sehen. "Wenn Otte fragt, ob
es ein ähnliches deutsches oder lateinisches Gebet gebe, so ist mir
ebenso wenig wie ihm eins bekannt, ausser dem seitdem im Anzeiger
328 Zur Volksdichtung.
In romanischen Sprachen kann ich unser Gebet bis
jetzt nicht nachweisen, doch stillte es mich wundern, wenn
es sich nicht auch da fände. Einigermassen ähnlich ist ein
Gebet, welches uns Fernan Caballero in einem seiner an
Volksüberlieferungen aller Art so reichen Romane (Clemencia,
novela de costumbres, Madrid 1857, Tom. 1, 182) mitteilt.
455 Ein junges Zigeunermädchen gefragt, | ob es auch beten könne,
bejaht die Frage und erzählt, dass sie, wenn sie auf freiem
Felde sich schlafen lege, eine Knoblauchs wurzel unter ihr
Haupt lege, um das giftige Gewürm abzuhalten, und dabei
also bete:
A la eabecera pongo la luz,
A los pies de la Santa Cruz,
AI lado derecho ä Adan,
AI lado izquierdo ä Eva,
Para que no lleguen sapos ni culebras,
Ni sarabandija ni sarabandeja,
Sinö que vayan donde va esta piedra,
worauf sie einen Stein wegwirft1).
Dass unser Gebet sehr alt sein wird, ist wahrscheinlich,
aber eine ältere Aufzeichnung als die Agricolas ist noch nicht
nachgewiesen. Denn wenn Sehmelier a. a. 0. S. 650 — und
ihm nachschreibend Firmenich 2, 830 und Stöber 1, 136 —
von dem von ihm mitgeteilten Gebete bemerkt: 'Mahnt an
die Verse, die nach W. Menzel, Deutsche Geschichte 1834,
S. 388 auf dem Grabsteine Friedrichs mit der gebissenen
Wange, j 13192), zu sehen: Ich will heynt schlafen gehn,
etc. etc. [ganz wie bei Agricola]3, so hat er ohne eigene
Prüfung einen Irrtum Menzels angenommen. Von Menzels
Irrtum ist vielleicht Wilhelm Ernst Tentzel die unschuldige
Ursache. In Tentzels Leben Friedrichs mit der gebissenen
für Kunde der deutschen Vorzeit 1854, Sp. 18 aus einer Handschrift
des 14. Jahrhunderts unter andern Segensprüchen mitgeteilten:
Johannes, Lucas, Mattheus, Marcus, die vier evangelisten,
Die müssen unser end fristen.
]) Vgl. auch F. Wolf, Beiträge zur spanischen Volkspoesie aus den
Werken Fernan Caballeros. Wien 1859, S. 52.
-) Vielmehr 1324.
42 a. Ein altes Kindergebet. 329
"Wange nämlich (Fridericus fortis redivivus, hoc est vita et
t'ata Friderici fortis sive admorsi) bei Mencken, Scriptores
rerum germanicarum , praecipue saxonicarum (Lipsiae 1728
2, 990 ff. findet sieh eine Abbildung und Beschreibung jenes
ursprünglich im Katharinenklöster zu Eisenach, jetzt aber an
der Kapelle zu Reinhardsbrunn befindlichen Grabsteins. Der
Landgraf liegt ausgestreckt da, sein Kopf auf einem Kissen,
welches von vier Engeln umgeben ist, von denen zwei das
Kissen halten, zwei Rauchgefässe schwingen. Zu Füssen des
Landgrafen sind zwei Schildhalter mit dem thüringischen und
meissnisehen Wappen. In der Inschrift des Grabes ist durch-
aus kein Bezug auf jene Engel, wohl aber sagt Tentzel
S. 993: Tulvinari caput impositum et sub eiborio quasi | ex 456
antiquo ritu. Quatuor circumdatur angelis, quorum duo
thuribulis ad malos dsemones arcendos; duo pulvinar tenent:
cui prineipis caput impositum est. Forte eo jam tempore
cogniti erant rhythmi veteres apud Joannem Agricolam
Islebium P. II. explicationis proverbiorum Germanicorum: Ich
will heint schlafen gehen ..." Diese Stelle wohl hat Menzel
oder ein anderer, dem Menzel gefolgt, flüchtig angesehen
und die Verse, an welche Tentzel durch die Engelgestalten
erinnert wurde, ohne viel Besinnen auf den Grabstein
selbst versetzt.1)
Weimar. April 1860.
*) Die neuem Hand- und Lehrbücher der thüringischen Geschichte
berühren Friedrichs Grabstein kaum; nur Herzog (Geschichte des
thüringischen Volkes, Hamburg 1827, S. 339) beschreibt ihn und sag!
bei Erwähnung der vier Engel: 'wahrscheinlich nach dem damals und
lange noch unter dem Volke gebräuchlichen Kindernachtgebetlein : Ich
will heut schlafen gehen . . . .' [Der Irrtum wird wiederholt Alemannia
14. 214, bei Dunger 1874, nr. ll.r>, bei Erk-Böhme 3, 621, bei Eskuche
1897, S. 127 u.s. w.]
830 Zur Volksdichtung.
42 b. Ein altes Kindergebet.
(Germania 11, 4:55 — 445. 1866.)
Seit der Veröffentlichung meines Aufsatzes über das alte
Kindergebet von den hütenden Engeln (Germania 5, 448 — 456)
haben sich mir so viele und anziehende Nachträge, zumeist
aus damals mir unzugänglichen oder noch nicht erschienenen
Büchern, ergeben, dass es an der Zeit sein dürfte, sie einmal
zusammenzustellen.
Ich beginne mit Deutschland und den Niederlanden.
Mit der alten Zwölf zahl der Engel hat A. Birlinger
(Nimm mich mit! Kinderbüchlein. Freiburg im Breisgau 1862,
S. 18) das Gebet aus Ellwangen mitgeteilt:
Jetzt gang i ins Bett
Und nimm 12 Engele mit,
Zwei zur Kopf'net,
Zwei zur Fussnet,
Zwei neben mi,
Zwei decket mi,
Zwei wecket mi,
Zwei führet mi ins Himmelsparadeis
In meines Vaters Himmelreich.
In Tirol hat I. V. Zingerle (Sitten, Bräuche und Meinungen
des Tiroler Volkes, Innsbruck 1857, S. 149) das Gebet genau
436 so gefunden, [ wie es im Wunderhorn steht : nur heisst es bei
ihm : czwei zu meinem Kopfe0.
Die von Müllenhoff (Sagen, Märchen und Lieder der
Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, Kiel 1845,
S. 520) gegebene Fassung weicht fast nur im Eingang von
der früher von Schütze aus Holstein gegebenen ab und lautet:
Herr Jesu, ik will slapen gaen:
Laet veertein Engel by my staen!
Twee to mynen Höevden,
Twee to mynen Föten,
Twee to myner rechter Hant,
Twee to myner luchter Hant,
Twee de my decken,
Twee de my wecken,
Twee de my wysen
In dat himmlische Paradiesen.
42b. Ein altes Kindergebet. 331
In Jauernig in Österreichisch-Schlesien lautet das Gebet
(A. Peter, Volkstümliches aus Österreichisch-Schlesien, Band 1.
Troppau 1865, S. 34):
Eaite wiil icb schloffa giin,
Ferza Äng-1 sella bainm*r schtiin,
Zweene zur Rächta.
Zweene zur Lenka,
Zweene zun Fissa,
Zweene zun Haipta,
Zweene di mich däcka,
Zweene di mich wäcka,
Zweene di nrr zaigha a huucha Schtaig
Ai das eewighe Himm'lraicb. Amen.
Das 'zeigen' statt 'weisen' haben wir schon in der elsässischen
Fassung gehabt:
Zwei di m 'r zaje
Das himmlische Barrediss. -
Es werden nuu aber auch mehr als vierzehn Engel ge-
nannt, wovon ich früher noch keine Beispiele aufführen konnte
nämlich sechzehn und achtzehn. Zunächst sechzehn in
der Basier Fassung (Baslerische Kinder- und Volksreime,
Basel 1857, S. 2):
Ich will e Gottsname niedergoh
Und seehzeh1) Engeli mit mer lo: | 437
Zwei z1 Kopfede
Und zwei z' Füessede,
Zwei uf der rechte Syte
Und zwei uf der linke Syte,
Zwei wäm mi decke
Und zwei wäm mi wecke,
Zwei wäm mi spyse
Und zwei wäm mi wyse
Ins lieb herrlig Paradys. Amen.
Dass zwei Engel das Kind speisen sollen, werden wir nachher
noch in dem Schaffhauser Gebet finden.
In Hämischen Fassungen des Gebetes finden sich auch
sechzehn Engel2): sie kommen aber dadurch heraus, dass
') Gedruckt steht cvierzeh\ was aber zur Aufzählung s<-H>>t
nicht stimmt.
2) [Sechzehn begegneten un> schon oben S. 320 im Schlafsegen
des Landgrafen von Hessen.]
332 Zur Volksdichtung.
zwei Engel den Weg des Herren lehren. Flämische Auf-
zeichnungen sind mitgeteilt von [Wolf, Wodana S. !>1] Reins-
berg - Düringsfeld, Calendrier beige. Bruxelles 1862, Vol. 2,
p. .-541 (flandrische Mundart). Firmenich, Germaniens Völker-
stimmen Rand 3, S. 661 und 679 (Mundart von Brabant
und von Antwerpen) und von Emile de Borchgrave, Histoire
des colonies beiges <jui s'etablirent en Allemagne pendant
le 12öme et le 13feme siecle. Bruxelles 1865. pag. 292 (Mund-
art von Gent). Sie weichen nur mundartlich von einander
ab, und ich darf mich daher mit der Mitteilung einer be--
gnügen. In Gent also lautet das Gebet:
T's aeves aes ik slaepe gae,
Der volge my zestien engelkes nae,
Twee an myn koofdende,
Twee an myn voetende,
Twee an myn rechte zye,
Twee an myn 's linke zye,
Twee die my decke.
Twee die my wecke,
Twee die my leere
De weg des Heere,
Twee die my wyze
Naer 't Hemels Paradyze.
[In dem 1740 approbierten Buche fHet dobbel Kabinet
der Christelyke Wysheyd3 (Gend, J. Begyn o. J.) steht unter
den ( Kinder- Gebedekens' folgende Variante:
Yrage: Wat peyst gy, als gy's avonds slaepen gaet?
Antw.: 'S avonds als ik slaepen gae,
Dan volgen my zestien Engelen nae:
Twee aen myne regte zyde,
Twee aen myne slinke zyde,
Twee aen mijn hoofd-eynde,
Twee aen mijn voet-eynde,
Twee die my dekken,
Twee die my wekken,
Twee die my leeren, den weg des Heere,
Twee die my wyzen. ten hemelschen Paradyze.
Ebenso bei J. von Vloten, Nederlandsche Baker- en
Kinderrijmen 1874, S. 163 = 1894, S. 171. Boekenoogeu.
Onze Eijmen in cDe Gids1 1893, 4. 14. Mit einer Komposition
42b. Ein altes Kindergebet. :;;J3
von J. J. Verhulst (14 Engel) bei D. de Lauge, J. vanRiems-
dijk eu G. Kalff, Nederlandsch Volksliederenboek 1898,
nr. 136 und im Nederlandsch Liederboek uitg. door het
Willems-Fonds 2, 183 nr. 86 (Gent 1892).]
Auf achtzehn Engel hat es das Gebet in Scbaffhausen
gebracht (Der Unoth. Zeitschrift für Geschichte und Altertum
des Standes Schaffhausen. Hsg. von Johannes Meyer, 1. Heft.
Schaffhausen 1863, S. 45) [ähnlich bei Tobler 1, 196 nr. 8
und Herzog, Alemannisches Kinderbuch 1885, S. 15] :
Ich wil e Gotsnaine nider gü
Und achzehen Engili mitmer lü: j
Zwei z Hoppete, 4:;>
Zwei z Füessete,
Zwei uf der rechte Site,
Zwei uf der lingge Site,
Zwei die mi tecked,
Zwei die mi wecked,
Zwei die mi wised,
Zwei di mi spised,
Zwei die mi is ewig- Lebe füered
Und zwei die mi füered is himlisch Baredis. Arne !
[Achtzehn Engel auch bei Hruschka-Toischer 1891, S. 398,
nr. 99 d.J
Verminderungen der Zwölf- oder Vierzehnzahl zu Zehn,
Sechs und Drei in deutschen Fassungen konnte ich bereits
früher nachweisen: jetzt kommt dazu die Siebenzahl1) bei
den Sachsen in Siebenbürgen (F. W. Schuster. Siebenbürgisch-
sächsische Volkslieder, Sprichwörter, Rätsel, Zauberformeln
und Kinder-Dichtungen, Hermannstadt 1865, S. 359). Eine
Aufzeichnung aus Bistritz lautet:
Des Obesst sin mer schlöfe giü,
Sibn Angel sin mäd ess ku,
Zwe ze'n Hebn,
Zwe ze'n Saitn,
Zwe ze'n Fäessen,
Der sibnt säl ess däken,
Onser Här Jesus säl ess mörn fräe fräsch
gesond ofwäken.
') [Vgl. Frommanns D. Mundarten 6, 502. |
334 Zur Volksdichtung.
Eine zweite aus Mühlbach:
Gotess Nume schlöfe g<*m!
Siwen Ainjel mät mer gon!
Zwin zä meinjen Hiwden,
Zw in zä meinje Sekten,
Zwin zä meinje Fessen,
Däd in dät säl mich däken,
Got der Här säl mich gesangd afwaken.
Wir werden der Siebenzahl weiter unten noch auf romanischem
Gebiete begegnen.
Auf S. 451 meines früheren Aufsatzes stehen zwei
Versionen unseres Gebetes aus dem Osnabrückschen und aus
dem Münsterschen, in welchen das ursprüngliche Engelgebet
eigentümlich erweitert worden ist. Beiden, die sie zum Teil
vereint, ähnlich ist eine dritte, von F. W. Lyra (Plattdeutsche
Briefe, Erzählungen, Gedichte u. s. w. Osnabrück 1845, S. 187)
aufgezeichnete: |
439 'Auwends, wann 'k na Bedde gaae,
Legg'k mi in Mariggens Schaut:
M'rigge is miin Mooder,
•Tannes is miin Brooder,
Jesus is miin G'leidesmann,
De mi 'n Weg wual wiisen kann.
Waar ick ligge, gaae un staae,
Sind mi veerteen Engel naae:
Twee to miinen Koppe,
Twee to miinen Fööten,
Twee to miiner rechten Siit,
Twee to miiner linken Siit,
Twee de mi decket,
Twee de mi wecket,
Un twee de mi'n Weg na'n Hiemel wüst.
Jesus is miin Hätken,
J'annes is miin Scliätken,
M'rigge ligt mi in 'n Sinn.
Met de dree schlaup ick in.
Rine andere Erweiterung zeigt das Gebet im Bremischen
(F. Köster, Altertümer, Geschichten und Sagen der Herzog-
tümer Bremen und Verden. Stade 1856, S. 113):
42b. Ein altes Eindergebet. 335
Des Abends, wenn ik to Beeide ga,
Veertein Engel mit my ga'n:
Twee to mynen Hö'ten,
Twee to mynen Föten.
Twee to nivner rechten Sict,
Twee to myner linken Siet,
Twee de my decken,
Twee de my wecken,
Twee de my den rechten Weg wiest
In dar himmlische Paradies.
Paradies, Paradies is upslaten,
De Himmel is apen.
Wat seh ik dort hangen?
Slötter un Tangen.
Da slap ik so söt
Achter leben Herrgott syn Föt.
Un wenn de bittre Dod kummt
Un will my besluten, j
So kummt de lebe Jesu, 440
De den Himmel upslut! Amen.1)
Ganz ähnlich ist die Erweiterung in dem Gebet, wie es
[Willems, Belgisch Museum 7. 80 und] E. de Borchgrave a. a. 0.
S. 291 im Dialekt der Umgegend von Brügge giebt:
'Sen aevens als ik slaepen gaen,
Daer volgen min zestien engeltjes naer.
Twee aan min hofdende,
Twee aan min voetende.
Twe aan min rechter zide,
Twe aan min's linker zide,
Twe die min dekken,
Twe die min wekken,
Twe die min leren
De weg des Heren,
Twe die min wizen
Naer d1 hemelssche Paradizen.
T hemels Paradis staet oopen;
D' Ell2) is geslooten
') Herr Prot. Adalbert Kuhn in P>erlin hatte die Güte, mich zuerst
auf dies Gebet aufmerksam zu machen. Seitdem habe ich es auch bei
Borchgrave a. a. 0. citiert gefunden.
2) d. i. die Hölle.
:!.'$(j Zur Volksdichtung.
Mit izers en banden ;
'K vouwe1) biede min' handen,
Met Jesus in min mond,
Met Jesus in min herte-grond.
Endlich das plattdeutsche Gebet aus Wohlde in Schleswig
<I>- R- Tuxen, Det plattydske Folkesprog i Angel, Kjöbenhavn
1857, S. 90):
Des Abens, wenn ik to Bett gä,
Nehm ik vertein Engeln mit :
Twe tum Hüten,
Twe tum Föten,
Twe an min reckte Sid,
Twe an min linke Sid,
Twe de mi decken,
Twe de mi wecken,
Twe de mi de "Weg wiest
Nä dat bimmliscbe Paradies.
De Himmel is äpen.
De Höll is fesläten. |
441 O slutt ein, o slutt em un binn em doch fass,
Dat he nich nä min arme Sei hentracb!
Hiermit gehen wir nach Dänemark über. In meinem
frühem Aufsatz S. 453 konnte ich nur auf Bugges Ver-
weisungen auf Pontoppidanus und Grundtvig hinweisen: jetzt
kann ich die dort stehenden Gebetsformeln selbst mitteilen.
Erich Pontoppidanus (Everriculum fermenti veteris seu residuaj
in danico orbe cum paganismi tum papismi reliquiae in
apricum prolatae, Hafnise 1736, pag. 64) führt als eine
'vespertino tempore orandi formulam nondum plane obsole-
tam' an:
Xaar jeg til min Seng monne gaae,
Tolv Guds Engle hos mig staae.
Een ved min höjre [Haand],
Een ved min venstre Haand,
To ved mit Ho ved,
To ved mine Födder,
x) d. i. ich falte.
42 b. Ein altes Kindergebet. 337
To mig dekke,
To mig na-kke,
To mig Yejen viise
Ind i Paradiis ').
Die Form, die Svend Gründtvig ^Gamle dauske Minder
i Folkemunde, ny Sämling, Kjöbenhavn 1857, S. 153) [auch
bei Firmenich 3, 804] nach der Überlieferung eines im Jahr
1731 verstorbenen Pastors in Ensted bei Aabenraa, dessen
alte jütländische Magd es allabendlich betete, giebt, steht der
deutschen noch näher. Sie lautet:
Hwar Awten, a til Ssenge gär,
Fjowten Gudsengler om mse stär
Tow ve mi Hojem,
Tow ve mi Fojem,
Tow ve mi hywer Si,
Tow ve mi venster Si;
Tow mae vsekk!
Tow mse d.ekk!
Tow mee Vej vis1
Te den evi<r Paradis ! Amen.
o
[Madsen, Folkeminder fra Hanved Sögu S. 158. Moe og
Mortenson, Norske Fornkvaede 1877 1, 52.]
In den Schriften des norwegischen Dichters Henrik
Wergeland findet sich, wie Bugge ebenfalls bemerkt hat, auch
unser Gebet, offen- | bar vom Dichter kunstmässig bearbeitet, 442
aber nach welcher Grundlage? Die Fassung im Wunderhorn
als solche anzunehmen, wie Bugge meint, scheint mir ungerecht-
fertigt. Wergelands Bearbeitung (Skrifter. Christiania 1852
2, 155) lautet:
Bö rne sauge.
1. Afte n b on (1840).
Naar jeg la?gger mig til Hvile,
Tretten Engte om mig staae:
Tvende ved min Höjre smile,
Tvende til min Venstre gaae,
l) Herr Professor Dr. Theodor Möbius in Kiel hat mir auf meine
Bitte diese Stelle aus dem seltenen Buch Pontoppidans, sowie die später
ausgeführte Wergelands freundlichst mitgeteilt.
Köhler, Kl. Schriften. III. 22
338 Zur Volksdichtung.
To paa Vagt ved Hovedpuden,
To ved Foden desforuden,
To mig deekke,
To mig vfekke,
En inig viser
Alle Himlens Paradiser.
Aus England kann ich diesmal zu den zwei früher
(S. 454) mitgeteilten Gebeten ein drittes aus East Norfolk
fügen (Choice Notes from 'Notes and Queries.3 Folk Lore.
London 1859, S. 179). Es lautet:
Matthew, Mark, Luke, and John,
Bless the bed that I lie on !
Four corners to my bed,
Five angels there lie spread;
Two at my hend,
Two at my feet,
One at my heart, my soul to keep.
Durch die beiden Zeilen 'Two at my head, Two at my feet"
steht diese englische Variante den deutschen, flämischen und
skandinavischen weit näher als die früher mitgeteilten 1).
[Vgl. Halliwell, Populär rhymes p. 210. Notes and Queries
1. Series 6, 480. 11, 206. 474. 12, 90. 1G4. 7. Series 8,
208. 275. 414. 494. 9, 36, wo auch verwiesen wird auf
L. Sharp, Arclueologia 27, 253 und Ady, Candle in the dark
1660, p. 58. Unten S. 349]
443 Dass unser Gebet auch in romanischen Sprachen vor-
kommen möge, vermutete ich bereits in meinem frühern Auf-
satz, und es hat sich diese Vermutung bestätigt; ich kann
') In einer davon hatte Halliwell, wie ich S. -454 erwähnt habe,,
bemerkt: ca charm somewhat similar may be seen in the Towneley
Mysteries p. 9]'. Die von Halliwell angezogene Stelle, die ich damals
nicht nachschlagen konnte, befindet sich in einem Weihnachtsspiel, wo
einer der Hirten, die sich eben zum Schlaf niederlegen wollen, sagt:
For ferde we be fryght a cross let us kest,
Cryst Crosse, benedyght, ecst and west
For dreed.
Jesus o' Nazorus
Crucyefixus
Marcus, Andreas,
God be our spede!
42b. Ein altes Kindergebet. 339
es jetzt in französischer und provencalischer Sprache nach-
weisen. [Sauve, Folk-lore des Hautes-Vosges 1889, {>. 277.]
Ribault de Laugardiere teilt in seiner kleinen Schrift
'Lettres snr quelques prieres populaires du Bern (Bourges
1856) S. l(i ein Abendgebet mit, welches 'Credo-le-Petit5
genannt wird und also lautet1):
Je le crois coum' je le dis2),
Sept bell's anges dans nion lit,
Trois aux pieds, quatre au clieveu,
Le bon Dieu par le melieu,
Qui nie dit: Moun emi, coueh' toi,
>~"aie donc point crainte de moi.
Appelle Saint Jean ton pee,
Ton parrain, le grand seint Piee:
Mais si la mort te surprenne,
Tappellevas ta marraine.
Ganz ähnlich ist das pro vencalische Gebet bei Damase
Arbaud. Chants populaires de la Provence, Aix 18(52. S. 11*
Au liech de Diou
Me couche iou,
Sept angis n'en trove iou,
Tres es peds,
Quatre au capet,
La Boueno Mero es au mitan,
Uno roso blanco a la man,
Me dit: 2\** endouerme te,
Agues pas poou se n'as la fe,
N'en cregnes ren doou chin, dou loup,
De la ragi que vai partout,
De l'aigeo courrent, doou fuee lusent,
Ni de toutes marides gens3). |
') Ich selbst habe das Büchlein, auf welches ich durch einige
Citate in Jauberts Glossaire du Centre de la France, 2eme ed., Paris 1864,
aufmerksam geworden, nie gesellen. Ks scheint gar nicht oder nur in
kleiner Auflage in den Buchhandel gekommen zu sein. Ein Pariser
Freund hat die Güte gehabt, mir aus dem Exemplar der Kais. Bibliothek
in Paris ,las Gebet abzuschreiben.
-) Variante: Coum' je le sais je le dis.
3) Ein anderes in demselben Buch S. 12 mitgeteiltes Gebet möge
wegen des Anfangs der englischen Fassungen unseres Gebetes auch
hier einen Platz finden:
340 Zur Volksdichtung.
[Ein catalanisches Gebet bei Maspons y Labrös, Jochs
de la infancia 1874, S. 61 = Germania 22, 188 = Liebrecht,
Zur Volkskunde 1879, S. 391 — Über portugiesische Ge-
staltungen vgl. Coelho, Oracäo dos anjos da guarda (Revista
lusitana 1, 326—331. 1887—89).]
444 Die Siebenzahl der Engel haben wir schon in dem sieben-
bürgisch-sächsischen Gebet gefunden, wo aber die sieben
Engel vierfach geteilt waren.
Endlich habe ich noch eine französische Variante, die
durch lose aneinander gereihte Zusätze ausserordentlich
erweitert ist, anzuführen, in welcher die Engelzahl auf drei
herabgesunken ist. Ich entnehme sie Victor Hugos berühmtem
Roman cLes Miserables' (Leipziger Ausgabe 1862, Band 4,
S. 107). Bis zum Jahr 1827 staud über der Thür des Refek-
toriums eines Pariser Nonnenklosters in grossen schwarzen
Lettern folgendes Gebet1) geschrieben:
Petite patenotre blanche, que Dieu fit, que Dieu dit, que
D i e u mit e n p a r a d i s.
Au soir m'allant coucher.
je trouvis trois anges ä raon lit couches,
un aux pieds, deux au chevet,
la bonne vierge Marie au milieu,
qui nie dit que je m'y couchis,
que rien ne doutis.
Le bon Dieu est mon pere,
la bonne Vierge est ma mere,
les trois apotres sont mes freres,
les trois vierges sont mes soeurs.
La chemise oü Dieu fiit ne,
mon corps en est enveloppe;
la croix Sainte-Marguerite
ä ma poitrine est ecrite:
Madame la Vierge sen va sur les champs,
Sant Jean, Sant Luc, Sant Marc, Sant Mathiou,
Les quatre Evangelistos de Diou,
Sieguetz toujours ben eme iou,
Coumo eme toutes les mious.
Man vgl. die zweite Anmerkung auf S. 454 meines früheren Aufsatzes.
') [Vgl. Folk-Lore Record 1, 151. 2, 127.]
43. Italienische Nachtgebete. 341
Dieu pleurant, rencontrit M. saint Jean.
Monsieur saint Jean, d'oü venez-vous!
Je viens d'Ave Salus.
Vous n'avez pas vu le hon Dieu, si est ?
II est dans l'arbre de la Croix,
les pieds pendants,
les mains clouans, |
un petit chapeau d'epine blanche sur la tete. 145
Qui la dit trois fois au soir, trois fois au matin,
gagnera le Paradis a la fin.
Die Zeilen
lla bonne Vierge est ma raere,
les trois apötres sont mes freres'
fanden wir in den osnabrückischen, und münsterschen Versionen
entsprechend:
'Maria ist meine Mutter,
Johannes ist mein Bruder.'
[Vgl. Altdeutsche Blätter 2, 268:
God sij mijn vader, Maria mijn moeder,
De heileghe Evangelisten mijn broeder.]
Weimar, April 1866.
43. Italienische Nachtgebete.
(Jahrbuch für roman. Litt. 8, 409-417. 1867.)
Die nachfolgenden acht aus dem Mund des toscani-
schen Landvolkes gesammelten Nachtgebete verdanke ich
der entgegenkommenden Güte des Herru Professor P. Pagaliini
in Pisa, der durch meinen Aufsatz über cein altes Kinder-
gebet' in Fr. Pfeiffers Germania 5, 448 — 56 und 11, 435
bis 45) x) sich veranlasst gefunden hat sie mir mitzuteilen.
l) Einen dankenswerten Nachtrag [aus dem Flateyjarbok 2, 400
= Fsereyinga saga cap. 56, S. 257 ed. Rafn: 'Gangat ek aeinn ut | fiorir
mer fylgia | lim guds »einglar | ber ek been firir mer | bsen firir Kristi |
syng ek salma VII J siai gud hluta minn'] hat K. Maurer in der Ger-
mania 12, 234—236 geliefert. [Vgl. zu diesem Credo des neunjährigen
U'2
Zur Volksdichtung.
I.
(A Monte Ami ata.)
A letto. a Letto nie ne vo,
L'anima a Dio la do,
La do a San Michele
Ch' ha le chiavi d'aprire il eielo.
5 Croce santa e croce degna,
Tu mi salvi e tu mi segna.
Segnami che son mortale,
Segna il letto e il capezzale,
Segna la casa d'ogni canto,
10 Padre, Figlio e Spirito Santo.
Yieni a tutte Tore,
Vieni a visitar l'anima mia,
Che sono buono servo del Signore
E devoto della Vergine Maria.
15 Ecco posata la faceia nel letto,
M'arraccomando, o Gesü buono,
M'arraccomando, o Gesü benedetto,
Di tutti i peccati vi chieggo perdono.
Acqua santa. tu mi bagni,
20 Gesü caro m'accompagni,
M'accompagni quando mojo.
410
II.
( N e 1 1 a campagna p i s t o j e s e.)
A letto, a letto nie ne vo,
L'anima mia a Dio la do,
E la do a San Giovanni,
Che mi liberi dagl' inganni;
5 E la do a San Miehele,
Che la guardi e pesi bene ; ')
Knaben Lyngby bei Hagerup. Om det danske sprog i Angel, 2. udg.
S. VIII f. und 180. Harland and Wilkinson, Lancashire folk-lore S. 114
= Choice notes p. 111: 'Little Creed\]
*) S.Michael wägt bekanntlich die Seelen. Vgl. G. Zappert, Vita
beati Petri Acotanti, Wien 1839, S. 88 f.; Grimm, D. Myth. S. 819;
W. Menzel, Christi. Symbolik 2, 130 f. [Heider, Die roman. Kirche zu
Schöngrabern S. 235 ff. Mila y Fontanala p. 128.] Ausser dem Seelen-
wägen ward von S. Michael auch angenommen, dass er die Seelen der
Frommen in Empfang nehme und ins Paradies geleite [Heider, S. 230.
43. Italienische Nachfgcbete. .",(:;
E la do a San Antonio,
Che mi liberi dal demonio;
E la do alla A'ergine Maria,
10 Che mi assista nel punto della morte inia.
Gesü mio, mi butto giü,
Non so se mi rizzerb piu.
Ecco posata la faccia sul letto,
Mi raccomando a Gesü benedetto,
15 Mi raccomando a Gesü santo e buono,
Di tutti i miei peccati vi chiedo perdono.
0 cuore di Gesü che mi ha redento.
In pace mi riposo e mi addormento.
111.
(Xella campagna fiorentina.)
Gesü mio, entro giü,
Non so se mi leverö piü.
L'anima a Dio la do,
La do a San Giovanni.
5 Gesü, Giuseppe e Maria,
Vi dono il cuore e Taninia mia.
Gesü, Giuseppe e Maria,
Assistetemi nell' ultima agonia.
Gesü, Giuseppe e Maria,
10 Spiri in pace con voi l'anima mia.
A letto nie ne vado
Colla Madonna al petto,
Con Santa Margherita, 411
Gesü ci benedica.
15 Angelo bello,
Pien di sapienza.
Che sempre vedi
La faccia di Dio,
Guardimi e scampimi
20 Colla tua potenza.
Stai meco, caro fratel mio *),
'Sente Michahele, der meister ist der sele', Heinrich v. Krolewiz \. 2765J,
ja er wird sogar in einer Urkunde (s. Grimm, D. Myth. S. 1226) 'prsepositus
paradisi' genannt. Wenn er aber nach I, 4 die Himmelssehlüssel führt,
so ist dies bekanntlich eigentlich nur das Amt des S. Petru>.
*) In einem spanischen Kinderreim (bei F. Caballero, Cosa cum-
plida . . solo en la otra vida \>. 11) heisst es: Los ängeles mi~ hermanos
Me cogieron por la raano. Vgl. auch Legenda aurea, ed. Grässe, p. 649
344 Zur "Volksdichtung.
Non mi abbandonare,
Ne di di, ne di notte,
Fino al punto della morte.
IV.
(Nella campagna sanese.)
A letto, a letto me ne vo,
L'anima mia a Dio la do,
La do a Dio e a San Giovanni,
Che il nemico non m'inganni,
5 Ne di di, ne di notte,
Manco al punto della morte»
Ne di notte, ne di di,
Manco al punto del morir.
A letto a letto ce n'andiamor
10 Gesü Cristo rincontriamo»
Rincontriamo San Silvestre,
Che ci ha fatto questo letto,
Che lo ha fatto a quattro canti,
Che ci dorme quattro Santi;
15 Due da piedi, due da capo,
La Vergine Maria sarä al mio lato.
Gesü mio, ho da morire,
Gesü mio, non so dove,
Gresü mio, non so quando,
20 Gesü mio, mi raccomando.
Angiol mio bello, pien di sapienza,
Tu che risguardi la faccia di Dio,
Guardimi e scampimi la tua gran potenza.
Sta con me, dolce fratel mio,
25 Sta con me, non mi abbandonare,
Acciocche non cada in peccato mortale. |
412 La mia lingua non possa dir del male,
II mio cuore non possa mal pensare.
Sta con me, con la Vergine pura,
30 Sta con me, che non avrö paura.
Guardami oggi, guardami domani,
Guardami in eterno,
Scampami dalle pene eterne dell'inferno.
und Grimm, D. Myth. 830. ['Los niiios son mis hermanos y mis seme-
jantes', sagt der Schutzengel bei Trueba, Cuentos de vivos y muertos-
S. 10.]
43. Italienische Nachtgebete. 34»
V.
(Xella eampagna lucchese.)
Mi pongo giü
Col norae di Gesü,
Xon so della levata,
Xon so della posata.
5 L'anima mia sia raccomandata
A Dio e a San Giovanni.
Xon nemico non m'inganni.
In qnesta notte tenebrosa e oscura
II corpo dorma e l'anima sia sicura.
10 A letto, a letto nie n1 andai,
E quattr1 angioli 'ncontrai;
Due da piedi e dne da capo,
Gesü Cristo dal mio lato;
Gesü Cristo che mi disse,
15 Ch' io posassi, ch1 io dormissi,
E paura non avessi
Ne di lancia, ne di ferro,
Xe dell' ombre dell' inferno,
Ne di quella brutta cosa,
20 Giorno e notte mai non posa.
Aivo o morto ch' io sia,
Gesü, vi raccomando l'anima mia.
VI.
(Xella campagna pisana.)
10 nie ne vado a letto,
11 mio Gesü aspetto,
II mio Gesü verra,
II mio letto segnerä,
5 Segnerä la camera in canto in canto,
Gesü m' accompagni e lo Spirito Santo.
A letto, a letto me ne vo,
L'anima mia a Dio la do,
La do a Dio e a San Giovanni, |
10 Xon nemico non m' inganni, 41$
Ne di giorno, ne di notte,
Fino al punto della morte.
Voi siete in cielo, io sono in terra,
Per vostro amore bacero la terra;
15 Terra bacio e terra sono,
Gesü mio, vi chiedo perdono;
:J>4ti
Zur Volksdichtung.
Terra sono e terra bacio,
Gesü mio, vi ringrazio.
A letto, a letto nie n'andavo,
20 E quattr' angioli incontravo ;
Due da piedi, (lue da capo,
Gesü Cristo dal mi' lato,
E mi disse,
Che vegliasse, che dormisse
25 E paura non avesse
Ne di lance, ne di ferro,
Ne dell' ombra dell' Inferno,
Ne di quella mala cosa,
A voler che la notte riposa.
30 Gesü mio, rai nietto giü,
Non so se m'arrizzerö piü.
Tre cose vi arr accomando :
La Confessione, la Comunione e TOlio Santo.
Mi raccomando a Dio,
35 All' Angel custode, al Padre Eterno, allo
Spirito Santo.
414
VII.
(Nella campagna pisana.)
A letto, a letto me ne vo,
L'anima mia a Dio la do,
La do a Dio e a San Giovanni,
Non nemico non m'inganni,
5 Ne di di, ne di notte.
Ne pel punto della morte.
San Giovanni e San Yincenzo
Ha giä fatto questo letto,
Con quattr' angioli di Dio
10 Tutt1 intorno al letto mio;
Due da piedi. due da eapo.
La Vergine Maria sia al mio lato.
La Vergine Maria mi disse,
Che vegliasse o che dormisse,
15 Che paura non avesse
Ne di lancia, ne di ferro, |
Ne di ombra, ne d'inferno.
Mi pongo nel letto
Con la Madonna al petto,
20 Sempre pensando d'avere a morire,
4.;. Italienische Nachtgebete. 347
E tre chose vi chiedo:
La Confessione, la Comunione e l'Olio Santo.
Mi raccomando a voi
E a vostro Fielio Santo.
VIII.
(N e 11 a c am p ag n a pistojese.)
Quando a lettu vo la sera,
Viene d'angeli una sehiera :
Due si stan del letto appie,
Due dal capo presso a nie :
5 Due ne vamio al destro fianco,
Due ne vanno al lato manco:
Due mi copron jüan pianino,
Due mi svegliano al mattino:
Due mi mostran dolci in viso
10 II cammin del paradiso.
Die Gebete IV — VII haben nicht wenige Verse, wenn
auch mit kleinen Abweichungen im Wortlaut, gemeinsam, aber
auch 1 — III haben wenigstens einige Verse, die in IV — VI [
■wiederkehren. Es stimmen nämlich ü berein:
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
1.
1.
,
1.
.
i.
1.
2.
2.
3.
2.
.
8.
2.
3.
4.
3.
6.
9.
3.
4.
.
4.
7.
10.
4.
•23.
5.
.
11.
5.
•24.
6.
•
12.
6.
9.
10.
19.
(9.)
10.
11.
20.
(10.)
15.
12.
21.
11.
16.
13.
22.
12.
14-20. 23-29. 13-17.
I und II haben ausser den erwähnten beiden ersten 4l.">
Zeilen noch die Zeile "la do a San Michele' und die vier
Zeilen cEcco posata — perdono' gemein.
Mit I, 9. 10 vergleiche man VI, 5. 6.
348 Zur Volksdichtung.
II, 11. 12 kehren fast gleichlautend wieder III. 1. 2 und
VI. 30. 31.
III und IV haben auch die Anrede an den Schutzengel
gemeinsam (III, 15—22 == IV, 21—25).
Mit IV, 11. 12 vergleiche man VII, 7. 8.
Von VI und VII sind auch die vier Schlusszeilen zum
Teil wörtlich gleich.
[Aus Sardinien bringt H. v. Maltzan (Reise auf der Insel
Sardinien 1869, S. 412) folgendes Gebet bei:
Su lettu meu est de battor contones
Et battor anghelos si bei ponen,
Duos in pes et duos in cabitta.
Nostra signora a costazu ni'ista,
E a mie narat: Dormi e reposa,
No hapas paura de mala cosa,
No hapas paura de mala fine.
S'Anghelu Seranne,
S'Anghelu biancu,
S'Ispiridu santu,
Sa Virgine Maria,
Totu siant in cumpagnia mia.
Vgl. Gianandrea. Canti pop. marchigiani 1875, p. 292 f.
Finamore, Trad. pop. abruzzesi 2, 126, nr. 627 (1886). Vigor
Canti pop. siciliani nr. 3665. Rivista di lett. pop. 1, 167.
Archivio delle trad. pop. 16, 379.]
Soviel über das Verhältnis der italienischen Gebete zu
einander, jetzt noch einige Bemerkungen über ihr Verhältnis-
zu nichtitalienischen Gebeten.
Wenn in IV, V, VI und VII der zu Bett Gehende vier
Engel um sich hat, zwei zu Füssen, zwei zu Häupten, und
Jesus Christus oder die Jungfrau Maria zur Seite, die ihm
sagen, er möge keine Furcht haben, so sind hierin drei
französische Gebete ganz ähnlich, die ich in Pfeiffers Ger-
mania 11, 443 f. mitgeteilt habe. Das eine aus Berry lautet:
Je le crois coura' je le dis,
Sept bell's anges dans mon lit,
Trois aux pieds, quatre au cheveu,
Le bon Dieu par le melieu,
Qui nie dit: Moun emi, couch' toi,
N'aie douc point crainte de moi.
43. Italienische Nachtgebete. 349
Das andere aus der Provence :
Au liech de Diou
Me eouche iou,
Sept angis n'en trove iou,
Tres es peds,
Quatre au capet,
La Boueno Mero es au mitan,
Uno roso blanco ä la man,
Me dit : N. endouerme te,
Agues pas poou se n'as la fe,
N'en cregnes ren doou chin, dou loup u. 8. w.
Ein drittes aus Paris:
Au soir m'allant coucher,
Je trouvis trois anges ä nion lit couches, |
un aux pieds, deux au chevet, 416
la bonne vierge Marie au milieu,
qui nie dit que je m'y couchis,
que rien ne doutis u. s. \v.
Wie in nr. IV die vier Ecken des Bettes erwähnt
werden, so fehlen diese auch nicht in den verwandten eng-
lischen Gebeten, die ich in der Germania 5, 454 und 11, 442
[oben S. 327 und 338] angeführt habe und denen ich noch
folgendes aus J. Harland u. T. T. Wilkinson, Lancashire Folk-
lore, London 1867, S. 69 hinzufügen muss:
Mathew, Mark, Luke, and John,
Bless the bed that I lie on;
There are four corners to my bed,
And four angels overspread,
Two at the feet, two at the head.
If any ill thing me betide,
Beneath your wings my body hide.
Matthew, Mark, Luke, and John,
Bless the bed that I lie on. Amen.
Vgl. auch Halliwell, Populär rhymes and nursery tales,
London 1849. S. 210. [Revue des trad. pop. 4, 622.]
Nr. VII, das Gebet von den vierzehn Engeln, findet
sich gauz übereinstimmend in deutscher und in dänischer
S()rache. Ich habe mehrere deutsche Fassungen in der Ger-
mania 5, 449—451 und 11, 436, 439 und 440 und eine
dänische daselbst 11, 441 mitgeteilt. Seitdem ist mir noch
350
Zur Volksdichtung.
eine dänische aus Angeln bekannt geworden (E. Hagerup,
Om det danske sprog i Angel. Anden forögede udgave af
K. J. Lyngby. Köbenhavn 1867. S. 180), die hier folgen
möge:
Om Avtne von so i Seng gf»r,
Sä manne ( injs Engle tu me stser:
To ve mit Hoj,
To ve min För'r,
To ve min hyr Si,
To ve min vinstr Si,
To te ä dff'k me,
To te ä vaek me,
To, de me se Vej vis
Uri den himmelsk Paradis.
417 Vielleicht ist, wie Prof. Paganini in einer mir so- i eben
freundlichst zugeschickten, nicht für den Buchhandel be-
stimmten kleinen Gelegenheitsschrift r) wahrscheinlich zu
machen sucht, das Gebet von einem pistojeser Franziskaner
verfasst und durch Franziskaner über die Alpen gebracht
worden.
An die vorstehenden toscanischen Nachtgebete möge sich
noch eins aus Welschtirol reihen. Es findet sich in dem
kürzlich erschienenen wertvollen Buche 'Märchen und Sagen
aus Welschtirol. Gesammelt von Christian Schneller', Inns-
bruck 18(57, S. 249 und lautet:
Vado 'n lett
Con domine che m' aspett,
Con domine maggior,
Con Cristo Salvator,
Con la croce benedetta,
Con santa Maria stessa,
Con dieci mila vergini,
Con quaranta mila santi,
Raccomando l'anima mia a tutti quanti.
') 'Ai gentili giovani Alessandro Morelli e Antonietta Pierantoni
i'atti sposi lettera di P. Paganini', datiert Pisa 15 dicembre 1867 (LuccaT
coi tipi di B. Canovetti 1868, 8°, 12 S.).
4-1. Über Dunger, Kinderlieder und Kinderspiele. 351
Der Anfang dieses Gebetes ist dem des (J. toscanischen
sehr ähnlich. Herr Schneller übersetzte die zweite Zeile
'Mit dem Herrn, der mich sieht' und fügt selbst in Parenthese
ein Fragezeichen hinzu. Ich glaube, dass nach Anleitung des
toscanischen Gebetes zu übersetzen ist; 'Mit dem Herrn, den
ich (mir) erwarte'.
44. Über Dünger, Kinderlieder und
Kinderspiele.
(Litterarisches Centralblatt 1875, 121 — 123.)
Dr. Herrn. Dunger, Kinderlieder und Kinderspiele aus dem Yoigt-
lande. Plauen i. V., 1874, Neupert. (X. 203 S. , 2 Bl. kl.-8°.)
1 Mk. 20 Pf.
Diese recht dankenswerte Sammlung enthält in 14 Ab-
teilungen (Wiegenlieder, Koseliedcheu, Verkehr mit der Na-
tur. Allerlei Lieder, Kinderpredigten, Kindergebete, Aus der 122;
Schule. Neckereien, Zuchtreime, Nachahmungen, Kinderphilo-
logie, Abzählreime. Rätsel) 365 Nummern. Ausser dem ein-
leitenden Vortrage, der mit dem Ref. zwar nicht in allen Einzel-
heiten übereinstimmen kann, der aber im ganzen seinem
Zwecke, unter dem gebildeten Publikum Teilnahme für die
volkstümliche Kinderpoesie zu erwecken, gut entspricht, be-
stehen die Zuthaten des Herrn Herausgebers in einigen er-
klärenden sprachlichen Anmerkungen und in zahlreichen
kurzen Verweisungen auf andere Sammlungen deutscher
Kinderreime. Diese Verweisungen lassen sich allerdings noch
bedeutend vermehren, und zwar teils aus den von dem Verf.
benutzten, aber nicht vollständig ausgebeuteten, teils aus an-
deren, von ihm nicht benutzten Sammlungen1). Soweit es
der beschränkte Raum dem Ref. gestattet, mögen hier einige
') [Die 2. vermehrte Auflage von Dungers Büchlein (Plauen 1894)
lässt die Verweisungen ganz fallen.]
352 Zur Volksdichtung.
Nachträge zu den Verweisungen und vorher eine sprachliche
Bemerkung folgen.
[S. 59, nr. 9: Der weitverbreitete Eingang der Wiegen-
lieder 'Heia popeia', der z. B. bei Firmenich, Germaniens
Völkerstimmen 1, 163. 2(55. 346. 361. 461. 2, 65. 403. 521,
Woeste S. 1, Schleicher S. 95, Böhme, Kinderlied S. 12
wiederkehrt, hat schon ehedem schnurrige etymologische Deu-
tungen hervorgerufen. Job. Conr. Wack (Kurtze Anzeigung,
wie nemlich die uralte Teutsche Sprache meistentheils ihren
Ursprung aus dem Celtisch- oder Clialdäischen habe, und das
Beyrische vom Syrischen herkomme. Kegenspurg 1716,
S. 23) sagt: 'Wer deut die Wörter Haje bobajo, womit die
Kinderwärterinnen den unruhigen Kindern den Schlaff ein-
gingen, wenn er nicht Syrisch kan? . . . und heist das Ge-
sang von Wort zu Wort, ohne nur das geringste zu ändern:
sey ein Trost, oder besser Teutsch: sey getrost.'] — Wenn
S. 60 das csuseJ oder 'sause' in den Wiegenliedern als dia-
lektische Nebenform von 'süss5 erklärt wird, so verweisen
wir dagegen auf die Stelle aus Konrad v. Megenberg (224, 7)
im Mittelhd. Wörterb. II, 2, 759 b. auf Weigands Worterb.
unter 'SusaninneJ und auf Sanders Wörterbuch unter 'sausen1,
2. [Böhme, Deutsches Kinderlied und Kinderspiel 1897, S. 13.]
— Nr. 69 c Unk, Unk, UnkJ findet sich fast wörtlich ebenso
in Simrocks Deutschem Kinderbuche nr. 537. [Böhme
S. 182. Wossidlo 2, 141 nr. 1055.] - - Von nr. 90 'Wenn der
Topf aber nu ä Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich'
geben folgende Bücher niederdeutsche Texte: Erk, Neue
Sammlung deutscher Volkslieder, 4. u. 5. Heft (Berlin 1844)
nr. 40 u. 41; Firmenich, Germaniens Yölkerstimmen 1,
187; De lüttje Strohoot (Kiel 1847) S. 77; Pröhle, Weltliche
und geistliche Volkslieder und Volksschauspiele, nr. 92; Dörr.
Plattdütscher Volkskalenner för 1859, S. 111; Commers-Bucli
für den deutschen Studenten, 19. Stereotypaufl. (Leipzig
1874) S. 169. [Erk- Böhme, Liederhort nr. 1741. Kinder-
und Ammenreime in plattdeutscher Mundart 1836, S. 15.
Zurmühlen, Des Dülkener Fiedelers Liederbuch nr. 105.]
Eine hochdeutsche eigentümliche Variante, die Ref. gelegent-
44. Über Dünger, Kinderlieder und Kinderspiele. 353
lieh anderswo mitteilen wird1), enthält das in der ersten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Sachsen, vielleicht in
Freiberg gedruckte 'Neu- vermehrte vollständige Berg-Lieder-
Büchlein' [nr. 42], und diesem Texte steht ein wendisches
Lied in Haupts und Schmalers Sammlung (1, 207, nr. ('('11
[Komm, schön Hannchen auf das Grummet]) zum Teil sehr
nahe. Endlich findet sich ein niederländisches Seitenstück in
der vom Ref. in d. Bl. kürzlich (1874, nr. 43) angezeigten
Sammlung von Van Vloten (Nederlandsche Baker- en Kinder-
rijmen, S. 124). — Zu nr. 91 und 92 cBin ich net a
•schöner Russbutten buJ vgl. Zingerle, Sitten, Bräuche
und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. verm. Aufl., S. 239
(oben S. 270 zu Tobler 1, 156]. Zu nr. 95 'Wer im
Himmel, sockt er, will nei kumma, sockt er" vgl. Verna-
leken und Branky. Spiele und Reime der Kinder in Österreich,
S. 121, nr. 38. - Zu nr. 9G '10 Jahr ein Kind. 20 Jahr
ein Jüngling' war auf Goedekes Pamphiius Gengenbach S. 574
[Böhme S. 713. Zacher, Zs. f. dtsch. Phil. 23, 385. 24,
161] zu verweisen, und in nr. 115 'Abends wenn ich zu
Bette geh, vierzehn Englein mit mir gehn3 auf des Ref.
Aufsätze in der Germania 5, 448 und 11, 435, und im Jahr-
buch für romanische und englische Litteratur 8, 408 [= oben
S. 320]. In der Anmerkung zu nr. 115 hat der Verf. die,
') [Sie möge hier in gereinigter Rechtschreibung folgen:
1. Meine liebe Liese wolte wandern, erbarme dich :j:
Was wird sie mir mitbringen?
Ein Beiz, meine liebe Liese, komm schlaf bei mir :|:
2. Wenn der Beiz ein Loch hat, u. s. w.
Stop es zu, meine liebe Liese, u. s. w.
8. Womit soll ich es zustopfen ?
Mit Stroh, meine liebe Liese.
4. Wenn das Stroh zu lang ist.
Hack es ab, meine liebe Liese.
5. Womit sol ichs abhacken?
Mit dem Beil, meine liebe Liese,
li. Wenn das Beil zu stumpf ist?
Lass schleifen, meine liebe Liese.
7. Worauf soll ich es schleifen, erbarme dich :|:
Auf dem Stein, meine liebe Liese, komm schlaf bei mir. |
Köhler, Kl. Schriften. III. 23
,°,.")4 ^ul* Volksdichtung.
wie es scheint, unaustilgbare irrige Angabe, dass die von J.
Agricola mitgeteilte Form dieses Kindergebetes schon auf dem
Grabsteine Friedrichs mit der gebissenen Wange sich finde,
aus Stöbers Elsässischem Volksbüchlein leider auch wieder-
holt. Zu nr. 197 'Es war ein runder bunter Mann3
vgl. auch Simrock nr. 921 [Böhme S. 238 f.]. — [S. 138 zu
den Geheimspracheu vgl. Köhler, Am Ur-Quell 2, 98 f.
(1*91): In meiner Knabenzeit war unter uns Kindern die F-
Spraehe beliebt, z. B. 'Dunerfu bististerh'st eineinerfein
Schafaferfaf = Du bist ein Schaf.] — Zu nr. 245 'Ich
ging einmal nach Gitterlitz3 vgl. Mannhardt, Germa-
nische Mythen. S. 659, nr. 12 [Böhme S. 400]. — Zu nr.
285 'Ich ging einmal nach England" vgl. Frischbier
Preussische Volksreime nr. 453 und 454 und die Citate da-
selbst; ausserdem aber noch [Böhme S. 312. 405 f.] Schmitz,
Sitten und Sagen des Eitler Volkes 1, 77; Peter, Volkstüm-
liches aus Österreichisch-Schlesien 1, 39, nr. 121 und 122;
Zingerle a. a. 0. S. 238, nr. 58 und S. 254. nr. 135. — Von
nr. 301 'Der Kirmessbauer' finden sich auch Texte im
Allgemeinen deutschen Liederlexikon, Leipzig 1847, 1, nr. 602;
bei Pröhle, a. a. 0. nr. 85; Frischbier a. a. 0. nr. 660 und
123 Köhler, Volksbrauch im Voigt- | lande, S. 203 [Böhme S. 673].
[Im Rätsel vom Feuer im Ofen nr. 365 = 2. Aufl. nr.
414 begegnet die alte Formel: 's is kein Fuchs, 's is kein
Has; Grossmutter, was ist denn das? Vgl. dazu Agricolar
Sprichwörter nr. 353; 'Ist es Fuchs oder Hase'; diese Ge-
schichte von der Losung des verbuhlten Edelmanns stammt
ans Bebel, Facetiae 2, 69. Grimm DVVb. 4, 1, 1, 336 und
339 nr. 11. In Kammerberg und Manebach hörte ich fol-
gendes Lied singen:
1. Ist das ein Fuchs oder ists ein Has, Kukuk,
Oder ists ein Mädchen auf der "Wiese und grast? Kukuk, Kukuk,
Kukuk.
2. Ach, Mädchen, lass du dein Grasen sein,
Ich bin ja der Jäger, und du Inst mein.
:'.. Und wann ich nicht mehr schiessen kann,
So nehm ich mir einen Burschen an.
45. Der Bauer schickt den Jacke] aus. 355
4. Mein Bursche, der ist schon exerciert,
Bat auch schon manches Mädchen verführt.
.">. Mein Bursche, der ist schon rasch und Hink,
L'bers Jahr hat sie ein kleines Kind.
Vgl. dazu Arnim -Brentano , Wnnderhorn 1. 385 ed. Birlinger-
Crecelius. Alemannia 12, 72. Meier. Schwäbische Volkslieder
5. 4(»7. J. Domans Lied von den Hansestädten (Wacker-
nagel, Lesebuch 2, 24:2): 'So kann man doch nicht wissen,
obs Fuchs oder Hase sev.' Endlich die Volksrätsel bei Peter.
Österr.-Schlesien 1, 11!» (Floh) und Zeynek? N. Lausitz. Ma-
gazin 42. 331 (Feuer).] — Dies sind nur einige der Nachträge,
die bei einmaligem Durchgehen der Sammlung dem Ref. ein-
gefallen sind. Zum Schlüsse sei mich erwähnt, dass nach
dem Vorworte den Kinderliedern und Kinderspielen bald die
Rundas [erschienen 1876] und die grösseren Volkslieder, die
Herr Dünger im Voigtlande gesammelt hat, folgen sollen.
Wir heissen diese Sammlung im voraus willkommen.1)
45. Der Bauer schickt den Jäckel aus.
(Germania 5, 463—467. 1860.)
1. Der Bauer schickt den Jäckel naus,
er solt den Haber schneiden,
Jäckel wolt nicht Haber schneiden,
wolt lieber zu Hause bleiben.
2. Der Bauer schickt den Knecht hinaus,
er solt den Jäckel holen,
der Knecht der wolt nicht Jäckel holen,
Jäckel wolt nicht u. s. w.
]) [Köhler hat sie 1880 im Archiv für Literaturgeschichte 9, 96 f.
anerkennend besprochen. Zu Dungers Äusserung (S. IX) jedoch, dass
da- deutsche Volk in seinen Volksliedern ein poetisches Erbe aus seiner
Väter Zeit besitze, dem keine andere Nation ein würdiges Gegenstück
an die Seite setzen könne, bemerkt er einschränkend: 'Ohne irgendwie
Gewicht auf meine eigene Ansicht legen zu wollen, nach der allerdings
verschiedene Nationen, deren Volkslieder ich einigermassen zu kennen
glaube, uns darin ebenbürtig sind, möchte ich nur fragen, ob der Heraus-
geber, ob überhaupt irgend jemand die Volkslieder aller anderen
Nationen genau genug kennt, um sich erlauben zu dürfen, so kurzweg
über alle zu Gunsten von uns Deutschen abzuurteilen.']
23*
356 ^U1* Volksdichtung.
3. Der Bauer schickt den Hund hinaus,
er solt den Knecht beissen.
der Hund der wolt den Knecht nicht beissen
der Knecht der wolt nicht u. s. w.
4. Der Bauer schickt den Klippel naus,
er soltc den Hund schlagen,
der Klippel wolte den Hund nicht schlagen
der Hund der wolt u. s. w.
5. Der Bauer schickt das Feuer naus,
es solt den Klippel brennen,
das Feuer wolt nicht Klippel brennen,
der Klippel wolt u. s. w.
6. Der Bauer schickt das Wasser naus,
es solt das Feuer löschen,
das Wasser wolt nicht Feuer löschen,
das Feuer wolt nicht u. s. w.
7. Der Bauer schickt den Ochsen naus,
er solt das Wasser saufen,
der Ochse wolt nicht Wasser saufen,
das Wasser wolt nicht u. s. w.
8. Der Bauer schickt den Fleischer naus,
er solt den Ochsen schlachten,
der Fleischer wolt nicht Ochsen schlachten,
der Ochse wolt nicht u. s. w.
9. Der Bauer schickt den Geier naus,
er solt den Fleischer holen,
der Geier wolt nicht Fleischer holen, |
464 der Fleischer wolt nicht u. s. w.
10. Der Bauer schickt die Hexe naus,
sie solt den Geier bannen,
die Hexe wolt nicht Geier bannen,
der Geier wolt nicht u. s. w.
11. Der Bauer schickt den Henker naus,
er solt die Hexe verbrennen,
der Henker wolt nicht Hexe brennen,
die Hexe wolt nicht Geier bannen,
Geier wolt nicht Fleischer holen,
Fleischer wolt nicht Ochsen schlachten,
Ochse wolt nicht Wasser saufen,
Wasser wolt nicht Feuer löschen,
Feuer wolt nicht Klippel brennen,
Klippel wolt den Hund nicht schlagen,
der Hund der wolt den Knecht nicht beissen,
der Knecht der wolt nicht Jäckel holen,
45. Der Bauer schickt den Jäckel au*. ;;;, 7
Jäckel wolt nicht Haber schneiden,
wolt lieber zu Hause bleiben.
12. Der Bauer schickt den Doctor naus,
er solt den Henker tödten:
'Und eh ich mich wil tödten lassen,
wil ich die Hexe verbrennen lassen.'
'Eh ich mich wil verbrennen lassen,
wil ich den Geier bannen.'
'Eh ich mich wil bannen lassen,
wil ich den Fleischer holen.'
'Eh ich mich wil holen lassen,
wil ich den Ochsen schlachten.'
'Eh ich mich wil schlachten lassen,
wil ich Wasser saufen.'
'Eh ich mich wil saufen lassen,
wil ich Feuer löschen.'
'Eh ich mich wil löschen lassen
wil ich Klippel brennen.'
'Eh ich mich wil brennen lassen,
will ich den Hund schlagen.'
'Eh ich mich wil schlagen lassen,
wil ich den Knecht beissen.'
'Eh ich mich wil beissen lassen,
wil ich Jäckeln holen.'
cEh ich mich wil holen lassen,
wil ich Haber sehneiden,
wil ich Haber schneiden.'
Die vorstehenden Reime sind dem in der ersten Hälfte
des achtzehnten Jahrhunderts in Sachsen gedruckten 'Neu
vermehrten Berg-Lieder-Büchlein5, über welches man
meine rAlten Bergmannslieder' (Weimar 1858), S. VI und
VII vergleiche, entnommen. Wir haben hier die bis jetzt
älteste Aufzeichnung der noch heute überall in Deutschland
bekannten Kinderreime von Jäkel, Jokel, Jokele, Joggeli oder
Gepel, den der Herr oder der Bauer ausschickt, um Hafer
zu schneiden oder Birnen zu schütteln. Ausführlich haben über
(li-se aus einem jüdischen Osterlie de1) entstandenen und
l) Das jüdische Lied hat auch Heinrich Heine in seinem 'Rabbi
von Bacherach' im 4. Bande des Salons (Hamburg 1840) S. 63 mitge-
teilt. [Erk-Böhme, Liederhort nr. 2133. Recueil von allerhand Colli. ■_
:i;,s Zur Volksdichtung.
in mannigfachen Gestaltungen nicht bloss in Deutschland,
sondern auch in Frankreich, England, Schottland, Ungarn und
Griechenland verbreiteten Reime Rochholz in seinem Aleman-
nischen Kinderlied und Kinderspiel S. 140 ff. und Stöber im
Elsässischen Volksbüchlein, 2. Auflage 1, 129 ff. und 193 ge-
handelt; vgl. auch Frommanns Deutsche Mundarten 6, 223.
Zu den von Rochholz und Stöber angeführten deutschen
Texten kommen aber ausser dem vorstellenden, bisher unbe-
kannten des Berg-Lieder-Büchleins noch folgende, die von
ihnen teils übersehen waren, teils erst seitdem veröffentlicht
sind. [Erk-Böhme, Liederhort nr. 1743—45. 2133. Böhme,
Kinderlied 1897, S. 203. Grimm, KHM 1812 1, 338 nr. 72:
'Der Herr will das Birnli schütteln' (Schweiz: Jockli, Hündli.
Prügeli, Fürli. Wässerli, Kälbli, Metzger, Schinder); vgl. Gräter.
Altertumszeitung 1812. nr. 40 — 41. Herrigs Archiv 19, 358
(Würzburg: schliesslich Metzger, Teufel, lieber Gott). Firmenich.
Germaniens Völkerstimmen 2. (12 (Frankfurt. Frau, Säuche.
Hundche, Stecken, Feuer, Wasser, Ochs, Metzger, Schinder):
3, 22. 688. Birliuger, Nimm mich mit 1871, S. 122. 124-
Alemannia 11, 64. Curtze, Volksüberl. aus Waldeck 186»».
S. 287. G. de la Fontaine. Die luxemb. Kiuderreime S. 51.
Aus dem Kinderleben. Oldenb. 1851, S. 64 (Schwein, Hund,
Knecht, Feuer, Wasser, Ochs, Reep, Maus. Katze). Vema-
leken-Branky, Spiele der Kinder in Österreich 1876, S. 113.
Peter, Oesterr. Schlesien 1, 45. Kehrein 2, 137. Frischbier,
Preuss. Volksreime 1867, S. 107. 109. Schuster, Siebenbürg,
sächs. Volkslieder S. 372. 374. Sachse, Volks- und Kinder-
dichtung 1869, S. 20. Wegener, Volkstüml. Lieder aus Nord-
•deutschland 1879 — 80 nr. 1044. Münsterische Geschichten
1825, S. 273.1
Ein westfälischer, iu Mones Quellen und Forschungen
zur Geschichte der teutschen Litteratur und Sprache (Aachen
1830) 1 156: |
taneis 18, 52 (1720). Xotes and Queries 5. ser. 1, 426 f. G. Paris 1872;
Foä 1879; Clouston 1887 (s. unten). P. Cassel, Aus dem Lande des Sonnen-
aufganges 1887.]
45. Der Bauer schickt den Jäckel aus. 359
De Ilaer de schickt den Jähen üt. in."
he soll den Hawer nieien,
de .Iahen meit den Hawer nich
im kämt auk nich te Hüse.
Die Reihenfolge ist dann: Pudel, Prügel. Feuer. Wasser,
Ochse. Schlächter, Strick. Maus:
de Mus terbit dat Strick, dat Füer brennt den Prügel,
dat Strick dat hangt den Schlächter, de Prügel prügelt Pudel,
■de Schlächter schlacht den Ossen, de Pudel bit den Jähen,
de Osse siipt dat Water, de Jähen meit den Hawer
de Water löskt dat Füer. und aolles kümt te Hüse.
Dies stimmt ziemlieh mit dem Oldenburger Texte bei
Firmenich 3, '2'2, wo noch die Katze kommt und das ganze
verständiger schliesst :
Do sgickd de Herr de Katt ütt, dat Water gunk aohter't Fier,
de sgull de Mus wol fräten: dat Fier gunk achter'n Knüppel.
<ie Katt gunk achter de Mus, de Knüppel gunk achter'n Hund,
de Mus gunc achter't Tau, de Hund gunk achter'n Knecht,
dat Tau gunk achtern'n Ossen, de Knecht de maid den Hafer wol
de Oss gunk achter't Water, Und kein so wedder to Hüs.
Der Waldecker Text in L. Curtzes Volksüberlieferungen
aus dem Fürstentum Waldeck (Arolsen 1860), S. 287 beginnt:
De Heere de schikked den Jochen ut,
de sali den Hawer mäggen,
de Knecht de mägged de Hawer nit
un kam auk nit no Heime,
und hat die Folge: Pudel, Knüppel, Feuer, Wasser, Ochse.
Schlächter, Strick, ohne eigentlichen Schluss.
Aus Nordfriesland (s. den Lappenkorb des Gabe
Schneider aus Westfriesland mit Zuthaten aus Nordfriesland.
Bearbeitet und herausgegeben von K. J. Clement, Leipzig
1846, S. 319) gehört hierher ein Märchen von Hühnchen
und Hahn. Der Hahn bittet deu Bauer, dem Hühnchen zu
helfen, und als dieser nicht will, den Hund, den Bauer zu
beissen und so fort Stock, Feuer. Wasser. Ochs, Seil, Maus,
Katze. cJa, sagte die Katze. Und dann die Katze nach der Maus,
und die Maus nagt das Seil, und das Seil bindet den Ochs, und der
Ochs schwelgt das Wasser, und das Wasser löscht das Feuer.
und das Feuer brennt den Stock, und der Stuck schlägt deu
360 Zur Volksdichtung.
II und, und der Hund beisst den Bauer, und der Bauer hilft
dem Hühnchen, und .so ward dem Hühnchen geholfen.3
166 Ein Sonneberger Text (s. Schleicher, Volkstümliches-
aus Sonneberg im Meininger Oberlande, Weimar 1858, S. 102)
beginnt:
Der Her der schickt den Peter hin
er soll den Haber schneiden
und hat dann: Pudel, Prügel, Feuer, Wasser. Ochsen, Metz-
ger. Henker, welcher letzte aber auch des Herrn Willen nicht
nachkommt.
[Niederländisch: J. van Yloten, Xederlandsche Ba-
ker-en Kinderrijmen 1894, S. 141 f. (a: Ferkel, Hund, Stock,.
Feuer. Wasser, Ochs, Mann, Galgen, b: Keutje will nicht
zur Schule gehn etc. Galgen, Ratte, Katze). Dykstra, Uit
Frieslands Volksleven 2, 140 (1895): 'Van het oude vrouwtje,
dat den houten duit vond.']
Flämisch finden wir das Kinderlied in Louis de Baeckers
Buche 'De la religion du nord de la France avant le ehristi-
anisme, Lille 1854°, S. 122.
Pouledinnetje en Pouledannetje
gingen te gaer houtje raepen;
als zy verre kwamen, Pouledinnetje wilt naer huys niet gaen,
zonder gedregen te zyn.
Daer kwam een groote hond:
Hond, hond, bit Pouledinnetje;
den hond wilt Pouledinnetje niet bitten,
en Pouledinnetje wilt naer huys niet gaen,
zonder gedregen te zyn.
Dann kommt Stock, Feuer, Wasser, Ochse, Tau. Ratte, Katze.
Daer kwam een groot katte:
Katte, katte, vangt dien rat;
de katte wilt den rat niet vangen,
de rat wilt de touw niet knaesen,
de touw wilt den os niet binden.
den os wilt 't water niet drinken,
't water wilt 't vier niet Wuschen,
't vier wilt den stok niet branden,
't stok wilt den hond niet slaen,
den hond wilt Pouledinnetje niet bitten,
en Pouledinnetje wilt naer huys niet gaen.
45. Der Bauer schickt den Jäckel aus. 361
zonder gedregen te zyn.
Daer kwam een oud mannetje:
oud mannetje. mannet je. gript die katte;
*t out mannetje liep naer de katte,
de katte naer den rat,
den rat naer de touw.
de touw naer den os,
den os naer 't water.
t water naer 't vier,
't vier naer den stok,
den stok naer den hond,
den hond naer Pouledinnetje,
en Pouledinnetje liep zoo zeer, zoo zeer naer het huys.
[Lootens, Kindervertelsels 18G8, S. 39: Tietji eu Jantji'
(Germ. 14, 89). Joos, Vertelsels van het vlaamsche Volk
1, 113 nr. 69: 'Van Tippen'. Mont-Cock, Vlaamsche Vertelsels
1898, S. 10 nr. 2: Tan Tippen". Teirlinck, Contes flamands
1896, S. 106. Bols, Onde vlaamsche Liederen 1897, nr. 94:
'Dar kwam een mnis geloopen,3 mit Anm.] Wenn Baecker
hierzu bemerkt 'Dans ce recit, les elements et les etres sont
conjures. II sont sons l'empire d'un sortilege; ils n'en sont
delivres qne par rintervention dun petit vieillard <ini rap-
pelle le dien du Nord. Woden, le grand eonjurateur3, so ist
das ein Einfall, wie sich in dem an trefflichem Material reichen
Bache nicht wenige finden. In ähnlicher Weise erklärt Am-
pere, der ebenso wenig wie Baecker Ursprung und Verbrei-
tung dieser Dichtung kennt (s. Stöber S. 193), die französischen,
auch von Rochholz S. 1 5*2 und Stöber S. 105 mitgeteilten
Reime '11 y a im loup dedans un bois\ j
Ein anderes französisches, in diesen Kreis gehöriges 46T
Liedchen findet sich bei Du Mersan, Chansons et Rondes
enfantines, Paris 1846, S. 122:
Biquette ne veut pas
Sortir du chou;
Ah ! tu sortiras
Biquette, Biquette,
Ah! tu sortiras
De cc chou-lä.
362 Zur Volksdichtung.
On v:i chercher le einen pour manger biquette:
Le chien ne veut pas manger biquette,
Biquette ne veut pas sortir du cliou.
Ah! tu sortiras etc.
On vii chercher le loup pour manger le chien;
Le loup ne veut pas manger le chien,
Le chien ne veut pas manger biquette,
lüquette ne veut pas etc.
On va chercher le boeuf pour manger le loup;
Le boeuf ne veut pas manger le loup,
Le loup ne veut pas etc.
Und so fort, bis endlich
On va chercher l'eau pour eteindre le feu;
L'eau veut bien eteindre le feu,
Le feu veut bien brüler le bäton,
Le bäton veut battre le boeuf,
Le boeuf veut bien manger le loup,
Le loup veut bien manger le chien,
Le chien veut bien manger biquette,
Biquette veut bien sortir du chou.
[G. Paris, La chanson du chevreau: Romania 1, 218 — 225.
4, 23-2. Revue des trad. pop. 2, 131. 203. 5, 545. 598. 6,
102. 371. 501. 7, 311. 394. 8, 19. 429. 10, 304. 662. 12,
679. 14, 47. Bujeaud 1, 46. Daymard, Vieux chants pop.
de Quercy 1889, p. 21: 'Bichette est dans les choux\ Beau-
quier, Chansons pop. de Franche-Comte 1894, p. 117: cLe
biquet qui ne veut par sortir du bois\ Marelle, Eva Affen-
schwanz etc. 1888, S. 63 = Archiv f. n. Spr. 81, 277. Rous-
sey, Contes pop. rec. ä Bournois 1894, p. 107 nr. 11. Cos-
quin, Contes pop. de Lorraine nr. 34 Toutin et Poutot' mit
Anm. Meyrac, Traditions (W* Ardennes 1890, p. 452: 'Le
coq et la poule3 (Schuster, Schwein, Kuh, "Wiese, Bach). Mon-
tet, La chanson de Briouc: Revue de l'hist. des religious 21,
216 (aus Languedoc). Revue des langues rom. 3. ser. 6, 277
(1881. Le bouc de Boulaud). Luzel et Le Braz, Chansons
pop. de la Basse-Bretagne 1890 1, 61: cLe jeune coq et la
poulette3 (Kohl, Ziege. Wolf, Flinte, Feuer. Wasser. Ochse,
Strick, Fett, Maus, Katze). Durieux et Bruyelle, Chants du
45. Der Bauer echickl den Jacke] aus. :\i\:,
Cambresis 1. 116 (mouche, rat, ehat, chien, loup, ours, Iion,
bomme, ferame, abbe, pape, diable). Monseur, Folk-lore
walloii 1892, S. 47: Totais et Frasais1. Wallonia 1. 31. —
Vinson, Folklore du pays basque p. 215 f. 386. - Spanisch:
Bibl. de las trad. espaii. 4. 123. Folk-lore andaluz 1883,
p. 208. La Enciclopedia 1880, 622 f. Coelho, Jogus e rimas
infantis (Porto Ins:;, s. 59: 'Castello de ChuchurameF. —
Alcover, Rondayes mallorquines 1, 299 (1896): \'ir will nicht
aufstehn. .Märchen aus Mallorea 1895, S. 27: 'Das .Mäuschen.
Italienisch: Corazzini, I componimenti niinori p. 139.
Rivista della lett. pop. 1. 173. 282. Archivio 3, 69 (Petazze
will nicht Kohl holen). Bernoni, Tradiz. pop. veuez. 1875,
p. 72 (Petin-Petele will nicht in die Schule gelin). Pelliz-
zari, Fiabe 1. 45 (Schäfchen will nicht nach Hause). Im-
briani, Conti poraigl. nr. i> und Novellaja fior. ur. 4: Tetruzzo'.
Papanti, Novelline pop. livornesi 1S77, p. 22. Gradi, Saggio
di letture varie p. 175. Pitre, Fiabe pop. sie. 3. s~) ur. 131 :
'PitiddaJ. Vigo, Canti pop. sie. nr. 4251. C. Foa, Un canto
popolare piemontese e un canto religiös«» popolare israelitico,
Padova 1S71> (aus Vita nuova nr. 11). — Skandinavisch:
Madsen, Folkeminder S. 146. Kamp. Danske Folkeminder
S. 241; Danske Folkea-ventyr 1. 130 nr. 12 (Ziege, Stock.
Axt, Feuer. Wasser. Kuh. Strick, Maus, Katze. Milch. Alte
Frau). Kristensen. Danske Dyrefabler og Kja?deremser 1896,
S. 183 f. Berntsen, Folke-Aeventyr 2, 56 nr. 6: 'Dreugen, der
vogtede Lam for Kongen'. Asbjörnsen nr. 81. Bondeson,
Svenska folksagor nr. 27: 'Pälle. som inte ville gä frani om
kvälleiC. Sv. laudsmälen 5, 1. 13. Englisch: Jacobs.
English fairy tales nr. 4: 'The old woman and her pigJ. Folk-
lore Journal 1, 8. 2, 277. 319. Clouston. Populär tales 1. 289:
'Cumulative storiesJ. Notes and Queries 7. ser. 8, 321. '.».
163. 461.]
Wie das jüdische Lied auch in Ungarn und bei den
Xeu-Griechen ähnliche Volkslieder hervorgerufen hat. kann
man in Stiers Ungarischen Volksmärchen. Pest 1857, S. 204 ff.,
welche auch Stöber citiert. und in Sanders Volksleben der
Neugriechen. Mannheim ls44. S. 56 und !>4 [Passow, Tga-
364 Zur Volksdichtung.
yovdia gco/uaixd nr. •273—275], welches Rochholz und Stöber
nicht beachtet haben, finden.
[Rumänisch: Staufe, Zs. d. V. f. Volksk. !». 180; vgl.
88. - Slavisch: Schulenburg, Wend. Volkstum 1882, S. 150:
Der Müller schickt den Martin raus'. Waldau, Böhm. Granaten.
1. nr. 255. 2, nr. 320. Glinski 4, 143. Veckenstedt, Zamäiten
2. 170. Gubernatis, Die Tiere 1874, S. 316 (nach Afanasjew
4, 16). Ein litauisches Lied bei A. Juskevic (Lietüvis-
kos dajnos, Kasan 1880, nr. 82) lautet deutsch:
1. Ich hatte eine Ziege,
Und sie ging aus Nüsse zu sammeln.
Die Ziege kommt nicht aus den Nüssen.
2. Na, warte, du Ziege,
Ich werde den Wolf schicken,
Dass er dich frisst.
Der Wolf geht nicht die Ziege zu fressen,
Die Ziege geht nicht Weiden nagen,
Nicht ist die Ziege aus den Nüssen.
3. Ich hat den Schützen,
Dass er den Wolf schiesse.
Der Schütze geht nicht den Wolf schiessen,
Der Wolf geht nicht u. s. w.
4. Ich hat das Feuer,
Den Schützen zu verbrennen.
Das Feuer geht nicht u. s. w.
5. Ich bat das Wasser,
Dass es das Feuer lösche.
Das Wasser geht nicht u. s. w.
6. Ich bat den Ochsen,
Das Wasser zu saufen.
Der Ochse geht nicht u. s. w.
7. Ich bat den Juden,
Den Ochsen zu schlachten.
Der Jude geht nicht u. s. w.
8. Ich bat den Teufel,
Den Juden zu erwürgen.
Der Teufel geht den Juden zu würgen.
Der Jude geht den Ochsen zu schlachten,
Der Ochse geht das Wasser zu saufen,
Das Wasser geht das Feuer zu löschen,
Das Feuer geht den Schützen zu brennen,
46. Gosht-i Fryäno und der kirgis. Büchergesang 'Die Lerche'. 365
Der Schütze geht den Wolf zu schiessen,
Der Wolf geht die Ziege zu fressen,
Die Ziege geht die Weiden zu nagen,
Sieh, da ist die Ziege aus den Nüssen.
Zigeunerlieder teilt Wlislocki, Zs. f. vgl. Littgesch. n.
F. 1. 357 und Zs. f. Volkskunde 1. 430 Volksdichtungen
der Zigeuner 1890, S. 91 mit. — Afrikanisch: Riviere,
Contes pop. de la Kabylie p. 137 (Kind will nicht essen.
Stock, Feuer. Wasser, Ochse, Messer, Schmied. Riemen, Ratte.
Katze). Basset, Nouveaux contes herberes 1897. p. 168 cLe
rat et la vieille' (Maus stiehlt Milch, Ziege, Feigenbaum.
Wasserrinne, Maurer, Schaf, Hund): vgl. Contes herberes 18*7.
p. 95 mit Anm. Stumme. Märchen und Gedichte aus Tripolis
1898. S. 180 (Wolf. Hund, Stock. Feuer, Wasser, Ochse. Zug-
ring, Schmied). Steere p. 287 (oben 1. 517 f.). Bleek, Reineke
Fuchs in Afrika 1870, S. 26: 'Des Pavians UrteiP (Maus. Katze.
Hund, Holz. Feuer, Wasser. Elefant, Ameise). — Asiatisch:
Steel-Temple nr. 25. Cosquin 2, 39 f. Notes and Queries
7. ser. 9, 461 (siamesisch. Kind, Jäger, Maus, Katze, Hund
Ohrlöffel. Feuer, Wasser, Strand, Elefant, Mücke).]
Um noch einmal auf das von uns aus dem Berglieder-
büchlein mitgeteilte Lied zurückzukommen, so ist die Reihen-
folge in demselben: Fleischer, Geier, Hexe. Henker. Doktor
ihm eigentümlich. Am nächsten kommt ihm der Text in
Erlachs Volksliedern 4, 439, wo den Schlächter der Teufel
holen und dann der Pf äff den Teufel bannen soll. Auch die
Art des Schlusses findet sich in keinem andern Texte so.
Weimar. Juni 1860.
46. Die Pehlevi-Erzählung von Gösht-i Fryäno
und der kirgisische Büchergesang cDie Lerche \
(Zeitschrift derdeutschenmorgenländisehenGesellschaft29,633 — 636. 1876.)
Es scheint bisher noch nicht bemerkt worden zu sein.
dass die Pehle vi -Erzählung vou Gösht-i Fryäno und ein
kirgisischer fdie Lerche' betitelter Büchergesang, welche beide
Dichtungen erst seit einigen Jahren bekannt gemacht worden
366 Zur Volksdichtung.
sind1), in ihrem Inhalte der Art miteinander übereinstimmen,
dass ein«' aus der andern herzuleiten sein wird.
Nach der Pehlevi -Erzählung sandte einst der Zauberer
Akht, welcher sich vorgenommen hatte, die Stadt der Rätsel-
löser zu zerstören und ihre Einwohner zu töten, an Gösht-i
Fryäno, einen frommen Einwohner dieser Stadt, die Botschaft:
'Komm zu mir. damit ich dir 33 Rätsel aufgeben kann, und
wenn du keine Antwort giebst oder sagst: Ich weiss nicht,
dann werde ich dich sofort töten." Gösht-i Fryäno folgte
der Aufforderung und löste sämtliche Rätsel auf. Hierauf
gab er nun seinerseits dem Zauberer drei Rätsel auf, und da
dieser sie nicht beantworten konnte, vernichtete er ihn durch
eine gewisse heilige Formel.
In dem kirgisischen Gesang wird erzählt, wie der Prophet
Aesrät Ali, der die Schuld eines armen Gläubigen zu bezahlen
versprochen hat und deshalb auszieht, das Geld zu suchen,
von einer Lerche in eine von Ungläubigen bewohnte Stadt
getragen wird. Als er sich dort als einen der Propheten zu
634 erkennen giebt, | soll er getötet werden, wenn er nicht zehn
Fragen des Mullas der Ungläubigen beantwortet. Er be-
antwortet alle zehn Fragen und richtet darauf seinerseits drei
Fragen an den Mulla. Der Mulla beantwortet sie gleichfalls
richtig und bekennt sich dadurch zum Islam, und mit ihm
werden sämtliche Bewohner der Stadt Gläubige. Ali, reich
mit Gold und Silber von ihnen beschenkt, wird von der Lerche
wieder zurückgetragen und bezahlt die Schuld des Armen.
In beiden Dichtungen findet also ein Rätselkampf um
Leben und Tod zwischen einem Gläubigen und einem Un-
gläubigen statt, und in beiden giebt der Gläubige, nachdem
]) Die Pehlevi-Erzählung ist von E. "W. "West im Original und in
englischer Übersetzung herausgegeben in M. Haugs Ausgabe des 'Book
of Ardä-Viräf (Bombay und London 1872), S. 205 — 66. Den kirgisischen
Gesang hat W. Radioff im Original und in deutscher Übersetzung mit-
geteilt in seinem Werke 'Die Sprachen der türkischen Stämme Süd-
Sibiriens und der Dsungarischen Steppe. I. Abteilung. Proben der
Yolkslitteratur.' 3. Teil (St. Petersburg 1870), S. 693 ff., Übersetzung,
3. Teil, S. 7SO ff.
4ti. Gusht-i Fiyano und der kirgis. Büchergesang 'Die Lerche'. 367
er die Rätsel des Ungläubigen beantwortet, nun seinerseits
dem Ungläubigen drei Rätsel auf. Zu diesen Überein-
stimmungen klimmt aber nun noch eine wichtige Überein-
stimmung in den Rätseln der beiden Dichtungen, indem
nämlich die zehn Rätsel des Mullas auch unter den drei-
unddreissig des Zauberers Akht vorkommen:. Die zehn Rätsel
des .Mulla siud die folgenden:
1) Was ist nur eins und Dicht zwei? Was meine ich?
2) Was sind nur zwei und nicht drei'/ Was meine ich?
3) Was sind nur drei und nicht vier/ Was meine ich?
4) Was sind vier und nicht fünf? Was meine ich/
5) Was sind fünf und nicht sechs? Was meine ich?
6) Was sind sechs und nicht sieben'/ Was meine ich?
7) Was sind sieben und nicht acht? Was meine ich?
8) Was sind acht und nicht neun'/ Was meine ich?
9) Was sind neun und nicht zehn/ Was meine ich?
10) Was sind zehn und nicht elf? Was meine ich?
Und unter den dreiunddreissig Rätseln des Zauberes Akht
kommt als dreizehntes1) folgendes vor:
Was ist das Eine? und was die Zwei'/ und was die Drei'/ und
was die Vier"/ und was die Fünf? und was die Sechs'/ und was die
Sieben'/ und was die Acht? und was die Neun? und was sind
die Zehn "/
Die Antworten auf die Fragen über die Zahlen von
Eins bis Zehn sind in beiden Dichtungen verschieden. In
der Pehlevi-Erzählung wird geantwortet: Das Eine ist die
gute Sonne, die die ganze Welt erleuchtet; und die Zwei sind
das Einatmen und das Ausatmen; und die Drei sind die guten
Gedanken und guten Worte und guten Thaten; und die Vier
') Auf dies 13. Rätsel ('Das dreizehnte Rätsel, welches er fragte,.
war dieses : Was ist u. s. \v.') folgt gleich darauf das 23. (cDas dreiund-
z.wanzigste Rätsel, welches er fragte, war dieses: Was ist u. s.w.') und
in mehreren Handschriften ist ausdrücklich eine Lücke angedeutet. West
bemerkt dazu (S. 223): cIt is not, however. absolutely certain that there
iE ; i i i y Omission; for the lotli. enigma contains ten questions which, if
counted separately, would exactly correspond with the missing number;
on the other band, it must be admitted that some of the other enigmas
contain several questions, which are not counted separately as here
Buggested.'
368 Zur Volksdichtung.
635 sind Wasser und Erde und Bäume | und Tiere; und die Fünf
sind die fünf guten Kaianiden [Kai-Kabäd, Kai-Kanus, Kai-
Khüsröv, Kai-Loräsp, Kai-Gushtäsp]; und die Sechs sind die
sechs Zeiten der Gähanbärs; und die Sieben sind die sieben
Erzengel; und die Acht sind die acht guten Berühmtheiten:
und die Neun sind die neun Öffnungen im Körper des
Menschen1); und die Zehn sind die zehn Finger an den Händen
des Menschen.
In der kirgisischen Dichtung sind die Auflösungen, die
in Antworten von je vier Zeilen gekleidet sind, die folgenden:
1) Gott, 2) Sonne und Mond, 3) das Oturashyp2), 4) die vier
*) J. Perles, Zur rabbinischen Sprach- und Sagenkunde, Breslau
1873, S. 99, bemerkt, dass 'die neun Offnungen (Augen, Ohren,
Nasenlöcher, Mund, After, Glied) auch Sabbat 108 b aufgezählt und im
täglichen Ritual erwähnt werden, vgl. Berach 60 b.' Ich erinnere noch
an die Verse im altdeutschen Freidank (21, 11 f.):
Niun venster ieslich mensche hat,
von den lützel reines gät,
die sich in Hugos von Trimberg Renner V. 23153 — 54 wiederholen.
[Holland, Orient und Occ. 1, 196. Chr. Weise, Erznarren S. 330: 'einen
jeglichen bei seinen neun Augen lassen'. 'Neunthorige Städte' heissen
die Menschenleiber bei Krishna-Micja, Prabodha-Chandrodaya (Kgsb.
1842, S. 53; übers, von B. Hirzel 1846, S. 13), vgl. Long, Eastern Proverbs
p. 48. Grisebach, Kin-ku-ki-kuan. Novellen der chines. 1001 Nacht 1880,
S. 34. — Häufiger werden die sieben Löcher des Kopfes erwähnt;
Genesis und Exodus ed. Diemer 5, 12. Rochholz, Alemannisches Kinder-
lied S. 250, nr. 79 f. Basler Kinder- und Volksreime 1857, S. 79. Curiosites
theologiques 317. Ahlquist, Mordwinische Grammatik S. 144. Ausland
1884, 71 (armenisches Rätsel : Wassermelone mit 7 Offnungen). Hammer-
Zinserling, 1001 Nacht 1, 235 (1823); Rosenöl 2, 289 (Dschami). Johannes-
Album 2, 64 (persisch). — Mone, Hymnen 1, 367 V. 81 : 'Tege totum
me cum quinque sensibus et cum decem fabrefactis foribus.' Thomasin
v. Zirklaere V. 9450 (fünf Sinne = fünf Thüren). — Zwölf Tliore:
Ahmedis Iskendername bei Weismann, Lamprechts Alexander 2, 601.
Gespräch des Esels Avider Bruder Anshelmen von Turmedan, Mümpelj
gardt 1606, S. 166. J
2) Die ganze Antwort lautet:
Ich will sagen, was ich weiss, viele sind versammelt,
AVird es richtig sein, wenn ich so sage?
Was sollen es vier sein, du feindlicher Ungläubiger,
Auf das Xachtgebet folgt das Oturashyp.
46. G6sht-i Fryänö und der kirgis. Büchergesang 'Die Lerche'. ,-369
Chalifen Omar, Osman, Hasret Ali und Abu Bekr. 5) die fünf
•Gebete mit den Waschungen. 6) die sechs Worte des Inians
(iottes, 7) die sieben Höllen, <s) die acht Paradiese, 9) die
neun Söhne des Propheten Ibrahim. 10) die zehn Monate der
Sr hwangerschaft.
Fragen wir nun nach dem Alter der beiden verglichenen
Dichtungen, so ist die kirgisische Dichtung als solche höchstens
einige Jahrhunderte alt. da die Kirgisen erst "seit mehreren
Jahrhunderten3 (Radioff a. a. 0., Übersetzung 3, S. XVI).
Mohammedaner sind; aber es ist wohl anzunehmen, dass dem
kirgisischen Gesaug eine ältere muhammedanische Über-
lieferung zu Grunde liegt. Vielleicht ist eine solche sogar
noch vorhanden, und Leser dieser Zeitschrift können sie nach-
weisen. Diese Überlieferung würde aber immer jünger sein
als die von Gösht-i FryänÖ, über deren Alter West (S. LXXVI,
vgl. auch S. 2-49. Anmerkung 1) sich also äussert:
'Since the subject matter of the tale of Gösht-i Fryänö
is already mentioned in the Zand texts, we may presume
that a book, containing the enigmas of Akht, the sorcerer.
and those of bis Opponent, Gösht-i Fryänö. was in existenee
even long before the Sasanian times, perhaps as early as
the latter end of the Achamienian period. Whatever may be
the age of the present work, it is, ou the main, certainly
liased on ante-Sasanian sources.3
Hiernach darf man wohl annehmen, dass die Geschichte
von dem Rätselstreit zwischen dem Propheten Ali und dem
I ungläubigen Mulla aus der von Gösht-i Fryänö und dem
Zauberer Akht entstanden ist. I
Auf das Verhältnis der beiden Dichtungen, insbesondere 636
der Fragen über die Zahlen von Eins bis Zehn1), zu dem
bekannten jüdischen Osterliede über die Zahlen von Eins bis
Dreizehn und zu den vielen über ganz Europa verbreiteten
M [Kraus, Gesch. der christl. Kunst 2, 441. Erk-Böhme, Liederlmrt
nr. 2130—2132. Prato, Le dodici parole della veritä in Pitrcs Archivio
10 — 15. Coelho, Revista lusitana 1, 246- 254. Kristensen, Dyrcl'aMcr
.1896, S. 165 f.]
Köhler, Kl. Schriften. III. 24
370 Zur Volksdichtung.
christlichen Seitenstücken desselben1), sowie zu einiger*
europäischen Volksmärchen2), einzugehen, unterlasse ich vor-
läufig, indem ich erst abwarten will, ob mir nicht eine ältere
Fassung der Erzählung vom Propheten Ali nachgewiesen wird.
[In den Khuddaka Pätha (a Pali Text ed. by R. C. C.
Childers. Journal of the R. Asiatic Soc. new ser. 4, 311 f.
1870) stehen folgende Schülerfragen: 1) die Hauptursache des-
Lebens Nahrung, 2) Wesen und Form, 3) Gefühle, 4) Haupt-
') Bereits in meiner Besprechung des dritten Teils der Über-
setzungen von Radioffs Proben im Litterarischen Centralblatt 1870, nr. 52
habe ich auf diese Lieder hingewiesen, und Perles a. a. 0. S. 98 f. hat:
bemerkt, die dreizehnte Frage des Zauberers Akht 'laute wie in dem
Responsorium der Pessach-hagadah: J?"TV ''D TIN (d. i. eben jenes auch
von mir gemeinte jüdische Lied). - "Wenn Perles S. 99 sagt, die ein-
unddreissigste Frage des Zauberers Akht beziehe sich auf Rauch und
Gras, so hat er die Worte in "Wests englischer Übersetzung 'du st
und 'grease' missverstanden.
2) von Hahn, Griechische und albanesische Märchen, 2,210: ['Der
Mann mit der Erbse.' Die Fragen des Drachen beantwortet eine kluge
Alte für den Helden: 'Der Eine ist Gott, zwei "Worte sind die Gerechten,
drei Füsse hat der Dreifuss, vier Euter hat die Kuh, fünf Finger hat
die Hand, sechs Sterne das Siebengestirn, Tanz der sieben Jungfrauen,
acht Füsse hat der Seepolyp, neun Monat trug dich deine Mutter, zehn,
ist dein eignes Wort, und nun zerplatze, Drache!' — Neosll. 'Avähy.za
2, 28. — Haltrich, D. Volksmärchen aus Siebenbürgen 1885, nr. 33: 'Der
Erbsenfinder.' — Kremnitz, Rumänische Märchen 1882, S. 196: 'Der Erbsen-
kaiser.' — Müllenhoff, Sagen von Schleswig 1845, S. 303, nr. 415: 'Die
Zahlen eins bis sieben.' Ein Fremder hilft dem Bauern die Fragen des
Teufels beantworten : 'Eins ist eine Schiebkarre, 2 eine Karjole, 3 ein
Dreifuss, 4 ein Wagen, 5 die Finger an der Hand, 6 die Werkeltage in.
der Woche, 7 das Siebengestirn'! — Bondeson, Halländska Sagor 1880,.
nr. 19 = Svenska Folksagor 1882, nr. 54: 'Der Bauer, der sich dem
Teufel gelobte.' Die Antworten sind: 1) Glockenklöppel, 2) Augen,
3) Topffüsse, 4) Wagenräder, 5) Finger, 6) Krüge bei der Hochzeit zu
Kana, 7) Bitten im Vaterunser. Vgl. Nyrop, Svenska Landsmälen 2, CVIII.
— Cerquand 2, 26. - - Dazu Prato, Archivio 11, 267. 305. — In einem
Luccheser, einem sardinischen und einem calabresischen Märchen (Archivio
7, 493. 12, 378. 532) schlägt der als Bettler verkleidete h. Martin den
ins Haus eindringenden Teufel auf gleiche Weise in die Flucht; in
einer Erzählung aus Messina (Archivio 1, 416) tritt der h. Nicolaus
ebenso auf.]
47. Um Städte werben. 371
Wahrheiten des Buddhismus, 5) Elemente des Seins, G) Sinnes-
organe, 7) Wissenszweige, 8) der achtfache Weg des Nirwana,
9) Wohnorte vernünftiger Wesen, 10) ein mit den zehn Arten
der Heiligkeit ausgestatteter Heiliger. - - Eine von Wesselofskv,
Archivio 2, 230 angeführte kaukasische Tradition giebt
wieder andere Antworten: 1) Gott, 2) Tag und Nacht, 3) Ehe-
scheidungen, 4) göttliche Bücher, 5) Arten des Islam, 6) Regeln
bei der Erfüllung des Nizam, 7) Himmel.]
47. Um Städte werben
in der deutschen volkstümlichen Poesie besonders des
siebzehnten Jahrhunderts.
(Archiv für Literaturgeschichte 1, 228—251. 1870.)
A. F. v. Sc hack sagt in seinem anziehenden und lehr-
reichen Buch 'Poesie und Kunst der Araber in Spanien und
Sicilien' (Berlin 1865), Band 2, S. 117:
'Eine altspanische Volksromanze, die sich in der Romanzen-
sammlung von 1550 und auch schon in der noch älteren
ohne Jahreszahl gedruckten findet, führt den König Don Juan
vor, wie er angesichts von Granada sich durch den Mauren
Abenämar Auskunft über die Prachtgebäude der Stadt geben
lässt. Darauf heisst es weiter:
Also sprach Don Juan, der König,
Wohl vernehmt es, was er sprach:
cO Granada, wenn du wolltest,
Nahm' ich dich zum Ehgemahl;
Cordova mitsamt Sevilla
Brächt' ich dir als Mitgift dar,
Ja, und wenn du mehr verlangtest,
Mehr noch gilb1 ich dir fürwahr.' —
Antwort gab dem guten König
Drauf Granada dergestalt :
'Schon vermählt, o König, bin ich,
Trage noch nicht Witwentracht,
Und gar wohl verteidgen wird mich,
Glaub, der Mohr, mein Ehgemahl.'1)
') Wolf, Prima vera 1, 252.
24*
372 Zu1' Volksdichtung.
Dass eine Stadt, welche ein Eroberer einzunehmen hofft,
als eine Braut aufgefasst wird, um deren Hand er wirbt, ist
gewiss höchst auffallend und befremdet um so mehr iu einer
Romanze von ganz volksmässigem Charakter. Nicht leicht |
229 wird man diese Vorstellung in einem anderen abendländischen
Gedichte aus dem Mittelalter treffen, und wo sie sich fände,
würde ich auf einen fremden Ursprung schliessen. Dem Orient
dagegen und den spanischen Arabern ist das Bild höchst ge-
läufig. So lautet eines ihrer Gedichte auf Granada:
Dass mit Granada nichts im weiten Weltbereiehe,
Aegypten, Syrien nicht, noch Irak sich vergleiche!
Sie prangt wie eine Braut im Schmuck der Festgewänder,
Und ihre Mitgift, scheint's, sind alle jene Länder.1)
Ibn Batuta nennt dieselbe die Braut oder Neuvermählte unter
den Städten Andalusiens2), und AI Motamid sang, als er
Cordova erobert hatte:
Seht! wie die schöne Cordova, die mit dem Speer, dem Schwerte
Jedweden Werber von sich wies, mir ihre Hand gewährte !
Sonst immer stand sie schmucklos da; allein mit goldnen Spangen
Und prächtigem Gewand geschmückt hat sie mich heut empfangen.
Des Königs Gattin ward sie nun, wir halten Hochzeitfeier
In ihrem Schloss, indes vor Wut vergehn die andern Freier.3)
Auch Muhammed, der Sohn Abdurrahmans IL, stellt in dem
Gedichte, das er auf der Rückkehr von einem Kriegszuge ver-
fasste, seine Hauptstadt unter dem Bilde einer Geliebten vor:
Wirst du, Cordova, vergönnen, dass ich mich dir nahen kann?
Darf auf dir mein Auge ruhen? wirst du nicht vor mir entfliehn?4)
Auch von Sevilla heisst es in einem Gedicht: 'Sevilla ist eine
Braut: ihr Gatte ist Abbad, ihre Krone das Hügelland (das
Ajarafe) und ihr Halsband der Fluss"5), und der persische
Geschichtsschreiber Mirchond drückt, wo er sagen will, dass
1) Makkari 1, 94.
2) Ibn ßatuta 4, 368.
3) Scriptorum arabum loci de Abbadidis. ed. Dozy, 4fi.
4) AI Hollat 65.
5) Makkari 2, 143.
47. Um Städte werben. 373
ein Fürst seine Residenz verlasse, dies nach seiner schwül-
stigen Weise in den Worten ans: 'er heftete der Gattin des
Reiches eine dreifache Ehescheidung an den Saum ihres
Schleiers."1)
Wer kann nun an der orientalischen Herkunft der er-
wähnten Stelle zweifeln? Man verstehe mich recht; ich sage
mit nichten, die spanische Romanze sei aus dem Arabischen
übersetzt oder ihrem ganzen Inhalte nach entlehnt; aber ich
glaube, mau kauu mit Zuversicht annehmen, deren Verfasser |
habe ein arabisches Gedicht gehört, das er möglicherweise
gar nicht durchgehends verstand, aus dem er aber dies eine
frappante Gleichnis auffasste und iu das seinige übertrug/
Soweit v. Schack Er mag recht haben, dass die Auf-
fassung einer belagerten Stadt als einer Braut, um deren Hand
der Belagerer wirbt, ausserhalb Spaniens in keinem abend-
ländischen Gedicht aus dem Mittelalter getroffen wird. Um
so merkwürdiger, dass dieselbe im 17. Jahrhundert plötzlich
in Deutschland als ganz geläufig erscheint. Möge es mir ge-
stattet sein, die betreffenden Gedichte hier teils gauz mitzu-
teilen, teils auf sie zu verweisen.2)
Das älteste hierher gehörende, mir bekannte Gedicht be-
zieht sich auf die Belagerung Magdeburgs durch Wallen -
stein im Jahre 1629. Es ist, von einer gleichzeitigen Hand
aufgezeichnet, in einer Handschrift der Grossherzogl. Bibliothek
zu Weimar3) erhalten und bereits von 0. L. B. Wolff in seiner
Sammlung historischer Volkslieder und Gedichte der Deut-
schen (Stuttgart u. Tübingen 1830), S. 442 ff. bekannt ge-
macht worden, jedoch mit so manchen Fehlern und Änderungen,
dass ich es hier noch einmal mitteile.
') Mirchondi Historia Seldschuckidarum ed. Vullers 16.
2) Schon Soltau in seinen Deutschen Historisellen Volksliedern S. 509
und R. Hildebrand in seiner Fortsetzung der Soltauschen Sammlung
S. 93 und 372 haben diese Vorstellung berührt und mehrfach nachge-
wiesen.
3) Es ist die von A. v. Keller, Fastnachtsspiele 3, 1453 ff. näher
beschriebene Handschrift [Q. 565, Bl. 56 b].
230
374
Zur Volksdichtung.
Werbung Herzogen Albertj von Friedtlandt an
Jungkfrau Magdeburg zusambt der abschlägigen
antwort vnd zugestellter Corbeto, resolvirt den
15. Septembr. A. 1629. r)
231
1.
Herzog von Friedland.
Magdeburg, aller Damen Zierd,
Princessin deiner Landen,
Wann wirstu dich nun der Gebühr
Ergeben unsern Händen?
Durch Capitain und Colonell
Haben wir umb dich geworben,
Wirstu dich nicht resolviren schnell,
Bistu warlich verdorben.
2. Jungfrau Magdeburg.
Wol hab ich, hochgeborner Herr,
Die Werbung längst verstanden,
Und wundert mich noch eins so sehr,
Dass ihr mit Liebesbanden
Einer schlechten Magd gefangen seid,
Da doch, wie man berichtet,
Straalsundt die Nyniph ihr habt gefreit,
Euer Lieb mich nicht anflehtet. |
3. Friedland.
Dama, das macht die Schöne dein,
Die uns also verführet;
Dass wir dir höchst geneiget sein,
Dein[er] Höflichkeit gebühret,
Straalsundt war gar von grober Sitt,
War schlecht qualificiret,
Wust sich ins Bulen zu schicken nicht,
Uns gar nicht respectiret.
4. J. Magdeburg.
Hochwolgeborner, wie man sagt,
Seid ihr wol recht von Flandern,
Nun ihr nach vielen Damen fragt,
Liebt eine nach der andern.
*) Die Überschrift genau mit der Orthographie der Handschrift,
die ich im Gedicht selbst hier und da vereinfacht und verbessert habe.
Auch die Interpunktion rührt von mir her. 'zugestellter Corbeto' ist
deutlich zu lesen.
47. Um Städte werben. 37-5
Fürwar die Weis mir nicht gefällt,
Hier werdt ihr nicht gewehret,
Euer Werbung ist nur um das Gelt,
Wie man diss wol erfähret.
5. Friedland.
Umbs Gelt, o schöne Venusin,
Wir ganz und gar nicht freien,
Das Römisch Reich thut uns vorhin
Ihre Schätz all herleihen.
Die Kaiserliche Maiestat
Wegen unser dapferer Thaten
Vor andern uns erhoben hat,
Mit Land und Leut berathon.
6. J. Magdebur g.
Hochwoledlester Cavallier,
Diss thut gar nichts zur Sachen.
Hettet ihr Straalsundt beredt darfür,
Möcht ihr euch dapfer machen.
Kein Heldenherz hierin besteht,
Wann durch Tyrannenwaffen
Ein keusche Dam zu Grunde geht,
Durch Nothzwang wird beschlaffen.
7. Friedland.
Dama, deiner Ehr zuwider nicht
Wollen wir uns dir vermählen,
Die Werbung, so an dich geschieht,
Wollen wir dir nicht verheelen.
Dein stolzer Leib eine Ursach ist,
Und deine stolze Sinnen,
Macht uns ein Muth zu dieser Frist,
Bis wir dich mögen gewinnen.
8. J. Magdeburg.
Cavallier, habt ihr gehöret nicht,
Wie vor ein hundert Jahren
Das ganze Reich mich auch bestritt,
Wollt mich fast bei [den] Haaren
Zu Carolo, dem edlen Held,
Zwingen und zu ihm tragen,
Noch thet ich ihnen im freien Feld
Den Tanz höflich abschlagen.1) |
') Das bezieht sich auf die Belagerung durch Karl V. 1553, welche
er gleich der von Metz aufheben musste. Damals entstand, wie Soltau
bemerkt, der Reim:
37<i Zur Volksdichtung.
232 9. Friedland.
Dama, diss ist uns wolbekant,
Das mehret unser Verlangen,
Wann du nun geriühst in unser Hand,
Können wir desto bass brangen.
Wir sind hie auch ans Kaisers Statt,
Unser Hilf wir ihm verleihen,
Weil er dich uns versprochen hat,
So mustu an den Reihen.
Die Metze und die Magd
Haben Kaiser Karl den Tanz versagt.
Auf dem Titel einer katholischen Flugschrift vom Jahre 1631, welche
die Zerstörung Magdeburgs als die 'verdiente Strafe wegen ihres vor
<sO Jahren verübten grossen Muthwillens' auffasst, stehen, wie G. Droysen
in den Forschungen zur Deutschen Geschichte 3, 599 mitteilt, folgende
Keime :
Vor Jahren hat die alte Magd
Dem Kaiser einen Tanz versagt,
Jetzt tanzt sie mit dem alten Knecht,
So geschieht dem stolzen Mädgen recht.
Es war nie kein Xuss so hart,
Die endlich nicht aufbissen ward.
Das Tanzabschlagen einer belagerten, als Jungfrau gedachten Stadt
findet sich auch in einem 'Lied dem Churfürsten zu Ehren, dem Schweden
zum Spott' (1632), bei Ph. M. Körner, Historische Volkslieder S. 323 ff.„
in welchem Str. 15 und 16 so lauten:
Die Jungfrau, so ich meine,
ist gar eine feste Statt,
vil Feind seind vor ihr glegen,
keiners bemächtigt hat;
Ingolstatt heisst ihr Name,
ganz weit und breit bekant,
man darf sich ihr nit schämen,
zieret das ganz Bairland.
Darfür der Schwcd sich lagert,
begert der Jungfrau bald,
aber man sie ihm wehret (lies: wegert),
denn sie ward schon gar alt,
das thet dem Schweden Zoren,
wolt sie austilgen ganz,
aber sie wolt nit tanzen,
er hett kein schönen Kranz.
47. Um Städte werben. 377
10. J. Magdeburg.
Seid niebt so hitzig vor der Stirn,
Ihr Friedland boebgeboren.
leb müst doch sein ein schlechte Dirn,
"Wann ihr mich wollt bethoren.
Diss Jahr nemb ich noch keinen Mann,
Und sollt mir einer werden,
Möcht ich doch kein Soldaten hau,
Als lang ich leb auf Erden.
11. Friedland.
"Wolan, so sei dir abgesagt,
"Weil du uns tbust beschämen,
All unser Gnad dir, stolze Magd;
Mit Gewalt wollen wir dich nehmen.
Können wir nicht mit Freundlichkeit
Die Liebe dein erwerben,
Mustu durch unsre Dapferkeit
Dich in denn Blute färben.
12. J. Magdeburg.
Cavallier, ihr unhöflich seid,
"Wollt ihr mit Damen fechten,
Bin ich dazu ganz wol bereit,
"Will gebrauchen meiner Rechten.
Nembt darauf hin zu eim Present,
Lasts euch aber nicht verdriessen,
Pulver und Plei von meiner Hand,
Courtesirn zu gemessen.
13. Friedland.
Bistu dann ein Amazonin,
Zum Kriegeslist erzogen,
Scind wir doch solches in unserm Sinn
Noch genzlich nicht betrogen.
Ein solch Martialisch Mann,
Wie man uns rühmlich preiset,
Bellonam muss zum Weibe hau,
Gleich man zu gleichem weiset.
14. J. Magdeburg.
An meiner Stärk bangt meine Ehr,
Mein Burg die muss mir bleiben.
Ich hab der Favoriten mehr,
Die werden dich abtreiben.
37S Zur Volksdichtung.
Friedland, du schlechter Cavallier,
Dein Hofnung mich zu gewinnen
Fass ein "Weil in diss Körblein hier,
Dass sie dir nicht zerrinne.
15. Fr i e d 1 a n d.
So seind wir abermal schabab
Und will uns nicht gerathen,
Das Unglück all zu Lohn dir hab,
Du Bestia reuchst den Braten.
Es mag drumb sein, doch in der Still
Wir uns von hinnen machen,
Dass man davon erfahr nicht viel,
Man dürft uns sonst auslachen.
16. J. Magdeburg.
Adieu, Friedland, fahr immerhin,
Lern besser courtesirn,
Es geht dir nicht nach deinem Sinn,
Man thut dich korbisirn.
Gen Halberstatt auf die Comiss
Thu dich zum Ofen setzen,
So bistu deines Quartiers gewiss.
Hiemit wolln wir uns letzen.
[Von diesem Liede sind noch drei weitere Aufzeich-
nungen1) zum Vorschein gekommen: B) in einem Berliner
*) [Die hauptsächlichsten Varianten dieser Texte sind: 1,2 denn
in Gebühr B; doch in G. C; eins mit G. D „ Habn BD; Han C —
- Wirst dich BCD — 2n newgeniachter Herr D — 3 einst B — ■ + mit]
umb B ; in CD — 5 Umb einer Magt D — 3,! Madam D (so immer) —
3 Dein BC; Deinr D — gespüret C — 5 groben Sittn D — 7 in Bossen
C — zschikhen nit BC; zuschickn gantz nit D — 3 Hat uns nicht D -
4,i Hochgeborner wie man itzt D — 2 Iflr seyd D — 3 Weil D —
6 Der Bitt man nicht D — 8 es woll B; hieraus D — 5,3 Wir alle C —
4 Ihr Schätze D — 6 unsre D — tapfern B; tapffer D — 7 erhebet D
— 6„ Hochedlester B; Mein hochgeborner D — 2 dient gar nit B —
3 bereidt D — 6 tyrannisch B ; Spännische C ; Tyrannsche D —
7,! Dam B — deiner Zucht C — 3 so] die BD — 5 ein BD — 6 Sitten D
7 Machn B — Wir lassn nicht ab D — 3 mögen] noch BCD — er-
bitten D — 8,j gehört B — nit BCD — 3 auch] da D - , ihm BCD
3 künlich versagen BCD — 9,2 Diss mehrt BD — 3 nur D — 4 Kontn
D — dess bass B ; dest besser C ; nicht besser D — 5 auch hie C —
„ Unsr Trew wir dir zusagen D — 7 uns dich D — e Mustu itzt BC ; Müssn
47. Um Städte werben. 37»)
Exemplar von Opitz' Teutscheo Poemata 1(124, von Nicolaus
Rittershausen (1597 — 1670) eingetragen; abgedruckt von M.
Rubensohn, Geschichtsblätter f. Magdeburg 29, 137 (1894).
Die Überschrift lautet wie in A; nur ist 'd. 18. Sept.J aus
'15' korrigiert, und es folgt der Zusatz: 'In seira aygnem thon.
ALLeln Gott In Der hohe eVVlg ehr fVr Ynsern trlVMph.
WaLsteln Vor MagDebVrg ein korb Iezt Ist erbVhLet.
Anno CIOIO XXIX'. — C) in dem Berliner Mscr. germ. qu.
749, Bl. 14a: 'Hertzogens von Fridlandt Werbung an die
Statt Magdeburg. Im Thon: Mein Gott vnd Herr nun steh
mihr bey\ — D) in einem Einzeldrucke: Hoff- und zier-
liche | Werbung Hertzog | Albrechten von Friedlandt, | An j
Jungfraw Magdeburg. | Aussm Niederländischen ins Teutsch
versetzt entleihet. | Uff Rosswurms weise oder Melodey. | Nach-
gedruckt | Anno | MDCXXX1. | 8 Seiten 4° (Halle). Ab-
gedruckt von E. Neubauer, Geschichtsblätter f. Magdeburg
24, 133 (1889).]
Hiernächst habe ich ein Lied mitzuteilen, welches ich 233
mich nicht erinnere irgendwo erwähnt gefunden zu haben und
wir den Reyen wagen D — 10,2 Ihr von Friedland geboren D — 4 solt
CD - - 7 Mag BD — doch] fehlt B Tyrannen D — 8 Als] So D —
11,3 du BD — 4 Gwalt woln BCD — g In deinem Blut verderben D —
12n ihr gar CD — 3 darzu auch bereit C; So mag es seyn ich bin be-
reit D 4 brauchen meine C — 8 Nehmet drauff D — 6 es euch nit
BD; euchs nur nit C — 7 Hendt BC — g Courtoisisch B; CortesischC;
Couirtosi I) — 13,! Du bist doch ein C — 2 Zu würgen bist B; Und in
Kriegen C; In Kriegen C - 3 So sein wir BC — doch] des C; doch
dann D — t Genzlich noch nit begniegen C — 5 solcher Martialscher
D — g Gleichs man zum C — 14,t Stärk] Burg BCD — 4 werdn dich
schon D - 9 gwinnen CD — 8 Fass fein hier in B; Fass ein hie in C ;
zerrint, nimb hin D — hier] dir BCD g zerrinnen B; Krieg durch
•odr heng dich drinnen D — 15,8 Dis D - dir] ich D — 4 merckst
BC; Ich rieche schon den Braten D - - 8 doch drumb sein C — 7 er-
fehrt D — 16,4 Den Schiver (d. i. Ärger) lest du spüren D — 5 die]
dein D — 7 deins BCD.
Hieraus ergiebt sich, dass, während A Beim (Str. 3,7. 8„) und Silben-
zahl öfter vernachlässigt und D häufig bedeutend von ABC abweicht,
B den besten Text bietet. Ob der Schreiber von B zugleich auch, wie
Rubensohn annimmt, der Verfasser des Gedichtes war. bleibe dahin-
gestellt.]
;;,S|) Zur Volksdichtung.
welches daher ziemlich selten sein mag. Es liegt mir in
einem Einzeldruck in Quart vor1) und führt folgenden Titel:
Ein Schön Lied. | Von des Durchlauchti- | gen Printz Hein-
rich Friedrichs von Vranien Werbung, an die Vor-
nehme vnd feste Stadt | H ertzogenpusch. | Im Thon: ] Wil-
helmus von Nassaw bin ich von | Deutschem Blut.2) | Gedruckt
im Jahr, MDCXXX. | 3)
1. Uranien.
Herzogenpusch, erwehlte Liebe,
Sage mir, o du werthe Magd,
Warumb es dich so sehr betrübe,
Dass Uranien nach dir fragt?
Wollestu dich recht besinnen,
Bessere Werber findest nicht,
Als Uranien mag beginnen,
Trau dem Helden deine Pflicht.
') In einem 7, 2: 40 gezeichneten Sammelband der GrossherzogL
Bibliothek zu "Weimar.
-) Das Lied 'Wilhelmus von Nassau' sehe man bei Soltau nr. 68.
['Erk-Böhme, Liederhort 2, 107. Ensohede, Oud Holland 12, 172.]
3) Herzogenbusch, in spanischem Besitz, ward von Prinz Friedrich
Heinrich von Nassau-Oranien, Statthalter der Niederlande, am 17. Sep-
tember 1629 erobert.
In einem weiter unten zu erwähnenden Lied auf die Zerstörung
Magdeburgs bei Hildebrand S. 374 sagt die Stadt Herzogenbusch, bei
Erwägung des Unglücks von Magdeburg :
So hab ich ja in diesem Fall,
Gott, deinem Guberniren
Zu danken viel, dass dazumal
Mein Kranz ich must verlieren,
Prinz Heinrich doch, der edle Held,
Noch wie ein Christ verfahren,
Und, ungeacht mein Gut und Geld,
Mein Schönheit thet bewahren.
Damals die Gottesfurcht so weit
Die in dem Helden wohnet,
Vermehret seine Tapferkeit,
Dass er Gewalts verschonet,
Dadurch er mir mein Herz gewann,
Meiner Lieb zu gemessen,
Das thut noch manch gottlosen Mann,
Manchen Tyrann verdriessen.
47. Um Städte werben. ;;s]
2. Herzogen pu seh.
^Nimmermehr es kan geschehen,
0 du edles Heldenherz,
Dass ich solches soll verjehen,
Ist nur eitel Schimpf und Scherz,
Viel der Werber wolten freien,
Viel der "Werber ist verjagt,
Die der Werbung thet gereuen,
Zogen ab mit schlechtem Pracht.
3. Uranien.
Lieber solt es mich gereuen,
Lieber solt ich sein zu schlecht,
Deine Jungfrauschaft zu freien,
Bleiben ein unwürdiger Knecht,
Muss ich bass dein Schön beschauen
Und du meinen Heldenmut,
So wird dir an mir nicht grauen,
Wirst mich deiner achten gut.
4. He rz ogenpusc h.
Edler Held so hoch geboren,
Deinen Mut veracht ich nicht,
Aber weil du bist erkoren
Aller Staaden Zuversicht,
Kanstu meiner nicht geniessen,
Lieb allein der Staaden Art.
Ob es dich schon thut verdriessen,
Bleibt mein Jungfrauschaft bewart. |
5. U ra n ien. 234
So will ich so lieblich tanzen
Vor den [?der] schönen Liebsten Thür,
Dass du solt alsbald die Schanzen
Deiner Treu ergeben mir.
Mit Trometen und Schallmaien
Will ich dir bohren auf,
Dass es soll dein Herz erfreuen,
Zu beschliessen diesen Lauf.
6. Herzogenpusch.
Teurer Heide, kein Hofiren
Meine Zucht verdienen kan,
Denn ich acht ganz kein Pravieren,
Zu vertrauen mich einem Mann.
382 ^ur Volksdichtung.
Hab dir deinen Tanz und Flöten,
Hab dir dein Gesang und Lust,
Lieber wolt ich mich lahn tödten,
Als dass mein Ehr werd verwüst.
7. Uranien.
Dein Ehr wird dir nicht genomben,
Noch dein züchtig Herz beraubt,
Wann du mich zum Mann bekomben,
Zum Regenten und Oberhaupt,
Das dich mächtig wird erheben
Ueber Wasser, Land und Leut,
Wie ein Göttin machen leben,
Jetzund und in Ewigkeit.
*o '
8. Herz o g en p usch.
Ja ich hör rühmen die Thaten
Von den teuren Rittern dein,
Wie ihnen das Glück gerathen,
Besonders des Petri Hayn:
Hab die Flott und Schiff gewonnen,
Auch das Indianische Geld:
Aber ich bin nicht gesonnen,
Ein zu freien in der Welt.
9. Uranien.
Petro Hayn dem ists gelungen,
Hat erlangt unsterbliche Ehr.
Wann du wirst von mir bezwungen,
Hab ich noch viel Ruhmes mehr.
Eine Jungfrau zu erwerben
Lass ich kosten Blut und Schweissr
Dama, lieber wolt ich sterben,
Als verlieren diesen Preis.
10. Herzogen p usch.
Teurer Held, mein Herz thust nagen,
Weil es hört die Werbung dein,
Aber was wird darzu sagen
Der grossmächtigste Vater mein,
König Phillipua in Spanien,
Wann ich wider seinen Will
Dir, dem Prinzen von Uranien,
Mich soll treuen in der Still?
47. Um Städte werben. 383-
11. Uranien.
Freulein, lass dich das nicht irren,
Es muss dieser Vater doch
Endlich darein consentiren,
Ihm, nicht dir ein verdriesslich Sach.
Nimber will ich dich verlassen,
Ximber soll dir mangeln Schutz,
Sicher sein zu allen Strassen,
Dem Missgönner bieten Trotz.
12. Herzogenpusch.
Werther Herr, es ist vergebens,
Lasset fahren eure Bitt!
Ich verzeih mich meines Lebens,
Ehe ich lerne Stadische Sitt,
Ehe mich soll Armeni lehren,
Einem Mann gehorsam sein.
Mein Gespielen mir es wehren,
Besser ists, ich schlaf allein.
13. Uranien.
Dein Gespielen, die es wehren,
Der Gespielen müssen all
Zu Uranien wieder kehren,
Hohe Berg und tiefer Thal
Solln dir dann zu Dienst aufwarten,
Deine Knecht und Diener sein,
Auch mit Helm und Hellebarten
Schützen beide Seiten dein.
14. Herzogenpusch.
Held, du rühmest dein männlich Leben,
Wie du zwingest Berg und Thal,
Aber soll ich mich ergeben,
Mustu komben noch einmal.
Ich der Vesta hab geschworen,
Vesta meine Zucht bewahrt,
Die ich meinet hab verloren,
Wird noch bestehen fest und hart. [
15. Uranien. 235
Vesta kann dich nicht erretten,
Ja du must mir werden hold,
Must in Frauenorden trotten,
Ob du dich schon wegern solt.
3,^4 Zur Volksdichtung.
So will ich doch all mein Tag
Dich zu lieben nicht lassen ab,
Bis du komhst zu meinem Haag,
Dass ich Freude an dir hab.
[Diese Dichtung ist einem niederländischen Originale
nachgebildet, welches in dem 'Nieuw Geuzenliedboek3 ed.
H. J. van Lümmel 1871, S. 50(i nr. 203 nach einem Drucke
von 1G45 wiederholt ist: 'Van de Bossche maegt, daer so
menigen minnaer naer heeft ghejaegt; op de wijze: Albertus
goedertierich hebt". Der Übersetzer hat die 16. Strophe
fortgelassen und das Metrum abgeändert; im Niederländischen
haben nämlich die vier letzten Zeilen iambischen Gang und
andere Reimstellung, z. B.
12,r> Ick denck, dat mijn ghespeelen,
Met my sullen krackeelen,
Dat ick een maegt, seer out bedaegt,
Mijn eer heb laten steelen.
14,5 AI ben ich nu beladen,
Het is noch niet te spaden.
Hiermee adieu; een jaer of twec
Moet ick my noch beraden.
Im Deutschen dagegen gleicht die zweite Hälfte der
Strophe völlig den Trochäen der ersten Hälfte mit der Reim-
Stellung abab. Die aus Strophe 14 angeführte Stelle zeigt
uns auch, dass die antike Göttin Vesta eine Zuthat. des Über-
setzers ist, der auch in Str. 5 die hübsche Anspielung auf
den Beginn der Belagerung (am 1. Mai 1629) verwässert hat :
Ick moet eerst den Mey eens planten,
Lustig voor mijn soetliefs deur,
Speien fray van allen kanten
Sonder snaren met soeten geur.
Es entsteht nun die Frage, ob nicht auch das Gespräch-
lied zwischen Magdeburg und Friedland, das in dem Drucke
von 1631 geradezu als eine Entlehnung aus dem Nieder-
ländischen bezeichnet wird, durch das Lied auf Herzogenbusch
und den Prinzen von Oranien angeregt worden ist. Die
47. Um Städte werben. ;;S,'>
historischen Verhältnisse widersprechen einer solchen Annahme
keineswegs. Wie Neubauer (Geschichtsbl. 1889, 128) darlegt,
spiegelt das Magdeburger Gedicht die Situation im August
1629 wieder: da jedoch in A und B der lö. oder 18. Sept.
1629 genannt wird, wäre dies der früheste Zeitpunkt der
Abfassung. Damals aber konnte das niederländische Gedicht
auf Herzogenbusch schon ganz gut in Deutschland bekannt
.sein, da es noch gar nicht die am 17. Sept. erfolgte Er-
oberung der Stadt voraussetzt; auch die l(i. Strophe des
Geuzenliedboeks, die im deutscheu Texte fehlt, spricht nur
die Hoffnung auf baldigen Sieg aus.
Ein weiteres Argument für den niederländischen Ursprung
dieses ältesten deutschen Dialoges zwischen dem werbenden
Belagerer und der jungfräulichen Stadt bietet eine andere
Nummer des Geuzenliedboeks: 'Van de Bosse maeght, hoe
sy aen den coninck van Spaengien klaegt, op de wyse:
Maximilianus de Bossiv" (nr. 200). Dies in IG siebenzeiligen
Strophen verlaufende Gespräch der belagerten Stadt Herzogen-
busch mit dem Könige von Spanien stellt zwar keine AVerbungs-
bder Buhlschaftsscene dar, beruht aber durchaus auf denselben
Anschauungen wie das erwähnte, wohl etwas spätere Lied
von 'Maegt' und 'Minnaer' und gehört wahrscheinlich demselben
Dichter zu. Die 'Maeght" ruft jammernd den König Philipp
zu Hilfe gegen einen Liebhaber, der sie zu vergewaltigen
trachte, indes der König sie zur Standhaftigkeit mahnt und
seine Heerführer zu senden verheisst. Zwei Strophen der
'Maeght5 hebe ich hervor:
Jn
3. 't Is waer, den graef von Holocli [Hohenlo 15S4] kloeck
Quam eens tot my wat praten,
Graef Maurits deed ooek eens [1601 und 1603] versoeck,
Hy most my maget taten.
Maer im komt Prins Hendrick vaillant,
Die heeft my hier den Mey geplant |oben S. 3S4]
Weinig tot mynder baten.
9. Ick ben een maeght seer out bedaecht,
Maer weet van geen at'wycken;
Die 't my soo dickwyls heeft gevraegt,
Köhler, Kl. Schriften. III. 25
38(i Zur Volksdichtung.
Die komt inv du bekycken.
Il\ nacht en dag, ja t' aller uur
Soo komt liv Bpelon voor myn deur;
Ick Bag ooyt sijns gelycken.1)
Zum Schlüsse treten die Liebhaber auf; das zweite Auf-
gebot ist schon erfolgt, die Hochzeit wird bald gefeiert
werden. — Auch in andern niederländischen Gedichten des
Jahres 1629 wird, wie Herr Dr. W. P. C. Knüttel im Haag
dem Herausgeber schreibt, Herzog Friedrich Heinrich als
Bräutigam und Herzogenbusch als seine Braut bezeichnet.
Dass diese Vorstellung aber längst in den Niederlanden gang
und gäbe war. ersieht man aus einer Stelle des Historikers.
Pieter Bor, auf die Herr Dr. J. A. Worp in Groningen
freundlichst aufmerksam machte. Im 'Nederlandse Oorlogen5 3,
574 erzählt Bor, dass 1591 die spanische Garnison von
Nymegen dem sie zur Kapitulation auffordernden Prinzen
-Moritz von Oranien zur Antwort gab, 'Prinz Maurits was
nog een jong vrijer. en Nymegen een vrijster, die hij zoo
ligt niet zou aanraken, of hij behoorde meer moeite en
arbeid te doen.' Ahnlich erwiderte am 29. Mai 1594 Wolpherfc
Prengher. der die Spanier in der Schanze von Groningen
befehligte, auf die Androhung des Sturmes, chy wildet wagen
als een meysgien van vijfthien jarenJ (Bor, Bd. 4, Buch 31,
Bl. 25 a 1 ed. 1630). Und in Piccardts Chronyck der
Landtschop Drendt (1660) heisst es nach Dr. Knüttels Angabe
von den Jahren 1580 —94: 'Drenthia en was de Bruydt niet,
om welcke man danste, maer Frisia, Gruninga, Omlandia.
Drenthia evenwel moeste den aenstoot van al dese Vrijers
uytstaen en lijden somtijdts van haere eygene SustersJ.2)
Über das Gespräch zwischen Tilly und Magdeburg v. «L
L632 vgl. unten, S. 399 f.
') Ferner vgl. Str. 11, 3: 'En helpt my doch in desen staet, Of 'k
moet myn maegdom laten\ Str. 13, 6: cMyn raaechdom sal in
prijckel staen'.
-) Ebenso erzählt z. H. Wendelin Schildknecht (Harmonia in forta-
litiis construendis 1652 3. Teil, S. 3), dass Spinpia 1622 von der belagerteu
Stadt Berg op Zoom 'den Korb bekam'.
47. Um Städte werben. .'IS?
An vierter Stelle reihen wir ein gereimtes Gespräch über
die TJapitulatio StetinT am 14. Dezember 1677 ein,
dessen 15 Strophen Dach der Melodie des Liebesliedes:
'Amarillis sage mir, warum willst du dich nicht geben'
gedichtet sind. Ditfurth hat es nach einer 1829 von Dr. Grossheim
in Kassel erhaltenen Abschrift in seinen 100 historischen
Volksliedern drs Preussischen Heeres 1869, S. 2 und in den
Histor. Volksliedern von 1648 bis 1756 (1877) S. 53 drucken
lassen. Die Jungfrau Stettin weist des Grossen Kurfürsten
Werbung ab, weil sie dem Schvvedenkünige Carolus Treue
halten wolle. Aber sie muss hören, dass dieser seit der
Niederlage bei Fehrbellin sich nicht zu Felde wagen könne:
1 2. Drum stell dein Besinnen ein,
Komm in meine Liebesarme!
Heute giebts noch Hochzeitsreihn,
Morgen findst du kein Erbarmen.
Stettin.
13. Wie! Ist Carolus ungetreu,
Hat mich also schwach verlassen?
Da bin ich auch von ihm frei,
Und darf gehen meiner Strassen.
&v
14. Weil denn falsch nun ist sein Sinn,
Will ich von ihm ab mich kehren,
Euch als Schatz mich geben hin
Und hinfiiro angehören.
Unter den durch die Übergabe Strassburgs au Frankreich
(1681) veranlassten Dichtungen befindet sich auch ein ziemlich
unbedeutender Dialog zwischen Montclas und Strassburg,
14 Str. im Ton wie man den Coridon singt (zwei Flugblätter
in Berlin Ye 7921 und 7922: danach Ditfurth, Histor. Volks-
lieder von 1648 bis 1756, S. 76). Montclas beginnt:
Nun will ich in dir leben,
Strassburg, du schöne Stadt,
Weil du dich übergeben,
Wie mirs befohlen hat,
Mein König gross von Macht:
I cli soll dich thun angreifen
Inmitten in der Nacht.
25*
388 /au' Volksdichtung.
Die Jungfrau Stra s sb u rg fügt sich mit einigem Bedauern
in ihr Los und ergeht sich in Lahmen und matten Betrachtungen
über das Geschehene:
4. Ach ja, ich nmss bekennen,
Mein Kränzlein ist dahin;
Man wird mich fort nicht nennen
Ein zarte Jungfrau rein.
Mein lieber Herr Montclas,
Du hast zur Beut gewunnen
Die Jungfrau von Elsas. —
12. Was wird der Kaiser sagen,
Dass ich so gschwinder Eil
Ohn einigs Adieusagen
Gefallen von dem Seil ! — —
Montclas.
13. Den Kaiser lass nun sitzen,
Er hat dich nit beschützt.]'
Drittens [vielmehr sechstens] ist ein Lied auf die Be-
lagerung der Stadt Lille durch den Prinzen Eugen
(1708) anzuführen, welches in drei verschiedenen Redaktionen
vorliegt, von 12, 13 und 18 Strophen. In der zwölfstrophigen
Redaktion, die in des Knaben Wunderhorn, erste Ausgabe 2,
100 [= 2, 597 ed. Birlinger und Crecelius], mit der Quellen-
angabe 'mündlich3 mitgeteilt ist, sprechen der Prinz und die
Stadt je eine Strophe. In der achtzehnstrophigen in der
neuen Erkschen Ausgabe des Wunderhorns 2, 97, mit der
Quellenangabe 'Fliegendes Blatt. A. v. Arnims Sammlung',
sind nach der 5ten, 8ten und lOten Strophe der zwölfstrophigen
Redaktion je zwei Strophen eingeschoben, und der Prinz um
die Stadt sprechen die Strophen 1 — 14 abwechselnd, dann
spricht der Prinz die drei Strophen 15 — 17 hintereinander,
und Lille schliesst mit Strophe 18 (= Strophe 12 der zwölf-
strophigen Redaktion). Die dreizehnstrophige Redaktion ist
mitgeteilt von J. P. Kaltenbäck in seiner Austria 1846. S. (!4.
leider ohne Quellenangabe, und danach in der von I,
M. Wagner besorgten Sammlung 'Prinz Eugenius der edle
Ritter in den Kriegs- und Siegesliedern seiner Zeit. Eine
47. Um Städte werben. 389
Festgabe zur feierlichen Enthüllung des Prinz-Eugen-Monu-
mentes von Franz Haydinger. Wien, 1865. (Selbstverlag
des Herausgebers)' S. 10. Sie möge, da sowohl Kaltenbäcks
Austria als vollends die 'in 150 Exemplaren als Geschenk
für Freunde gedruckte5 Haydinger- Wagnersche Sammlung
wenigen zur Hand sein werden, auch hier wieder abgedruckt
werden. Sie verhält sich zur achtzehnstrophigen Redaktion
folgenderweise: Strophe 1 — 6 = Erk 1 — 6, 7 = Erk 13,
8—10 = Erk 8—10, 11—13 = Erk 16—18, natürlich die
einzelnen Strophen beider Redaktionen in Einzelheiten des
Textes vielfach voneinander abweichend. [Ditfurth, Die
histor. Volkslieder 1648—17.36 (1877) S. 247. Erk-Böhme,
Liederhort 2, 132, nr. 323.]
Euge n. 236
1. Lüge, du allersehönste Stadt,
Du bist so schön und glatt,
Schaue meine Liebesflammen,
Ich liebe dich vor allen Damen,
Mein herzallerliebster Schatz,
Lüge.
2. Mein Herr Prinz, was saget ihr,
"Wer seid ihr, was macht ihr hier?
Was bedeuten die Soldaten,
Eure tapfern Kameraden?
Lieber, das erzählet mir!
Eug en.
3. Ich bin der östreichsche Held,
Bin bekannt in aller Welt,
Prinz Eugenius genannt,
Bin zu dir in Lieb entbrannt,
Mein herzallerliebster Schatz!
Lüg e.
4. Lieber Herr, nun packet euch,
Ich gehör nicht deutschem Reich,
Denn ich habe zum Galanten
Einen hohen Karrassanten,1)
Ludewig aus Frankereich.
*) Wunderhorn : Zum Gemahl und Caressanten.
390 Zur Volksdichtung.
K u gen.
5. Liebste, nicht so stolz und frech,
"Weist mich nicht von euch hinweg,
Banget hier vor meinen Waffen,
Will in deinem Bette schlaffen,
Du magst sagen, was du willst.1)
Lüge.
6. Lieber Herr, nicht dergestalt
Wollt ihr handeln mit Gewalt,
Ludewig bin ich vermählet,
Den ich mir zum Schatz erwählet,
Dem ich treu bis in das Grab.
Eugen.
7. Sa, Konstabier, immer dran,
Feuere, wer da feuren kann,
Blitz und Donner, Erz und Flamme,
Spielet auf die lilg'sche Dame,
Auf das wetterwendsche Weib !
Lil ge.
8. Thut, was ihr nicht wollt.
Ob ihr nichts gewinnen sollt.
Habe Werk und Bastionen,
Habe schöne Halbemonden,
Und ich mag verspotten euch.
Eugen.
9. Schweige, Schwätzerin, nur still,
Höre, was ich sagen will:
Machte ich im Ungarlande
Alle Türken nicht zu Schande
Und noch hundert tausend mehr?
Lüge.
10. Lieber Herr, das glaub' ich wohl,
Damals wäret ihr so toll,
Aber mit den Türkenwaffen
Habet ihr jetzt nichts zu schaffen,
Sondern mit Franzosenblut.
') Der Anfang dieser Strophe ist aus Strophe 11 bei Erk, das
übrige aus Strophe 5.
47. um Städte werben. 39]
Eugen.
11. Lüge, allerschönstes Kind,
Warum bist du denn so blind,
Dass du mich nicht liier willst nehmen?
Tbuest wohl dich meiner schämen,
Oder sag, was fehlet dir?
12. Du mein allerschönstes Lamm,
Ich weiss dir 'neu Bräutigam,
Karl heisst er, ein Weltbekannter,
Ich bin hloss sein Abgesandter,
Bin des Kaisers Mareschall. l) |
Lüge. 2Bri
13. Nun wohlan! so lass es sein,
Karl sei nun der Liebste mein,
Denn der Ludwig ist veraltet,
Ist im L[i]eben ganz erkaltet:
Karl, so heisst mein junger Held.
Man bemerke, dass in diesem Lied Lille, wie in der
spanischen Romanze Granada, bereits einen Gemahl hat, den
sie zuletzt als alt und kalt anfgiebt. Eigentümlich ist es,
dass Prinz Engen sich zuerst als Liebhaber ansgiebt, später
aber mir als Brautwerber seines Kaisers auftritt.
AVie beliebt dies Lied seiner Zeit gewesen sein muss,
geht auch daraus hervor, dass es - und zwar die achtzehn-
strophige Redaktion einige Jahre später (1717) auf die
Eroberung von Belgrad durch denselben Ritter Engen um-
gedichtet worden ist.2) Diese Umdichtnng hat L. Bechstein
aus einem alten handschriftlichen Liederbüchlein in seinem
Deutschen Museum für Geschichte, Litteratur, Kunst und
| Altertumsforschung 1 (Jena 1842), '201 ff. bekannt gemacht,
und daraus ist sie auch von L. Erk in den vierten Band des
Wunderhorns S. 243 ff. und von J. M. Wagner in seine eben
erwähnte Sammlung 8. 26 ff. aufgenommen worden. Natürlich
') Wunderhoin: Und des Kaisers General.
2) [Auch in einem Liede auf die Schlacht bei Malplaquet 1709
(Ditfurth, 110 Volkslieder 1875, S. G2) heisst es: 'Eugenius geht itzt nach
Mons, So ihn erwählet zum GesponsV]
392 Zur Volksdichtung.
ist in dieser Umdichtung der Sultau ('Soldan') der Gemahl
Belgrads. [Ditfurth, Histor. Volksl. von 1648 bis 1756,
S. 275.]
[In einem Alexandrinerdialoge auf die Belagerung
Danzigs durch die vereinigten Kursachsen und Russen (1734).
den R. F. Arnold in der Zeitschrift des Westpreuss. Geschichts-
vereins 39, 139 nach einer Berliner Handschrift herausgegeben
hat, erscheint der Befehlshaber der Belagerer Graf Münnich
als 'Monachus5, von Mercurius angemeldet, vor Madam Megunda
(= Gedauum) und freit um ihre Gunst. Megundas Tapa',
d. h. wohl die polnische Nation, rät der Zögernden, den An-
trag anzunehmen. Die Belagerung selber wird unter dem
Bilde eines Kartenspieles, in dem Megunda verliert, dargestellt.
Als Probe mögen die Verse 26 — 42 hier stehen:
Monachu s.
Glück zu, Madam! Wie gehts? Wie? Wolt ihr mich nicht lieben?
Soll euer Wiedersinn noch lenger mich betrüben?
Bedencket, wer ich bin, und wer da mein Patron !
Ich bin der München Ehr, der grossen Czarin Sohn.
Megunda.
Das Compliment ist gut, die Gnadenthür steht offen.
Wass aber habt ihr woll bey meiner Gunst zu hoffen?
Wass meinen Kindern ist bissher von euch geschehn,
Das werdt ihr auch gar offt von mir erfüllet sehn.
Papa.
Nicht so, mein Kindt, nicht so ! Du must dein Hertze lencken
Zu diesen Cavalier. Er kan viel Gaben schencken — —
Megunda.
Das glaub ich woll, Papa; doch geht es mir zu Hertzen,
Dass ich desswegen soll die Freyheit so verschertzen.
Ferner führt J. M. AYaguer in seinem Archiv 1, 160 (1874)
an: cDer verlohrne Cranz der gewesenen Jungfer Berg op
Zoom. Ein Lust-Spiel Nebst einem Nachspiel. Darinnen
in dem ersten die Belagerung dieser Stadt, in dem andern
aber Ihre unvermuthete Übergabe vorgestellet wird. 1747.*
78 S. 8°.
47. um Städte werben. 39;;
Die Einnahme Belgrads durch den österreichischen
General Laudon am 9. Oktober 1789 schildert ein acht-
Strophiges Gesprächlied im Tone 'Prinz Engen der edle Ritter'
(Ditfurth, Histor. Volkslieder von 1763 bis 1812 (1872)
S. 63 = W. v. Janko. Laudon 1881, S. 53). Laudon freit
für seinen Kaiser Joseph um die Stadt, die schliesslich
einwilligt:
Nun so will ich es dann wagen,
Gleich dem Soldan Abschied sagen
Und zu euch hinübergehn;
Nehm Josephus zum Galanten,
Zum Gespons und Caressanten:
Also kann die Sach bestehn.)
Während die bisher mitgeteilten Lieder Dialoge zwischen
der Stadt und ihrem Belagerer sind, wenden wir uns1) jetzt
zu einem Lied auf die Belagerung Breisachs durch
Herzog Bernhard den Grossen von Weimar (1638), welches
kein blosses Zwiegespräch, sondern zugleich erzählender
Form ist. Ich gebe das Lied nach einer offenbar gleichzeitigen
Handschrift der Kgl. Berliner Bibliothek [Ms. germ. oct. 240;
steht auch im Ms. germ. qu. 749, Bl. 17 b]. früher in K. Heyses
Besitz (s. Bücherschatz der deutschen National-Litteratur des
XVI. n. XVII. Jahrhunderts S. 160), von welcher Herr
Bibliothekar Dr. Julius Sehrader mir mit bekannter Gefälligkeit
eine Abschrift mitgeteilt hat. Nach einer andern, wahrscheinlich
jüngeren und bedeutend abweichenden Handschrift hatte schon
Vulpius in seinen Curiositäten 5, 493 ff. das Lied mit der
handschriftlichen Überschrift 'ßreisacher Bulschaft, als
Herzog Bernhard vor dieser Festung lag, dieselbe zu bezwingen'
abdrucken lassen, | und den Curiositäten entnahm sie v. Soltau 238
in seine Sammlung nr. 81 [und Ditfurth, Die histor. Volks-
lieder des dreissigjähr. Krieges 1882, S. 281. Erk-Böhme 2,
122, nr. 313. Unten S. 413]. Aber das Lied ist auch schon
') [Vgl. das bei Tobler, Schweizer. Volkslieder 1, LV citierte Lied
auf das 1633 belagerte Rheinfelden und Ditfurth, Volkslieder des
dreissigjähr. Krieges 1682, S. 259: 'Gelt AVa lle nst ein. du hast die
Braut?']
394 Zur Volksdichtung.
im 17. Jahrhundert wiederholt gedruckt worden, wie Emil
Weller in seinen Annalen der Poetischen National-Litteratur
•der Deutschen im XVI. u. XVII. Jahrhundert 2, 423. nr. 1238
und 1243, nachgewiesen hat, nämlich in den Jahren 1646,
1651, 1669, 1695 und in einem ungenannten Jahr.1) Der
Druck von 1646 (Berlin Ye 6906) und der undatierte (Ye 6911)
sind, wie mir Herr Dr. Seh rader mitteilt, sehr korrumpiert
und mangeln der Strophen 9 und 12; die drei andern Drucke
(Ye 6916. 6921. 6926), 'Breysachische BulschafftJ betitelt, sind
fast ganz übereinstimmend mit der Heyseschen Handschrift.
Nach letzterer lautet aber unser Lied, ohne Überschrift
beginnend, also:
1. Ein schöne Dam wohnt in dem Land,
Von grossen Qualiteten,
Am Reinstrom ist sie wol bekannt,
In hohen Digniteten,
Realisch ist sie anzusehen,
Viel prawer Helden nach ihr stehen,
JVlit List sie zu bereden.
2. Unlängst ein prawer Cavalier
Aus fernem Land herreiset,
Er kam vor ihres Stiefvaters2) Thür,
Sein Reverenz erweiset,
Und sprach ihn um die Tochter an,
Er sei von gutem Ritterstamm,
Vor Alters hoch gepreiset.
3. Der Stiefvater sprach: 'Die Tochter mein
Will ich nit verheurathen
Und weil ihr thut ein Fremder sein,
l) [Ferner in zwei Liederbüchern des 17. — 18. Jahrhunderts: Tugend-
haftster Jungfrauen und Jungengesellen Zeitvertreiber (um 1680. Berlin
Yd 5111) nr. 31 und Gantz neuer Hans Guck in die Welt (um 1710.
Berlin Yd 5116) nr. 5.] — Ein Lied auf die Belagerung von Philippsburg
vom Jahre 1679 cim Thon des Bre y sa c h er-Lie ds: Ein schöne Dam
-wohnt in dem Land', welches Weller 2, 530, nr. 1025, anführt, hat,
wir mir Herr J. M. Wagner in Wien schreibt, mit dem Breisaeher
Lied nur das Metrum gemein.
*) Yulpius und die Drucke haben immer 'Vater' statt 'Stiefvater'.
47. Um Städte werben. 395
Zwar Held von guten Thaten.
Behalt ich sie in meinem Reich,
Geht ihr hin und freit eures gleich,
Ich warne euch vor Schaden.'
4. Der Held heiind sich offendiert,
Es thet ihm sehr missfallen,
Sein Herz war doch veramorirr.
Ging der Dam zu gefallen,
Und kam zu ihr selbst in Person
Mit höflicher Diskretion,
Trotz ihren Bulern allen.
5. Er sprach: 'Mein allerschönste Dam,
I>r's möglich zu erlangen
Die Gunst, so jemands haben kann,
Der mit Lieb ist umfangen?
Ich bin ein junger Rittersheld.
Mein Lust und Freud hab ich im Feld
Mit Feuer, Rauch und Flammen'.
6. cSo werft ihr euer Liebesgunst
Bloss auf mein Schild und Waffen,
Mein Herze durch die harte Brunst
Sonst ihm kein Ruh kann schaffen,
Von euch will ich nicht ziehen hin,
So wahr ein Cavalier ich bin,
Allein kann ich nichts schaffen.'1) |
7. Vor ihm das schöne Jungfräulein 239
Thet sich ganz höflich schämen,
Sie sprach: 'Herr, ohn den Yater mein
Darf ich kein Mann nicht nehmen,
Kein Cavalier veracht ich nicht,
Wer nur erst meinen Vater anspricht,
Er mögt sich um mich grämen.'
8. 'Den Stiefvater hab ich längst schon
Persönlich angesprochen,
Er gab mir Resolution,
Die nicht bleibt ungerochen.
Wenn meine Lieb nur hndet statt,
Was frag ich nach's Stiefvaters Rath,
Ich wollt nur seiner lachen.'
*) Vulpius: Ich kann allein nicht schlafen, die Drucke: Allein
kann ich nicht schlafen.
396 Zur Volksdichtung.
9. 'Seht da ein frischen Rautenkranz,
Den will ich eueh aufsetzen,
Mit Freuden führen an den Tanz,
In Lieh uns zu ergötzen.
Viel Gold und Silber solt ihr hau,
In grosser Ehr und Würden stahn,
Erfüllt mit vielen Schätzen'.
10. Die Dam die liess ein Seufzerlein,
Wolt sich aecomodiren,
Sie sprach: 'Es muss gewaget sein,
Den Held zu caresi en.'
Als sie wolt reichen ihm die Hand,
Sieh da so kommt ganz unbekannt
Einer und will sie verfüren.
11. Er traf den Breutgam bei ihr an.
Der hat sie hart umfangen,
Die Braut wolt er nicht von ihm lan,
Blieb stetig an ihr hangen,
Der Buler kamen noch viel mehr,
Der Breutigam stellt sich zur Wehr,
Und wartet mit Verlangen.
12. Er thets den Bulern zum Verdruss,
Liess seine Pfeifen krachen,
Grab der Braut manchen Liebeskuss,
Die Spielleut mussten machen
Ein angenehmen Liebestanz,
Der Bräutigam ging in sein Schanz,
Liess seine Braut bewachen.
13. Die Buler dringen auf ihn dar,
Sie wolten ihn umbringen.
Der Bräutgarn sprach: 'Seid ihr der Haar
Mit euch will ich umspringen'.
Der eine trat ihm auf den Leib,
'Ein andermal nimm mehr ein Weib,'
Die Sach wolt schier misslingen.
14. Der Bräutgam seinen Dienern rief,
Die kamen dar mit Haufen,
Ein jeder sein Gewehr ergriff,
Die Buler mussten entlaufen,
Man schlug sie nieder ohne alle Gnad,
Der Bräutgam segnet ihn das Bad,
Theils mussten gar ersaufen.
47. Um Städte werben. ;;; 17
15. Die andern gingen traurig fort,
Die Dam sie mussten lassen,
Der Bräutgam nah ihr gute Wort,
Thet sie wieder umhfassen.
Jetzt wird die Hochzeit bald angehn,
Die Braut die schmücket sich gar schön,
Trutz Stiefvaters Neid und Hassen.
Dichter.
16. Wer will des Liedes Dichter sehen,
Nit weit von dieser Damen
Thu er auf einen Berg nur gehen
Und frag nach seinem Namen,
Vier Pfeifen stehn vor seinem Haus,
Den Bulern hat's davor gegrausst,
Ist Zeit dass sie sich stramen. |
Die Leser werden bemerkt haben, dass unser Lied mit 240
dem auf die Belagerung der Stadt Herzogenbusch insofern
eine besondere Ähnlichkeit hat, als in beiden der Vater oder
Stiefvater der Stadt vorkommt, der gegen die Bewerbung um
seine Tochter ist. In dem Lied auf die Stadt Herzogenbusch
ist er ausdrücklich genannt: es ist der König Philipp von
Spanien ; im Breisacher Lied ist kein Name genannt, natürlich
aber der deutsche Kaiser gemeint. Die Buhler, welche die
Verbindung von Braut und Bräutigam in unserm Lied
hindern wollen, sind die zum Entsatz heranrückenden kaiser-
lichen Heere, welche Bernhard schlug, worauf Breisach sich
ihm ergab.
Wie unser Lied die 'Breisacher Buhlschaft' betitelt ist,
so giebt es auch zwei verschiedene Lieder auf die Belagerung
von Rapperschwyl i. J. 1656 unter dem Titel 'die Bulschaft
mit RapperschwyT, welche Weller in seinen Annalen 1, 182,
nr. 977: 183, nr. 981, 982, 984 und 2, 530 anführt, ich aber
nicht näher kenne. [Berlin Ye 7731. 7736. Abgedruckt bei
Ditfurth, Volks- u. Gesellschaftslieder 1872, S. 83 = Die
histor. Volkslieder von 1648 bis 1756 (1877) S. 18 aus dem
Cgm. 4088, Bl. 115a. Tobler, Schweizerische Volkslieder 2,
130 (1884): 'Ein reine Magd ihr Kranz noch tragt' 15 Str.:
vgl. ebd. 1, LDL] Derselbe führt 1, 194, nr. 1053 ein Lied
398 Zur Volksdichtung.
'Bulschaft. Einnahm und Uebergab der Vestnng Landau'
(o. J. 17. Jahrb.) an und 1, 189, nr. 1020 ein Gedicht vom
Jahr 1 6 7 < 1 'Bulschaft der sich representierenden Eidtgnössi-
schen Dam, welche einer hochlöblichen Eidtgnoschaft ihre
Herzensgedanken in treuen eröffnet, mit vermelden, dass sie
Ihr verlobte tragende Jungfrauschaft gegen allen ihren auss-
ländischen Buhlen rein behalten, sich in Ehestand nit eiulassenT
sonder by ihrem bis dahin tragenden Kranz ihr Leib, Ehr,
Gut und Blut aufsetzen, darbey leben und sterben wolle5,
welches Gedicht nach Weller nur in Anreden der Dame be-
steht. [Vgl. Fränkel, Zs. f. d. Phil. 22, 336.]
In dem Lied cein Gespräch Gesang zwischen Ihr KayserL
Majestätt vnd der Statt FreyburgJ (Freiburg, 1678), auf-
geführt von Weller 2, 425, nr. 1254 (Berlin Ye 7866) ist nach
gütiger Mitteilung des Herrn Dr. Schrader die Stadt Freiburg
auch als Dame personifiziert, welche von dem römischen
Kaiser und vom König Ludwig umworben wird. Nachdem
sie sich dem letzteren ergeben, wünscht Breisach ihr Glück,
Strassburg, Philippsburg u. a. tadeln sie, und zuletzt ermahnt
das römische Reich die Städte, sie sollten nur einen Mann
nehmen, mit dem sie ihre Sprache reden könnten.
[Der wackere Baumburger Chorherr I. A. Poysel ruft
1681 der französisch gewordenen Stadt Strassburg ent-
rüstet zu:
Eine Jungfrau wärest du,
Hast ghabt den edlen Namen.
Pfui, pfui, jetzt musst dich schämen;
Scham dich, truck d' Augen zu
Und ruf: O weh, o weh,
Hab d' Jungfrauschaft verloren.
(Ditfurth, Histor. Volkslieder von 1648—1756, S. 74. Vgl.
ebd. S. 67. Bolte, Jahrb. f. Gesch. Elsass-Lothr. 6, 80.
Pfeiffer, Altenburger Progr. 1889. — Ähnlich Ditfurth S. 64:
'Warst ein unbefleckte Magd; Jetzt zu dir man H — sagt.5)]
In einem Triumphlied auf den Kurfürsten Maximilian
241 Emanuel von Bayern, welcher 1686 Ofen eroberte, bei Körner,
Historische Volkslieder S. 336 ff., lautet die 7. Strophe:
47. Um Städte werben. .'l'l'.i
Nun. mein Ofen, rüste dich,
Must ein Braut nun altgeben,
Gar ein junger lütter sich ')
Wird dir sehr nach thun streben.
Zu der Tafel sei bereit,
Kr wird dir eins zubringen,
Es werden bei der Mahlzeit
Stuck und Chartaunen singen.
Während die Belagerungen, auf welche wir bisher Ge-
dichte mitgeteilt haben, entweder wie die Magdeburgs durch
Wallenstein damit endeten, dass der Belagerer abzog, der
Brautwerber also einen Korb erhielt, (»der wie die anderen
damit, dass die Stadt kapitulierte und sich ergab, die spröde
Schöne also doch endlich den Antrag des Freiers annahm,
endete bekanntlich die Belagerung Magdeburgs durch
Tilly, die wir hier noch zu besprechen haben, mit der ge-
waltsamen Erstürmung und Zerstörung der unglücklichen
Stadt, und die Belagerung tritt hier vor der furchtbaren
Zerstörung ganz in den Hintergrund. In den zahlreichen
zeitgenössischen Dichtungen auf dieses Ereignis, in welchem
die Stadt als Jungfrau erscheint, wird daher auch viel weniger
der Brautwerbung, als vielmehr der blutigen Hochzeit oder
der gewaltsamen Schändung2) oder des Raubes des Jungfern-
kranzes gedacht. Ob in dem Lied 'Gespräch zwischen dem
General Tylli vnd der Stadt Magdeburg' (1632), welches
Weller Annalen 1, 163, nr. 837 anführt. Tilly als Bewerber
um die Braut Magdeburgs auftritt, weiss ich nicht: aus dem
Titel ist dies keineswegs zu schliessen, denn 'Ein Liedlein,
darinne Christen Arnheim und die Stadt Stralsund mit ein-
ander Gespräch halten' (Stettin 1629), wieder abgedruckt in
1) 'sich' ist wohl nicht das Pronomen, sondern der Imperativ von
'sehen', und es wäre dann zu interpungieren :
Gar ein junger Ritter, sich!
2) Selbst der Titel einer prosaischen Relation der Zerstörung
Magdeburgs, welchen Gr. Droysen in den Forschungen zur deutschen
Greschichte 3, 585 anführt, spricht von der 'Schendung oder Verderbung
der alten löblichen Jungfrau und Stadt von deroselbigem tyrannischen
L i e b habe r\
400 Zur Volksdichtung.
Hildebrands Sammlung irr. 50, enthält nichts von Braut-
werbung.
[Das seither bei Ditfurth (Volkslieder des 30jährigen
Krieges 1882, S. L52) abgedruckte Lied stellt in 50 Strophen,
die nach der Melodie des englischen Singspiels von Roland
(Bolte, Singspiele 1893, S. 8. 167) gehen, die Werbung Tillys
recht lebendig dar; Magdeburg antwortet auf seine zuerst
förmlichen, dann dringenden und endlich drohenden Reden
in niederdeutscher Mundart spöttisch:
Och, min Heere, dit Jahre
Nehm ick noch nenen Mann;
Ick blieve de ick wäre.
Hier segt mi nichts mehr van!
Er tauge als Mönch nicht zur Ehe, besser schon, wenn
ja gefreit werden solle, der Schwedenkönig. Der zweite Teil
(4'2 Str.) schildert in gleicher Form die Eroberung der Stadt.
Der siegreiche Tilly ruft:
Wie nun, Madona? Thust geben
Dich in mein Lieb und Gunst?
Wo nicht, kost dirs das Leben,
leb. muss leschen mein Brunst . . .
Geschwind still meinen Willen.
Od'r du must sterben bald!
Magdeburg.
Mit Will'n will ick en nicht stillen,
Ick tho't nicht dergestalt.
Vell lever will ick sterven,
Glick wie Lucretia that,
Und in der Asch verderven,
Eh ick min Kränzlin lat.
Nachdem sie vergeblich an den Kaiser appelliert hat. ruft
sie König Gustav und den Kurfürsten von Sachsen zur Rache
auf, prophezeit dem Schänder übers Jahr die Vernichtung
durch den Löwen aus Mitternacht und schliesst mit dem
weithin tönenden Aufrufe:
Wack up, o dütsches Land!
Din Frieheit defendere,
Streck daran diene Hut.
Dat men nicht körtlick höre,
Dat dütsche Riek si ut!]
47. Um Städte werben. 401
Dagegen j findet sich Tilly als Freier Magdeburgs dar- 242
gestellt in dem wunderlichen historisch- allegorischen Schau-
spiel von J. Micraelius, welches zugleich mit den Ereignissen
im Norden, in Pommern und in Mecklenburg, die Eroberung
und Zerstörung Magdeburgs durch Tilly und Tillys darauf-
folgende Niederlage durch Gustav Adolf durchweg unter
mehr oder weniger veränderten Namen, wie Contilius für
Tilly, Lastlevius für Wallenstein, Agathander für Gustav Adolf,
Jolola für Lojola, Parthenia für Magdeburg u. s. w. be-
handelt, Der Titel des Schauspiels lautet: CJ, M. Parthenia,
Pomeridos Continuatio: Ein New Co moedien Spiel, Darin ab-
gebildet wird Die blutige Hochzeit der schönen Parthenia.
Vnd drauff folgende Straffe des vngütigen vermeinten Bräuti-
gams Contilij, Nebeust des tapffern Agathanders Helden-
thaten, die er der hochbedrengten Nymphen im Alemannischen
Lande zu gute in schneller Eyl verrichtet hat. Exhibieret
im Wintermond des anderen Jahres nach der befreyung
Pomeris, Vom Philalethe Parrhesiaste. Gedruckt im Jahr 1632.D
4°. [Vgl. Th. Vetter. Wallenstein in der dramatischen Dichtung
1894. S. 7. Krickelberg, Göttinger Diss. 1897. j Im ersten
Akt verwundet Eros, der Sohn der 'Hedona, der Lustfraue3
(fjdovrj), auf Anstiften der 'Anomia, der Lasterfraue'. mit
seinem vergifteten Pfeile den Greis Contilius, so dass er in
Liebe zur Parthenia entbrennt und seine Glut in einem
Monolog schildert. Er bringt der Schönen ein 'Ständichn'
(Ständchen), indem er ein Lied singt, dessen erste Strophe
hier folgen mag:
Steh endlich auf, du stolze Magd,
Und hör deim Baien zu,
Vernim, wie er sein Liebe klagt
Und seine neu Unruh.
Du bist allein die Liebste Bein
Für andern allen,
An der er hat beid früh und spat
Sein Wolgefallen.
Steh auf, du stolze Maujd.
Nach gesungenem Lied erscheint Falcomontius, Parthe-
niens Vormund, worunter der Verteidiger Magdeburgs Dietrich
Köhler, Kl. Schriften. III. 26
402 Zur Volksdichtung.
von Falkenberg gemeint ist, und weist den Liebhaber ab, der
denn auch endlich geht.
Nun hie ist meines bleiben 8 nicht,
Da mirs an Macht widr sie gebricht.
Bliiit Gott, womit begeust man mich?
Rech' ich dis nicht, so sterbe ich. I
248 Im 'Argumentum' des ersten Aktes ist das, womit Con-
tilins begossen wird, mit genügendster Deutlichkeit bezeichnet:
Abr er muss sein schabab. Man schütt auf ihn heraus,
Was untr dem Bette pflegt zu stehn in unserm Haus.
Im dritten Akt Zwiegespräch zwischen Parthenia und
Contill, der von ihr höhnisch abgewiesen wird. Durch Ver-
rat des Lalemannus, l) der aber nachher seinen Verrat bereut,
bricht er hierauf in Partheniens Haus und erfüllt an ihr
seinen AVillen. Parthenia klagt:
Ach Contill, heisst denn das geliebt,
Wenn man so grossen Muthwilln übt.
Hastu ein Lust an meinem Tod,
Gefeit dirs so, dass ich leid Not?
Ist das ein frölich Hochzeitmal,
Wenn mans verdirbet überall ?
Du speisest lauter Menschenblut
Die Feursbrunst alls verzehren thut.
Du nimbst mir auch meinn Jungfraunkranz
Und führst mich an ein blutign Tanz,
Ach alle meine Hausgenossen
Wilstu dem Tod in Rachen stossen u. s. w.
Der Leib ist zwar zuschandn gemacht
Und in die grösst Unehr gebracht,
Aber der Seelen Jungfrauschaft
Noch unverletzt im Herzen haft u. s. w.
Parthenia stirbt, wird aber von Astraea wieder belebt
und von Agathander an Contilius gerächt. — Ein fliegendes
Blatt aus dem Jahre 1631, mit einem Kupfer, worauf Tilly
und die Jungfrau Magdeburg sich gegenüberstehen, beschrieben
und wieder abgedruckt von L. Bechstein in seinem Deutschen
Museum 2, 257, auch auf der Grossh. Bibliothek zu Weimar
l) D. i. des Ratsherrn Johann Alemann, der gegen das Bündnis der
Stadt mit Gustav Adolf war und daher bei den Freunden des letzteren
als Vorräter galt; s. Hoffmann, Geschichte der Stadt Magdeburg 3, 141.
47. Um Städte werben. 403
vorhanden,1) hat die Überschrift: 'Klägliches Beylager
der .Magdeburgischen Dame, so sie den 10. Maij dieses
1631. Jahrs mit ihrem Blutdürstigen Gemahl, dem Tilly ge-
halten.3 Das Gedicht, fast ganz der Dame in den Mund
gelegt, beginnt:
Ach Gott, ach höchster Gott! Jetzt ist der Tag aufgangen,
Da sich das Hochzeits-Mahl hat kläglich angefangen -
und hat Stellen, welche den eben aus der Parthenia mit- 244
geteilten sehr ähnlich sind:
Die Hochzeit-Speisen sind das rothe Menschen-Blut
Und ihr verstorben Fleisch; wer kan sein wolgemuth?
Du hast dem Leibe nach mich zwar gemacht zu Schanden,
Doch ist die Jungfrauschaft der Seelen noch vorhanden.
Zwei andere, ebenfalls hierhergehörige fliegende Blätter
beschreibt Bechstein a. a. 0. S. 258 u. 259. Das 'Magde-
burgische Hochzeitlied1 welches auf einem derselben
steht, hat er in der ersten Auflage seines 'Deutschen Diehter-
biichi's. Leipzig 1844, S. 133 ff", abdrucken lassen. Das
Gedicht hat 22 Strophen, deren jede ihren Sprecher als Über-
schrift trägt. Die Soldaten sprechen die erste Strophe und
erklären, sie hätten ein Mägdlein fein erworben und wollten
es mit einem Bräutigam gut versorgen. Die Kurfürsten sind
bereit, zwischen ihr und Graf Tilly, der zu ihr Lust und
Willen hat. Hochzeit zu machen. Magdeburg aber erklärt:
G'mach g'raach, ihr lieben Soldaten,
Zu freien g'lüst mich nit,
Ich hab bisher erhalten
Mein Jungfrauschaft damit,
Dass ich kein andern Herren
Ohn Schwed'n zu liebn bedacht,
Darvon soll mich nicht kehren
Ku'r Drohen, Trutz und Macht.
Hierauf sprechen teils für sich werbend, teils der Jung-
frau zn- oder abredend Pappenheim, Tilly. der vermeinte
Bischoff zu Hall, Falckenberger, Schwed, Niedersächsischer
') Eine andere Ausgabe des Gedichtes führt Droysen, Forschungen
3, 597 an. Vergl. auch S. 600.
26*
404 Zur Volksdichtung.
Kreis, Pommern, Leipzigische Union. Holland. Engelland, Däne-
mark. Türk, Kaiser. Liga. Kaiserliche Armada. Die 19. Strophe
sprechen die Bürger zu Magdeburg:
O weh ihr Herrn und G'sellen,
\Y;i- solln wir klagen euch?
Die Hochzeit, so wir anstellen,
Ist worden zu einer Leich.
Die Jungfrau ist verblichen,
Zerbrochen ist der Kranz,
Alle Zier von ihr gewichen.
All Hochmuth, all ihr Glanz.
Die "Reichsstädte" fürchten dasselbe Schicksal, das 'Reich'
beklagt den Ungehorsam Magdeburgs gegen den Kaiser, "ihren |
245 Bräutigam und Herren", 1) und Gott sagt in der letzten Strophe,
dass ohne ihn keine Macht bestehe.
Ein Folioblatt mit Kupfer CC apit ulationes, Was ge-
stalt . . . Gräften von Tilly . . die alte Junckfrau zu
Magdeburg verheirat worden . . ., 1631D führt Weller,
Annalen 1, 147, nr. 741 an [; reproduziert bei Winter,
Gesch. des dreissigjährigen Krieges 1893, S. 367]. Derselbe
1; 161, nr. 827 nennt auch ein Gedicht 'Heimführung des
Magdeburgischen Hoch zeiters, Herrn Grav Tilly . . . Ge-
druckt zu Magdeburg durch der Braut noch hinderlassene
Befreunde. 1632. 5 In einem Spottlied auf den bei Leipzig
geschlagenen Tilly Tyllische Confect-Gesegnung' (Weller, Die
Lieder des dreissigjährigen Krieges S. 193 ff.) heisst es, Tilly
habe sich in Sachsen eine Braut auslesen wollen, die ihn in
seinem Alter wärmen solle, sie habe sich aber lange gewehrt.
Bis er sie endlich mit Feuer zwang
Und auszog ganz nackend und bloss.
Da sasse sie zwar in seim Schoss,
Doch nichts als Unwilln war bei ihr,
Weil sie verloren all ihr Zier.
Drauf Tylli sie fein trösten kund
Mit seinem List vergiften Mund:
') In der Strophe, die der Kaiser selbst spricht, nennt er Magde-
burg 'seine älteste Tochter'.
47. Um Städte werben. 405
'Wir wolln uns wo] wider schmückn,
Mir unserm Heer in Meissen rückn,
l'iuli Leipzig wolln wir uns kleiden
Und versehn mir vilen Gschmeiden,
Auch Confect zu unser Hochzeit
Daselhs spendiren solin die Leut,
Zu Dresden alles unser Leid
Verkehrt soll werdn in grosse Freud.1
Diss alles aber ihm fehl schlug u. s. w.
In einem andern Spottlied (Hildebrand, Historische Volks-
lieder nr. 56) wird der geschlagene Tilly also angeredet,
Strophe 4. ."> und 6 :
Sag, was bringstu für Ruhm darvon,
Dass du Magdeburg gewonnen?
Pfui ewig ist dies Spott und Hohn.
Uu bist mir aus Furcht entronnen.
Tvlli, du werest doch ein Hanrei,
Die Magd ist dir nicht nütze.
Ich rath dir. deines gleichen frei,
Eine alte Klosterpfütze.
Tvlli, du Ligistischer General,
Wo seind nun deine Thaten?
Viel Schlachten ohne Feind überall,
Vor "Werben wolt dirs nicht gerathen,
Das macht, du hast ein Jungfrau geschwächt,
Ihr Brüder und Schwester erstochen,
Ihr Statt verbrant, drum geschieht dir recht,
Unschuld muss sein gerochen. |
Tvlli, du hast dich hochvermessen, 246
Zu Leipzig woltstu sie kleiden,
Zu Wittenberg halten die Brautmesse,
Zu Dresden die Hochzeitsfreuden u. s. w.
In einem Lied, betitelt 'Romanisch Jubilate, Spanisch
Cantate über Magdebnrgisch EjulateJ (Hildebrand nr. 52), dessen
einzelne Strophen verschiedene Personen und Personifikationen
sprechen, sagt Tilly:
Ein stolze Magd, ein ketzrisch Dirn,
Die sonst von Wall und Steinen
Unüberwindlich war vorhin,
Durch mich bethört, muss weinen.
4()G Zur Volksdichtung.
In den folgenden Strophen, welche Magdeburg selbst,
die Elbe, Herzogenbnsch und die 'aufrichtigen Favoriten1,
womit die schwedisch gesinnten Fürsten gemeint sind, sprechen,
wird Magdeburg als eine keusche, aber verräterischerweise
geschändete Dame dargestellt. Eine 'erbärmliche Klage . . .
der Magdeburgischen Damen5 bei J. Opel und A. Colin,
Der dreissigjährige Krieg S. 217 [Ditfurth, Volkslieder des
30 jähr. Krieges 1882, S. 150] beginnt:
Ach ich elende Dama,
Wie hab ichs so versehn,
Um meine Zucht, Ehr und Schäme
Ist es nun ganz geschehn.
Mein Buhl hat mir zerrissen
Mein Ehren-Kränzelein
Viel Wunden mir geschmissen,
Das mag eine Liebe sein !
Ein Lied, welches Weller, Annalen 1, 157, nr. 790 an-
führt, ist betitelt: 'Schwanen-Gsang der Nohtgezüchtigten
Jungfrawen Magdenburg.3 Dagegen in einem Gedicht
Tropemticon Tillycum5 bei Opel und Cohn a. a. 0. S. 261
wird die Jungfrau nicht als wirklich entehrt betrachtet. l) Es
heisst da (V. 36 ff.):
Freu dich, du edle Magd, du bist noch ungeschändet.
Den alten geilen Bock hat zwar die Lieb geblendet,
Die Lieb, ein Huren-Lieb, begehret dein in Unehr,
Drum hast mit Ruhm und Ehr dich gesetzt zu der Wehr.
Was hat er nun von dir? Hat dir zwar abgenommen
Dein Kränzlein mit Gewalt, nichts mehr hat er bekommen . . .
Man führt nicht stracks die Braut, wenn man bei einem Tanz
Einem Mägdlein mit Gewalt abnimmt ihren Kranz. |
') [So verantwortet sich auch die 1655 von Karl Gustav ein-
genommene Stadt Elbing in einem von Toppen (Zs. des westpreuss.
Geschichtsv. 39, 168) abgedruckten Liede:
Man gibt mir Elbing Schuldt, das ich die schönste Zierde
Der keuschen Jungfrauschafft sambt meiner hohen Würde
Willig vcrlohren hab ; ich aber sag hierbey,
Ob die Xohtzüchtigung freywillig Huhren sey.j
47. Um Städte werben. 407
Freu dich, du edle Magd, lass deinen Kummer schwinden, l'17
Es wird in kurzer Zeit ein ander Kränzlein winden
Ein hochgeborne Frau und krönen dich aufs neu,
Sie ist schon auf dem Weg, du edle Magd, dich freu!
Ja nach einem Liedtitel bei Weiler 2, 419, nr. 1213 ist
der Jungfrau nicht ihr Kranz geraubt worden, sondern man
hat ihn ihr nur rauben wollen: 'Ein Newes Lied, Welches die
Juugfraw zu Magdeburg in ihrer bedrengnus, da man sie vmb
jhr wolerworbenes Kräntzlein gewaltsamlich bringen wolte,
mit traurigem Muth gesungen' [Berlin Ye 6613: 'Könnet jhr
Nymphen denn noch ewre Stimm erzwingen', 56 Str. — Auch
ein nach der Schlacht bei Breitenfeld entstandenes Gedicht
in Alexandrinern Tyllischer Nachklang" 1631. 4° (Archiv für
Littgesch. 6, 58. 84) führt die Vergleichung Magdeburgs mit
einer Braut durch. Bei Ditfurth 1882, S. 199 wird Tilly
augeredet: 'Weil hast die Magd geschändet'.] So viel von
Dichtungen in deutscher Sprache auf Magdeburg und Tilly,
denen sich einige in lateinischer anreihen mögen. Martin
Opitz dichtete ein lateinisches, aber von ihm selbst auch ins
Deutsche übersetztes Epigramm, welches M. E. Neumeister
in seinem Specimen dissertationis historico-criticae de poetis
germanicis p. 77 bekannt gemacht hat l) und welches so
lautet:
lila diu Yirgo, temerati nescia lecti,
Mille petita procis, inille negata procis,
Quam Carolus quondam, quam Marchio nuper amavit,
At nunquam duxit ille, nee iste diu:
Quippe maritus erat Caesar, sed Episcopus hie est,
Et vetitum timuit cauta puella torum;
Tillyadi, morosa licet, nunc jungitur: hoc est,
Casta probo, innupto virgo, vetusta seni.
') Ohne dass Opitz als Verfasser genannt wird, teilt es J. Yulpius,
Magnificentia Parthenopolitana, Magdeb. 1702, S. 2G4 aus 'Gregor.
Winterm. Histor. Leipzig. Relat. Contin. VIII' mit. Aus Xeumeister hat
•es Triller in seine Ausgabe des Opitz 2, 824 aufgenommen. Trotzdem
brachte es Ebert in seinen Überlieferungen 1, 27 als 'ungedrucktes
Epigramm von Opitz1 aus einem deutschen Reisejournal aus dem An-
fange des vorigen Jahrhunderts. [Vgl. Rubensohn im Beiblatt zur
Magdeburgischen Zeitung 1897. 13. Dezember.]
40- Zur Volksdichtung.
Die stets alleine schlief, die alte keusche Magd,
Von tausenden gehofft, und Tausenden versagt,
Die Carl zuvor, und itzt der Marggraf hat begehret,
Und jenem nie, und dem nicht lange ward gewähret,
Weil jener ehlich war, und dieser .Bischof ist *),
Und keine Jungfrau nicht ein frembdes Bett erkiest,
Kriegt Tilly. Also kömmt itzt keusch und keusche Flammen,
und Jungfrau und Gesell, und alt und alt zusammen, j
248 Von Paul Fleming haben wir zwei hierher gehurige
lateinische Epigramme, eins davon auch von ihm verdeutscht
(Paul Flemings Lateinische Gedichte, herausgegeben von
J. XI. Lappenberg, S. 195):
Mag d ebur gum.
Passa torum, non passa virum, de nocte triumfo,
quae suprema meae visa pudicitiae.
Visa fuit, sed visa fuit, non laesa reveni.
Quei pote, virgineum jus violare senem ?
Jam mihi solicubae redeunt cum tempore lunae,
dum meus ex merito vulnera raptor habet.
Non mihi dedecori subigi potuisse. Perennat
laudes innocuam posse redire meas.
') Man vergleiche in dem besprochenen 'Magdeburgischen Hoch-
zeitlied' die sechste Strophe:
Vermeinter Bischoff zu Hall.
Mir zwar bei solchen Ehren
Kein "VVeib zu freien ziemt,
So will mich doch beschweren,
Dass sie ein'n Andern nimt.
Hab ich ohn' Recht mit Vortheil
Ein Bisthum g'nommen an,
So hoff' ich auch ohn1 Nachtheil,
Die Magd zu führ'n darvon.
Gemeint ist der Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg, Erz-
bischof von Magdeburg, seit 1614, in welchem Jahr er sich zu vermählen
beschloss, Administrator des Erzbistums, zu Halle residierend. 1628 war
er vom Kaiser geächtet und vom Domkapitel abgesetzt worden, im
Juli 1630 erschien er plötzlich in Magdeburg und wurde von der Bürger-
schaft freudig aufgenommen. Bei der Eroberung Magdeburgs geriet er
in kaiserliche Gefangenschaft.
47. Tili Städte wcrl. en. 409
L i ]> s i a.
Qui modo se uudae jactabat nähere sponsae
atque indotato concubuisse torc-,
Lipsia, restitues, ait, hujus taedia damni,
hinc venict dominae dos sat opima meae.
Dixerat et voti plenus veniebat habendi,
jani procus ipse tarnen nudus inopsqüe fugit.
Nunc redit atque, o si, dioit, mea nupta uianeres,
pauperiem reproho nullus, am ata, tuain.
Von dem ergebenen und wieder abgenommenen Leipzig.
Der newlich sieh vermass, er habe sich vertraut
nur einer naeketen und unbegabten Braut,
sprach: Leipzig sol mir schon den Mangel bald ersetzen,1)
daran wir Liebenden uns wollen wol ergetzen, |
kam drauf Begierde voll und meint1, er hett' es schon. 249
Itzt fleucht der Freiersmann selbst bloss und arm darvon;
nun läuft er zu ihr zu und spricht: Ich wil sonst keine;
ich würfe dir nichts vor, bliebst du nur, Arme, meine.
In Georg (1 logers, des Freundes von Paul Fleming,
Decas latino-germanicorum Epigrammatum (o. 0. 1631) ist
das siebente überschrieben Triga virtutum Tyllianarum in vitia
degenerata3. Man habe bisher an Tilly dreierlei gerühmt,
nämlich dass er nie ein Weib berührt, nie sich berauscht und
') Vgl. in den oben mitgeteilten Stellen aus Spottliedern auf Tilly
die Verse des einen [Archiv f. Littgesch. 6, 58]:
Umb Leipzig wolln wir uns kleiden
Und versehn mit vilen Gschmeiden —
und des andern :
Tylli, du hast dich hoch vermessen,
Zu Leipzig wolstu sie kleiden.
Ein Folioblatt mit Kupfer vom Jahre 1631, im Besitz der Grossherzogl.
Bibliothek zu Weimar (s. auch Weller, Annalen 1, 151, nr. 764) enthält
unter der Überschrift 'Der zornige frantzösische Schneider' ein ge-
leimtes Gespräch zwischen Tilly und einem französischen Schneider,
welchen Tilly 'vor kurzer Zeit, als er zu Magdeburg gefreit', nach
Leipzig bestellt hat, um dort für seine Braut die Hochzeitskleider zu
machen, dem er aber nun erklären muss, es seien 'viel Hindernisse, wie
fast bei allen Heiraten pflegen fürzufallen', eingetreten, weshalb er die
Hochzeit etwas aufschieben müsse: dann seien auch in Leipzig die
Waren zu teuer. [Abgedruckt Archiv für Littgesch. <i, 66.]
410 Zur Volksdichtung.
nie eine Schlacht verloren habe; nun aber habe er die Magde-
burgische Jungfrau geschändet, sich in Blut berauscht und
sei geschlagen.
Toto nunc audit in orbe
Helluo, scortator, Tylliadesque fugax.
Ein Pseudonymes Gedicht Xessus honori et immortali-
tati inclytae Viraginis Magdeburgicae 10. Maii A. MDCXXX1
immaniter vitiatae sacratus a Musa Aretii de Franchise ex
antiquissima Acestae familia', dreimal im J. 1631 gedruckt,
wie G. Droysen a. a. 0. 3, 597 nachweist, auch bei Vulpius,
Magnificentia Parthenopolitana S. 265 f., redet die unglück-
liche Stadt unter anderem so an:
O felix virgo ! sed dum innuba virgo manebas,
Aurea fulgebant dum fiavo vertice serta:
Nupta jaces inter ferrum cineresque cruentos,
Horrida, languida, squallida, pallida, tabida stupro, -
und dann den Tilly:
Sic sponsas tractare soles? Hoc pignus amoris,
Has arrhas tradis? Sic tu sponsalia pangis?
Trux, torve, immanis, crudelis et eifere amator! j
250 Deutsch findet sich dasselbe Gedicht in einem Druck
von 163*2, welchen Opel und Cohn a. a. 0. S. 220 ff. wieder
abgedruckt haben, ohne Verweisung auf das lateinische Original,
welches sie nicht gekannt zu haben scheinen. [Der Verfasser
ist Dietrich von dem Werder; vgl. Witkowski, D. v. d. Werder
1887, S. 124 und Fränkel, Zs. f. d. Phil. 22, 349.] Soviel
über Magdeburg und Tilly.
Das bisher Mitgeteilte gehörte bis auf das Lied auf die
Belagerung von Lille und seine Umdichtung auf die von
Belgrad dem 17. Jahrhundert an. Aus dem 18. Jahrhundert1)
') [Ein dänisches Lied (Nyerup-Rasmussen, Udvalg af danske
Viser 1, 99. 1821. Svend Grundtvigs Nacblass auf der Kgl. Bibl. in
Kopenbagen nr. 32 b, II C, nr. 5) schildert die 1718 von Karl XII. be-
lagerte Festung Friedrichshall als die hübscbe Jungfer im Xorden,
die König Friedrich liebt (Kehrzeile: cDet haver man vel hört, Kong
Friderik hau elsker hende'), um die aber auch König Karl wirbt. Sie
lÜHst ihn jedoch durch ihren Kammerdiener, den Kommandanten, ab-
weisen. — Auch schwedische Dichtungen verwerten, wie uns Prof.
Iv Wrangel in Lund freundlich mitteilt, dasselbe Motiv. So die auf den
47. Uni Stallte werben. -1 ] 1
kenne ich ausser dem erwähnten Lied nur noch ein hierher
gehöriges Gedicht, nämlich die 'Unterredung zwischen
dem Könige und der Stadt Breslau und den Oest-
reichern, so bey der letzten Uebergabe den 19. Dec. IT.'iS
[vielmehr 1757] geschehen', welche C. G. Kühn in seiner
kleinen Sammlung Treussische Soldatenlieder und einige
andre Volkslieder und Zeitgedichte aus dem Siebenjährigen
Kriege und der Campagne in Holland von 1787J (Berlin 1852),
S. 1 1 nach einem fliegenden Blatt wieder abgedruckt hat
j[= Ditfurth, Die histor. Volkslieder des siebenjährigen Krieges
1871, S. 50].
Das in Alexandrinern verfasste Gedicht ist teilweise offen-
bar sehr korrumpiert. Die Stadt stellt sich auch hier als
reine Jungfrau dar, die sich dem preussischen Kriegshelden,
der sich in der Liebe zu ihr 'that ganz und gar versenken0,
anfangs nicht ergeben will und ihren Jungfernkranz zu be-
haupten hofft, sich endlieh aber doch ergiebt, Die drei vor-
letzten Strophen sprechen die Preussen, sie schildern die
'Hochzeit', die letzte ist den klagenden Österreichern in den
Mund gelegt.
.Sieg von Narva 1700 gedichtete 'Giötha Kiäinpa Wisa oni Koningen
och Herr Päder*, die Hanselli (Sainlade vitterhetsarbeten af svenska
författare 6, 81. 1863) unter die "Werke von Gunno Eurelius (Dahlstierna)
stellt, während Schuck sie Israel Holmström zuschreibt:
Herr Päder han drömde en dröm om a Xatt,
Da var alt om sä veener ena Möja etc. (116 Str.)
Ferner das bei demselben Anlass entstandene Lied bei Arwidsson,
Svenska Fornsänger 2, 382 (1837). Hier lautet Str. 5:
Czar Petter han beddes af Narva en dans;
Men Narva tä munde sig vägra.
cAldrig', sad' hon, 'Ryssen bekommer min krans'.
1709 stellt Andreas Kydelius Schonen und ihre Tochter Elsa (Helsing-
borg) bedrängt von einem dänischen Courtisan dar, wie auch ein anderes
Lied eine "Werbung von Trideman Danske' (Friedrich von Dänemark)
um die dem König Karl allzeit getreue Frau Skänilla in einem halb
dänischen, halb schwedischen Gespräche schildert (E. Wrangel, Skänsk
«likt och visa under Carl XII s krig, Lund 1894, S. 27—30. Abdruck aus
Lunds Weckoblad). Schweden erscheint als gefangene Jungfrau 1 7:5 4
bei Olof von Dalin (Witterhetsarbeten 4, 236. 1767).]
412 Zur Volksdichtung.
Aus dem 19. Jahrhundert kann ich nur Rückerts
cBrauttanz der Stadt Paris' [Poet, Werke 1868 1, 20s]
anführen. Offenbar durch das im Wunderhorn stehende Lied
auf Prinz Eugen und die Stadt Lille, in dessen Strophenform
es auch gedichtet ist. angeregt, hat es dabei doch viel Origi-
nelles. Die Stadt Paris ist als Frau dargestellt, deren 'Kebs-
mann3 Napoleon sich von ihr 'geschieden" hat. Die Alliierten
kommen, ihr 'einen neuen zu freien3, und wollen ihr den
Brauttanz tanzen. Nach anfänglichem Widerstreben ist Paris
bereit, den König Ludwig zu nehmen.
Ob das zuerst mitgeteilte Gedicht auf die Belagerung
Magdeburgs durch Wallenstein in der That das älteste deutsche
ist, in welchem eine Belagerung ausführlich als eine Braut-
werbung dargestellt worden, wer will das sicher zu behaupten
wagen? Jedenfalls lag gerade bei Magdeburg wegen seines |
i''">l Namens und wegen seines Wappens, welches eine Jungfrau
mit einem Kranz in der Rechten darstellt, und weil die Stadt
noch niemals erobert, also gleich einer Jungfrau noch unbe-
rührt war,1) der Gedanke doppelt nahe. Den Reim, den
ihre Belagerung durch Karl V. veranlasste, haben wir oben
erwähnt, und auf dieselbe Belagerung dichtete Erasmus
Alberus (f 1553) das folgende Epigramm (s. Joh. Vulpius
a. a. 0. 157):
Teutonicas urbes inter clarissima virgo,
Jure tuum cingit parta corona Caput;
Nam neque blanditiae potuere dolique minaeque,
Nee tibi virgineum vis vitiare decus.
Non bomini tribueuda, Deo sed gloria soli est,
Ineolumi per quam salva pudere Dianes.2)
') In einer prosaiseben 'Zeitung' über die Tillysche Eroberung
Magdeburgs bei Droysen a. a. 0. 3, 601 heisst es: 'die feste Stadt
Magdenburg, welche bis daher noch eine Jungfrau ist gewesen'.
2) [Rubensohn weist noch auf die lateinische Elegie des 1560 ver-
storbenen Petrus Lotich ius 'De obsidione urbis Magdeburgensis' (Opera
1603, p. 42) bin, die 1631 verschiedentlich verdeutscht wurde. Hier
wird, mit deutlicher Anspielung auf das Magdeburger Wappen, die über
ihren dereinstigeu Untergang klagende Jungfrau Magdeburg eingeführt:
Tili Städte werben.
•t l 3
.M;iu bemerke übrigens noch den Unterschied, dass, während
Magdeburg gern als Jungfrau gedacht wird, weil es noch nie
erobert wurden war, wie wir es denn auch oben konsequent
als 'alte Jungfrau3 bezeichnet fanden, die anderen Städte ganz
ohne Rücksicht darauf, ob sie schon früher erobert worden,
nur für den einzelnen eben vorliegenden Belagerungsfall als
Jungfrau oder auch, wie Lille, als Frau - gedacht werden.
Nacht rag.
Die beiden ersten Strophen des S. 238 [hier 894] mitgeteilten
Liedes auf die Eroberung von Breisach sind auch geistlich um-
gedichtet worden als Anfang eines Liedes über den englischen
Gruss. (v. Ditfurth, Fränkische Volkslieder 1, '21.)
1. In Galiläa ein Jungfrau wohnt
Von grossen Qualitäten,
In Nazareth ganz wohl bekannt.
Von hohen Dignitäten.
Etealisch ist sie anzusehn,
All Engel Gottes nach ihr stehn,
Mit Lieb1 sie zu bereden.
2. Von Gott der Engel Gabriel
Gesandt zur Jungfrau reiset,
Und vor derselben niederfällt,
Sein Reverenz beweiset.
Er sprach: Maria, sei gegrüsst!
Von Gott allein bist auserkies't,
Von Engeln hoch gepreiset.
[Vgl. noch L. Fränkel, Um Städte werben und Verwandtes.
Zeitschr. f. deutsche Phil. 22, 336—354 (1890), der jedoch
auf viele mit unserem Thema nur in losester Verbindung
.stehenden Stelleu eingeht.]
Stabat arenoso vetus urlis in margine ripae,
Omne cruentato niilite cincta latus.
Castraque spectabat virgo de moenibus altis,
l'allor, an in laeva serta füere manu.
Flebat et invitis miscebat fletibus iram,
Turrigero longas vertice scissa comas: . . .
'Hei mihi, qualis erit (quod abominor) exitus urbis,
Concidet hostili si reserata manu?
Quis fcenerum pavidae latus hauriet ense puellae,
Virginitas cuius praeda latronis erit?']
414 Zur Volksdichtung.
48. Über Toppen, Volkstümliche Dichtungen,
(Göttingische gelehrte Anzeigen 1873, 1241-1250.)
Volkstümliche Dichtungen zumeist aus Handschriften des 15.,
1(1. und 17. Jahrhunderts gesammelt. Ein Beitrag zur Geschichte der
schönen Litteratur der Provinz Preussen von Dr. M. Toppen, Direktor
des Gymnasiums zu Marienwerder. Königsberg. Gedruckt in der Albert
Rosbach'schen Buchdruckerei. 1873. 8°. 108 S. (Besonderer Abdruck
aus der Altpreussischen Monatsschrift, Band 9, Heft 4 — 7)
Diese Dichtungen zerfallen in drei Abteilungen. Die
erste (S. 1 — 71) enthält historische Lieder und Sprüche,
von denen die Mehrzahl hier zum erstenmal gedruckt ist,
Sie haben nur geringen oder keinen dichterischen, wohl aber
sprachlichen und geschichtlichen Wert, und letzterer besonders-
wird von dem Herausgeber in Einleitungen und Anmerkungen
zu den einzelnen Stücken ins Licht, gesetzt. Wenn es S. 6,
Strophe 7 heisst: cden schätz haben sie warlich vorsehen',
so war hier zu bessern rdie schantz\ Vgl. Frisch, Wörter-
1242 buch 2, 161f7 und Schade, Satiren und Pasquille aus | der
Reformationszeit 1, 235 (z. V. 528). — Der Ausdruck cgute
treuge schlage' (S. 35) wird manchem Leser nicht gleich
verständlich sein. Man vgl. Vilmars Idiotikon von Kurhessen
S. 417 und Frommanns Deutsche Mundarten 6, 65, und wegen
der Form ftreuge' Weinholds Beiträge zu einem schlesischen
Wörterbuche S. 100. Merkwürdig und mir unerklärlich
gebraucht ist das Wort ankleiben auf S. 39, Str. 4:
Solchs thäten sie dem könige schreiben,
sein gnad wolt ihn geben rat,
wie sie es möchten ankleiben,
dass bei solch einer mächtigen Stadt
kein Geld nicht wäre vorhanden.
Eine niederdeutsche Recension des Liedes bei Liliencron, Die
historischen Volkslieder 3, 553, hat dafür:
Solk dedens dem koninge schriven,
sin gnade wolde en geven rad,
wo se et mochten erkleren,
dat bi sulkere mechtigen stad
kein Geld was vorhanden.
-
48. Über Toppen, Volkstümliche Dichtungen. 415
Was bedeutet S. 65, Z. 7 das Wort barsem? Die Stelle
lautet: . . . 'kartaunen und notschlangen, valckenet, feld-
geschutz, kurze und langen, sambt barsem, hacken und ander
gewehr\ Bei Frisch 1, 67» linde ich: 'Barsen, Goldast in
Constit. Imper. in Lehens: Empfahung Ferdinandi I. An. L530
in dem Ritter-Turnier dabey: Es sind bey drey Rossen ver-
büget und schadhaft ig worden, dann sie haben kein Barsen
oder Geliger geführt," An beiden Stellen haben wir wohl in
Barsem und Barsen ein und dasselbe Wort, aber in ver-
schiedenen, mir nicht j klaren Bedeutungen. [Barse = kleines 1243.
Last- und Kriegsschiff; kleines Geschütz. Schiller- Lübben,
Mnd. Wtb. 1, 154 und Nachtr. 31.] Das Wort osmund
iS. 66: stein, osmundt, pulver und schrodt) wird den wenigsten
Lesern bekannt sein. Frisch 2, 34c hat: cO sein und, Schwe-
disches Eisen, von einer Stadt dieses Namens', und bringt
dann einen Beleg aus Coleri Haus-Buch. P. Albinus in der
Meissnischen Bergk-Chronica, Dresden 1590, S. 122 sagt: 'Das
allerbeste Eisen wird in Schweden gemacht, so man Osemuth
nennet'. S. 67 durfte der Leser eine Erklärung der dort vor-
kommenden polnischen Worte erwarten.
Die zweite Abteilung (S. 72— 97) bietet über 130'Sprüche,
enthaltend Lebenswahrheiten und LebensregelnJ. Der
grösste Teil derselben ist einer von dem Danziger Michael
Hancke um 1629 angelegten Handschrift entnommen, welche
ausserdem noch Lieder, Rätsel, Glückwünsche, Schwanke,
historische Auszüge und Kalenderbetrachtungen enthält. Sehr
viele der mitgeteilten Sprüche sind in gleicher oder
doch ähnlicher Form schon anderwärts her bekannt, und der
Herausgeber selbst hat manche derartige Nachweise gegeben.
Der Raum dieser Blätter gestattet mir nicht, alle die Nach-
weise, die mir zur Hand sind, hier mitzuteilen, nur auf einige
wenige muss ich mich beschränken. Zu dem Spruch nr. 6:
'X jar ein kint, XXjar ein Jüngling u. s. w.' vgl .man Goedeke,
Pamphilus Gengenbach S. 559 ff., besonders S. 584. Der
Spruch nr. 15: 'Wuchs Laub und Gras als Geiz, Neid und
Ilass, so ässe manche Kuh desto bass\ findet sich in einer
Handschrift des 15. Jahrhunderts (von der Hagen, Gesamt-
416 Zur Volksdichtung.
abenteuer 1, 188), also: 'Wuchs laub und gras als neid und
1244 liass. es äss oft ein ros dester | bass'. Vgl. auch Mones
Anzeiger L839, Sp. 5 16. — Der Spruch ur. 16:
Wenn wir betten einen rechten Glauben,
• i'itt und gemeine Nutz vor Augen,
Einerlei .Mass, Ellen unde Gewichte,
Gut Friede und rechte Gerichte,
Einerlei Münz und gut Geld,
So stunde es wol in dieser Welt —
findet sich auch aus einer älteren Quelle vom J. 1577 bei
HoffmanD von Fallersieben, Spenden 1, 151, also:
Hätten wir Alle einen Glauben,
Gott und den gemeinen Nutz vor Augen,
Guten Fried und Gericht,
Ein Ellen, Mass und Gewicht,
Eine Münze und gut Geld,
So stünde es wol in aller Welt.
[Bruun, Aarsber. 2, 121. Goedeke,Reinfritv. Braunschweig S. 110
Germania 19, 98.] Mit letzterer Fassung stimmt die nieder-
ändische aus der zu Campen 1550 gedruckten Sammlung
'Ghemeene Duytsche Spreekwoorden" bei Meijer, Oude neder-
landsche spreuken en spreekwoorden, Groningen 1836, S. 16.
Mone vergleicht damit in seinem Anzeiger 1837, Sp. 324
folgenden Spruch aus einer Handschrift des 16. Jahrhunderts
in Karlsruhe:
Carolus, spar dich got gesunt,
Mach ain glouben, ain niass, ein müntz, ein pfunt,
Thu warhait und gerechtigkait beschirmen,
So wirt dich gewislich niemant stirmen.
Zu dem Spruch nr. 22: 'Ich lebe und weiss nicht, wie
lang u. s. w.3 verweise ich auf meinen Aufsatz in Pfeiffers
Germania 6, 368—372 [unten 241]. — Die Sprüche nr. 44 und
1245 50 sind vielmehr | sog. apologische Sprichwörter. Das
erste, welches in E. Höfers bekannter Sammlung derartiger
Sprichwörter (Wie das Volk spricht. Sprichwörtliche Redens-
arten. Siebente, neu durchgesehene und vermehrte Auflage.
Stuttgart 1873) nicht vorkommt, lautet: 'Wechseln ist
kein Raub, sagte der Landsknecht, da er ein Pferd von der
48. Über Toppen, Volkstümliche Dichtungen. 417
Weide stahl und eine Laus an die Stelle setzte'. [Vgl. Mon-
tanus, Schwankbücher 1899, S. 282 nr. 24.] Das zweite
'Das lieisst Schweine baden, sagt der Teufel und erseuft
einen Wagen voll Münch und Nonnen3 findet sieh auch in
Luthers Tischreden nach Höfer nr. L833: 'Das lieisst Sau
geschwemmt, sprach der Teufel und ersäufte einen Wagen
voll Mönche'. — Zu nr. 51: 'Wer vor 20 Jahren nicht
hübsch wird und vor 30 Jahren nicht stark u. s. w.1 ver-
weise ich auf Goedeke, P. Gengenbach S. 590 f. - - Der Spruch
nr. 79 lautet:
Wer ein böses Weib hat am Sontage,
Der fahre ins Holz am Montage,
Hawe Prügel am Dienstage,
Schlage tapfer darauf am Mitwoeh,
Do lieget sie krank am Donnerstage,
Stirbt endlieh am Freitage,
Lest sie begraben am Sonnabend,
So bekompt hernach der Mann ein frölichen Sontag.
In einem Stammbuch des 17. Jahrhunderts auf der Grossh.
Bibliothek zu Weimar (nr. 34) findet sich der Spruch in
folgender Fassung:
Wann dein Weib ist zornig am Sonntag,
So gehe ins Holz am Montag,
Haw ein Brigel am Erechtag,
Schmier sie ab am Mittwoch .
Legt sie sich krank am Pfinstag,
Macht das Testament am Freitag, 1246
Holts der Teufel am Samstag,
Hast darauf ein ruhigen Sonntag.
In Christoph Andre Hörls von Wättersdorflf Bacchusia oder
Fastnacht-Land (München 1677) S. 24 findet sich folgende
Variante des Spruches ("jenes Soldaten -Recept für die bos-
haftigen Weiber '):
Hast ein bös Weih am Montag,
Tractiere sie freundlich am Erchtag,
Wills nicht helfen am Mittwoch,
Gib ihr guet Stöss am Donnerstag,
Thuts kein gut am Freitag,
Hols der Teufel am Sambstag,
So hat der Mann einen guten Sontag.
Kohl er. Kl. Schriften. Jil 27
418 Zur Volksdichtung.
[Vgl. Bolte, Archiv f. neuere Spr. 98, 298 f. — Der Spruch
nr. 58 'Amor vincit omnia; das leugstu, spricht Pecunia5
weist auf den im Mittelalter öfter behandelten Streit zwischen
Minne und Pfenning zurück, vgl. Bolte zu Schumanns Nacht-
büchlein S. 400 f. und zu Freys Gartengesellschaft S. 282.] —
In dem Spruch nr. 112: 'In der Kirchen andechtig' u. s. w.,
von dem sich Varianten bei Keil. Ein denkwürdiges Gesellen-
Stammbuch S. 29 und bei Keller, Gute alte Schwanke nr. 54
finden, lautet eine Zeile: bei Potentaten sitzig. Sitzig ist
natürlich falsch, und es wird witzig oder sittig zu lesen sein.
— Der Spruch nr. 117 lautet:
O wie ich lachte,
Da mir der Wirt Bier brachte,
O wie ich sangk,
Da ich Bier trank,
O wie ich fluchte,
Da ich Geld suchte,
O wie ich mich kram,
Da mir der Wirt den Mantel nam.
Zu kram bemerkt der Herausgeber: 'grämte?' Mau ver-
gleiche jedoch das Grimmsche Wörterbuch 5, 2308. Eine
1247 Variante dieses Spruches | findet sich als Wirtshausinschrift
bei Haltrich, Deutsche Inschriften aus Siebenbürgen S. 45
Ach wie ich lachte,
Wie mir der Schenker den Wein brachte ;
Ach wie ich fluchte,
Als ich das Geld suchte.
Aber wie schwer kam es mich an,
Wie der Schenker mir den Rock nahm.
Zu dem Spruch nr. 120: 'Ein schöne Jungfrau, darvon
ich sage, Die sol haben ein He übt von Präge' u. s. w. ver-
gleiche man ausser den Sprüchen, auf welche der Herausgeber
in seiner Anmerkung hinweist, einen von Massmann in den
Heidelberger Jahrbüchern 1827, S. 357 aus einer Müncheuer
Handschrift mitgeteilten Spruch und die Nachweise Liebrechts
in diesen Anzeigen 1868, S. 1919 [oben S. 32]. — Zu nr. 133,
dein Sprucli von der Ewigkeit und von dem Vöglein,:
welches alle 1000 Jahr ein Körnlein von einem Sandberg'
48. Über Toppen, Volkstümliche Dichtungen. 419
furtträgt. verweise ich auf meinen Aufsatz 'Ein Bild der Ewig-
keit' in der Germania 8, 305 — 307 [oben 2, 47]. zu dem sich
mir seitdem eine Menge Nachträge ergeben haben. -- Zu nr. 134
'Ich bin ein kolmischer Bauer. Mein Leben wird mir
sauer n. s. w.J vergleiche man die im Grimmsehen Wörterbuch
1. 1141» (unter Bast) ohne Quellenangabe mitgeteilten Verse:
'Ich bin ein liefländisch Bauer' u. s. w. [E. Pabst, Das alte auf
unsere Undeutschen gedichtete Liedlein, Reval 1848. Leyer-
Matz lt>(>8, nr. 297. Toppen und Arnold, Zs. des westpreuss.
Geschichtsv. 39, 135. 40, 2.] — Hervorzuheben ist, dass unter
den Sprüchen nr. 61 — 78 und 108 — 111 sog. Leberreime
(vgl. W. Wackernagel, Geschichte der deutschen Litteratur
S. 429) sind, darunter recht sinnige und anmutige. [Bartsch,
Sagen 2, 86. Erk-Böhme nr. 1750. Nd. Jahrb. 10,59. 14,92.]
Die dritte Abteilung endlich ( S. 98—108) bringt noch
<! 'vermischte Gedichte' aus | der oben genannten Hancke- 1248
sehen Handschrift. Das erste und längste ist überschrieben
'Taf fei und Gastrecht, wie sich ein jeder in der Herberge
verhalten soll, durch Daniel Brodacht, Buchhaltern und
Rechenmeistern der Altenstadt Königsberg in Preussen". Es
ist sittengeschichtlich von erheblichem Wert. So kommt z. B.
darin die Sitte des Anbinden s beim Namenstag vor (vgl.
J. Grimms Kleinere Schriften 2, 192):
Wann du anlegest ein neues Kleid,
Und komt eben einmal die Zeit,
Dass man dich binde laut deinem Namen,
Den du in der Taufe genomen au,
So soltu u. s. w.
Wenn in demselben Gedicht (S. 10*2) unter den 'unnutzen
Gästen" auch solche genannt werden, welche 'bescheiden Tisch.
Kann, was da sei', so ist offenbar beschneiden zu lesen:
es sind Gäste, welche mit dem Messer in die hölzernen Tische
und Kannen und was sonst da ist, schneiden. — Das zweite
Gedicht hat an seiner Spitze folgenden Spruch:
Armut macht Demut,
Demut macht Forderunge,
Forderunge macht Reichtumb,
27*
420 Zur Volksdichtung.
Reichtumb macht Ubermuth,
Übermuth macht Krieg.
Krieg macht Armut.
Jede Zeile dieses Spruches wird nun in je zwei vierteiligen
Strophen von einem Sohn und dessen altem Vater besprochen.
Ich werde nächstens an einem andern Ort [oben 2, 66. j über
den seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland und in der
1249 Schweiz, in Frankreich und in England bekannten Spruch
handeln. Die nun folgenden vier Lieder sind, was dem
Herausgeber entgangen zu sein scheint, sämtlich schon ander-
wärts her bekannt, Das Lied: 'Hätte ich die sieben
Wünsche in meiner Gewalt' stimmt genau mit dem nieder-
deutschen Lied in Unlands Volksliedern ur. 5, B. [Erk-Böhme,
Liederhort nr. 1081. Bolte, Nd. Jb. 13, 63.] — Das folgende
Lied: 'Sag (an), was hilft alle Welt mit allem Gut und
Geld?' ist ein bekanntes, in zahlreichen altern, evangelischen
und katholischen Gesangbüchern stehendes Lied des Thüringers
Johann Matthäus Meyfart (f 1642). [Erk-Böhme nr. 2147.
Bäumker, Das kath. Kirchenlied 2, 317. Nicht von Meyfart.]
Hancke hat übrigens die zwei letzten Strophen des Liedes
weggelassen. — Das dritte Lied: 'Der Wächter an der
Zinnen stand und hub an und sangJ findet sich in einem
vollständigem und bessern Text bei U bland nr. 98. Str. 1 und
6 und 7 des letztern Textes fehlen im Hanckeschen Texte,
wie Str. 6 und 7 auch in dem niederdeutschen Texte fehlen,
s. öhlands Schriften 4. 109. Wenn es im Hanckeschen Texte
oder wenigstens in Töppens Abdruck heisst:
Sobald sprach da ein Greif fer,
Ein alter greisser Mann — ,
so liegt hier ein Fehler vor, sei es ein Schreibfehler, oder
ein Lesefehler, oder ein Druckfehler. Bei Unland lautet
die Stelle :
Zuhand sprach sich ein altgreise.
Ein alter greisgrawer man.
Endlich das letzte Lied: 'Ich fuhr mich über Rhein, auf
einem Lilgenblatte' ist eine Variante zu Unland nr. 260
49 a. Mich wundert, dass ich fröhlich hin. 4'Jl
die, wie es scheint, mit dem Text eines fliegenden Blattes
vom An-I fang des 17. Jahrhunderts übereinstimmt, der von 1250
Unland in den Anmerkungen (Schriften 4. 240) angeführt wird.
[Erk-Böhme nr. 157 b.]
Ich schliesse diese Anzeige mit dem Wunsche, dass sie
zur Verbreitung der dankenswerten schätzbaren Sammlung
einiges beitragen möge.
49 a. Mich wundert, dass ich fröhlich bin.
(Germania 6, 368—373. 1861.)
Unter den vielen schönen deutschen Sprüchen, die in
rechter Stimmung einmal gelesen sich für immer dem Ge-
dächtnis einprägen, scheint mir in erster Reihe der folgende
zu stehen:
Ich leb und weiss nit wie lang,
Ich stirb und weiss nit wann,
Ich far und weiss nit wohin:
Mich wundert, dass ich froelieh bin.
So findet er sich mit der Unterschrift 'Hsec magister Marti uns
in ßi brach 14983 auf einem Buchdeckel, wonach ihn Mone
abgeschrieben und im Anzeiger für Kunde der deutschen
Vorzeit 1X35, Sp. 207 bekannt gemacht hat1).
In derselben Form findet der Spruch sich gegen vierzig
Jahre später in einer Schrift Luthers, der es für der Mühe
wert hielt ihn zu bestreiten, ein Beweis, wie beliebt er damals
sein musste. Die Stelle findet sich in der Schrift 'Das XIII I.
und XV. capitel Johannis gepredigt und ausgelegt. Witten-
berg 1538, 4°, Bl. Jiij1' [Werke, Erlanger Ausgabe 49, 54 f.].
Nachdem Luther nämlich Christi Wort 'Ich bin der Weg'
erklärt, fährt er also fort: 'Sihe, so haben wir uu dises Spruchs
und des herren Christi meinung, wie er uns wil füren von
!) In sinniger "Weise hat W. Wackernagel mit dem Spruche sein
Altdeutsches Lesebuch (2. Aufl.) geschlossen.
422 z"r Volksdichtung.
allen andern umbschweifenden, weitleuftigen und fliegenden
gedanken und allein an sich zihen, auf dass er uns gewehne
diesen weg zu gehen, damit wir darauf erfunden werden,
wenn alle ander wege aufhören, denn er wil hiemit seine
jünger und Christen dazu rüsten und bereiten, dass sie
immerdar gewarten des ganges zu jenem leben, als
369 solt er sagen: | Es wird im viel anders mit euch werden, weil
ich von euch scheide. Der tod wird euch täglich unter äugen
stossen und werdet alle stunden warten müssen, dass man
euch wird martern, würgen und aus der weit jagen, dass ir
auch müsset den weg gehen, den ich izt gehe aus diesen
leben. Darumb sehet zu, dass ir alsdenn wisset wohin ir
den fuss zum ersten setzen sollet, und den weg treffet, der
euch tragen kau, das ist, dass ir fest an mir hanget etc.
Dass ir nicht also zappelt und zaget wie die so von mir nichts
wissen und iren reim füren:
Ich lebe und weiss nicht wie lange,
Ich sterbe und weiss nicht wenn,
Ich fare und weiss nicht wohin :
Mich wundert, dass ich frölich bin.
So sollen die sagen, so diese lere nicht wollen hören, noch
den weg annemen und ir leben laug vergeblich ander wege
suchen, denn also stehet und muss stehen des menschen
herz, so es on Christo ist, dass es immerdar hanget und pam-
pelt in solchem ewigen zweivel, schrecken und zagen, wenn
es des tods gedenkt, dass es nicht [weiss?] wo aus, wolt
gerne dem tod und der hellen entfliehen, und weiss doch
nicht wie, wie sie selbs mit diesem reim bekennen. Aber •
ein Christ, als der diesen weg kennet und schon augefangen
hat darauf zu gehen, sol das blat umbwenden und fröhlich
also sagen: Da behüt mich Gott für, dass ich solt sterbeu i
und von hinnen faren und nicht wissen wo hin, denn ich bin
ja in Christum getauft und gleube, dass er mein heiland ist
und der weg dadurch ich gen himel komen sol. Darumb
ob ich wol nicht weiss wie lang ich hie bin, oder wenn ich
diesen madensack ablegen sol, doch weiss ich, dass ich mit
im ewiglich leben werde. Ob im der alte sack die äugen
49 a. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 423
und alle sinne zuthut und nicht weiss wo er bleibt, da ligt
nicht an, denn er sols auch nicht wissen noch füllen, sondern
sich auf dem rücken zum kirchhof tragen und unter die erden
scharren lassen und zu pulver werden bis so laug" in Gott
wider auferwecken wird. Aber doch als ein Christen weiss
ich, Gott lob. wol, wo ich hin faren und bleiben sol, denn
es ist mir zugesagt durch taufe und absolutio, item im sacra-
ment. Darumb sol ein Christ nur getrost diesen reim umb-
keren und also sagen:
Ich lebe und weiss wol wie lang,
Ich sterbe und weiss wol wie und wenn
(nemlich alle tage und stunden für der weit). |
Ich fare und weiss wol wohin: 370
Mich wundert dass ich noch traurig bin.'
Mit fehlender erster Zeile bringt Stöber, Elsässisches
Volksbüchlein (2. Aufl. 1859) 1, 146 den Spruch bei aus
JVIaternus Berler, von Ruffach [1510—20], Chronik Bl. 246 a
im Code diplomatique de Strassbourg 1. 129:
Ich stirb und wais nitt wan,
Ich far und wais nitt wohin,
Mich niempt wunder das ich frelich bin.
Ebenfalls mit fehlender erster Zeile, auch sonst entstellt
und mit dem Zusätze eines andern Spruches fiudet sich unser
Spruch in einer Tübinger Handschrift, wohl aus dem 15. Jahr-
hundert, mitgeteilt von Keller in seinen Altdeutschen Gedichten
S. 242:
Ich stirb und weiss nicht wem (!)
Ich var und weiss nicht wohin,
Mich wundert dass ich so frolich bin
Das ich hab, das mag ich nicht,
Das ich mag, das hab ich nicht,
Herzen lip, vergiss mein nicht!
Vollständig, aber mit Hinzufügung zweier neuen Zeilen
steht der Spruch auf einem Gemälde, das sich über dem
westlichen Eingange der Franziskanerkirche zu Heilbronn
befunden hat, wie E. Meier in seinen Schwäbischen Volks-
liedern S. 268 mitteilt, ohne jedoch über das Alter der In-
schrift etwas zu bemerken, nämlich also:
424 Zur Volksdichtung.
Irh Lebe und weiss nicht wie lang,
[ch Bterbe und weiss nicht wann,
Ich fahr und weiss nicht wohin:
Such nimmt wunder dass ich so fröhlich bin.
Wenn ich bedenke den Tod und die ewige Pein,
So sollt ich nicht so fröhlich sein.
In Elsass schreiben die Kinder nach Stöber (a. a. 0. 1,
62) noch heutzutage hantig in ihre Schulbücher:
Durch Christi Blut bin ich erkauft
X. bin ich getauft
N. beiss ich
Gott ist mein Trost, das weiss ich,
Ich leb und weiss nicht wie lang,
Ich sterbe und weiss nicht wann, |
371 Ich reise und weiss nicht wohin,
Mich wundert dass ich noch fröhlich bin.
In einer eigentümlichen tiefsinnigen Fassung las Heinr.
v. Kleist, der im Jahre 1801 eine Zeitlang am Thimer See
in einem kleinen Landhanse lebte, nnsern Spruch an einem
Hause jener Gegend. Er schrieb damals an Heinrich Zschokke
in Bern, wie dieser in seiner Selbstschau 1, 205 mitteilt:
'Wenn Sie mir einmal mit Gessner die Freude Ihres Besuches
schenken werden, so geben Sie wohl Acht auf ein Haus an
der Strasse, an dem folgender Vers steht:
Ich komme, ich weiss nicht von wo.
Ich bin, ich weiss nicht was,
Ich fahre, ich weiss nicht wohin,
Mich wundert dass ich so fröhlich bin.
Der Vers gefällt mir ungemein und ich kann ihn nicht ohne
Freude denken, wenn ich spatzieren gehe5.
Es scheint mir nun nicht unwahrscheinlich, dass dieser
Spruch nicht ohne Einfluss auf eine Scene der Hermanns-
schlacht Kleists gewesen ist. In diesem Drama nämlich Iässt
der Dichter im vierten Auftritte des letzten Aktes den Varus
im Teutoburger Walde nachts einer Alraune begegnen und
sie also fragen:
Auf diesen Weg, den ich im Irrthum griff,
Stammmütterchen Cheruska's, sag mir au:
Wo komm ich her? Wo bin ich? Wohin wandr' ich?
49b. Zu Arihiv 8, 133 und 12, 474. 425
Die Alraune Varus, o Feldherr Roms, <las sind drei Fragen!
Auf mehr nicht kann mein Mund dir Rede stehn !
V a r u s. Sind deine Worte so geprägt,
Das* du wie Stücke Goldes sie berechnest?
Wohlan, es sei, ich bin damit zufrieden!
W o k o in in i e h h e r ?
Die Alraune. Aus Nichts, Quintilius Varus!
Varus. Aus Nichts? — Ich komm aus Arkon heut
— Die römische Sybille, seh ich wol,
Und jene Wunderfrau von Endor bist du nicht.
Lass sehen, wie du die andern Punkt' erledigst!
Wenn du nicht weisst, woher des Wegs ich w andre:
Wenn ich südwestwärts, sprich, stets ihn verfolge,
Wo geh ich hin? |
Die Alraune. Ins Nichts, Quintilius Varus. 372
Varus. Ins Nichts? — Du singst ja, wie ein Rabe!
Von wannen kommt dir diese Wissenschaft ?
Eh ich in Charons düstern Nachen steige
Denk' ich, als Sieger zweimal noch
Rom mit der heitern Quadriga zu durchschreiten!
Das hat ein Priester Jovis mir vertraut.
— Triff, bitt' ich dich, der dritten Frage,
Die du vergönnt mir, besser auf die Stirn!
Du siehst, die Nacht hat mich Verirrten überfallen:
Wo geh' ich her? Wo geh' ich hin?
Und wenn du das nicht weisst, wohlan :
Wo bin ich? sag' mir an, das wirst du wissen;
In welcher Gegend hier befind ich mich ?
Die Alraune: Zwei Schritt vom Grab', Quintilius Varus,
Hart zwischen Nichts und Nichts! Gehab dich wol!
Das sind genau der Fragen drei:
Der Fragen mehr auf dieser Haide
Gibt die cheruskische Alraune nicht.
Weimar, Juli 1861.
49 b. Zu Archiv 8, 133 und 12, 474.
(Archiv für Literaturgeschichte 12, 640. 18S4.)
Im 8. Bande des Archivs. S. 133, hat Ph. Kohlmann zu
der Stelle in Heinrieh von Kleists Hermannsschlacht (Akt V,
Auftritt 4). wo Varus die Airanne fragt: cWo komm* ich
her? wo hin ich? wohin wandr" ich?J bemerkt, dass dem
42G
Zur Volksdichtung.
Dichter hier ohne Zweifel jener Spruch vorgeschwebt habe,
der an einem Hause am Thuner See stand und den er
seinem Freunde Heinrich Zschokke in einem Brief mitgeteilt
hat. Ich habe damals unterlassen, in dieser Zeitschrift an
einen bereits 1861 von mir in der Germania 6, 368 — 72,
unter dem Titel 'Mich wundert dass ich fröhlich bin' ver-
öffentlichten Aufsatz zu erinnern, in welchem ich (S. 371)
erklärte, es scheine mir nicht unwahrscheinlich, dass jener
Spruch nicht ohne Einfluss auf die Stelle der Hermanns-
schlacht gewesen sei. Jetzt aber veranlasst mich die Miscelle
im letzten Hefte des Archivs S. 474 auf meinen Aufsatz hin-
zuweisen, da ich in demselben sieben, teilweise voneinander
abweichende Aufzeichnungen jenes Spruchs zusammengestellt
und die oben nur kurz erwähnte Erörterung Luthers über
den Spruch vollständig gegeben habe. Nachträge zu dem
Aufsatz werde ich nächstens in der Germania veröffentlichen.
49 e. Mich wundert, dass ich fröhlich bin.
(Germania 33, 313—332. 1888.)
Unter obiger Überschrift habe ich vor vielen Jahren in
dieser Zeitschrift (6, 368 — 72) einen Aufsatz über den Spruch
veröffentlicht, den Mone von einem alten Buchdeckel ab-
geschrieben und in seinem Anzeiger für Kunde der teutschen
Vorzeit 4 (1835), Sp. 207 x), also herausgegeben hatte:
Ich leb und waiss nit wie lang',
ich stirb und waiss nit wann,
ich far und waiss nit wahin,
mich wundert, das ich freilich bin.
ha?c magister Marti nus in Bibrach. 1498.
Ich erklärte in jenem Aufsatz, der Spruch scheine mir unter
den vielen schönen deutschen Sprüchen, die in rechter Stimmung
einmal gelesen sich für immer dem Gedächtnis einprägen, in
erster Reihe zu stehen, und wies darauf hin. da.ss W. Wacker-
') Nicht 307, wie in meinem Aufsatz verdruckt ist.
4!tc. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 427
nagel in sinniger Weise mit ihm sein Altdeutsches Lesebuch
geschlossen habe. Dann teilte ich eine längere Stelle mit
ans Luthers Schrift 'Das 14. und 15. Capitel Johannis
gepredigt und ausgelegt5, in der der Reformator den 'Heini'
anführt, bekämpft und abändert, und wies hierauf den Spruch
mit unwesentlichen Abweichungen aus zwei Handschriften des
15. und IG. Jahrhunderts und als Inschrift eines Gemäldes
einer Kirche in Heilbronn nach, ferner als Elsässer Kinder-
spruch und endlich in eigentümlich veränderter Fassung als
Inschrift, die Heinrich von Kleist, als er 1801 eine Zeit-
lang am Thuner See lebte, an einem Hause jener Gegend
fand und über die er an seinen Freund Heinrich Zschokke
schrieb, der 'VersJ gefalle ihm ungemein, und er könne ihn
nicht ohne Freude denken, wenn er spazieren gehe. Mein
Aufsatz schliesst mit dem Abdruck des Gesprächs zwischen
Varus und der cheruskischen Alraune in Kleists Hermanus-
schlacht, da ich es für nicht unwahrscheinlich hielt und noch
halte, dass der von Kleist so belobte Vers nicht ohne Einfluss
auf dies Gespräch gewesen ist1).
Mein Aufsatz ist, wie es scheint, wenig beachtet und 314
bald vergessen worden: es hätte so manches Mal auf ihn hin-
gewiesen werden sollen, aber es ist meines Wissens nie
geschehen.
Ich dagegen habe ihn nicht vergessen und den Gegen-
stand desselben nicht aus den Augen verloren. Ich habe
daher im Laufe der langen Jahre viel über Verbreitimg uud
Beliebtheit des Spruches, sowie über seine Herkunft gesammelt,
und ich glaube, dass es an der Zeit ist, alles dies hiermit
einmal zu veröffentlichen, wie ich bereits vor fast vier Jahren
im Archiv für Literaturgeschichte 12, 640 versprochen habe.
') Viel später hat auch Ph. Kohlmann im Archiv für Litteratur-
geschichte 8 (1878), 133 bemerkt, es könne keinem Zweifel unterliegen,
dass bei den drei Fragen des Varus an die Alraune dem Dichter der
Vers vorgeschwebt habe. Kohlmann hat von meinem Aufsatz nichts
gewusst, ebensowenig Schnorr von Carolsfeld, der im genannten Archiv
12, 474, an Kohlmanns Bemerkung anknüpfend, die oben erwähnte
Luther-Stelle mitteilt und auf Wanders Sprichwörter-Lexikon 2, 1849
verweist.
4-28 Zur Volksdichtung.
Ich mache zunächst auf einen Irrtum aufmerksam, der
mir zuerst bei J. von Radowitz, Die Devisen und Motto
des späteren Mittelalters, Stuttgart und Tübingen 1850, S. 86,
begegnet, aber in neuerer Zeit mehrfach wiederholt wurden
ist. Radowitz sagt a. a. 0.: 'Kann das Rätsel des Lebens
und Sterbens eigentümlicher ausgesprochen werden als in der
Grabschrift des Magisters Martinus von Biberach zu Heil-
bronn aus dem Ende des 15. Jahrhunderts?' — und giebt
dann den Spruch so, wie ihn Mone a. a. 0. mitgeteilt hat,
nur in V. 1 und 3 ohne 'und5 und mit einigen ortho-
graphischen Abweichungen. Radowitz hält also den von
'Magister Martinus in Biberach1 1498 in einen Buchdeckel
geschriebenen Spruch für des Magisters Grabschrift in
Heilbronn. Ebenso führt 0. Sutermeister, Schweizerische
Haussprüche, Zürich 1860, S. 70, zur Vergleichung mit einem
Hausspruch aus Turbenthal1) die 'Grabschrift des Magisters
Martinus von Biberacb zu Heilbronu 14983 an, und zwar
auch wie Radowitz ohne cund° in V. 1 und 3. Aus Suter-
meisters Büchlein ist die fGrabschriftD in eine Miscelle A. Kuhns
in seiner Zeitschrift für vergleichende Sprachwissenschaft 14
(1865), 457 2) und daraus wieder in einen kleinen Artikel
Max Müllers in der Londoner Wochenschrift 'The Academv .
23. August 1884, S. 12*2. übergegangen3). Endlich bezeichnet
r) Der Mensch gar lichtlich falt zu Grund,
Muss sterben und weiss nicht in welcher Stund.
2) Kuhn hat auf die Übereinstimmung der angeblichen Grabschrift
mit einem englischen Spruch in den Altdeutschen Blättern 2, 142, den
ich weiter unten mitteilen werde, hingewiesen.
3) M. Müller kannte damals auch nur die 'Grabschrift' und den
englischen Spruch, und vermutete eine gemeinsame lateinische Quelle
beider. CI should be glad1 — schrieb er - 'if one of your [i. e. the
Academy's] readers could point out the probably Latin source from
which the Englisli poet of the thirteenth Century and the Svviss [lies:
'Suabian'!] poet of the fifteenth Century have both derived their in-
spiration'. Erst in der Academy vom 24. Januar 1885, S. 63, erfolgte
der erhoffte Nachweis durch Fr. Novati, der einen Spruch aus seinen
•Carmina latina medii aevi' und eine Stelle eines dem Walther Mapes
zugeschriebenen Gedichtes beibrachte (siehe unten S. 326 und 328).
49 c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 429
auch | II. Draheim (Deutsche Keime, Inschriften des lö. Jahr- 315
hunderts und der folgenden. Berlin 1883, S. 20 . der Radowitz.
aber auch Mone citiert, ihn dennoch als cGrabschrift\ Ich
weiss nicht, ob Radowitz den Irrtum einem Vorgänger nach-
geschrieben oder ihn selbst zuerst begangen hat; alter wer
auch der Urheber des Irrtums sein mag, wie kam er dazu.
den Spruch für eine Grabschrift zu halten, wozu er sich doch
gar nicht eignet, und die Grabschrift nach Heilbronn zu ver-
legen? An letzterem ist vielleicht die oben erwähnte Inschrift
eines Gemäldes in einer Kirche zu Heilbronn, auf die ich
auch weiter unten noch zurückkomme, schuld gewesen.
Ich teile nun mit, was mir seit meinem ersten Aufsatz
vom Vorkommen des Spruches in Handschriften und Büchern
des 15. bis 17. Jahrhunderts bekannt geworden ist.
Auf dem zweiten Vorsetzblatt einer Mai hing er Hand-
schrift ist er, wie G. Schepss im Anzeiger für Kunde der
deutschen Vorzeit 1878, Sp. 88, mitgeteilt hat1), wohl im
Anfang des 16. Jahrhunderts folgendergestalt niedergeschrieben
worden :
Ich leb vnd ways nit wie lang
Ich stirb ich wais nit wan
Ich far vnd wais nit wohin
Mich nimpt wunder das ich so frolich bin.
Nach A. von Keller, Fastnachtspiele aus dem 15. Jahr-
hundert. Nachlese (Bibliothek des litterarischen Vereins in
Stuttgart. XL VI), S. 326, findet sich der 'Spruch Martins
von Biberach ' auch in einer Augsburg er Handschrift aus
dem zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts.
Luther hat den Spruch nicht nur an der in meinem
ersten Aufsatz mitgeteilten Stelle, sondern, wie mir seitdem
bekannt geworden, noch an zwei anderen Stellen citiert und
bekämpft. In seiner Predigt aus dem Jahre 1526: 'Die
J) Maihinger cod. lat., in folio (nicht wie im Anzeiger stellt: in 4")
mim. lo:J>. Herr Dr. Schepss hatte die Freundlichkeit, mich auf Beine
Veröffentlichung des Spruches hinzuweisen und zugleich diese Be-
richtigung beizufügen.
4H() Zur Volksdichtung.
Epistel des Propheten Jesaia, so man in der Christmesse
316 lieset, ausgelegt und gepredigt") sagt Luther: j
'Wir fahren aus diesem Leben in die Hände des Vaters,
ja dem Vater in den Schooss Darumb ist der Reim
und Spruch bei den Christen nicht wahr, da man spricht:
Ich lebe und weiss nicht, wie lange;
Ich sterbe und weiss nicht, wenne ;
Ich fahre und weiss nicht, wohin:
.Mich wundert, dass ich so'-) fröhlich bin.
Sölchs sollen sagen alle Ungläubigen, bei welchen solchs
alles wahr ist. Aber ein Christ weiss wohl, wo er hinfähret,
nämlich in eines3) Vaters Schooss; so weiss er auch wohl,
wie lange er lebt, und wenn er stirbet; denn er ist schon
todt und der AVeit abgestorben, und acht das Lehen für nichts.
Darum ists Wunder, wo er nicht fröhlich ist, und ist so gross
Wunder, als dass der Gottlose fröhlich kann sein. Aber wie
des Gottlosen Freude das Herz nimmer recht erfähret, also
ist das Trauren eines Christen auch nimmer recht im Grunde
des Herzen3.
Luthers dritte Äusserung über unseru Spruch ist zuerst
in Druck erschienen in der von Georg Rörer (Rorarius)
herausgegebenen Schrift 'Vieler schönen Sprüche aus Gött-
licher Schrifft auslegung, daraus Lere vnd Trost zu nemen,
Welche der ehnrwirdige [sie!] Herr Doctor Martinus Luther
seliger, vielen in jre Biblien geschrieben. Dergleichen Sprüche
von andern Herrn ausgelegt, sind auch mit eingemenget\
(Wittemberg, Hans Lufft 1547, 4°.) In dieser Schrift, die
mehrfach einzeln gedruckt und auch in die Gesamtausgaben
der Werke Luthers aufgenommen worden ist, findet sich von
') M. Luthers sämtliche Werke, 15. Bd., 2. Aufl. [= Luthers
Eirchenpostille. II. Evangelienpredigten. Herausgeg. von E. L. Enders,
6. Bd.] Frankf. a. M. 1870, S. 108. — J. A. Heuseier, Luthers Sprich-
wörter, Leipzig 1824, hat S. 30, nr. 117 diese Lntherstelle benutzt,
sowie S. 109, nr. 370 die der Predigt über das 14. Kapitel des Johannes.
2) cso' fehlt in einem der ältesten Drucke.
s) Zwei der ältesten Drucke haben 'seines'.
19c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 4.">1
dem Spruch 'So jemand mein Wort wird halten, der wird
den Tod nicht sehen ewiglich' folgende Auslegung1):
'Wie gros vnd mechtig ding ists, vmb einen Christen,
der da glaubt. Dem raus auch der Tod. Sunde vnd Teufel,
weichen. Vnd er fehet auch hie in dieser zeit das ewige
Leben an. Das macht Christus Gottes son. an welchs Wort
er gleubt.
Drumb solte ein Christ in diesem Reim.
Ich lebe, vnd weis nicht wie lang,
Ich mus sterben, weis auch nicht wann.
Ich far von dann, weis nicht wo hin,
Mich wundert, das ich so frolich bin. |
die letzten zweii Vers endern, vnd mit fröTichem mund vnd 317
hertzen so reimen.
Ich far vnd weis, Gott lob, wo hin,
Mich wundert, das ich so trawrig bin2).
Gut wers, das vnbusfertige sichere Leute diesen Reim,
wie er von Alters laut, jmer für äugen hetten, Ob sie der
mal eins da durch erinnert, klug wolten werden, das ist, in
sich schlagen vnd bedencken. das sie sterblich vnd keins
augenblicks jres Lebens sicher weren, Vnd also bewegt
würden. Gott zu fürchten. Busse zu thun vnd sich zu bessern.
Wie denn Mose in seinem Psalm, alle Adams kinder, zu Gott
1 ) Ich gebe die Stelle genau nach der Originalausgabe (S. x iij1'
und x iv). In der Frankfurt-Erlanger Luther-Ausgabe steht die Stelle
Bd. 52, S. 362. Ygl. auch 'Dichtungen von D. Martin Luther. Herausgeg
von K. Goedeke', Leipzig 1883. S. 139. — In Johannes Aurifabers
Schrift 'Auslegung etzlicher Trostsprüche, so der Ehrwirdige Herr,
Doctor Martinus Luther, jnn seiner lieben Herrn, vnd guten Freunden
Bibeln vnd Postillen, mit eigener handt (zu seinem gedechtnis) ge-
schrieben' (o. O. u. J. -1°) kommt die Auslegung nicht vor.
2I Luthers Änderung des Reims in der in meinem ersten Aufsatz
vollständig mitgeteilten Stelle aus seiner Predigt und Auslegung des
14. und 15. Kapitels Johannis lautet:
Ich lebe und weiss wol wie lang,
Ich sterbe und weiss wol wie und wenn.
Ich fahre und weiss wol wohin,
Mich wundert, dass ich noch traurig bin.
432 Zu'1 Volksdichtung.
also zu beten, ernstlich vermanet. Lere vns, HERR, bedencken,
das wir sterben müssen, Auff das wir klug werden.
Mart. Luth'.
Mit der hier von Luther vorgeschlagenen Änderung steht
der Spruch in einer Handschrift der Grossherzoglicheu Bibliothek
zu Weimar (0.67, S. HO1'), welche am Ende des 16. Jahr-
hunderts geschrieben ist und besonders geistliche Lieder und
Sprüche enthält '). Ebenso führt ihn A. Paudler, Nordböhmische
Volkslieder (B.-Leipa 1877) S. 44 an als cvon Bartholomäus
Schürer auf Grünwald im Jahre 1625 niedergeschrieben"2),
und steht er nach M. Toppen, Volkstümliche Dichtungen,
zumeist aus Handschriften des 15., 16. und 17. Jahrhunderts
gesammelt (aus der Altpreussischen Monatsschrift, Bd. 9,
besonders abgedruckt. Königsberg 1873), S. 77, nr. '2)3, mit
der Unterschrift 'Lutheri rythmusJ in einem Stammbuch der
Gymnasialbibliothek zu Tliorn (R. octavo 14)3). |
[Der dänische Dichter B. S. Inge mann, der durch den
Prediger F. Fenger auf Luthers oben abgedruckte Äusserung
hingewiesen worden war, wurde dadurch kurz vor 1855 zu
folgendem Liede angeregt, das 1872 im Tillaeg til Psalmebog
for Kirk- og Hus-Andagf nr. 810 Aufnahme fand und, wie
Herr Rudolf Schmidt mir schrieb, häufig gesungen wird:
1. Jeg lever og ved, hvorlsenge fuldtröst ,
Jeg lever, til Herren mig kalder;
Jeg lever og venter den kaldende Rost;
Jeg lever som Gj festen paa fremmed Kyst,
Til Faderen Barnet hjemkalder.
2. Jeg dör, og jeg ved, hvad Time det sker,
Det sker i Beskikkelses-Stunden;
Jeg dör, naar mit Oje Fuldendelsen ser,
Jeg dör, naar ej Döden truer mig mer,
Men Kilden til Livet er funden.
') Z. 2 lautet hier: Ich mus sterben, weis nicht wann.
2) Die beiden ersten Zeilen lauten hier:
Ich lebe und weiss doch nicht wie lang,
Ich muss sterben und weiss nicht wen.
3) Z. 2 lautet hier: Ich sterbe undt weiss nicht wan. — In Z. 4
fehlt cso\ - - Toppen verweist auf die Wittenberger Ausgabe der Samm-
lung 'Viel schöner Sprüche .... Auslegung' vom Jahre 1559, S. 135h.
49 c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 433
3. Jeg rejser og ved, hvor Itejsen gaar hen,
Den gaar til Gruds evige Rige;
Jeg rejser til Aandernes Fader og Yen.
Til Landet, hvor aldrig med Sorg igjen
Fra Sjivlene Sjadene vige.
4. Jeg lever et saligt Liv alt i (unl.
Jeg dör kun for evigt at leve ;
Jeg rejser med Glsedens det evige Bud,
llvi aander jeg ikke den Gla?de ud
Hver Stund, jeg i Verden mon leve!]
In einer Handschrift des 15. Jahrhunderts, welche Gebete 318
und Minieres enthält, steht, wie mir ihr Besitzer Dr. Oswald
Zingerle freundlichst mitgeteilt hat, auf einem ursprünglich
leergelassenen Blatt von einer Hand des 17. Jahrhunderts
nebst anderen Versen auch unser Spruch, von Magister
Martins Niederschrift nur orthographisch und durch 'Ich far
•dahin' und 'so frelich' abweichend.
Auch in der Sprichwörtersanimlung 'Der Teutschen Weiss-
heit von Fridericus Petri\ Hamburg 1605. dritter Teil, Seite
Put viija, weicht der Spruch von Magister Martin nur durch
die Rechtschreibung und durch 'nicht' und 'sterb' ab.
Dagegen lautet er in Christoph Lehmanns Tlorilegium
Politicum' nach Hoffmann von Fallersleben, Spenden zur
deutschen Literaturgeschichte 1 (Leipzig 1844), S. 77 (vgl.
auch des letzteren Findlinge 1, 463):
Ich lebe, weiss nicht wie lang,
Ich sterbe, weiss nicht wann,
Ich fahre, weiss nicht wohin,
Mich wundert, dass ich noch so fröhlich bin.
Ebenso, nur mit 'leb', csterb\ 'fahr' und Weglassung von
''so', giebt ihn K. F. W. Wander, Deutsches Sprichwörter-
Lexikon 2, Sp. 1849, nr. 56, und verweist dazu auf (i ruter
(Flori legi uiii ethico-politicum, Frankf. 1610 — 12) 3, 52;
Petri (Der Teutschen Weisheit) 3, 7; (Simon) Pauli.
Postilla •_'. 235a; Heuseier (Luthers Sprichwörter) 117 und
370; Simrock (Die deutschen Sprichwörter) 2811. Sodann
1 giebt Wander noch Luthers Änderung des Spruches aus dessen
; Predigt über das 14. Kapitel Johaniiis und schliesst mit fol-
! gendem Citat, das ich leider nicht nachschlagen kann: 'Vor
Köhler, Kl. Schriften. HI. 28
^34 Zur Volksdichtung.
Zeiten haben die Klosterleute gesagt: Ich lebe, und weiss
nicht u. s. w.' Herberger (Hertz, Postille, Leipzig 1612) 2, 210.
[In Jacob Funckelins Tragödie vorn reichen Mann und
armen Lazarus (Bern 1551. Akt 5, Sc. 1) ruft der reiche
Mann sterbend aus:
O solt ich ewig syn vff erden!
Ich bsorg, mir werd vil würss dort werden.
Ich stirb vnd far, weiss nit wohin,
Wie künd ich jmmer frölich syn!
Joh. Chr. Rinder, Deutliche Merkmaale, dass dem Herrn Dr.
Gaar sein Gewissen müsse geschlagen haben (Jena, um
1755) S. 50:
Ich fahre, ach! ich fahr' und weiss doeli nicht wohin,
Weil meiner Seligkeit ich nicht versichert bin.]
Zu dem Vorkommen des Spruches mit fehlender erster
Zeile (Germania 6, 370) habe ich jetzt folgendes nach-
zutragen. In einer ohne Ort und Jahr (wahrscheinlich zu
Tübingen 1501) erschienenen Sammlung von Schriften Heinrich
Beb eis, welche der 'Liber hymnorum in nietra noviter redac-
torura3 eröffnet, befinden sich auch cVersiculi quidam Henrici
Bebelii lustingensis egregias sententias in se coutinentes',
d. h. in lateinischen Hexametern und Distichen verfasste Über-
setzungen von zehn deutschen Reimsprüchen, welche letztere
immer der Übersetzung nachfolgeu. Darunter lesen wir, nach
319 G. W. | Zapf, H. Bebel nach seinem Leben und SchriftenJ
Augsburg 1802, S. 1361) an zweiter Stelle:
Cur ego mortalis possum letarier unquam ?
Tempus enim, quo sum vel moriturus, erit.
Sed quando immineat, nunquam cognoscere possum,
Et quo perveniam, nescius atque miser,
Ich stirb vnd waiss nit wan,
ich far vnd waiss nit wa hin,
mich nempt wunder, das ich frelich bin.
Genau dieselben drei Zeilen und mit der Unterschrift
'Heinrich Bebel in Tübingen 1497' giebt Wilhelm Krühne
unter anderen 'deutschen Volksdevisen aus dem 14., 15., 16
und 17. Jahrhundert aus handschriftlichen Stammbüchern' in
') Vgl. auch W. H. D. Snringar, H. Bebeis Proverbia Germanica,
Leiden 1879, S. 164..
49c. Mich wundert, ilass ich frülilich bin.
435
Westermanns [llustrirten Deutschen Monatsheften nr. 78,
März 1863, S. 620.
Ich wende mich nun zu dem Vorkommen unseres Spruches
als Inschrift.
Schon im ersten Aufsatz (S. 370) konnte ich nach E. Meier,
Schwäbische Volkslieder S. 268, mitteilen, dass er, um zwei Verse
vermehrt, früher sich als Gemälde-Inschrift in der 1688 von den
Franzosen verbraunten Franziskanerkirche in Heilbronn be-
funden hatte. Hierzu habe ich folgende interessante Nachträge.
Die königliche öffentliche Bibliothek in Stuttgart besitzt
zwei Exemplare einer handschriftlichen, 1729—31 von Friedrich
Ludwig Kunze! verfassten Geschichte Heilbronns, das eine
(Cod. histor. 4°. 134) in lateinischer und deutscher, das andere
(Cod. histor. fol. 528) nur in deutscher Sprache. In letzterem
findet sich (Bl. 40) eine Zeichnung des Gemäldes mit unserem
Spruch, von der ich hier eine Wiedergabe1) nebst dem, wasKiinzel
dazu schreibt, folgen lasse: c0b dem Eingang der kirchen gegen
westen war in eben diesem gewölb (d. h. in dem mit bemalten
Brettern beschlagenen Decken- | gewölbe) ein besonders gemählt 320
zu seilen, umb welche [sie!] diesse reimen zu lesen waren:
f 4{ftaX]]pßtfrWL<?M
l) Sie ist nach einer Durchzeichnung gefertigt, die Herr Bibliothekar
Dr. Hermann Fischer in Stuttgart (jetzt Professor in Tübingen), nach-
dem er mir von Künzels Handschrift freundlichst Nachricht gegeben
und ich ihn um ein Facsimile der Abbildung gebeten hatte, die grosse
Gefälligkeit gehabt hat selbst zu machen.
28*
436
Zur Volksdichtung.
Ess sind zwar diesse reimen wohl in der gantzen Christen-
heit bekand, wenige aber auch von den Gelehrten wissen,
dass diese Kirch der ortli gewessen, von welchen [sie] sie
ursprünglich hergekommen sind'.
Kanzel verweist dann noch auf den andern Theil der
Memorabilinm des Johannes Wölfin s pag. 822, d. h. auf
Johannes Wolf, Lectionum memorabilium et reconditarum
tomus II, Lauingae 1600, mit dem Bemerken, dass die von
Wolf beigefügte Figur völlig nicht aecordire und die zwei
letzten Verse ausgelassen seien. Die Worte Wolfs, der seine
letzten Lebensjahre in Heilbronn verbrachte und daselbst im
Jahre 1600 starb, mögen hier als Seitenstück zu den obigen
Äusserungen Luthers einen Platz finden, ebenso wie der
allerdings von Künzels Abbildung sehr abweichende Holz-
schnitt. Wolf schreibt:
Dubia salus Concilii Tridentini.
De salute jeterna et redemtore suo dubitandum esse
Christianis, huc usque docuerunt Papistae : immemores statuti,
quod, dubius sit
habendus pro in-
fideli: et haue
doctrinam suam
eos non puduit
tarn verbis quam
publicis scriptis
et picturis passim
exprimere: ut in j
321 exemplum huius
reperitur in qua-
dam primaria ad
Neccararn urbe
figura cum rhvtli-
mis sequentibus,
in templo Francis-
canorum ad sup-
rema laquearia
depieta. Sed
4'.ir. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 437
huius blasphemi in Salvatorem, et quod a quibusdam etiam
[esuitis improbatur, commenti causas mox audiemus.3
Auch in der von dem königlichen statistisch -typo-
graphischen Bureau in Stuttgart herausgegebenen 'Beschreibung
des Oberamts Heilbronn3 (Stuttgart 1865) ist des Bildes und
seiner Inschrift gedacht, und letztere mitgeteilt. Es heisst
da S. 182: 'Am westlichen Portal waren Christi Marter- 322
Werkzeuge dargestellt mit der Inschrift: Ich leb. und weiss
nicht wie lang,
Eine Inschrift, die später weithin verbreitet worden ist'.
Nach der 'Beschreibung3 a. a. 0. hatten die Mönche 1">17
die Kirche mit Deckengemälden, acht Heilige darstellend,
versehen lassen. Man wird wohl annehmen dürfen, dass
auch unser Gemälde damals gemalt worden ist. also zu einer
Zeit, wo der Spruch schon lange bekannt und verbreitet war.
Im Schlosse Tratzberg in Tirol, und zwar in dem
ältesten Zimmer, das von alters her, auch in Inventarien,
das Maximilianszimmer geheissen hat. ist unser Spruch an
das Wandgetäfel mit Kreide also geschrieben:
ICH Leb Waiss Nit Wie Lang
Und Stürb Waiss Mt Wan,
Muess Fahren Weiss Nit Wohin,
MICH Wundert Dass Ich | So Freiich Bin.
Die Tradition schreibt die Inschrift dem Kaiser Maximilian
zu. der oft in Tratzberg geweilt hat, und die Schrift ist des-
halb vor etwa vierzig Jahren sorgfältig erneuert worden.
Nach Herrn Dr. Oswald Zingerle kann aber der Spruch von
Kaiser Maximilian nicht geschrieben sein, da der Charakter der
Schrift vielmehr auf das Ende des IG. Jahrhunderts hinweist1).
M Mein Freund Professor Dr. Ernst Kuhn in München hat mich
zuerst auf die Inschrift in Tratzherg hingewiesen. Er hatte in einem
Exemplar der Germania zu meinem ersten Aufsatz die handschriftliehe
Notiz eines Unbekannten gefunden, dass Kaiser Maximilian den Spruch
in einem Zimmer des Schlosses Tratzberg mit Kreide an die Wand
geschrieben habe. Das Nähere erfuhr ich dann durch gütige Yermitte-
lung des Herrn Professors Dr. Ignaz Zingerle von Herrn Graten Hugo
von Enzenberg, einem der Besitzer von Tratzberg, und von dem Sohne
438 Zur Volksdichtung.
Mehrfach hat man in neuerer Zeit den Spruch als
Inschrift an Häusern nachgewiesen.1)
So erzählt Karl Blind in The Acaderny' vom 30. August
1884, S. 139, dass er ihn vor mehr als vierzig Jahren an
einem Bauernhaus in der Rheinpfalz in folgender Fassung
gefunden habe:
Ich leb, ich weiss nicht wie lang,
Ich sterb, ich weiss nicht wann,
Ich fahr, ich weiss nicht wohin,
Mich wundert, dass ich sc fröhlich bin.
In der gleichen Fassung, nur mit der Variante 'und
weiss' statt 'ich weiss' und mit der Unterschrift 'Michael
323 Dengel. Anno 1766J ist j der Spruch von einem Haus in
Kelling in Siebenbürgen mitgeteilt. (Zur Volkskunde der
Siebenbürger Sachsen. Kleinere Schriften von Josef Haltrich.
In neuer Bearbeitung herausgegeben von J. "Wolf. Wien 1885,
S. 437.)
Nach K. Mündel, Haussprüche und Inschriften im Elsass,
Strassburg 1883, S. 21, steht an einem Haus in Sulzern im
Kreis Colmar:
0 Mensch, o Mensch, bedenk Dein Eud. denn Du wisse,
dass Du sterben musst.
Ja ich lebe und ich weiss nicht wie lang,
Ich muss sterben und weiss nicht wann,
Ich fahr und weiss nicht wohin,
Mich wunderts, dass ich so freudig bin.
Die kleine Sammlung 'Deutsche Haussprüche aus Tirol,
gesammelt von W. 0.', Innsbruck 1871, S. 28 2) bringt den
Spruch vom Domanig-Wirtshaus vor dem Schönberg und
aus Telfes in Stubai also:
Ignaz Zingerles, Herrn Dr. Oswald Zingerle, welcher letztere die grosaj
Güte hatte, sich eigens nach Tratzberg zu begeben und den Sprue!
mir abzuschreiben.
') [Nach Hörmann, Eaussprüche aus den Alpen 1892 S. 131 stellt er
';im Domanig Wirtshaus auf dem Schönberg; Var. Grasboden nr. 5:'> am
Schönberg; Schloss Tratzberg (IC. Jahrb.); Teiles in Stubai'.]
-) Aus bester Quelle weiss ich, dass die Buchstaben W.O. die Ge-
brüder Wolfram und Oswald Zingerle bedeuten.
49c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 43'.*
Ich leb', weiss nicht wie lang,
Ich sterb1 und weiss nicht wann.
Ich fahr", weiss nicht wohin,
Mich wundert, dass ich so fröhlich hin.
Ganz ebenso, nur mit 'Wie kommts" statt "Mich wundert1 hat
H. Dralieim a.a.O., S. 20, den Spruch mit der Bemerkung:
'Noch heutzutage an Häusern in Schwaz und im StubaithaU
[Graf Enzenberg erinnert sich, den Spruch auf einem jener
Prunksiebe gelesen zu haben, welche die Tiroler Fuhrleute
am Vordergiebel ihrer Lastwagen da, wo sich die Leinendecke
schloss, zu führen pflegten. — Nach Alois Menghins Bericht
lautet ein bei den Landleuten im Etschlande (Tramin, Kaltem,
Neumarkt) übliches Nachtgebet: 'Ich muss sterben. Ich weiss
nicht wie. ich weiss nicht wo, ich weiss nicht wann: aber
•das weiss ich, wenn ich in einer Todsünd stirb, bin ich ver-
loren auf ewig.']
Endlich findet sich in der Sammlung 'Deutsche Inschriften
an Haus und Geräth', Berlin 1865, S. 9, fünfte verbesserte
Auflage, Berlin 1888, S. 16, der Spruch in folgender Gestalt:
Ich lebe und weiss nit wie lang,
Ich sterbe und weiss nit wan,
Ich fahre aus und weiss nicht wohin,
Darum ich stets in Sorgen bin.
Ein Fundort dieser Fassung des Spruches ist in der 1.
und 2. Auflage nicht angegeben, aber in der 5. (die 3. und
4. sind mir nicht zugänglich) steht Heilbronn unter dem
Spruch1).
Dem Eisleber am 13. März 1616 gestorbenen Buchdrucker 324
Jacob Gaubisch schrieb ein Johannes Ende eine längere, dem
Verstorbenen in den Mund gelegte Grabschrift, die so beginnt:
*) In derselben Sammlung rindet sich zuerst in der '_'. Auflage
5. 14 (= 5. Aufl. S. 16) nachstehende Umänderung des Spruches, die mit
der einen Luthers (s. oben S. 317) fast ganz übereinstimmt:
Ich lebe und weiss wo! wie lang,
Ich sterbe und weiss wohl wann,
Ich fahre aus und weiss wol wohin,
Mich wundert, dass ich noch traurig bin.
Als Fundort ist Eisenach genannt, aber ich habe bisher vergeblich zu
ermitteln gesucht, wo der Spruch in Eisenach zu finden ist.
440 Zur Volksdichtung.
Icli leb und weiss je nicht wie lang,
Muss sterben zwar und weis nicht wann.
A.ch wie gehts doch so elend zu,
Hab ich doch weder Rast noch Ruh.
S. die Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Alter-
tumskunde 19 (1886), 373.
In neuerer Zeit hat Franz Hirsch unsern Spruch recht
hübsch als Refrain in einem Gedicht verwendet, welches in
der Deutschen Dichterhalle, Bd. 5 (Leipzig 1876) nr. 14, S. 221
veröffentlicht worden ist und hier wiederholt werden mag.
Der Yagant vor Mailand.
(Mit Benutzung eines alten Refrains.)
Sie fragten mich, warum ich so froh.
Wann ich geboren und wie und wo;
Woher mein Brot, wohin mein Weg,
Wohin mein müdes Haupt ich leg!
Pfaffen und Laien, Ritter und Knecht
Hören mein Lied, es ist ihnen recht;
Walther bin ich, der Erzpoet.
Wi>st ihr, wie mir der Glaube steht V
Ich leb', ich weiss nicht wie lang,
Ich sterb', ich weiss nicht wann,
Ich fahr1, ich weiss nicht wohin,
Mich wundert, dass ich fröhlich bin.
König Friedrich, ruhmreicher Kriegesheld,
Italiens Sonne bestrahlt dein Zelt;
Mailandbezwinger, ich folge dir;
Eia, wie flattert dein staulisch Panier!
Lombardische Mädchen, schwarz und weiss,
Euch tönt mein Sang laut und leis.
Laut in den Zelten bei Würfel und Wein,
Leise tönt's nächtlich im Kämmerlein:
Ich leb', ich weiss nicht wie lang u. s. w.,
Doch Eins in Welschland hat mich gekränkt:
Dass man den Wein mit Wasser vermengt,
Und dass bei den Frauen zu jeder Frist
Süsszüngelnd ein gelblicher Pfaffe ist.
Dich grüss' ich, deutsches Geländ' am Rhein.
Wo man den Roten rein schenkt ein.
Fort Heimweh! Töne Vagantenlied,
Das sehnend über die Alpen zieht:
Ich leb', ich weiss nicht wie lang, u. s. w.
49c. Mich wundert, dass ich fröhlich l>in. 441
[Auch bei Franz v. Kohell (Gedichte in oberbayerischer
Mundart, 5. Aufl. 1855, S. 81) klingt in dem Gedichte 'Ge-
dankV der alte Spruch durch:
Ja, ja, es is bsunders dees Lehn dahier,
Dass oana gern da waar, was kann er dafür,
Und do1 inuss er fürt, muss gar gschwindi dahi',
Oft wunderts mi', dass i' so tusti' b'i'.]
Ich lasse nun einige alte Umbildungen unseres Spruches
folgen. v)
In der München er Handschrift Clm. 9804 aus dem
15. Jahrhundert hat mein Freund Dr. Franz Weinkauff in Köln
folgenden Spruch gefunden:
Ich leb ich wais nicht wie ignis
vnd arhait ich wais nit wann terra
vnd stirb ich wais nicht wen aer
vnd var ich wais nich wo hin aqua
Welt der nach rieht dein sinn. ]
Was die Beischrift der lateinischen Worte für die vier Elemente 325-
bedeuten soll, darüber unterlasse ich Vermutungen zu äussern,
dagegen kann ich die Vermutung nicht unterdrücken, dass
Z. 2 'wem' (statt 'wann') und Z. 3 'wann' (statt cwenJ) ge-
lesen werden muss.
In der oben S. 317 [hier 432] erwähnten we im arischen
Handschrift folgt S. llla, unmittelbar nach dem Spruch mit
Luthers Änderung der beiden letzten Verse, nachstehende
Umarbeitung:
Du lebst dahin, weist nicht wie lang,
Must auch sterben, vnd weist nicht wan,
Du iehrst, weist kaum, wro ein,
Schau zu, wie führst das leben dein.
In einer Heidelberger Handschrift des 15. Jahrhunderts
steht nach K. Bartsch, Die altdeutschen Handschriften der
Universitätsbibliothek in Heidelberg, S. 26, nr. 62, 61a:
l) [Ohne Quellenangabe citirt II. K. v. M[eltzl], Goethe und das
Monstrum oder Hochzeit von Sonne und Mond (Klausenburg 1886) S. IT
'den alten deutschen Spruch' mit einer neuen zwischen dein 2. und 3.
Verse eingeschobenen Zeile: 'Ich komm, ich weiss nit woher.']
1 [~2 Zur Volksdichtung.
Kin gar gute kurtze nütze lere.
Wirp uinli gut du enweist weine Stirp du enweist wenne Var
du enweist alter nit war.
Endlich ist noch zu erwähnen, dass an einem Haus in
dem Tiroler Dorf Schupfe (nr. 97) folgender Spruch steht
(Deutsche Haussprüche aus Tirol, S. 28):
Ich stirb und reis', weiss nicht wohin,
Das kommt, weil ich nicht wachtbar bin. —
Dies ist es, was ich über die Verbreitung und mannig-
fache Verwendung unseres Spruches gesammelt habe. Jetzt
wende ich mich zu seiner Herkunft.
Es war mir. als ich meinen ersten Aufsatz schrieb, ent-
gangen, dass W. Wackernagel in der 1853 erschienenen zweiten
Abteilung seiner Geschichte der deutscheu Litteratur, S. 288
(§ 81), Anm. 37, ganz kurz bemerkt hat: 'Auch der Spruch
M. Martins von Biberach LB. 1, 1071 aus dem Lateinischen:
Aufsess und Mones Anzeiger 3, 32, 12. J
An genannter Stelle hat nämlich Mone unter anderen
lateinischen Versen caus dem 16. Jahrhundert von Buchdeckeln"
folgende leoninische, der lateinischen Prosodie Hohn sprechende
Hexameter mitgeteilt :
Tria sunt vere, quae faciunt nie semper dolere,
primum est durum , quia scio me niorituruni,
secundum timeo, quia nescio tempus quando,
tertium hinc flebo, quia ignoro, ubi manebu1). j
:32b Von diesen lateinischen Hexametern kann ich jetzt noch
sechs andere, unter sich in einzelnen Worten und Wort-
stellungen abweichende Texte beibringen.
In der englischen Übersetzung der Gesta Romanoruin,
welche in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts (British
Museum. MS. Harl. 7333) erhalten ist. liest man in der diesem
*) Suringar, a. a. O. S. 598, bemerkt zu diesen Versen: 'Violato
metro, quo singuli versus laborant, si quis mederi volet, scribere
poterit:
Sunt tria nain vere, faciunt quae me usque dolore:
Est primum durum, quoniam scio nie moriturum;
Tum sequitur, timeo, quia nescio tempora quando;
Postremum, flebo, quod nescio tum ubi manebo.'
49 c. Mich wundert, dass ich fröhlich hin. 443
englischen Texte eigentümlichen 'Moralite5 zur Geschichte von
den drei Kästchen1) nachstehendes:
And perfore saide a certayne saynt, in vitis patruni,
this in verse,
Sunt tria, que vere me faciunt sepe dolere.
Est primum durum, quoniam scio me moriturum:
Est magis addendo moriar, set [sie!] nescio quando;
Inde magis flehe-, quia nescio quo remaneho.
This is to say.
Thre thinges ben, in fay,
That makith me to sorovve all way:
On is that I shall henne;
An othir, I not neuer when ;
The thirde ist my most eare,
I wot not whethir I shall fare.
Secundum illud in vitas patrum, Ther ben iij. thingis pat l
drede; On is, pat I shall passe; anoper is, I not when. and
eome afore pe dorne; the third is, I not whedir pe sentence
shall go for me or agenst me.
Zu dieser Stelle bemerkt der neueste Herausgeber der
englischen Übersetzungen der Gesta Romandrum, dass sich in
einer Handschrift der Cambridger Universitätsbibliothek
<'MS. Ii, VI. 4, lf. 153, backJ) folgende cslightly different
Version3 der lateinischen Verse finde:
Sunt tria, que vere me faciunt sepe dolere.
Est primum durum, quia nosco me moriturum,
Est aliud dando planctum, quia nescio quando;
Et tercium flebo, quod nescio quo remaneho.
Eine vierte Version hat Francesco Novati in den cCarmina
medii aevf, Firenze 1883, S. 43 aus einer Handschrift der
Stadt Siena veröffentlicht, Sie lautet:
Sunt tria, quae vere faciunt me sepe dolere: 327
Est primum durum, quod scio me moriturum;
Est gemitus dando, quod moriar nescio quando;
Posterius flebo, quod nescio quo remaneho.
a) The Early English Versions of the Gesta Romanoruin. Formerly
edited hy Sir F. Madden for the Roxburghe Club, and now re-edited ....
by S.J. H. Herrtage. London 1879, S. 304.
■ 14 1 Zur Volksdichtung.
Einen fünften Text enthält ein im Britischen Museum be-
findlicher Holzschnitt des 15. Jahrhunderts, der die sieben
Lebensalter nebst der crota vite que fortuna vocatur0 darstellt1).
Am Fusse dieses Holzschnittes stehen folgende Verse:
Est hominis Status in floro significatus,
Flos cadit et periit, sie liomo cinis erit.
Si tu sentires, quis eases et unde venires,
Nunquam rideres, sed omni tempore fleres.
Sunt tria, que vere faciunt me sepe dolere:
Est primum durum, quod scio me moriturum;
Secunduni timeo, quia hoc nescio quando;
Hinc tercium flebo, quod nescio ubi manebo.
Eine sechste Fassung ans dem 16. Jahrhundert steht au
dem Chorgestühle der Schässburger Bergkirche und lautet
(J. Haltrich, Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen, S. "274):
Sunt tria vere que faciunt me sepe flere:
Est primum durum, quod scio me moriturum,
Gemo seeundo, quod morior nescio quando,
Tertio magis fleho, quod nescio ubi manebo.
Endlich eine siebente Fassung kenne ich nur aus Julius
We geler, Philosophia patrum, versibus praesertim leoninis,
rhythmis gennanicis adiectis, iuventuti studiosae hilariter
tradita, ed. III (Confluentibus 1874) nr. 2824, — ed. IV (1877)
nr. 3280. Leider hat Wegeier nicht angegeben, wo er die
Verse her hat. Sie lauten :
Tria sunt vere, quae me faciunt flere:
Primum quidem durum, quia scio. me moriturum;
Seeundo me plango, quia morior et nescio quando;
Tertiuni autem flebo. quia nescio, ubi manebo.
[Novati hat seitdem die Verse auch in einer Pergament-
handschrift des 14. Jahrhunderts auf der Turin er Universitäts-
bibliothek (I. V. 31, Bl. 34b 'Proverbia Sapientum3) gefunden:
*) John Winter Jones hat in seiner Abhandlung 'Observations on
the division of man's life into stages prior to the cSeven Ages' of
Shakspere', London 1853 (Separatabdruck aus cThe Archseologia', Vol. 35j
p. 167 — 189), S. 22 tf. den Holzschnitt besprochen und ein Facsimile
gegeben.
49c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin* -44")
Sunt tria, que ucre faciunt me sepe dolore [!]:
Est primum durum, quia scio me moriiurum,
Kr magis attendo [!] moriar, sed uescio quando,
Inde magis flebo, quia nescio quo remanebo.
Demselben Gelehrten verdanke ich die genaue Be-
Schreibung eines im Museo Civico zu Cremona befindlichen
allegorischen Holzschnittes, der im 17. Jahrhundert von einem
Joh. Fortuna Fort nni ns zuSiena angefertigt wurde. Den Mittel-
punkt der mit Figuren und Symbolen überladenen Darstellung
bildet ein mit Inschriften geziertes Rad. Auf dem Radkranze
liest man: 'Statutum est hominibus semel mori, post hoc
autem iudicium": die acht Speichen enthalten acht Verse,
deren gemeinsame Endsilbe MVS nur einmal im Mittelpunkt
geschrieben ist:
ünde superbimus?
Quid est homo nisi limus?
De limo homo priraus.
Morte[m] uitare nequimus,
Cum nos terra simus.
Terra est quasi fimus.
Et ideo studeamus,
Ut deo placeamus.
Darunter steht auf zwei Schildern:
Tria sunt vere, quae me faciunt flere.
Primum quidem durum, quia scio me moriturum,
Secundum uero plango, quia moriar et nescio quando.
Tertium autem Üebo, quia nescio ubi manebo.]
Dies sind die mir bisher bekannt gewordenen verschie-
denen Texte der lateinischen Hexameter von den drei Dingen,
die den Sprecher der Verse oft traurig machen. Nach der
obigen Stelle der englischen Gesta Romanorum liegt ihnen
der daselbst in englischer Prosa mitgeteilte Ausspruch der
Vitae Patrum zu Grunde, den ich leider bis jetzt nicht
aus dem Original nachweisen kann1). |
') [Hieronymus, Vitae patrum (Ulm. Zainer o. J.) Bl. 244b = Migne,
Patrol. lat. 73, 861 B : 'Dixit abbas Helias: 'Ego tres res timeo, vnam
quaudo egressura est anima mea de corpore, aliam quando oecursurus
Bum deo, terciam quando aduersum me proferenda fuerit sententia*.
Pauli, Schimpf und Ernst nr. 266.]
44<> Zur Volksdichtung.
328 Hier möge gleich noch eine Stelle aus einem lateinischen
Gedicht rde mundi miseria', welches dem Walter Mapes
beigelegt wird, folgen1). Sie ist ebenfalls auf den Spruch
der Vitae Patrum zurückzuführen und lautet:
Qui de niorte cogitat, niiium quod laetatur,
cum sie genus hominum morti deputatur.
quo post mortem transeat bomo, dubitatur,
unde quidam sapiens ita de se fatur:
Cum de niorte cogito, eontristor et ploro ;
unum est quod moriar, et tempus ignoro,
tertium est quod nescio quorum jungar choro,
sed ut suis merear jungi, Deum oro2).
Kehren wir zu den leoninischen Hexametern zurück. Zu
ihnen verhält sich, wie man auf den ersten Blick sieht, der
deutsche Spruch nicht wie eine eigentliche Übersetzung,
sondern wie eine Nachdichtung oder vielmehr IJmdichtung,
in der nicht nur die Form eine andere geworden, sondern
auch der Gedanke geändert ist; denn dort sagt der Dichter,
die drei Dinge machten ihn oft traurig, hier: er wundere sich,
dass er trotzdem fröhlich sei.
Eine wirkliche Übersetzung der Hexameter in hoch-
deutsche Sprache findet sich als Anfang einer 1614 zu
München gedruckten, S. M. unterzeichneten Dichtung 'Klag
*) The Latin Poems commonly attributed to "Walter Mapes, collected
and edited by Th. Wright, London 1841, S. 150. [Grillnberger, Germania
36, 318 verweist auf den dem h. Bernhard von Clairvaux (Migne, Patro-
logia lat. 84, 1313) zugeschriebenen 'Rhythmus de contemptu mundi', in
welchem dieselben Verse vorkommen. Vgl. ferner S. Bernardi Floretus
(Col. 1501 u. a.) cap. de modo evitandi peccata p. 29:
Scis quod obibis liomo ; nescis, ubi. quomodo, quando.]
-) Die letzten vier Verse hat auch Wegeier a. a. 0. ed. III,
nr. 2825 = ed. IV, nr. 3281 ohne Quellenangabe und mit den Varianten:
'De morte dum cogito' — csed tempus ignoro' — 'tertium quod nescio'.
Dazu folgende wohl entstellte unvollständige Übersetzung, in Gänse-
füsschen eingeschlossen zum Zeichen, dass es eine alte ist:
'Das eine das ich sterben sal
Und nit en weis der zite val,
Das dritte ist mir gar unkund
Wa hin min vart den werde kundt.'
•i9c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 447
Menschliches Lebens: Samt treuhertziger Warnung, wie
sich ein Christ darinne solle verhalten3 in Emil Wellers
Annalen der Poetischen National- Litteratur der Deut scheu im
16. und 17. Jahrhundert 2, 217'). Sie lautet:
Auif dieser Erden in geinain,
Drev ding ich furnemblich bewain:
Das erst ist hart, gewiss kein spott.
Dass mich hinnemen wirdt der Todt. |
Das ander krankt mir mueth vnd sinn, 329'
Weil ich kein stundt nicht sicher bin.
Das dritt bekümmert mich darumb,
Dass ich nit waiss wohin ich kumb.
Diese Übersetzung wird doch wohl eigens für das Gedieht,
dessen Anfang sie bildet, gemacht und nur wenig bekannt
geworden seiu.
Dagegen gab es bereits im 15. Jahrhundert eine Über-
setzung der leoninischen Hexameter in niederdeutsche
Reime, die sich bis ins 17. Jahrhundert erhalten hat und von
der mir vier Texte bekannt geworden sind. Zweier Texte
Kenntnis verdanke ich dem vortrefflichen Werke C. M. Wiech-
mauns cMeklenburgs altniedersächsische Literatur', '2 (Schwerin
1870) S. 131. Daselbst sind aus Nicolaus Gryses, Predigers
zu Rostock, 'Spegel des Antichristischen Pawestdoms, vnd
Luttherischen Christendoms', Rostock 1593, einige Stellen zur
Probe abgedruckt und darunter auch die folgende (Bl. 120a):
Im 40. Kap.: eres Bokes, welckes se einen Spegel der
Christen Minschen nömen, tho Lübeck dorch Georgiuin Rickhoff
Anno 1501. gedrucket, im Titel, van viff Teken, darby men
einen guden Christen erkennen schal, befehlen de vortwy-
feleden Papisten einem yderen Minschen also twyfelhafftigen
thosprekeude.
Dre dinge weth Ick vorwar,
De vaken niyn Herte maken swar.
Dat erste besweret mynen moedt,
Wente Ick jummer steruen moeth.
J) Karl Lucä in Marburg hat die Freundlichkeit gehabt, mich auf
diese Stelle in Wellers Annalen hinzuweisen.
448 '/Air Volksdichtung.
hat ander besweret myn Herte mehr,
hat Ick nicht weth wenelir.
Dat drüdde besweret niy bauen all,
Ick weth nicht wor ick varen schal1).
Dazu bemerkt Wiechmann: 'Man findet diesen Spruch
häufiger in Gebet- und Beichtbüchern aus dem Ende des
15. Jahrhunderts, z. B. in dem Lübecker Druck: Van dem
steruende mynsschen, Vnde dem gülden seien tröste, 4".
Bl. lla; Geffcken, Bilderkatechismus des 15. Jahrhunderts
(1855) 1, 110'.
In dem genannten Büchlein Tan dem steruende mynsschen
etc.", welches mir in dem von Geffcken nachgewiesenen
Exemplar der Leipziger Universitätsbibliothek vorgelegen hat,
steht der Spruch ganz unvermittelt am Ende des 14. Kapitels
und lautet:
Dre dynck weeth ick vorwaer
De vaken maken myn herte swaer. |
•330 Dat erste beswaret my minen moeth,
Wente ick iummer steruen moth.
hat ander beswaret myn herte seer,
Wente ick nicht enweet wanneer.
Dat derde beswaret my bouen al,
Ich enweit nicht war ickhen varen schal2).
Dieser Text ist nur darin minder gut als der zuerst mit-
geteilte, dass er V. 5 'seer' statt cmehrJ und V. 2 die unschöne
Aufeinanderfolge cvaken maken' hat. Im übrigen unterscheiden
sich beide Texte nur durch die Schreibung und das (en in
V. 6 und 8 und das 'hen' in V. 8.
Mehr abweichend ist die folgende Stammbucheinzeichnung
einer Frau cAnna Margryt Elven, Wedtwe Ryckel von
Bullekoum' vom Jahre 1622 (A. M. Hildebrandt, Stamm-
buchblätter des norddeutschen Adels, Berlin 1874. S. 99):
1) Diese Verse sind auch abgedruckt in cDe Lüttje Strohoot', Kiel
1847, S. 85, mit der Überschrift: Ut dem Speegel der Christen. Von
Georg Rickhoff. Lübeck 1501.
2) Die Interpunktion rührt von mir her. Der Druck hat weiter
keine Interpunktion als ein Punktum am Ende der 3. und 7. Zeile.
49c. Mich wundert, dass ich fröhlich bin. 449
Drey dyngen weys ych vorwaer
dey mier mein hertz machen Bwaer
das ehrst en wan ych gedeynek an den doet
den ich weys das1) ych sterwen moedi
das zweyde noch wll ine2)
das ych nicht weys wann e
das drytte boeffen all
das ych neit weys waer ych faeren?) sali.
Ist schon diese Fassung etwas entstellt, so ist dies noch
viel mehr der Fall mit derjenigen, welche F. Schnorr von
Carolsfeld im Archiv für Literaturgeschichte 14, 224 ans
Georgias Barts. Predigers za Lübeck, sehr seltenem cGe-
spreke van der vnstarfflicheit der Seele" (Lübeck 1552) mit-
geteilt hat:
Dre dinge weit ick vorwar,
De my myn herte maket swar.
Dat erste, dat ick steruen modt,
Tho dem, weit nicht wen kumpt de dot.
Dat leste beswert my auer all,
Ick weit nicht wor ick faren schal.
Schon oben S. 326 sind wir auch einer englischen
Übersetzung der leoninischen Hexameter in sechs gereimte
Verse begegnet. Von dieser Übersetzung kenne ich noch
zwei, zum Teil abweichende Texte, beide ans Handschriften
des 13. Jahrhunderts. Die eine ist | von Th. AVright in den 331
Altdeutschen Blättern 2 (1840), 142 und in seinen und J. 0.
Halliwells Reliquise Antiquar 1 (1841), 235 aus Ms. Arundel
n r. 292 des British Museum4), die andere von R. Morris in
seinem 'An Üld English Miscellany\ London 1872, S. 101 ans
M. 21) der Jesus-College-Bibliothek zu Oxford herausgegeben.
Erstere lautet:
') So ist zu lesen statt 'den1.
2) So ist zu lesen statt 'dyll mek\
3) So ist zu lesen statt 'farren'.
4) Auf die Altdeutschen Blätter hat, wie (dien S. 314 erwähnt,
A. Kuhn in seiner Zeitschrift 14, 457 hingewiesen, auf die Reliquise An-
tiqua;, sowie auf 'Maddens Gesta Romanorum p. 245', auf Kuhns Zeit-
schrift a. a. 0. und auf das Archiv für Literaturgeschichte 12, 474,
F. J. C. in der Zeitschrift 'Notes and Queries5, 6. Series, Vol. 10 (1884), 239.
Kühler, Kl. Schriften. III. 29
4,">0 Zur Volksdichtung.
Wanne i denke dinges dre,
Ne mai hi nevre blide ben ;
de ton is dat i sal awai,
de toder is i ne wot wilk dei,
de dridde is mi moste kare,
1 ne wot wider i sal faren1).
Die andere :
Vyche day nie cumeb tydinges breo.
For wel swibe sore beob heo.
he mi is jiat ich schal heonne.
bat Oper J>at ich noth hwenne.
jie bridde is my meste kare.
bat ich not hwider ieli scal fare2).
Man wird bemerkt haben, dass cubi (quo) raanebo (re-
manebo)J im Niederdeutschen und Englischen übereinstimmend
'wohin ich fahren werde" übersetzt ist, und dass auch im
hochdeutschen Sprach die dritte Zeile lautet:
Ich fahre und weiss nicht wohin.
Diese Übereinstimmung ist aber wohl nur ein zufälliges Zu-
sammentreffen. Jedenfalls ist es sehr unwahrscheinlich, dass-
die niederdeutsche Übersetzung nach der englischen oder die
englische nach der niederdeutschen gemacht sei; es werden
vielmehr beide ganz unabhängig voneinander und unmittelbar
aus dem Lateinischen gemacht sein. Weniger unwahrschein-
lich dagegen wäre es, dass der Dichter des hochdeutschen
Spruches die niederdeutsche Übersetzung der lateinischen
Hexameter gekannt habe ; doch halte ich diese Annahne nicht
332 für notwendig, auch er kann unabhängig vom Niederdeutschen
ganz von selbst auf das Wort 'fahren5 gekommen sein.
In der Tragödie des Haus Sachs 'Der hürnen SeufritPI
(V. 298 in E. Götzes Ausgabe nach der Handschrift des
') D. h.: "Wenn ich drei Dinge bedenke, mag ich nimmer fröhlich
sein; das eine ist, dass ich hinweg soll; das andere ist: ich weiss nicht
welchen Tag; das dritte ist meine meiste Sorge: ich weiss nicht, wohin
ich fahren werde.
'-) D. h.: Jeden Tag kommen mir drei Zeitungen, gar sehr schmerz-
lich sind sie. Die eine ist, dass ich von hinnen soll, die andere, dassi
ich nicht weiss wann, die dritte ist meine meiste Sorge, dass ich nichtj
weiss, woliin ich fahren werde.
49c Mich wundert, dass ich fröhlich l>in. 451
Dichters) schreit Crimhilt, als sie der Drache entführt: 'Ich
far und wais doch nit wo hin'. Ob Hans Sachs dabei wohl
an unserrj Spruch gedacht hat?
Zum Schluss ooch eine Bemerkung. Vergleicht man die
verschiedenen Fassungen unseres Spruches, so ergiebt sich,
dass sie abgesehen von sonstigen vereinzelten kleinen
Abweichungen — sich hauptsächlich dadurch unterscheiden,
dass in den drei ersten Zeilen entweder 'und weiss' oder 'ich
weiss' oder 'weiss' oder 'und ich weiss', und in der vierten
entweder 'fröhlich5 (»der 'so fröhlich oder 'noch so frühlich'
steht, Ich halte es für das natürlichste und einfachste, dass
es 'und weiss' und 'fröhlich' heisst. und möchte daher glauben,
dass so auch der Spruch ursprünglich gelautet hat.
Weimar. Januar ISNS.
N a c h t r ä g e.
Meinem Freunde Jakob Bächtold in Zürich verdanke ich
den überraschenden Nachweis, dass unser Spruch auch als
Inschrift an einem Richtschwert augebracht worden ist. In
Castans Panoptikum in Berlin findet sich das Richtschwert
von Ettlingen aus dem Jahre 1550 mit der bildlichen Dar-
stellung einer Hinrichtung und eines Gehängten und mit der
Inschrift:
Ich leb, weis nit wie lang-,
Ich -^Tärl) und weis nit wan,
Ich far, nit weis wohin,
Xinibt mich wunder, dass ich so frelich bin.
Vgl. 'Führer durch Castans Panoptikum', Berlin o. J.. S. 31,
nr. 406, wo die Inschrift 'teilweis nur leserlich" genannt und
mit den Lese- oder Druckfehlern 'gar1 (statt 'far"). 'nimb',
'grelich5 gedruckt ist,
M. Grünbaum hat kürzlich in der Zeitschrift der Deutschen
Morgenländischen Gesellschaft 4:2. 277 (vgl. auch S. 275)
bemerkt, dass eine Stelle indes im 1 1. Jahrhundert lebenden
29*
452 Zur Volksdichtung.
spanisch-jüdischen Dichters 1 bn Ga birol Gedichte cdieKönigs-
krone' an unseren Spruch erinnert. Sin lautet:
Kr (der Mensch) kommt auf die Welt und weiss nicht
wozu, er freut sich und weiss nicht worüber, er lebt und
weiss nicht wie lange/
[Vgl. noch Kr. Nyrop, Dania •_'. .'333—337. 1894.]
Weimar. September 1888.
50 a. Weidsprüche und Jägerschreie.
(VYeimarisehes Jahrbuch 3, 329—358. 1856.)
Die Weidsprüche und Jäger- oder Weidschreie waren
Erzeugnisse des dichterischen Geistes der deutschen Jäger
und verdienen demnach auch heute noch, wie jede andere
volksmässige poetische Schöpfung, unsere Teilnahme und Be-
achtung. Wohl seit dem Anfange des achtzehnten Jahrhun-
derts begannen sie mehr und mehr ausser Übung zu kommen,
und die Verfasser der bekanntesten Jagdbücher aus der
ersten Hälfte jenes Jahrhunderts, Fleming und Döbel, be-
klagen dies aufrichtig. Ich teile die Stellen, die in mehr-
facher Hinsicht interessant sind, hier mit.
Hans Friedrich von Fleming. Burg- und Schloss-Ge-
sessen auf Böcke. Martentin und Zebin. Erbherr auf Weissaeh
und Gahro, schreibt in seinem 'Vollkommenen teutschen Jäger,
Leipzig 1719', Teil 1, Seite 281 f.: fZum Beschluss der Anti-
quität muss ich annoch etwas von einigen Weyde-Sprüchen
gedencken, deren sich die alten Jäger vor diesem sehr ött'ters
bedienet haben, wann sie einen Frembden unbekanten in Ge-
sellschafft bey dem Gelack gehabt, der sich vor einen Weyde-
mann ausgegeben. Knute dieser nun nicht antworten, so setzte
es denn grossen Streit, oder gar Schläge, es bestunden aber
solche Weyde-Sprüche uugefehr darinn u. s. w. [Es folgei
nun eine Reihe Sprüche. Dann fährt Fleming fort:] Der-jl
Weidsprüche and Jägerschreie. 45->
gleichen Dinge sind mehr so mir nicht alle beyfallen, auch
anjetzo nicht mehr gebräuchlich sind. Ja sie haben sogar
zu Kaysers Friderici Barbarossae Zeiten den Tag jägerlich
angeschrien, ihre Herrschafft, sämbtliche Hoffstatt, Koch und
Keller zur Jagd auffge- wecket, ist alter zu weitläufftig hier 330
alles anzuführen. Und habe ich nur dieses wenige der lieben
Antiquität zu Gefallen hier mit wenigem beyfügen wollen,
woraus wenigstens zu ersehen, wie unsere Vorfahren vor die
Jägerey oder das Weydwerck einen vielen höheren Estini und
eine grössere Hochachtung gehabt, als leyder vorjetzo
geschiehet.J
Ausführlicher äussert sich Heinrich Wilhelm Döbel in
seiner 'Neu eröffneten Jäger-Practica3, 1. Auflage 1746, 2. Auf-
lage. Leipzig 1754, Teil 3, S. 107: 'Ich weiss mich von meiner
Jugend her zu entsinnen, dass wir die AYeide-Sprüche hatten,
da, wir denn bey vorfallenden Gelegenheiten, sowohl bey dem
Vorsuch als Zusammenkünften, einander mit Weide-Sprüchen
complimentierten , begegneten und anredeten, auch hierbey
öffters examinierten, lud es war eben nicht genung, dass ich
einen "Weide-Spruch, als gesetzt, von de^ Hirsches Wechsel.
Wandel und Zeichen, hab her beten können: sondern es
wusste auch einer den andern hierdurch auszuforschen, ob er
würeklich was verstünde Vorjetzo aber sind die
Weide-Sprüche nicht im Gebrauch, welches man fast bedauern
sollte.1 Und weiter spricht Döbel S. 151: 'Es nahmen ehe-
mals auch die grossen Herren alle Weidmännische Terminus.
Weid-Sprüche und Verordnungen, gleich denen Jägern, mit
an. Woraus zu schliessen, dass solches dem Weidwerke eine
grosse Hochachtung und Zierde gegeben: allermassen bey
allen Vornehmungen <\^^ Weidwercks die Herren mit den
Jägern, wie auch die letztern mit und unter einander selbst,
nach zierlicher (obschon nicht nach jetziger ausgekünstelter)
poetischer Art. zur Aufmunterung, Anfragung, Fortsetzung
und Beendigung, vor, bey, in und nach der Jagd Reimen-
weise gesprochen, folglich selbiges sowohl vergnüglich, als
ordentlich, hieran auch ein geschickter und gelernter .läger
zu erkennen gewesen, wie denn auch zugleich ein junger
454 Zur Volksdichtung.
Weidmann mehr Hochachtung für das Weidwerck bekommen,
und auch durch die fleissige Lernung und Begreiffung der
Weide-Sprüche die Fundamente, so zum Weidwerck gehören,
besser ins Gedächtniss gefasset worden. Denn es war nicht
genug, dass mau die Weide-Sprüche nur herbeten lernte:
sondern es wurden die jungen von den alten Jägern, oder
auch Fremde, welche sicli für .läger ausgaben, besonders in
Jäger-Compagnien oder Zusammenkünften , auch bey Be-
hengungs- und Jagens-Zeiten, examinieret, wie sie diesen oder
331 jenen Weide- | Spruch verstünden, und im Wercke selbst er-
weisen könnten. Überhaupt war es eine sehr löbliche und
nützliche Einrichtung, und zeigete auch, wie oben gedacht:
hiermit einen würcklich gelernten und exercierten Jäger an;
inmassen mancher, so sich für einen Jäger hat ausgeben
wollen, und sich in der That etwan so nicht verhalten, oder
aber in seinem Exercitio faul und nachlässig , etwas zu be-
greifen, gewesen, sodann aber, da er unter rechtschaffene
Jäger iu Gesellschafft oder bey Jagen gekommen, von Weid-
Sprüchen gar wenig, oder die darinn enthaltenen Fundamente
nicht gewust, schamroth gemacht oder da er sich etwan dar-
über offendirt befunden, mit andern Extremitäten von der
Gesellschafft der Weide-Leute abgewiesen wurde."
So sagt ferner der churfürstlich bayrische Forstmeister
Christian Wilhelm von Heppe in seinem cWohlredenden
Jäger, Regenburg 1763' unter dem Wort 'Weidsprüche'': 'Diese
waren in alten Zeiten bei dem edlen Weidhaufen in Übung
und bestehen aus gewissen Fragen und Autworten. Es war
dieses wohl ein guter Gebrauch, indeme ein hirschgerechter
Jäger den andern sogleich erkennen konnte ob er ein oder
kein Jäger sei, zumalen da die Weidsprüche sonsten niemand
dann denen hirschgerechten Jägern bekannt waren, mithin
konnten die Jäger hierdurch einander prüfen/ — Justus
Moser lässt in der 44. patriotischen Phantasie [sie erschienen
1774] einen alten Edelmann über die Abnahme der Jagdlust
klagen und unter andern auch sagen: clch habe noch eine
Sammlung von achtehalbhundert Weidsprüchen und einen
dicken Band voller Fuchshistorien, welche von meinen Vor-
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. 4.").")
fahren gesamlet sind: damit konnte man sich Jahr aus Jahr
ein auf die angenehmste Art in Gesellschäften ergötzen.
Alter jetzt ist die ewige, und allezeit fertige Karte der ein-
zige Behelf.'
Dass Männer, die dein Weidwerk fern standen, sich da-
mals nicht um Weidsprüche bekümmerten, versteht sich von
selbst; erfuhren sie zufällig etwas davon, so mochten sie die-
selbe Ansicht halicu. wie Johann Leonhard Frisch, der in
seinem Teutsch-lateinischen Wörterbuche (Berlin 1741) schreibt:
cWeid-Spruch, ein gewisser heut zu Tag alber lautender Spruch
und Reimen der alten Jäger.3
Die Forstmänner und Jäger selbst wandten sieb natürlich
bei der immer zunehmenden wissenschaftlichen Bildung ihres
Standes um so vornehmer von den Weidsprüchen ab, und so
lesen wir z. B. in dem Handbuche für praktische Forst- und 332
Jagdkunde. Leipzig 175)7. unter dem Artikel cWeid Sprüche'
mich einer Definition derselben folgendes: 'Dergleichen Sprüche
hier anzuführen wäre anjetzt für Jagd- und Forstleute er-
niedrigend, da sie längst aus der Mode gekommen sind, zu-
mal auch ein ächter Förster und Jäger nicht mehr handwerks-
mässig, sondern wissenschaftlich gebildet wird."
Jakob Grimm war es. der zuerst wieder auf die ver-
gessenen und verachteten Weidsprüche aufmerksam machte.
indem er 1816 im dritten Bande der Altdeutschen Wälder1)
S. 97 — 148 eine grosse Anzahl mitteilte und ihre Be-
deutung erörterte. 81 Sprüche entnahm Grimm einer
gothaischen Handschrift vom Jahre 1589, die übrigen
1 — * > druckte er aus Bechers Jäger-Cabinet, Leipzig 1701.
und aus den obenerwähnten Büchern Flemings und Döbels
wieder ab. — Die von Becher verzeichneten 'alten, doch
lustige Jäger-Geschrey und Weidsprüche, welche an etzlichen
Orten annoch gebräuchlich3, finden sich übrigens schon in
Meurers Jag- und Forstrecht, Frankfurt 1576, S. 71 ff (vgl.
Grimms Wörterbuch 1, Sp. LXXXI), als 'alte lustige Weyd-
'l Es ist ein hübscher Zufall, dass gerade die 'Altdeutschen
Wälder5 die vollständigste Sammlung der J übersprudle enthalten.
456 ^m* Volksdichtung.
geschrei Sprüche und jägerische Dialogi, durch weyland
Keyser Friderichs III. Forstmeister beschrieben.*
Eine zweite Ausgabe des Meurerschen Buches, Marpurg 1618,
wo die Sprüche S. 78 ff. stehen, enthält von S. 242 au als
Anhang: Mägerkunst: Das ist. Wie mau Weydmännisch von
allem Weydwerck reden sol. was für Personen. Hund. Höltzer
und Garn dazu gehören. Sampt so schönen alten und uewen
lustigen Weydsprüchen oder Weydgeschreyen, und Jägerischeo
Dialogis. Beneben einem Appendice, darinnen 28 bewehrte,
nützliche jägerische Kunststück, welche nohtwendig zu wissen,
begriffen sind. Hier stehen merkwürdiger Weise S. 26J ff.
noch einmal dieselben "Weidsprüche, die schon S. 78 ff. stünden.
nur mit ein paar unerheblichen Varianten, und dazu noch:
cEin ander Jäger-Geschrey wie du auff der Hirschjagt mit
Hörn und Stimm deinen Gesellen ein Zeichen geben solt."
Bechers Büchlein ist zum grössten Teil aus dieser Jäger-
kunst, von der vielleicht noch andere Ausgaben existieren, ab-
333 geschrie- | ben und somit auch die Weidsprüche1). Aus Becher
alier siud sie wieder in die Fürstadliche neuersounene Jagdlust
(Frankfurt und Leipzig 1711) 1, 417 ff. übergegangen.
Seit Jakob Grimm sind meines Wissens keine weitem
Weidsprüche bekannt gemacht worden. [1874 hat J. M.
Wagner in seinem Archiv f. d. Gesell, deutscher Sprache
1, 133 — 160 über Weidsprüche und Jägerschreie sachkundig
!) Grimm hat einigemal Becher nicht genau abgedruckt ; so ist zu
lesen nr. 84: wolauf, wolauf, wolauf, die Faulen und die Trägen heul
Zeit gern länger legen. — 92 auch. — 104 auch ein hast vernommen.
— 108 also jägerlich reden, wie hernach folgtt, aber zu dem Hirsch
schreien: Kehrn herzu, kehrn herzu. 110 Spür : für. — 138 Am
Schluss: ho ho do o o! — ■ 139 wehr Jäger. 140 Jägerwerts.
1 47 über die Strass mit . . . — 160 kehrn herzu! — Bei Meurer stebt
nr. 92 heller, 99 etwa heut las- sehen, 107 wils wol, 138 dhotz, 153 Haut.
Von der der Meurer>cln'n Schrift angehängten Jägerkunst weicht Becher
nur in der 2. Überschrift, bei Grimm vor nr. 93, ab. Becher schreibt:
und so des Jägers muic Geselle, die mit ihm gen Holz wollen, fürsuchen,
anbinden, den Zeug richten, oder die "Wart besetzen, und Keller etc.;
.Mciucr aher und die Jägerkunst: und so der Jäger seine Gesellen,
die .... besetzen, aufgeweckt hat, und Keller u. s. w.
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. |."i,
gehandelt und einen seltenen Druck: Mägerkunst und Waid-
geschrey3 (Nürnberg, Georg- Leop. Fuhrmann 1610. L6 Bl. 8°)
mit Parallelennachweisen wiederholt. Unland, Schriften 3,
200. 30*2.] Um so willkommener dürfte die .Mitteilung- di'v
folgenden Sammlung sein, die teils bisher ganz unbekannte
Sprüche, teils beachtenswerte Varianten schon bekannter ent-
hält. Sie sind aus einer Papierhandschrift dt'^ 17. Jahrhunderts
entnommen, die in meinem Besitz ist. [Jetzt auf der Wei-
marer Bibliothek.] Die Handschrift ist von mehreren Händen,
alter wohl ziemlich aus einer und derselben Zeit geschrieben
und enthält ausser den Sprüchen noch Notizen über Spuren
und Zeichen des Wildes, jägerische Rezepte und dergl. Die
Sprache weist auf Bayern als Heimat der Sprüche.
Ich gebe die Sprüche in der heute üblichen Orthographie,
natürlich ohne die mundartlichen Eigenheiten dadurch zu
verwischen. Daher habe ich ue und üe. wo die Handschrift
so für u und ü schreibt, gelassen. Nur beim Wort 'Hirsch',
das in der Handschrift meistens Hüersch, Hürsch oder Hiersch
geschrieben wird, bin ich ihr nicht gefolgt. Ebenso bin ich
von ihr abgewichen, wenn sie zuweilen ö für e hat; z. B.
Wog, Sprüchen, wöcken u. dgl. neben Weg, sprechen, wecken.
Den einzelnen Sprüchen, die ich unbekümmert um ihre
willkürliche Folge in der Handschrift nach ihrem Inhalte in
eine gewisse Ordnung zu bringen gestrebt habe, habe ich
einige Erläuterungen beigegeben und die ähnlichen Sprüche
in Grimms Aufsatz entweder vollständig hinzugefügt oder,
wo dies überflössig erschien, nur auf sie verwiesen.
1. Sag an. Weidmann, wol schon: 334
wo willt auf den fruen Morgen dran'.'
Antwort. Hinaus über die Weit,
wo heint der edle Hirsch an mich schleicht.
Heint, heute; Schmeller, Bayrisches "Wörterbuch 2. 217 und 673.
Bei Grimm findet sich unter nr. so mit der Bemerkung 'den Jäger zu
fragen, so er mit dem Leithund anzeigt.' unser Spruch in folgender Gestalt :
Sag an, Weidmann:
wo willt du heut frühe dran?
A. Gen Holz unter ein grünen Buchen,
da will ich den edlen Hirsch mit Freuden suchen.
-1 58 Zur Volksdichtung.
2. So mit Heil, mein lieber Weidmann!
Es wird dir heint dein Lohn darvon.
A. Ich lauf heint aus über Weg und Steg,
wo! auf ein grüene Heid,
dem Hund zu Lieh, dem Hirsch zu Leid.
v. Hoppe bemerkt im 'Wohlredenden Jäger': 'Weidmanns Heil oder
Glückauf! ist der Zuspruch, den die Jäger einander geben, wenn sie
zusammentreffen. In alten Zeiten hiess es nur 'Weidmanns Heil' und
die Antwort war
'Auch dieses Heil werde dir zu Teil,
im Thal und Bergen droben:
jo, jo, so recht, so können wir Gott loben.'
Heut zu Tage heisst es aber nur 'Glück auf und in der Gegenantwort
'Wieder Glück auf, aber vom Lobe Gottes hört man selten mehr etwas,
und wird ein solcher Jäger als eine Betschwester betrachtet. Ein bissgen
geflucht und sacramentiert, dass der Himmel herunter fallen möchte,
das ist gut jägerisch, wie auch ein kurz daurender Gottesdienst
und eine langwierige Jagd, diss einen guten Jäger macht. Ja, ja, wer
so denkt, trifft es zum Vergnügen des Satans aber nicht zur Ehre des
höchsten Gottes.'
3. Sag an, Weidmann:
was wittert dich und deine Leithund an?
A. Der Hirsch mit den vierzehen Euden wittert heut meine
Leithund an.
Ich hoff, er werde sich kuerz umbwenden;
der Hirsch von den vierzehen Enden,
vor meinen Jaghunden behenden.
Jaghund, noch heute bayrisch; mittelhochdeutsch jagehunt.
Bei Grimm nr. 1. Lieber Weidmann,
was wittert dich heut an?
A. Ein edler Hirsch und ein Schwein.
was mag mir besser gesein?
.Mau vergl. auch nr. 34 u. 40 Lei Grimm. |
335 4. Sag an. Weidmann:
wo hastu deine jagende Hund hin gethan?
A. Ich habs versendt
mit einem edlen Hirschen ins Elend.
Vor dem Spruche steht: AYillstu ein Wild bestatten [d. h. bestäten, be-
. stätigen, im Lager aufspüren], so sollstu in das Holz gehen, da das Wild
stehet, und also sprechen.
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. 4f>(.)
Bei Grimm nr. IT lautet die Antwort:
Ich liuh sii' versendt
mit einem jagbaren Hirsch in das Elend;
Ich weiss nicht, wo sie hin sind,
ich hoffe, ich wol sie bald wieder find.
[Jägerkunst 1610 nr. 52; Wagners Archiv 1, 151.]
5. Sag an, lieber Weidmann:
wo seind dir kumben meine wollautende Hund schon?
A. Über Berg und tiefe Thal
laufen deine wollautende Hund überall.
G. Lieber Weidmann, sag an:
wo bindestu deinen Leitliund an?
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
wenn ich den edlen Hirschen thue aufwecken,
so kann ich mit ihm und meinem wollautenden Leithund,
mitten auf dem Bett, mein lieber Weidmann,
da bind ich meinen Leitliund an.
Bett ist das Lager des Hirsches, Grimms DWB. 1, Sp. 1725. Übrigens
ir-t der Spruch entschieden verdorben und unverständlich. [Jägerkunst
1610 nr. 32; Wagners Archiv 1, 147.]
7. Lieber Weidmann, sag an :
was hat sich vor deinen Leithunden umwenden gethan?
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
ein edler Hirsch von zehn Enden,
der thuet vor meinen Leitbunden wenden.
ich hoff, sie werden mit ihme kämpfen,
und werden mir. ho, ho, guet auf den Zank renken.
Renken ist ziehen, zerren, Schindler 3, 112. 'Auf den Zank renken
verstelle ich nicht. Schindler 4,272 hat: der Zanken, Zacken, Spitze.
Die Zanken der Hirschgeweihe. [Jägerkunst 1610 nr. 15; Wagners
Archiv 1, 143.]
8. Sag an, lieber Weidmann:
wo lauft der edle Hirsch hindan?
A. Er lauft über Berg und Thal.
so hat er heint den rechten Aufall.
Hindan, öfter dan hin, hinweg, weg, Schindler 1, 374. Den rechten 336
Anfall haben wird sowohl vom Hirsch als vom Hunde gesagt, vgl.
I bei Grimm nr. 43, 77, 165, 189.
460 Zur Volksdichtung.
!•. Lieber Weidmann, sag an:
wo lauft der edle Hirsch hindan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
der lauft über die Strassen
und muss mir die Haut und Haar lassen.
Bei Grimm nr. 29. Mein lieber Weidmann, sag mir an:
wo lauft der edle Hirsch hinan?
A. Er lauft über Berg und Thal und über die Strassen,
er muss uns Jägern der Jäger Recht hie- lassen.
[Jägerkunsi 1610 nr. 26; Wagners Archiv 1, 145.]
10. Lieber Weidmann, sag an:
wo lauft der edle Hirsch hindan?
Ho ho, kannstn mir das gesagen,
so will ich dich, hoho, heut mich weiter fragen.
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wohl sagen:
er lauft über Berg und tiefe Thal,
über Stock. Stauden und über alle Flächt.
ho ho, der edle Hirsch hindan.
Da fleucht er über die Stigl.
Ich hetz heut den edlen Hirschen lieber als ein [gl.
Er fleucht über die Strassen:
er muss mir. hoho, guet die Haut und Haar lassen.
Flucht ist mir nicht klar; vielleicht Schreibfehler für Schlucht.
Stigl ist ein Pflock, Baumstock, erhöhtes Bret und dgl., an einem Zaun
angebracht, um dem Darübersteigenden zur Stufe zu dienen, Schmeller
3, 624.
An einer anderen Stelle meiner Handschrift finden sich als beson-
derer Weidspruch die Zeilen :
Du hast recht, lieber Weidmann,
üher Zäun und über Stigl:
ein edlen Hirschen jag ich lieber als ein Igl.
Darunter steht: Antwort nichts.
Der 26. Weidspruch bei Grimm schliesst:
Ich zog ihm nach lus über ein Stiegel,
ich jag den edlen Hirsch lieber, denn ein Igel.
1 1. Sag an. Weidmann:
warumben ist der Hirsch heut über den Weg gangen'.'
A. Das macht, dass ihm unten hin steht sein Verlangen, [j
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. 461
12. LiebtT Weidmann, sag- an: 337
was hastu dem edlen Hirschen zu Leid gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wo] sagen:
als ich ihn jaget mit meinem Leithund, dunket mich
gar frei,
dass dem edlen Hirschen leid sei.
Bei Grimm nr. 49 lautet die Antwort:
Das will ich dir wol sagen :
aus frischem freien Mut
liab ich ihn aufgejagt, den edlen Hirsch gut.
mit meinem Leitlmnd,
und hab drangehetzt die Jagdhund.
Es dünkt mich frei,
sie haben ihn gejagt, er habe kein Ruh dabei.
[Jägerkunst 1610 nr. 157; Wagners Archiv 1, 148.]
13. Lieber Weidmann, sag an:
was hat der edle Hirsch mir und dir zu Leid gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
gar manich Widergang, gar maniche Widerfahrt,
darbei der edle Hirsch vom Feld gen Holz trat.
Einen Widergang thut der Hirsch, wenn er auf seiner hingegangenen
Spur wieder zurückgeht, im besonderen, wenn er zu Holz zieht und
am Holz noch einmal umwendet und ein Stück Wegs zurückkehrt.
"Widergang in weidmännischer Bedeutung kommt schon in Hadamars
Jagd vor, vgl. Str. 80. 81. 87. 89. 101. 266. 305. 436. Für gen schreibt
die Handschrift immer gehn, der bayrischen Aussprache gemäss.
Bei Grimm nr. 59 lautet unser Spruch:
Sag an, lieber Weidmann:
was hat der edle Hirsch dir zu Leid gethan?
A. Das will ich dir sagen: schon manchen Widergang, manche
Widerfahrt,
die heut der edle Hirsch vom Feld gen Holze trat,
die haben mir viel zu Leid gethan,
da sich auch mancher Jäger nicht daraus richten kann.
14. Sag an, Weidmann:
was hat dir der Hirsch nuten und oben gethan?
A. Unten und oben
hat der Hirsch mauichen gueten Jäger betrogen.
Bei Grimm nr. 15 und 192 wird geantwortet:
Er hat unten geblendt und oben gewendt,
darbei hat ihn der Jäger erkennt.
4(')-_' Zur Volksdichtung.
Der Hirsch blendet nämlich, wenn er wieder in die vorderste Fährte
tritt, und wendet, wenn er mit seinem Gehörn das Laub an den
Asten umkehrt. |
338 ];,. Weidmann, sag au:
\\<» hast den edlen Hirschen lau?
A. Zu Holz,
da lauft manich Hirsch stolz.
Man vergl. nr. 107 bei Grimm, wo die Antwort etwas dunkel ist. [Jäger-
kunst 1610 nr. '21; Wagners Archiv 1, 144. Ayrer 3, 1634, 10.]
16. Sau' au. lieber AYeidmann:
wo hastu heut den edlen Hirschen lassen stahn?
A. Dort an einem gueten End,
ich weiss wol welches End.
Dank hab, lieber Weidmann, hab Dank!
es ist heint ein gueter Anfang.
Vergl. bei Grimm nr. 26.
17. Sag an, lieber Weidmann:
wie sprichstu den edlen Hirschen an?
A. Es ist ein Hirsch von vielen Enden:
ich hoff, er muss sich noch heint gar kuerz urnbwenden.
Ansprechen heisst (nach Döbel) die Fährte judizieren, oder ansagen,
wie ein Hirsch am Leibe oder Gehörne zu rechnen sei. Schon bei
Hadamar Str. 88 steht :
man mag e3 wol ansprechen
für aller bände wilde.
Man vergl. auch Grimms DWB. 1, Sp. 468.
\*. Lieber Weidmann, sag an:
wobei sprichstu den edlen Hirschen an?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
bei seiner edlen Krön und bei seinem zerspaltnen Fuss,
darbei ein jeder Jäger den edlen Hirschen erkennen muss.
Eine Krone hat ein Hirsch, wenn er drei, auch mehr Enden oben auf
einer Stange hat, oder wie v. Heppe sich ausdrückt, wenn er oben
auf denen Stangen ein Zwissel von Enden hat. (Zwisel ist Gabel,
Schindler 4, 309.)
Bei Grimm nr. liT : .Mein lieber Weidmann, sag mir an:
worbei sprichst du den edlen Hirsch im Feld an?
A. Das will ich dir wol sagen an:
darbei sprich ich den edlen Hirsch an,
50 a. Weidsprüche und Jägerschreie. 4<i.'>
bei seinem zerspaltenen Fuss,
darbei ich und ein jeder Jäger den edlen Hirsch
erkennen niuss.
Vergl. auch Grimms nr. 30, wd auch von der Kiene nichts. [Jäger-
kunst 1610 nr. 4; Wagners Archiv 1, 141. |
19. Lieber Weidmann, sag an:
wie sprichstu den edlen Hirschen zwischen Himmel und
Erde an? |
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen: 33$
wann der edle Hirsch thuet sein Gehörn schlagen,
dankt mich gar fein,
das mag das beste Zeichen sein.
Der Hirsch schlägt oder fegt sein Gehörn, d. h. er reinigt an den Bäumen
sein Gehörne von dem rauhen Baste. Man nannte dies auch die Himmels-
spur, Döbel 1, 5 und 9. [Jägerkunst 1610, nr. 17; Wagners Archiv 1, 144.]
20. Lieber Weidmann, sag an rund
und thne mir kund:
wodurch wird der edle Hirsch verwandt?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
Der Jäger und sein Leithund,
so blieb der edle Hirsch unverwundt.
Rund bedeutet hurtig, flink, Schmeller 8, 108. Was in der vorletzten
Zeile ungefähr zu ergänzen ist, zeigt Grimms nr. 167:
Weidmann, rund
thu mir kund :
wodurch wird der edle Hirsch verwundt?
A. Das kann ich dir wol sagen:
tliuts nicht der Jäger- und sein Leithund,
so bleibt der edle Hirsch unverwundt.
Andere Variationen des Spruches siehe bei Grimm unter nr. 20 und 203.
[Jägerkunst 1610 nr. 7; Wagners Archiv 1, 141.]
21. Lieber Weidmann, sag an:
wie lang leit der edle Hirsch in Muetter Leib, ehe er
erwachen kann?
A. Mein lieber Weidmann, es dunkt mich gar fein:
achtzehen Wochen und einen Tag
leit der edle Hirsch in Muetterleib gefangen, ehe er
erwachen mag.
464 Zur Volksdichtung.
Bei <>riiii!ii in-. 58: Mein lieber "Weidmann, sag mir an:
wie lange liegt der edle Hirsch in seiner Mutter Leib
ehe denn er erwachen kann?
A. Da liegt er achtzehn Wochen,
da hat sich der edle Hirsch in seiner Mutter Leib
verkrochen.
[Jägerkunst 1610 nr. 13; Wagners Archiv 1, 143.]
22. Lieber Weidmann, sag (an):
wie lang leit der edle Hirsch in Muetterleib,
ehe er sein erstes Zeichen inachen kann?
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
ein und dreissig Tag leit der edle Hirsch in Muetterleib,
ehe er sein erstes Zeichen machen kann. |
-340 23. Lieber Weidmann, sag an:
was hat der edle Hirsch in Muetterleib gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
in Muetterleib ist der edle Hirsch geschloffen,
gar manchen schmalen Steg ist die Hindin mit ihm ge-
loffen.
Geschloffen d. i. geschlüpft. Die Antwort ist verwirrt, besser ist sie
bei Grimm nr. 57: Im Mutterleib ist der edle Hirsch geschlichen
viel manchen schmalen Steig,
und ist darnach von seiner Mutter Leib gewichen.
[Jägerkunst 1610 nr. 16;AVagners Archiv 1, 143.]
24. Sag an, Weidmann :
wo mag der edle Hirsch liegen, wann man nit weiss, ob
er jung oder alt ist?
A. Wann er liegt in seiner Muetter,
weiss niemand, ob er jung oder alt ist.
25. Sag an, lieber Weidmann:
was trägt den edlen Hirschen über den Weg hindau?
A. Sein edle Muetter in dem Bauch
trägt heint den edlen Hirsch über den Weg hinaus.
Schöner ist Grimms nr. 31:
Hör, Weidmann, kannst du mir sagen:
was hat den edeln Hirsch vor Sonne und Mond über den Weg
getragen ?
Wie kann er über den Weg sein kommen,
hat ihn weder Sonn noch Mond vernommen ?
50 a. Weidsprüche und Jägersehreie. 4<>">
A. Das will ich dir wol sagen schone:
die liebste Mutter Bein
trug den edeln Hirsch über den Weg hinein.
Interessant ist, dass auch in dem Spiel von dem Freiheit (Keller, Fast-
nachtspiele nr. 63), welches, dem Traugemnndslied ähnlich, aus Rätsel-
fragen und Antworten besteht, eine Variation unserer Frage vorkommt.
Der Frager fragt :
Xu sag mir eins mit unterschaid!
was tregt den wolf über die haid?
Freiheit:
Das wil ich dir gar pald hie sagen.
Die wulfin tut in über die heid tragen.
26. Lieber Weidmann unveracht:
was hat der edle Hirsch auf grüener Heid gemacht?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
Er ist von seiner Mutter leib kumben
und ist über die grüene Heid hinein gesprungen. |
27. Lieber Weidmann, sag an: 341
was hat der edle Hirsch zu Feld gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
er hat ein Weid an sich genommen,
ist wieder von dem Feld gen Holz kommen.
Bei Grimm nr. 62 wird geantwortet:
Er hat gerungen
und gesprungen,
und hat die Weid zu sich genommen,
und ist wieder gen Holz kommen.
Tgl. auch Grimm nr. 28 (44), 74. 105, 199. [Jägerkunst 1610 nr. 2;
Wagners Archiv 1. 140; Schmidlins unten S. 497 abgedruckter Lob-
spruch 1 6(52, 75.]
Diese Frage, sowie die unter nr. 82 und 15 -- bei Grimm nr. 105,
106, 107 — stellt nach Meurer der Jägerknecht an den Jäger, 'wenn dieser
aus dem Versuch herzeucht und Hirsch abgericht hat'.
28. Sag an. lieber AVeidmann:
was hat der edle Hirsch bei dem Ameishaufen gethan'.'
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
er zerschlägt den Ameishaufen nach seinem alten Gebrauch,
damit ihm sein Hörn ward rauch.
29. Lieber Weidmann, sag an :
was hat der edlt Hirsch zwischen Wasser undGries gethan?
Köhler, Kl. Schriften. III. 30
4c.i;
Zur Volksdichtung.
342
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
zwischen dem Wasser und zwischen dem Gries
da wuesch der edle Hirsch seine Füess.
Siehe nr. 4 hei Grimm. |Jägerkunst 1610 nr. 9; Wagners Areliiv 1, 142.]
— Gries ist sowohl der Ufersand als das Ufer selbst.
30. Lieher Weidmann, sag an:
was hat der edle Hirsch bei dem fliessenden Wasser
gethan?
A. Er that ein frischen Trunk,
damit ward sein stolzes Herz gesund.
Bei Grimm nr. 66: Weidmann sag mir an:
was hat der edle Hirsch bei einem reinen fliessenden.
Wasser gethan?
A. Er that einen frischen Trunk,
darvon wird sein junges Herze gesund.
31. Sag an, Weidmann:
was hat der Hirsch im Laub und Gras gethan?
A. Er hat sich umbkehret nach einem jungen Jäger frumb:.
den Hirsch gedünkt, der Jäger sei ihm viel zu jung. |
Er ist dort hinausgangen durch den grüenen Anger:
ich hoff", er werde heut gefangen.
32. Sag an, lieber Weidmann :
wie viel hat der edle Hirsch heut Widergäng gethan?
A. Sechs oder sieben,
da hat der edle Hirsch heint sein Weil und Zeit ver-
trieben.
Bei Grimm nr. 181: Jo ho, mein lieber Weidmann:
wie viel hat der edle Hirsch, ho ho, woit gut, heut
Widergänge gethan?
A. Jo 'ho, mein lieber Weidmann, sechs oder sieben:
damit hat der edle Hirsch, ho ho, woit gut, seine
Zeit vertrieben.
Nr. 106: Sag mir, Weidmann, sag mir, Weidmann :
wie viel hat der Hirsch heut Widergäng gethan?
A. Sechs oder sieben, sechs oder sieben
hat der edle Hirsch heut Widergäng getrieben.
[Jägerkunst 1010 nr. 1; Wagners Archiv 1, 140. Ayrer 3, 1634, 4. ed.
Keller. Schmidlin V. 80.]
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. 4t)7
33. Mein lieber Weidmann, sag an:
wie viel hat der edle Hirsch Widergäng von Feld gen
Holz getlian?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wo] sagen:
Sechs oder sieben
haben den edlen Hirschen vom Feld gen Holz getrieben.
Bei Grimm nr. '-'4: Sag an, mein lieber Weidmann :
Wie viel Widergäng hat heut der edle Hirsch vom
Feld gen Holz gethan ?
A. Einen um den andern
hat der edle Hirsch getrieben von einem Wald zum
andern.
34. Sag an, lieber Weidmann:
wo hat der edle Hirsch sein ersten und lesten Wider-
gang gethan?
A. Den ersten von seiner Muetter,
den andern in der Brunst,
da der edle Hirsch sein Muetter bestieg:
so sag ich dir, lieber Weidmann,
das ist der erst und leste Widergang.
Lest, bayrisch für letzt. Man vergleiche bei Grimm nr. 53:
Weidmann, sag mir an :
Wo hat der Hirsch seinen ersten Widergang gethan ? |
A. Wenn er kommt aus Mutterleib und fröhlich um sie springt, 343
das dünkt mich frei,
dass es sein erster Widergang sei.
>."icht in der Ordnung scheint Grimms nr. 37 zu sein, wo es heisst:
Lieber Weidmann, sag mir an :
wo hat der edle Hirsch sein ersten und letzten Widergang
gethan 't
A. Wenn er liegt in Mutterleib umfangen,
so hat der edle Hirsch sein ersten und letzten Widergang
begangen.
35. Mein lieber Weidmann, sag an:
wann hat der edle Hirsch sein Himmelzeichen gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
wie er heut vom Feld gen Holz ist gangen,
so hat der edle Hirsch mit seiner langen Stangen
herabgeschlagen die Zeigen und die Ast von den Bäumen,
da hat der edle Hirsch sein Zeichen vollbracht.
30*
468 ^ur Volksdichtung.
Zeig, Ast, Zweig, Schmeller 4, 255. — Bei Grimm nr. 36 lautet die
Antwort:
Wann er heut vom Feld gen Holz Ur gegangen,
hat der edle Hirsch mit seiner Langen Stangen
herabgeschlagen die Zehr und Aste
von den Bäumen und Stauden und bat sein Weid empfangen;
ist mir anders eben,
so hat er das Himmelszeichen daran geben.
36. Lieber Weidmann, sag an:
wo hat der edle Hirsch sein höchstes und niedrigistes
Zeichen gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
mit seinem zerspalten Fuess, mit seiner edlen Krön
hat der edle Hirsch sein höchstes und niedrigistes Zeichen
gethan.
Und niedrigistes habe ich in der Frage hinzugefügt, in der Hand-
schrift fehlen die Worte. [Jägerkunst 1610 nr. 29; Wagners Archiv 1, 146.]
37. Sag an, lieber Weidmann :
wo hat der Hirsch sein erstes Zeichen gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
Da er leit in Muetterleib und wachst,
bat der edle Hirsch sein erstes Zeichen vorbracht.
[Jägerkunst 1610 nr. 33; Wagners Archiv 1. 147.]
38. Lieber Weidmann, sag an:
wo hat der edle Hirsch seinen letsteu Bschluss gethan? |
344 A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
als ich ihn jaget den grünen Wald hinein über die enge
Strassen,
da mueste der edle Hirsch sein letsten Bschluss lassen.
39. Lieber Weidmann, sag an:
wo hat hent zu Tag der edle Hirsch seinen lesten Be-
schluss gethan?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen :
er lief durch den grüenen Wald auf der weiten Strassen,
da hat er der edle Hirsch seinen Beschluss gelassen.
Was Beschluss in beiden Sprüchen bedeutet, weiss ich nicht.
40. Bistu ein Weidmann, so sag an:
was trägt der edle Hirsch unten und oben an.
50 a. Weidsprüche und Jägerschreie. 469
A. Unten die Ballen und oben die Krön
trägt der edle Hirsch unten nml oben an.
41. Lieber Weidmann, sag an:
was trägt der edle Hirsch unten und oben an?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wo! sagen:
die Schale und die Krön
trägt der edle Hirsch unten und oben an.
Schalen, die unten hornichten Teile am Laufte (Dübel). [Jägerkunst
1610 nr. 28; Wagners Archiv 1, 146.]
42. Lieber Weidmann fein:
wann mag der edle Hirsch am leichtisten zu spüeren sein?
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
wann der edle Hirsch thuet kein Gehörn tragen,
dunkt mich gar fein,
so mag der edle Hirsch am besten zu spüeren sein.
[Jägerkunst 1610 nr. 12: Wagners Archiv 1, 143.]
43. Lieber Weidmann fein:
was treibt den edlen Hirschen vom Feld gen Holz hinein?
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
der helle Morgen und Tageschein
treibet den edlen Hirschen vom Feld gen Holz hinein.
Bei Grimm nr. 25 : Lieber Weidmann, sag mir hübsch und fein:
was bringet den edlen Hirsch vom Feld gen Holz
hinein?
A. Der helle lichte Tag und der helle Morgenschein
bringt heut den edlen Hirsch vom Feld gen Holz
hinein j
oder: ;j45
der helle lichte Tag,
welches thut den Hirsch verjagen (oder: verraten).
[Jägerkunst 1610 nr. ä; Wagners Archiv 1, 141.]
44. Lieber Weidmann, sag an:
was ist das lest und das best an dem edlen Hirsch?
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
der Zemer der ist guet,
darbei da nehmen Fürsten und Herren ein gueten Muet;
das Gescheid ist nicht gnet.
das wirft man für die Jaghund.
470 Zur Volksdichtung.
Lest steht hier für 'das schlechteste', wie hei Schmeller 2, 530: 'weder
der best noch das löst.' 'Das best' habe ich geschrieben, obwohl in der
Handschrift 'das bösst' steht, wie öfters: Wog, Stög u. dgl. Leicht denkt
man daran, ob es nicht ursprünglich geheissen hat: 'was ist das beste
und das böste an dem edlen Hirsch', da die Verbindung dieser beiden
Superlative bekanntlich im Mittelhochdeutschen sehr beliebt war.
Bei Grimm nr. 39 heisst es:
Lieber Weidmann, sag mir an:
welches ist an dem edlen Hirsch das best und auch das letzt?
A. Das will ich dir wol zeigen an: der Zemmel ist gut,
Darüber tragen Fürsten und Herrn einen guten Mut;
darum dünket mich frei,
ilass es das beste und letzte sei.
Hier scheint das letzte für synonym mit dem besten genommen zu sein,
oder sollte es das hinterste bedeuten, weil der Zemmel oder Zemer,
gewöhnlich Ziemer, das hintere Stück des Hirschrückens genannt wird?
[Jägerkunst 1610 nr. 11; Wagners Archiv 1, 142.]
Das Gescheid ist das Eingeweide, die Gedärme.
45. Lieber Weidmann, sag an:
was gehet dem edlen Hirschen vor.
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
der Athem und sein Natur
gehet dem edlen Hirschen vor.
Bei Grimm nr. G5: Lieber Weidmann, sag mir fein:
was gehet vor dem edlen Hirsch gen Holz hinein?
A. Sein warmer Athem fein :
gehet vor dem edlen Hirsch gen Holz hinein.
[Jägerkunst 1610 nr. 23; Wagners Archiv 1, 143.] Noch dichterischer
und durch die Dreiheit höheres Alter verratend nr. 162:
Weidmann, lieber Weidmann hübsch und fein:
was gehet hochwacht vor den edlen Hirsch
von den Feldern gen Holz hinein?
A. Das kann ich dir wol sagen:
der helle Morgenstern, der Schatten und der Athem sein
gehet vor den edlen Hirsch von Feldern gen Holze ein. |
346 li». Lieber Weidmann, sag an:
wie spricht der Wolf den edlen Hirschen im Winter au ?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
der Wolf spricht cdu dürrer Knecht,
du rnuest durch meinen Kragen sein gerecht,
da will ich dich den grüenen Wald ein Ende jagen5.
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. 471
Bei Grimm nr. 22 spricht der Wolf:
Wol auf. wol auf, du dürrer knab, du must in meinen Magen,
da will ich dich wol durch den rauhen Wald hintragen.
47. Lieher Weidmann, sag au:
wie spricht der Fuchs den Hasen an?
A. Der Fuchs spricht zu dem Hasen
'ich hör die Jäger blasen:
mach dich auf und lauf darvon!
seine schnelle Wind laufen dich an'.
[Jägerkunst 1610 nr. 63; Wagners Archiv 1, 153. - Ein pommerscher
Yolksreim lautet: Auf, sprach der Fuchs zum Hasen;
Hörst du nicht die Hörner blasen?]
48. Lieber Weidmann, sag an:
was mag des .lägers sein Lohn sein?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
der Hals und die Haut, dünkt mich gar fein,
mag des .lägers sein Lohn sein.
49. Sag an. Weidmann fein:
was mag des .lägers Lohn sein?
A. Der Hals und die Haut, gedünkt mich gar fein,
mag wol des Jägers Lohn sein :
das Eisbein und Inslet gleichsfall alles allein
soll des Jägers Belohnung sein.
Eissbein wird (nach v. Heppe) benennet dasjenige Bein, welches die
hinteren Läufe oder Schlegel zusammenhält und den Schluss macht,
v. Fleming fasst es enger: Eissbein wird ein halber Teil von dem Schlosse
eines Tiers [d. i. einer Hindin] genannt, wann aber beide noch bei-
sammen, so heisset es das Schloss. (Schluss nämlich 'werden die Knochen
an den Tieren genannt, durch welche sie die Jungen gebären, die sich
dann von einander thun\) Frisch 1, 229a hat: 'Schloss- oder Eiss-Knochen,
im ano eines Hirschen. Holl. Isbeen, Ischbeen, Ysbeen, vom latein.
ischia coxendix; es inferius circa nates'. Die Etymologie lasse ich
dahingestellt.
Man vgl. Grimms nr. 168:
Weidmann, lieber Weidmann, sag mir fein:
was mag doch das Jägerlohn sein?
A. Das kann ich wol sagen:
der Kopf, der Hals und die Haut, dünkt mich fein,
intiss wol des Jägers Lohn sein.
[Jägerkunst 1610 nr. 62; Wagners Archiv 1, 153.]
i
472 Zur Volksdichtung.
347 50. Lieber Weidmann, sag an, du mein lieber Jäger:
wann wird das wager?
A. Lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
wann der Hund nimmer jagt und der edle Hirsch
nimmer staht.
so wird dem Jäger bass.
Wäger, bosser. Vgl. Grimm nr. 3: Lieber Weidmann, sag mir an:
wann ist dir dein Sach wäger?
A. Auf dem Schnee und auf dem Eber
wird mir mein Sache weger.
Für das werden wir wohl dir's lesen müssen.
51. Lieber Weidmann, sag an gar guet:
warumb haben die Jäger ein gueten Muet?
A. Lieber Weidmann, das macht der hohe Muet
und der Keller mit den Flaschen,
darbei sie Lungl und Leber waschen.
Lungl, bayrisch die Lunge [Jägerkunst 1610 nr. 27; "Wagners Archiv
1. 146].
52. Lieber Weidmann, sag an mit Muet:
aus welchem Glas schmeckt der küele Wein guet?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
aus dem weiten und aus dem engen
will ich dir heint eins brengen.
53. Sag an, Weidmann:
wann bistu aufgestanden von deinem Fräulein?
A. Heint in aller Frühe bin ich aufgestanden ab dem Bett
meines Herzenlieb fein.
Gott grüess mirs in das Herz hinein!
54. Lieber Weidmann, sag ein:
welches sein der höchsten Farben drei?
A. Lieber Weidmann
ein weisser A — , das grüene Gras, ein schwarze F — t
darbei,
dunkt mich gar frei,
seind. hoho, wol die höchsten Farben drei.
Für wol hat die Handschrift wolt, wahrscheinlich Schreibfehler für
woll, wie gewöhnlich die IIs. schreibt. Bei v. Fleming 1, 282 (Grinnn
hat den Spruch nicht mitgeteilt) lautet der Spruch:
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. 173
Weidmann, lieber Weidmann, sag mir fein:
welches sind doch wol die schönsten Farben drei?
A. Das kann ich dir wol sagen frei: 34S
ein grünes Gras, ein weisser A — und eine Bchwarze !■' z darbei,
das sind die schönsten Farben drei.
.">."». Lieber Weidmann, sag an:
was ist weisser dann der Schnee,
was ist grüener dann der Klee«
was ist schwärzer dann der Rab,
was ist seliüner dann der Jägerknab?
A. Mein lieber Weidmann, das will ich dir wol sagen:
der lichte Tag ist weisser dann der Schnee.
Laub und Gras grüener dann der Klee,
die Federn sein schwarzer dann der Rah.
die schönen jungen Mägdlein sein hübscher denn der
Jägersknab.
Bei Grimm nr. 165: Weidemann, lieber Weidemann, sag mir an:
was ist weisser dann der Schnee,
was ist grüner dann der Klee,
schwarzer dann der Rab
und kluger dann der Jägerknab ?
A. Das kann ich dir wol sagen:
Der Tag ist weisser als der Schnee,
die Saat ist grüner dann der Klee,
die Nacht schwärzer als der Rab,
schöne Mädchen klüger dann der Jägerknab.
[Jägerkunst 1610 nr. 55; Wagners Archiv 1, 152.] Im Traugenmnds-
lied wird auf die Frage 'was ist wijer denne der sne ?' geantwortet:
'die sunne'. In dem oben erwähnten Spiel von dem Freiheit ist der
Schwan weisser als der Schnee, das Laub (nach einer andern Lesart:
der Lauch) grüner als der Klee, das Pech schwärzer als der Rabe und
die Maid stolzer als der Knabe. In einem Rätsellied bei Uliland
(nr. 3) ist, wie bei uns. der Tag weisser als der Schnee und das
Merzenlaub grüner als der Klee [Unland, Schriften 3, 191; Bolte, Zs. f.
Volkskunde 7. :;st V. 82].
5G. Lieber Weidmann, sag an:
was macht den Wald weiss,
was macht den Wolf greis,
was macht die See breit,
wer weiss alle Kluegheit?
474 Zur Volksdichtung.
A. Lieher Weidmann, das will ich dir wol .sagen:
der Schnee macht den Wald weiss,
das Alter macht den Wolf greis,
das Wasser macht den See breit,
schüne Jungfrauen wissen alle Klnegheit.
Man vgl. bei Grimm nr. 68 ; wo nur die erste Frage abweicht, indem
sie lautet: woher kommt alle Klugheit? |
349 Die Antwort ist : Vom schönen Jungfräulein kommt alle Klugheit [Jäger-
kunst 1610 nr. 56; Wagners Archiv 1. 153].
Im Traugemundslied kommen die Fragen vor:
Durch wa3 ist der walt so grise ?
durch wa3 ist der wolf so wise?
A. Von manigem alter ist der walt so grise,
von unnützen gangen ist der wolf so wise.
Im Spiel von dem Freiheit finden sich die unsern Fragen näher
stehenden Rätsel :
Warumb ist der wald weiss,
und warumb ist der wolf auch greis?
A. Vor ungewitter ist der weiss,
vor alter ist der wolf auch greis.
Alle die bisherigen Weidsprüche bestanden aus einer
Frage und Antwort. Wir haben nun andere mitzuteilen, bei
denen dies nicht der Fall ist. Es sind dies Sprüche, die
teils an die Teilnehmer an der Jagd; um ihnen den Anbruch
des Tages und den Beginn der Jagd anzukündigen, teils an
die Hunde, namentlich an die Leithunde gerichtet sind. Auf
diese Sprüche scheinen besonders die Benennungen 'Weidseh reie
oder Jägerschreie" Anwendung gefunden zu haben. luden an den
Leithund gerichteten Sprüchen ist das innige Verhältnis
hervorzuheben, in welches sich der Jäger zu dem Hund
stellt. Gesell, Gesellmann, Waldmann, Knecht, oft mit Hin-
zufügen von 'lieb1 oder 'traut3 sind die gewöhnlichen Anreden
für den Hund. Heppe sagt: 'Manche danken den Leithimd
also ab: Haha höcht, Kniächtel, hoast Riäeht, hob Dank;
Hierschel, riacht Hierschel, hob Dank!" Schon in Hadamars
Jagd nennt der Jäger seinen Leithund 'lieber Geselle5, z. B.
hl Wa3 witert dich nü an, geselle? 60 Schönä, geselle
lieber, bite! 67 Hin hin mit guotem heile, das wünsch ich
dir, geselle. 70 Hin hin. geselle, gelücke helf uns heideu!
50a. Weidsprüche und .läyvrschreio. 475
98 Ker zuo mir her. geselle, kerä her. Ebenso in der Magd
der Minne" (Lassberg. Liedersaal, Band 2, nr. 126) wird der
Leitlmnd 'Geselle' und 'Herzens traut3 genannt, v. 6, 34,
384, 401, und 'getröstet' d. i. ermuntert. Im Teuerdank
(Ausgabe von Haltaus S. 47. v. 50) lesen wir:
Der jeger schrei 'wolhin von hinnen,
liehen jaghund, nun nun jagt nach heil!
so wird euch heut noch euer teil'.
Grimm hat viele Jägerschreie mitgeteilt, meine Hand-
schrift ist weniger reich daran: was sie enthält, lasse ich
hier folgen. |
.">7. Wolauf, Kellner und Koch! 350
Schlaft ihr denn noch?
Gebt uns die Suppen und ein Kandl mit Wein!
darbei wollen wir frisch und freilich sein.
"Wolauf. Grafen und Freiherrn recht,
edlen Ritter und Knecht
und alle guete Gesellen,
die heint mit uns an das Gejaid wollen!
In der Handschrift steht mit Unrecht über der zweiten Strophe 'Ant-
wort'. Man vergleiche bei Grimm:
Nr. 70. Ein Weidschrei damit man Morgen zur Jagd auf-
wecken soll.
"Wolauf, wolauf, Keller und Koch!
schafft ihr denn heut noch
ein gut Suppen, ein Kandel Wein,
so möchten wir alle fröhlich sein.
Nr. 71. Die Herren aufzuwecken.
Wolauf, Grafen, Freien und Herrn recht,
alle Edel, darzu Ritter und Knecht,
auch alle gute Gesellen,
so heut mit ins Gejaide wollen!
58. Wolauf, wolauf!
ein seliger Morgen gehet heut auf.
Wolauf, wolauf. ihr Weidleut jung und alt!
dass sein heut der liebe Gott wall.
Wolauf, wolauf, ihr Weidleut,
wie gar ein schöner Tag ist heut!
476 Zur Volksdichtung.
Wolauf, wolauf, ihr Fürsten und Herrn!
lass uns heint einem edlen Hirschen naelikelirn!
Wolauf, wolauf. willicli und frölich!
es stehet heut gar jägerlich.
Wolauf, ihr Fürsten und Herrn und all meine guete
Gesellen,
die mit mir heint an die Jagd wollen!
Man vgl. die zum Teil ganz ähnlichen nr. 82 ff'. Grimm, mit der alten
Überschrift: 'Wie man jägerlich Morgens den frühen Tag soll ausschreien
und die mit jagen wollen, wecken.'
59. Wann der Jäger den Leithund an die Hand nimbt,
soll er sprechen: j
351 Nun wolan hin, trauter Gesell,
dass der liebe Gott wöll!
Mit Lust und grossen Freuden
wollen wir heint dem edlen Hirschen gen Holz nach-
schleichen.
Gueter, trauter Gesellmaun hin hin gen Holz!
da schleicht manicher Hirsch stolz.
Gesellmann, hin wieder wo er her sei gangen,
lieber trauter Hund, Gesell, hinwieder!
da schleicht der edle Hirsch herwieder.
Vgl. dazu bei Grimm nr. 96. 98. 126.
60. Item wann du den Leithund zu den neuen Geförten
[d. h. Fährten] führest, so sprich
Voran, lieber Gesellmann, fornachin!
da kumbt der edle Hirsch hin.
Nun, trauter Hund, nun
da nimb der neuen Spuer eben wahr!
So der Hirsch fleucht, so fleucht er Wasser und Griesi
meines Buelens hab ich keinen Verdries.
Fornachin, bei Grimm 115, 116, 117: fornahin. Der Verdriess,.
Überdruss, Sehmelier 1, 415. Zu den beiden letzten Zeilen vgl. Grimm
nr. 146:
da lauft er AVasser und Grios:
wie gern der edel Hirsch heut geness, wer ihn liess :
50a. "Weidsprüche und Jägerschreie. 177
61. (Ohne besondere Überschrift.)
Da lauft der Hirsch Berg und Thal.
Gott grüess mir meinen Buelen überall.
Da lauft er umb die Rick,
das thuet er oft und dick.
Da lauft er über Hain.
den Hunden zu lieb und ihm selbst zu Sehaden.
Da lauft der Hirsch zu dem Zeug:
Gott geb dass es ihn nit gereue.
Der Rick oder Rück ist eine Wildgasse, Schindler 3, 43, kommtauch
hei Grimm nr. 23 (und 147?) vor, wurde aber von Grimm mit Unrecht
für Bergrücken genommen [Jägerkunst 1610 nr. 54; Wagners Archiv 1,
152]. Zeug, die Tücher und Netze. — Zu dem ersten Zeilenpaar vgl.
nr. 148 bei Grimm, fast wörtlich gleich [Schmidlin Y. 165]. Das vor-
letzte Paar ist verdorben, man vgl. Grimms nr. 151:
da lauft der edle Hirsch über diese Heide, 352
den Hunden zu Lieb, ihm selbst zu Leide.
62. (Ohne Überschrift.)
Hinnach, trauter Gesellmann, hinnach!
dann er leit schon auf der Seit,
der uns heint hat alle erfreut.
Nach Lust und Verlangen
ist es dem edlen Hirschen leider ergangen.
Nun hin umb ein anders!
dem Hirschen ist es wol ergangen.
Der Ausdruck 'auf der Seite liegen' kommt auch bei Grimm nr. 81 vor:
habt Fleiss, ihr Weidleut!
bis dass der Hirsch auf der Seiten leit.
Zu dem letzten Reimpaar vgl. Grimm nr. 161:
um ein andern, um ein andern !
dem ist heut leids ergangen.
63. Wiltu den Hirsch sueehen:
Gesellmann, trauter Hund, greif hinfür zu den Eichen!
da findestu des edlen Hirschen Zeichen.
478 Zur Volksdichtung.
Geselliiiaiin. binfür zu den Buechen!
da sollstu ihn suechen.
Vgl. Grimms nr. 111 und 112. Wie hier vom Hunde 'greifen' eigen-
tümlich gebraucht ist, so schon in der 'Jagd der Minne' v. 17:
do kam ich üf ein fart:
min leithund darnach grifen wart,
als einer art wol gezam —
und bei Grimm nr. 125:
greife fürbass zu der rechten Hand!
wart, wo schleicht der edel Hirsch hin an ein ander Land 1
64. Denk oft an Gott,
so liastu Glück!
ich und meine Augen
haben oft ein Guets gesehen uud vertrauen.
Ein guets vertrautes Herz ist guet,
und hab' ein gueten Muet
und vergiss Gott nicht darneben!
so wirstu lang leben, j
353 65. Wie der Jäger sollte Fürsten und Herrn aufwecken:
Wolauf! der lichthelle Tag scheinet,
ho, ho, guet heut über den Berg herein.
Wolauf, ihr Faulen und ihr Trägen,
die, ho ho, heut noch lange lägen! (vgl. Grimm nr. 84.
[Schmidlin V. 49].)
Wolauf, frisch und frölich!
das stehet, hoho, guet heut jägerlich (vgl. Grimm nr. 91).
Wolauf, ihr Kellner und ihr Koch,
schlaft ihr denn noch? [vgl. Schmidlin V. 59.]
Gebt uns ein Suppen, darzue eine Kandl mit Wein!
so mögen wir heut frölicher auf der Jagd sein (vgl.
Grimm nr. 70).
Wolauf, ihr wolgeborneu Fürsten und Herrn,
mit ihrem ganzen Hofgesind! (vgl. Grimm nr. 93.)
Wolauf, Herrn und Frauen.
auch Fräulein. Grafen, Ritter und Knecht,
50a. Weidsprüohe und Jägerscbreie. 4 711
und alle schöne Jungfrauen,
lasst uns den edlen Hirsch anschauen! [Wagners Archiv 1,
158. Ayrer 3, 1633, 29. Schmidlin V. 53.]
VVolhin mit Lust und Freude,
Herrn und Kraun zu Lieb, dem edlen Hirsch zu Leide
(vgl. Grimm nr. 97).
66. Wie man den Leithunden das Gehörn soll türtragen:
&'
Geselle guet,
du bist heut wolgemuet.
Heut gieng zu Holz
der edle Hirsch stolz
5 und trug sein edle Krön [vgl. Schmidlin V. G5].
Hoho, Gesell, ich zu dir, du zu mir,
ich trag das edle Gehörn von dem Hirschen für.
Dass dir nimmer Leid geschieht vor des Waldes Reis,
dabei man den edlen Hirschen suecht mit Fleiss!
10 Rieht dich auf, Geselle,
dass dich kein Reis uit schnelle!
lass von dem Reis
und suech den edlen Hirschen ganz mit Fleiss!
Geselle dich her zu mir und ich zu dir:
15 ich trag dir, hoho, das Gehörn von dem edlen
Hirschen für. |
Lass dich nit verdriessen! 354
du sollst vor Fürsten und Herrn gemessen.
Geselle mein, bist wolgemuet,
dass sich der edle Hirsch mit dir jagen muss!
20 Durch die Dicke,
wills Gott, auf dem rechtem Ricke
lauft er über Berg und tiefe Thal.
Hüete dich, lieber Gesell, dass dir kein Leid widerfahr!
Der edle Hirsch mit seiner Leng,
25 sollstu dein Lohn empfangen,
wie er da leit über den Blan,
greif darnach in die edlen Pfau,
das sollstu zu Lohn haben!
480 ^'ur Volksdichtung.
Mein trauter Hund, lass dichs nit verdriessen!
30 du sollst heint von den edlen Hirschen gemessen.
.Munter auf. mein trauter Hund,
munter dich. hoho, wol guet!
Heut frölich auch frolocke,
dass der Wald schallt.
35 dass es morgen zum Tag. hoho, widerschallt!
Lass dich nicht verdriessen!
du sollt, hoho, des edlen Hirschen gemessen.
Hochte Gesell, richte dich auf,
mein trautes Männlein.
40 ich zu dir. du zu mir!
Trag ein. hoho, ein guetes Gemüet,
trag auch das Gehörne dir
von dem edlen Hirschen für.
Da kumbt er hergeschritten
45 mit seinen sieben Tritten,
hat, hoho, der edle Hirsch den Tod gelitten.
Zeile 5 — 13 scheinen auf die üble Eigenschaft mancher Leithunde zu
gehen, welche die Spur des AVildes an den Reisern der Büsche, mehr
als die Fährte auf der Erde beachten, vgl. Döbel S. 95 f. — Zeile
24 — 27 sind unverständlich und jedenfalls verdorben. Ist 'Blan' so viel
als Plan oder gar die 'Blähen', Schmeller 1, 235. Grimm DWB. 2, 61 ?
- Zeile 38, Hochte, nach Meurer, der Jägerkunst und Becher liebt
man den Hund mit den Worten: Hoich ta, nur Mann recht! Bei
Heppe hiess es: Huha bucht! Nach der Jägerkunst p. 266 (Becher 123)
ist Hoch da! ein Ruf an Jäger und Hunde. Bei Döbel 2, 43 Jo ho,
hoch do, ho! |
355 Grimm hat unter nr. 187 — 190 aus Döbels Jägerpraktica
Sprüche, die beim Gehörnvortragen angewandt wurden (und
die man bei ihm vergleiche), mitgeteilt: dagegen hat er die
bei Fleming 1, 280 erwähnten Sprüche nicht abdrucken lassen,
obgleich sie es sehr wohl verdienten. Wir lassen daher die
ganze hierhergehörige Stelle aus Fleming folgen:
'Vnm Gehörn vortragen und Weydegescbrey.
Dieses ist abermahl ein uhraltes Herkommen, so vor diesem
gebräuchlich gewesen, wann ein Jäger sein bestätigtes Jagen
gemachet hat und er den stärcksten Hirsch darbey nach der
50 a. "Weidsprüche und Jägerschreie. 481
Geführt! angesprochen. So es nun nach geendigter Jagd richtig
eingetroffen; ist dem Hirsch alsbald sein Gehörn ausgeschlagen
und in Gegenwart der Hohen Herrschafft dem Leith-Hunde
mit besonderer Art vorgetragen, auch darbey nachfolgende
Weyde-Sprüche zu ihm von hellem Halse1) gesprochen worden:.
Waldmann hin hin, zu der Führd,
die der edle Hirsch von Feldern gegen Holze eintliät:
gegen Holz
kam der edle Hirsch stolz
mit seiner edelen Krön.
Gott hat sie ihm aufgethon,
mit seinen stolzen Tritten,
hat heute den Tod erlitten.
Waldmann hin, du hast recht.
Hahe Dank!
das ist heute ein guter Anfang.
Waldmann, du hast den edlen Hirsch verfangen,
nach ihm trägst du gross Verlangen,
mach dich frisch und frölich,
du geneust zur Stund
des edlen Hirsches Wildpräth fein: 356
Ehre soll mein Jäger-Recht sein.
Da kam er hergeschritten
mit seinen sieben Tritten,
Waldmann halte dich zu mir,
wie ich zu dir!
So trag ich hier
des edlen Hirsches Gehörn dir für.
Heute gieng er durch Haber und Korn,
obs gleich dem Bauer thäte Zorn,
und musste seinen Sclnveiss vergiessen,
dass du dessen kannst gemessen.
Waldmann, du hast Recht, habe Dank,
ist ein guter Anfang.
1) Vgl. Hadamar 446 von hals und mit dem hörne iag ich ze
mangen stunden. 334 ich bin an hellem iagen worden heiser. — Bei
Meurer S. 71 und danach in der Jägerkunst und bei Becher heiss
es: 'Dem Leithund wird Bein Tlieil im Jägerrecht von dem Jäger ge-
reicht mit lauteren schönen Weidsprüchen von hellem Hals und Horn-
schellung, Hou, Hou, Hou.' Laut ist der Jäger von Hals und Hörn,
wenn er wohl schreien und blasen kann. Man beachte die Allitterationen
in "hellem Hals' und 'Hals und Hörn'.
Köhler Kl. Schriften. III. 31
482 ^ur Volksdichtung.
Dieses wird nun heutiges Tages nicht mehr gehalten, sondern
vor altvaterisch gescholten3.
Auf nr. 66 folgt in der Handschrift
67. Ein anders.
Über die Rick
da schleicht der edle Hirsch oft und dick,
auf einem alten Weg gehet er zu Holz,
wie bald thuet er seinen Absprung stolz,
doch niuess er daher, hab Recht,
mein trauter Knecht, du hast Recht,
hab Dank, lieber Gesell, hab Dank!
Dieser Spruch wird, wie frühere, zum Leithund, wenn er die
Fährte verfolgt, gesprochen worden sein.
Den Schluss meiner Haudschrift macht endlich
68. Wenn du Fürsten und Herrn umb das neue Jahr
anschreist:
Umb ein andres wollen wir, hoho, heut zu Tag
von unserm gnädigen Fürsten und Herrn
ein glückseliges neues Jahr empfaugen.
Gott geb unserm gnädigen Fürsten und Herrn
viel Glück und Heil,
dass er, hoho, guet heut zu Tag
ein glückseliges neues Jahr mit uns teilen mag!
In der Handschrift fehlt cgeb' und cGott' und am Ende cmag\ j
357 Zum Schlüsse noch einige Nachweisungen über ältere
Erwähnung von Weidsprüchen. Hadamar von Laber sagt in
der 56. Strophe seines allegorischen Gedichtes 'die Jagd' (aus-
dem 14. Jahrhundert), als er schildert, wie er mit dem Herzen,.
seinem Leithunde, die Fährte der Geliebteu verfolgt:
mit weidesprüchen kosen
ich ouch aldä begunde.
bluomen, gras, loub, rösen,
von ferre man ir farw erkennen künde —
und in der 76. Strophe vom Herzen, als seinem Leithunde:
ich darf eg wenig streichen
durch willen nach der ferte,
noch hiut mit Sprüchen smeichen.
50a. Weidsprüche und Jägerschreie. 483
Während die erst angeführte Strophe sehr dunkel ist,
ist die zweite ganz einfach: es handelt sich hierum Sprüche, wie
unter nr. 59 aus meiner Handschrift mitgeteilt sind. Solche
Sprüche werden auch gemeint sein in 'der Jagd der Minne'
v. 309 f.:
dem Jäger was wol ze müt,
er tröst sieh siner hunt gut.
sin sprüch wären meisterlich
und jagt im hörn weidenlich.
In einem dritten allegorischen Gedichte, 'die verfolgte Hindin',
welches Keller im 3. Bande der Fastnachtspiele S. 1392 ff.
mitgeteilt hat. erblickt der Dichter eine schöne Hündin und
sagt:
ich reit fürhass leise
und gedacht, in welche weise
ich möcht angefallen,
dadurch ich würd nahen.
Ich gedacht, dass ich nach meiner gir
ein weidespruch Sprech zu ir.
Begund sie den zu hören,
so wollt ich fürbass sporen
und ganz on rewen
jagen mit ganzen trewen.
Hier haben wir also einen an die Hündin gerichteten Spruch.
Noch heutzutage wird liier und da jeder andere Kun st-
und Kernspruch, wie sich Schindler 4. 28 ausdrückt. Weid-
spruch genannt. Adelung sagt: 'Im figürlichen Verstände
nennt man wohl überhaupt alle Arten von eingeführten For-
meln in verächtlichem Verstand Weidesprüche.' Ebenso
Campe: cUneigentlich | nennt man die Leih- und Kernsprüche, 358
die man verächtlich bezeichnen will, Weidesprüche.' Diese
allgemeinere Anwendung muss schon frühzeitig stattgefunden
halien. natürlich ohne die 'verächtliche' Bedeutung. So findet
sich ein Druck des 16. Jahrhunderts. Priameln enthaltend,
r den Titel hat: 'Die hoff liehen Weydsprüch, inn Reimen
gestelt' (Bücherschatz der deutschen National-Litteratur 1854,
r. 1610 [jetzt Berlin Yd 32 11]). Darum steht auch auf dem
ersten Blatte meiner Handschrift: Allerhand jägerische
Weidsprücb.' Wenn in dem bekannten Verzeichnisse von
31*
ui
!l
\S[ Zur Volksdichtung.
- < xllschaft liehen Spielen und Unterhaltungen im 25. Kapitel
der Geschichtklitterung Fischarts [S. 265 ed. Alsleben] auch
mit aufgeführt werden 'die grössten Weidsprüeh5, so lässt sich
hier an Weidsprüche in engerer und weiterer Bedeutung
denken.
[Schilderung einer Jagd in Georg Rolls Gomoedia von
Kitter Pontus, Danzig 1576, Bl. F3a (Bolte, Das Danziger
Theater 1895, S. 16) und in Ayrers Drama Melusina 3. 1631
ed. Keller. Abbildungen einer Hirschjagd, Schweinshatz,
Gemsjagd, Hasenhetze u. s. \v. beschreibt ausführlich Wickram,
Der irr reittend Bilger 1556, Bl. 17a — 21b. Eine lateinische
Jagdpredigt in Schönbachs Miscelleu aus Grazer Hand-
schriften 3 (Mitt. des histor. V. f. Steiermark 48. 1900).
Über die epischen Darstellungen Schmidlins (1662) und Lorbers
(1670) s. unten S. 496 und 486.]
50b. Aus Lorbers Gedichte Die edle Jägerei'.
(Weimarisches Jahrbuch 3, 477 — 482. 1S55.)
Als Nachtrag zu meinem Aufsatze über Weidsprüche und
Jägerschreie teile ich noch mit. dass einige jener kunstlosen
Keime doch die Ehre gehabt haben, in einem Gedichte eines
kaiserlichen gekrönten Poeten über die Jägerei Aufnahme zu
finden. Der Titel des Gedichtes, das ich meine, lautet voll-
ständig: cDie adle Jägerei. Welche dem Durchlauchtigsten
Fürsten und Herrn Herrn Johann Ernsten, Hertzoge zu Sachsen
u. s. w., Seinem gnädigsten Fürsten und Herrn zu untertähnigsten !
Ehren Poetisch fürsteilig gemacht und übereignet Seiner I
Hochfürstl.Durchl. gehorsamster Diener Johann Kristoff Lorber.
D. R. B. Weinmar, im Jahre 1670/ 31/* Bogen 4°. -Indem
ich mir vorbehalte, wieder einmal auf Lorber, der. wie gesagt, |
Poeta laureatus war, in Weimar die Stelle eines Hofadvokaten
bekleidete und Verschiedenes in Prosa und Versen geschrieben
50b. Aus Lorbers <iedichte "Die edle .Jägerei'. 4^.")
hat1), zu kommen, genügt es mir jetzt, an (lies eine Gedieht
von ihm zu erinnern und die Weidsprüche enthaltenden und
einige ändert' Stellen daraus hier vorzuführen.
■-
Zuerst erzählt der Dichter im allgemeinen einiges von
den ältesten mythischen Erfindern der Jagd, von Karls drs
Grossen Wildhahn, von der Einführung der Feuergewehre,
von verschiedenen Arten der Jagd, und dann schildert er
eine Jagd, die Diana mit ihren Nymphen in Gesellschaft
J) [J.C. Lorber ward (nach Zediere Universallexicon 18, 445) am
L9. April 1645 geboren und starb am 16. April 1722. Er unternahm
1671 — 1681 eine Reise nach Indien, von der eine 1629 Quartseiten
starke hsl. 'Ostindische Land- und Reisebeschreibung'' auf der Weimarer
Bibliothek (Q. 326) Kunde giebt; darin S. 329 ein vierstimmiges
Eottentottenlied. In dem eingeklebten Exlibris heisst er 'Unterschiedi.
Landes-Stände bestallter Gerichts-Director und Stad-Syndicus zu
Arnstad'. Seine übrigen Schriften sind:
2. Bismillarrahhmannirrahmimi. Grammatica malaica, tradens
Praecepta brevia Idiomatis Lingvae in India orientali celeberrimae ab
Indigenis dictae Malayo, Succincte delineata Labore Johannis Christophori
Lorberi, Poet. Laur. Cses. Illustriss. Regim. Sax. Vin. Advoc. Extr.
Vinariae, Impensis Job. Andreae Mülleri, Typogr. Aul. Anno 1688.
2 Bl. -f- 48 S. 8°. (Nach S. 1 übersetzt aus Jan Roman, Grondt ofte
körte Bericht van de Maleysche Tale, Amsterdam 1674.)
3. Sonnenstrahlen der Wahrheit Dem Schatten-Risse der Welt
entgegen gestellet Von Job. Christoph Lorber, Kaiserl. gekr. Poet.
Frankforth am Mäyn, In Verlegung Tobias Oehrling. Anno 1684. 81 S. 12°.
4. Johan Kristof Lorbers, Keiserl. gekr. Poetens und Fürstl.
gächs. Weimar. IIof-Advocati ordinarii LOB der edlen Musik. Weimar,
Johann Andreas Müller. 1696. 8 Bl. -f- 112 S. 8°. (In Alexandrinern;
S. 67 folgen Anmerkungen.)
5. Johan Kristof Lorbers Keiss. gekr. Poetens und Fürstl.
Bächss. Weim. Hof-Advoc. ord. Verteidigung der edlen Musik wieder
einen angemassten Musik-Verächter aussgefertiget 1697. Weimar, Job.
Andreas Müller. 40 S. 8 °. (Wider Gottfried Vockerods Gothaer Schul-
programm über die Kaiser Caligula, Claudius und Nero.)
6. Teütscher Proteus, Durch Siebenzehnhundertmahlige Ver-
pnderung eines einzigen in zwölf "Wörtern bestehenden sechsfüssigen
steigenden Verses, nach der leztern Jahrzahle des zu ende laufenden
Biebenzehnden Jahrhunderts auf dem unzählichmahl verwechselten
Bchauplaze der verkehrten Welt aufgeführet von Johann Kristof Lo rbe r,
Keiserl. gekr. Poeten, und Fürstl. Sächss. Hof-Adv. ord. zu Weimar.
486 Zur Volksdichtung.
Apollons und seiner .Jägersleute angestellt. Da heisst es
denn [Bl. B3a]:
Mit bunten Bluhmen war der grüne Platz geputzt,
280 Darunter Ancraon' und Hiazinthus stutzt; |
17> Auf einer Seiten prangt ein Wald mit stoltzen Eichen.
Die ihnen einen Kuss selbst pflegten zuzureichen.
Wann sich ein sanfter Wind in ihre Blätter schlug
Und die fruchtbaren Aest1 also zusammen trug:
285 Recht gegenüber war ein frischer Brunn entsprungen
Mit murmelnden Geschwätz' und lispelender Zungen,
Um seine Röhrenkunst wuchss ein betautes Moss,
Das pflantzte sich hinab biss auf der Erden Schoss:
Nicht ferner rieselte von seinen reinen Kwellen,
290 Und spielt' ohn Unterlass mit sachterhobnen Wellen
Ein kristallinner Fluss: die heitre Morgenluft
War rein und unverfälscht von giftgem Nebelduft,
Sie wehte durch sich hin die süssen Lieblichkeiten
Des niedlichen Geruchs, die durcheinander streiten
295 Und köstlich unter sich vermenget musten sein,
Kein Ambra, kein Zibeht, kein geiler Augenstein
Blässt solch' anmuhtge Luft aus seinen trukknen Kräften :
Es hatte nichts verfehlt in ihren Amtsgeschäften
Die künstliche Natur: der'göldne Sonnenschein,
300 Der von dem dunkeln Wald' umschattet muste sein,
Durchschönerte den Ohrt: die lieblichen Najaden
Die konten hier mit Lust im kühlen Wasser baden,
Die Hamadriaden. und die Satirsche Rott',
Der Bokkgehörnte Pan, der Wald- und Felder-Gott
305 Bewohnten diesen Ohrt: des Frühlings Abgesandten,
Die hatten hier ihr Zelt: des Sommers Musikanten
Weimar, Jo. Andr. Müller 1700. 1 -f- 71 8 Bogen 8°. (Der permutierte
Vers lautet: Welt, kehr dich, wie du wilst, mein Herz traut dir
deich nicht.)
7. Die aufgewachsene Zedern Des . . . Herrn Niklas Christofs,
Des Heil. Rom. Reichs Freyherrn von Lynker, auf Fluhrstedt und
Kötschau . . . aus unterthäniger Obliegenheit, in Poetische Betrachtung
genommen, von Johann Kristof Lorbern . . . Jena, Jon. Phil. Lindner.
1707. 2 Bl. + 48 S. 4°.
8. Johannes Christophorus Lorberus Vimariensis P. L. C. Jubilum
Seculare Festi Jubilaei evangelici seeundi anno 1717 solemni Christianorunf
ritu Yimariae celebrati Omnibus et singulis D. D. I). Vimariae, Litteriij
Mumbachianis. 0 Bl. 4°.]
50b. Aus Lorbers Gedichte 'Die edle Jägerei'. J s7
j[B3bj Erbauten auf die Ast1 ihr Lust und Wohnungs Ilauss
Der Gukguk rief und schrie hier Beinen Nahmen aus:
Die muntre Nachtigall phf ihre Morgenlieder.
310 Bald war die Stimme hoch, bald hei sie wieder nieder,
Bald drehte sie den Laut, bald schwebte der Gesang,
Der wieder aus der Gruft des Wiederschalles klang'
Und sich verdoppelte: man hörte da verführen
Hoch in der freien Luft der Lerchen tireliren,
315 Ihr Schall fiel lieblich ab: Der Finke sang auch früh
Sein schönes Reitschwa Lied, sein Ritzseh- und Zitzschkewi:
Der andern Vögel Häuf erfreute sich mit Zwitzwern,
Man hörte lauter nichts, als Zitzsehern, "Witzschern, Klitzschern.
Die bunte Wachtel sprach' in ihrer eignen Sprach'
320 Und schlüge sonder Ruh' im Walde wakker nach.
So ein lustreicher Ohrt, den kein' Unzier vernichtet,
Gefiel Dianen wohl. Die Garn sind da gerichtet,
Der Schirm ist auch gemacht; man fing hier nach der Reih'
Also zurufen ahn mit altem Waldgeschrei: ') |
325 'Wohlauf, wohlauf, wohlauf, ihr Herren und ihr Frauen, 479
Lasst einen ädlen Hirsch Uns heute noch beschauen !
Wohlauf, wohlauf, wohlauf, ein ieder stelle sich
Frisch, frölich, hurtig, fro, das stehet Jägerlich'.
Drauf sagt' ein Jägersmann: cKom, ädler Hund, lass sehen,
330 Ob dir werd' etwas guts vom Hirsche heut geschehen !
Hier fragt' ein Jägersknecht: 'Mein lieber Jägermann!
Wie viel hat heut der Hirsch doch Wiedergäng gethan?'
Die Antwort wäre diess' : 'Er hat sechs oder sieben,
Sechs oder sieben hat Er Wiedergäng getrieben'. —
335 'Was macht der Hirsch zu Feld?'— 'Zu Feld, zu Feld, zu Feld,
Da hat der adle Hirsch heut sein geweidet Zelt'.
Drauf ging Er zu der Fahrt: 'Wohlhin zu jener Buchen,
Da wollen wir mein Hund? den ädlen Hirsch heut suchen.
|B4a] Herzu, mein lieber Hund! herzu, kehr doch herzu,
340 Dass man dem ädlen Hirsch auch heute Leides tuh'!
Wohlan, mein trauter Hund! wohl hin zu jener Eichen,
Da findest du gewiss des ädlen Hirsches Zeichen.
!) Eine Anmerkung Lorbers sagt uns, dass er die Weidsprüche aus
■dem Meurerschen Buche, über das wir oben S. 332 [= 455] gesprochen
haben, entlehnt hat, wie er diesem Buche auch die Kenntnis der weid-
männischen Ausdrücke überhaupt zu danken haben wird. - |Zu V. 325
vgl. Schmidlins Lobspruch 1662 V. 53 ; 329 : Schmidlin 69 ; 331 : Schmidlin
180; 335: Schmidlin 75; 337: Schmidlin 97; 347: Schmidlin 127; 350:
•Schmidlin 155; 363: Schmidlin 183.]
488 Zur Volksdichtung.
Nur fornahin, Gesell! nur fornaliin zur Spuhr,
Allwo dem ädlen Hirsch1 oft Leides wiederfuhr:
345 Wohlan, mein trauter Hund ! wohlhin zu jener Linden,
Da wollen Ich und Du den ädlen Hirsch heut finden'.
Indess geschah der Bruch. 'Nun standa, standa still,
[ch weiss nicht, wo der Hirsch, der adle Hirsch hin will.
Kehr hieher, hieher kehr'. Dann schrihn die Jägers Jungen:
350 'Hetz, hetz die Hunde her', mit hell gestimmten Zungen,
Hetz fürther, jun, jun, jun, hetz her, schenk Schirm und Schall,.
Hetz dem nach, hetze her die guten Hund' heut all',
Hetz, hetz die Hunde her, die jungen zu den alten,
Hier ist der adle Hirsch, drum lass Gott heute walten'.
355 Der Jäger jagt ins Hörn : cda lauft Er wanks und schwanks,.
Und seiner Mutter Sohn erfahre heut Undanks.
Doho, doho, der Hirsch läuft über diese Heide
Den Hunden zwahr zu Lieb', ihm aber selbst zu leide,
Doho' da lauft er noch, mein YVeidman, sicherlich,
360 Es ist ein ädler Hirsch, mein AV eidmann, das weiss ich'.
Drauf ritt der Jägersmann zum Zeug' und wolt' erfahren,
Wie viel der ädlen Hirsch1 alda gefangen waren,
Fing1 an und fragt1 also: 'Sag mir doch, Weidman mein!
Sag. sind die Hunde nicht gelaufen hier darein?'
365 Des Weidmans Antwort war: 'Ich sah in dieser Stunde,
Mein Jäger! glaub es mir, hier weder Hirsch noch Hunde,
Denn heute morgen früh, als ich kaum aus der Ruh1,
Da lief ein ädler Hirsch mir gar behende zu'.
Nim wird die Jagd weiter beschrieben. Eiii Reh, ein;
Hirsch, ein Schwein werden erlegt, dann zieht man zurück
zur Ruhstatt, einem grünen Thal mit einer Höhle ' [Bl. C 1 b] :
480 435 Die um und um bebäumt, von keiner Hand erbauet,
Doch wurde die Natur für Kunst-Fleiss angeschauet,
Der Bims- und Toffstein schlung' in seinen Adern sich
Zusammen sonder Kiss1 und schloss' ein eigentlich
Sr-lhwachsendes Gewölb1, auf dessen rechter Seiten
44<i Entsprang1 ein kühler Brunn und rieselte von weiten,
Durchlieblichte die Luft, betöhrte das Gehör,
Als ob man gantz entzükkt und wie bezaubert wer'.
Hier lagerten die Jäger sich und assen und tranken..
Dann heisst es weiter:
Sie brachten zum Versuch' auf Weidmanns Ahrt viel Dinge
Und Rähtsel auf die Bahn, wie diss und das zuginge.
50b. Aus Lorbers Gedichte ' 1 >i<* <■<! 1.- Jägerei'. \s\\
l>a war von nichts gefragt als von der Jägerei;
.Man fing oft also an: '.Mein Weidman, sag mir frei;
455 Sag, lieber Weidman mein: mein Weidman tuh mir sagen,
Wenn mag wohl sein Geweih der Hirsch am höchsten tragen?'
Ein ieder wolte hier nicht der geringste sein.
Bracht1 eine Mahnung für; doch traf sie niemals ein.
Der eine sagte drauf: '"Wenn ihn die Hunde jagen'.
460 Ein andrer wüste hier was anders her zu sagen,
lli-s endlich einer hat die Antwort so gereimt
Nach lustger Jägerahrt, die keinem nie geträumt:
'O lieber Weidman mein! ich tuh dir itzo sagen.
Der Hirsch tuht sein Geweih am allerhöchsten tragen,
465 AVenn er geht auf die Brunft1. — Man kont' alsbald hier sehn,
Dass seinen Beifall gab' ein ieder zu verstehn.
[(' 2a] Zuletzt wolt' einer sich hierin auch sehen lassen
Und seine stoltze Kunst in diesse Reime fassen:
'Sag', lieber Weidman! mir, ich frage sonder Scheu,
470 Wenn doch des Hirsches Bluth am hitzigsten wohl sei?
Da finge sich bald an ein lautendes Gelächter
Ob diesem Jägersmann7, ob diesem Federfechter,
Der einen Streich bekahm: man hat mit ihm geschertzt,
Dass es die Nachbarschaft des Rükkens kaum verschmertzt.
175 Ein Jäger hat ihn bald mit sieh bei seit genommen,
Da Er von dessen Hand drei Pfund also bekommen:
Für Fürsten und für Herrn, für Ritter und für Knecht',
Und diss (hier schlug Er scharf) fürs adle Jäger Recht.
So war des Hirsches Blüht ihm damahls angestrichen,
480 Dass ihm Blüht, Muht und Geist fast gantz und gar entwichen.
Drüm, wer in Schimf und Ernst auch unbeschimft sein wil,
Der schweige, wann ers nicht gar wohl verstehet, still.
Den letzten Teil des Gedichtes bildet die Schilderung
der Heimkehr von der Jagd. Dabei ist ein Jägerlied ein-
geschaltet, dem man eine gewisse Frische nicht wird ab-
sprechen können, und dus wir zum Schluss hier noch mit-
teilen | [Bl.C2b]:
1. Wohlauf, du adle Jägerei! 481
Sei freudig, hurtig, munter,
Dein helles Hift und Waldgeschrei
Das gehet nimmer unter.
Hift, hift, hift, hift.
So lang ein Hirsch noch springt.
So lang ein Vogel sich aufschwingt,
So lang dein Lob auch klingt.
490 Zur Volksdichtung.
2. Was fragst du Dach dem grossen Pracht,
Der Gold und Silber führet P
Ein grüner Bruch in grüner Tracht
Der ist's, so dich bezieret,
Rift, hift, hift, hift.
Das ist dein Freuden Klang.
Der adle Hirsch krigt seinen Fang:
Das ist dein Lustgesang.
3. Ein kühles Tahl, ein grüner Wald,
Und wo du sonst magst wohnen,
Das ist dein steter Aufenthalt,
So muss der Neid dich schonen.
Hift, hift, hift, hift.
Das ist das allerbest1,
Wer sich in seinem Glükkes Rest'
Allzeit vergnügen last.
4. Früh eh der Tag die Nacht verjagt,
Und eh Aurora pranget,
Eh sie sich an den Himmel wagt,
Hast du schon Beut' erlanget.
Hift, hift, hift, hift.
Wenn der in Federn liegt
Und jener erst den Rükken biegt,
Hast du schon obgesiegt.
5. Kein Hirsch, kein Tihr, kein Wolf, kein Schwein
Kan auch nicht eine Stunde
Für deiner Macht gesichert sein.
Die Schar der wakkren Hunde
Hift, hift, hift, hift.
Brennt für Begierigkeit,
Wenn sie das helle Hift zum Streit'
Im grünen Wald anschreit.
6. Und wenn der adle Jägersmann
Sein unverlohrnes Glükke
Für dissmahl nicht erlangen kau,
Ziht Er doch nicht zurükke.
482 Hift, hift, hift, hift.
Es muss das Hoffnungs-grün
Doch endlich noch durch viel Bemühn
Auf seinem Huhte blühn.
50c. Über Grässes .Jägerbrevier. 4'M
7. Drüm wird, o adle Jägerei!
Dein grosser Ruhm nicht fallen.
1 .;i>s nur mit Lust dein Waldgesrhrei
Die beitre Luft durchschallen,
Hift, hift, bift, hift.
So ruft auch allemahl
Dein Hift zurükk in gleicher Zahl
Das tiefoesenkte Tabl.
50 e. Über Grässes Jägerbrevier.
(Germania 3, 251-253. 1858.)
•Jägerbrevier. Jagdaltertümer: Waidsprüche und Jägerschreie, Jagd-
calender, Jägerkünste und Jägeraberglauben, Jägersagen. Dresden.
G. Schönfelds Buchhandlung (C. A. "Werner), 1857. 8°. IV u. 180 S.
d1, Thlr.)
Das vorstehende wohlausgestattete Buch soll laut Vorrede
S. I) nicht bloss Unterhaltung gewähren, sondern zugleich
'einige nicht unwichtige Beiträge zur deutschen Sittengeschichte
und vergleichenden Sagenkunde liefern", und hiernach wird
eine kurze Anzeige desselben in der Germania am Platze
sein. |
Zunächst giebt der ungenannte Verfasser [Th. Grässe] 252
eine Sammlung von Weidsprüchen und Jägerschreien, d. h. die,
welche Jacob Grimm in den Altdeutschen Wäldern aus einer
Handschrift und verschiedenen Büchern herausgegeben hat. und
die. welche ich aus einer früher mir gehörenden, jetzt im Besitze
der Grossherzogl. Bibliothek zu Weimar befindlichen Handschrift
im Weimarischen Jahrbuche (3, 329 ff.) bekannt gemacht habe.
An der Schreibung der Sprüche nicht nur, sondern hier und
da auch an grammatischen Formen ist vom Verfasser geändert.
Einzelne Druckfehler sind nicht berichtigt, einige neue hin-
zugekommen. Die spärlichen Anmerkungen enthalten nichts
eigenes, neues; alles, was sie bieten, ist aus Grimms und
meinen Bemerkungen ausgeschrieben. Was wir gelegentlich
nur vermutet hatten, ist ohne weiteres als sicher angenommen
492 Zur Volksdichtung.
wordeD, und die Erklärung dunkler Stellen, auf deren Schwierig-
keit wir hingewiesen, die aber hier ohne alle Deutung stehen,
als wären sie leicht und selbstverständlich, ist durchaus nicht
-(fördert. Man sieht überall, dass dem Verfasser eigentliche
Sprachkenutnis abgeht.
Während nun sämtliche 337 Weidsprüche des Jäger-
breviers, mit Ausnahme des einzigen nr. "201, sich in den Alt-
deutschen Wäldern und im Weimarischen Jahrbuche finden,
hebt der Verfasser in der Vorrede hervor, dass weder Grimm
noch ich auf die Weidsprüche und Schreie in Schnurr von
Lensidels Hausbuche und in Feyerabends Jagdbuche Rück-
sicht genommen hätten, und teilt dann diese Sprüche unter
nr. 121 — 200 mit, indem er bemerkt, dass sie auch in Bechers-
Jägercabinet und in Erlachs Volksliedern ständen; die Hummern
der letzteren Sammlung sind beigefügt. Es ist unbegreiflich,
wie der Verfasser vergessen konnte, obwohl er doch die Alt-
deutschen Wälder vor sich hatte, dass die sämtlichen Sprüche
von nr. 121 — 200 bereits von Grimm aus Bechers Jägercabinet
mitgeteilt sind und dass Erlach sie erst aus den Altdeutschen
Wäldern entlehnt hat; die Zahlen der Erlachschen Sammlung
sind eben die der Grimmscheu. Im Weimarischen Jahrbuche
3, 332 hatte übrigens auch ich bemerkt, dass die von Grimm
aus Becher mitgeteilten Sprüche sich schon im 16. Jahrhundert
gedruckt vorfinden.
Den Weidsprüchen folgen im Jägerbrevier cTierversleinJ,
d. h. Reime auf verschiedene Tiere, aus Feyerabends Jagdbuch.
Ich kann im Augenblicke das Jagdbuch nicht vergleichen
und weiss daher nicht, ob sie genau abgedruckt sind: das
aber weiss ich, dass sie, wie sie im Jägerbrevier stehen, aller-
hand falsche und unverständliche Stellen enthalten, die durch
leichte Änderungen berichtigt werden konnten. Die folgende
zwei und eine halbe Seite füllende Sammlung von 'Jagd-
Sprichwörtern3 hätte bedeutend vermehrt werden können.
Der cJägerkalenderJ ist aus 'verschiedenen alten Jagdbüchern'
zusammengestellt und enthält meist gereimte Wetter- und
Gesundheitsregeln für die einzelnen Monate. Hieran schliessen
sich unter der Aufschrift 'Jägerkünste0 und Jägeraberglaube"
50c. Über Grässes Jägerbrevier. 4'.*3
80 meist abergläubische Rezepte und Mittel, die zum Teil
recht interessant sind. Audi meine oben erwähnte Handschrift
enthält ein paar derartige Rezepte, darunter jedoch nur eins
mir iuteressant scheint und welches ich deshalb hier mitteile.
Vögel auf dem Tennen zu fangen.
Mache dir einen Tennen, darauf du liegen willst, heb
au an S. Jilgentag, und die Vögel, so du zuerst fällest, soll
du rupfen lassen und braten, und gib's armen Leuten, behalt
keinen darvon. Darnach nimb die Federn und tlieil sie
ungeferlich in fünf Theil und thue einen Tlieil unter die 253
Hütten unter den Sitz und auf jedes Eck des Teuns, auch
ein Theil eingraben: darnach fähestu Vögel das ganze Jahr.
Den Schluss des Jägerbreviers (S. 120 — 174) bilden 'Jäger-
sagen, von Schützen, die immer treffen, und solchen, die
keine Kugel trifft/. Der Verfasser hat mit Fleiss die neueren
Sammlungen deutscher Sagen durchgemustert und die betreffen-
den Sagen zusammengestellt, eine Zusammenstellung, für die
man ihm. auch wenn sie nicht vollständig sein sollte, dankbar
sein muss. Auf nicht germanische Sagen und Aberglauben
ist keine Rücksicht genommen, obwohl dies zu interessanten
Vergleichungen geführt hätte. Bezüglich der Passauer Kunst
bemerke ich. dass unter andern auch ein Caspar Neuthardt
aus Hersbruck als ihr Erfinder galt (vgl. Waldau, Vermischte
Beiträge zur Geschichte der Stadt Nürnberg 3, S. 200). l)
Ich benutze diese Gelegenheit noch zu zwei Bemerkungen.
Im Weimarischen Jahrbuche 3, 382 [oben 4.').")] habe ich gesagt,
<lass Jacob Grimm es gewesen sei. der zuerst in neuerer Zeit
wieder auf die vergessenen und verachteten Weidsprüche auf-
merksam gemacht habe. Ich hätte aber nicht übersehen sollen,
dass schon Gräter (1794) in seiner für jene Zeit vortreff-
lichen und noch heute beachtenswerten Abhandlung 'über die
deutschen Volkslieder und ihre Musik' (Bragur 3. 278) auf die
r) Einige Nachträge zu dem Jägerbrevier aus skandinavischer
Sage und Aberglauben hat Asbjörnsen in Kühnes Kampa 1 s.">7. nr. 52
geliefert. — [Über die 2. Auflage des Jägerbreviers (Wien 1869;
wiederholt Berlin 1885) vgl. Wagners Archiv 1, 138.]
l'.i | Zur Volksdichtung.
Weidmannssprüche als ein Stück Volkspoesie hingewiesen hat,.
wenn auch nur im Vorübergehen und nicht günstig genug
(vgl. auch Wackernagel. Geschichte der deutschen Litteratur
§ 96, 3). Feiner habe ich ebd. 3, 477 [oben 486J ein Gedicht
Lorbers 'die edle Jägerei" vom Jahr 1670 besprochen, in
welches verschiedene Weidsprüche und Jägerschreie verwebt
sind. Seitdem ist mir noch ein anderes, wenige Jahre älteres
Gedicht bekannt geworden, welches fast ganz aus Weidsprüchen
und Jägerschreien zusammengesetzt ist. Es ist dies Sylvanders
Lobspruch von der edlen Jägerei, der sich findet in dem
Ballet 'Der Sieghaft'te Hymen .... Durch einen der edlen
Poesie Liebhabern FiaV [nach der Unterschrift der Dedikation
Adam L'lrich Schmidlin], Stuttgart 1662. 4°. S. SD— 101.
50 d. Aus Schmidlins Ballet Der Sieghaffte
Hymen '.
[Da das zur Vermählung des Fürsten Georg Christian
vmi Ostfrieslaud mit der württembergischen Prinzessin Christine
Charlotte am 4. Mai 1662 in Stuttgart aufgeführte Ballet
A. U. Schmidlins von Sittard (Zur Geschichte der Musik
und des Theaters am württembergischen Hofe 1, 228. 1890)
nur obenhin, ohne Nennung des Verfassers, erwähnt, von
Rud. Krauss (Schwäbische Literaturgeschichte 1. 130. 1897)
aber völlig übergangen worden ist. erscheint es nützlich, den
oben genannten, in den dritten Aufzug eingelegten cLobspruch
von der edlen Jägerei", welcher vom Tanzmeister Charles du
Manpir vorgetragen wurde, durch einen teilweisen Abdruck der
nicht ganz verdienten Vergessenheit zu entreissen. Er schildert
den Verlauf einer Jagd vom frühen Morgen bis zur Erlegung
des Hirsches und Abhaltung des Weidgerichtes. Die hier
fortgelassene Einleitung preist Diana und beschreibt die
Arten des Wildes, der Hunde und das Ausspannen der Garne.
50d. Aus Sclimidlins IJa 1 l<t 'Der Sie^haffte Hymen'. 4!*5
Als Quelle diente dem Verfasser offenbar Meurers auch von
Lorber benutztes -Jagd- und Forstrecht.
[S. 91] — Und wann der Waid-Mann dann will recht geiiissen seyn,
45 So thut er uns den Tag fein jägerlich aussselireyen:
'Wolauff, wolauff, wolauff! Gott will uns jetzt verleihen
Den Tag, den lichten Tag. Wolauff, was jung tmd alt!
Der Morgen bricht herein. Wolauff, dass heut Gott walt !
f92] Wolauff, nun sag ich auff den Faulen und den Trägen,
50 .Man ist nun lang genug auff Beth und Banck gelegen.
Wolauff, wolauff, wolauff, ihr redliche Waid-Leuth,
Wolauff, wolauff, wolauff, was guter Tag ist heut!
Wolauff, wolauff, wolauff, ihr Herren und ihr Frawen,
Lasst uns ein edlen Hirsch auff diesen Tag beschawen!
55 Wolauff, Ross, tritt und traht. Der uns erschaffen hat,
Der woll in unserm Tliun uns kommen heut zu Rath.
Wolauff, wolauff, wolauff heut in dess Herr[e]n Nahmen,
Der ja erschaffen hat den Wilden und den Zahmen.
Wolauff, wolauff, wolauff der Keller und der Koch
60 Vom gesterigen Rausch! Sie schlaffen alle noch.'
Und was mehr deren Spruch. — Wann so nun auffgewecket,
Die von dem dritten Schlaff sich noch einmal gestrecket,
Redt er den Lait-Hund an: 'Gesell, was heut Gott wöll,
Hin trawter Gsell-mann hin, wolan, wolan, Gesell,
[93] Wolhin, wolhin, wolhin mit Lust und Hertzens-Frewden
Dem Herrn und Fraw zu Dienst, und dann zu Lob uns beyden.
Wolhin, gut Gsell-Mann, hin, wolan. wolan gen Holtz,
Wolan, da schleicht der Hirsch, ist edel, gut und stoltz!
Hin wider, lieber Gsell, und lass dann heute sehen,
70 Ob dir vom edlen Hirsch was gutes woll beschehen.
Dem G'hirn zu, lieber Gsell, gut Gsell, der Waide nach,
Da daher geht der Hirsch, als von seim Vatter g'schach.'
Wann dann der edle Hirsch nunmehr ist abgerichtet
So fragt der Jäger-Knecht, warauff er schon getichtet:
75 'Was hat der edle Hirsch nun, heut zu Feld gethan ?
Sag, lieber Waid-mann, sag!' - Da zeigt der Jäger an:
'Zu Feld, zu Feld hat er G'waid-Zellt.' - 'Ey,' fragt er ferner,
'Sag an die Widergäng, sag an, die wüst ich gerner.
Ich brauche dein Bericht und lass nicht von dir ab,
80 Wie vil er Widergäng anheut getrieben hab.'
Hier fällt die Antwort auss: 'Ich sau sechs oder sieben,
Sechs oder Sieben hat er Widergänu getrieben.' —
'So sag dann, Waid-Mann, mir, wo hast du ihn gelahn,
Den Hirsch, den edlen Hirsch, sag an, ich bitt, sag an.'
496 Zur A'olksdichtung.
Im] 'Icli lialj dem edlen Hirsch ein Schmelen schon gebunden;
Wills Gott, es fehlt mir nicht, ich hah ihn bald gefunden.'
Diss spricht er, wann er jetzt auss dem Versuch herzeucht,
Wann aber von der Fahrt er nicht mehr gerne weicht
Und jetzt mit seinem Herrn will wider hinzugehen
90 Gen Holtze zu der Fahrt, so muss doch vor beschehen,
Dass er den Hirsch besehrey. Und wann auch diss verrichtt,
So red't er mit dem Hund fein jägerlich und spricht:
'Herzu kehr'n, kehr'n herzu, heut wollest du vil Leide
Anthun dem edlen Hirsch; so lobet man uns beyde.
95 "Wohin, wolan, wolan, hinzu dann zu der Fahrt,
Damit der edle Hirsch anheute werd' bewahrt.
Wolan, wolan, hinzu zu jener hohen Buchen,
Daselbsten wollen wir den edlen Hirsch nun suchen.
"Wolan, wolan hinzu, wolan hin zu der Spühr,
100 "Wahrt doch, wo schleicht der Hirsch anbeut noch selbst herfür!
"Wolan, wolan, hinzu, hinzu zu jener Eichen,
Da findest du dann heut dess edlen Hirsches Zeichen.
"Wolan zu jenem Baum, da findest du heut steh'n
Den edlen Hirsch.' — "Wann auch diss alles ist geschehn
[95] Und nun der Jäger hat die Fahrt nochmal verbrochen,
Da wird dem Hunde dann fein jäg'risch zugesprochen:
'Fornhin, fornhin, fornhin, du liebes G'sellichen,
Dass dir heut wol gescheh; hin forna forna hin,
Trawt guter Gsell-Mann, hin, hinwider lass uns sehen,
110 "Wie es dir, trawter Hund, noch heut so wol wird gehen!' —
"Wann dann der Hund verlacht, so heisst es: 'Schone, schon,
Schon, lieber Hunde, schon! "Was da? "Was wittert nun,
Trawt guter Gsell, dich an? "Was ist dann da gewesen?
Heut soll der edle Hirsch vom Fang nicht mehr genesen.
115 "Warnach, trawt guter Hund? Trawt guter Gsell, warnach?'
Wann nun der Hund vernemmt die schon gewohnte Sprach
Und jetzt der Jäger ist zur Yert auffs new gezogen,
(Dann nach der Bstättigung wird man nicht leicht betrogen)
Da jagt der Laid-Hund auff, der Jäger jagt ins Hörn,
120 Schreit ju ju, achtet nichts der Hecken, Busch und Dorn;
Gleich gilt es. nur hindurch. Da hört man wider schreyen:
'Hier kommt der edle Hirsch, es soll ihn nichts befreyen.
[96] Da kommt er noch abher, er kommt abher, weich gar,
Da kommt er noch abher. Dar, trauter Hund, nur dar!'
125 Und so der Jäger Bruch auff solche weiss geschehen.
Heisst er dann durch ein Schrey die and're stille stehen,
Ungfähr auff solche weis: 'Stand stille, standa still!
Ich weiss nicht, wo jetzund der edle Hirsch hin will.'
50d. Aib Schmidlins Ballet 'Der Sieghaffte Eymen\ 4<)7
"NVorauff der Jäger-Knab, der wegen allen Sprüchen
130 Mit seinem Jäger soll schon längsten seyn verglichen,
Ihm diss zur Antwort gibt: 'Greift* zu der rechten Hand!
Fi'irbas da schleicht der Hirsch hin in ein ander Land.'
Ist nun auch dieser Spruch fein jägerlich beschehen,
So redt er mit dem Hund: 'Hinwider, Gsell, lass sehen,
135 Ob doch der edel Hirsch hierüben etwan schleicht!'
Worauff er widerumb zu seinen Verton zeicht.
Und wann er abermals ist zu denselben kommen,
Auch jetzt die frische Fahrt auffs new hat eingenommen,
So schreyt er waidelich, jagt zweymal in das Hörn,
140 Haut seinen Klepper an durch eingeflickten Sporn.
Malmt auch die andere, so neben ihm geritten,
Und er schon für geschnellt schier bey den sechtzig Schritten,
Schreyt: 'Hieher kehr hieher, da schleicht er allnoch her,
Der Hirsch, der edle Hirsch, daher, daher, daher!'
[9-] Worauff der Jäger-Knab gar bald zur Antwort gibet:
'Kehran-nach, kehran nach' etc. Hier sieht man, wie sich übet
Der Lait-Hund, wie er ficht. Komm't man zum Helblin nur,
(Dann also wird genennt die new gefund'ne Spur)
Da wird dem Lait-hund dann nochmalen zugesprochen
150 (Hier braucht es gute Wort, kein schmeissen oder pochen,):
'Du hast recht, trawter Hund. Da hat er angerührt,
Da hat er angerührt; du hast mich recht geführt.'
Da kommt der edel Hirsch. Will er aber dan fliehen,
So wird von heller Stimm gantz eiferig geschrieben:
155 'Jun. jun, junch! Hetz d' Hund her, die junge zu alten,
Hetz fürter und lasse den lieben Gott walten!
Hetz fürter, hetz fürter. schenck Schirmer und Schall,
Hetz fürter, lass kommen die trawte Hund all!
Dholtz, dholtz, dholtz do ho ho ho ho ho da ho ho,
160 Den, den, den, doz, doz, doz, da ho. ho. 0, 0, 0!
Wöhr, Jäger, da lauffet er jagenwarts hin,
Da lauff'et er, hieher, fein waidlieh auff ihn!
Da lauffet er wanck und schwanck, wollest mir trawen.
Komm her da, du kanst ihn ja selber beschawen.
165 Da fleucht er. der edel Hirsch, über den Weg;
Der liebe Gott heut aller Jungfräwlein pfleg.
Da fleucht er zwar über die Strassen und Herden,
Und dannoch so soll er doch unser bald werden.
,8] Da lauffet der edel Hirsch Wasser und Grund,
170 Mich frewet der Jungfern Coralliner Mund:
Da lauffet der edel Hirsch über die Heiden,
Kein Menschen-Kind soll mir die Jungfern entleiden.
Köhler, Kl. Schriften. HI. :1-
4! IN Zur Volksdichtung.
J>a lauftet der edel Hirsch, machet ein Gwänd;
Heut küsset ein jeder der Liebesten Hand.
IT.") Hieher da, hieher da, zug'fallen den Hunden!
Ach liätt ich so richtig mein Liebste gefunden!
Da fleucht er, der edle Hirsch, hin durch den Taw,
So wahr ich die liebliche .Mägdlein gern sehaw' etc. -
So nun der Jäger jetzt schnell zu dem Zug hinreitt,
IM» Sti fragt er gierig dann die Waid- und and're Leuth,
Was dissmals in dem Zug und über Land gefangen,
(Zwar alles noch durch Spruch, die seynd sein gröstes prangen)
Und redt sie also an: 'Sag mir, sag, Waid-mann mein,
Hast du nicht etwan Hund jetzt hören lauften drein?'
is.") Da fällt die Antwort auss: cIch sah1 zu diser Stunde
Noch Jäger noch den Hirsch, noch auch die traute Hunde;
üiss aber sag ich dir, heut an dem Morgen früh
Da lieft der edle Hirsch mir gar behende zu.*
Wann dann der Jäger fort zu Herrn und Fraw geritten,
190 Schreyt er noch zu der letzt nach seinen Waid-Manns Sitten:
'Herzu kehrn, kehrn herzu! Thu liebs dem edlen Hirsch!
Dann ihm ist Leids gescheh'n; ich that ihm Leid und Wirsch."
[<,<,] Darauff so folgt: 'Hab Danck, heut ist gut angefangen,
Heut küss ich noch so frey der Liebsten Rosen- wangen.'
195 Wann dann nun etlich Stück gefangen über Land,
Da laufft der gantze Hauff zusammen auff ein Stand
Und blast die sieben Hüftt. Und weil man an den Hunden
Solch Trew und grossen Fleiss auff diser Jagt gefunden,
So werden sie, wann jetzt der edel Hirsch zerwirckt,
200 Von seinem Schweiss gepfneischt. Was auch ein Schnur bezirckfc
Von etwan viertzig Schuhn, das braucht man zu dem sitzen.
Wann nun Hund, Ross und Mann jetzt lechzen, schäumen, schwitzen.,
Da gilts dann zu der letzt ein kühle Flaschen Wein;
Da wird die weil zu lang, biss man nur schencket ein.
205 Hierzwischen so wird auch das Waid-Gericht besetzet.
Man klagt ein jeden an, der mit dem Mund verletzet
Das G'satz der Jägerey. Diss Recht verzeucht sich nicht,
AVie etwan anderswo bey ringer Sach geschieht.
Die Kriegs-Bevöstigung und Urtheil seynd beysamen,
210 Man ruftet offen auss der Ubertretter Nahmen,
Wie der und jener sich im Reden überschnellt
Und nicht nach Waid-Manns Art hab seine Wort gestellt.
[10o] Hierum wird sonderlich ein Fehler leicht begangen;
Man sagt von Hörnern nicht, es heisst Gliürn, Ende, Stangen :
215 Auch nicht der Hirsch ist schön, nein, sondern edel, gut;
Der Jäger spricht vom Sehwaiss, der simple Bawr vom Blut;
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 499
Man kuppelt die -Hund an, es heisst mehr angebunden;
So wird der Hirsch zerwirckt, es lautet hat geschunden;
Audi klingt es sehlimm genug: der Hirsch ist umbgebracht,
220 Ach nein, diss aber wol, tlass der ein Lachens macht,
Der sich also \ erhäwt. Noch mehr: anstatt geschossen
(iebürseht. und so fort an. Wann also nun beschlossen
Der strenge Waid-Proces, da geht es an den Leib;
liier ist kein schonens nicht: t'rev, ehelich, Mann und Weib,
225 Hoch. Nider, Reich und Arm, Gelahrt und Ungelährter,
lluwr. Doctor und Soldat, Geehrt und Ungeehrter
Muss alles auff den Plan; die Gnad ist üher-thewr,
Hier kompt «las Protestirn im wenigsten zu Stewr.
Es ist nun alles auss; man muss sich niderlegen
230 Hin auff das gefangne Thier. Das zucken und bewegen
[101] Das hilfft nichts zu der Sach, macht nur den Jäger wild.
Nun greifft man zum Gewöhr, ficht nach dem hindern Schild
Und trifft das satte Fleisch. Drey Streich pflegt man zu geben
Die man Waid-Messer nennt. Der Waid-Mann spricht darneben
235 Wie gar nicht dises Ding auss Hass und Xeid herriihr',
Und dass sein Pflicht und Aid ihn dahin laitt und führ';
Dass auch der erste Streich allein werd mitgetheilet
Von wegen seines Herrn, der Schad sey bald geheilet;
Der andere bescheh' für Richter und für Knecht,
240 Und dann der dritte Streich fürs edle Jäger-Recht.
Warmit dann dise Lust wird jägerisch geendet. —
Der, welcher gröss're Frewd auss anderm Ding empfindet,
Hat, o Diana, nicht dein unverdrossnen Muth.
Doch b'halt ein jeder Kopff gleichwol sein eignen Huth.
51 Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen.
(Weimarisches Jahrbuch 5, 329—356. 1856.)
Die nachfolgenden Rätsel und Fragen sind der von Adel-
bert von Keller in den Tastnachtspielen3 3, 1453 — 1469 be-
schriebenen Papierhandschrift [Q. 565] der Grossherzoglichen
Bibliothek zu Weimar entnommen. Keller hat an dem ge-
nannten Orte die Anfänge der Rätsel und Fragen, in den
vmi ihm gesammelten 'Erzählungen aus altdeutschen Hand-
32*
500 Zur Volksdichtung.
Schriften. Stuttgart 1855' S. 482ff. acht- Rätsel vollständig
abdrucken lassen.
Es ist diese handschriftliche Rätselsammlung die älteste
bis jetzt bekannte deutsche Rätselsammlung. Die
Handschrift ist nämlich im fünfzehnten Jahrhundert ge-
schrieben, während die ältesten »('druckten Sammlungen, eine
Strassburger (s. Weimarisches .Jahrbuch 2, 233) und eine
Augsburger, aus welcher letzterer W. Wackernagel in Haupts
Zeitschr. für deutsches Altertum 3, 25 — 34 eine Auswahl ge-
geben hat, dem sechzehnten Jahrhundert angehören.
Ich gebe die Rätsel nicht in der Folge der Handschrift,
sondern in eigener, Verwandtes zusammenstellender Ordnung.
Ungefähr zwanzig zu schmutzige und obscone habe ich hier
nicht mitteilen zu dürfen geglaubt. Die ungleichmässige und
überladene Schreibung der Handschrift (die Sprache gehört
dem bayrischen Dialekt an) ist geregelt und verein-
facht, Interpunktionszeichen sind beigefügt worden. Die An-
merkungen bieten neben Lesarten und einzelnen Erklärungen
besonders Nachweisungen des anderweiten Vorkommens der-
330 selben oder ähnlicher | Rätsel und Fragen. Leider werden
diese Nachweise schwerlich vollständig sein, da verschiedene
Bücher, in denen deutsche und ausländische Rätsel und Fragen
stehen, mir zur Zeit nicht zugänglich sind.
1.
[Bl. 42b] Ist got wol beschaffen oder ist der teufel wol-
geschaffen? — So sprich: der teufel ist wolgeschaffen der
ursach halben: got ist alweg gewesen und ist nit erschaffen,
aber der teufel ist erschaffen worden und nit got, wann got
ist alweg gewesen von ewig zne ewig.
Alweg (verkürzt aus 'alle Wege') immer.
Man vergleiche drei StrophenFrauenlobs(von derHagens
Minnesinger 3, 375):
1. Nu rät, ir wise pfaffen:
ein mäler malet an ein want
den tiuvel ungeschaffen; so ist mir eigentlich bekant,
da3 er niht ungeschaffen ist,
da3 trouw ich mit der w&rheit wol bewisen.
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. ,">iil
Got der i>t ungeschaffen,
mit rechter wärhei< ich da3 sprich,
Ich trouw e3 wo] bewisen: wolt ieman kriegen wider mich,
ich in bestiiend in kurzer vrist.
ii h wil ouch stset an miner red beliben.
[ch red an alle" wenken,
minr vrd wil ich niht abe gän, mau möht mich wol verdenken,
in mim gesange urteile,
in wärheit trouw ich wol genesen:
got ist ein angeschaffen wesen,
der tiuvel niht, der reche mich hie geile! —
Hie"s ich iuch, meister, liegen,
wer wolt darumb im strafen mich?
got der ist wolgeschaffen, darzuo hübsch unde minneklich,
in siner gotheit allermeist
drivaltiklich in einen got verdrungen.
Da er lag in der wiegen,
da was er hart und also kluok,
wer gesaeli ie schoener bilde? im wol der maget, diu in truok!
got, vater, sun, heiliger geist,
nach irem rät wolt er sich selber jungen.
Ich wil iuch, meister, strafen:
der zarte minnekliche got, wan er ist wol geschaffen,
[und] da3 nie man kan vol schriben,
wie sich got selb mit got verhal, |
got bleip got, er kam her ze tal: 331
swik, Vrouwenlop, din rät lä3 du beliben. —
Ir muget sprechen lihte,
unt wie ich wel bewisen da~s,
wie got si ungeschaffen; vür war sült ir mich merken ba3.
ich weis, also tuo ich iu (be)kant;
merk, Regen bog, wie ich min red bestelle.
Got der vil hoch gewihte,
vür war er wart geschaffen nie,
er immer ist an ende, und ist ouch vor gewesen ie,
den tiuvel schuof er mit sinr haut,
der noch muo3 wonen in der tiefen helle.
Got der ist ungeschaffen,
der tiuvel ist sin haut getät; mit leien und mit pfaffen
die red ich wol beziuge,
wie si mir wellen bi gestän,
die kristen glouben wellen hau,
die sprechen, ob ich war hab, oder liuge."
502 Zur Volksdichtung.
Mone, der den Anfang des Franeulobschen Rätsels aus
der Heidelberger Handschrift im Anzeiger 1838, Sp. 873 mit-
teilte, bemerkt richtig dazu: cEs ist ein Wortspiel, das sich
im Liede erklärt: ungeschaffen heisst sowohl ewig, uner-
schaffen als auch hässlicli.
2.
[Rl. 32a] Rat, was ist das! Got sieht sein nimer mer
und weiss sein nicht und der kouig sichts selten und der
bauer sichts alle tag. — Sprich also: got sieht keinen andern
got mer, der konig sieht selten einen andern konig, der
bauer sichts alle tag, das ist, der bauer sieht alle tag einen
andern bauern.
Die Handschrift schreibt: waiss und kainen, und so oft ai für
mhd. ei. Da sie aber das ai nicht konsequent verwendet, habe ich
immer ei geschrieben. Konsequenter ist sie im Gebrauch von p im An-
laute für b, doch habe ich auch da immer b gebessert.
Das Rätsel kommt mehrfach vor. So heisst es in dem
im 4. Bande S. 265 ff. des Wuuderhorns aus einem Valentin
Neuberschen fliegenden Blatte [Böhme, Altdeutsches Lieder-
buch 1877, S. 354] abgedruckten 'Krauzsingen' :
Singer, so sag mir doch allhie,
und was Gott hat gesehen nie
und sieht es auch nimme?
Merk, Singer, auf meine Stimme!
Ein Bauer sieht es alle Tag:
Sag mir allhie auch diese Frag!
332 Antwort:
Singer, du sollt mich recht verstahn:
die Frag will ich dich wissen lan;
das sag ich dir fürwahr allhie:
Gott hat seins Gleichen gesehen nie
und gesiebt es auch nimme.
Merk, Singer, auf meine Stimme!
Fürwahr ich dir das sage:
ein Bauer sieht den andern all Tage.
[Strassburger Rätselbuch um 1505, hsg. von Butsch 1ST<;.
nr. 23: 'Was Got nit hab, der Babst selten vnnd der ge-
meyn man deglich.' — Neu vermehrtes Rath-Büchlein mit
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. öl) 3
allerhand Weltlich- und Geistlichen Fragen samt deren ISc-
antwortungen. Das Rockenbüchel heiss sonst icb. AVer lang-
weilig ist, der kann" mich. Er und in mir viel kluger Lehr.
Mit vexier, rathen und anders mehr. Gedruckt im Jahr 1678
(Berlin Yd 3641: vgl. Hayn, Cbl. f. Bibliothekswesen 7. 518
nr. "23), Bl. A 5b: 'Was Gott nie nicht gesehen habe, das doch
der gemeine Mann täglich siebet'. Frommanns D. Mund-
arten 3, 397 (Vorarlberg): 'Was höt Gottvater nit?' Zs.
f. d. Mythol. 4. 376. 393. — Wossidlo, Mecklenburgische
Volksüberlieferungen 1, 303 zu nr. 394 (1897). Extrait
des rencontres, fantaisies et coq ä l'asne facetieux du baron
de Gratelard (Nisard, Hist, des livres populaires 1, 389):
cQu'est-ce que Dien ne voit jamais, le roi rarement et le
paysan souvent? Son semblable.' — Gälisch oben 1, 267.]
Bei Mone, Anzeiger 1838. Sp. 264, nr. 22.") (aus Wertheim):
'Was sieht Gott nie. der Kaiser selten, der Bauer alle Tage?
Seines Gleichen'. Sp. 267, nr. 269 (niederländisch): cGot en
siet het noyt, den coninck seiden, en den buer alle dagh.
Syits gelycke'. In Simrocks Deutschem Rätselbuche, nr. 112:
<Gott sieht es nie. der Kaiser selten, doch alle Tage Bauer
Veiten.' Bei Meinert, Alte teutsche Volkslieder in der Mund-
art des Knhländchens, Wien 1817, S. 289: 'Dar Pauer siht's
olle Tog, dar Kaiser 's Jocr aemohl, ounser Herr Got goer
ni. MüllenhofT bringt das Rätsel in Wulfs Zeitschr. 3, 13
englisch, schwedisch und uorwegisch. Englisch:
What God never sees,
what the king seldom Bees,
what we see every day:
read my riddle I pray.
Schwed. 'Ich seh es täglich, der König sieht es selten, Gott
sieht es nie'. — Norweg. 'Ich sehe es, du siehst es. der
König' u. s. w.
Auch die E listen kennen das Rätsel, und es lautet bei
Ihnen: Wir sehen es täglich, der König sieht es selten, Gott
sieht es nimmermehr (Hupel, Ehstnische Sprachlehre, Riga
und Leipzig 1790, S. 120). Man bemerke, dass in den an-
geführten deutschen Fassungen Gott und dem König oder
504 Zur Volksdichtung.
Kaiser allemal der Hauer gegenüber steht, während im eng-
lischen, schwedischen, norwegischen und ebstnischen der das
llütsel aufgebende durch 'Ich' oder 'Wir' sich und seine Um-
gebung als die anführt, die täglich ihres gleichen sehen.
Offenbar ist die besondere Gegenüberstellung gerade des
Bauern nicht ursprünglich.
Die bisher beigebrachten Rätsel waren dreiteilig (nie,
selten, täglich), welche Form die Kätselpoesie bekanntlich
sehr beliebt, wir halten aber auch ein zweiteiliges anzu-
führen, welche einfache Form des Gegensatzes natürlicher-
weise auch häufig ist. Zugleich ist das Rätsel dadurch ab-
333 weichend, dass nicht die | Menschen, sondern die Teufel es
sind, welchen Gott entgegengesetzt wird. Es findet sich im
>jiiel von dem Freiheit (Kellers Fastnachtspiele 2, 559). wo
der Frager also fragt:
Xu sag mir, jaufkint M, die geschieht,
das der teufel alle stund sieht
und got der mag sein nit gesehen.
Thu mir die abenteur vergehen!2)
Der Freiheit antwortet:
Dasselb ich dir pald sagen sol:
ein teufe] Bicht den andern wol,
so mag got nimmer in seim reich
kein sehen, der ihm sei geleich.
Verwandt, obschon mit anderer Lösung ist ein magyarisches
Rätsel | Magazin für die Litteratur des Auslands 1856, nr. 91,
S. 364): 'Ich habe es. du hast es. der alte Klotz hat es, aber
Gott hat es nicht — Einen Schatten."
]) Jaufkint bedeutet einen liederlichen, verdorbenen Menschen.
und so wird der Freiheit (oder Freihart, d. i. Vagabund, Herumstreicher)
genannt.
4) D. i. Sage, erkläre mir das Wunder, die seltsame Sache. Di«
abenteur ist nicht etwa Pluraüs, was mit dem vorhergehenden Singu-
laris cdie geschieht' nicht wohl stimmen würde, sondern ebenfalls Singu-
laris, aber abenteuer als Hauptwort weiblichen Geschlechts gefasst, was
es ursprünglich ausschliesslich war und als welches es auch noen
später vorkommt, obschon das sachliche Geschlecht vorwiegend gewor-
den war. Vgl. Grimms Wörterbuch 1, 27.
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 505
3.
[Bl. 34b] Warunil) hat got der herr alein brotviscli gessen
hie auf ertricli und keinen andern? Das ist darumb: zne
derselben zeit ist dennoch kein pfannenschmid gewest, der
pfannen gemacht het.
Brotvisch ist Bratfisch. Dennoch, eigentlich dannoch [dann
noch], steht hier in seiner ursprünglichen Bedeutung: 'damals noch*,
und die vorhergehenden Worte 'zue derselben zeit1 sind streng genom-
men überflüssig.
Das Rätsel bezieht sich höchst wahrscheinlich auf das
letzte Kapitel des Evangelium Johannis, wo der auferstandene
Christus sich den tischenden Jüngern bei Tiberias offenbart
und mit ihnen Fische isst, besonders auf Vers 9: Als sie nun
austraten auf das Land, sahen sie Kohlen gelegt und Fische
darauf und Brot (c5s orr nnljnjoav elg W/r yrjv, ßXt'Trovoiv dv-
üoay.tuv xeijuevrjv y.al öyxioiov sjiiy.eiuevov xal (xqtov.) |
[Bl. 37b] Rat: wer ist der erst priester hie auf ertlich
gewest? Das ist gewest Jacobus der kleiner, der muter
Zebedei sun.
Die Handschrift schreibt briester.
Jacobns, der kleinere, auch der Gerechte genannt, Sohn
des Alphaeus (oder des Kleophas), wurde von den Aposteln
zum Bischof von Jerusalem erwählt. 'Dicitur etiam', heisst
es z. B. in der Legenda aurea (ed. Grässe p. 296), cquod
primus inter apostolos missam celebravit; nam propter ex-
cellentiam suae sanctitatis hunc sibi honorem apostoli fecerunt,
ut post adscensionem domini primus inter eos missam Hiero-
solymis celeraret, etiam antequam esset episcopus ordinatus.'
Von diesem Jacobus ist bekanntlich Jacobus, der grössere
Zebedad Sohn, zu unterscheiden. Der Aufzeichner unseres
Rätsels muss aber über die verschiedenen Jacobus sehr un-
klar gewesen sein. Es ginge noch an, wenn er einfach
Zebed:eus mit Alphseus verwechselt und 'Alpheus, der kleinere,
Zebedei sun' geschrieben hätte: aber indem er schreibt 'der
33 1
506
Zur Volksdichtung.
muter Zebedai sun', macht er noch überdies aus einem
Sohne einen Bruder des Zebedaeus.
335
[Bl. 37b] Wer hat das aller heiligste heiltum hie auf
ertlich getragen? — Das hat getan der esel, der unsern hern
und sein liebe muter Maria ine Egiptenland trug.
6.
[Bl. 37b] Bat: wo hat der esel den scheiss getan, do
ine alle weit höret? — Den hat er thun, do er unsern hern
und Maria, sein liebe muter, ine Egiptenland trug. Etlich
sprechen, er hab ine getan ine der archa.
Man vgl. Freidank 109, 10:
An einer stat ein bunt erbal,
da3 über al die werlt erschal.
Zeiner zit ein esel luote,
da3 e3 al die werlt muote.
(Das zweite Verspaar steht jedoch nicht in der Heidelberger
und Gothaer Handschrift.) Beim Tannhäuser (von der Hagen.
Minnesinger 2, 97b) heisst es: 'ein hunt erbal, das alle liute
die do lebten horten sinen schal." Im Augsburger Ratbuche
(Haupts Zeitschr. 3, 34): cWer geschrien hab, dass die
ganze weit hört? I Antw. Der esel in der archen Xoe\ Ebenso
[Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 285. Rath-Büchlein 1678,
Bl. C 6a] bei Simrock nr. 243. Aus Wertheim bei Mone
Anzeiger 183S, Sp. 205, nr. 243: 'Wo hat der Esel so laut
geschrieen, dass es alle Menschen hörten? In der Arche
Noahs.' [Curtze, Volksüberlieferungen aus Waldeck 1860,
S. 303: 'Welcher Esel hat so laut gerufen, dass es alle Esel
auf der ganzen Erde gehört haben?' Wossidlo 1, 316 nr. 648.
Odilo Schreger, Studiosus jovialis 1751 S. 584: cUbi asinus
clamavit ita ut audiretur in universo mundo? In arca Xoe,
ibi enim totus mundus erat collectus.3 »I. Ludolf, Ad suam
Historiam Aethiopicam commentarius 1691 p. 559: 'Cum
cantaret aliquandq gallus, quando audiviteum universa crea-
tura simul ?']
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 50"
[Bl. 34 b] Warumb henkt mau alweg ein banner auss der
kirchen, wenn kirwei do ist? — Das ist darumb: do gut wonet
hie auf ertlich, do was ein mau, der hiess Zacheus, und was ein
klein man ane der person. do unser herr prediget im tempel,
do het in Zacheus geren gesehen, do steig Zacheus auf einen
bäum und wolt ine sehen, und sach ine und eilet sere wider
herab von dem bäum und Hess sein bruch hangen ane dem
bäum. Das ist das bauner, das man herauss henkt.
Hs. albeg für alweg, ebenso kirbei für kirwei d. i. Kirchweih. —
Bruch ist das im 15. und 16. Jahrb. sehr übliche, seit dem 17. immer
seltener gewordene Wort für 'Hose'.
Über Zach aus als Kirmespatron vgl. Montanus, Die
deutschen Volksfeste S. 69. [Kehrein 1, 450. — Als Oster-
fahne benutzt der Pfaff von Kaienberg (Bobertag, Narrenbuch
S. 78) seine Hosen.]
8.
[Bl. 37b] Warumb sind mer frauen auf ertrich dann
man? — Das kuinpt auss verhenknus gots, do er Herode ver-
beuget, dass er vil tausent knaben ertötet, do gewunnen
die frauen den fürgank, den haben sie noch auf den heu-
tigen tag.
Yerh engen ist so viel wie 'gestatten, erlauben', verhenknus
^vie 'Erlaubnis'.
9.
[Bl. 35b] Rat, was ist das: wie schön ist das breuhaus,
wie schön sind die falken darauf! schön ist der man. der
der falken pflegen kann. — Sprich also: das breuhaus ist
der himel, die falken sind die engel. unser herr ist der man,
der der falken warten kan, das sind die engel.
10.
[Bl. 35b] Rat, wie ferr ist von dem untersten stein biss
ine die neun kör der engel. — Sprich also: das bet. das du
herniden treibst, das weistn wol. dass es kumpt ine die neun
kör. das ist für gut.
Die Handschrift hat: 'von dem unterstain stam1 und 'treubst'. j
,")()3 Zur Volksdichtung.
o'M'i Dns bet (die Handschrift schreibt peth) ist so viel als das Gebet,
Biehe Grimms Wörterbuch 1, 1692. Über die neun Chöre der Engel
vgl. Benecke-Müllers nilid. Wörterb. u. d. W. kor.
11.
[ßl. 32 a] Rat. was ist das: es schürtet sich als ein hur
und hat zwen schuhe als ein bub und hat hinten ein Schnabel.
— Das ist ein münch, der da hat ein kutten an.
Die Handschrift liest: sehürtz und stuchschuhe; '>tinh' i>t
durchstrichen.
In Bezug auf den Schnabel hinten d. i. die Kapuze
vergleiche man die Schilderung, die Hans Sachs (im Schwank
vom Münnich mit dem Capaun 2, 4 [oben 1, 502]) einen
Mönch von sich selbst machen lässt. Der Mönch spricht:
. . . ich auch das ungschaffenst bin,
fleug auch im lande her und hin,
bin ein vogel und doch nicht flück,
hab meinen schnabel auf dem rück,
und bin gleich einem narren beschorn,
mein kutt ist gleich eselsgrau wom,
bin mit eim strick gürt gleich eim dieb,
seit ich Barfüsser orden trieb,
geh ich stets barfuss wie ein gans.
12.
[Bl. 32a] Rate: was get got und der werlt vor?
Das ist der mesner.
13.
[Bl. 32b] Rat: es sind sechs feiertag im jar, die nimer
an kein suntag vallen. — Das sind die drei osterfeiertag und
drei pfingstf eiertag.
[Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 245. Rath-Büchlein
1678, Bl. C 3b.]
14.
[Bl. 34a] Ein lierr het einen lieben bulen und er
schicket seinen knecht zue ir und Hess sie fragen, wenn er
zue ir solt komen. do sprach sie zue im: sag deinem herrn,
dass er kum,
wenn all tarin lere stien
51. Zwei und vierzig' alte Rätsel und Fragen. 509
und all bäum zue samen gien
und wenu das tot das lebendig hat überwunden.
so wirt dein herr in grossen freuden gefunden. —
Sn sprich und kum also: wenn all tann lere stien. das ist
wenn all krausen lere stien. wenn all bäum zue samen gien
das ist wenn man die leden vor den venstern zue thut, wenn
das tot das lebendig überwindt, das ist, wenn man den ascheu 337
über das Feuer legt. Also hastu es zue samen gefügt.
Die Handschrift hat 'zue samen zu gefügt1.
Krausen sind Krüge, vgl. Schmeller, Bayrisches "Worterb. 2,
S. 394. Im Mhd. kommt das Diminutiv krüselin vor. — Der Aschen
für 'die Asche' ist noch heute in Bayern üblich, Schmeller 1, S. 122?
Grimms Wörterb. 1, Sp. 578.
In einem ganz ähnlich angelegten Rätsel aus dem Augs-
burger Rätselbuehe (Haupts Zeitschrift 3, 38, nr. 3) wird
auch einer unter anderem beschieden zu kommen cwann das
todt das lebendig vergrebt\ und die Auflösung sagt: cdas
todt ist die eschen, das lebendig ist das feüer'. Ebenso bei
Simrock nr. 143. [Zs. f. d. Mytliol. 3. 355 nr. 115. Spee,
Volkstümliches vom Niederrhein 1, 17. 1875.] Nicol. Reusuer
teilt in seiner Aenigmatographia, Francofurti 1599 (II), p. 264
folgendes Rätsel mit:
Cinis. Favilla.
Mortua res vitam sepelit, manet illa sepulchro
viva suo, vivis mollit et ipsa cibos.
15.
[Bl. 37 a] So du einen lieben bulen best und du solst
ir bringen ein visch von allen vischen, der do gsoten wer ob
einem holz, das das lengst und das schmelst wer, und in
einem wasser, das das seichtst wer und das breitst, und du
solst ir solichen visch schicken in eiuer schusseln, die gemacht
wer von allen blumen, und du solst irs schicken bei einem
boten, der die zwu und sibezig sprach kirnt, wie wolstu ir
ine schicken? — So thue im also: ein visch von allen vischen
das ist ein äl; das lengst und das schmelst holz das ist ein
hopfenreben; das seichtst und das breitst wasser das ist der
reif: die Schüssel von allen blumen die mach auss wachs,
.")]() Zur Volksdichtung.
wann die bin macht das wachs von allen blumen; der bot
das ist ein stmn. der kan eben einer sprach als vil als der
andern, also hastu den visch.
Die Handschrift hat: das saichtz, das braitz, der reül'f.
Bei einem boten für 'durch einen Boten', s. Grimms Wörterbuch 1.
1351. Zwu findet sieh zuweilen, auch in nr. 41, für zwo, zwuo, so
in einem Osterspiele in Wackernagels Altd. Lesebuch 1021, 4 im Keim
auf 'zu'. — AI, seltenere Nebenform für 'Aal', s. Grimms Wörterb. 1, 5.
1). Sanders, Programm eines neuen "Wörterbuchs der deutschen
Sprache S. 81.
[Vgl. Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 325: damit stimmt
ziemlich genau das Rath-Büchlein o. J. (Berlin Yd 3044. 3651)
Bl. C 6a: cEin Wasserbad auf einen Berg zu tragen in
einer Fischerreusen, dasselbe wärmen mit dem besten und
köstlichsten Holz, dem Bader einen Fisch schicken aus allen
Wassern, denselben sieden mit dem längsten und auch
schmälsten Holz, ihm denselben Fisch fürtragen in einer
Schüssel von allen Blumen gemacht, dabei einen Wein ohne
Fass oder Geschirr, und der Knecht, der des Baders wartet,
ein Mann von allen Sprachen. Antwort: Schnee oder Eis ist
das Bad. das eine Holz ist Weinreben, der Fisch aus dem
Mimt, das andere Holz Epheu. die Schüssel ist von Wachs,
die Weintrauben der Wein ohne Fass, der Knecht ein Stummer,
der ist von allen Sprachen, deun er kan keine.5 — ■ In Bezug
auf die Weinrebe als das beste Holz vergleiche man Simrock
nr. 83: cDas beste Holz verbaut man nicht'; Rochholz,
Alemannisches Kinderlied S. 239 nr. 44: 'Das beste Holz,
spalt nie nitJ. — Von der Weintraube heisst es im Strass-
burger Rätselbuch 1876, nr. 138:
Es schickt ein ritter vber Rein
Sein [1. Der] liebsten frauwen sein
<i urten wein on glass
Ynd alle andere trinck fass:
Rot, worin der wein was.
Antwort: er schickt yr trauben, dar inn hat sie den wein.
Ebenso Zs. f. d. Altert. 3, 31. Weimar. Jb. 2. 234. Rath-
Büchlein o. J. Bl. B3a. Zs. f. Volkskunde 7. 389 V. 165.
Simrock nr. 74. Rochholz S. 238, 43. Wossidlo 1, 312 nr. 466.]
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 511
In Bezug auf den Reif als das seichteste und breiteste Wasser
vergleiche mau das lateinische Rätsel von Joannes Lorichius
in Reusners Aenigrnatographia (II) p. 105: j
lios. Pruina. 338
Die mihi quae eunetis est laiior Omnibus unda,
qua tarnen esse potest nulla profunda minus?
Latius aequorea protenditur Amphitrite,
vis puto te nudos tingere posse pedes.
Bei Simrock ur. 308: Welches ist das seichteste und breiteste
Wasser? Der Tau. |Strassburger Rätselbuch 187(1. nr. 51:
cWülchs das breitst vnd das dünst wasser sey.J Rath-Biichlein
167S. Bl. A7a. Weidspruch in Wagners Archiv 1. 148
nr. 38.] Müllenhoff in J. W. Wolfs Zeitschr. 3, \(> er-
innert an das englische Rätsel bei Halliwell, Populär
rhymes S. 149:
A water there is I must pass,
a broader water never was;
and yet of all waters I ever did see?
to pass over with less jeopardy. — The dew.
Im Aargau lautet ein Rätsel über den Tau (Wolfs Zeitschr. 1.
150. ur. 63):
's isch e ganze Matte | Wiese] voll
und gab doch ke Chratte [Korb] voll.
Zwei und siebzig Sprachen werden genannt, weil
mau annahm, dass es so viele gäbe1). So sagt der weit-
gereiste Tragemuud. der im Tragemundslied immer an-
geredet wird:
im sage mir, Meister Tragemund,
zwei und sibenzig Land die sind dir kund,
in dem Gedichte von cSanct Oswalds Leben' (Haupts Zeitschr.
2, 91 ff.) V. 47 von sich:
J) [Müllenboff-Scherer, Denkmäler- S. 486. Frauenlob 346, 13.
Sehröer, H. v. Mügeln (Wiener SB. 55, 471). Hieronymus, Opera 4, 2,
131 ed. Martianay. Joca monachorum bei P. Meyer, Recueil d'aneiens
textes 1, 18. Bibl. de l'Ecole des chartes 44, 62 nr. 50 und 69 nr. 82.
Sajjid Battbäl übers, von Ethe 1871 1, 41. Schiltberger, Reisen 1859,
S. H»9. Pott. Anti-Kaulen 1863, S. 62; Die Ungleiebbeit menschlicher
Kü^en 1856, S. 244. Massmann, Eraclius S. 482. Michel, Beitrag /..
Gesch. der d. Sprache 15, 377 (72 Völker).]
51 'J Zur Volksdichtung.
ich heisse Tragemund,
alle lant sind mir wol kunt,
zwe und sebezig zungen.
Von der allegorischen Mühle in dem Gedichte 'König
Tirol von Schotten und sein Sohn Friedebrand3 heisst es:
(Strophe 14) Das rat da3 an der mülen gät
zwo und sibenzek kamben hat,
und in der Auslegung (Strophe 20):
AVeit ir, wie e3 umb die kamben Btät?
Zwo unt sibenzek sprachen die werlt hat.
Jacob Grimm nennt die Zahl 72 (8 X 9 = 6 X 12) die
'poetische, wunderbare Zahl der Grösse5 (Altd. Wälder 2, 10)
und bemerkt in den Rechtsaltertümern S. 220, nachdem er
das öftere Vorkommen von 72 Eideshelfern, sowie eine Geld-
339 strafe j von 72 Pfennigen nachgewiesen hat: 'In den Liedern
72 Dieustleute, 72 Länder, 72 Sprachen, doch diese beiden
gründen sich mehr auf eine heilige, als juristische Anwendung
der Zahl.' In dem ebengenannten Gedichte über S. Oswalds
Leben kommt eine Flotte von 72 Schiffen (V. 569. 791) und
eine Burg mit 72 Schlössern (V. 1081) vor. In einem Volks-
liede (Simrock, Die deutschen Volkslieder S. 27) heisst es:
Man leuchtet ihr zum Schlafkämmerlein
mit zwei und siebenzig Kerzelein.
Der Gralstempel hatte 72 Chöre (vgl. darüber Mone im
Anzeiger 1837, Sp. 108 [Jung. Titnrel v. 323]). Man denke
auch an die 72 Ausleger des alten Testaments, an die 72
Jünger Christi (Lucas 10, 1 u. 17, nach der Vulgata), an die
72 Namen Christi (auch von Hans Sachs im 1. Teile des 1. Buchs
seiner Gedichte behandelt). Die Zahl verdiente eine ein-
gehendere Betrachtung.
Es möge endlich erlaubt sein, aus einem französischen
Rätselbuche (Questions enigmatiques, recreatiues, & propres
pour deuiner, & y passer le temps aux veillees des longnes
nuicts. Auec les responces subtiles, & autres propos ioyeux.
A Lyon, pour Benoist la Caille, M. DC. XIX.) ein Rätsel hier
noch mitzuteilen, welches, wenn auch nicht im einzelnen,
doch im allgemeinen dem unsern ähnlich ist. Es lautet (S. 34):
51. Zwei und vierzig- alte Rätsel und Fragen. 513
A un amy faut envoyer
un nietz de etil saus varier
Mir un tailloiier de tous bois
par un de tous conseils courtnis.
Or devinez sur cet affaire
comme eela se pourra faire.
Responce.
C'est im oeuf porte ä im amy sur un couteau par uu Con-
fesseur, le quel est de tous conseils eil confession.
16.
[Bl. 33 b] Wenn du einen lieben bulen liest und du
solst zue ir komen weder bei tag oder bei nacht, weder ge-
riten noch gegaugen. weder ob der erden noch unter der
erden, weder nacket noch angelegt; wie wolstu zue ir komen?
— So sprich also: zum ersten weder bei tag oder nacht, so
wil ich komen am mitwoch, das ist mitten ine der wochen ;
weder geriten noch gegaugen, so | thue ihm also : nim und 340
sitz auf ein esel mit einem bein und ge mit dem andern
bein auf der erden, das ist weder geriten noch gangen; weder
ob der erden noch darunter, so thue im also : so nim ein
bauin und grab in auss mit den wurzeln und setz in auf
den köpf, so bistu weder ob der erden noch darunter; weder
nacket noch angelegt, so nim ein vischgarn und thue es an.
so bistu weder nacket noch angelegt, also komstu zue ir
und lebst mit ir in freuden.
Die Handschrift hat 'zum ersten bei tag oder nacht', cam mitboeh'
und cdas ist unter und ob der erden geriten und gangen'.
Weder — oder statt weder - noch s. Kehrein, Grammatik d.
d. Sprache des 15. bis 17. Jahrh. 3, 196. - Angelegt ist gekleidet
8. Grimms Wörterbuch u. d. W. 'anlegen'.
In Bezug auf den Mittwoch vgl. man [Strassburger
Rätselbuch 1876, ur. 253: 'Zu welcher zeyt einer in ein statt
kommen wolt, die weder tag noch nacht hiess. Antwort:
vft" ein mitwoch". Ebenso Rath-Büchlein 1678, Bl. C4a.
— Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 249: cWie vil tag im
jar sein.' Rath-Büchlein 1678, Bl. A 3a: "Wie viel sind Tag
in der Wochen geneunet? Antw.: Sechs, als nemlich Montag,
Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag: denn der
Köhler , Kl. Schriften. IH.
,",14 Zur Volksdichrun
b"
Mittwoch wird kein Tag genennet, sondern heisst Mittwoch]
das im Volke umgehende Rätsel: Wie viel sind Tage in der
Woche? Sechs, denn die Mittwoch ist kein Tag. [Meier,
Volksmärchen ans Schwaben 1852, nr. 28. Veckenstedt.
Wendische Sagen 1880, S. 230.]
Die Aufgaben 'weder geritten noch nngeritten' und
'weder nackt noch angekleidet' zu kommen finden wir
mit denselben Lösungen in deutschen Märchen wieder; man
sehe die Nachweisungen von W. Grimm im 3. Bande der
Kinder- und Hausmärchen, 3. Aufl. S. 170 f. [Beufey, Ausland
1859, 59] = Kleinere Schriften 3, 214. Oben 1, 447—456.
Wossidlo 1, 328 zu nr. 988], welchen wir noch folgendes-
aus den eben erwähnten 'Questions enigmatiques1 S. 37
beifügen :
Aucun grand Seigneur estant en son palais, fitcommande-
ment ä un de ses subjects, demeurant ä cinq Heues du dict
palais, de soudain venir au dict Seigneur, sur peine de con-
fiscation de Corps et de biens: mais qu'il ne fust si hardy
de venir ä pied, ne ä cheval, ne par la voye, ne par le
chemin, ne nud, ne vestu, et qu'il amenast avecques luy son
amy et son ennemy.1) Ce que fit le dict subject.
On peut entendre que le dict subject vint au dict Seigneur
sur un asne, pource n'estoit n' ä pied, n' ä cheval, en meuant le
dict asne par les ornieres des chemins: vestu seulement dune
retz de pescheurs, et amena son amy qui estoit son schien,
et son ennemy c'estoit la femme.
Bei Lesung dieses und des vorigen unserer Rätsel wird
man leicht an die Gedichte des Tannhäusers (bei von der
Hagen MS. 2. 91, nr. VIII, IX und 92, nr. X) und Boppes
(von der Hagen MS. 2, 385, nr. VIII) erinnert, in denen sie
aufzählen, was ihre Geliebten von ihnen verlangen. Das ist
der Unterschied, dass die Aufgaben, die jenen unglücklichen
341 Dichtern | gestellt werden, absolut unmöglich sind, während
*) [Zu dieser weiteren Aufgabe, seinen Freund und Feind mit
sich zu luingen, vgl. oben 2, 282 und 401 f.]
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 515
die Unlösbarkeit der Aufgaben unserer Rätsel nur schein-
bar ist.
Bekannt sind auch Volkslieder, in denen der Liebhaber
von der Geliebten allerhand unmögliche Leistungen ver-
langt, die diese zu erfüllen verspricht, wenn jener seiner-
seits wieder andere Unmöglichkeiten vollbringt. Vgl. z. B.
Unland 1. 14. Wunderhorn 2, 431. Simrock, Deutsche
Volkslieder nr. 366. Müllenhoff, Sagen. Märchen und Lieder aus
Schleswig u. s. w. S. 473. Meier, Schwab. Volkslieder nr. 39.
bitfurth, Frank. Volkslieder 2. nr. 144. [Erk-Böhme, Liederhort
nr. 1090—1094. Uhland, Schriften 3, 213 f. Beauquier, Chansons
pop. en Franche-Comte 1894, p. 133.]
Dass auch in unsern alten Rechtsbräuchen Befehle und
Bestimmungen von absichtlich rätselhafter Schwierigkeit und
Unverständlichkeit vorkommen, daran hat Wackernagel in
Haupts Zs. 3. 26 mit Verweisung auf Grimms Rechtsalter-
tümer S. 255. 257 ff. eriunert. Ich gedenke noch einer den
unmöglichen Forderungen bei den Minnesängern gleichenden,
scherzhaften Formel, die Grimm, Rechtsaltert. S. 377 aus
Carpentier 1, 930 beibringt: 'si quis contradicere conaverit,
centum cygnos uigros et totidem corvos albos regi
|ersolvat\
17.
[l!l. 35a] Es sass ein junkfrau in einem garten
und wolt ires bulen warten,
do reit ein schöner Jüngling für
und sprach: 'liebe junkfrau lasst mir
mein lankhals in euren rauchars!5
Do sprach sie: nein ich, sanier der lieb herr sand Brecht!
ieh beschäm erst nechten. het ich sein nechten nit bescheren,
ich günd euch sein recht wol.3 Rat. was ist das. Das ist
ein pferd und ein gart. Das pferd ist der lankhals und der
gart ist der rauchars, den het si gern et, sunst het sie im sein
wol gegünt.
Die Handschrift hat 'begündt'.
Sanier [d. i. sam mir] . . . sand Brecht, elliptische Beteuerung: so
[wahr] mir Sanct Brecht [helfe]! Ich beschäm, ich beschul- ihn;
33*
.
516 ^ur Volksdichtung.
'beschar* für cbeschor' ist die ältere richtigere Form. N echten, eigent-
lich Dativus Pluralis von 'Nacht', aber adverbialisch gebraucht : in ver-
gangener Nacht, gestern A.bend, auch überhaupt: gestern.
Aus der Grafschaft Mark teilt Wöste in derZeitschr. für
deutsche Mythologie 3, 180, ur. 5 folgendes ähnliche Rätsel mit :|
342 Et sät 'ne Frau op iärem Süll [d. i. Schwelle]
im kaimede iären Krüll [d. i. Haar],
do kam en Ruiter hia?r gerien,
dai sach der selwen Frauen :
clot mi min Kos in dine Runtstd-kuntsel dauern'
Do sach de Frau : 'de Runtsel-kuntsel es geschuoren.
do kan din Ros niks inne kiioren' [d. i. kosten]. — Die Wiese.
Man vgl. auch das von Mone (Anzeiger 1839, Sp. 318. ur. 162)
aus einer Handschr. des 15. bis 1(5. Jahrh. gegebene Rätsel:
Es ist lecht acht tag,
da>s ich die meinen peschar,
da paten mich die knaben,
dass ich sie drein und drauss Hess faren. — Ein wisen.
[Wossidlo 1, 273 zu nr. 6.] Darauf dass man 'bescheren'
für 'mähen3 [Grimms Wörterbuch 1, 1563] braucht, beruhen
noch folgende Rätsel über deu Bach und die Wiese. Eins
aus dem Kuhländchen (Meinert a. a. 0. S. 285) lautet:
Du Kroumme, du Lange,
wu beist heint Xocht reimgange?
'Ai, du geschoenes Schof,
wos fregstu dernöch?' — Die ausgetretene Oder und die Wiese.
Ein märkisches (Wöste a. a. 0. 3. 179, nr. 1):
Krum-herüm, bat wostu hyr? [d. i. was willst du hier?]
'Kol-geschuären, bat froagstu darno?' — Bach und gemähte Wies!
Ein drittes in Solinger Mundart (Firmenich, Germaniens Völker
stimmen 3, 195) :
Langschmal, wo wott de hen ?
'Nacktgeschoren, wat leet der dran ?' — Bach und Wiese.
[Wossidlo 1, 272 zu nr. 1. Ferner Schmitz, Sitten des Eifle
Volkes 1, 209 nr. 112: 'Krumm und grad. wo willst du hin
Was liegt dir. geschorner Kopf, denn dran? Mein Kopf ist mi
nicht mehr geschoren, als dir der Hintere zugefroren." Stöbe*
Elsässisches Volksbüchlein 1, 155.] Endlich ein französische
(Questions enigmatiques S. 36):
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. ."» ] ,
Tourtue, bossue ilis, que fais-tu?
'^ifeu as-tu affaire, tondu?'
C'est le pre et la vigne qui Be mocquent l'.un de l'autre.
IN.
[Bl. 36a] Rat, was ist das: es was ein minii iu einem
garten und do kotn zue ir ein gesell, darnach kom die
ebptesin und fraget, warumb der gesell mit ir redet, du
sprach die nnnn: des gesellen muter ist in meiner muter leib
gelegen, rat, was ist nun der gesell der nunnen gewest? —
Sprich also: der gesell ist ir sone gewesen, wann er ist in
ir nuiter gelegen, so hastu die freuntschaft.
N unn, Nonne, mhd. nunne. — Ebptesin, Äbtissin, inhd. eppetisse. |
[Vgl. Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 292: cEin closter-
t'iaw küsst ein jungen gesellen, darumb sie von iren obern
gestrafft ward: sie entschuldigt sich sagendt: Er ist mein ge-
lipter fründt, sein muter lag in meiner muter Ivb. Nun ist
die frag, wie nah er ir verwandt gewesst sy. Antw. Er was
ir sun.' Ebenso Rathbüchlein 1678, Bl. C 6 a.] Ähnlich ist 34.'3
das Rätsel nr. 316 bei Simrock: Ein Frauenzimmer hatte
viel Umgang mit einem jungen Menschen. Man nahm ihr
dies übel; sie aber sagte: Ich gehe ohne Verdacht mit ihm
um, denn seine Mutter war meiner Mutter einzige Tochter.
"Wer war der junge Mensch? ihr Sohn.
19.
[Bl. 35a] Rat, was ist das: siben die riten, sie riten
unvermiten, waren weder trauen noch man, sie riten weder
hinter sich noch für sich und komen dennoch zue nacht zu
andern leuten ine die herberg. — Sprich also: es waren siben
pinkfrauen, die riten mit einander.
Unvermiten ist mir nicbt ganz klar, es scheint 'unablässig' zn
bedeuten.
20.
[Bl. 33a] Rat, was ist das: das geborn ass das unge-
boru hoch auf einem bäum und tief unter der erden.
Sprich also: nim ein schweinsmuter und grab ein bäum auss
und thue die schweinsmuter, die dann junge hat im bauch,
oben auf den bäum und schneid sie dann auf und thue die
51 8 Zur Volksdichtung.
junge herauss, so ist das geborn das bistu, das ungeborn das
sind die schweinlein, der bäum ist ob der erden und tief
darunter sind die wurzeln, also liastu dise saeh.
Vgl. d;is von v. Soltau in Mones Anzeiger 1835, Sp. 76
aus Westfalen mitgeteilte Rätsel:
Uncheboane Quickquack,
boäwen im Böm do fit war
unner Er un boäwen Kr:
rao, rao, wat is dat?
d. h. Ungeborne Quickquack, oben im Baum da sitzt was
unter der Erde und ob der Erde: rate, rate, was ist das?
Auflösung: Ungeborne Ferkel, an einen Baum gehängt.
Wüste teilt in der Zeitschr. für deutsche Mythologie 3, 193,
nr. 81 das Rätsel aus der Grafschaft Mark also mit:
En ungebuoren Kwik-kwak,
dat houge unner cne Aike sät,
nit op der Aeren,
nit unner der Aeren,
roat mol, Hterens, bat sal deriut waeren?
Nach Wüste ist die angeblichem Lösung: ein ungebornes
Ferkel, welches in einem Korbe mit Erde an eine Eiche ge-
hängt war. | [Am Urds-Brunnen 2, 198. Wossidlo 1, 32-4 zu
nr. 970. Oben 1,46: Baring-Gould nr. 2.]
344 Endlich gehört hierher nr. 460 bei Simrock:
Hoch im Baum satt ik,
ungebueren att ik
ahn Lepel [Löffel], ahn Fatt :
rad mal, wat is dat? — Xeugebornes Kalb.
Wie in diesen Rätseln das aus Mutterleibe ausgeschnittene
Junge das Ungeborne genannt wird, so kommen auch in den
Sagen 'ungeborne' Helden vor. Dem Macbeth z. B. wird
geweissagt, dass ihn nie eiu vom Weibe Geborner töten werde
und es erschlägt ihn dann Macduff. den man aus dem Leibe
seiner Mutter hatte schneiden müssen. (Simrock, Quellen
des Shakespeare 3, 278 [= 1872 2, 259. Zs. f. vgl. Littgesch.
3, 371].) So kann auch den Bulgaren Tugarin nur ein cnie
geborener' überwinden; das ist dann der aus dem Mutterleibe
geschnittene Rogdai (Fürst Wladimir und dessen Tafelrunde
51. Zwei und vierzig- alte Rätsel und Fragen. 511)
1819, S. 21). [Vgl. Wossidlo 1, 326 zu nr. 980; dazu oben
1, 372. Grimm, Mythologie :i S. 361 f.: DWB. 4, 1, 1, 1644.
Unland, Schriften 8, 398. Lichtenstein, Ariz. f. d. Altertum
4, 423 f. (Tristan). Der bei Grimm erwähnte Gebehardus
ist der Bischof von Konstanz (Acta Sanct. zum 27. August).
.Zingerle, Sagen aus Tirol 1859, nr. 592 = 1891, nr. 813:
Theophrastus Paracelsus. Alph. Ciaconius, Vitae pontificum
et cardinalium 1(577 2, 90: Raynmmlus Nonnatus, f 1256.
Picks Mtschr. f. Gesch. Westdeutschlands 4, 376. 5, 113.
Stalin. Wirtembergische Geschichte 3, 47 (Eberhard der Er-
lauchte, geb. 1265). Bruckmann, Magnalia Dei 2, 487 (1730).
Notes and Queries 6. ser. 1, 116. 377. 524. St. Georg in den
Seveu Champions. Child, Ballads 1, 420. 423. Kristensen,
Jyske Folkesagn 1, 237 nr. 326 f. 2, 166 nr. 232. A. Weber,
ludische Studien 15, 254. 219 (Vikramäditya).]
21.
[Bl. 34b] Rat, was ist das: das rot das hangt, das
rauch das hangt; wie geren das rauhe sehe, dass das lang in
im wer. — Das ist ein katz, die ein wurst vor ir sieht und
het die geren.
Vgl. bei Simrock nr. 454:
die Lange hanget,
die Härige belanget,
die Härige wött,
dass sie die Lange in ihr hätt.
22.
[Bl. 42b] Rat, was ist das:
Es kamen drei vogel geflogen,
der erste het kein zun gen,
der ander het kein hingen,
und der dritte saugt seiue jungen,
rat was vogel das sein. So sprich also: ein storch hat kein
zungen und ein taub hat kein hingen, so saugt die fleder-
maus ire jungen.
Dass die Fledermaus unter die Vögel gerechnet wird,
ist antik, vgl. Pliuius, Hist. uatur. 10, 61: vespertilio sola vo-
520 Zur Volksdichtung.
liK-ium lacte nutrit ubera admovens. Von der Taube wird
^ «- \v< iliLilioh hervorgehoben , dass sie keine Galle habe. vgl.
W. Grimms Freidank S. LXXXVI und Goldne Schmiede
345 S. XXXVII. Bezüglich | des Storchs vgl. Plinius 10, 23: sunt
qui ciconiis non inesse linguas confirment. [Wossidlo
1, 291.]
Unser Rätsel findet sich auch schwedisch (Altdeutsche
Wälder 2, 11): Welcher Vogel hat keine Zunge, welcher Vogel
hat keine Lunge und welcher Vogel säugt seine Jungen?
Antwort: Storch. Eule und Fledermaus. Der Eule als lungen-
losem Vogel begegnen wir nur hier.
Ich gebe nun die mir bekannten Rätsel, in denen nach
den Eigenschaften gewisser zusammengestellter Vögel, zum
Teil der in obigem Rätsel vorkommenden, zum Teil anderer,,
gefragt wird.
Drei Vögel werden zusammengestellt im Tragemundslied
[Erk-Böhme, Liederhort 3, 1] und in einem Rätsel aus dem
Aargau (Rochholz in AYolfs Zeitschrift 1, 136). Im Trage-
mundslied wird gefragt:
wa3 vogel söiget sine junge?
wa3 vogel ist äne zunge?
wa3 vogel ist äne raage?
und geantwortet:
der stork ist äne zunge,
die fledermüs soiget ire junge,
der swarbe *) ist äne magen.
Das aargauische Rätsel lautet:
's isch e Vogel, der het keis Bluet,
en ander isch, de het kei Muet,
en dritter sügt sis eiges Bluet.
Das sind Biene, Eule und Fledermaus. [Rochholz, Alem.
Kinderlied S. 226 f.]
*) Swarbe, wahrscheinlich für scharbe, Taucher, vgl. Altdeutsche
Wälder 2, 48. Rochholz a. a. O. S. 137 übersetzt swarbe mit Mehlkäfer,
ohne es zu begründen. [Doch widerruft er S. 345 diesen Irrtum und
fuhrt eine interessante Stelle aus Conr. Gesners Vogelbuch 1557,
S. 19 an.]
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 521
[Vier Vögel bei Wossidlo 1, 83 nr. 170 e— k.]
Fünf Vögel bietet ein lateinisches Rätsel in anapästischen
Versen, welches Reusner, Aenigraatographia (I) S. 11!' aus
Conrad Gesuers Schrift 'de lacte et operibus lactariis5 — als
aus dem Deutschen übersetzt — anführt. Es heisst:
Avis est quaedam sine lingua,
uberibus alit altera pullos,
tertia laetitiam nescit,
quarta caret sanguineo suceo,
fructu vescitur ultima trimo.
Gryphura solve et Phoebus eris mihi.
Gesner fügt hinzu: Sunt autera hae aves ciconia, vespertilio,
noctua, apis, et quae baccis juniperi pascitur, inde nominata
Germanis, quam aliqui turdorum generi adnumerant. | [Vgl.
Germania 17, 96 f. Wossidlo nr. 170 d.]
Die Siebenzahl finden wir im Spiel von dem Freiheit 346.
(Keller, Fastnachtspiele 2, 558). Da fragt der Frager:
Sag mir, welcher vogel hat kein kragen
und welcher vogel hat kein magen?
Sag-, welcher vogel hat kein mut
und welcher vogel hat kein plut
und welcher vogel hat kein Zungen ?
welcher vogel seugt seine jungen
und welcher vogel hat kein gallen ?
Wie mag dir das von mir gefallen ?
Der Freiheit antwortet:
Nu merk, der strauss hat kein magen,
so hat die muck kein kragen,
so hat die' eul kein freud noch mut,
so hat die pin furwar kein plut,
so hat furwar der storch kein Zungen,
ein fledermaus seuget ihre jungen,
so hat die turteltaub kein gallen.
Wie tut dir hie mein kunst gefallen ?
Ebenso haben wir die Siebenzahl in einem Rätsel, welches-
Mone (Anzeiger 1838, Sp. 200, nr. 174) einem Buche aus
dem 16. Jahrh. beigeschrieben fand:
Rat, was ist das?
Es waren siben vogel gilt,
der erst hat kain mut,
522 Zur Volksdichtung.
der ander kain pliir,
der dritt hat kain zungen,
der viert sogt seine jungen,
der fünft hat kein galle,
der sechst ist über alle,
der sibent ist nüntz dan drijärig spis.
Ratstu das, so bistu wis.
iL im. storch, vledennus. tub. nachtgall. reckerde vogel.
II ist Eule, im Biene, creckerde vogel' muss der Kramets-
vogel sein, der Wacholder (oder Reckholder, Rechholder)
frisst. [Wossidlo nr. 170 a— c. Anders Uhland, Volkslieder
nr. 2, Str. 3.]
Es begegnet uns endlich die Zehnzahl. Ein von
AVackernagel aus dem Augsburger Rätselbuche in Haupts
Zeitschr. 3, 30 mitgeteiltes Rätsel lautet:
Rat, ritter, zehen vögel gilt!
Der erst under den hat kain müt,
der ander hat kain niagen,
der drit mangelt des kragen,
der viert hat kain zung,
der fünft seugt sein jung, I
347 dem sechsten gebrist auch sein gall,
der sibent singt über sie all,
der acht verkündt die künftig zeit,
der neunt fleugt vor all ander weit,
und der zehent ist so weis,
das er isst dreijerige speis.
Antw. : Der erst die türteltaub nach abgang irs gemagels. Der ander
ein habich oder keutzlein. Der drit ein bien. Der viert ein storek.
Der fünft ein fledermaus. Der sechst ein eil. Der sibent ein nachtgal.
Der acht ein han. Der neünt ein schwalb. Der zehent ein kraniet-
vogel, isst wechaltern [d. h. AVacholder].
[Strassburger Rätselbnch 1876, nr. 95. Rath-Büchlem
1678, Bl. Bjb.] Ganz ebenso hat das Rätsel Reusner a. a. 0.
S. 1201) u. Simrock nr. 11. Damit stimmt auch vollkommen
J) Reusner teilt in seinem Buche nur noch ein Rätsel in deutscher
•Sprache mit, nämlich II, p. 175:
Aenigma sacrum. Exod. 14.
Mosis cum populo Ebraeo per mare rubrum transitus.
Est sera aquis constans, reserat quam lignea clavis,
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 523
ein schwedisches Rätsel in den Altd. Wäldern 2, 10 f., nur
dass da als Vogel ohne Magen der Kibitz genannt wird, und
das deutsche bei Sutor, Chaos latinum, Kaufbeuern Ulli,
S. 78-1 [mitgeteilt von Rochholz a. a. 0. S. 137], nur dass als
kragenloser Vogel der Reiher (so auch im Volksbuch
'ßürgerlust1, Altd. Wälder 2, 11) und statt der Fledermaus
die Speckmaus erscheint.
Stellen wir schliesslich die in den angeführten Rätseln
vorkommenden Vögel und ihre Eigentümlichkeiten zusammen:
von der Eule heisst es teils, dass sie keinen Mut und Freude,
teils dass sie keine Galle (einmal Lunge) habe, von der
Taube, besonders der Turteltaube, dass sie keine Galle,
einmal auch dass sie keine Lunge, und dann dass sie nach
dem Tode des Gatten keinen Mut habe; Habicht, Käuz-
lein, Kibitz, Scharbe und Strauss haben keinen Magen,
keinen Kragen der Reiher, keine Zunge der Storch, der
K r a m e t s v o g e 1 isst dreij ähri ge Speise, der Hahn verkündet
die Zukunft, die Schwalbe fliegt | am schnellsten, die Nach- 348
tigall singt am besten. Ferner zählen zu den Vögeln
Fledermaus (und Speckmaus), welche ihre Jungen säugt,
und von Insekten Biene und Mücke. Letztere hat keinen
Kragen, von ersterer wird dasselbe, besonders aber ihre Blut-
losigkeit hervorgehoben. Auf die einzelnen, meist fabelhaften
Eigenschaften näher einzugehen und ihren Ursprung und wei-
tere Verbreitung zu verfolgen, würde hier zu weit führen.
23.
[Bl. 32b] Rat: es sind drei vögel auf erden. — Das
sind die krabantvögel, antvögel und eisvögel.
Krabantvogel oder Krawantvogel (die Handschrift hat
ja öfters b für w) ist wohl ein Schreibfehler oder eine Neben-
Yenator capitur, libera casse fera est.
Es ist ein Wasserschloss sehr gross,
Welches ein hültzern Schlüssel auft'schloss,
Der Jäger wurd darin gefangen,
Das Wild ist frey hindurch gangen,
Ygl. Mones Anzeiger 1833, Sp. 239. 1838, Sp. 48, nr. 124 und Sp. 261,
Jir. 178. Simrock nr. 58.
524 Zur Volksdichtung.
form für 'Kranwetvogel' d. i. Krametsvogel. Auf der vorigen
Seite hatten wir Krametvogel; andere damals übliche Formen
sind Kronwet-, Krainwet-, Krometvogel. — Antvogel ist die
zahme Ente. Die Spitze des Rätsels scheint darin zu be-
stehen, das nur diejenigen Vögel als wahre Vögel betrachtet
werden, deren Namen durch Zusammensetzung mit dem Wort
'Vogel' gebildet ist. Freilich hätten da noch andere, damals
schon übliche Vogelnamen genannt werden können, z. B.
Brachvogel.
[Vgl. das Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 92: 'Wie vil
sindt vögel in vnsern landen, das man vogel nent? Antwort:
Sechsthalber vogel; das ist ein krametsvogel, ein halbvogel
(wirt vnder den kramets vögell verkaufft und ist doch kein
kramets vogel), ein antfogell, ein Eyssvogell, ein Broehvogell
vnd der spry vogell, der fleugt vber sie all'. Ebenso im
Rath-ßüchlein 1678, Bl. Bjb, wo jedoch der letzte Speivogel
heisst. — Somit bestätigt sich meine Erklärung des ganzen
Rätsels und des Namens Krabantvogel. Halb vogel ist ein
dem Krammetsvogel sehr ähnlicher Vogel; s. Frisch, 1, 400.
Schindler 2, 177. Grimm 4. 2, 217. Speivogel (wie Spass-
vogel gebildet) ist Bezeichnung eines spöttischen Menschen;
Frisch 2, 299. In Caspar Glanners Quodlibet von der Vögel
Namen (1578. Hoffmann v. F., Gesellschaftslieder 1860, 2,
220) heisst es: Treu vogel will jetzt seltsam werden1: später
werden aufgezählt 'Antvogl, Kramtsvogl, Eisvogl, Distelvogl,
Spottvogl, Speivogl, deren sind viel zu uns geflogen'.
Auch Geizvogel kommt vor; z. B. in folgendem Buchtitel:
'Ein gar artiges Geizvögelein im Jesuiternest ausgenommen,
geropfet und also mutternackend allen ufrichtigen Teutschen
für die äugen gelegt durch J. Piscatorn. Musarum cultorem
(Kempten 1622).
Ganz ähnliche Anlage zeigt nr. 105 des Strassburger
Rätselbuches: 'Wie vill fisch in vnsern landen bekant sein.
Antw.: Fünfft halber: Stockfisch, Rheinfisch, Meyenfisch. Wall-
fisch, vnd Plateysslein neuen etlich halbfisch.3 Ebenso im
Ratli-Büchlein 1678, Bl. Byb. - - Blatteisslein oder vielmehr
Platteis, Platteischen (lat. platessa) ist ein Name der Scholle,.
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. ,"»25
Pleuronectes platessa; vgl. Nemnich, Polyglottenlexicon der
Naturgeschichte 4, 1010. Frisch 2, 62. Grimm 7, 1909.]
24.
[Bl. 3-2h] Rat, was ist das:
Es ist eiu figur,
darauss wird ein creatur,
das niesen die priester mit wein,
so thne ich und auch die mein,
ir meint, es sei Christus dabei,
uein, er ist nit dabei.
rat, was das sei!
Das ist ein koppaun.
Die Handschrift hat hier, wie in nr. 4, briester.
Mehr ausgeführt ist das Hans Folzsche Rätsel über
den Kapaun, welches Zarncke in Haupts Zeitschr. 8, 541 aus
der Valentin Holischen Handschrift bekannt gemacht hat.
Folzens Rätsel findet sich auch, was Zarncke übersehen hat,
aus einer Papierhandschrift des 15. bis IG. Jahrh. in Mones
Anzeiger 1839, Sp. 317 f., nr. 97 u. 98, jedoch ohne den
letzten | Vers, in welchem sich Hans Folz nennt, und zer- 349
rissen, indem Mone den cAufschlussJ irrtümlich für ein be-
sonderes Rätsel gehalten haben muss. Mit Benutzung der
beiden nicht gauz übereinstimmenden Texte gebe icli das
Folzsche Rätsel also:
Es war verkündt in ainer figur
und wart darnach ain creatur,
und umb besundere kraft und tugent
wart es beschnitten in der jugent,
5 sein klaider wuchsen mit im auf,
parfuss was hie auf erd sein lauf,
wart auch verraten und verkauft,
und in sehn alter erst getauft,
vergoss sein plut umb unsern willen,
10 dass wir uns unmut möchten stillen,
ist umb des menschen willen gestorben
und hat uns auch darmit erworben,
dass wir es gerne niessen mit wein.
]\Tun raten all was das müg sein.
526 Zur Volksdichtung.
Der aufschluss.
1") Ains ais verkündung ist die nenn,
beschnitten lianen capaunen icli nenn,
Bein klaid mit wächst, parfuss er geet,
ain kam, das zaichen, in verret.
Das ührig reimpt selbs als ir wist,
20 dann ains: wa man capaunen isst,
ist zu wasser oder bier beger,
besunder zu dem wein vil mer.
Also spricht Hans Yoltz barbierer.
Lesarten, v. fügur Z. v. 2 und umbesunde Z; und um pesunder M.
v. 4 ward auch. v. 6 feblt bei 31. v. 7 er wart verr. v. 10 unsern
unm. M. v. 14 nun raten all, mass mag daz gesein. v. 16 koppen M.
v. 17 es geet Z. v. 18 am kämpf das zeichen M. v. 19 selber M. v. 20
koppaun M. v. 21 ist zw wasser noch pier weger M. v. 23 fehlt bei 31.
[Ähnlich lautet nr. 100 des Strassburger Rätselbuches:
Ein schöne figur
vnd ein reyne creatur
wart yn der jugent beschnytten
vnd bot vmb des menschen willen den todt gelyten.
all sein tag gieng er barfuss
vnd ist den menschen ein gute buss;
die leyen bruchen es selten
vnd die priester teglich mit wein.
Rot, was da3 mag sein!
Antw.: Die figur ein ey, die creatur ein ban , wirt beschnitten vnd1
gessen.
Ebenso im Rath-Büchlein 1678, Bl. Bijb. — Ebd. Bl. Bijb
steht das im Strassburger Rätselbuche ur. 104 folgender-
massen lautende Rätsel vom Halme:
Es lebt vnd leüfft,
ist vngeteüfft
vnd zwey mol geborn,
sein seil ist verlorn,
vnd bot doch ein sollichs haupt,
daran die gantz weit glaubt.
Ebenso Simrock nr. 130. Bei Rochholz (Aleman. Kiuderlied
S. 228, nr. 21) kommen folgende Zeilen vor:
Er springt und lauft
und ist zwürig getauft,
ist zwürig gibore,
und lief er e Seel, so war er verlöre.
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 527
Zs. f. d. Mythol. 4. 401. Wossidlo 1, 313 zu nr. 504.
Willems, Belg. Museum 5, 99:
Merct ende siet dese figure,
Si sprect van eenre creature,
Die twee warf in de werelt is comen
Ende lijf ontfienc te onser vromen etc.]
Dem Folzschen Rätsel fügt Zarncke uoch eins von Hie-
ronymus Emser bei. welches sieh in cEsopus leben und
Fabeln Darzu ausszüge schöner Fabeln vnd exempeln
Doctors Sebastianf (Freiburg im B. 1565») findet. Es lautet:
Ein Räters Hieronymi Emser s.
Ein prophet zwürend geboren wart,
rot was im sein krön und bart, |
noch tot geteufet ') sicherlich 350'
und ufgehenket jämerlich,
zu letst geworfen in das fein-
den armen sunderen zu steur,
die durch sein tod sint sorgen frei,
Nun rat, wer der prophet doch sei.
Zur Seite ein Holzschnitt und die Bemerkung: cEs ist ein Hün oder
Henn oder Han den man brät und kochet.'
Aus der ursprünglichen lateinischen Dichtung Emsers in
Sapphischen Strophen [in Esopi appologi Bl. Mijb und] in
Reusuers Aenigmatographia (II) p. IG 7 sei eine Strophe
angeführt :
Antequam tandem moritur, piatur
fönte sacrato bene candidatus,
itque pro nobis miseris ad ignem;
die mihi, quis sit?
Endlich vergleichen wir noch ein Rätsel über den Hahn von
Johannes Laut erb ach (Reusner p. 214):
Naturae solers produetus munere vates,
mendaci nunquam voce futura cano.
Quam prius obtueor solem, bis nascor in auras,
nee baptisma nisi post mea fata fero.
Mortuus aneipiti dependet corpus obelo,
coucilians hominum gaudia multa gregi.
*) So wohl zu lesen statt: nach todt geteuffei.
7,23 Zur Volksdichtung.
Schliesslich noch eine Bemerkung: wie in dem Rätsel unserer
Handschrift und in dem von Hans Folz die Geschichte des
Kapauns neckisch mit der Christi verglichen wird, so ge-
schieht dies auch in einem im Augsburger Rätselbuche
stehenden Rätsel vom Weinfasse (Haupts Zeitschr. 3, 27).
[Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 1. Vgl. oben 2. 6751.]
25.
[Bl. 35b] Rat: wann fliegen die gens here? — Sprich:
wo sie die schwenz hinkeren, do fliegen sie her.
Vgl. das Rätsel aus Wertheini in Mones Anzeiger
1838, Sp. 264, nr. 212: Wo kommt der Storch her? Wo
sein Schwanz hinsteht.
26.
[Bl. 33a] Rat, was ist das: wenn ein wirt vor vierzig
jaren tot were, so ich sein haus ansichtig würd, so will ich
351 wissen, wie der wirt | geheissen hat. — Das ist ein Schnecken-
haus : so du das siehst, so weistu wohl, dass ein schneck dar-
innen gewesen ist.
[Vgl. Strassburger Rätselbuch 1876, nr. 261: 'Ein frag,
so einer zu dem ersten mol gesehen wirt, wie er zu erkennen
vnd eygentlich zu wissen sey, was sein nam, auss was landt
er sey vnd wo sein hauss stee. Antw. : Wo man ein Schnecken
sieht, des selbigen lands ist er, sein hauss hot er vff dem
rück, syn namen weisst er vngefragt.' Auch im Rath-Büch-
lein 1678, Bl. C 4 b.]
27.
[Bl. 33a] Rat, was ist das: ich hab gesehen ein hulzes
Steinhaus. — Das ist ein kämpf, den die mader tragen, do
der schliffstein innen ligt.
Hulzes, hölzernes, nihil, hülzin, noch jetzt bayrisch Milzen. - - Der
Kurupf ist ein Gefäss von Holz, das der Mäher anhängt, um den "Wetz-
stein darin zu netzen und zu verwahren. (Schmeller 2, 302. Benecke-
Müller 1, 911.) Das Wort ist noch in Bayern üblich, ebenso wie auch
.Schliffstein, Schleifstein (Schmeller 3, 437.)
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 529
28.
[Bl. 34b] Rat. was ist das: es ist auf dem veld und
wechst iin holz und singt im Haus. — Das ist ein lauten,
die saiten hat.
Dies Rätsel hat Mone in lateinischer Fassung aus And.
Gartneri et Husemanni proverb. dicter. Cod. Monac. 0. 27
[jetzt Clm. 1280] (geschrieben 1575) im Anzeiger 1839, Sp. 316,
nr. 79 mitgeteilt:
In silvis crescens, in campis gramine vescens,
in domibus eantans, die quid id esse putes':1
Reusner giebt in der Aenigmatographia (II) p. 182 dasselbe
Rätsel als 'iueerti autoris5 also:
In silvis cresco, in campis gramine vescor,
in domibus resono; die mihi: sum quis ego? l)
Um auch ein Beispiel zu geben, wie deutsche und französische
Poeten im 17. Jahrb., in welcher Zeit die Dichter sich sehr
gern in Rätseln versuchten, volkstümliche Rätsel in ihrer Weise
behandelten, lassen wir hier zwei solche Bearbeitungen des
Rätsels von der Laute folgen. Im 'Recueil des enigmes de
ce temps. Troisieme partie. Paris 16613, S. 17 lesen wir:
J'ai toujours vescu dans les bois
Sans avoir parole ny voix, j
Et poui'tant je dis des merveilles. 352
La Parque m'a rendu seavant.
J'estois muet estant vivant
Et mort je ravis les oreilles.
Eine deutsche Bearbeitung finden wir im anderen Teile
"Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auser-
lesener und bisher ungedruckter Gedichte" (Leipzig 1697),
I. 336:
l) Unmittelbar vorbei' hat Reusner noch folgendes Rätsel mir der
Auflösung 'Lyra':
Viva fui in silvis: sum dura occisa securi:
dum vixi. tacui, mortua dulce cano.
Dasselbe bat Mone, Anzeiger 1838, Sp. 50, nr. 151 aus einer Genter
| Handsclirift des 17. Jabrb., aber mit der Auflösung 'fistula' und mir der
j Lesart 'imilra cano'. [Dies Distichon kommt als Inschrift auf bologneser
Oeigen des 16. Jahrhunderts vor. Notes and Queries 6. ser. 8. 212.]
Köhler, Kl. Schriften. III. :;1
530
Zur Volksdichtung.
Weil ich in den "Wäldern blieb, war ich todt und ohne Leben,
konte damals keinen Schall und auch keinen Klang nicht geben,
itzi nun ich gestorben bin, so kan ich durch süsses Klingen
nicht die Ohren nur allein, sondern selbst die Herzen zwingen. -
Eine Geige, Laute.
Von Volksrätseln führen wir aoch drei verwandte an, zunächst
eine aus Simrocks Rätselbuch nr. 108.
Ist das nicht ein seltsam Ding,
dass ein Lamm im Holze äing? — Die Saite.
Ferner eins in der Mundart des Kuhländchens (Aleinert a. a. 0.
S. 284):
Ai'm "Wald wechsts,
ai*m Feld waedts [d. i. weidet es].
ai'm Dorf kleingts [d. i. im Dorf klingts]. — Die Geige, aus-
Holz und Schafdärmen gefertigt.
[Wossidlo 1, 311 zu nr. 441.] Endlich ein litauisches,,
welches A. Schleicher in seinen 'Briefen über die Erfolge
einer wissenschaftlichen Reise nach Litauen' S. 7 mitteilt:
Im Walde geboren, in der Stadt gemacht, weint auf der Hand. —
Die Geige.
29.
[Bl. 36b] Rat, was ist das:
Ine dem land, do ich do was,
du wechst weder lab noch gras,
do wechst auch weder leib noch leben,
erretstu das, so wril ich dir eineu bulen geben.
Das ist ein Spiegel, darin man sich ersieht.
Lab ist Laub, Schmeller 2, 409.
[Im Strassburger Rätselbuche lautet nr. 14:
In wölehem land ich was,
do nit wachs laub oder grass,
es trug auch nicht leib oder leben,
kundt doch jedermann sein gleich geben. —
Antwort: Ein spiegel der gibt allen dingen sein gestalt.
15. [Rot.] Alle dem, das vff erden i-t.
dem gib ich in kurtzer frist,
was es begert noch seiner gestalt.
leben todt, klein gross, jung oder alt,
vnd kan mir selbs geben nit,
dass ich einem andern theill mit.
Antwort: Hin >]>iegell glas.
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 531
Ebenso im Rath-Büchlein 1678, Bl. A 4 b.]
.Mau vergleiche das Rätsel über den Spiegel von Joannes
Lorichius in Reusners Aenigmatographia (II), p. 114:
Die quibus in terris, quo niundi climate vixi,
cum mihi quae nunc est forma colorque fuit.
Non illie valles poteris nee cernere colles,
nun est arbor ibi. gramina nulla virent.
Non illie habitant, qui possint ducere vi tarn,
nee degunt Ulis corpora vera locis. |
Effigies hominum simulatas reddit et ora, 353
quodque aliis praebet, non dabit ipsa sibi.
Offenbar hat Lorichius das deutsche Rätsel gekannt, wie wir
dies oben auch beim Rätsel vom Reif sahen.
30.
[Bl. 31a] Rat, was ist das:
Wöl her. wöl her unter mich
und ich oben über dich:
ich wil dich pumperneilen,
dass dir der bauch muss geschwellen. ■ —
Das ist ein beck, der ein teig unter im hat.
Vgl. zwei Rätsel aus der Grafschaft Mark (Wöste in der
Zeitschr. für deutsche Mythologie 3, 187), nr. 42 (Reiter will
sein Pferd füttern):
Hei op! ik wel op diek,
hewe wat, dat sal in diek,
ik wel diek pimpernellen,
de Buk da sal di swellen.
nr. 44 ( Bettmachen) :
Ik huffe di, ik puffe di,
ik wel di pimpernellen,
de Buk da sal di swellen.
[Wossidlo 1, 281 zu nr. 71].
31.
[Blatt 32a] Rat, was ist das:
Einer spannen lank
und füllt die hand,
sticht die leut
34*
532 Zur Volksdichtung.
und macht schön breut,
die frauen haben's geren.
die j ui ik frauen mügen sein auch nir enberen. —
Das ist ein bürsten, damit man das har streit.
32.
]B1. 32 a] Was ist das beste ane den heiligen ine der
kirchen? — Das ist, dass sie ine die kirchen nit seh — .
33.
[Bl. 31b] Kanstu erraten, was das beste ane dem tanz
ist? — Das ist das umbkeren. j
[Vgl. Braut, Narrenschiff, c. 61: 'Das best am dantzen
ist, das man j Nit yemerdar dut für sich gan | Vnd ouch by
zvt vmbkeren kau*. — H. Sachs, Der Teufel sucht ihm ein
Ruhstat auf Erden (Folio 1, 3, 341a = 3, 530 Keller =
Fabeln ed. Götze nr. 147. 1<>7): 'Wie denn ein alt Sprichwort
tut lern, Das best am dantz sey das umbkhern.5 — Fischart.
Geschichtklitterung 1582, S. 28 ed. Aisleben 1891: 'Was ist
das best im dantzen? Antw.: Dass man auch vmbkeret\ —
Sollte dabei nicht an das Umfassen der Tänzerin, die man
sonst nur an der Hand führte, gedacht sein? Dafür spricht
nicht nur das von Zarncke (zu Braut S. 397 a) angeführte
Amberger Verbot des 'Umschwingeus', sondern auch die Be-
merkung in Thisabo Redtschors Allmodischer Sitten -Schule
(Jehna 1680) S. 314, man solle beim Tanze 'die Dahme nicht
etwan nach grober Leuthe Arth mit der lincken Hand umb
den Leib fassende herumb wenden helffen.' Mau vergleiche
endlich die beiden 'halsenden' Paare in Schäuffeleins Hochzeits-
tänzern (Hirth, Kulturgeschichtliches Bilderbuch 1, nr. 66
und 71; dazu H. Sachs. Fabeln nr. 230, v. 33. 41) und die
Bauerntänze bei Hirth 1. nr. 303 und 321.]
354 34.
[Bl. 33a] Wes mag der sack nit geraten? — Sprich
also: der stat, do mau in hinlegt oder henkt, des mag er
nit geraten.
Geraten ist 'entbehren1.
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 533
[Rath-Büchlein 1(578, Bl. Cja: 'Rat, was mag der Sack am
wenigsten entbehren? Des Bodens'.]
35.
[Bl. 33a] Rat : wo komen alle seek zue sainen? — Sprich :
oben bei dem band do komen sie zue sainen.
Vgl. Simrock nr. 151: Wo kommen alle Säcke zusammen?
Antw.: In der Mühle. Nein, in der Naht. [Strassburger
Rätselbuch nr. 158: 'Bey den bentlein\ Rath-Büchlein 1678,
Bl. B6a: 'In der Mühl.3]
36.
[Bl. 36b] Rat: welcher stein sind am meisten im wasser? -
Das sind die, die do nass sind.
Vgl. die Frage im Augsburger Ratbuch (Haupts Zeitschr. 3,
26): 'Welcher stein am meisten im Rein sein. Antw.: Der
nassen/ [Strassburger Rätselbuch nr. 65. Rath-Büchlein
1678, Bl. A8b.] Ebenso bei Simrock nr. 176. Im Aargau
fragt man nach Rochholz a. a. 0. S. 166, nr. 158: 'Wie sind
d* Stei in der Rüss? Nass.'
r,rr
Ol .
[Bl. 36b] Rat: welchs holz stet am meisten im holz? —
So sprich: des krummen holz vindestu am meisten im holz.
[Schmitz, Sitten und Sagen des Eitler Volkes 1, 211
nr. 173: 'Welches Holz ist am meisten im Walde? Rundes0.]
38.
[Bl. 36a] Rat: was ist das aller best hie auf ertrich? —
Sprich also: das ist sterben und wem.
39.
[Bl. 33b] Rat: ich weiss, wo du hingehörst und wo du
dein wesen hast. - - Sprich also: ich gehör ine die oren und
mein wesen hab ich hie auf ertrich.
40.
[Bl. 35b] Rat: wie wolstu den aller obersten und reichsten
konig hie auf ertrich schetzen? Sprich also: so wolt ich
in schetzen um xxviiij pfennig und nit anders.
534 Zur Volksdichtung
->■
Im Spiel cvon einem Keiser und eim Apt' (Fastnacht-
spiele 1, 199 ff.1) stellt der Kaiser die Frage (S. 201, 24): |
355 'was ein keiser wert wer,
was man solt für in zalen angever.'
Als später der als Abt verkleidete Müller vor dem Kaiser die
Frage beantworten will, fragt er den Kaiser erst (S. 208, 12):
Herr, gilt der grosch heur als fert? [d. h. dieses Jahr so-
viel als voriges?]
Der Keiser dicit :
Herr apt, er gilt der pfennig siben.
Der neu apt:
Ich find in meinen puchern gesehriben,
dass eur genade gult vier groschen.
Der keiser:
Maint ir, wir sein als gar erloschen
oder wir sein auss taig gemacht?
Der neu apt:
Genediger keiser, habt selbs acht !
Christus, der ward umb dreissig geben,
ir gelt kaum acht und zwainzig darneben.
In einem Schwank in Bruder Johannes Paulis Schimpf und
Ernste. 55 (AV. Wackernagels Deutsches Lesebuch 3, 1. S. 75 f.)
wird ein Abt von einem Junker gefragt, was er von ihm halte.
und antwortet: 'Junker, ich schetze euch für xxviii Pfenning.
Der Junker fragt: Nit besser. Der Apt sagt: Nein. Der
Junker sagt: Warumb? Der Apt sagt: Darumb. Christus
ward für xxx Pfenning geben, so achte ich den keiser für
xxix Pfenning und euch für xxviii Pfenning".
Jedermann wird sich auch des Rätsels aus Bürgers 'Kaiser
und Abf erinnern, welches Gedicht bekanntlich eine Bearbeitung
■der englischen Ballade von King John und dem Abt von
Canterbury bei Percy 2, 305 ff. (neue Londoner Ausg. 1845,
S. 167) ist. Da heisst es:
And first, quo' the king, when l'm in this stead,
with my crowne of golde so faire on my head,
among all my liege-men so noble of birthe,
thou must teil ine to one penny what I am worthe.
') Nachweisungen des weiteren Vorkommens der Geschichte S. 1490 f.
[Oben 1, 267. 492—494. Wossidlo 1, 327 zu nr. 987.]
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen. 535
Der falsche Abt antwortet später:
For thirty pennies our Salvour was sold,
aniong the false Jewes, as I have bin told,
and twenty-nine is the worth of thee,
for 1 thinke, thou art one penny worser than he.
In den erwähnten 'Questions enigmatiques' S. 21 endlich lesen
wir : T'ombien vaut le meilleur homme du monde? 11 ne vaut |
pas plus de XXIX. deniers, car nostre Seigneur ne fut vendu 356
<|iie XXX. ie m'asseure qu'il vaut bien un denier d'avantage.'
41.
[Bl. 34a] Wenn du an einer zech werst und weren do
frauen, junkfrauen und man, und netten zwelf pfennig zue
gelten, und ein man solt geben zwen pfennig und zwu junk-
frau ein haller und ein frau ein haller, so leg sie also au:
nim v man, dass einer geb zwen pfennig, und nim sechs
junkfrauen. das macht drei haller, und nim ein frauen, das
ist ein haller, also hastu zwelf pfennig und zwelf person.
Gelten, bezalen.
Ein ähnliches lateinisches Rätsel cde convivis" in Mones
Anzeiger 1838, Sp. 46, nr. 108.
42.
[Bl. 31b] Was wolstu kaufen umb ein pfennig. dass du
weder gewinn noch verlust liest? — So wolt ich kaufen
zwen haller. I
[Da die oben S. 502 ausgesprochenen Bedenken gegen
die Mitteilung der übrigen Rätsel zunächst nur für die auf
eine grössere Leserschar berechnete Zeitschrift Geltung hatten,
glaubt der Herausgeber dem engeren Kreise der Forscher
auch die von Köhler übergangenen derben Proben alter Rätsel-
dichtung vorlegen zu dürfen. Beiseitgelassen sind nur vier
Stücke auf Bl. 39b— 40b, die nicht eigentliche Rätsel, sondern
abenteuerlich ersonnene Aufgaben unflätigster Art darstellen.
53ß Zur Volksdichtung.
43.
[Bl. 31a] Rat, was ist das: Es ist hol vnd hecht gen tal vnd ist
rauch vnd get den mayden zwischen paynen ine pauch. Das ist
ein hasel nuss. — Vgl. Wossidlo 1, 309.
44.
[Bl. 31a] Am ruck lag ich,
(Juter ding pflag ich,
Do ward mir eingehanngen
Ein dicker vnd ein lannger.
Dennoch belaib mir vber
Ein gross gschluder.
Rat, was ist das ? —
Das ist, wen eine ein kyndt sewgt.
45.
[Bl. 31b] Rat, was ist das:
Junckfrauen [ir] süllen züchtig sein,
Nempt in hannd vnd weysst in hin ein
Vnd latt eu erparmen
Den blinten vnd den armen! —
Das ysst ein löffel, damit man ysst.
46.
[Bl. 33b] Rat, was ist das :
Mein muter hat ein schwartzen fleck
Vnd mein vater ain zwitzerzweck ;
Do stiess mein vater sein zwitzerzweck
Ine meiner muter schwartzenn fleck. —
Das ist ein pfann vnnd ein loffel.
47.
[Bl. 33b] Rat, was ist das: Visifass, lecks har aus dem ars, lecks-
aus der krynnen, dennoch beleibt visifas. — Das ist ein rockenn, daran
man spynnt.
48.
[Bl. 33b] Rat, was ist das: Bey meinen weyssen paynnen do stet
ein spützgen, ist hager vnd mager vnd mit har wol beladenn ; vnd
was daraus rindt, das hab dir. Das ist ein rockenn, daran man
spint. — Vgl. Wossidlo 1, nr. 65 — 67.
49.
[Bl. 35a] Rat, was ist das :
Es scheint der mon,
Die hoden klopften an,
Reysst der f — der part,
Hub sich der man auff die herfarr. —
51. Zwei und vierzig alte Rätsel und Fragen.
537
l>a- ir-r ein nn'ill. Wenn mell reysst, so scheint der mon vnd die
gloek rüfft dem kneeht. Reysst der f — der part, das ist das körn, das
durch hin reysst.
50.
[Bl. 36a] Rat, was ist das:
Meine gelider in ire gelider
Genappetten mit dem ars auff vnd nyder.
Thüt ir das mit synnen,
So beleibt er dynnen. —
Das ist ein haber, den man schwingt in einer wannen. Schwingt er
in recht, so beleibt er dynnen.
51.
[Bl. 40a] Nun rat: dein gelt vmb dich, mein flachs ein spann
lannck in dich, vnd rür den ars vnd lass ein hin gien. — Das ist ein
schwe, den man einem ane legt.
52.
[Bl. 40a] Nun rat: Ich kan dir nit gesagenn,
Es haben mir zwen vor dem ars wagen,
Des dritten sach ich ni[ch]t.
Er het den kopff hinein gericht. —
Das ist ein ganns oder ein ennten, die auf dem wasser schwimbt.
53.
[Bl. 46a] Still geschwigenn,
Darauff gestigenn,
Nichts gesprochenn,
Woll zue gestochenn,
Die knye gepogenn,
Hart zue geschobenn.
Aderlassen.
54.
[Bl. 31b] Rat, was ist das:
Kny pogen,
Vnd hinein geschobenn,
A — loch pleckt
Vnd dynnenn gesteckt. —
I-t das, wenn einer auff einem seh — hawss sitzt; so peügt er die kny
vnd steckt im der treck im a — loch. Das vsst war.
oo.
[Bl. 45b] Lieber herr, es ligt mir so vorder vnden im hawss,
Mir kluckts ein hünlein mit seinem schnabel heraus.
Rat, was ist das? — Das ist ein zeitiger [sch]aiss, die die junckfrauen
vber die zeit tragen.
:,:;s
Zur Volksdichtung.
56.
[Bl. 31a] "YVolstu, das dw so starck werst, das dich nymant liabenn
kundt, oder wolstu so lieb sein, dass dich yederman haben wolt? — Wolstu
sein der stercks, so werstu mein treck; wolstu dan der liebst sein, so
werstu ein seh — bawss.
57.
[Bl. 31b] Reüm zuesanimen ein fellerstock [1. felberstock], ein pferd
vnd ein pauren! — Sprich also:
Der feilerstock ist faull,
Vnd das pferd ist ein gaull,
\ nd der pauer seh — dir ine dein gros niaull.
58.
[Bl. 31b] Reüm zuesanimen ein junckfraue, ein paum vnd zway
.ayer! —
Die junckfrau heyss An,
Vnd der paum ist ein tann.
Schlach der junekfraw zway ayer in a — vnd leck dan die
pfannen!
59.
[Bl. 36a] Was ist das aller peste ane der v . . . ? — Das ist der
lust, den einer darzu hat. Etlich sprechenn, das sey das beste, da?
;sie kain zan hab.
60.
[Bl. 31a] Vier dingk sind, da nymer kain nutz von kompt:
Zum ersten, wer salz aus sehet,
Das annder, wer kyssling stain meet,
Des [!] drytt, wer einem blintenn wankt.
Das viert, wer aus lerenn krawsenn trinckt.
Das ist eigentlich eine Priamel.]
52. Zu Zs. 20, 250 (Rätsel Reinmars von Zweier).
(Zeitschrift für deutsches Altertum 21, 143 f. 1S77.)
Das nach Wilmanns 20, 250 Anm. zuerst von Dietrich
(Zs. 11, 458) geratene Rätsel Reinmars (Str. 224) ist bereits
von Haupt in der Anmerkung zu Engelhard v. 284 cauf den
•Gedanken gedeutet1 worden [Reinmar von Zweter hsg. von
Roethe 1887, nr. 220: S. 251. 623].
52. Rätsel Reinmars von Zweter. 539
Zu Reinmars Rätseln vom Jahr, welches in denselben
mit einem Wagen verglichen wird [Roethe nr. 1861, dazu
S. 676; Wünsche, Zs. f. vgl. Littgesch. 9, 427; auch Wossidlo
1, nr. 35 — 3G], erinnere ich an die in einem Lügenmärchen
(Zs. 2, 562) vorkommende Stelle von einem auf den Wolken
dahin fahrenden Schlitten mit sieben darauf sitzenden Frauen
und zwölf nebenher laufenden, Posaunen blasenden Garzünen,
wozu der Herausgeber W. Wackernagel wohl mit Recht bemerkt:
ein Rätsel über Jahr, Monate, Wochentage (vgl. Reinmar v.
Zweter, vdH. 2, 211a) wird hier als Lüge missverstanden.'
Zu Reinmars Spruch 104 von dem Hahn, der zwölf
Hennen meistert [Roethe nr. 104; S. 231. 597], ist die Stelle
in der Disciplina clericalis verglichen: | 'tili, ne sit gallus for- 144
tior te, qui decem uxores suas justificat, tu autem solam non
potes castigare.5 Näher liegt aber Freidank 145, 11:
So stolzen muot nie man getruoe,
ern hete an einem wibe gnuoe:
so wilz der hane bezzer han,
dem aint zweit* hennen undertan.
daz er der zweifer meister ist,
daz gät vür Salomönes list.
Dazu führt W. Grimm S. LXXX11, unter Verweisung auf
J. Grimms Reinhart Fuchs S. CCXXXYII, die Stelle der Dis-
ciplina clericalis, Reinardus 3, 936 — 38 und Reinmars Spruch
an. letztern mit folgenden Worten: ceine Anspielung Reinmars
von Zweter (MS 2, 129b) könnte sich auf Freidanks Werk
gründen, da er gleichfalls die Ausdrücke Meisterschaft und
Meistern gebraucht." Es gehören aber auch hierher diejenigen
Fassungen des Märchens von dem der Tiersprache im ge-
heimen kundigen Mann, dem seine Frau sein Geheimnis ab-
trotzenwill, in denen der Haushahn sich über seinen Herrn lustig
macht, da dieser nur eine Frau habe und sie nicht meistern
könne, während er seine vielen Frauen1) in strenger Zucht halte.
*) Es sind zehn in der Erzählung in 'Prinz und Derwisch' des
spanischen Juden Ibn-Chisdai (S. 25S der zweiten Auflage der Über-
setzung von VV. A. Meisel, Pest 1860, auch bei M. Steinschneider,
31amia S. 75) und in dem von K. Hofmann bekannt gemachten kata-
lanischen Tierepos von Kamon Lull (Abhandlungen der philos.-philol.
Klasse der K. Bayr. Akademie der Wissenschaften 12, 3, 207), fünfzig
540 Zur Volksdichtung.
53. Weinende Augen haben süssen Mund,
(Germania 18, 113—114. 1873.)
Im Parzival 272, 11 lesen wir:
ouch ist genuogcn liuten kunt:
weinde ougen haut süezen munt
und im Lohengrin 384, 1 :
nü ist genuogcn liuten kunt,
das die nazzen ougen habent suezen munt. |
114 An beiden Stellen ergiebt der Zusammenhang, dass das
Sprichwort bedeuten soll: Die Thränen eines Weibes machen
ihren Mund, d. h. ihren Knss, um so süsser. Das Sprich-
wort kommt aber noch an einer dritten, bisher nicht be-
achteten Stelle1) vor, und zwar in anderem Sinne. In Ulrich
Fütterers bayrischer Chronik (bei J. Christ. Freih. von Aretin,
Alteste Sage über die Geburt und Jugend Karls des Grossen.
München 1803, S. 110) heisst es:
cAls diese schöne und adeliche Jungfrau mit bitteren
Zälicrvergiessen die zwen so gar erbärmlich anrief, so dass
ihr Gebärd und Bitten durch ein steinern Herz möchte ge-
drungen haben, da wurden sie beide mit ihr betrübt und
erseufzten: wann es ist wol ein wahres Wort, das man spricht,
dass reiner Frauen nasse Augen haben zukkersüssen Mund.'
Hier ist also der Sinn : Die Thränen einer reinen Frau
machen ihren Mund, d. h. ihre Rede, um so süsser.
Weimar, Juni 1872.
in der Erzählung im Eingang der 1001 Nacht und in einem finnischen
Volksmärchen (deutsch im Magazin für die Litteratur des Auslandes
1858, S. 108, und bei Asbjörnsen und Grässe, Nord und Süd, S. 159,
französisch bei E. Beauvois, Contes populaires de la Norvege, de la
Finlande et de la Bourgogne, S. 178), siebzig bei S. Urundtvig, Gamle
danske minder 2, 117 (das Märchen ist unvollständig erbalten),
hundert bei Morlini, IS'ovellae nr. 71, Straparola, Notti 12. 3 und bei
YYuk Sti'phanowitsch Karadschitsch, Volksmärchen der Serben nr. 3;
vgl. auch G. Pitre, Fiabe, novelle e racconti popolari siciliani nr. 282,
wo die Zahl der Hennen nicht angegeben ist. [Oben 2, 610 f.]
2) Die beiden vorgenannten Stellen hat .1. V. Zingerle, Die deutschen
Sprichwörter im Mittelalter, S. 15.
55. X für U. 541
54. Jammer lernt Weinen.
(Germania 29, 408. 1884.)
In Friedrieh Pfaffs Ausgabe des Prosaromans von Trist-
rant und Isalde heisst es S. 99: '. . . wann es ist ein gmeins
Sprichwort: Yamer lernt weinen*.
Zu dieser Stelle bemerkt Xanthippns in der 'vierten
Hampfel' seiner 'Spreu' (München 1883), S. 20: 'Was ist hier
Yamer? Nichts anderes als Amor. Freilich hat der Schreiber
den Gott nicht genannt und wohl bloss au Liebeskummer
gedacht', u. s. w.
Hätte doch Xanthippns, ehe er diese Bemerkung ver-
öffentlichte, erst in Wanders Deutschem Sprichwörter-Lexikon
unter Mammer3 nachgeschlagen! Da würde er gefunden
haben, dass in des Eucharius Eyering 'Proverbiorum Copia"
zweimal (1, Eiszleben 1601, S. 491, und III, Eiszleben 1604,
S. 51) das Sprichwort 'Jammer lehrt weinen, Hunger lehrt
essen" vorkommt. Dadurch, denke ich, ist erwiesen, dass
das 'gemeine Sprichwort", welches im Tristrant" angeführt ist,
wirklich gelautet hat 'Jammer lernt weinen', keineswegs aber
'Amor lernt weinen".
Noch sei bemerkt, dass, wenn auch in Simrocks
'Deutschen Sprichwörtern" (Die deutschen Volksbücher, Bd. 5),
nr. 11486 a 'Jammer lernt weinen" sich findet, Simrock dies
Sprichwort aller Wahrscheinlichkeit nur obiger Stelle des
Prosaromans von Tristrant und Isalde, den er ja selbst im
4. Band seiner 'Volksbücher" neu herausgegeben hat, verdankt
haben wird.
Weimar, März 1884.
55. X für U.
(Germania 20, 383. 1875.)
Zu F. Latendorfs Anfrage oben "20, 8 verweise ich auf
eine Stelle in dem 1435 verfassten Namenbuch von Konrad
Dankrotsheim (A. W. Strobel, Beiträge zur deutschen
542 Zur Volksdichtung.
Literatur und Literärgeschichte, Paris uud Strassburg 1827.
S. 124 [= v. 435 ed. Pickel 1878]:
do mache ein ickis für ein v [: su] —
and auf eine in Nikodemus Frischlins [oder vielmehr
Andreas Schönwaldts] St. I hristoffel (Frischlins Deutsche
Dichtungen. Hsg. von D. F. Strauss — Bibliothek des litte-
i arischen Vereins in Stuttgart, XLI (1857) — S. 184;:
Schreibs alles seinem Herren zu
Oft zwey x für ein einigs v.
Weimar, Juni 1875.
56. Ein Engel flog durchs Zimmer.
(Germania 10, 2-45 f. 1865.)
Giebt es für diese bekannte Redensart ältere Belege?
[Büsching, Volkssagen 1812, S. 396.] Im Grimmschen Wörter-
buch fehlt sie, und demnach haben den Verfassern keine
Beispiele für dieselbe vorgelegen, und sie haben so sie
anzuführen vergessen. Dass sie ihnen bekannt war, wäre
jedenfalls anzunehmen, auch wenn nicht Jacob Grimm sie
anderwärts erwähnt hätte. Er sagt nämlich gelegentlich in
einem Aufsatz über das finnische Epos (Höfers Zeitschrift
für die Wissenschaft der Sprache 1, 55 [= Kleinere Schriften
2, 111]): AVenn plötzlich unter versammelten Menschen Stille
entsteht, heisst es: ein Engel ist hindurch gegaugen, ein Engel
flog hindurch, sein hehres Erscheinen hat den weltlichen
Lärm geschwichtigt. Die Griechen sagten lEQfxfjg EJieiorjX'&e* *•)
Auch Sauders weiss nur zwei Belege aus Schriftstellern
unseres Jahrhunderts beizubringen.2)
1) Zu dieser griechischen Redensart hat bereits Franz Passow in
seinem griechischen Wörterbuche bemerkt: unser 'ein Engel flog durchs
Zimmer'. [Sakellarios, Kypriaka 3, 223: uyys/.oGy.tä^co.]
2) Mörike, Maler Holten (Stuttgart 1S32) S. 244: lsts nicht ein
artig Sprichwort, wenn man bei der eingetretenen Pause eines lange
gemütlich furtgesetzten Gespräches zu sagen pflegt: es geht ein Engel
57. Zum zweiten Merseburger Zauberspruch. ,")4;;
Aus den Werken Fernan Caballeros sehe ich, das die
Redensart auch in Spanien geläufig ist. In den Vuentos
y poesias populäres andaluces' dieser Schriftstellerin lesen
wir (S. 41 der Leipziger Ausgabe): 'Sabemos que cuaudo
varias personas reunidas callan, no es, porque vaya el coche
sobre arena, como dicen las personas eultas, | sino porque 2ia-
ha pasado sobre ellas im angel, infundiendo al aire que
mueven sus alas. el silencio del respeto ä sus almas, sin que
defina la causa su comprension'. Und in der Novelle 'La
familia de Alvareda1 (Madrid 1856) S. 49: cDicen cuando
todos callan ä la vez, que im ängel ha volado sobre noso-
tros y el aire de sus alas nos ha infundido el respeto del
silencio'. Und in der Novelle cUn verano en Bornos' (Madrid
185cSi S. 131: cAcaso habrä, segun la poetica creencia reli-
giosa del pueblo, pasado volando un ängel entre nosotros,
causando el aire de sus alas el silencio, esa incontestable
senal de respeto".
Weimar, Februar 1865.
57. Zum zweiten Merseburger Zauberspruch.
(Germania 8, 62—63. 1863.)
In der zweiten Ausgabe der Deutschen Mythologie
S. 1181 ff. sind norwegische, schwedische und schottische
Beschwörungen mitgeteilt, die offenbar Fortpflanzungen jener
heidnischen sind. Die schottische Formel hatte J. Grimm
aus Chambers, Fireside stories (Edinburgh 1842) S. 37 ent-
nommen.
In der neuesten Ausgabe dieses Werkes (Populär rhymes
of Scotland. Third edition, with additious. Edinburgh 1847,
S. 129) findet sich noch eine zweite schottische Formel:
durch die Stube? — Immermann, Müncbhausen (Düsseldorf 1830)1, 71:
Der Mythus sagt, in solchen Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer,
aber nach der Länge derartiger Pausen zu urteilen, müssen zuweilen
auch Engel diese Flugübungen anstellen, deren Gefieder aus der Übung
gekommen ist.
54-1: Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Our Lord rade,
His foal's t'iMit slade;
Down he lighted,
His foal's foot righted
Hone to bone,
Sinew to sinew,
Ho Blood to blood,
Flesh to flesh.
Heal in name of the Father, Son and Holy Ghost.
Eine dritte schottische Formel 'employed for relief of
the distempered or bewitched' finde ich in dem, wie es scheint,
wenig bekannten, aber sehr reichhaltigen Werke Dalyells:
The darker superstitions of Scotland (Edinburgh 1834) S. 27:
Our Lord to hunting red,
His soll soot sied,
Doun he lighted,
His soll soot righted,
Blöd to blöd,
Shenew to shenew.
To the other sent in God's name,
In name of the Father, Son and Holy Ghost.
(St. Cuthberts Kirk Session Register 9. Nov. 1643. Mar-
garet Fischar in Weardie, vol. 1595 — 1643 in MS.)
Dalyell vermutet, csoll sootJ bedeute Steigbügel; wahr-
scheinlicher ist, dass es verschrieben oder falsch gelesen ist
für cfoll foot". In diesen beiden schottischen Formeln haben
wir nun auch das cbluot zi bluoda' des Merseburger Spruches.
In der dritten bemerke man besonders: cOur Lord to hunting
red5. — [Müllenhoff-Scherer, Denkmäler2 S. 277. Zs. f. d. Alt.
21, 211.]
Weimar, August 1862.
58. Segensprüche.
(Germania 13, 178—188. 1868.)
1. Ein Segen gegen Zahnschmerzen.
Aus einer italienischen Handschrift des 14. Jahrhunderts
in der Corsinischen Bibliothek in Rom hat Girolanio Amati
58. Segensprüche. 545
in seinem Büchlein cUbbie Ciancioni e Ciarpe delsecoloXIY
{Bologna 1866) S. 43 l) folgenden lateinischen Segen mit-
geteilt:
Brieve al male de' denti e a migrana, cioe duolo di
fcesta; il quäl brieve si vuole portare in capo addosso iscritto
a riverenzia di Jesus Cristo: 'lesus docebat discipulos suos
et ibi sedebat lacobus major, Bartolomeus, Taddeus, Matteus,
Barnabas, Iohannes, lacobus minor, Petrus. Simon, Tommas.
Philippus, Lucas, Marcus, Matteus, Iohannes evangelista, et
Petrus, qui sedebat super petram marmoream, tenebat
manum suam a caput suum e cepit contristari. Dissit lesus:
Petre. quare tristis es? | Respondit ei Petrus e dixiti2): 179
'Quia vetus vermen 3), qui vocatur gueta emigranea 4). devorat
dentes meos. Responditi ei lesus: Aiuro te de vermene
per nomen domini nostri Jesu Christi, ut recedat ab te 5)
et ab omni homine [et] nun conrodat: et qui super se por-
taverit hoc scrittum, ab omni dolore dentium liberetur, et
sie dignieris per hunc famulum tuum. Amen, amen, f Agios,
agios, agios. f
[Die Wiener Hs. 2817. Bl. 28a, 2 bietet nach Mülleu-
hoft'-Scherer, Denkmäler 2 S. 46b' folgende Parallele:
Ob die würm in den zenen sien, so scrib: In nomine
patris et filii et Spiritus saneti, domini nostri Jesu Christi,
*) Die Ubbie etc. bilden die 72. Dispensa der bei G. Roma-
gnoli in Bologna erscheinenden cScelta di curiosita letterarie inedite o
srare dal secolo XIII al XVII.3 [Corazzini, I componimenti niinori
p. 357.]
2) In einer altchristlichen römischen Inschrift bei de Rossi, Bullct-
tino di archeologia cristiana 3, 11 findet sich die Form: 'vixiti.' Ich
verdanke diesen Nachweis meinem Freunde Dr. Hugo Schuehardt. Vgl.
auch dessen Buch 'Der Vokalismus des Vulgärlateins' 2, 373.
s) Du Gange: 'Vermen' pro 'vermis' usurpatur in vita beatse
Margaret« de Cortona nr. 89 (Acta SS. Febr. III, 317: a verminibus).
4) Emigranea, qfiixQavia, mittellat. hemigrania, hemigranea, migra-
nea, migrana, ital. emigrania, magräna, span. migrana, franz. migraine.
Gucta ist nach der im mittelalterlichen Latein häufigen Vertauschung
von tt mit et s. v. a. gutta, franz. goutte.
6) Die Hs. hat: ab se.
Köhler, Kl. Schriften. JH. 35
546 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
amen. Sanctus Petrus ambas manus ad maxillas tenebat.
Supervenibat Christus dominus noster, dicens: Quid habes,
Petre? Domine, vermes habeo, qui nomen habent nigranei
[1. hemigranei], qui deuorant dentes meos et maxillas meas.
Signum tuum, domine, super famulum tuuiu . domine! ayos,
a, a., sanctus s. s., allehiia al. al. Und segen dich damit
zwen morgen und aineo anbeut und sprich als dick driu
paternoster und driu ave Maria, so wirt dir bas. — Vgl. Schön-
bach. Zs. f. d. Alt. 27, 308: 'Der zen segen' aus derselben
lls. Fleisehhacker, Anz. f. d. Altertum 15, 145: cAd dentium
dolorem3 aus einer um 1100 entstandenen Londoner Hs.
Cockayne. Leechdoms ofearly England 1. 394. 3, 64(1864—66).]
Hiermit vergleiche man einen noch jetzt in England
und Schottland üblichen Segen. Er lautet auf den Orkney-
Inselo (Choice Notes from 'Notes and Queries3. Folk-lore,
London 1859, S. 62):
Peter sat on a niarble stone weeping,
Christ eame \>a>t and said, 'What aileth thee, Peter?'
'0 my Lord, my God, my tooth doth ache!'
'Arise, o Peter! go thy way, thv shall ache no more.'
Zwei andere Fassungen sind jede für sich unvollständig,
ergänzen sich alter gegenseitig. Die eine, welche Halliwell
(Populär Rhymes and Nursery Tales. London 1849, S. 212)
als sehr gewöhnlich in Nord-England bezeichnet, lautet:
Peter was sitting cm a marble-stone,
And Jesus passed by;
Peter said, cMy Lord, my God,
How my tooth doth ache!
Jesus said, 'Peter, art whole !
And whoever lceeps these words for my sake
Shall never have the tooth-ache!'
Die andere aus Lancashire1) (J. Harland and T. T. Wilkinson,
Lancashire Folk-lore, London 1867, S. 76):
') [Vgl. Notes and Queries 5. ser. 8, 143. 275. 377. 11, 515. Ebd.
1. -i r. 7. 85. s, 506: 'A> Saint John sat on a stone.' Couch, llistorv uf
Polperro p. 148. The Academy 1887, Marcb 19, p. 2041). 258. 291^
Folk-lore Journal 2, 33. 94.]
öS. Segensprüche. .", | 7
Peter sat weeping on a marble stone.
Jesus came near and said, 'What aileth thee, <> Peter?'
He answer'd and said, ">I\ Lord and an find!'
He tliat can say this, an believeth it for m\ sake,
Never more shall have the tooth-ache. |
In diesen FassungeD halten wir wie im italienische!] Segen 180
den li. Petrus auf einem Marmorstein sitzend und dein
Herrn Christus sein Zahnweh klagend. Allerdings giebt
es auch zwei euglische Aufzeichnungen, wo der Marmorstein
fehlt. Die eine bei Carr Craven, Glossarj 2,269 und daraus
bei Halliwell a. a. 0. und bei Umland a. a. 0. lautet:
As Sant Peter sat at the gates of Jerusalem, our blessed
Lord and Saviour passed by and said. 'What aileth thee?3
He said. cLord, my teeth acheth'. He said. cArise and follow
me, and thy teeth shall never ache any more'. Fiat f liat ffiatf.
Die andere ans Devonshire (Choice notes S. L68):
As diu- Lord and Saviour Jesus Christ was Walking in
the garden of Gethsemane, he saw Peter weeping. He called
him unto bim, and said. 'Peter, why weepest thou?1 Peter
answered an said. 'Lord. I am grievously tormented with
pain of my tooth\ Cur Lord answered and said. 'If thou
wilt believe in me, and my words abide with thee, thou shalt
never feel any more pain in thy tooth'. Peter said. 'Lord.
I believe, helpe thou my unbeliet". In the name etc.
Noch mehr entstellt ist der Segen in Cornwallis
(R. Hunt. Populär Romances of the West of England. London
L865; 2, 215):
Christ pass'd by bis brother's door,
Saw his brother lying on the floor.
'What aileth thee, brother?
Pein in the teeth? —
Thy teeth shall pain thee no more. In the name etc.
In einem französischen Segen gegen das Zahnweh ist
an die Stelle dos h. Petrus die h. Apollonia, die Schutz-
patronin der an Zahnschmerz Leidenden1), getreten, das
'i Weil ihr nach der Legende bei ihrem Martyrium zunächst alle
Zähne ausgeschlagen wurden. Legenda aurea cap. »it'': 'Igitur com-
prehensa beata virgine persecutores in ipsam crudeliter saevientes primo
35"
548 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Sitzen auf dem Marmorstein ist geblieben. Ein Text
dieses Segens bei J. W. Wolf, Beitrüge zur deutschen Mytho-
logie L, 260 lautet:
Ste. Appoline etant assise sur la pierre de niarbre. notre
Seigneur passant par lä lui dit: Appoline. que fais-tu lä? —
Je suis ici pour mon chef, pour mon sang et pour mon mal
de dent. — Appoline, retourne-toi : si c'est une goutte de
sang, eile tombera, si c'est im ver, il mourra. I
181 Ein anderer bei Nisard, Histoire des livres populaires,
2e edition, 2, 76:
Sainte Apolline
la divine,
assise au pied d'un arbre,
sur une pierre de marbre,
Jesus notre sauveur,
passant la par bonheur,
lui dit: Apolline,
qui te chagrine? —
Je suis ici, maitre divin,
pour douleur et non pour chagrin ;
j'y suis pour raon chef, pour mon sang
et pour mon mal de dent. —
Apolline, tu as la foi,
par ma gräce rentourne-toi,
si c'est une goutte de sang, eile chera,
si c'est un ver, il mourra.
In dem spanischen Apollonia-Segen. welchen Clemencin
in seiner Ausgabe des Don Quijote (Tomo 4, pag. 118) in
der Anmerkung zu jener Stelle (Parte 2, Capit. 7), wo der
Baccalaureus Sanson Carasco der Haushälterin cla oracion
de Santa ApolöniaD empfiehlt, mitteilt, fehlt der Marmor-
ei omnes dentes ejus excusserunt.' Auf Bildern hält sie meist eine Zange
mit einem Zahn in der Hand. — Einen tschechischen Apollonia-Si
gegen Kopfreissen, der aber mit den hier mitzuteilenden Segen sonst]
nichts gemein hat, siehe bei Grolimann, Aberglauben und Gebräuche
aus Böhmen und Mähren 1, 162. — [Gott. gel. Anz. 1871. 1389. Heins-
berg, Calendrier beige, 9. fevrier. Bartsch, Sagen 2, 427. Notes and
Queries 4. ser. 7, 85. 8, 506. 5. ser. 8, 144. 11, 515.]
58. Segensprüche. 549
stein, und die Jungfrau .Maria ist an die Stelle Christi ge-
treten. Er lautet:
A la puerta del cielo
Polünia estaba,
y la Virgen Maria
all i pasaba.
Diz: Polönia,: que haces?
■^ Duermes 6 velas ?
SeTiora mia, ni duermo ni velo,
que de un dolor de muelas
me estoi muriendo. —
Por la estrella de Venus
y ei sol poniente,
por el Santisimo Sacramento
que tuve en mi vientre,
que no de duela mas ni muela ni diente.
Wenden wir uns jetzt zu deutschen Segen gegen das
Zahnweh. Hier treffen wir wieder St. Petrus, aber der
Mar morst ein fehlt. Eine Fassung (J. W. AVolf, Beiträge
zur deutschen Mythologie 1, 255. nr. 11; | Kuhn, Westfälische 182
Sagen, Gebräuche und Märchen 2, 205; Peter, Volkstümliches
aus Österreichisch-Schlesien 2, 238) lautet:
St. Petrus stund unter einem Eichenbusch1) (Eichbaum),
da begegnet ihm (da kam) unser lieber Herr Jesus Christus
und sprach zu ihm: Petrus, warum bist du so traurig? (Was
fehlt dir, du bist ja so traurig?) Petrus sprach: Warum sollt
ich nicht traurig sein: die Zähne wollen mir im Munde ver-
faulen. Da sprach unser lieber Herr Jesus Christus:
Peter, geh hin in den Grund,
nimm Wasser in den Mund
und spei (spuck) es wieder aus in den Grund.
Eine andere (Wolf a. a. 0. nr. 13):
Jesus Christus reiste über Land, da begegnet ihm Petrus,
der war traurig. Petre, warum bist du so traurig?
Sollt ich denn nicht traurig sein? Mein Mund und meine
Zähne wollen mir faulen.
l) [E. Mühe, Der Aberglaube 1886, S. 27: 'Peter sass unter einem
Baum und war traurig1 u. s. w. Rothenbach, Volkstüml. aus Hern 1876,
nr. 479. Flügel, Volksmedicin 1883, S. 40.]
550 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Dann nimm du drei Gundelreben
und lass sie in deinem .Munde umschweben.
Es sind aber auch andere Heilige au die Stelle des
Petrus getreten.
Aus mecklenburgischen Prozessakten vom J. 1(>30
hat Lisch, Mecklenburgische Jahrbücher 2, 187 (und daher
bei Schiller, Zum Tier- und Kräuterbuche Mecklenburgs 1,
18 [Bartsch, Sagen 2, 427]) folgenden Segen mitgeteilt:
De billige 8. Just toch äver dat Mer
Und wenede so sehr.
'.Just, wat schad dy'r'
'0 Here, myne Tehnen dohn my wef
Most, ick wil se dy segnen.
Der Wonne sind negen ;
de söte Worin,
de grise Worm,
de grawe Worm,
de brune Worm,
de witte Worm ;
alle de ick nicht benömen kan,
de schal de Here Christ benömen.
Nemet jy Water in den Mund
und spyet de Worme up den Grund
im Namen etc.
Hierher gehört auch folgender Segen gegen die 'Mund-
fäule1), den J. W. "Wolf a. a. 0. S. 256. nr. 1-4 (aus Jugen-
heim) und A. Peter, Volkstümliches aus Österreichisch!
Schlesien 2, 229 mitteilen: \
183 Job zog über Land,
er trug (hattf) einen (den) Stab in seiner Hand,
da begegnet ihm Gott der Herr, der (und) sprach:
Job, warum trauerst du so sehr?
Job sprach : Ach Gott, warum sollt ich nicht trauern,
mein Schlund und Mund will mir abfaulen.
Da sprach Gott zu Job:
(Dort) In jenem Thal da fliesst ein Brunn,
der heilet dir deinen Mund und Schlund.
>) [Flügel S. 40. Frischbier, Hexenspruch 1870, S. 90 f. (Thomas
ging über Feld. Job zieh über Land). Mitt. des Osterlandes 7, 450
(Jakob zog über das Land).]
äs. ScgL'n>;>rüche. ,").')]
Fast wörtlich so im Böhmerwald (Jos. Rank. Aus dem
Böhmer Wald 1, 161). aber mit dem Schluss:
Job, geh in jenes Thal zur Stund,
ein Brunnen heilt dir dort den 31 und
und in Schwaben (Meier. Sagen aus Schwaben S. 523, vgl. auch
Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube § 281 ) mit dem Schluss:
So nimm das Wasser in den Mund
und lass es laufen durch den Schlund.
Während in allen diesen deutschen Segen gegen das
Zahnweh u. dgl., auch wenn St. Peter darin vorkommt, doch
das Sitzen auf einem Stein fehlt, so linden wir dies dagegen
in einem unterfränkischen Segen gegen ein gebrochenes
oder verrenktes Bein (Bavaria 4. 1. 223):
Sanet Peter sass auf einem Stein
und hatt1 ein böses Bein.
Fleisch und Fleisch, Blut und Blut,
Es wird in drei Tagen gut.
Nehmen wir an. dass der St. Petrus-Segen gegen das
Zahnweh zuerst in lateinischer Sprache abgefasst wurden ist.
so dürfte sich das Sitzen des Petrus auf einem Stein (super
petrami vielleicht daher erklären lassen, dass es nach den
Worten Christi (Ev. Matthsei 16, 18): 'Tu es Petrus, et super
haue petram sedificabo Ecclesiam meanf sehr nahe lag. bei
Petrus au petra zu denken. Freilich heisst es in einem
Wurmsegen in Mones Anzeiger 1838, Sp. 609: Christus in
petra sedebat, und in einem siebenbürgisch-sächsischen gegen
Gelbsucht und Kopfweh (Schuster. Siebenbürgisch-sächsische
Volkslieder u. s. w. S. 308; :
Da sass Jesus so traurig nur allein
Auf einem marmorinen Stein.
lud der marmorne Stein kommt auch sonst noch in Segen-
sprüchen vor (Schuster S. 301, nr. 154: oll. nr. 178; 317.
nr. 197. [Gott. gel. Anz. 1871. 138s. Pitre. Canti pop. sicil.
2, 42 nr. 804 (Santa Lucia supra im märmuru chi ciancia);
ppettacoli e feste pop. ]>. 424. j
In mehreren der vorstehenden Segensprüche wird das
Zahnweh als fressender Wurm gedacht. Es ist eine uralte
indogermanische Vor Stellung, Krankheiten bei Menschen und [84
552 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Tieren Würmern zuzuschreiben1) (vgl. Adalbert Kuhn in
seiner Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 13r
I35ff.), und insbesondere der Zahnwurm findet sich schon in
einem vedischen Spruch (Kuhn a. a. 0. S. 140):
Der mitten in dem Zahne wohnt, den Wurm auch jetzt
vernichten wir —
und dass er auch der spätem indischen Medizin noch bekannt
war. zeigt das Wort krmidantaka, Wurm im Zahn, caries
(Kuhn a. a. 0. S. 150). — Interessant ist eine Stelle in
Thietmars Chronik 4, 48, wo von einem Mönch die Rede ist,
Vui in capite suo multum nocuit migranea, qua? duplex est
aut ex gutta, ant ex vermibus3. Diese Stelle stimmt merk-
würdig zu den Worten des französischen Apollonia-Segens:
cSi c'est une goutte de sang, eile tombera (chera), si c'est i\n
ver, il mourra.3 [Du Cange, s. v. Gutta.] — In einem thü-
ringischen Segen wider Zahnweh (Zeitschrift des Vereins für
Thüringische Geschichte und Altertumskunde 1, 194) heisst
es: 'Dorre du Wurm in meinem Zahn." — Auf den Orkney-
Inseln wird das Zahnweh 'tlie worin3 und der oben mit-
geteilte Segen dafür cwormy linesJ genannt. — Auch die
Tschechen leiten den Zahnschmerz von einem Wurm her, und
ein tschechischer Spruch (G rohmann, Aberglauben und Ge-
bräuche aus Böhmen und Mähren 1, 168) dagegen lautet:
cMondlein schwindet, Würmlein gehe weg.3
2. Der Wundsegen von den drei guten Brüdern.
In einer Pergamenthandschrift des 13, Jahrhunderts in
der Pauliner Bibliothek zu Leipzig findet sich eiu latei-
nischer Wundsegen2), den Leyser in den Altdeutschen
Blättern 2, 323 herausgegeben hat und der also lautet:
') [Müllenhoff-Scherer, Denkmäler 2 S. 464. Mannbardt, Baum-
kultus S. 13. Flügel S. 65. Germania 16, 42. Wright-Halliwell, Reli-
quiae ant. 1, 126. Notes and Queries 5. ser. 5, 476. 6, 97. Russwurm,.
Eibofolke 2, 226. Rutebeuf 1, 257. Desaivre, Croyances p. 8; Essai
sur le noyer p. 10. Melusine 1, 351. Revue celtique 5, 391. Rivista
di lett. pop. 1, 10.]
2) [Vgl. hierzu Müllenhoff-Scherer, Denkmäler2 S. 467 1'. Czerny^
Germ. 18, 234 (latein. 13. Jahrh.).]
58. Segensprüche. 553-
Tres boni fratres ambulabant per unam viam et occurrit
Ulis dominus Ihesus Christus et ait: Tres boni fratres, quo
itis? Dicimt ei: Domine, imus ad montera colligere herbas
plagationis, percussionis et doloris. Et dixit dominus: Venite
mecum et iurate mihi per crucifixum et per lac beute
Virginis, ut non in abscondito dicatis, nee mercedem inde
aeeipiatis. Sed ite ad montem oliveti et tollite inde oleum
olive, intingite1) in eo lanam ovis et ponite super plagam et
sie dieite: Sicut Longinus miles latus salvatoris aperuit, non
diu sanguinavit, non raneavit2), non doluit, non tuinuit. non
putruit, nee ardorem tempestatis | habuit, sie plaga ista, quam 185.
carmino3), non sanguinet, non rancet, non doleat, non tumeat,
lidii putreat, nee ardorem tempestatis habeat. In nomine
patris et lilii et Spiritus saneti. Amen. Die ter et domini-
cam ter orationem et: Ne nos inducas in temptationem, sed
libera famulnm ab hoc malo et ab omni malo. Amen.3
Jean Baptiste Thiers führt in seinem Traite des super-
stitionsJ (Paris 167'.)) die Anfangsworte dieses Segens als
eines noch zu seiner Zeit gebräuchlichen an. Er sagt (s. F.
Liebrecht, Des Gervasius von Tilbury Otia imperialia S. 255,
nr. 437): 11 y en a enfin qui pour guerir des blessures
recitent la formule qui commence par 'Longinus fuit He-
braßusD etc.4) ou celle-cy 'Tres boni fratres3 etc.
') So lese ich für das mir unverständliche intragite der Hand-
schrift.
2) Rancare ist wohl dasselhe wie rancere und rancescere.
3) Vgl. Marcellus Burdigal. cap. 15 (J. (Trimm, Kleinere Schriften
2, 132): 'glandulas mane carminabis' ; cap. S (Grimm 2, 128): 'oeulo,
qui carminatus erit.' [Caspari, Honiilia de sacrilegiis 1886. S. !>
und Hl f.]
*) Einen so beginnenden lateinischen Blut- oder Wundensegen
kenne ich nicht. Ein deutscher Blutsegen in Wolfs Zeitschrift 3. 827
beginnt: 'Longinus ein Judasritter (!) was.5 Genauer dem lateinischen
Anfange entspräche der Segen in Mones Anzeiger 1834, Sp. 287
'Longinus was ein Jud\ es ist aber ein Pferdesegen. Andere Blutsegen,
die an Longinus anknüpfen, s. in Mones Anzeiger 1837, Sp. 477 (Ego
Longinus . . und: Longinus dei filium), 1838, Sp. 608 (Longinus trans-
tixit . . .), 1834, Sp. 284 (Longinus hiess der Manu) und in Haupts
Zeitschrift 11, 535 (Longinus der stach). Auch ein Wurmsegen beginnt:
554 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
In deutscher Sprache ist dieser Segen aus einer Hs.
des 15. Jahrh. von HoffmanD von Fallersieben in den Alt-
deutschen Blättern 2, 267 bekannt gemacht worden.
'Iz gingen dri gude brudere einen weg, in hegende unsir
herre Jesus Christus, er sprach zu in: wa wollit ir hin, ir
dri guden gebrudere? Sie sprachen: wir gan und suchen ein
crut daz des gewaldig si, daz iz si für aller slachte wonden
gut, sie si gestochen oder geslagen oder wie sie geschehen
si. Er sprach: get her und swerit bi deine cruce unsirs
herren und bi der milche unsir frauwen, daz ir iz nit en
helit noch keinen Ion darumme in nemit. Gat uf den berg
zu Monte Olyveit unde nemit oley von deme bäume unde
wollen von dem scliafe und deckit die wunden da miede, und
[sprechet:] alse der Jude Longinus unseme herren in sine
siten stach, die wunde en hiccethe noch en sweizethe noch
en eiterthe noch en fulete noch en swal noch en swar, also
inüzen alle die wunden dun da dise wort über gesprochen
werden, des helfen uns di dri namen, der vader und der sun
und der heilige geist, min frauwe sante Maria, der gude
sante Johannes. Amen.J
[Aus einer Grazer Hs. des 15. Jahrh. hsg. von Schön-
bach, Zs. f. d. Altert. 18, 80. Ganz ähnlich noch bei Frisch-
bier, Hexenspruch und Zauberbann 1870, S. 34. Englisch
finden wir den Segen bei Wright-Halliwell, Reliquiae antiquae
1, 126: Thre gude breder are ze'.]
Italienisch endlich findet sich dieser Segen in derselben
römischen Handschrift, welcher der oben mitgeteilte lateinische
Segen gegen das Zahnweh entnommen ist. Er lautet (Ubbie
etc. pag. 52 [vgl. Corazzini. I componimenti minori 1877.
p. 354]): |
186 Tre buoni frati per una via s' andavano: in Gesü Cristo
si scontrarono. Disse Gesü Cristo: Dove andate voi, buoni
'Longinus hiess der Mann' bei Mone 1837, Sp. 47."). [Miillenhoff, Z-. f.
dtscb. Altert. 20, 24. Schönbach, ebd. 27, 308 f. Nd. Jahrbuch 2 (1876),
32. Flügel S. 40. Wright-Halliwell, Reliquiae ant. 1, 315. Notes and
Queries 4. Ber. 7, 232. 7. ser. 4, 56.]
.">>. Scn'ciisjtriU'hc. 555
frati? Noi andiamo in urazioni, e per cogliere erbe per porre
nelle piaghe del nostro signore. Disse Gesü Cristo: Venite
qua, tre buoni frati. Voi ini prometterete per la santa
crucifissione e per la vergine Maria, che nascoso qo] terrete
e prezzo nun ne torrete. Andate in su nionte Oliveto, e
togliete lana sucida di pecora e olio <li uliva. e direte: Come
Longino ferie il nostro signore Gesü Cristo in fianco e passö,
e quella ferita olse e nun dolse e sangue non raceolse e
nerbo nun rattrasse, cosi questa ferita oglia e non doglia e
sangue non raccoglia e nervo non rattragga, per quel signor
che vive in secula seculorum amen.'
Diese drei prosaischen Segen verhalten sich, wie man
sieht, wie fast durchweg ziemlich wörtliche Übersetzungen
zu einander: der lateinische möchte wohl das Original sein.
Der Segen findet sich aber auch in einigen deutschen.
fast ganz gereimten Fassungen, die im einzelnen von-
einander wieder abweichen. Die älteste mir bekannte Fassung
ist aus einer Wiener Handschrift des 14. Jahrhunderts von
J. M. Wagner im Nürnberger Anzeiger 1862, Sp. 234 mit-
geteilt und lautet:
'Dri gut brüder giengen, ainen seligen weg sie geviengen,
daz geschach ze ainer frist, do begegent in unser herr Jesus
Christ. Er sprach: Ich beswer inch brüder all dri, wa iur
will hin sei. Sie sprachen: Herr, wir suchen ain krüt. daz
zu allen wunden sei gut, davon die wunden entswere. noch
kain ungelük darzü kere. Er sprach: Ich beswer iuch by
der frien. by miner müter Marien, daz irs weder heit noch
enstelt, noch kain miet darumb nempt. Ir get zu dem
ölberg und nempt des Öls von den Ölbäumen und der wolle
von dem Schafe, und strichent es umb die wunden, so ist
diu wunde wol verbunden und hauet von gründe, und sprechet
daz die wund aber als gut sei als die wund was. die Lon-
ginus unserm herren durch sin seitun stach, die entswar noch
entswür noch ensmacht noch enfült noch enschlüg kain un-
gelük darzü. Also müz zu dirr wunden kain ungelük keinen
in gutes nainen. Amen.3
55(» Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Die andern Fassungen, auf die wir hier nur hinweisen
wollen, sind aus einer Stuttgarter Handschrift des 15. Jahr-
hunderts und aus zwei Karlsruher des 16. und 17. Jahr-
hunderts im Nürnberger Anzeiger 1854, Sp. 165 und in
Mones Anzeiger 1834, Sp. 282 und 1837, Sp. 460 abgedruckt.
Die erste beginnt: 'Dri vil guo-t brüeder giengen", die andere:
'Es giengen drei selige Brüder aus in guter Frist", die dritte:
'Es giengen drei seliger Ritter gar in kurzer Frist." [Zimmer,
Zs. f. d. Alt. 21, 213. Strauch, Adelheid Langmaun, 1878,
S. XII.]
In Keisersbergs Ameis (Strassburg 1517, S. 50a).
worauf schon Mone in seinem Anzeiger 1834, Sp. 281 und
187 J. Grimm, Myth. Anhang S. CXLI [4. Ausg. 3, 501] | hin-
gewiesen haben, finden wir die Worte 'Es giengen drei
brüder über feld" als Anfang eines damals üblichen 'seltzamen
Segens".
Die deutschen Wundsegeu in Wolfs Zeitschrift 3, 326
und im Nürnberger Anzeiger 1865, Sp. 351 knüpfen nicht
an die drei Brüder an; es kommt aber auch in ihnen die
von Longinus gestochene Wunde Christi vor, und zwar ganz
ähnlich wie im Wiener Segen beschrieben.
Ein masurischer Segen gegen den schwarzen Umlauf
oder das geschossene Geschwür (M. Toppen, Aberglauben
aus Masuren, 2. Aufl. Danzig 1867, S. 50) ist im Eingang
unserm Drei-Brüder-Wuudsegen sehr ähnlich. Er beginnt
nämlich :
cEs gingen drei Apostel, unter einander Brüder, und be-
gegneten dem Herrn Christus selbst. Wohin geht ihr drei
Apostel, unter einander Brüder? Wir gehen zu der getauften
N. N., das dreimal neunfach geschossene Geschwür segnen.
Gehet und segnet mit meiner, meiner und aller Hülfe dieses-
dreimal neunfach geschossene Geschwür." U. s. w.
Mit diesem vergleicht sich wieder ein anderer masu-
rischer Segen gegen die Tollwut (Toppen S. 48):
'Es gingen sieben Apostel, alle unter einander Brüder.
Wohin geht ihr sieben Apostel, alle unter einauder Brüder?
Wir gehen den Stall dieser getauften N. N. gegen den
.">>. Sf»-('iis|iriiclic. 557
tollen Himd segnen. Gehet hin und segnet in meinem Namen.5
U. s. w.
Endlich gehören noch zwei Segensprüche hierher. Zu-
nächst ein freilich sehr verdorbener, vielfach unverständlicher
siebe nbürgi seh -sächsischer gegen den Ohm (d. i. ein Ge-
schwür). Er lautet (Schuster a. a. 0. S. 307. nr. 171):
Es gingen drei heilige Frauen
des Morgens früh im kühlen Tau,
sie sollten all das Kraut abbrechen,
das da gut für den Ohm war abzubrechen.
Da begegnet ihnen der Mann,
der das Kreuz von diesem toten Menschen abnahm.
'Geht an den Huiprichberg —
da steht ein Baum,
und brecht alles das Kraut,
das da gut ist abzubrechen für diesen Ohm!
er sei geschauen oder gebrochen,
(geschlagen oder gestochen)
Mess Ohm, Feuer Ohm,
der dasselbig entzündet —
der soll verschwinden
in dieser Stund. |
Hier haben wir also drei heilige Frauen, die gleich den drei 188
guten Brüdern ein heilendes Kraut suchen. Offenbar war es
in der unverdorbenen Gestalt des Segens Christus, der ihnen
begegnet und sie auf den 'Huiprichberg" weist, wie die drei
Brüder auf den Ölberg. In Bezug auf den Huiprichberg
fragt Schuster S. 490: cWas heisst Huiprichberg? steht es
pleonastisch für Huiprich? ist das Wort gleichbedeutig mit
dem sächsischen Familiennamen Hoprich? Ist dieser Berg
lokaler oder mythischer Name?'
Mit diesem Segen ist ein ebenfalls offenbar sehr ver-
dorbener zu vergleichen, den G. Chr. Voigt in seinen Gemein-
nützigen Abhandlungen (Leipzig 1792), S. 125 aus Quedliu-
burger Hexenprozessakten vom J. 1595 (und daher auch
Grimm im Anhang zur 1. Ausgabe der Mythologie S. CXLIII
[= 4. Aufl. 3, 503]) mitgeteilt hat:
558 Zum Aberglauben und Volkshrauch.
Es gingen drei Salouien
über einen Olberg,
eie gingen über eine grüne A.uen,
dii hegegnet ihnen Marie unse liebe Fraue.
' Wohin V ihr drei Salomen ?'
'Wi'i willen bengahn ut
und senken mancherlei gu< krur,
dar stikt nicht, dar brikt nicht,
dal killr nicht, dat swillt nicht.'
Im Namen des Vaters, Sohns und heil. Geistes.
Auch hier drei Heilkräuter suchende Frauen, denen zwar
nicht Christus, ahn- Maria begegnet. Auch hier wird
ursprünglich Maria die Suchenden auf den Olberg gewiesen
haben, der aber irrtümlich aus falscher Erinnerung gleich in
den Eingang dv^- Segens gekommen ist.
Weimar. November 1867.
59. Der Himmel mein Hut, die Erde mein
Schuh.
(Aus dem Nachlass zusammengestellt.)
In den Kinderliedern, welche 1808 als Anhang zu Arnims
uud Brentanos Wunderhorn erschienen, findet sich auf S. 93
(= Wunderhorn 1845 3, 400. Böhme, Deutsches Kinderlied
1897, S. 324) folgender offenbar als Dialog zwischen Kind
und Bettler gedachte Spruch:
Wer bist du, armer Mann?
— Der Himmel ist mein Hut,
Die Erde ist mein Schuh,
Das heiige Kreuz ist mein Schwerd,
Wer mich sieht, hälr mich lieb und wert.
Der gleiche Spruch erschien in nr. 23 der Zeitung für Ein-
siedler 1808 (= Ins:;, s. 228) als Motto und ward von
Brentano nicht nur dem Helden seiner Erzählung 'Aus der
Chronika eines fahrenden Schülers1 (Die Sängerfahrt hsg. von
Fr. Förster Isis. S. 243 = Brentano, Ges. Schriften 4, 20)
59. Der Himmel mein Hut, die Erde mein Schuh. ,">.">!)
als Wahlspruch in den Mund gelegt, sondern auch in 'Den
mehreren Wehmüllern3 (Schriften 4, 265) als cecht zigeunerische
Weisheit der Zigeunerin Mitidika beigegeben. Zu diesem
eigentümlich dichterisch klingenden 'Volksreime3 bemerkt
,). Grimm (Altdeutsche Wälder 2, 9. 1815): 'Die zwei ersten Sätze
heissen eigentlich bloss: ich gehe unter dem Himmel und
auf der Erde5. Aber zugleich ist doch darin ein Verzicht
auf das schützende Obdach des Hauses und auf die Kleidung
eines Begüterten1) ausgesprochen, wie er einem Fahrenden
oder Pilger geziemte. Und so kann es uns nicht befremden,
wenn wir dieselbe Formel geradezu zur Bezeichnung des
Bettlerlebens verwandt sehen. In einem vonF. W. v. Ditfurth
(52 ungedruckte Balladen 1874, S. 51) mitgeteilten Volksliede
prophezeit eine Zigeunerin der Müllerin:
'Dein Sohn ertrinkt im See da drin,
Dein Mann der wird gehangen,
Und du wirst gehn den Stecken in der Hand,
Den Himmel zum Hut, zum Schuh das Land,
Den Bettelsack umhangen.'
Und als die beiden ersten Voraussagungen eingetroffen sind
heisst es:
Sie musste fort auf Betlehem zu (ins Bettlerleben).
Da ward die Erde wühl ihr Schuh,
Der Himmel ihr ein Hute.
Ein Segen, durch den man 'Diebe zum Stehen bringen'
kann (bei Müllenhoff, Sagen von Schleswig -Holstein 1845,
S. 518), schliesst:
Du sollt stellen als ein Stock
Und starr seilen als ein Bock,
Bis ich dir mir meiner Zunge Urlaub gebe.
Den Himmel gebe ich dir zu deiner Hütte
Und die P^rde zu Schuhen deiner Füsse.
Eine ähnliche 'Diebsstellung' in den Anmerkungen zu Des
Knaben Wunderhorn ed. Birlinger-Crecelius 1, 522 (1874)
wünscht dem Diebe gleichfalls,
') Grimm führt 'Bett' als Variante für 'Schuh' an. Vgl. auch
Grimm, DWB. 3, 751 (Erde 7b).
.560 Zuni Aberglauben und Volksbrauch.
Dass er muss haben den Himmel zu einem Hut,
Das Erdreich zu einem Schuh.
Nach einem Flugblatte teilt A. Baumgarten (Aus der volks-
mässigen Überlieferung der Heimat 2,6= Linzer Museal-
beriehte 24, 82) einen gleichen Diebessegen mit: "Den Segen
gib ich ihm zu einer Buss, den Himmel zu einem Hut, die
Erden zu einem Schlich, den grössten Baum, der im Wald
ist, zu einem Stab.'
Andererseits aber scheint diese Formel auch im Munde
der Pilger das Vertrauen auf die göttliche Fürsorge auszu-
drücken. So sagte die zweiundsiebzigjährige Frau Katharina
Staudingerin, die 1656 zu Marburg als Hexe verbrannt wurde1),
in der Untersuchung aus, eine alte Bettelfrau, der sie Herberge
gewährte, habe ihr 'gegen Abend gesagt, sie wollten mit
einander zu Bette gehen und bäten; der Bettelfrau Gebät
habe so gelautet:
Der Himmel ist mein Hut,
Die Erde ist mein Schuh (oder Schurz),
Das heilige Kreuz ist mein Schwerd,
Wer mich sieht, hat mich lieb und werth.
. . . Des Morgens beim Aufstehen habe die Bettelfrau
gesagt, sie solle das Gebätlein fleissig gebrauchen, denn es
sei gut und bringe viel Glück und Segen."
Ausführlicher lautet ein Segen 'sich bey Gross und Klein
lieb und werth zu machen' bei G. C. Horst, Dämonomagie 2,
295 (1818) = J. Grimm, D. Mythologie, 1. Ausg. S. CXLVI,
nr. 50 = 4. Ausg. 3. 505; ähnlich J. W. Wolf, Beiträge zur
deutschen Mythologie 1, 256, nr. 26 = Müllenhoff-Scherer,
Denkmäler 2 S. 473 :
Ich trette über die Schwell,
Ich nehme Herr Jesum zu meinem Gesell.
Gott [!] ist mein Schuh,
Himmel ist mein Huth,
Heilig Kreutz mein Schwerdt,
Wer mich heut sieht, der hab mich lieb und werth u. 3. w.
l) Tiedemann, Auszug aus vollständigen Akten eines im Jahre 1655
zu Marburg vorgefallenen Hexenprozesses, der sich mit dem Scheiterhaufen
endigte. Hessische Beiträge zur Gelehrsamkeit und Kunst 2, 577 — 605
<1787). — Obige Stelle steht S. 596f.
59. Der Himmel mein Hut, die Knie mein Schuh. 5G1
In der Niederlausitz betet der Felddieb, um nicht vom
Feldhüter ertappt zu werden, folgenden Spruch1):
Der Himmel ist meine Hut,
Die Erde mein Schutz [!],
Unser Herr Christus ist mein Hort und Schwert,
Auf dass mich niemand sucht und hegehrt.
Wenn einer zum Prozess will, soll er vor der Gerichts-
thür dreimal beten2):
Ich gehe über meine [!] Hausschwelle,
Unser Herr Jesus Christus ist mein Geselle,
Der Erdboden ist mein Schuh,
Der Himmel ist mein Hut,
Da haben wir beide getrunken Christi Blut 3).
Es begegnet mir ein Mann,
Der wird mich greifen an.
Er mag sein Freund oder Feind,
So ist Gott Vater mit mir,
Gottes Sohn mit dir,
So wollen wir beide
In Frieden und Freuden
Von einander scheiden.
In gleicher Weise spricht der einsame W^auderer, der
einem Unbekannten begegnet, bei sich den folgenden
Segen4):
Reiter (bei einem Fussgänger: Held) wohlgemut,
Wir haben mit einander getrunken Christi Blut.
Gott im Himmel ist mein Hut,
Der Erdboden ist mein Schuh.
Grüss dich Gott, Mann !
Stärker als Gott, so komm und greif mich an ;
Du kannst mich nicht schiessen,
Du kannst mich nicht stechen,
Du kannst mich nicht hauen,
*) Zs. d. V. f. Volkskunde 10, 230 nr. 17.
-) Bartsch, Sagen aus Meklenburg 2, 350.
s) Dies soll heissen: wir beide, der Gegner und ich, sind Christen. —
In einem Segen csich unsichtbar zu machen' (Horst 2, 297 = Grimm,
Mythol. 4 3, 505, nr. 51) heisst es: 'Gesegne mich Gott! Ich bin wohl-
gemut, Ich habe getrunken Christi Blut'.
4) Mitt. d. V. f. Gesch. der Deutschen in Böhmen 18, 158 f.
Köhler, Kl. Schriften. III. 36
,r)(',-_> Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Du kannst mich nicht schlagen;
Denn Gott der Herr will es nicht haben.
Gott der Herr ist mit mir,
Gott der Sohn ist mit dir,
Gott der heilige Geist ist zwischen uns beiden,
Dass wir mit Glück und Frieden von einander scheiden.
Verhexte Menschen und Vieh heilt man durch einen
Segen1), in dem die Zeilen vorkommen:
Der Himmel ist ob dir,
Das Erdreich unter dir,
Du bist in der Mitten,
Ich segne dich vor das Verritten.
Endlich begegnet die Formel im ^amen-Jesiis gebet 2)r
Jesus sei mein Weggesell,
Der Himmel ist mein Hut,
Die p]rde sei mein Schuh,
und im 'Geistlichen Segen und Anrufung der heiligen drei
Könige' (Gedruckt zu Landshut an der Isar. 2 Blätter):
'Heute stehe ich auf und neige mich gegen den Tag in
meinem Namen, den ich empfangen habe . . . Ich trete
über das Geschwell, Jesus f Maria f Joseph die heiligen
drei Könige Kaspar f Melchior und Balthasar f sind meine
"Weggesellen, der Himmel ist mein Hut, die Erde meine
Sehn h e\
60. Sehildwachtsbüeher.
(Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte ST. F. 4, 176. 1875.)
In Ergänzung der interessanten Mitteilung von J. Dornbusch
über die Sehildwachtsbüeher (Zeitschrift 4, 447 f.3) mache
ich darauf aufmerksam, dass eine neue Ausgabe des geistlichen
') Peter, Volkstümliches aus Oesterreichisch-Schlesien 2, 230.
Romanus-Büchlein in Scheibles Kloster 3, 494. Geistlicher Schild S. 162.
2) Zs. f. dtsch. Mythologie 4, 136 (aus dem Frickthal).
3) [Solche Bücher erschienen im 17.— 18. Jahrhundert zu Köln,
Mainz, Trier u. a. und werden noch heute im Siegthal gebraucht. Ein
Titel schliesst: 'Cum Licentia Ord. Cent. Trev. ibidem An. 1647 impressum'.
60. Schildwachtsbücher. 563
Schildes noch ganz neuerdings, nämlich im Jahre 1873. bei
Ensslin und J.aihlinin Reutlingen erschienen ist und, gebunden
und in einem Futteral steckend. 4 Neugroschen kostet. Das
mir vorliegende Büchlein1) hat folgenden Titel:
Der wahre Geistliche Schild, so vor 300 Jahren von dem
heiligen Papst Leo X. bestätiget worden, wider alle gefährliche böse
Menschen sowohl, als aller Hexerei und Teut'elswerk entgegengesetzt.
Darinnen sehr kräftige Segen und Gebete, so theils von Gott offenhart,
theils von der Kirche und heiligen Väter (sie!) gemacht und approbirt
worden. Nebst einem Anhang heiliger Segen, zum Gehrauch frommer
katholischer Christen um in allen Gefahren, worin sowohl Menschen als
Vieh oft gerathen, gesichert zu sein. Cum Licentia Orp. (sie) Cens.
ibid. An. 1647 impress. Reading , hei Louis Ensslin. Reutlingen, bei
Ensslin und Laiblin. (Oline Jahreszahl, 32°, 191 Seiten.)
Die Ausgabe ist. wie schon der Titel zeigt, häutig durch
starke Druckfehler, die vielleicht schon aus älteren Ausgaben
stammen7 entstellt. Einige lateinische Worte und Citate sind
ganz besouders misshandelt. Die Geistliche Schildwacht be-
ginnt S. 106 und hat wunderlicher AVeise zwei Titelblätter,
S. 106 und 107, welche lauten:
Der wichtigste Abschnitt heisst: 'Geistliche Schild-AVacht, darinnen der
Mensch sich für eine jegliche Stunde sowohl des Tages als bei der
Nacht einen besondern Patron aus den Heiligen Gottes auserwählt'.]
') Ich fand es in dem Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel
vom 3. Okt. 1873, nr. 229 unter den 'erschienenen Neuigkeiten' ganz
kurz angezeigt ('Schild, der wahre geistliche') und liess es mir, da
es mir unbekannt war, kommen. Gleichzeitig mit ihm sind in derselben
Nr. des Börsenblattes noch 46 andere neue Verlagsartikel derselben
Handlung, die meisten zu den Preisen von 1 und 2 Ngr., angezeigt.
Darunter befinden sich bekannte ältere erzählende Volksbücher, wie die
schöne Magelona , Genovefa, Eulenspiegel, Dr. Eaust, und neuere und
neueste, als 'Historie von des Pfarrers Tochter zu Taubenhain', 'Geschichte
vom Käthchen von Heilbronn und Grafen Friedrich', 'Leben und Thaten
des berühmten Räuberhauptmanns Rinaldo Rinaldini', 'Onkel Tom's Hütte',
'Barbara übryk, die eingemauerte Nonne, von A. Bitzius' und dgl. ;
ferner 'das Herz des Menschen entweder ein Tempel Gottes oder eine
Werkstätte des Satans', 'die Kunst mit Männern glücklich zu sein' und
'die Kunst mit Weibern glücklich zu sein' von L. v. Knigge, 'Sybillen-
Weissagungen','neucstesTrauiubucir,'derHausarzt','der Deklamator' u. b. w
36*
564 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Geistliche Schild-Wacht, darinnen Einer alle Stund einen besondern
Patron erwählen kann. (Holzschnitt: Maria mit dem Christkind auf dem
Schosse.) CUSTODIA ANGEL. Mit Erlaubniss gedruckt im Jahr 1840. (sie!)
Geistliche Schild-Wacht, darinnen der Mensch ihm für eine jegliche
Stunde, sowohl des Tages als bei der Nacht, einen besondern Patron
aus den Heiligen Gottes erwählet. Welchen er mit einem Gebetlein
anrufet, der in der Stunde seines Absterbens gleichsam stehen und
wachen wolle, damit er nicht von arglistigen Anfechtungen des bösen
Feindes überwunden werde. Gedruckt im Jahr Christi 1841. (sie!)
61 Zur Sator-Arepo-Formel.
(Verhandlungen der Berliner anthropologischen Gesellschaft 1881,
301—306. Hinter der Zs. f. Ethnologie 13.)
Zar Ergänzung der in diesen Verhandlungen 1880,
S. 42—45, 215 und 276, und 1881, S. 35, 85, 131 und
162 — 67 [von A. Treichel u. a.] gemachten Mitteilungen
lasse ich eine Anzahl Notizen folgen, die ich zum grösseren
Teil selbst gelegentlich gesammelt habe, während ich die
anderen (nr. 1, 5, 7 und 16) meinem Freunde Henri Gaidoz
in Paris verdanke.
1. Nach einer Mitteilung im Bulletin de la Societe na-
tionale des Antiquaires de France 1874, pag. 152 findet sich;
in Rochemaure (Departement de l'Ardeche) die Inschrift
SATOB
A R E P 0
TENET
OPERA
R O T A S
csur un marbre au - dessus de la chapelle de Saint - Lau
rent, sur le cöteau au nord du chäteau\ und nach einer
weiteren Mitteilung in dem Bulletin derselben Gesellschaft
1877, pag. 143 findet sich dieselbe Inschrift, cmais dont la
texte est dispose en sens inverse\ in Valbonnays (Isere)
Leider ist über das Alter beider Inschriften nichts bemerkt.
61. Zur Sator-Arepo-Formel. 565
2. In Cirencester, dem alten Corinenm, in England,
stehen die AVorte
R 0 T A S
OPERA
T E N E T
A R E P ()
SATOE
'seratched on the plaster of a Roman house'. (C. AV. King,
Early Christian Numismatics, and other Antiquarian Tracts,
Loudon 1873, pag. 187.)
3. Auf dem möglicherweise dem Ende des 11. Jahrhun-
derts angehörenden Mosaikboden der Pfarrkirche von Pieve
Terzagni
in der Nachbarschaft von Cremona
befand
sich die jetzt in Stücken umher liegende mosaicierte Inschrift
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(E. aus'm AVeerth, Der Mosaikboden in St. Gereon zu Köln
nebst den damit verwandten Mosaikböden Italiens, Bonn 1873,
S. 20, u. Taf. VII.) »)
4. In einer vorzugsweise Dichtungen in lateinischer
Sprache enthaltenden Oxforder Handschrift aus dem 13. Jahr-
hundert ist auf dem Rande einer Seite (Fol. III, verso)
ich weiss nicht, ob von einer gleichzeitigen oder spateren
Hand — geschrieben:
') Auf Nr. 2 und 3 hat S. S. Lewis in dem Bulletin de la Soci6te"
des Antiquaires de France 1875, pag. 96 f. hingewiesen.
302
:,.;.;
Zum Aberglauben und Volksbrauch.
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(P. Meyer, Documents manuscrits de l'ancienne littera-
ture de la France conserves dans les Bibliotheques de la
Grande-Bretagne, I, Paris 1871, pag. 170.)1)
5. lu einer griechischen Handschrift der Pariser National-
bibliothek 2511, Fol. 60, verso2), liest man die Formel mit
daneben stehender Übersetzung also :
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O O.TEtOdjy
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too/ov-;
(Wescher an dem oben nr. 1 zuerst angeführten Orte.) |
303 <i. In einer Müncliener Handschrift steht auf einem leer
gebliebeneu Räume einer Seite von einer Hand des 15. Jahn
hunderts:
!) P. Meyer verweist dazu auf L'Intermediaire 1866, III, ■"22.
Daselbst und scbon vorher S. 476 stehen, wie mir H. Gaidoz mitteilte,
zwei wunderbare Erklärungen der Formel.
2) AVie Hr. Charles Graux meinem Freunde Gaidoz auf meine
Frage gütigst mitgeteilt hat, ist die Handschrift von verschiedenen
Händen um das Ende des 14. oder den Anfang des 15. Jahrhunderts
sreschrieben.
61. Zur Sator-Arepo-Formel.
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Das Nämliche steht, doch ohne die senkrechten Ab-
teilungslinien, von derselben Hand auf einer der folgenden
Seiten, und darunter von der Hand des letzten Besitzers der
Handschrift (Ende des 15. Jahrhunderts)
Sator arepo
tenet opera
rotas.
(Karl Roth, Kleine Beiträge zur deutschen Sprach-, Ge-
schiehts- und Ortsforschung, 4. Bdch., S. 192.)
7. M. du Choul, dans son petit ouvrage intitule: De
varia quercus historia, Lugduni 1555, pag. 25 en parlant des
anciens magiciens Gaulois, indiqne comme excellent febrifuge
le vers suivant: Sator arepo tenet opera rotas.3 Mr. Vallot
in Compte-reudu des travaux de la Commission Departemen-
tale des Antiquites de la Cöte d'Or du 10. Aoüt 1841 au
16. Avril 1842, pag. XXI II, in Tome II der Memoires der
genannten Kommission. (Hier wird die Formel also gegen
das Fieber angewandt. Vgl. oben S. 1G4.)
8. Kristian Frantz Pauliini, Zeit-kürtzenden Erbaulichen
Lust Dritter Theil, Franckf. a. M. 1697. S. 421 sagt: So
haben die Leichtgläubige, vornemlich zu Erweckung grosser
Herrn oder Frauen Gunst, diese Worte an einem Zedel oft
angehängt, welche mau hinten und forn zur Linck- und
Rechten lesen kan :
568
Zum Aberglauben und Volksbrauch.
304
sator
arepo
tenet
opera
rotas
9. In dem Romanus-Büchlein, einer bis in die neueste
Zeit oft gedruckten und viel verbreiteten Sammlung von
Segensprüchen, von der ich nicht weiss, wann und wo sie
zuerst gedruckt worden ist, kommt die Sator-Formel zweimal
vor. Ich citiere den Abdruck des Büchleins in Scheibles
Kloster 3, 483—529.
(S. 492.) Eine Kunst, Feuer zu löschen ohne Wasser.
Schreibe folgende Buchstaben auf eine jede Seite eines
Tellers und wirf ihn in das Feuer, sogleich wird es ge-
duldig auslöschen.
S A T 0 E.
AREPO.
TENET.
O P E E A.
E 0 T A S.
(S. 500.) Dem Vieh einzugeben vor Hexerei und
Teufelswerk.
SATOR.
u. s. \v.
Auf das Romanus-Büchlein sind also die oben S. 131
mitgeteilten Niederschriften zurückzuführen.
10. Aus dem Romanus-Büchleiu ist cEine Kunst, Feuer
zu löschen ohne Wasser' übergegangen in den Anhang
heiliger Segen3, welcher das mir in einem Reutlinger Druck
aus dem Jahre 1873 vorliegende Büchlein lDer wahre geist-
liche Schild3 1) beschliesst (S. 155 — 91) und eine Auswahl
aus dem Romanus-Büchlein ist. In der Formel selbst fehlt
*) Vgl. über dies Bücblein die Zeitschrift für die deutsche My-
thologie 4, 128 f., u. 136, und die Zeitschrift für deutsche Kulturge-
schichte, neue Folge 4, 447 f. u. 776. [Oben S. 562]
61. Zur Sator-Arepo-Formel.
'>(',! I
iu dem Reutlinger, überhaupt sehr t'elilerhaften Druck (S. 150)
das Wort TENET.
11. Ebenso wird die Sator-Formel als Feuerlöschmittel
angegeben von F. J. Schild, Der Grossätti aus dem Leber-
berg, 2. Bdch., Biel 1873, S. 68 (auf beide Seiten eines Tellers
geschrieben), von Montanus, Die deutschen Volksfeste,
Volksbräuche und deutscher Volksglaube, 2. Bdch.. Iserlohn
1858. S. 121 f. (auf eine zinnerne Schüssel geschrieben) und
von Pater Amaud Baumgarten [in Kremsmünster]. Aus der
volksmässigen Überlieferung der Heimat 1, 23 [Sonderabdruck
aus den Berichten des Landesmuseums in Linz vom Jahr
1804] (auf eine Scheibe von was immer für einem Materiale
oder auf einen Teller geschrieben).
12. Nach der Mitteilung F. Sattlers in der 'Sagen-
chrouik von Franken, bearbeitet von A. C. Arnos3, Stuttgart
1861, S. 92 glaubt man im Schönbuch in Württemberg in
dem Zauberspruch Sator u. s. w. ein Mittel zu haben, 'mit
dem man, etwa als Amulet am Hals getragen, gegen alle
Hexereien geschützt ist5. 'Er soll von einer vornehmen, aus
Welschland stammenden Dame herrühren, welche ihre Wäsche
frei in der Luft aufzuhängen verstand'.1)
13.
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]) Von vielen heiligen 3Iännern und Frauen erzählt die Legende,
dass sie Kleidungsstücke, "Wäsche und Gerätschaften in der Luft oder
an den Sonnenstrahlen aufzuhängen vermochten. [Bolte, Zs. f. vergl.
Litteraturgesch. 11, 251 f.]
,")T0 ^um Aberglauben und Volksbrauch.
'Wenn ein Mensch oder Tier von einem tollen Hunde
gebissen ist, so wird ihm nebenstehender Charakter (Zettel
305 mit den Buchstaben) mit irgend etwas (Brot z. B.) | in eine
Pille geformt eingegeben .... Dieser Charakter oder Rezept
ist jedoch uralt, denn er ist allgemein unter den Scharf-
richtern bekannt. Man hat Bogen voll mit solchen quadrirteu
Zettelchen, und verkauft 1 für einen Groschen.5 Dr. Lux,
Tierarzt zu Leipzig, Der Scharfrichter nach allen seinen
Beziehungen, 2. Auflage, Leipzig 1814, S. 139.
14. G. Brückner, Landes- und Volkskunde des Fürsten-
tums Reuss j. L., 1. Teil, Gera 1870, S. 176 führt unter
anderen in Reuss bräuchlichen Segen auch an : 'Hundswut-
segen (auf Papier geschrieben und gegessen): Sator Arepo
tenet Opera rotas.J
15. E. aus'm Weerth a. a. 0. (s. n. nr. 4) teilt mit.
dass ihm sein Freund H. Otte, der ausgezeichnete Kunst-
archäolog, der bekanntlich Pfarrer in Fröhden bei Jüterbog
ist, geschrieben habe: 'Diese Formel wird vom hiesigen
Landvolk noch jetzt als Mittel gegen Hundswnt gebraucht.'
16. George Gar einer, Travels in the Inferior of Brazil,
principally through the Northern Provinces, and the Gold
and Diamond Districts, during the years 1836 — 1841, Londou
1846, bespricht S. 51 ff. verschiedene in Brasilien gegen den
Biss giftiger Schlangen angewendete Mittel und sagt bei dieser
Gelegenheit S. 52 f.: cBut the most extraordinary method
of eure which I have ever heard of, is one which was com-
muuicated to nie by a farmer (Fazendeiro), who aecompauied
me to Rio, on my return from the mountains. Only three
<lays, he said, before he left his estate, one of his oxen was
bitten on the leg by a Jararäca1), but having immediately
applied his remedy, it became as well as any of the others
before he quitted home. This remedy consists of the follo-
wing well-known Latin acrostic, or, as he termed them,
magical words:
') Eine Schlangenart (Bothrops Neuwiedii, Spix.). Vgl. (lardner
pag. 49.
61. Zur Sator-Arepo-Formel. ,")71
S. A. T. O. R.
A. R. E. 1'. o.
T. E. N. E. T.
Ü. P. E. R. A.
n. O. T. A. s.
Each liiie is to be written separately oii a slip of paper,
and then rolled into the form of a pill, the vvhole live to be
given as soon as possible after the person or animal has
been bitten."
17. J. Lobe in seinem Aufsatz 'Aberglaube und Volks-
mittel ans dem Altenburgschen' in den Mitteilungen der
Geschieht«- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Oster-
landes 7 (Altenburg 1874), S. 441 ff. teilt S. 447 ans
einer in einem Alten burgischen Dorfe gefundenen alteren
Handschrift die dem Romanus-Büchlein wörtlich entnommene
cKunst Feuer zu löschen" mit und bemerkt dann weiter:
'Diese Buchstaben auf einen Zettel geschrieben und dem
Vieh eingegeben, sollen dasselbe vor Hexerei behüten und
gegen den Biss toller Hunde helfen. In Thüringen werden
diese sinnlosen Worte auf einen Zettel geschrieben dem Vieh
auch gegen die Kolik eingegeben/
18. 'Wenn eine Kuli gekalbt hat, so muss man ihr
gleich die Worte eingeben: Sator Arepo Tenet Opera Rotas."
V. Lämmer. Volkstümliches aus dem Saalthal, Orlamünde
187-s. S. 44.
19. E. L. Rochholz teilt in seiner Sammlung von 'Aar-
gauer Besegnungen3 in der Zeitschrift für deutsche Mythologie
und Sittenkunde 4, 103 ff., aus einer Freienämter Handschrift
folgendes mit (S. 123):
'Dass der wo man drifft, under den andern falt, so 306
falen alle zu Boden und aber man muss sie ab dem Blatz
schleipfen. Schreib diese Buchstaben in deine Hand also:
Sator arepo tenet opera rotas.3
Wenn Rochholz dazu bemerkt: 'Dieser bekannte ana-
grammatische Zauberspruch wird bereits dem Beda Venerab.
1, 243 zugeschrieben", so ist dies ein Irrtum: denn an <\i'v
572 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
angeführten Stelle der Werke Bedas (Colon. Agr. 1612) steht
zwar ein lateinisches 'carmen inversivum1, aber nicht die
Sator-Formel.
20. 'Gegen Hundswut schreibt man auf neun Papiere
fünf Mal den Spruch 'sator Arepo tenet opera rotas', und
giebt an drei Tagen Morgens, Mittags und Abends dem Ge-
bissenen je eins dieser Papiere ein.3 — 'Man trägt als
Amulett [gegen die Rose] ein Zettelchen mit den Worten:
sator Arepo tenet opera rotas. D F. J. "Wie de mann, Aus
dem innern und äussern Leben der Ehsten, St. Petersburg
187(1. S. 383 und 384.
Die an mehreren der obigen, von mir citierten Stellen
geäusserten, zum Teil höchst abenteuerlichen Deutungsversuche
der Sator-Formel mitzuteilen und zu kritisieren unterlasse ich
hier und bemerke nur, dass meines Erachtens bis jetzt weiter
nichts feststeht, als dass Sator, Tenet, Opera und Rotas be-
kannte lateinische Wörter sind, Arepo dagegen nicht lateinisch
und überhaupt noch nicht befriedigend gedeutet ist. —
[Weitere Nachweise und Deutungsversuche findet man
in den Verh. der Berliner anthropolog. Gesellschaft 1881r
258. 306. 1882, 264. 415. 509. 555. 1883, 247. 354. 535.
1884, GG. 1885, 397. 1886. 200. 249. 315. 1887, 67.
W. Schwartz, Zs. f. Ethnologie 15, 113. — 0. Knoop, Die
Satorformel in Pommern; Blätter f. pommersche Volkskunde
6, 155. 1898.]
62. Die Zaeharias-Insehrift zur Abwehr der Pest
(Yi'rhaiullungenuerBerliner antliropologiscbenGesellscliaft 1885, 145 — 147.)
S. 56 der vorjährigen Verhandlungen hat Hr. A. B. Meyer-
folgende Inschrift, die er von einem Brett über der Hausthür
eines Wirtshauses in der Pertisau am Achensee in Tirol kopiert
hat. veröffentlicht:
f Z. f D. I. A. f B. f Z. f D- I- A. f B.
| Z. f S. A. B. | Z. f S. A. B. f Z. H. C.
B. f B. F. R. S.
62. Die Zacharias-Inschrift zur Abwehr der Pc-r. 573
Die gewünschte Aufklärung über diese Inschrift, die Hr.
Meyer, wie er sagt, bei verschiedenen Sprachforschern und
Archäologen vergeblich gesucht hat, möge hier folgen.
Man sieht auf den ersten Blick, dass die Inschrift in
zwei durch einen grösseren Zwischenraum getrennte Teile,
einen linken und einen rechten, zerfällt, und man bemerkt
bald, dass rechts erst dieselben Zeichen und Buchstaben
stehen, wie links, dann aber noch andere folgen, die rechts
fehlen.
Macht man nun rechts aus dem senkrechten Strich vor
dem zweiten Z. ein I. und ändert die Buchstaben Z. H. C. B.
in Z. f H. G. F., so hat man also rechts folgende Kreuze und
Buchstaben:
f Z. f D. I. A. f B. I. Z. f S. A. B. f Z. f H. G. F. f B. F. R. S.
Es sind dies jene bekannten, ich weiss nicht ob schon
im IB., jedenfalls aber seit dem 17. Jahrhundert häufig auf
Kreuzen und Medaillen, an Glocken und an Thüren zur Ab-
wehr gegen die Pest angebrachten 7 Kreuze und 18 Buch-
staben. Jeder Buchstabe ist der Anfangsbuchstabe des An-
fangswortes eines lateinischen Satzes, meistens eines Psalmen-
verses oder einer anderen Bibelstelle, und jedes Kreuz bedeutet
Crux und ist das Anfangswort eines auf das Kreuz bezüglichen
Satzes. Die Zusammenstellung dieser Sätze wird gewöhnlich
einem Zacharias zugeschrieben, und zwar soll dies der 752
gestorbene Papst oder ein Patriarch oder Bischof von Jerusalem
gewesen sein. Es wird hier genügen mitzuteilen, was die
beiden ersten Kreuze und die vier ersten Buchstaben be-
deuten sollen.
f Crux Christi, salva nie!
Z. Zelus domus tuae liberet me !
■{• Crux vincit, Crux regnat, Crux imperat. Per signuni Crucis
libera me, Domine!
D. Deus, Deus meus, expelle pestem a me et a loco isto; libera me!
I. In manus tuas, Domine, eommendo spiritum raeum, cor et corpus
meum. (Luc. 23, 46.)
A. Ante coelum et terram Deus erat, et Deus potens est, ab hac
peste me liberare.
,",74 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Wer die Bedeutung der übrigen Kreuze und Buchstaben
wissen will, findet sie in des Paters Laurenz Hecht Büchlein
'Der St. Benedikts-Pfennig5 (Einsiedeln und New York 1858)
S. 19 ff., und in einem interessanten Aufsatz 'Buchstaben
zur Abwehr der Pest' von -bis. Pohl in der Monatsschrift
für die Geschichte Westdeutschlands, 7. Jahrg., Trier 1881,
S. -270—80. |
146 Man vergleiche ausserdem noch über diese Inschrift und
ihr Vorkommen des berühmten .Jesuiten Athanasius Kircher
Scrutinium physico-medicum contagiosae luis, quae dicitur
Pestis. Lipsiae 1659, p. 332 f.1), und Richard Peinlichs
Geschichte der Pest in Steiermark, Graz 1877 — 78 1, 371 und
2. 524 — 30. Letzterer verweist 2. 527 auf das Archiv für
vaterländische Geschichte und Topographie in Kärnten 10,
S. 219, und auf J. P. Beierlein, Oberbayrisches Archiv für
vaterländ. Geschichte. 17. Bd., I. 1857, S. 42. welche Citate
ich leider nicht nachsehen kann.
Noch folgende zerstreute Beispiele für das Vorkommen
der Zacharias-Inschrift, die ich gelegentlich gefunden habe,
schien hier mitgeteilt.
Aus L. Pfeiffers und C. Rulands Pestilentia in
nummis, Tübingen 1882, S. 105, nr. 298 [vgl. deren Abh.
"Die deutschen Pestamulete ] ersehe ich, dass es einen ovalen
Pestpfennig der Sebastianskirche am Anger zu München vom
Jahr 1G37 giebt, der also beschrieben ist:
Avers: Ein Kreuz mit einer Schlange, aufweiche Moses
deutet, vorn liegen drei Tote. Hinten München. Im Abschnitt:
MONACHIÜM. Umschrift: f Z f D. I. A f B. I. Z f S.
A. B. t Z f H. G. F t B. F. R. S.
J) 'Hoc est Bagfc Kircher — celebre illud amuletum contra
pestem, quod a nescio quo Graeco Archiepiscopo tanquam sacrosanctum
et mirificae virtutis arcanum evulgatum ajunt, quod quicunque porta-
verit, illum infallibili divinae gratiae proteetione ab omni pestifero af-
Haru immunen] futurum, perperam sibi persuadent.' — Der drittletzte
Buchstabe ist bei Kircher nicht ein F, sondern ein E, was wohl nur
Druckfehler i-t.
62. Die Zaeharias-Insi'hrit't zur Abwehr der Pest.
575
i
Z
D
D
I
Revers: Zwei stehende Heilige, zwischen ilinen ein Be-
nedictus-Schild. Oben das Auge Gottes. S. SEBASTIANE
(». P. N. — S. ROCHE 0. P. N.
Nach Alex. Schultz, Inschriften und Hauserzeichen der
Stadt Glogau (im Programm des Königl. Evangelischen Gym-
nasiums zu (iross-
Glogau, Ostern 1875;
S. 41 findet sich an
dem Hause Kupfer-
schmiedestr. nr. !)
'über dem Purtale
nach rechts (das Ge-
bäude ist eines der
ältesten Glogaus)'
das nebenstehende
Kreuz.
A. Schultz be-
merkt dazu noch :
'Dieses Kreuz. Pest-
kreuz hier genannt,
befindet sich in läng-
lich viereckiger Ein-
fassung. Es ist
schwarz mit gelben
Rändern, die Buch-
H G F l Z BEB
S
s
A
B
i
Z
staben und Kreuze darin sind gelb (früher vielleicht Gold).
Trotz aller Nachfragen ist eine Deutung der Buchstaben
noch nicht erlangt worden."
Auf diesem Kreuze haben sich einige Fehler eingeschlichen:
ein D (statt B) auf dem Kreuzesstamm und auf dem zweiten
Querbalken ein 1 (statt f) und BS (statt RS).
Endlich habe ich noch zu erwähnen, dass J. Lobe in
den '.Mitteilungen der Geschieh ts- und Altertumsforschenden
Gesellschaft des Osterlandes', Bd. 7, Alten- | bürg 1874; S. 457 147
am Schlüsse einer Anzahl von Segensprüchen und Volks-
mitteln 'aus dem Altenburgschen1 umstehendes Kreuz unter
der Überschrift 'Ein Feuersegen5 giebt.
Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Dazu bemerkt J. Lobe: 'Dieser Feuersegeu wurde ge-
funden 1846 beim Neubau eines Hauses in Roda in einer
Thürpfoste steckend, in einem dazu gebohrten Loche, das
mit einem ZapteD
verkeilt war ; das
Haus war angeblich
über 200 Jahr alt.5
Die Bezeichnung
dieses Kreuzes als
Feuersegen ist natür-
lich nur eine irrige
Vermutung.
Auch auf diesem
Kreuze ist die In-
schrift nicht ohne
Fehler. Man muss
BIZ lesen statt Bf
Z. HG Ff statt H
S F I und B F R S
statt BERG.
Solche Fehler
sind sehr begreiflich,
wenn man bedenkt,
dass die Bedeutung
der einzelnen Buch-
staben und Kreuze
nur sehr wenig be-
kannt gewesen sein
wird.
*
z
i
D
I
A
»
B
t
H i
3 F 1
Z
BERG
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S
A
B
t
i
7
L
V
Weimar, 11. April 1885.
63. Die Ananisapta-lnschrift. ,">77
63. Die Ananisapta-lnschrift.
(Aus dem Nachlasse zusammengestellt.)
In einem Briefe vom 31. Dezember] 794 bespricht Goethe1)
einen nicht lange zuvor in Basel ausgegrabenen Goldring, den
er von dem Holländer K. M. van Goens zum Geschenk er-
halten hatte and bringt dessen rätselhafte Inschrift mit der
Sekte der Wiedertäufer in Verbindung. Auf der äusseren
Seite standen nämlich die Buchstaben: C f S f E f C f M f B
t T f T f G f M f; auf der inneren: f ANA f NISABTA f N f
I f R f I f. Goethe hätte aber das Wort cAnanisabtaD wohl
uicht als ein Anagramm von cAnaba[pt]ista:i aufgefasst, wenn
er die häufige Verwendung dieses Wortes auf Amuletten älterer
Zeit gekannt hätte.
So ward 1887 in der englischen Society of Antiquaries2)
ein bei Hornsea gefundener Goldring vorgelegt, der die ein-
gravierten Gestalten der Dreieinigkeit, des h. Georg und
Christoph und der Jungfrau Maria mit dem Jesuskinde zeigte
und folgende Inschrift trug: f gut f got f hunuyu f ananazapta.
Die Entstehungszeit wird auf etwa 1400 angegeben. — In
einem lateinischen Segen 'contra pestilenciam', den J. Werner
in der Alemannia 16, '237 aus einer Züricher Handschrift mit-
teilt, begegnet gleichfalls das Wort : f Ananam sapta f Jesus
y Nazarenus f Rex f Judeorum f. Auch Johann Weyer3)
(1515 — 1588) erwähnt diese Zauberformel auf Riugeu und
bringt folgende Verse bei:
Ananisapta ferit mortem, quae laedere quaerit.
Est mala mors capta, dum dicitur ananisapta.
Ananisapta Dei, jam miserere mei.
Eiue Deutung des dunklen Wortes hat Otte (Handbuch
der kirchlichen Kunstarchäologie 1, 400. 1883) versucht.
1) Goethes Briefe 10, 223 nr. 3115 (Weimar 1892); vorher gedruckt
von Campbell, De nederlandsche Spectator 1874, 402 f. Die Buch-
staben N f I f R f I sind offenbar aus der Überschrift des Kreuzes
Christi (I. N. R. I) entstellt, deren Verwendung- zu abergläubischen
Zwecken Luther (Werke, Erlanger Ausg. 46, 8) erwähnt.
2) Athenaeum 1887, 707 (May 28).
3) J. Wieri Opera omnia 1659, p. 381.
Köhler, Kl Schriften. III. 37
578 Zum Aberglauben und Yolksbrauch.
indem er auf den alttestameatlicheD Namen cAnani3 (1. Chron.
3, 24), der von jüdischen Gelehrten als Bezeichnung des
Messias aufgefasst und im Buche Daniel 7, 13 wiedergefunden
wurde1), und das sauskrit. Zahlwort sapta = 7 hinwies.
Wahrscheinlicher als diese etwas abenteuerliche Deutung
klingt die Erläuterung, die sich auf einem Gemälde des
L5. Jahrhunderts im Kelleramtsgebäude zu Meran findet.2)
Hier steht auf der Thür der Sakristei das Wort ANANISAPTA,
dazu auf mehreren von Engeln gehaltenen Schriftbändern die
Erklärung: cAntidotum Nazareni Aufert Necem Intoxicationis,
Sanctificat Alimenta Poculaque Trinitas Alma.' Die in der
Sakristei aufbewahrten kirchlichen Geräte also, aus denen Leib
und Blut Christi gespendet wird, sollen die Gläubigen vor
dem Tode durch das Gift der Höllenschlange retten.
Einen verderbten lateinischen Segen (Am Urquell 1,
187. 1890) deutet R. Köhler (ebd. 2, 27. 1891) auf Psalm
35, 7 — 8: 'Homines et iumenta salvabis Domine, quemadmodum
multiplicasti misericordiam tuain, Dens. Filii autem hominum
in tegmine alarum tuarum sperabunt.'
64. Le Diable et les Rognures d'ongles.
(Melusine 1, 549. 1878.)
F. J. Wiedemann raconte ce qui suit ä la page 491
de son livre : 'Aus dem inneren und äusseren Leben der
Ehsteii", Saint - Petersbourg 1876: 'Lorsqu'on se coupe les
ongles aux doigts de la main ou du pied. on doit les cacher
dans le sein, si Ton ne veut pas encourir de responsabilite
au jonr du jugement. Si on les jette ä terre. le diable les
1) Chr. Schöttgen, Jesus der wahre Messias, aus der alten und
reinen jüdischen Theologie dargethan 1748, S. 122. 484.
-) E. v. Sacken, Mitt. d. k. k. Centralkommission 1, 42 (1856). W. 0.,.
Deutsche Haussprüche aus Tirol 1871, S. 40. J. Zingerle, Zs. d. V. f.
Volkskunde 1, 104 (zu Hörmann, Haussprüche 1890, S. 12). Xotes and
Qui ries 6. ser. 12, 322 (1885).
64. Le diable et les rognures il'oiiu.1'- - ,'iT!'
raraas.se et s'en fait ane visiere a sod couvre-chef (Mützen-
schirm), et quand celle-ci est bien duemeut recoinpusre.
il a de aouveau tout pouvoir de auire auxhommes. Cependant
ii Idii fait lc signe de la croix sur les rognures avant de
les jeter ä terre, le diable ne peut s' en servir.'1)
Schiefner, «laus le Bulletin de l'Academie Imperiale
des Sciences de Saint-Petersbourg 2, 292 (1860), dit que de
meine les Lithuaniens, en Samogitie, craignent que le diable
ne puisse ramasser les rognures d'ongles jetees a terre, et
Ben faire un chapeau: et, dans cette crainte, ils se gardent
de les jeter. mais les conservent sur eux.'
Un pendant ä cette croyance se trouve encore ä une
Brande distance de la Lithuanie et de l'Ehstonie. Daus un
conte basque (Webster, Basque-Legends. London 1877, p.
11—72), un inconnu öftre de donner ä uu pauvre horaiue
tutant d'argent qu'il eu voudra recevoir, si celui-ci, au
■out de lau. lui dit avec quoi le diable fait son calice ou
sa coupe; sinon sou ame appartiendrait au demon. Le pauvre
lomme accepte l'offre, et peu avant que l'annee soit ecoulee,
il surprend pendant la nuit ä un carrefour un entretien de
lorcieres, et apprend par (dies que le diable fait son calice
ou sa coupe des rognures d'ongles que les chretiens se sont
coupes les dimanches.
Peut-etre trouvera-t-ou quelques faitsqui signalerout coiurae
I existaut sur d' autres points la croyance que le diable ramasse
') Comparez encore ä ce recit J. W. Boeder. Der Ehsten aber-
Räubisehe Gebräuche, Weisen und Gewohnheiten, mit auf die Gegenwart
Bezüglichen Anmerkungen beleuchtet von Fr. R. Kreutzwald, Saint-
Betersburg 1854, p. 139. Kreutzwald y rapporte que l'on fait avec le
couteau sur les rognures le signe de la croix, avant de les jeter; sans
quoi le diable; dit-on, s'en fait des visieres. Au chant XIII et XIV
du poeme ehstonien de Kalewipoeg, il est question d'un chapeau qui
est dans la nossession du diable, mais ((iie Kalewipoeg reussit a bruler,
qui est fait de rognures d'ongles et qui a la vertu d'accomplir tous les
Toeux t'onnes. Dans un conte ehstonien, nous rencontrons encore un
cliapeau fait de ces rognures, qui est en la possession de aains ei <\u\
Kommunique a ceux qui le mettent la faculte de voir tous les objects
de pres et de loin, visibles et invisibles (Kreutzwald. Ehstnische Märchen,
übersetzt von F. Loewe. Halle 1869. p. 141 et suiv.i.
37*
580 ^um Aberglauben und Volksbrauch.
les rognures d'ongles que les hommes ont jetees, et qu'il
s'en sert pour quelque usage et machination.
[A. Birrcher, Das Frickthal (Aarau 1859) S. 59 erzählt.
wie einst ein Fremder in Sulz seine Nägelschnitzel sorgsam
in Papier wickelte und ins Küchenfeuer warf, weil er sie
sonst nach dem Tode wieder suchen müsse. — Ebenso be-
richtet Jos. R. Ehrlich (aus Brody), Der Weg meines Lebens,
Erinnerungen eines ehemaligen Chassiden (Wien 1874) S. 17,
dass einige Meissini, d. h. Verstorbene, mit einem Holzbündel
beladen herumgehen und die Nägel suchen, die sie sich
während des Lebens abgeschnitten, aber nicht dem Gesetze
gemäss verbrannt haben. — Zarathustra gebietet im Vendidäd
17, 9 (Geldner, Zs. f. vergl. Spracht*. 24, 555) seinen An-
hängern, die abgeschnittenen Nägel sorgfältig zu vergraben
und dazu folgende Formel zu sprechen: cDir, o Vogel Ashözusta
(Freund des Frommen), biete ich diese Nägel an; dir überlasse
ich diese Nägel. Diese Nägel, o Vogel Ashözusta, sollen
deine Lanzen und Schwerter und Bogen und schnellbefiederten
Pfeile und Schleudersteine wider die mazanischen Teufel sein.'
Denn wenn man diese Nägel nicht dem Vogel überlässt, so
werden sie den mazanischen Teufeln Lanzen und Schwerter
und Bogen und Pfeile und Schleudersteine. — Aus Furcht
vor Zauberei werden die Nägel vergraben in Mekka: Voyages
d'Ali bey el Albassi en Afrique et en Asie 2, 411. 1814.
— Verbrannt oder vergraben in Guinea: Ellis, The Ewe-
speaking peoples 1890, p. 99. 159 f. — Verbrannt: Sauve,
Folk-lore des Hautes-Vosges p. 170. Vor den Hühnern
verwahrt: Carnoy et Nicolaides, Trad. pop. de l'Asie Mineure
1889, p. 341. — Vom altrömischen Flamen Dialis erzählt
Fabius Pictor (bei Gellius, Noctes Atticae 10, 15): "Unguium
Dialis et capilli segmina subter arborem felicem terra i
operiuntur.'1)]
') [Die letzten fünf Stellen sind aus der Zusammenstellung 'Les
ongles' in der Kevue des trad. pop. 9, 252. 12, 410. 9, 703. 10, 603.
8, 376 entlehnt.]
65. Der weisse, der rote und der schwarze Halm. 58 J
65. Der weisse, der rote und der schwarze
Hahn.
(Germania 11, So— 92. 1866.)
Es ist ein alter und weitverbreiteter Glaube, dass (lei-
den Tagesanbruch verkündende Hahnenschrei allen nächt-
lichen Spuk, alles Dämonische verscheucht (siehe P. Cassel,
Eddische Studien 1.53 — 57. [Spiegel, Avesta §52 zu Vendidäd
18, 30. Kohut. Über die jüdische Angelologie S. 51. Tschisch-
witz. Nachklänge german. Mythe 1865, S. 74]). 'Der Hahnen-
schrei, sagt Clemens Brentano (Gründung Prags 8. 419), 'ist
den wandelnden Geistern, was den Soldaten der Zapfenstreich, |
sie müssen dann nach Haus gehen." Und wer erinnert sich 86
nicht der Worte Shakespeares im Hamlet?
I have heard,
The coek, that is the trumpet to the raorn,
Doth with his lofTy and shrill-BOunding throat
Awake the god of dar; and, at his warning,
Whether in sea or fire, in earth or air,
Th' extravagant and erring spirit Ines
To his eontine.
Während aber nach der gewöhnlichen Annahme der erste
Schrei des ersten besten Hahnes, den Teufel oder Gespenster
gerade hören, sie vertreibt, geht aus den folgenden Stellen,
die meines Wissens von mir zum erstenmal zusammengestellt
sind, noch ein besonderer Glaube hervor. Hiernach verkünden
drei (in einigen Überlieferungen auch nur zwei) durch die
Farbe unterschiedene Hähne den Dämonen und Gespenstern
den Morgen, und erst beim Krähen des dritten (oder des
zweiten) Halmes verschwinden dieselben. Wo drei Hähne
vorkommen, sind es immer ein weisser, ein roter und ein
schwarzer; ihre Aufeinanderfolge ist aber nicht immer
dieselbe. Wo nur zwei Hähne vorkommen, fehlt eben eine
der drei Farben.
Die von mir gesammelten Stellen sind die folgenden:
Von der sog. Teufelsbrücke, einer höchst wahrscheinlich
künstlich hergestellten Landzunge im Gablenbecker See süd-
582 ^um Aberglauben und Volksbrauch.
Östlich von Friedland, erzählt eine Sage (Niederhöffer, Meck-
lenburgs Volkssagen 3, 29 [Bartsch 1, 400]): Der Teufel
erschien einst des Nachts einem Schäfer und versprach ihm
noch in derselben Nacht eine Brücke über den See zu bauen,
wofür ihm der Schäfer, wenn der Bau vor dem dritten Hahnen-
schrei fertig sei, seine Seele verschreiben sollte. Der Schäfer
ging darauf ein und der Teufel machte sich rasch ans Werk.
Bald aber ergriff den Schäfer Reue, doch der Bau war schon
weit vorgeschritten und der Morgen noch fern. Da weckte
er seinen Hahn und warf ihm dreimal Hafer vor, so dass der
Hahn dreimal in Zwischenräumen krähte. Als der Teufel den
ersten Hahnenschrei hörte, rief er höhnisch :
Dat is de witt ,
dat is so vel as wenn der Hund schitt!
Beim zweiten rief er ärgerlich:
Dat is de r u h d\
dat geht mi durch' t Blood !
Beim dritten aber rief er wütend:')
Dat is de swart',
dat geht mi dörch 't Hart!
Hess alles stehen und liegen und fuhr von dannen. — [Das
Gleiche wird nach Baumgarten (Aus der volkstümlichen Über-
lieferung 2, 42 = Linzer Musealberichte 24, 118) von der
Teufelsbruckmühle au der kleinen Michel berichtet, nur
lauten die Rufe des bauenden Teufels hier: 'Weisser Hahn,
weisser Hahn, geht mich nix an"; dann: 'Roter Hahn, toter
HahnJ; und schliesslich: 'Schwarzer Hahn, schwarzer Hahn,
jetzt muss ich davon". — Strackerjan, Aberglauben aus
Oldenburg 1, 245. Nach Hurt, Beiträge zur Kenntnis
estnischer Sagen S. 27 kann nur ein schwarzer oder roter
Hahn den Juudas sehen und durch sein Krähen verscheuchen;
ein bunter oder weisser Hahn sieht ihn nicht.]
Von der Teufelsmauer bei Hohenfurt au der Moldau
(Vernaleken, Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich
S. 370) geht die Sage: Der Teufel wollte das Wasser auf
das Kloster hinleiten, und auf einem Teufelsstein sitzend,
trieb er die Arbeiter an. Das Krähen eines weissen
65. Der weisse, der rote und der schwarze Halm. ,'>>;;
Haiines machte keine Unterbrechung. Da krähte ein roter
Halm, und der Teufel sagte: 'Roter Halm, toter Halm!' und
hiess sie eilen. Endlich krähte ein seh warzer; da sagte
er: 'Schwarzer Hahn. Himmelsbahn !3 und alle liefen davon.
Von der Teufelswand bei Langeck an der Donau (Ver-
naleken a. a. 0. 369) wird erzählt: Der Teufel wollte die
Donau anschwellen, und als er zu dem Zweck die Mauer
aufführte, krähte ein weisser Hahn dreimal, und am andern
Tag ein schwarzer. Der Teufel sagte, er höre nicht eher
auf, als bis ein roter Hahn krähe. Da erschien am dritten
Tag ein roter Hahn auf der Spitze des Kirchturms von St.
Johann und krähte dreimal. Nun musste der Teufel auf-
hören. Voll Zorn schoss er nach dem Hahne, der noch am
Turme zu sehen ist. Dass in dieser Sage die drei Hähne
an drei verschiedeneu Tagen krähen, ist wohl Entstellung:
wahrscheinlich haben sie ursprünglich in einer und derselben
Nacht gekräht.
Nach einer neugriechischen Sage (J. G. von Halm,
Griechische und albanesische Märchen 2, 82) kommen
Neraiden Nachts auf eine Tenne und tanzen, bis bei Tages-
anbruch die Hähne krähen. Zuerst kräht der weisse Hahn:
da sprechen sie zu einauder: cEs ist der weisse, der mag
krähen!' und tanzen weiter. Darauf kräht der rote und sie
sprechen: cEs ist der rote, der mag krähen!" und tanzen
weiter. Endlich kräht der schwarze; da rufen sie: Motzt
ist es Zeit, unsere Flügel zu nehmen und aufzubrechen !' und
fliegen weg.
In einem griechischen Märchen (v. Hahn 1, 210) wird von
einer nächtlichen Versammlung der Teufel unter einem Baum
erzählt. 'Da krähte der weisse Hahn, und alsbald rüsteten
sich die Teufel zum Abzug: darauf krähte der schwarze
Hahn, und nun gingen sie auseinander, und indem fieng es
au zu tagen." Hier fehlt also der rote Hahn. Ebenso er-
scheinen nur der weisse und der schwarze Hahn in einem
griechischen Elfenmärchen (v. Halm 2, 79), wo Elfen ein auf
einem Maultier reitendes Mädchen verfolgen. 'Lud so oft der
584 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
schwarze Hahn krähte wichen sie vom Maultier zurück,
und so oft der weisse krähte, kamen sie wieder heran/
88 Die drei Hähne finden sich ferner in alten dänischen
Volksliedern. Erstlich in mehreren Bearbeitungen des Liedes
von der toten Mutter, welche eines Nachts ihr Grab verlässt
und zu ihrem wieder verheirateten Gatten geht und ihm die
schlechte Behandlung ihrer Kinder durch die Stiefmutter vor-
hält (Svend Grundtvig, Danmarks gamle Folkeviser nr. 89).
In einer Bearbeitung (Grundtvig 2, 479) schliesst die Tote
ihre Rede an ihren Gatten mit den Worten:
Nu gaaller Haanen den suorte:
saa snarlig mae ieg buorte.
Nu gaaller Haanen den rcedde :
tillGraffuestundder alle dyDoedde.
Nu gaaller Haanen den huidde:
ieg maa nu icke lenger biidde.
In einer andern (Grundtvig S. 488):
Og nu galer Hanen den sorte ;
nu aabnes Himmelriges Porte.
Og nu galer Hanen den roede:
til Jorden skal alle de Doede.
Og nu galer Hanen den hvide;
nu maa de Doede ej lsenger bide.
In einer dritten (S. 487):
Nu galer Hanen den roede
til Jorden skal alle de Doede.
Nu galer Hanen den sorte:
nu aabnes Himmeriges Porte.
Xu galer Hanen den hvide:
jeg kan ej lsenger bide.
Endlich in einer vierten (S. 486) :
Og nu gal Hanen den sorte :
nu aabnes Himmelens Porte.
Og nu gal Hanen den hvide:
fra Jorden stiger alle Lige.
Og nu gal Hanen den roede :
til Himlen stiger alle de Doede1). |
') Auch in einer n o r wegischen Bearbeitung des Liedes kommen»
wie Grundtvig S. 473 bemerkt, die drei Hähne vor. Ich kann die Stelle
leider nicht mitteilen, da mir Landstads norwegische Volkslieder [1S.">3,.
65. Der weisse, der rote und der schwarze Hahn. ,")S5
In dem verwandten Lied vom toten Bräutigam (Grundtvig 89
nr. 90) saut der Tote zu seiner Braut in der einen Be-
arbeitung (Grundtvig '_'. 496):
Nu galer Hauen den h viele,
til Jorden inaa ieg:
til Jorden stunder alle de Lige,
nu maa ieg med.
Xu galer Hanen den nede,
til Jorden maa ieg:
til Jorden maa alle de Doede,
nu maa ieg med.
Xu galer Hauen den sorte,
til Jorden maa ieg:
nu luckes op alle de Porte
nu maa ieg fcelge med.
In einer andern Bearbeitung (Grundtvig 3, 871 :
Og nu galer Hanen den roede,
til Jorden skal jeg:
til Jorden skal alle de D<ede,
jeg maa foelge med.
Og nu galer Hanen den hvide,
til Jorden skal jeg:
til Jorden skal alle de Lige,
jeg maa foelge med.
Og nu gaaler Hauen den sorte,
til Jorden skal jeg:
nu lukker de Himmerigs Porte,
og maa jeg foelge med.
In einer dritten Bearbeitung endlich (2, 497) fehlt der weisse
Halm:
Xu galler Hannen den roede,
til Jorden maae ieg:
til Jorden skal alle de Doede,
thi maae ieg feige afsted.
Xu galler Hannen den sorte.
til Jorden maae ieg:
aaben staar Himmeriges Porte,
thi maae ieg nu afsted. ]
S. 54S] nicht zu Gebote stehen. [Grundtvig, Gamle d. Folkeminder :'>-
129. Hazelius, Ur de nordiska folkens lif S. 120.1
586
Zum Aberglauben und Volksbrauch.
!,l> Ped»T Syv. der im Jahre KiJ)5 eine dänische Volks-
liedersammlung herausgab, sagt in einer Anmerkung zu einer
der Versionen des Liedes von der toten Mutter (Grundtvig
2, 473, Anmerkung): 'Ellers om Hanegalen haver mand og
noget anderledis, nemlig at Doedningen ej agtede den Sorte
eller hvide Hane, men ikkun den roede; om hvilken hand
sagde:
Nu gal Hauen den roede,
Til Jorden stunder den Dcede.
Derfor legges endnu helst roede Haner til.3
In zwei dänischen Märchen, die neuerdings aus dem
Volksmund gesammelt worden sind (Svend Grundtvig, Gamle
danske Minder 1, 6 und 2, 14), kommen die Verse von den
Hähnen auch vor, doch immer nur zwei Paare, so dass
beidemal ein Hahn fehlt. In dem einen Märchen besucht
ein Toter nachts einen lebenden Freund und sagt, als Mittei-
nacht vorbei:
Nu galer Hanen den sorte:
nu aabnes Himmeriges Porte.
Nu galer Hanen den roede:
nu sover alle de Doede.
In dem andern spielen Gespenster nachts auf dem Kirchhof
Kegel. Auf einmal sagt das eine:
Nu galer Hauen den rcede:
til Jorden skal alle de Dcede.
Bald darauf ein anderes:
Nu galer Hauen den hvide :
til Jorden skal alle nu skride.
Endlich kommen zwei (nicht drei) Hähne auch in zwei
alten schottischen Balladen vor; in der einen: der weisse
und der graue: in der andern: der rote und der graue.
Offenbar waren es also auch hier ursprünglich drei: der
weisse, der graue, der rote. Der graue ist hier an die
Stelle des schwarzen getreten. Die Balladen, die ich meine,
sind die von 'Sweet William" (Percy, Reliques of ancient
Poetry, London 1839, S. ~2~21. aus Allan Ramsays Tea-Table
Miscellany [Warrens, Schottische Volkslieder der Vorzeit.
1861, S. 55. Child, English Ballads nr. 77]) und von 'Clerk
65. Der weisse, der rote und der schwarze Hahn. ;,S (
Saunders' (W. Scott, Border Minstrelsy, Edinburgh L861,
Bd. 3, S. 183. [Child nr. 69]). Die erstere Ballade, aach
welcher Williams Geist seiner geliebten Margret erscheint,
schliesst :
Then up and crew the red red cock,
And up then crew the gray.
'T is time, 't is time, my dear Margret,
That I were ganc invuy.
No more the gliost to Margret said, 91
But, with a grievous grone,
Evanish' d in a cloud of mist,
And left her all alone.
Die Ballade von Clerk Saunders, der ebenfalls als Geist seine
Geliebte besucht, schliesst:
Then up and crew the milk-white cock,
And up and crew the gray ;
Her lover vanish' d in the air,
And she gaed weeping away.
[Warrens S. 35 nr. 9 'Die Frau von Ushers Brunn'.]
Wie es scheint, gehört auch hierher das deutsche
Volkslied vom Vorwirt, d. h. von dem verstorbenen ersten
Ehemann, welches Meinert (Alte teutsche Volkslieder in der
Mundart des Kuhländchens S. 13 [Erk-Böhme, Liederhort
nr. 199b]) aufgezeichnet hat. Die zum zweitenmal verheiratete
Frau geht hier an das Grab ihres ersten Mannes und klopft
an und begehrt zu ihm.
Die Schöne erwischt' ihren Rocken,
Sie gieng ans Grab anklopfen.
'Thu doch auf und thu dich, Erdenkloss,
Und lass mich hinunter auf seinen Schoss'.
'Was willst du denn da unten thun?
Da unten hast du ja keine Ruh.
Da unten darfst du nichts backen,
Da unten darfst du nicht waschen;
Da unten hörst du keinen Glockenklang,
Da unten hörst du keinen Vogelgesang ;
Da unten hörst keinen Wind nicht wehen,
Da unten siehst keinen Regen nicht sprehen.'
Da krähte die erste Himmelstaub1;
Die Gräblein thäten sich alle auf:
5Sv Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Die Schone stieg zu ihm hinunter.
Da krähte das andere Höllenhuhn;
Die Gräblein thäten sich alle zu:
Die Schöne musst' unten verbleiben.
Wilhelm Wackernagel in seinem schönen Aufsatz 'Zur
Erklärung und Beurteilung von Bürgers Lenore5 in den Alt-
deutschen Blättern (Bd. 1) bemerkt zu diesem von ihm mit-
geteilten Lied (S. 198. Note 10 | Wackernagel, Kleinere
Schriften •_'. 4051]): 'Der erste Hahn beisst die Himmelstaube,
denn er warnt sie und mahnt zur Heimkehr; der zweite das
Hnllenhuhn, denn sein Ruf bedeutet, dass es nun zu spät sei.
02 Ebenso werden in der weiter unten angeführten J schottischen
Ballade von Wilhelms Geist der rote und der graue Hahn
unterschieden."
In einer erst neuerdings bekannt gewordenen Variante
des Liedes (Anton Peter, Volkstümliches aus Österreichisch-
Schlesien, Bd. 1, Troppau 1865, S. 200) ist der Schluss-
anders, vielleicht missverstanden und entstellt.
Und wie sie auf den Friedhof kam,
^Nlit ihrem Finger klopft1 sie an,
Thu dich auf, rhu dich auf, du Erdenkloss,
Nimm mich zu dir in deinen Schoss.
Was wirst du denn da unten thun?
Da geben nicht die Würmer Ruh1.
Da unten ist die himmlische Ruh1,
Die Gräber decken alles zu.
I>a unten hörst nicht Glockenklang,
Da unten hörst nicht Vogelsang.
Da schreit ja stets die himmlische Taub1:
Ihr Gräber, schliesst euch alle auf!
Da unten schreit das Höllenhuhn:
Ihr Gräber, schliesst euch alle zu !
Ihr Gräber, schliesst euch feste,
Die erste Ehe die beste.
Schliesslich will ich noch auf die von J. Grimm in der
Deutschen Mythologie S. 262 angeführte Stelle aus dem
Reinardus aufmerksam macheu, wo es von der Herodias
heisst:
quercubus et corylis a noctis parte secunda
usque nigri ad galli carmina prima sedet.
66. Über The Folk-Lore Record I. 589
Hier halten wir also wenigstens den einen der drei Halme
und zwar den schwarzen, der gerade in mehreren Über-
lieferungen derjenige ist, bei dessen Krähen die Dämonen
erst weichen. [Bei Visentini, Fiabe mantovane 1879, p. 114
soll Prezzemolina erraten, ob der rote, der schwarze oder
der weisse Hahn der Hexe gekräht hat. Ein schwarzer und
ein weisser Hahn im portugiesischen Märchen: Revue des
langues rom. 26, 228. Weisser, roter und schwarzer Hahn
bei Georgeakis-Pineau, Folklore de Lesbos 1894, p. 82.
Weisse und schwarze Henne geistersichtig: Zs. d. V. f.
Volksk. 2, 1801]
Wie die drei Hähne der Völuspa (J. Grimm, Deutsche
-Mythologie S. 635) sich zu den besprochenen verhalten mögen,
überlasse ich andern zu erwägen.
Weimar, Dezember 1865.
66. Ober The Folk-Lore Record I.
(Anglia 3. 379—882. 1880.)
The Folk-Lore Society, for collecting and printing relics of Po-
pulär An ti <i aities, &c. Established in the year MDCCCLXXVIII.
Publications of the Folk-Lore Society. I. (Ohne Angabe des Jahres,
Druckorts und Druckers.) 8°. XVI und 252 Seiten.
Die Aufgabe der Folk-Lore Society in London ist nach
§ 1 ihrer Satzungen cthe preservation and publication of Po-
pulär Traditions, Legendary Ballads, Local Proverbial Sayings,
Superstitions and Old Customs (British and foreign), and all
subjeets relating to them\ Mit der vorliegenden ersten
Publikation, die auf S. XI noch besonders The Folk-Lore
Record, Part F betitelt ist, hat die Gesellschaft ihre Thätig-
keit gleich in recht anerkennenswerter Weise, die auch für
die Zukunft zu günstigen Erwartungen berechtigt, begonnen.
Der 'Folk-Lore Record' wird nach Vorausschickung der
Mitgliederliste uud der Satzungen ('Rules') der Gesellschaft
590 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
und einer von \Y. ,!. Thoms verfassten Treface3 eröffnet durch
cSome West Sussex Superstitions lingering in 1868. Collected
by Charlotte Latham, at Fittleworth3 (S. 1 — 67). Es sind
195 abergläubische Meinungen, Sprüche und Bräuche, x) in
folgende (! Kapitel eingeteilt: Trognostics of Good and Evil
Other Wenders that are iinplicitly believed, but without
any Good or Evil Gonsequences being attached to them
Ghosts. Goblins, Witches and Fairies — (»mens and Presages
associated witli Love and Marriage — Charms and Obser-
vances believed to be effectual for the Cure or the Avoidance
of different Ailments - Prognostics ofDeath; Sick-room and
Death-bed Superstitions'. In vielen Fällen hat die Sammlerin
sich nicht mit der blossen Angabe, das und das werde ge-
glaubt, begnügt, sondern auch dazu bemerkt, wo und durch
wen und bei welcher Gelegenheit ihr der betreffende Glaube
bekannt geworden ist, und sie hat dadurch nicht nur ihre
Mitteilungen lebendiger gemacht, sondern sie hat auch, wie
sie in ihrer kurzen Vorrede mit Recht bemerkt, die Leser
in den Stand gesetzt, fto form a truer judgement than they
could otherwise arrive at of the degree of faith existing in
the original narrator'. Die Brauchbarkeit der sehr dankens-
werten Sammlung ist noch durch einen, wie es scheint, recht
380 vollständigen | alphabetischen Index (S. 63 — 67) erhöht.2) —
Auf diesen längsten Beitrag folgen nun unter dem gemein-
samen Titel 'Miscellaneous3 eine Reihe kürzerer, von denen
die folgenden sich auf englische Volksüberlieferungen beziehen.
William J. Thoms, Chaucer's Night-Spell (S. 14-5 — 54).
Dieser in The Miller's Tale vorkommende Segen lautet nach
Wright's Text:
*) S. 60 ist auch gelegentlich des Glaubens, dass die Bube der
Toten durch zu heftigen Schmerz Überlebender gestört wird, ein in
manchen Teilen von Sussex sehr populäres, rührendes Lied, cprobably
the produetion of some village poet', betitelt 'The Unquiet Grave',
mitgeteilt.
2| Man füge zu dem Artikel 'Xine' hinzu: Nine days (mornings)
40 (128), 43 (137), • persons 40 (128), — times 40 (128), 43 (137),
48 (160).
66. Über The Folk-Lore Record I. 59]
Lord Jhesn Crist, and seynte Benedvht,
Blesse this lious from every wikked wighfc,
Fro nyghtes verray, the white Paternoster;
Wher wonestow now, srvnte Petres soster?
Herr Thoms teilt nun den Segen nach 10, und die 3. Zeile
noch nach 3 anderen Chaucer-Handschriften mit. und es er-
sieht sich daraus, dass in der 3. Zeile zwei Handschriften
'nighte mar' und 'night niare'. alle übrigen 'nyghtes (nyghte)
verveJ oder Verve1 oder 'very1 oder 'verie' oder 'veereMesen.
Das sonst nicht nachgewiesene Wort verray (verye) bleibt
nach Ursprung und Bedeutung dunkel. Herr Thoms verweist
auf Grimms Mythologie S. 251 und Kuhns und Schwartzs
Norddeutsche Sassen S. 50s. — In betreff des 'White Pater-
noster' teilt der Verf. sodann, mehrere Artikel der 'Notes
and Queries' benutzend, ein französisches Tetite Patenotre
blanche' aus dem 'Enchiridion Papae LeonisJ und ein ganz
verschiedenes 'White Paternoster' nebst andern abergläubischen
Gebeten und Segen aus John White's im Jahre 1608 ver-
fasstem Buche The Way to the Trne Church' mit,1) Ich be-
merke hierzu noch folgendes. In Victor Hugos cLes Mise-
rables', livre 6, chap. 5, findet sich das Patenotre blanche
genau im Text des 'Enchiridion'. und zwar soll es so bis
zum J. 1827 über der Thür des Refektoriums eines Pariser
Nonnenklosters in grossen schwarzen Lettern gestanden haben.2)
Fast ganz gleich ist auch der Text, den J. F. Blade, Poesies
populaires en langue fran<;aise recueillies dans l'Armagnac et
1' Agenais, Paris 1879, S. 1 giebt. In einem proveiu;alischen
Gedicht des Pater Amilha 'L'Examen de les Supersticius' aus
dem 17. Jahrh. (Melusine 1, 525 — '2'.») kommt die Frage vor:
'As-tn dit Pater le blaue, et le Pater petit?3
Endlich verweise ich zu dem ganzen Nachtsegen Chaucers
noch auf folgenden Segen in William Cartwrights (f 1643)
Komödie The Ordiuary',3) 3, Scene 1:
') Die ganze lange Stelle ans Whites Buch steht auch bei J. Har-
land und T. T. Wilkinson, Lancashire Folk-Lore, London 1S67, S. 113 — 15.
-I [Vgl. oben 8. 340 f.]
3) Zuletzt in W. C. Hazlitts neuer Ausgabe von Et. Dodsleya
'Collection of Old English Plays' 12, 205 gedruckt. Ich bin aber
59'.' Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Saint Francis and Saint Beuedigbt,
Blesse this liouse from wicked wieht: I
•380 From tbe night-mare and the gobiin,
That is higlit (ntod-fellow Robin;
Keep it from all evil Bpirits,
Fairies, weazels, rats, and ferrets:
From curfew-time
Tho the next prime.
Obwohl dieser Segen von einem Chaucers Sprache ko-
pierenden, pedantischen Antiquar gesprochen wird, halte ich
ihn doch nicht für eine von Cartwright selbst gemachte Nach-
bildung oder Parodie1) des Chaucerschen Segens, sondern
für ein echtes, d. h. dem Volk entnommenes Seitenstück.
James B ritten. Plant-Lore Notes to Mrs. Latham's West
Sussex Superstitions (S. 155 — 59). Der Verfasser, der deu
Aufsatz der Mrs. Latham in den Aushängebogen gelesen hat,
giebt im Anschluss daran einige auf die Brombeere, die
Haselnuss, die Schafgarbe (yarrow), die Esche und auf
'unlucky plautsJ bezügliche Meinungen und Bräuche aus Eng-
land und anderwärts her, die eigener Erfahrung oder litte-
rarischen Quellen entnommen sind.
Yorkshire Local Rhymes and Sayings (S. 160 — 75).
Sammlung von Sprüchen und Sprichwörtern, die sich auf
Ortlichkeiten in Yorkshire beziehen, von dem ungenannten
Verfasser aus der mündlichen Volksüberlieferung uud aus
der Litteratur gesammelt und mit wertvollen Erläuterungen
versehen.
William J. Thoms, Divination by the Blade-Boue
(S. 176 — 79). Sehr interessante Mitteilungen über die
Schulterblattschau der schottischen Hochländer, die der
Verf. im Jahre 1834 von einem alten Buchhändler und
auf diesen Segen zuerst durch J. Ritsons Abhandlung 'On Fairies' (in
W. C. Hazlitts 'Fairy Tales, Legends and Romances,illustrating Shakespeare
and other Early English Writers', London 1875, S. 40) aufmerksam ge-
worden. Auch Fr. Douce hat ihn iu seinen 'Illustratious of Shakspeare,
and of Ancient Manners', a new edition, London 1839, S. 127 mitgeteilt.
*) Douce a. a. O. sagt: 'This indeed may be rather considered as
satirical, but it is a parody of those which were genuine'.
66. Über The Folk-Lore Record I. 593
Altertumsfreund in Chelsea, einem geborenen Hochländer, er-
halten hat, nebst ein paar litterarischen Notizen.
James Dritten, Index to tlie Folk-Lore in the First
Series of Hardwicke's Science-Gossip, Vols. 1 — 12 (1805 bis
1876) (S. 180 — 86). Leider wird Hardwickes Sammelwerk,
das, wie aus dem Iudex hervorgeht, sehr reich an 'original
and personally authenticated folk-lore3 ist, in Deutschland
wohl nur wenigen Lesern zu Gebote stehen.
James Hardy, Wart and Wen Cures (S. 216— 28).
Neu* zehn in England, Schottland und Irland übliche Mittel
gegen Warzen und eins gegen Überbeine. Die Mittel sind
teils übernatürlicher, teils natürlicher Art, und die meisten
werden von dem kundigen Sammler in die ältere englische
medizinische Litteratur zurückverfolgt und gehen zum Teil
auf Plinius' Historia naturalis zurück.
Charles C. Smith, Fairies at Ilkley Wells (S. 229—31).
Ein im Jahre 1844 69 Jahre alt verstorbener Mann, 'the
bathman up at the Ilkley Wells5, in Yorkshire, will ums Jahr
1815 einmal dort eine Menge 'fairies', nicht grösser als 18
Zoll und von Kopf bis zu Fuss in Grün gekleidet, gesehen
haben. Was er darüber einst einem Freunde des Verf. des
Artikels erzählt hat, wird uns hier mitgeteilt, i
Dies sind die auf cEnglish Folk-Lore" bezüglichen Mis- 382
cellaneen. Von Volksüberlieferungen einzelner anderer Länder
und Völker handeln A. Lang, The Folk-Lore of France1)
(S. 99—117), C. Pfoundes, Some Japan Folk-Tales (S. 118
bis 35), A Folk-Tale and various Superstitions of the Ilidatsa
Iudians, communicated by E. B. Tylor (S. 136 — 44), und
H. Ch. Coote, Some Italian Folk-Lore (S. 187—215), und
allgemeineren, jedoch auch England betreffenden Inhalts sind
W. R. S. Ralstons lesenswerte 'Notes on Folk-Tales'(S.71 — 98).
Den cMiscellaneousJ folgen eine Anzahl 'Notes5 (S. 235
bis 45), d. h. kleine Mitteilungen mannigfacher Art, darunter
einige englische Reime, eine schottische Ballade und, sehr
überflüssigerweise, eine moderne englische Fabel in Reimen
*) In diesem Aufsatze sind besonders hervorzuheben des Verfassers
vergleichende Bemerkungen bei Besprechung französischer Volksballaden.
Köhler, Kl. Schriften. III. 38
~)U4 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
(The Crow and the Fox), die der Einsender von einer Lady, die
sie vor mehr als 60 Jahren auswendig gelernt, gehört hat.1) An
die 'Notes' reihen sich einige 'Queries' (S. 245 bis 50) an,2) und
einiges 'Notices and News' (S. 250—52) machen den Beschluss.
67. Ober Överland, Fra en svunden tid.
(Litterarisehes Centralblatt 1889, 894.)
0. A. överland, Fra en svunden tid. Sagn og optegnelser. Kristiania,
1888. Cammenneyer. (192 S. kl. 8°.)
'Sagen und Aufzeichnungen' bietet das sehr hübsch aus-
gestattete Buch. Es enthält aber nur wenige eigentliche
Sagen, vielmehr zum grössten Teil Berichte und Schilderungen
interessanter und charakteristischer norwegischer Begebenheiten
und Zustände aus dem 17. und 18. und dem Anfang des
19. Jahrhunderts mit sorgfältiger Quellenangabe. Die Quellen
sind teils litterarische, teils bisher ungedruckte handschrift-
liche, teils auch mündliche. Die eigentlichen Sagen handeln
besonders von Inseln, auf denen Unterirdische wohnen und
die nur selten Sterblichen sichtbar werden, von verschiedenen
dämonischen Wesen und allerhand Spuk, von Finnen, die
sich und andere in Wölfe verwandeln und Wind machen
können. — Eine Sage ('S. 34) erzählt von einem Räuber,
der in seinem Gürtel sieben Männerherzen eingenäht trug,
dem man deshalb lange nichts anhaben konnte, und der erst,
als man ihn einmal im Schlaf überrumpelt und sich des von
ihm abgelegten Gürtels bemächtigt hatte, überwältigt und
gefangen wurde. Nach einer anderen Sage (S. 64) trug ein
') Es ist eine Version der so oft behandelten Äsopischen Fabel
von dem Fuchs und dem Raben mit dem Käse, über welche H. Oester-
ley zu Kirchhofs Wendunmut 7, 30 zahlreiche Nachweise gegeben hat.
2) Zu einer der Fragen, welche eine Sage von einem Schiff von
fabelhafter Grösse, genannt 'The Merry Dun of Dover', betrifft,
hat bereits Felix Liebrecht in den Englischen Studien 3, 9 in einer
überhaupt beachtenswerten Besprechung des Folk-Lore Record auf die
nordfriesische Sage von dem Riesenschiff Mannigfual in Müllenhoffa
Sagen, Märchen und Liedern der Herzogtümer Schleswig, Holstein und
Lauenburg S. 235, nr. 323 hingewiesen.
67. Über Överland, Pra en svunden fcid. ,">;),">
Zigeuner acht Männerherzen in der Tasche bei sich, und
liätte er das neunte bekommen, so wäre er unüberwindlich
geworden. Man vergleiche zu diesen beiden Sagen W. Wacker-
nagel, Zwölf Schwerter und neun Herzen, in der Zeitschrift
für deutsches Altertum 2, 540 — 542. [Drei Heldenherzen
hat der von Marko Kraljewitsch getötete Mussa bei Talvj,
Volkslied' r der Serben2 1, 224 und Mustapha bei Krauss,
Sreea S 23 i Mitt. der Wiener anthropol, Ges. 1886); zwölf
Herzen hat Grujtza bei Rosen. Bulgarische Volksdichtungen
S. 220; vgl. Archiv f. slav. Phil. 5, 453 f.] Merkwürdig
ist die ausführliche gerichtliche Aussage (S. 11 fg.) eines
15jährigen Mädchens, das fünf Tage lang von Unterirdischen
in einen Berg entführt (cbergtagenJ) gewesen sein wollte. —
Von grossem Interesse für ein bekanntes Kapitel der Rechts-
altertümer ist, was S. 65 fg. von einer angeblichen Kindes-
mörderin nach Akten erzählt wird. Als sie am 3. Januar 1702
in Karlsö enthauptet werden sollte, wandte sich der
Pfarrer von Karlsö nach vergeblichen Versuchen. Aufschub
der Hinrichtung zu erlangen, an die Zuschauer und fragte
mit lauter Stimme, ob sich denn niemand darunter belinde,
der die Verurteilte heiraten und dadurch vom Tode retten
wollte. Ein Knecht des Pfarrers erklärte sich dazu bereit,
und da der Pfarrer für alles die Verantwortung übernahm,
willigte auch der Amtmann ein, dass die Hinrichtung bis auf
weiteres unterblieb, die Verlobung des Paares auf der Richt-
stätte feierlich vollzogen wurde und die Verurteilte mit in den
rfarrhof zog. Als die Sache nach einiger Zeit zur Kenntnis der
königlichen Regierung kam. wurde der Pfarrer von seiner
Stelle suspendiert, nach ein paar Jahren jedoch wieder ein-
gesetzt, die unglückliche Kindesmörderin aber von neuem in
Untersuchung genommen und schliesslich auch noch hingerichtet,
aber erst 1715 oder 1716! [Vgl. dazu oben S. 251 zu Reiffer-
scheid nr. 12.] — Noch manche andere allgemein interessante
geschichtliche und kulturgeschichtliche Mitteilungen wären
hervorzuheben, wenn es der Baum dieses Blattes gestattete.
38*
596 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
68. Nachtrag zu den lateinischen Versen
czur Schafzucht'.
(Anzeiger f. Kunde der deutschen Vorzeit 1876, 48.)
Zu den oben 1875, Sp. 312 von E. Dümmler mitgeteilten
lateinischen Hexametern1) verweise ich auf die von Graft",
Diutisca 3, 240 leider nur auszugsweise gegebene Stelle des
Summarium Heinrici, auf welche W. Wackernagel, Voces
variae animantium, Basel 1867, S. 13 (= 2. Ausgabe 1869,
S. 29) aufmerksam gemacht hat, und auf folgende Stelle in
Brünetto Latinos Livres dou Tresor, publie par P. Chabaille,
Paris 1863, S. 229:
cEt sor ce dient li plusor que la voiz dou noir mouton
est devisee de cele dou blanc, en tel maniere que li pastor
le sevent bien cognoistre, a ce que li noirs dit meh! et li
autres dit beh!J
Thor Sundby (Brünetto Latinos Levnet og Skrifter,
Kjöbenhavn 1869, S. 128) kann für diese Angabe Latinos
keine Quelle nachweisen.
') [Aus dem Münchner Cod. lat. 14836, Bl. 40 (11. Jahrb.):
Quis color in pullis pecodum, si forte requiris,
His poteris signis sine visu noscere certis;
Agnus enim natus. b. statira clamitat albus,
Me. referat nigrum repetitis vocibus agnuin,
Alternat varius . b. nie. sie voce sonorus.
Talibus indieiis protendunt signa coloris.
Si sexum queris, his sensum decoque curis:
A- feminas notat. mares .e. voce serenat.
Hoc habeas Studium, si vis dinoscere verum,
Numquam falleris, si sie vigilabis in istis.
Dass man auch von menschlichen Kindern erzählte, die Knaben stiessen
als ersten Laut A (nach Adam) aus, die Mädchen E (nach Eva) ist von
Seh melier, Bayrisches Wörterbuch - 1, 1, wo auch diese Verse ange-
führt werden, aus der mittelalterlichen Litteratur nachgewiesen. Vgl.
oben 2, 148 f.]
69. Der Mann im Mond. ,">;)7
69. Der Mann im Mond
und
eine Stelle in S. Rowleys 'When you see me,
you know me1.
(Anglia 2 , 137 — 140. 1879.)
In dem erst durch Karl Elzes neue Ausgabe allgemein
zugänglich gewordenen Schauspiel Samuel Rowleys eWhen
you see me, you know me'1) kommt in einer Scene, in
welcher sich der Schuhflicker Prichall und einige andere
Nachtwächter unterhalten, folgende Stelle vor (S. 27 der
Elzeschen Ausgabe) :
Prichall you '11 sleep like the man i' th'moon, i' faith.
Second Vatch. Do ye think, neighbour, there is a man i' th1 moon ?
First Watch. I assure ye, in a clear day I hawe seen 't at
midnight.
See on d "Watch. Of what oecupation is he, trow?
Prichall. Some thinks he 's a shepherd, because on 's dog, some
asys he 's a baker going to heat Ins voen with a bavin at 's back ; but
the piain trnth is, I think. he is a cobbler, for ye know what the songsays :
I see a man i' th' moon,
Fie, man, fie,
I see a man i' th1 moon,
Clouting Saint Peter's shoon —
and so by this reason he should be a cobbler.
First "Watch. By my fekins, he saith true. |
Diese Stelle ist bemerkenswert wegen der darin vor- 138
kommenden Meinuugen über den Mann im Mond.
Es ist bekanntlich ein alter und weitverbreiteter Volks-
glaube, dass im Mond ein Mann mit einem Reisigbündel
oder einer Dornwelle oder einem Dornbusch zu sehen ist2) ;
J) "When you see me, you know me. A Chronicle-History by Sa-
muel Rowley. Edited with an Introduction and Notes by Karl Elze.
Dessau. Emil Barth, 1874. 8°. - Die vier Quarto-Ausgaben des Schau-
spiels aus den Jahren 1605, 1613, 1621 und 1632 sind von grösster
Seltenheit.
2) Ich verweise auf J. Grimm, Deutsche Mythologie, S. 680 — 82;
G. Schambach und W. Müller, Niedersächsische Sagen und Märchen
Göttingen 1855, S. 344 (Anmerkung zu nr. 94); "W, C. Hazlitr. Populär
Anticjuities of Great Britain, London 1870, 3, 160 f.; S. Baring-Grould
598 ^um Aberglauben und Volksbrauch.
daher das 'bavin' auf seinem Rücken in obiger Stelle. Auch
der Hund des Mannes im Mond ist uns noch sonsther als
alte englische Volksüberlieferung bekannt: schon auf einem
englischen Siegel aus dem 14. Jahrhundert sehen wir neben
dem ein Reisigbündel tragenden Manne im Mond einen Hund1),
und wer kennt nicht die sich auf letzteren beziehenden Stellen
in Shakespeares Sommernachtstraum und im Sturm?2) Dass
aber der Mann im Mond des Hundes wegen von manchen
für einen Schäfer, von anderen des Reisigbündels wegen für
einen Bäcker angesehen worden, scheint zwar nirgends weiter
überliefert zu sein: icli sehe aber durchaus keinen Grund,
daran zu zweifeln, dass dies wirklich Volksansichten gewesen
sind, und dass es also mit dem 'some thinks' und dem 'some
saysJ Rowleys seine volle Richtigkeit hat.
Diesen beiden Meinungen, dass der Mann im Mond ein
Schäfer oder ein Bäcker sei, stellt nun der Schnhflicker
Prichall seine eigene gegenüber, nämlich die, dass der Mann
130 im | Mond ein Schnhflicker sein müsse, da es indem bekannten
Liede heisse:
I see a man i' th' moon,
Clouting Saint Peter's shoon.
Ich kann das Lied, dem diese Worte entnommen sind, nach-
weisen, da es glücklicherweise in ein 1609 erschienenes
Liederbuch 'Deuteromelia, or the Second Part of Musicks
Curious Myths of the Middie Ages, London, Oxford & Cambridge 1872,
S. 190 ff.; J. F. Blade, Contes populaires recueillis en Agenais, Paris
1874, S, 65, und meine Anmerkung S. 158 f.; Cerquand, Legendes et
recits populaires du Pays Basque 2, 5 (Pau 1876); Chr. Schneller,
Härchen und Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, S. 221. — Einer
hübschen Anspielung auf den Mann im Mond im "Arden of Feversham',
Act IV, sc. 2, sei hier auch gedacht: Arden .... you ßometimes plaj
the man in the moon. Ferryman. Ay. but you had not best to meddle
with tliat moon, lest I Scratch you by the face with my bramble bush.
^ Baring-Gould a. a, 0., S. 198.
-) A Midsummer Night's Dream, act V, sc. 1 : All that I have to
say, is, to teil you, that the läutern is the moon; I, the man in the
moon; fchis thorn-bush, my thorn-bush; and this dog, my dog. — The
Tempest, act II, sc. 2: Stephano. ... I was the man in the moon,
when fcime was. Caliban, I have aeen thee in her, and I do adore
thee: my mistreSB show'd me thee, and thy dog, and thy bush.
69. Der Mann im Mond. -,()<)
Melodie, or Melodious Musicke of Pleasant Roundelaies, etc.'
Aufnahme gefunden hat, daraus von E. F. Rimbault in seiner
wertvollen Sammlang CA Little Book of Songs and Ballads,
gathered a-om Ancient Musick Books, MS. and Printed1,
(London 1851), S. 115 — 117 mitgeteilt und so mir bekannt ge-
worden ist. Es lautet also:
1. Martin said to bis man.
Fie, man, üe!
0 Martin said to bis man,
Who 's the foole now ?
Martin said to bis man,
Fill thou the cup, and I the can;
Tliou hast well drunkeu, man,
"Who ;s the foole now ?
2. I see a sheepe shearing corne,
Fie, man, fie !
1 see a sheepe shearing corne,
"Who 's the foole now?
I see a sheepe shearing corne,
And a cuckold blow his hörne;
Thou hast well drunkeu, man,
"Who 's the foole now?
3. I see a man in the moone,
Fie, man, fie !
I see a man in the moone;
"Who 's the foole now?
I see a man in the moone,
Clowting of St. Peter's shoone;
Thou hast well drunkeu, man,
"Who 's the foole now? |
4. I see a hare chase a hound, 140
Fie, man, fie!
I see a hare chase a hound,
Who 's the foole now?
I see a hare chase a hound,
Twenty mile above the ground;
Thou hast well drunken, man,
Wim 's the foole now?
5. I see a goose ring a bog1),
Fie, man, fie !
*) Man erinnere sich des Wortes 'hogringer', das nach Webster be-
deutet: 'one whose business is to put rings in the snouts of swine.'
600 Z\im Aberglauben und Volkßbrauch.
I see a goose ring a hog,
Who 's tlie foole now?
I see a goose ring a hog,
And a snayle that did bite a dog;
Thou hast -well drnnken, man,
Who 's the foole now ?
6. I see a mouse catch the cat,
Fie, man, fie !
I see a mouse catch the cat,
Wlio 's the foole now?
1 see a mouse catch the cat,
And de cheese to eate the rat;
Thou hast well drunken, man,
"Who 's the foole now?
Die höchst seltsame Vorstellung von dem Mann im Mond
als 'clowting of St. Peters shoon', die uns meines Wissens
nur durch dieses Lied und das Citat daraus bei Rowley über-
liefert ist, wird doch wohl auch auf einer älteren, uns durch
das Lied nur unvollständig erhaltenen Volksüberlieferung
beruhen, in der es irgendwie begründet gewesen sein wird,
wie der Manu im Mond und Sankt Peter in so eigentümlicher
Weise zusammen gekommen sind.
70. Der Teufel und der Wind.
(Zeitschrift für romanische Philologie 5, 174. 1881.)
Kr. Nyrop (Bribes de litterature populaire. Romania
9, 443) teilt aus dem cLivre du bord3 von Alphonse Karr
(3, 61. 1880) eine von Emile Deschamps in Reime gebrachte
Sage mit, betitelt 'Pourquoi il fait toujours du vent le long
de la cathedrale de Chartres" [Revue des trad. pop. 14, 155]
und vergleicht damit eine von S. Grundtvig (Gamle danske
Minder 1, 21) erzählte Sage vom Teufel und dem Wind auf
dem Platz der Liebfrauenkirche zu Kopenhagen. Ich erinnere
an das bekannte Gedicht von Karl Simrock 'Der Teufel und
der Wind', nach welchem die Sage sich an die Jesuitenkiivhe
in Bonn knüpft [Nothnagel, Sagen nr. 179]. Alexander
71. Das Johannisfest. C01
Kaufmann (Quellenangaben und Bemerkungen zu K. Simrocks
Rheinsage-i und A. Kaufmanns Mainsagen, Köln 1862, S. 59)
verweis* dazu auf die Strassburger Sage vom Wind hinter
dem Münster hei Stöber (Oberrheinisches Sagenbuch 1842,
S. 534 [Stöber-Mündel, Sagen des Elsasses 2, 231, nr. 293.
Revue des trad. pop. 11. 254]). [Gleiches erzählt Steinau,
Volkssagen 1838, S. 119 von der Frauenkirche in München;
Menzel, Deutsche Dichtung 2, 1(>5 f. A. d'Ancona, Romania
9, 589 f. verweist auf eine Erzählung vom Florentiner Dome,
die auch in einer Ballade von Dali' Ongaro 'II diavolo e il
ventoJ behandelt ist; J. Havet ebd. auf eine römische Tra-
dition vom dortigen Jesuitenhause und auf einen an die
Kathedrale zu Langres anknüpfenden Bericht bei A. Pierron,
Mgr. Darboy, esquisses familieres 1872, S. 24. Zu der
Florentiner und der römischen Erzählung fügt Pitre, Archivio
13, 196 — 198 noch eine Sage aus Como (Rivista delle trad.
pop. ital. 1, 43) und Archivio 15, 588 eine weitere aus der
Auvergne (Revue des trad. pop. 11, 30). Vgl. Revue des
trad. pop. 3, 131. 10, 223 (Antun) und 450 (Coutances).]
71. Das Johannisfest.
(Weimarer Sonntags-Blatt 1855, 115a— 116b. nr. 27.)
Der vierundzwanzigste Juni ist nach der kirchlichen
Tradition der Geburtstag Johannis des Täufers und wurde
als solcher schou frühzeitig zu den höchsten kirchlichen Festen
gerechnet. Wie bereits der heilige Augustin hervorlud), ist
Johannes der einzige Heilige, dessen Geburtstag die Kirche
feierte. Weil man Christi Geburtstag zum Feste erhob, wollte
man auch den Geburtstag seines unmittelbaren Vorgängers
auszeichnen. Die Geburtstage Johannis und Christi fallen auf
die Solstitien, und man gefiel sich mystische Bedeutung darin
zu finden. Heute, sagt Augustin, ist Johannes geboren, da
die Tage abzunehmen beginnen, Christus aber am 25. Dezember,
da die Tage zunehmen. An einer andern Stelle findet er die
$02 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Geburtstage bedeutungsvoll, weil Johannes geboren sei, damit
die Menschheit gedemütigt, Christus dagegen, damit Gott
erhöht werden sollte.
Mit der Erinnerung an den Täufer Johannes mochte es
zusammenhängen, wenn in ältester und neuester Zeit am
Johannistage Waschungen und Bäder in gewissen Flüssen
und Quellen als besonders heilkräftig vorgenommen wurden.
Schon Augustin eiferte gegen den Gebrauch der Christen in
Nordafrika, sich am Johannistage im Meere zu baden. Pe-
trarca aber erzählt in einem Briefe vom Jahre 1330, wie
Hob er bei seiner Anwesenheit in Köln j am Vorabend des Johannis-
festes das Ufer des Rheines von zahllosen geschmückten
Frauen bedeckt sah, die nach alter Sitte Hände und Arme
im Flusse badeten und dadurch alles drohende Unheil des
kommenden Jahres wegzuspülen glaubten. Von unglaublichem
Zndrange zu einer in der Johannismitternacht alles heilenden
Quelle in den französischen Pyrenäen erzählt ein neuerer
Reisender.
M(is;en diese Wuschungen christlichen Ursprunges sein,
schwerlich ist dies der Fall mit den Feuern, die am Vor-
abend oder am Johannistage selbst angezündet wurden. Diese
Feuer, die uns seit uralter Zeit fast in ganz Europa begegnen
und teilweise noch heute üblich sind, sind heidnisch: sie lodern
am Johannistag, weil dies der bedeutungsvolle Tag der
Sommersonnenwende ist. Ebenso finden wir ja überall zur
Weihnachtszeit uralte Gebräuche, die nichts zu thun haben
mit dem christlichen Feste, wohl aber mit der Wintersonnen-
wende eng zusammenhängen. Die Kirche deutete freilich die
Feuer schon früh auf Johannes, der eine Leuchte gewesen,
die dem wahren Lichte voranging. (Vgl. Ev. Job. 1. 7 — '.>.
5, 35.)
Die Johannisfeuer, die noch jetzt in Bayern und Oster-
reich Sun n wendfeuer heissen, entzündete man teils im
freien Felde, auf Bergen und Hügeln (manche unserer Leser
werden an die Johannisfeuer auf den jenaischen Bergen
denken!), teils im Innern der Dörfer und Städte. 1471 tanzte
König Friedrich mit schönen Frauen zu Regensbnrg auf dem
71. Das Johannisfest. ß03
Markte j in das Johannisfeuer, und 14(J7 zündete die schöne
Susann^ Neidhard auf dein Fronhof zu Augsburg in Kaiser
Maximilians Gegenwart das Johannisfeuer mit einer Fackel
an und eröffnete mit dem Erzherzog Philipp den Reigen um
dasselbe. Aber man sang und tanzte nicht bloss um das
Feuer, man sprang auch darüber und warf gewisse Kräuter
hinein in der Hoffnung, dadurch Gesundheit und Glück zu
fördern. So wurden auch die Brände mit nach Hause
genommen oder auf die Felder gesteckt zum Schutz der
Häuser und der Saaten. Alle diese Gebräuche beruhen auf
der nicht bloss im deutschen Heidentum geltenden Auf-
fassung von der reinigenden, heilenden und sühnenden Kraft
d^s Feuers, dessen Name schon in unserer Sprache weiter
nichts als das freine\ das 'reinigende' bedeutet. Wie zufolge
dieser Anschauung die alten Römer jährlich ein Hirtenfest
feierten, wobei sie über Feuer sprangen und ihr Vieh hin-
durch trieben, so haben in Deutschland bis in die jüngste
Zeit die sogenannten Notfeuer gereicht, die mau zur Zeit j
von Viehseuchen durch Reibung unter verschiedenen Cermonien 116a
entzündete, um dann das Vieh darüber zu treiben. Zusammen-
hang zwischen den Notfeuern und den Johannisfeuern ist
unverkennbar, aber man darf darum das Johannisfeuer nicht
bloss für ein zu bestimmter Zeit entzündetes Notfeuer
halten.
Erwähnenswert ist noch das Rollen von Feuer rädern,
das namentlich in Frankreich, aber auch in Deutschland bei
den Johannisfeuern stattfand. So ward (noch 1823) von der
Gemeinde des deutschen Dorfes Konz in Lothringen auf
Johannis ein grosses mit Stroh umwundenes Rad auf dem
Stromberg angezündet und unter Jubelgeschrei und Begleitung
von Fackelträgern zur Mosel hinabgerollt. Kam es brennend
in die Flut, so bedeutete dies eine gesegnete Weinernte.
Das Rad ist vielleicht ein Symbol der Sonne. [Zs. f. deutsche
Mythol. 1, 88. 270. Über Besen ebd. 2,89.]
Übrigens sind die Johannisfeuer in Niederdeutschland
nicht üblich, wo vielmehr die in Süddeutschland nicht vor-
kommenden Osterfeuer vorherrschen.
(i()4 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Ausser den Waschungen und Feuern knüpfen sich endlich
fast in ganz Europa noch eine Reihe abergläubischer An-
sichten und Gebräuche , verschieden in den verschiedenen
Gegenden, an Johannis. So, um nur einiges aus Deutschland
zu erwähnen, sind gewisse Kräuter nur zauber- und heil-
kräftig, wenn sie in der Johannisnacht gepflückt werden. In
Tirol sammeln am Vorabend vor Johannis die Hexen ihre
Kräuter während des Aveläutens, und man pflegt deshalb an
manchen Orten an diesem Abend nur sehr kurze Zeit zu
läuten. Manche Kräuter erblühen nur in der Johannismitter-
naeht, und nur die neue Blüte hat die volle Wunderkraft.
Im Schosse des Ochsenkopfes im Fichtelgebirge ist eine von
Gold und Edelsteinen strotzende Halle, aber nur in der
Johannisnacht öffnet sie sich. [Carinthia 1865, 384.]
In den meisten sächsischen Dörfern und Städten1) flicht
man in der Johannisnacht Kronen von Laub und Blumen
mit Tüchern und Bändern umwunden und hängt sie am
Morgen vor die Häuser; in das Haus, vor welchem keine
Johanniskrone hängt, kehrt das ganze Jahr kein Glück ein.
In Leipzig trägt man Johanniskronen auf die Gräber. Der
Johannistau soll Kräuter und Blumen heilkräftig machen,
und die Johanniskronen werden bei Krankheiten zu Theo
gebraucht. In einzelnen Gegenden Sachsens endlich umbindet
man in der Johannisnacht die Bäume mit Strohseilen und
meint, dass dann das Obst, welches sie tragen, nicht unreif
abfallen könne.
Wir bedauern gerade über Thüringen und die hier
vorkommenden Gebräuche und Meinungen nichts näheres bei-
bringen zu können. Einzelne Notizen mögen hier und da
zerstreut sich finden, eine zusammenhängende Sammlung aber
von thüringischen Gebräuchen und Aberglauben existiert noch
nicht. Die treffliche Sammlung von Emil Sommer: 'Sagen.
Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen, Halle
*) In den meisten Dörfern ist am Johannisabend Musik und Tanz,
in vielen auch Illumination, die an die Stelle der Feuers getreten sein.
mag, von denen in Sacbsen keine Spur sonst zu finden sein soll.
71. Daa Johannisfest. (IDf)
1846" ist durch den frülieu Tod des Verfassers nicht über
das erste Heft gediehen und dieses Heft, dem wir unsere
letzten Notizen über Sachsen entnahmen, behandelt nur zum
kleinsten Teil eigentlich Thüringisches.1) Wir unsererseits
konnten eben nur an die jenaischen Johannisfeuer, die uns
aus eigener Anschauung bekannt sind, erinnern, und gedenken
noch zum Schlüsse einer sie betreffenden Stelle in Goethes
Tages- und Jahresheften. Goethe schildert, wie angenehm
überrascht er war, als er 1804 am Abend des Johannistags
die Johannisfeuer rings auf den Bergen aufflammen sali.
Besonders aber hebt er hervor, dass plötzlich auf der Vorder-
seite des Hausberges ein kolossales leuchtendes A (als
Anfangsbuchstabe des Namens der 'verehrten Herzogin Mutter')
freilich nur auf kürzere Zeit sich zeigte. Die jenaischen
Strassen buben. damals Mohren genannt, sammelten nämlich
für den Johannisabend in der Stadt die Besenstumpfen des
verflossenen Jahres und strömten dann scharenweise auf die
Spitze des Hausberges, wo sie ihre Reisfackeln so schnell als
möglich entzündeten und sodann mit ihnen mancherlei | Be- 116 b
wegungen machten, welche sich diesmal eben zu jenem A
gestalteten. Goethe schliesst seine Schilderung mit folgenden
Worten: 'Diese lebhafte Erscheinung, bei einem heiteren
Abendgelag von versammelten Freunden gewahrt und be-
wandert, eignete sich auf alle Fälle, einigen Enthusiasmus
zu erregen. Man stiess auf das Wohl der verehrten Fürstin
an, und da schon seit einiger Zeit eine immer ernstere
Polizei dergleichen feurige Lustbarkeiten zu verbieten An-
stalten machte, so bedauerte man, dass eine solche Seeleu-
freude künftig nicht mehr genossen werden sollte, und äusserte
den Wunsch für die Dauer einer solchen Gewohnheit in dem
heiteren Toast:
Johannisfeuer sei unverwehrt,
Die Freude nie verloren!
Besen werden immer stumpf gekehrt
Und Jungens immer geboren.'
l) [Witzschel, Kleine Beiträge zur deutschen Mythologie aus Thü-
ringen 2, 209—213. 1878.]
(306 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
72. Up der Hut werpen.
(Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung
6, 36. 1881.)
Tobias Schmidt, Zwickauischer Chroniken anderer Teil.
Zwickau 1<>5(>, S. 275 berichtet: '22 Mann, eitel Fleischhauer,
und überein gekleidet, haben [zu Fastnacht 1518] einen ver-
kleideten oder vermummeten Menschen in der Kühhaut auf-
geworfen und alle wege wieder gefangen, wie denn dieses in
der Kuhhaut aufwerfen hernach oftmals gebraucht worden.5
Nach 0. Freiherr v. Heinsberg -Düringsfeld, Cultur-
historische Studien aus Meran, Leipzig 1874. S. 135 war es
früher bei der Gerberzunft in Meran Sitte, an ihrem Jahrtag
vor dem Weggang aus der Herberge einen Zunftgenossen vom
Fenster herab auf eine Ochsenhaut zu werfen, welche 4 hand-
feste Gesellen oder Meister unmittelbar vor dem Wirthshaus
ausgespannt an den 4 Enden hielten, und ihn dann, je nach-
dem die 4 Halter die Enden der Ochsenhaut anzogen oder
nachliessen, zum grossen Jubel der versammelten Volksmenge
auffliegen und niederfallen zu lassen.
Schon im Altertum war das Prellen, zwar nicht mit
einer Haut, aber mit dem csagum3 bekannt. Suetonius er-
zählt im Leben des Kaiser Otho (Kap. 2) : 'Otho . . . . a
prima adulescentia prodigus ac procax, ferebatur
et vagari noctibus solitus atque invalidum quemque obviorum
vel potulentum corripere ac distento sago impositum in
sublime iactare.'
Vgl. auch Marti al, Epigr. 1, 3, 8: 'Ibis ab excusso
missus in astra sago."
[Dies Spiel, griech. TraX^ög, lat. sagatio, frz. berner, spa-
nisch mantear, englisch toss in a blanket, deutsch auch Fuchs
prellen (Grimm DWB. 4, 1, 1, 334. 7, 2100), Jackel schützen
(Schmeller2 2, 494. Grimm 9, 2128), nd. baren genannt,
wird schon in Enenkels Weltchronik v. 17273 ed. Strauch
beschrieben und auf einem Holzschnitt in Boccatius Historien
und Exempel von widerwertigem Glück, übers, von Hier.
73. Die Ziege als Iloclizeitsgeschenk. (',(17
Ziegler 1544. Bl. 13.-5 b dargestellt. Als Volksbelustigung der
Fleischer begegnet es noch in Danzig (Bolte, Das Danziger
Theater 18!»."). S. 9. 58), Goslar, Antwerpen und Bergen. —
Vgl. Korrespondenzblatt 3, 7."). 88. 4. 24 und 6, 361 II.
Holland. Allgem. Zeitung 1N7!>. nr. 41, 595. Stubenvoll,
Geschichte des k. Erziehungsinstituts, München 187'.». S. L50.
239. Collin de Plancy, Legendes d'Anvers 1, 202 (1844).
Grimm, Rechtsaltertümer S. 726. J
73. Die Ziege als Hochzeitsgeschenk.
(Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands 7, 64 f. 1881.)
In dieser Monatsschrift 6, 450 teilte Hr. von Groote mit,
dass in den verschiedenen Ortschaften des Kreises Kreuznach
die Sitte herrsche, dass, wenn in einer Familie der jüngere
Bruder oder die jüngere Schwester vor dem älteren Bruder
oder der älteren Schwester heirate, der ältere Bruder, be-
ziehungsweise die ältere Schwester dem jüngeren Bruder, be-
ziehungsweise der jüngereu Schwester am Hochzeitstage eine
Ziege in die Haushaltung schenken müsse. Werde das Ge-
schenk auch nicht immer wirklich gemacht, so würden die
älteren Geschwister doch sicherlieh damit geneckt, dass man
ein solches Geschenk von ihnen erwarte. — Hierzu erlaube
ich mir folgende Bemerkungen.
In der 'Kunst über alle Künste, ein bös Weib gut zu
machen', einer im Jahr 1672 zuerst erschienenen und von mir
im Jahre 1864 (Berlin, Weidmannsche Buchhandlung) neu
herausgegebeneu freien Bearbeitung1) vou Shakespeares
!) [Sie ward, wie im Jahrbuch der Shakespeare-Gesellschaft 27, 125
nachgewiesen ist, nicht unmittelbar nach dem englischen Originale ge-
macht, scudern nach einer verlorenen älteren Verdeutschung, die u. d. T.
'Die wunderbare Heyrath Petruvio mit der bösen KatharineiT ohne Ver-
fassernamen vor K',5S im Drucke erschienen war.]
608 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
Komödie 'The Taming of the Shrew' sagt (S. 51 meiner Aus-
gabe) die unverheiratete Katharine von ihrer Schwester: 'Doch
nein, sie muss einen Mann haben, der ihr aufwartet, denn
sie hat sich schon verspätet, und ich zurückstehen, darmit ich
65 ihr | zu Ehren auf der Hochzeit barfnss tanzen möge, wanu
mir der Bock zum Schimpf geschenket wird, und Affen
nach der Hölle treibe5.
Hierzu habe ich in meiner Ausgabe (S. 227) folgende
Anmerkung gemacht: 'Dass die ältere unverheiratete Schwester
auf der Hochzeit barfnss tanzen und Affen nach der Hölle
treiben muss, ist nach dem Englischen1); aber dass ihr ein
Bock zum Schimpf geschenkt wird, ist Zusatz des Be-
arbeiters. Ich erinnere mich nicht, irgendwo von dieser
letzten Sitte etwas gelesen zu haben. Doch hat mir Professor
A. "Witzschel in Eisenach erzählt, dass, als er vor Jahren mit
seiner Braut eine Tante derselben in Darmstadt besucht, die
letztere zu der Braut gesagt habe, sie könne nun, weil ihre
Hochzeit früher als die ihrer älteren Schwester stattfinden
werde, der Schwester ein Böckchen geben. Ausserdem weiss
ich, dass vor 40 bis 50 Jahren in dem weimarischen Dorf
Eckstedt auf einer Hochzeit eines Jüngern Bruders dem altern
unverheirateten ein Böckchen geschenkt worden ist.5
Seitdem habe ich in der französischen Zeitschrift 'Melusine,
recueil de mythologie, litterature populaire, traditions et
usages, publie par H. Gaidoz et E. Rolland5 1, 453 (Paris
1878) folgende Mitteilung von X. Thiriat aus dem Departement
der Vogesen gefunden: 'La jeune fille qui se marie avant
son ainee doit lui donner, le jour de la celebration de son
mariage, une chevre blanche. Souvent la chevre blanche est
fournie en effigie, en carton, en trognon de chou meine, et
apportee sur im plat avec de l'avoine, du sei (voir Vallee de
Cleurie par X. Thiriat p. 313). 5
') Im englischen Original (Akt 2, Scene 1) lautet nämlich die ent-
sprechende Stelle:
she must have a husband;
I must dance barefoot on her wedding-day,
And, Cor your love to her, lead apes in hell.
74. Zum Holen der Speckseite. 609
Wie man schon selbst bemerkt haben wird, unterscheiden
sieh diese meine Mitteilungen insofern wesentlich von der Ai'x
Hrn. von Groote, als nach letzterer die unverheirateten altern
Geschwister die Schenker der Ziege, nach meinen aber die
Empfänger der Ziege oder des Bockes sind.
74. Zum Holen der Speckseite.
(Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1856, 86.)
Im Anzeiger 1855,. Sp. 07 f., 86 f. und 1*24 f. ist von der
Speckseite am roten Turm zu Wien [Spengler, Wolfg.
Schmeltzl 1883. S. 22], vom Bachenholen im deutschen Hofe
[H. Sachs, Folio 1. 5, 473 b = 5, 31 Keller Fastnacht-
spiele ed. Goetze 1, 14(5 nr. 12; vgl. ebd. 1, 49 V. 380 und
3, 29 V. 40] und von ähnlichen englischen Bräucheu [Dun-
mow in Essex: Chaucer, Canterbury Tales v. 8366; Addison,
Spectator nr. 607. — Wichnore in Staffordshire: Warburton,
Memoirs 2, 418] die Rede gewesen.1) Ich mache auf eine
entsprechende Sitte, die ich kürzlich zufällig in Häveckers
Chronica und Beschreibung der Städte Calbe, Acken und
W;intzleben (Halberstadt 1720) S. 114 fand, aufmerksam.
Hävecker erzählt: 'Die Einwohner von Brumbi (einem Dorfe
im Amte Calbe) waren, wie erzehlet wird, im Pabsthum
schuldig, dem heiligen Antonio ein Schwein zu halten und
zu ernehren, welches denen Tempelherren (die ein Gut in
Brumbi besassen) zuständig gewesen, mit dem Bedeuten, dass,
wer in demselben Dorfe in seinem Hause absolute Herr wäre,
dem solte dieses Schwein zu eigen werden. Als nun auf eine
Zeit ein Bauer solcher absoluten Herrschaft sich rühmete,
wurde zwar demselben das Schwein zu holen vergönnt; weil
aber dasselbe im Heimholen sich sperrte und ihm die
') [Vgl. noch Brand, Observations 2, 177. Pieree Ploughman ed.
Wright 2, 554. Notes and Queries 4. Ser. 4, 262. 844. 5, 19. 393. 7.
Ser. 10, 143. 234.
Köhler, Kl. Schriften. KT. 39
(',1(1 Zum Aberglauben und Yolksbraucb.
Strümpfe besudelte, und er sorgete, es würde seine Frau mit
ihm deshalb nicht zufrieden sein, musste er diesmal das
Schwein fahren lassen und sich zur absoluten Herrschaft in
seinem Hause besser legitimieren.5
Hier ist also der Preis nicht bloss eine Speckseite,
sondern ein ganzes Schwein.
[Stiefel als Belohnung des Herrn im Hause: Bebel,
Facetiae 2, 16. Oesterley zu Kirchhof, AVendunmut 1, 363.
Hondorfr*, Promptuarium 2, '228a (1598). Ayrer 5, 3051.
Ramler, Fabeln und Erzählungen 1797 S. 43. Nicolay, Ver-
mischte Gedichte 1, 82 (1792). Domenichi 1581 S. 187. —
Erbsen: Tallemant des Reaux, Historiettes 7, 477 (1858).
D"Ouville, Contes 2, 54 ed. Brünett 1883.]
75. Des Kaisers Bart wachsen hören.
(Die deutschen Mundarten, hsg. von Frommann 4, 361 f. 1857.)
Im Anzeiger für Kunde der d. Vorzeit 1855, Sp. 320
teilt Stöber unter anderen Volksneckereien mit, dass auf dem
Ochseufelde bei Sennheim und Thaun unter dem Bib bei-
stein ein alter Kaiser sitze, und dass man, wenn einer hören
will, wie des Kaisers Bart wächst, ihn dahin führt, sein Ohr
an den Stein halten lässt und es dann darauf stösst, dass
dem Gefoppten Hören und Sehen vergeht. Wer den köst-
lichen Roman Mendozas cVida de Lazarillo de Tormes' ge-
lesen hat, hat vielleicht mit mir beim Lesen der Mitteilung
Stöbers an eine Stelle des 2. Kapitels jenes Romans gedacht.
Der Knabe Lazarillo hat sich in Salamanca einem alten
362 Blinden verdungen, | um ihm auf seinen Fahrten als Führer
und Diener zu dienen. cSalimos de Salamanca5, erzählt Laza-
rillo, 'y llegando ä la puente, estä ä la entrada della im ani-
mal de piedra, que casi tiene forma de toro. Y el ciego
mandome, cpue llegase cerca del animal, y alli puesto me dixo:
Lazaro, llega el oido ä este toro y oiräs grau ruido
dentro del. Yo simplemente llegue, creyendo ser asi, y como
76. Die Haut versaufen. Q\\
sentiö, que tenia la cabeza par de la piedra, afirraö recio la
mano, y diöme una gran calabazada en el diablo de toro, (|iie
mas de tres dias me durö el dolor de la cornada, y dixome:
Necio, aprende, que el mozo del ciego un punto ha de saber
mas que el diablo: y riö mucho de la burla. Parcciöme, que
eu a(|iiel instante desperte de la sirnpleza. en que, como nino,
dormido estaba, y dixe entre me: Verdad dico este, que me
cumple avivar el ojo y avisar, pues solo soy, y pensar, como
me sepa valer.J
[Bei Stöber-Mündel, Die Sagen des Elsasses 1892 1,
130 nr. 68 wird noch auf einen Schweizer Brauch ver-
wiesen, den Rochholz in der Argovia 1, 33 berichtet.]
76. Die Haut (das Fell, den Bast) versaufen.
(Am Ur-Quell, n. Folge 1, 113-115. 1890.)
Vor vielleicht zwanzig Jahren erzählte mir ein älterer
inzwischen verstorbener Freund, er habe 1846 in dem
weimarischen, lJ/a Stunden südlich von Jena nahe der Saale
gelegenen Dorfe Göschwitz Bauern zu einander sagen hören:
'Heute wird die Haut von N. N. versoffen!' und dies
habe bedeutet, dass heute nach dem Begräbnis des N. N.
im Sterbehause von den Erben ein Fass Bier zum besten
gegeben werde.
Der Ausdruck 'die Haut eines versaufen' war mir damals
ganz neu; ich erinnerte mich nicht, ihn jemals gehört oder
gelesen zu haben. Seitdem aber, und besonders in den
letzten Jahren, habe ich aus Büchern und aus mündlichen
und brieflichen Mitteilungen erfahren, dass die Redensart cdie
Haut oder das Fell eines versaufen' eine alte und in manchen
Gegenden und Orten Nord- und Mitteldeutschlands noch in
Gebrauch oder wenigstens noch nicht ganz vergessen ist.
Indem ich, was ich bisher gesammelt habe, hier ver-
öffentliche, wünsche und hoffe ich, dass recht viele Leser
39*
612 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
dazu Nachträge liefern mögen. Dann erst wird es vielleicht
möglich sein, die Redensart zu erklären.
Aus älterer Zeit ist mir nur ein Beleg für 'die Haut
versaufen' bekannt geworden. Er findet sich in des Rostocker
Predigers Nicolaus Gryse (geb. 1543, f 1614) 'Leien Bibel1,
die 1604 zu Rostock in drei Teilen erschienen ist, auf S. .1 ij
des dritten Teils und lautet: '. . . etlike so rick syn,
richten na der Begreff'enisse grote vnnödige Panket an, alse
efft ydt wor Brudtlacht edder Kindelbeer were. Edder etlike
ghan van dem Graue in de Badtstaue, vnde baden sick binnen
vnde buten, edder vorfögen sick in de Wyn vnde Beerkröge
vnde spreken, se willen de Hudt vorsupen, vnde de Sorge
vordrincken.'1) j
114 Diesem also fast 300 Jahre alten Belege habe ich nun
nur Aufzeichnungen aus neuer und neuester Zeit anzu-
schliessen.
Aus Hinterpommern berichtet 0. Knoop in seiner
Sammlung cVolkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche
und Märchen aus dem östlichen HinterpommernJ, Posen 1885,
S. 166: Tom Leichenschmause (nach dem Begräbnis) sagt
man in Wusseken bei Bütow: Da gifft all wedder he Fell
to versupen." [Aus Mecklenburg Wossidlo, Zs. d. V. f.
Volksk. 4, 189.]
Nach L. Frahms Mitteilung in der Zeitschrift 'Am Urds-
Brunnen', Bd. 6, Jahrg. 7, 1888/89, S. 122 heisst im Stor-
marnschen, der Gegend zwischen Elbe und Ostsee, eine
*) Die Stelle, jedoch erst von den Worten cetlike ghan' an, ist
auch in K. Schillers und A. Lübbens Mittelniederdeutschem Wörterbuch
n. d. W. hüt abgedruckt und mir dadurch zuerst bekannt geworden. —
Zu 'de Sorge vordrincken' vergleiche man cdas Leid vertrinken'
in einer Stelle, die A. Birlinger im Korrespondenzblatt des Vereins für
niederdeutsche Sprachforschung, Jahrg. 1888, Heft XIII, nr. 4, S. 55,
aus Joh. Carl Conrad Oelrichs, Marchia Brandenburgica gentilis, Berlin
1785 mitgeteilt hat und die lautet: 'Und der alte heydnische Gebrauch
mit den Leyd- und Traueressen, welchen der gemeine Mann gemeinig-
lich Hülgrütte d. i. Heul-Grütze nennt, zusamnit den Redensarten: das
Leyd vertrincken, den Trostbecher nehmen, an vielen Orten in Teutsch-
land noch immer beibehalten worden.'
76. Die Haut versaufen. f,i;;
Einkehr im Wirtshause des Kirchdorfs nach einem Begräbnis
'dat Fell versupen3, und nach P. Ch. Martens ebendaselbst,
S. 174 machen im Lüneburgischen 'manche vom Begräbnis
Heimkehrenden oft nicht gerade einen würdigen Eindruck,
denn das sog. Fellversaut'en des Toten ist häutig noch
Mode1.
In der 'Dorfzeitung3 vom 3. März 1885, nr. 51, S. 566b
fand ich eine Anekdote erzählt, die 'unlängst' in Soest sich
ereignet habe und in der es heisst: 'Als der Tote [ein Bürger
aus Soest] zur letzten Ruhestätte gebracht war, begann, wie
die 'Westph. P. 'erzählt, nach alter Sitte der Leichenschmaus,
was man pietätvoll Hauversupen nennt.' — Wegen dieser
Angabe befragte ich gelegentlich meinen Freund Professor
F. Kluge in Jena, der in Soest seine Schulzeit verlebt hat
und es noch von Zeit zu Zeit besucht; er wusste nichts von
dem Hautversaufen, aber bei seinem nächsten Besuche in
Soest zog er darüber Erkundigungen ein und erfuhr, dass
die alten eingesessenen Leute den Ausdruck cdas Fell ver-
saufen (versupen)3 kennen, jedoch nur aus ihren jüngeren
Jahren, dass er aber den jüngeren Generationen nicht mehr
bekannt ist, und dass Leichenschmäuse in der Stadt nicht
mehr vorkommen.
Aus seiner Heimat, dem Fürstentum Lippe, hat mir
Herr Karl Koch, Oberlehrer am Nikolai-Gymnasium in
Leipzig, folgendes brieflich mitzuteilen die Güte gehabt:
'Nach der Bestattungshandlung auf dem Friedhofe pflegt bei
uns auf dem Lande das eingeladene Leichengefolge in das
nächstgelegene Wirtshaus zu gehen und dort auf Rechnung
der Eiben des Verstorbenen zu zechen. Im Volksmunde
heisst diese profane Schlusshandlung 'das Fell oder den Bast
versaufen (dat Fei, den Bas versiupen)'. Hält die Sitzung
ungewöhnlich lange an, so hört man regelmässig die Be-
merkung, der Begrabene müsse ein zähes Fell ( n tojen Bas)
gehabt haben."
Dass der Ausdruck 'das Fell versaufen" auch in den
Dörfern um Braun schweig üblich ist. hat Professor Kluge
von Zuhörern gehört, j
614 Zum Aberglauben und Volksbrauch.
115 ohne genauere Ortsangabe findet sich bei H. Berghaus,
Der Sprachschatz der Sassen, I [Brandenburg 1880], S. 448:
"t Fell versaufen: nach einem Begräbnis kneipen/1)
S. Kleemann, Beiträge zu einem nordthüriugischen
Idiotikon (im Programm des Quedlinburger Gymnasiums von
Ostern 1882), S. 6 hat u. d. W. 'FelL: cdas Fell ward ver-
soffen, wenn die Leidtragenden nach dem Begräbnis ins
Wirtshaus gehen.3 [Zs. «1. V. f. Volksk. 6, 182.]
Ob das Hautvertrinken in Göschwitz, von welchem Dorf
ich ausgegangen bin, noch in Gebrauch ist, weiss ich nicht;
aber mein Freund Kluge hat in Erfahrung gebracht, dass
dies der Fall ist in den Dörfern Winzerla, Ilmnitz, Zölnitz
und Groben, von denen das erste weimarisch ist, die andern
altenburgisch sind, und zwar trinkt in den drei ersten die
ganze Gemeinde mit, so dass auf den Einzelnen sehr wenig
kommt. Sonst habe ich aus Thüringen noch zu erwähnen,
dass in dem bekannten Kurort Friedrichroda ältere Einwohner,
wie Kluge und ich gar manche gesprochen haben, den Aus-
druck cdie Haut versaufen5 recht wohl kennen.
Auch in einer slavischen Sprache, und zwar in der
wendischen, kann ich den Ausdruck nachweisen. Nach
W. von Schulenburg, Wendisches Volkstum in Sage, Brauch
und Sitte, Berlin 1882, S. 114 sagen in Burg (Spreewald)
beim Leichenschmause manche der Schmausenden, wenn alles
aufgezehrt wird: das Fell wird versoffen (njet hordujo
ta köza pschepita), und wenn sie abgehen: Jetzt ist das Fell
versoffen (njet köza pschepita). Wenn die Redensart sich
nicht auch noch in andern slavischen Sprachen findet, dürfen
wir annehmen, dass sie im Wendischen aus dem Deutschen
übersetzt ist.
Endlich habe ich noch mitzuteilen, dass in E. Deeckes
Lübischen Geschichten und Sagen, Lübeck 1852, S. 177 =
2. verbesserte und vermehrte Auflage, Lübeck 1878, S. 126
') [Das Berliner Tageblatt 1891, nr. 212 erzählt von dem Ver-
mächtnis eines Berliners, das der 'Stammtisch' des Verstorbenen erhalten
sollte, um 'das Fell zu vertrinken'.]
77. Zu den deutschen A.ppellativnamen. i;i5
in einer aus mündlicher Überlieferung geschöpften Sage
(nr. 90) die Worte vorkommen: cAls aber am Abend nach
dem Begräbnis die Haut verzehrt (das Leichenmahl ge-
halten) wird, . . . .'
Also nach so vielen Belegen für das Vertrinken der Haut
auch einer für das Verzehren!1)
77. Zu den deutschen Appellativnamen.
(Germania 7, 235—237. 1862.)
Wackernagel hat in seiner Abhandlung über die deutscheu
Appellativnamen auch die geographischen Eigennamen be-
rücksichtigt. cEs werden', sagt er Germania 5, 310 [= Wacker-
nagel, Kleinere Schriften 3, 120. 1874], 'auch Landes-, Volks-
und Ortsnamen, die wirklich bestehen, wortspielsweise um-
gedeutet und zu Appellativen erweitert, es werden andere
<\en wirklich bestehenden charakteristisch nacherfuuden'. Der
reichen Beispielsammlung, die Wackernagel gegeben hat,
mögen sich noch die folgenden Beispiele anschliessen.
Alten hausen. Sie ist von Altenhausen. H. Sachs.
Werke (Nürnberg 1578) 4, 3, 72b.
Alt heim. So sie gen Altheim werden schieben. Fast-
nachtspiele 245, 31.
[Anhalt. Den Fürst von Anhalt präsentieren. Reise-
beschreibung Androphili 1735 S. 39.]
Beit ein weil. Komm ich nit hinüber, so bleib ich im
Dörflin Beiteinweil unterwegeu. Fischart, Geschichtklitterung.
Kap. 39 [Frey, Gartengesellschaft Kap. 44].
[Bethlehem. Eine Tour nacher Bethlehem machen.
Reisebeschr. Androphili S. 38.]
\) [Vgl. Am Urquell 2, 81. 147. 5, 161. 6, 34. K. Andree,
Brauns chweiger Volkskunde 1896, S. 227 verweist zur Erklärung des
Ausdrucks auf die braunschweigische Sitte des Bullenfestes; der ge-
schlachtete Gremeindehulle wurde dabei gemeinschaftlich verzehrt und
der Erlös des verkauften Felles vertrunken.]
6K5 Zur Wortforschung.
Bubenhausen. Leichtmann von Bubenhausen. Erasmus
Alberus, Ehbuchlin Bl. C iijh.
Darmstadt. Da fieng sie der Happetit vonDarmstadt
und Esslingen an zu reiten, satzten sich der wegen ordenlich
zu tisch. Fischart, Geschichtkl.. Kap. 26.
Eicbenstett. Mau soll ihm den Vogt von Eichenstett
mit seiner nngebrenten Eschen übers Leder schicken. Spangen-
bergs Lustgarten 453 bei Grimm, DWB. 1, 581. |
236 Esslingen, s. Darmstadt.
Fingerwalde.
Da klatscht, da kümmert sich das alte Trödelweib . . .
Wie oft sieh Frau und Mann bei dem Begräbnis raufen
und Fritz und Florida nach Fingerwalde laufen.
Günther, Der entlarvte Crispiuus von Schweidnitz, in den Ge-
dichten, Breslau und Leipzig 1751, S. 501.
Höhnstadt. Seid ihr von Höhnstadt? Complimentier-
büohlein von 1654, im Weimarischen Jahrbuch 1, 326.
Kol dingen. Im Eulenspiegel, Kap. 16, fragen nackte
Buben zu Peine den Eulenspiegel, wo er her käme. 'Er sprach,
ich kum von Koldingen, er sach wol, dass sie nit vi! an
hetten. Sie sprachen: Hör hierher, wa kamstu von Koldingen,
was enbüt uns dann der winter? Ulenspiegel sprach: der wil
euch nüt enbieten. er wil euch selber ansprechen, und reit
hin'. Koldingen ist ein Dorf bei Peine; das Wortspiel zwischen
diesem Namen und kold, kalt, ist nicht zu verkennen; s.
Lappenberg zu der Stelle.
Laufenburg. Er hat nach Laufenburg appelliert. Eiselein,
Sprichwörter S. 411.
[Lochhausen. Zum Steinhaufen bei Lochhausen führen.
Lundorf, Wissbad. Wisenbrünlein 1, 103.]
Nagelstadt, Nageleck, s. u. Wargelstadt.
Ri bei eck, s. Wargelstadt.
[Schreckhausen. Die heurigen Rekruten waren nicht
von Schreckhauseu. Aus dem Leben eines badischen Soldaten.]
Steiermark. Ein wegen seiner Einfälle bekannter
Lumpensammler aus der Gegend von Buttstädt im Gross-
herzogtum Sachsen-Weimar begegnete einst dem Herzog Ernst
TT. Zu den deutschen Appellativnamen. (',17
August (1728 — 1748). Nun waren gerade damals gewisse
Steuern in empfindlicher Weise erhöht wurden, und als daher
der Herzog den Lumpensammler fragte, was es in seiner
Gegend neues gebe, antwortete er: Durchlaucht, die Leute
in Buttstädt sagen, die Welt hätte sich gedreht und sie seien
nach Steiermark gekommen. (Mündliche Tradition. |
Taubach. Er ist aus Taubach d. h. ist taub. Diese
Redensart hört man zuweilen in Weimar und Umgegend:
Taubach ist ein fünf Viertelstunden von Weimar entferntes
Dorf.
Wargelstadt. Ein schwäbisches Rätsel vom Floh bei
Meier (Deutsehe Kinderreime aus Schwaben S. 83) heisst:
In einem engen Gässehen
begegnete ich einem schwarzen Pfäff'chen.
Da na lim ich es nach Wargelstadt,
von Wargelstadt nach Nagelstadt,
und da ward er gerädert.
Ahnlich ist ein schweizerisches Rätsel bei Rochholz.
Alemannisches Kinderlied S. 223 : |
Es chömmet zwe Manne, 237
sie führet eine g'fange,
von Rtbelegg üf Nagelegg
von Nagelegg üf's Gerichte.
Endlich verweise ich noch auf das 7. Kapitel von Fischarts
Geschichtklitterung, wo eine ganze Reihe teils wirklicher, teils
fingierter Ortsnamen, die alle Bezug auf Essen und Trinken
haben, vorkommen.
[Eine Liste böser Weiber, die gleichfalls von dieser
'geographischen Allegorie reichlich Gebrauch macht, steht Zs.
d. V. f. Volkskunde 8, 23. 25. Aus der oben S. 499 an-
geführten Weimarer Handschrift Q. 565, Bl. 45 b stehe hier
ein Stück des 15. Jahrhunderts:
Die aus siegung der ee.
So einer ein weil» nimbt, so kumbt er von ersten mit ir
ine das gelobt landt, darinnen woiit er mit ir. als lang
vnd er pfenning hat. Darnach kumpt er mit ir ine das land
Sorgmeina, do ret er mit ir. was sie anheben vnd thon
61 S Zur Wortforschung.
wollen, domit sie narung gewynnen; aldo begreifft sie die
.sorg. Vnd alle weil sie ine der sorg also stien vnd nit narung
haben, kummen sie ine ein landt, das heisset Aramatia.
Aldo begreüfft sie die not vnd auch klaine kindleiu dabey.
So man daczu nit hat, so heben sie sich auff mit den kindleiu
vnd zihen ine das lant Bethleem. Aldo bleiben sie etwa
lange zeyt vnd sterben gewonlich darinnen. So sie aber ine
disem laud nit auss mögen komen, so faren sie in Galileam,
•etlich gar an galge. Do betritt vns got vor!]
Weimar, September 1860.
78. Sehiltebürger als Name des Todes.
(Germania 25, 360. 1880.)
In einem mir zufällig bekannt gewordenen Gedicht eines
Matthäus Schmidt, Pfarrers zu Leutersdorf und Henfstett,
auf den Tod einer am 24. Dezember 1659 zu Coburg ver-
storbenen Frau Rosina Rauschardtiu, Witwe des Herrn Felix
Rauschardt, 'Römisch Keyserlicher Majestät Obrist-Wacht-
meisters und hernach Fürstlich Sächsischen Haupt- und Ampt-
manns zu Römhildt, Eissfeld und Veilsdorf, wird der Tod
Schiltebürger genannt. Es lautet nämlich die zweite Strophe
des Gedichtes:
Aber der Knochen-Dürr und unmild Sehiltebürger,
Der kühne freche Held, und unhold Menschenwürger,
Schont weder Helm noch Schild, bey ihm gilt alles gleich,
Ach leider! weder Jung, Alt, Edel, Arm und Reich.
Ich weiss diesen Namen des Todes, der mir soust nicht
vorgekommen ist, nicht zu erklären1).
') Das Gedicht steht unter andern lateinischen und deutschen Ge-
dichten auf die Verstorbene f/Epicedia') — als 17. — hinter der Leich-
predigt Johann Krugs. (Corona vitse, prsemium fidelitatis, et constantise,
das ist: 'Des Lebens edle Hinimels-Kron Ist treuer Christen Gnaden-Lohn.
Bey sehr Volckreicher ansehelicher Leichbegängnis Der weiland Edlen
- . . Frauen Rosinen ... In einer Schrifftmässigen, einfältigen Leich-
79. Kosegarten. (;]<)
[E. Henrici, Zs. f. dtseh. Altertum •25, 127 verweist
dazu auf Hartmanns [wein V. 71(>"2: cSi muosen vaste gelten
vür des tödes schelten und vür die scheltsere boeser geltaere'
und auf Grimms Mythologie3 S. 494 = i 706.]
79. Kosegarten.
(Zeitschrift für deutsche Philologie 4, 13-1— 135. 1872.)
Als ich neulich das wunderliche, aber manches schätzbare
Material enthaltende Buch von Wilhelm Reynitzsch (königl.
preuss. wirkl. Regierungs-Rat) 'Uiber Truhten und Truhten-
steine, Barden und Bardenlieder, Feste. Schmause u. s. w. und
Gerichte der Teutschen' (Gotha 1802) durchsah, stiess ich
darin auf folgende Stelle (S. 153):
Die Thüringer kommen an diesen Tagen [Sonn- und
Festtagen] zu einander spela, d. h. auf ein gut Gespräch,
(vom gotischen 'spelan', sprechen) oder auch in Kose-
g arten, — von 'kosen', liebreich und leise miteinander
reden. — wo sie sich dann erzählen, was sie von 'jemänn'
in 'spelwise' vernommen haben. In Städten geht man jetzt
in Visiten, in Spielgesellschaften u. s. w. Niemand mehr in
'Jlayngarten5 (worüber auf der vorhergehenden Seite ge-
sprochen ist. 'i
Das thüringische 'spela (spell. spill) gehen, kommen,
sein' = zum Besuch gehen, kommen, sein, ist bekannt. Man
sehe darüber Karl Regeis Nachweise in seinem Buche 'Die
Ruhlaer Mundart" (Weimar 1868) S. 271 fg. Dagegen habe
ich das Wort Kosegarten weder in einem thüringischen noch
Predigt, zu Coburg in der Haupt-Kirchen zu Sanet Moritz, . . . Ge-
zeiget von Johann Krügen, Dienern am Wort Gottes daselbst, n.'
•Coburg [1660]. 4°.)
s) Man sehe über Heinigarten, Haingarten die Nachweise in
Frommanns Deutschen Mundarten 3, 530 und Birlingers Schwäbisches
Wörterbuch S. 216.
(;-J0 Zur Wortforschung.
in irgend einem anderen Wörterbnche gefunden. Auf eine
an Regel gerichtete Anfrage, ob ihm das Wort bekannt sei,
erwiderte mir mein Freund, dass es ihm bisher unbekannt
gewesen sei, dass er aber nach mehrfachen Umfragen von
einem zuverlässigen Gewährsmann gehört habe, dass die
Wendung 'in Kosengarten gehen (se genn in Kosegarten;
womm' änn z' Obbt ä wenk in Kosegarten ge? wollen wir
nicht heut' abend ein wenig schwatzen gehen?) in gothaischen
Dörfern, z. B. in Friemar, vorkommt, etwa in dem Sinn: ein
Schwätzchen halten, ein Plauderstündchen feiern. 'Weitere
Umfrage", schreibt Regel mit Recht, fwird noch nötig
135 sein, um den Grad der Lebendigkeit der | Phrase und
ihren individuellen Sinn noch genauer zu bestimmen; aber
schon jetzt scheint mir unzweifelhaft, dass die Wendung alt
volkstümlich ist und zu unserm thüringischem 'kosen' = ver-
traulich plaudern, angelegentlich und ungezwungen schwatzen,
ohne dass das Merkmal eines zärtlichen Liebesgesprächs
notwendig wäre,1) gehörig ist, und dass in dem sehr
hübschen Compositum [wie auch in Heimgarten] der freilich
im Gebrauch wohl vergessene Hinweis auf echte alte Volks-
sitte liegt, nämlich das Zusammenkommen im Freien, in
Gärten, auf Wiese und Auger, in Busch und Holz, zu traulichem
Gespräch, besonders in sommerlicher Festzeit oder überhaupt
in Feierstunden5.
Ohne Frage ist der Familienname Kosegarten2) aus
unserm Worte zu erklären. Vilmar freilich im 'Deutschen
Namenbüchlein3 (4. Auflage, Frankfurt a. M. 1865, S. 67) will
l) Vgl. auch Hildebrands Artikel über kosen im Deutschen
"Wörterbuch.
-) Auch Rück er t hat beim Namen des Dichters Kosegarten an
kosen und Garten gedacht, wenn er in seinem schönen Gedichte:
Pfarrer und Kaplan1 (Gesammelte poetische Werke 2, 253) wort-
spielend sagt:
Ich kos't im Kosegarten,
Schon matt von Matthison,
Und schwor zu Gleims Standarten,
Dem Frühling Kleists entrlohn.
80. Cornelius. 621
in Kosegarten eine slavische Ziegenburg erkennen, aber ich
habe in Ortslexieis bisher vergeblich ein Kosegart oder
dergl. gesucht.
Weimar. April 1870,
80. Cornelius, eine Ergänzung1 zum Deutschen
Wörter buche.
(Zeitschrift für deutsche Philologie 1, 452—459. 1869.)
An Rudolf Hildebrand in Leipzig.
Du fragst, lieber Freund, im neuesten K-Heft des
Deutschen Wörterbuchs im Artikel Kornelle: 'Hängt damit
zusammen die merkwürdige Angabe bei Rädlein 179b :
Cornelius im Kopf, rappelk optisch , martel en tete?' Es
ist Dir also ein eigentümlicher Gebrauch des Wortes Cornelius
entgangen, welcher im letzten Viertel des IG. Jahrhunderts.
wie es scheint, aufgekommen, durch das ganze 17. Jahrhundert
hindurchgeht, und, wie Deine Anführung aus Rädleins Wörter-
buch lehrt, bis ins 18. Jahrhundert reicht. Wenn Dir dieser
Gebrauch entgangen ist, so wird er gewiss auch sehr vielen
andern Fachgenossen unbekannt sein. Es sei mir daher ver-
stattet. Dir hier öffentlich mitzuteilen, was ich darüber
zum grössten Teil schon seit Jahren — gelegentlich ge-
sammelt habe.
Es giebt zwei lateinische komische Disputationen, welche
eigens de Cornelio handeln. Die älteste mir bekannte datierte
Ausgabe der einen Disputatio befindet sich in den 'Facetiae
Facetiarum", o. 0., 1627, 4°, ') mit folgendem Titel: J
Disputatio de Cornelio Et Ejusdem Natura ac Pro- 453
prietate. Cujus Positiones Sub Praesidio Ampliss. Famosiss. Clariss.
Spectatiss. et celeberrimi Viri, Dn. Vespasiani Caridemi omnium faculta-
tum Doct. In illustri Gaudecapensium Academia publice proponit
x) Königl. Bibliothek zu Berlin. [Xg 31, 16. Ebd. Xg 3406
eine Oktavausgabe, Gremerstadii o. J.]
ß22 ^ur Wortforschung.
Zachams Pertinas Hierosolymitanus. Habebitur disputatio in collegio
iiMilio ad fontem Arethusa;, quoties lubet,
Vincere enim et vinci praefracti militis Usus.
16 [Holzscbnitt : Vier Disputierende.] 27.
[Hinten ein Erhängter.]
Gremerstadj Apud Chrysippum Grillomannum , sumptibus Lippoldi Ohren-
krätzers.
Iu der späteren Ausgabe der 'Facetiae Facetiarum',
Pathopoli, 1645, 12°, ') steht ebenfalls die Disputation, aber
mit dem kurzen Titel: 'Disputatio de Cornelio et ejusdem
Natura ac Proprietate3. Sie findet sieh ferner mit dem obigen
ausführlichen Titel in den 'Nugae venales', o. 0.. 1642, 12°,
S. 200 — 222.2)
Aus den in dieser Disputatio aufgestellten 41 Theses
heben wir folgende hervor. In Tfaesis 11 heisst es: Tutamus
Cornelium esse spiritum corporeum, ex atra bilis copia
conüatum, qui certis exacerbatus causis hominem inquietat.3
Nach Thesis 12 kommt Cornelius her ca grseco xogeco, id est,
satio seu saturo , et vrjXsijg, id est, iramisericors seu crudelis,
dicaturque Cornelius quasi xoghov vrjXe&g, id est, crudeliter
satiaus. Testatum enim experientia fecit, eos qui hae peste
onerantur. ita inhumaniter excipi, ut per unicum modo dient
laborantes jam tum ceperit Cornelii satietas." Schon vorher
(Th. 10) ist die Ansicht der Philosophi verworfen, welche
glauben, 'Cornelium esse nomen inane sine re, ortum ex
festivitate quapiam : cum enim in comico ludo quidam Cornelii
nomine Conscientise personam sustinuisset, isque ex scenis
1) Grossh. Bibliothek zu Weimar. [Berlin Xg 38. — Ebd. Xg 40 f.
Ausgaben von 1647 und 1657.]
2) Grossh. Bibliothek zu Weimar. Die Kgl.. Bibliothek zu Berlin
besitzt nach gefälliger Mitteilung des Herrn Dr. J. Schrader eine Aus-
gabe der Nugae venales, o. 0., Anno XXXII, 12°, 3 Bogen, welche nur
die Fragen der Nuga? venales enthält. In demselben Bande [Xg 3406]
aber befinden sich, ohne Jahr, aber unzweifelhaft aus derselben Offi-
zin , also auch wohl aus demselben Jahr, mit besonderer Paginierung,
einige derjenigen Schriften, die in den späteren Ausgaben mit den Nugse
venales vereinigt sind, darunter mit dem ausführlichen Titel die Dis-
putatio de Cornelio. [Weitere Ausgaben der Nugse venales von 1644,
1648, 1663, 1689, 1703 und 1720 in Berlin Xg 82 ff.]
80. Cornelius. 623
prodiens semper last um inventum, subinde digrediens tristem
ac moerore plenum reliquisset, abiisse has affectuum vices in
proverbium, ut quoties quis solito moestior esset, diceretur
Comelium habere'.
Th. 14. Pro varietate autein temporum et loconini.
personarum, item circumstantiarum aliam atque aliam matrem
agnoseit Cornelius. In | his enim est ex defectu pecunias: in 454
aliis ex amore: in aliis ex crapula: in aliis ex verberibus:
in aliis ex chartis lusoriis: in aliis ex melancholici humoris
ebullitione etc.
Th. 15. Sic nonnullos Cornelius invadit tempore matutino,
cum surgendum est, quo tempore etiam meditationes suscipi
consueverunt de soloecismo pridie per vinum commisso : quosdam
vespertino tempore, cum caupo se diutius potnm daturum
renuit: alios post merkliem, quando amica in horto relicta
ad urbem redeundum: alios media nocte, cum ad caveam,
seu ut Romani loquuntur ad carcerem migrandum.
Th. IG. Pari ratione quidam in conclavi suo Comelium
sentiunt, dum labores, libros, praeceptores , et id genus aliud
nugarum inveninnt, nullos autem compotores aut confabu-
lantes; quidam in templo, dum concio nimium protrahitur;
quidam
Nach Th. 17 ist auch gekränkte Eitelkeit, nach Th. 18
eine böse Frau (fumus in domo), desgl. ein in Nichtsthun
und Liederlichkeit verbrachtes akademisches Leben, nach Th.
19 Geiz Ursache des Cornelius.
In den folgenden Thesen wird über die materia, die
form,1) den finis, das objectum, die effectus, die remedia
*) Bei dieser Gelegenheit (Th. 21) heisst es: £Alii versantur quidem
cum mortalibus sed taciturni, cernui, niorosi, quibus dici solet, eos
calendaria componere, aut speculari in divinis, aut claves quserere, aut
Corneliiini habere, quorura postremum prioribus tribus verius nos
existiinamus'. Weiter unten (Corollaria 2): 'Falsum est quod vulgus
dicitur, ikis habere Comelium. Nos enim Comelium nun babemus,
sed Cornelius nos habet.' Mehrfach werden die mit dem Cornelius
Behafteten in der Disputati o Corneliosi genannt.
■62-i ^,u* Wortforschung.
des Cornelius und dann mich über einige dubia gehandelt,
denen sich noch 15 Corollaria anschliessen.
Die zweite Thesensammlung de Cornelio oder vielmehr,
wie der Verfasser einer gemachten Etymologie zu Liebe
schreibt: de Curnelio, liegt mir in dem Exemplar der Kgl.
Bibliothek in Berlin [an Yy 851] vor, nachdem mich Herr
Dr. J. Schrader auf sie aufmerksam gemacht hat. Sie ist
undatiert, aber mit einer Ausgabe der Theses de Cochleatione
vom Jahre 1593 zusammengeheftet und kann wohl derselben
Zeit angehören. Der Titel lautet vollständig: 'Theses de
Curnelio bestia crudeli et noxia. Sub Divi Harpocratis
Praesidio. A Secundo Philosopho Silentij candidato ad dis-
ceptandum propositae in celeberrima Pythagoreorum Acroasi.
Disputabuntur ad calend. Grsec. '.' /\?) Typis Gornelij Taciti
Typographi Pythagoraef. 4°.
Das Schriftchen wird mit einer Widmung eröffnet, deren
Anfang also lautet:
455 Reverendo Patri
C. Mutio Tropbonio Silesio, delecto Abbati atque Preesuli in
ccenobio Ordinis Silentis, Patrono suo summe colendo.
S. D.
Crebro hactenus agitatum inter bonarum disciplinarum
studiosos de Curnelio sermone adagium est, paucis tarnen
medullitus, quo ad originem, cognitum : Nonnulli enim de
Cornelio illo Tacito, non muto certe, sed rerum scriptore elo-
quentissimo, deductum censent1). At quam errent de toto
scilicet ccelo terrave, logicum illud axioma notatioui proprium
declarat graphice: Cui videlicet notatio non convenit, eidem
nee nomen convenire. Veritati igitur consulturus haecce
l) [Ebenso beisst es in dem Gedichte 'Heautontimorumenos s. Cor-
nelius Studiosorum' bei Joa. Leibius, Studentica 1627, nr. 69 Bl. D 6b :
Die, Studiose, mibi, Cornelius unde vocetur,
Quo veluti morbo studiosa caterva laborat!
Cornelios habuit multos Romana vetustas etc.
Auch Owen (f 1622) spielt (Epigrammata 1648, S. 141: 'In Cornelium1)
mit diesen Worten:
Cornutum te, Corneli, scis esse tacesque:
Non Cornelius es tu modo, sed Tacitus.]
80. Cornelia-. (;-_>5
themata in medium proferre volui sub litterario incude pro-
ducenda etc.
\'<ui den 10 Thesen liebe ich folgende aus:
I. Curnelius, de quo hie qusestio instituitur, bestia est
tristis et squalida, macilenta ac pallida, mortalium mentes
vel casu aliquo immergente sinistro, vel ex defectu peeunia?,
vel prava actione exagitans, curis variis discutiendo.
II. Dictus putatur a nomine cura, coniunetione ne et
graeeo verbo fcvco, quod solvo significat, y.ai dviitj oamv , hoc
est. quis curam minime solvens. sed subinde adaugens.
XII. Causa efficiens, praeter superius (I) enumeratas, est
vinum vel cerevisia, vesperi nounihil largius pota, atque ad
tales actiones impellens, qu3B in ipso quidem actu arrident
atque placent. veruntamen maue Curnelio in memoriam nos
revocante atque exaggerante, vehementer displicent, unde a
Germanis Rewel dicitur.
XIII. Materia ex qua est temeritas et incogitantia.
XIY. Materia in qua est mens humana.
XV. Cognata sunt tristitia, dolor, ira, poenitentia, pudor.
XVI. Pugnant cum hac teterrima bestia atque ex diametro
adversantur gaudium, lsetitia.
Es folgen noch drei Qua?stiones und zum Schluss die
Relegatio Cornelii, worin es u. a. heisst: cEam igitur ob causam
te Cornelium. pessimum quietis et gaudii perturbatorem ma-
tutinique somnii mterruptorem suavissimi, qui tot nobis mo-
lestias et dolores revocatione eorum in mentem, quse per
nocturnam compotationem gesta fuere, creas atque infers, in
perpetuum relegamus.3
Ich lasse nun einige Stellen aus lateinischen Schriften
folgen, in welchen der Cornelius oder Ableitungen davon ge-
legentlich vorkommen. |
In den Theses de Hasione et hasibili qualitate, 456
deren erster Teil wenigstens jedenfalls noch dem letzten
Viertel des 16. Jahrhunderts angehört.1) lautet die 22. Thesis
des ersten Teils:
') Vgl. meine Anmerkung zur Kunst über alle Künste lst>4, S. 233 f.
Die Theses — und zwar beide Teile — stehen auch in den Nugae renales,
Köhler Kl. Schriften. III. 40
626 Zur Wortforschung.
'Symptomata harum hasibilitatum sunt oranes his affines
qualitates, Cornelius, Ciglio, Eulenspigelius, Paul cave tibi,
Papa de calvo monte,1) Claus stultus,2) omnis ignorantia,
superbia, amor, cochleatio, helluatio, scurrilitas, impudentia,
beanitas in uno plus, in altero minus. Summa totus cursus
cum arundine longa.'3)
In der 30. These des zweiten Teiles werden unter Mitteln
gegen die Hasibilitas angeführt: cvexatio, tribulatio, explosio,
Cornelizatio. Pamphy.3
Inder Disputatio de Iure et Natura Pennalium4)
lesen wir in der 84. These: cpacis publicae turbatio, cuius
1(142, s. 127 ff. und in den Facetise Facetiarum, Pathopoli 1645, S. 511 ff.
[Über Hase = Narr Zarncke zu Brants Narrenschiff S. CXIV f. und
Wendeler, Zs. f. d. Altert. 21, 455.]
x) Pfaff von Kahlenberg. Schon bei Murner in übertragener sprich-
wörtlicher Bedeutung. S. Goedeke, Grundriss 1, 116 [= 2. Aufl. 1,343 f.].
2) Claus Narr. S. Goedeke 1, 421 [= 2 2, 558]. Zu Ciglio und Paul
cave tibi weiss ich nichts Erläuterndes zu bemerken.
3) 'Mit der Leimstange laufen', im 16. und 17. Jahrhundert
gleichbedeutend mit cein Geck, ein Phantast sein'. Vgl. z. B. Herzog
Heinr. Julius, Schauspiele 525, 651, 673 (Wie leuft der Kerl so sehr mit der
Leimstangn und Keutzchen her), 675. Auch neuere niederdeutsche
Wörterbücher (Strodtmann, Jdioticon Osnabruc. 126, Bremisch-nieder-
sächsisches Wörterbuch 3, 73, Dälmert, Plattd. Wörterbuch 278) kennen
die Redensart. Vgl. auch Prutz, L. Holberg S. 299, Anm. 44. [Hasen-
Jacht, allen Hasierern und Leimstenglern zu sonderlichem Nutz, 1593
bei Zarncke, Brants Narrenschiff S. CXIV.] In Wellers Annalen 1,350
ist eine 1594 zu Erfurt erschienene Schrift 'Rennplatz der Haasen mit
der Leimstangen' verzeichnet. B. Armatus (d. i. J. Rist) fingiert in
seiner 'Rettung der edlen teutschen Hauptspraehe' (E VIII) einen Herrn
Liebhold von Hasewitz, Herrn zur Leimstangen, H. Reinhold (d.i. G.W.
Sacer) in seiner Schrift 'Reime dich, oder ich fresse dich', North ausen
1673, S. 78, einen Monsieur Charlatan Windsprecher, Herrn zu Leim-
stangen. Auch die Worte Leimstenger und Leimstengler kommen
im 16. und 17. Jahrhundert für Geck und Narr vor. [Holstein, Archiv
f. Littgesch. 10, 576—582 und Zs. f. d. Phil. 18, 444. Draheim, Deutsche
Reime 1883 S. 94. Erk-Böhme, Liederhort 2, 759. 3, 873. Grimm,
DWB. 6, 701.]
4) In denNugse venales 1642, S. 166 ff., in den Facetise Facetiarum
1645, S. 305 ff.
SO. Cornelius. (',07
poena est Bannura, quod parit multos et miserabiles Cornelios
in cerebello.'
In der Disputatio Ins potandi breviter adnm-
brans, Oenozythopoli 1626 [Berlin Xg 7255; ebd. B. D. 4°
2578, 12 eine Ausgabe von 1616] (in den Facetiae Facetiarnm
1645, S. Ö6 flf.) heisst es in der 60. Conclusio von einem, der
ein Gelage bei sich gehalten hat: 'Snrgens et musseuni intrans
videns omnia depopulata, Cornelium suspirat maximum,
introspiciens erumenam deprehendit eam vaeuam.3 Und weiter
unten: Mnvento ex re consilio discutiuntur frontis rugae et
dissimulatnr, qnamvis adhuc aliquid aegritudinis inhaereat,
idque propter | aliorum vexationes, qüae solent esse certissimae, 457
si quempiam videant Comelizantem/
In Albert Wichgrevius' im Jahre 1600 geschriebener
Komödie 'Cornelius relegatus sive Comoedia nova festi-
vissima depiugens vitam pseudostudiosorum' [vgl. E. Schmidt,
Komödien vom Stndentenleben 1880, S. 10. Bolte, ADB. 42,
310] fragt der Rektor in der 5. Scene des 2. Aktes den
Cornelius, der sich zur Immatrikulation meldet, nach seinem
Namen und sagt, als er hört, dass jener Cornelius heisst:
— illud nomen hie clarissimum
A conscientia mala, tu reddito
Illud felicius ut in omen exeat.
J. Sommer hat in seiner deutschen Übersetzung des
Cornelius relegatus (Magdeburg 1605) diese Stelle so über-
setzt :
Seht das ihr euch was guts befielst,
Der Namen ist zwar wohl bekand
Hier und im ganzen deutschen Land
Und wird geineinlich denen gebn,
Die im bösen Gewissen lehn.
Seht, halt euch also früh und spat,
Das ihr es nicht seid mit der That.
[Mit dem Titelholzschnitt von Sommers Verdeutschung
stimmt ein 7,9x12,8 cm grosser Kupferstich überein, der
in das 1610 — 1614 geführte Stammbuch des Nürnbergers
Jakob Fetzer (Weimar, Stammb. 174, 38) eingeklebt ist:
'Heinrich Virich ex:D, darunter lateinische und deutsche Verse.
40*
l't'J'A Zur Wortforschung.
Durch Wichgräf unmittelbar angeregt ist des Kupferstechers
J. v. d. Heyden Speculum Cornelianum. in sich haltend viel-
artiger Figuren betreffend das Leben eines vernieynden
Studenten, Strassburg 1618 und 1879; Petr. Rollos, Vita
Corneliana s. Cytherea Studiosorum, Berlin 1639. Ferner der
Studentenumzug, der nach dem Kurtzweiligen Zeitvertreiber
1668, S. 263 am 24. Februar 1620 auf einer ungenannten
Universität stattfand und in zehn auf einzelne Wagen verteilten
Gruppen dasStudentenleben von derDepositionbis zur Promotion
darstellte; auf dem 8. Wagen sah man Cornelius mit ver-
bundenem Kopfe unter zerrissenen Kleidern und Büchern
sitzen, vor ihm ein Mädchen, das ihn als Vater ihres Kindes
ansprach; also ganz wie auf dem Somm ersehen Titelholzschnitte.
Cornelius heisst auch der Held der lateinischen Prosakomödie
cCornelianum dolium. auetore T. R.' (?Tho. Randolph), Lon-
dini 1638. Dieser bereut, dem Tode nahe, sein liederliches
Leben, wird aber wider Erwarten von einem neapolitanischen
Arzte (das Stück spielt nämlich in Genua) geheilt. Da be-
schliesst er im Einverständnis mit diesem, sich an seinen
falschen Freunden und Freundinnen zu rächen, lässt seinen
Tod bekannt machen und wird mit vielen Schätzen in einem
Kirchengewölbe bestattet. Als in der folgenden Nacht wirklich,
wie er erwartete, seine Genossen Lurcanio und Latrunculus,
von den Dirnen aufgereizt, den Sarg erbrechen, erhebt sich
der Totgeglaubte und versetzt jene in solches Entsetzen, dass
sie ins Tollhaus gesperrt werden.] — Und hiermit gehen wir
zu den übrigen mir bekannt gewordenen Stellen aus Schriften
in deutscher Sprache über. Ich beginne mit der ältesten,
halte mich aber dann nicht weiter an die Zeitfolge.
'Lieben und nicht geliebt werden bringt den Cornelium
Corneliorum.'
Sätze von der Leffelei sampt derselben Eigenschaften und un-
terschiedlichen Grattungen, davon ... zu disputieren gesinnet
ist Süssemunda Schönfleisch von Haneshausen, o. O., 1593, 4°
(auch abgedruckt in Scheibles Schaltjahr 3, 639 ff.) Satz XX XVI.
'Endlich mus man auch betrachten die Pro^nostica. Zufelle
und Zeichen dieser Krankheit (der Leffelei). Prognostica
80. Cornelius. <;-_>9
seind diese, als item. Mitesser oder Nebenleffler,
wenn einer ein schön Engelchen zum Bnlen hat, den Cor-
nelinm halten, wenn einen ein finsterer und schwartzer
Kobbelt zu geweist ist.3
Sätze von der Leffelei XXXIX.
['Er dünkt mir sein vol zum und grim.
Gwiss hat er einn Cornelia in',
loa. Seger us, Weynachtsfreud, Greifawald 1613, Bl. D5a.]
'Wie kömpts. dass du so betrübt stehest? Hastu den Cor-
neliura? Ja, freilich hab ich den Cornelium, aber
deinenthalben, dass du so frech und wild bist.'
Englische Comedien und Tragedien, o. O., 1624, Gr vjh |
cEr hat heftig den Cornelium und beklaget sich, dass er 458
nichts mehr geldt hat.3
Englische Comedien J vij'1.
'Ich habe gar einen Cornelium, und zwar gar einen
grossen. Wolt ihr wissen, wo er her kompt, hört ein
wenig zu.5
Englische Comedien Cc ij.
'So soltu wissen, dass ich dadurch den Cornelium be-
kommen habe und derhalben so störrisch für mich hin
gieng.'
Englische Comedien H ij*>.
['Mein Kopf hat ein Cornelium3.
M o s c h e r o s c h , Ne wer Köpff-Kram V. 30. Zs. f. dtsch. Altert. 23,82.]
['Ist dir etwas angelegen
vnd hast ein Cornelium,
der dich irret vm vnd vm,
wie offt die Studenten pflegen.'
Moscherosch, Patientia hsg. von L. Pariser 1897, S. 83.]
'Meine Augen sahen jetzt rot und triefend aus wie eines
achtzigjährigen Weibes, das den Cornelium hat.3
Simplicissimus, hsg. v. Keller 1, 563, v. Kurz 1, 380.
'Als er nun siht, er sei betrogen,
kömpt Cornelius eingezogen,
ist [nämlich: er, der Betrogne] der Bekümmerniss ganz voll.'
Olorinus, Tra^a>di;i von geschwinder Weiberlist, in Hollands
Ausgabe der Schauspiele des Herzogs Heinrich Julius S. 561.
630 Zur Wortforschung.
['Die beiden ungebetenen Gäste, Juncker Cornelium und
Frawe Melancholiam.5
Job. Sommer, Ethographia Mundi 3, Bl. Aija (Magdeburg 1611).
Der gute "Wein, bey finster Nacht
Gassatum gan, der Kleider Pracht,
Die Lieb zun Weibern toll vnd blind
Manchen allein die Vrsach sind,
Das offt genandt Cornelius
In sein Hertzen einziehen muss. — —
Es meynet ein jeder jung Student,
Den man nit immer Gelt zusendt,
Er hab auf sich ein Sorg gar schwer,
Cornelius der trück ihn sehr — —
Der Gast Cornelius genandt
Kegiert daheim als hie so wol.
Crucianus oder Studenten -Cornelius in einem teutschen
colloquio [zwischen Eubulus und Cornelius] A. H. L. P. C. in
Joa. Leibius, Studentica 1627 nr. 70, Bl. F5a.]
cDiess geschähe nun zum öftern, bis endlich mein Beutel
ziemlich abzunehmen begunte, und Herr Cornelius sich
anfieng bei mir einzufinden. Wie mir aber nie kein Trauren
das Herz abgestossen, so war es auch dazumals mit mir
bewand.3
Simplicissimus, hsg. v. Keller 2, 1032, Kurz 2, 297.
'Fürwar dieses mus einen treflich sanft ankommen, wann
man also ohne Arbeit kan reich werden und zwar so
plötzlich; aber wenn man auch bissweilen eine gute Summe
Geldes verlieret, ja wol gar nakkend zu Hause geht, so
muss denn auch Herr Cornelius redlich turnieren.3
Rist, Das friedewünschende Teutschland, hsg. v. Schletterer,
1864, S. 53.
'Ein solcher [alter Mann], mit dieser marterhaften Seuche
[d. i. einer jungen buhlerischen Frau] behaftet, wann ei-
sernes Zustandes gedenken höret, da ist Dominus Cor-
nelius geschäftig, machet in seinem Gehirn wuuderseltzame
Possen.3
Herrlicher Triumph-Wagen S. 39 ('Herrl. Tr.' ist der Columnen-
titel eines im Besitz der Grossh. Bibliothek zu Weimar befind-
80. Cornelius. ß3 1
liehen titellosen, mit Kupfern gezierten Büchleins in 12°,
jedenfalls aus dem 17. Jahrhundert, worin die Hahnreischaft in
Versen und Prosa behandelt ist.)
'Es müste dann gar ein Sauer-topf und ungesaltzener Stock-
fisch sein, der ohne Unterlass in dem Cornelio studierte.'
Simplicissimus, hsg. v. Keller 1, 202.
'Emplastrum Cornelianum, Heilpflaster auf die melancholische
Wunden und Cornelius Stich, durch Huldericum The-
andrum", 1605. 8°, augeführt in | G. Draudius, Bibliotheca 459
librorum germanieorum classica p. 623. Vgl. Goedeke,
Grundriss 1, 431, nr. 32 [von Joh. Sommer; vgl.
Goedeke 2 2, 583. Wendeler, Zs. f. dtsch. Altert. 21, 458.]
'Drei creditoren kommen zu häuf
und seiner Kleider ihn spolifn,
das macht ihn recht Cornelia im.'
J. Sommer im deutschen Argumentum des 4. Aktesseines
deutschen 'Cornelius relegatus'.
'Gelobet sein die himlischen unsterblichen Götter all iu
gemein, dass mein Cornelisiren ein Ende und mir an
dessen Stat Freude . . . .'
Englische Comedien Hh iiij.
'Der arme Cornelius [== Hahnrei] schlief bald ein.5
Der im Irrgarten der Liehe herumtaumelnde Cavalier 1738,
S. 115.]
Cornelius ist nach allem Mitgeteilten also gleich-
bedeutend mit übler Laune, Unmut, Verstimmung, ganz be-
sonders auch so viel wie Reue, Scham, Gewissensbisse. Er
schliesst zugleich alles ein, was wir heutzutage mit Katzen-
jammerbezeichnen, sowohl den physischen als den moralischen.
Wie aber der Name Cornelius zu dieser Bedeutung ge-
kommen ist, darüber wüsste ich, ausser der von dem Ver-
fasser der Theses de Curnelio abgewiesenen Herleitung vom
Cornelius Tacitus, keine Vermutung aufzustellen.
| Nach Wendeler, Zs. f. d. Altert. 21, 456 f. ist Cornelius
zunächst der Beanus im Schmucke seiner Hörner, der rohe und
ungeschlachtete Bachant bis zur Fuchstaufe ('bestia cornigera'
in dem um 1480 entstandenen Manuale scholarium, 'Cor mit1
(',;;•_' Zur Wortforschung.
bei Lindener und Fischart), und die Umbildung des Cornuten-
begrifts vom schwachsinnigen Narren zum Cornelius, d. h.
zum Zustande des nach einem in Nichtsthun und Liederlichkeit
verbrachten akademischen Lebenmelancholischen Anwandlungen
anheimgefallenen, von später Reue geplagten alten Studenten
fällt nach 1590 und ist erst durch Wichgräfs Cornelius relegatus
(1600) und durch seinen Verdeutscher Joh. Sommer, der auch
1605 das Emplastrum Cornelianum herausgab, verbreitet
worden. — Vgl. noch Pariser zu Moscheroschs Patientia 1897,
S. 83. Kluge, Wörterbuch der Studentensprache S. 102.]
Weimar. März 1869.
81. Dürängeln.
(Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 11, 397 f. 1862.)
Im Grimmschen Deutschen Wörterbuch (2, 1567) lesen
wir: 'Dürängeln, durchprügeln, quälen, plagen, in Hessen
auch düringeln, niederd. dörrangeln, Schütze, Holst. Id. 3,
273. dür ist durch, und wie dürrängeln heisst rängein,
krangeln in der Mark prügeln, rängel Prügel (Frommann
Mundarten 3, 367, 368). Niederd. rangeln ringen, rangen
wild und leicht zu Werke gehen, Schweiz, rangga nörgeln,
etwas durch unablässiges Hin- und Herreden erringen wollen,
Tobler 359a ranggeln, ränggelen sich schläfrig dehnen,
strecken, Stalder 2, 257, engl, w rangle zanken, streiten.
Man sagt in Hessen: der Knabe düringelt seine Mutter den
ganzen Tag und will Geld haben.
0 geh nur hin, du Galgenschwengel,
Du Dölp, eh dass ich dich dürengel. H.Sachs 2, 2, 28a.
Range, ein ungezogener, bösartiger Knabe gehört hierher.'
Mau kann aus dem niedersächs. Wörterbuche 3. 479 noch
81. Dürängeln. 633
hinzufügen Rengel mutwilliger Junge, rengeln mit Zwangs-
mitteln zur Pflicht anhalten, strenge Zucht üben, bestrafen.
Ich glaube jedoch an die Grimmsche Etymologie des auch in
Weimar als dirängeln (quälen, plagen) üblichen Wortes
nicht, da eine andere viel näher liegt, In Kleins Provinzial-
wörterbuch 1, 9 finden wir als in der Pfalz und in Württemberg
vorkommend Angeln, Thür angeln jemand quälen, ver-
folgen, daselbst 2, 189 als coblenzisch Thürängeln quälen,
plagen. In H. Sachs* Werken lesen wir auch thürängeln
gedruckt, ib. 5, 359b (Nürnberg 1579): Du Galgenschwengel,
flugs troll dich, eh ich dich thürängel. In Sigmaringen
sagt man ti rangle, zwischen die Thür klemmen (Frommann,
Deutsche Mundarten 2, 469). Aus allem diesen geht hervor,
dass dürängeln oder thürängeln von der Thürängel ab-
zuleiten ist und zunächst bedeutet: zwischen die Thürängel
klemmen, dann überhaupt: quälen, plagen.
Auf das engste mit diesem Worte hängt ein deutscher
Aberglauben zusammen. Der grosse Schauspieler Friedrich
Ludwig Schröder, der in seiner Jugend in der Familie
eines Schuhmachers in Königsberg lebte, erzählte, dass
man in Königsberg nie das Knarren einer Thürängel
vernahm . ohne ein Stossgebet für die armen Seelen empor-
zusenden, die zwischen ihnen leiden (Meyer, F. L. Schröder 1,
47). Noch heute glaubt mau in der Oberpfalz, dass die |
armen Seelen in den Thürängeln sitzen und grosse Pein 398
leideu, wenn man die Thür heftig zuschlägt oder wenn die
Angel knarrt (Schönwerth, Aus der Oberpfalz 1, 287). *) Die
armen Seelen werden also cgethürängelt\ Man denke endlich
auch noch an die Redensarten 'zwischen Thür und Angel
stecken, legen, sein3, Grimms Wörterb. 1, 345.
\) Auch in England ist dieser Aberglaube bekannt; vgl. Choice
notes from cXotes and Queries', Folklore (London 1859) p. 117.
634 ^ur Wortforschung.
82. Kunzenjägerspiel.
(Die deutschen Mundarten, hsg. von Frommann 6, 369 f. 1859.)
Dem oben 6, 236 f. *) ausgesprochenen Wunsche zufolge
teile ich hier einige Stellen zur Erläuterung obigen Wortes mit.
Philon [B. Auhorn] sagt in seiner Magiologia 1675,
S. 543: 'Nun sind die Kunststuke der Gaukler, Seyldänzer,
Taschenspieler, Kunzenstäuber weder wahrhafft und ehrbar,
noch lieblich; weder nuzlich, noch Christlich, sondern viel-
mehr leichtfertig, schändtlich, vncl mehrmahlen gar Teufelisch. D
Von einem satirischen Gedicht gegen die Jesuiten lautet der
Titel: '"Wohlverdienter Messkram für den köstlichen (scilicet)
Fewerzeug. Welchen ein Jesuwider zu Moltzheim der seinen
Orden verlassen, vnd ein Schlosser worden, wieder der Statt
370 Strassburg Jubelpredigten Disputa- tiones vnd Orationes
geschmiedet, vnnd auff derselbigen Weinachtmess diss
Anno 1619 Jahrs, ohne guten Zundel vnnd Stein feil gehabt,
vnnd den Leuthen verkaufft. Neben kurtzen angehenckten
bericht, von Peter Roesten, der wieder vnser rechtes Jubeljar
ein Pseudojubilaeum geroestet: vnd von Philipp Curtzen,
der mit Herrn D. Joach. Clutenii carmine den Cuntzen
spielen wollen etc. etc. Strassburg, bey Christoph von der
Heyden, 1619." — Daselbst heisst es S. 3:
Ist nicht ewer mess ein bettlersjupp,
Von viel schnitzlein der bäpst ein supp,
Über all gestickflickt und schuhpletzt,
Mit menschliche fantasey versetzt,
Als sind Vigilien, Seelgeräht,
Jahrbegängnüssen, früh und spät,
"Weihung der kertzn, Bettfarterey,
Die Sancteorapronobische litaney,
Die palmesel, albein und caseln,
Chorkappen, schellen und handfaseln,
Und wer ist, der erzehlen will
Solch Fabian und Cuntzenspiel.
l) [Dort hatte D. (? Sanders) auf Fischarts Bienenkorb 1582,
Bl. 14 b hingewiesen und Frisch 1, 558a sowie Stieler 953. 1233 citiert.
Jetzt vgl. Grimm, DWB. 5, 2751 'den Kunzen spielen', 'den K. jagen';
2755 'Kunzenjäger', 'Kunzenspiel'.]
84. Rosen und Blumen. 635
83. Witte Stock.
(Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung
4, 26. 1879.)
Eii Man, de mit en witteu Stock in de Welt geiht
{F. Reuter, Stromtid 1, 5). — De Man, de morgen mit en
witten Stock darvon geilit (ebd. 1, 12). — Wil nu beide sau
wit weren, dat se niit'n witten Stocke ut'n Dore gan können
(Ludw. Schulmann, Norddütsche Stippstörken und Legendchen,
2. Aufl. Hildesheim 1858, S. 22).
Der weisse Stock ist sonst das Attribut des Bettlers,
und gerade im Butjadinger Land, wo das Erbrecht . . . den
Witwen kein Erb- oder Niessbrauchrecht an dem Nachlasse
ihres Mannes zugesteht, legt man sprichwörtlich den Witwen
die Klage in den Mund : Ick bün doch mines Mannes Hör
nit wäsen, dat ick mit n witten Stock van de Stä afftrekken
schall (L. Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzog-
tum Oldenburg 2, 252).
Vgl. Korrespondenzblatt 2, 68. 4, 26.
84. Rosen und Blumen.
(Aus der Besprechung der 'Reisen des Johannes Schiltberger
1304 — 1427', hsg. von K. F. Neumann 1859; Germania 7, 375. 1862.)
S. 125 heisst es: 'Sie haben kein genial noch kein bild
in den tempeln, nur ir geschrift. gewächs, rosen und plumen
haben sie darinn.J Diese Verbindung 'Rosen und Blumen'
statt 'Rosen und andere Blumen' kommt zuweilen im Mittel-
hochdeutschen vor. Gottfried von Neifen 11, 35: im stet diu
liebe beide bar der wunneclichen bluomen und der Hebte u
rosen rot; 21, 7: beide bluomen unde rösen rot. Döring
VII, 1 (in v. d. Hagens MS.): von bluomen unde rosen rot.
Hadlaub XX, 2: bluomen unde rösen rot. Gesamtabenteuer
nr. 89, 49 und 186: rösen und bluomen. [Konrad von Würz-
burg, Engelhart 3128: die bluomen und die rosen rot] Vgl.
\Y:,i\ Zur Wortforschung.
Elienheim 1, 1: viol, rösen, liljen, bluomen. Hadlaub XXVI. 1:
vinl. rösen, bluomen, kle. Tannhäuser VII, 2; bluomen rot,
darzuo viol unde kle. [Grimm, D. Mvthol. 725: violen und
die blumen bringen uns den sommer. Kellers Fastnachtspiele,
Nachlese 47: rosen, plumen.] Konrad von Würzburg X, 1
und XI, 2 [Engelh. 477] nennt das Gefilde cgeroeset und ge-
bluemet'\ — Für das Neuhochdeutsche vgl. Hans Sachs, Folio-
ausgabe 1, 117d: blümlein und rosen; 3, 1. 15 d: der röslein
und der blumen; 3, 2, 176a: rosen, feill und blumen: 1, 4a:
rosen, lilien und blumen; 1, 399a: würzen, liljen und blumen;
[Lieder ed. Goedeke, nr. 5, 1: von veiel, klee, lügen, rosen
und blume] 1). — [Auch im dänischen Kiuderliede (Kristensen,
Danske Börnerim 1896, S. 318, nr. 2302) heisst es: cat
plukke de Roser og Blomster sä skjönne.3]
[Ebenso häufig ist in der italienischen Dichtung seit alter
Zeit die Verbindung 'rose e fiori\ Cinque sonetti antichi,
tratti ... da A. Mussafia nr. 2:
Ad una fiata in un giardino entrai,
Ked era fatto per gran maiestria,
Ke flori e rose et alboscelli assai
Cum dolci pomi tuttor vi floria.
Feliciano Antiquario, Justa Vittoria (Papanti, Catalogo 2, XI):
getavano a terra rose e fiori; ebd. 2, XVI: portarömi nel
grembo rose e fiori. — Marcoaldi, Canti popolari umbri,
liguri, piceni 1851, S. 56: lo capezzal diventi rose e fiori. —
Nannarelli 50: Tutta di rose e fiori la coprite. Giannini, Canti
pop. della montagna lucchese 1889, S. 224: L'era in piazza
che negoziava E negociava di rose e di fiö.' Ebd. 284: Tutti
quanti siamo noi, Canta canta rose e-ffiori! — Bernoni,
Preghiere pop. veneziane nr. 36: Canta, canta rose e fior,
che xe nato Nostro Signor. — Finamore, Tradizioni pop.
abruzzesi 2, 25 nr. 93: Depingere te varreje de rosJ e ffiore.
— Propugnatore 23, 284: di rose e fiori e alcuna violetta. —
Bolza, Canzoni pop. comasche 1867, nr. 27: pien de rös e
') Vgl. auch 3, 2, 203 c: all feindselig vögel und raben. [Fastnacht-
spiele ed. Goetze 1, 117 v. 64: da asa ich hüner, vögel und gens;.
1, 119 v. 149: gehst umb mit vögeln und mit tauben.]
Rosen und Blumen. i;;|7
pien de fiör. — Corazzini, I coraponimenti raiuori 1877: töta
piena di rose e fiur. — Rivista della lett. populäre 1, 90
(römisch): te vorria eopri' de' rös' e ffiöri. Ebd. 1, 61: A
despicher rose e fiur. — Nigra, Canti pop. del Piemoute
1888, nr. 19, 11: piantran die röze e fiur. — Ferraro, Canti
pop. monferrini 1870, nr. 29, 15: Simma di culla tumba Aj
piantrumma rose e fiur. Nr. 39, 53: Ra nie bucca ra sa di
tera, E ra vostra rose fiur; Dvive baseme quandi jera viva,
Quandi ca jera rose e fiur. Nr. 40, 7: Titt piantä a rose e
fiur. — Imbriani, Canzonette infantili pomiglianesi nr. 43, 2:
rose e sciure. — Pitre 2, 68: un gran cannistra di rose e
di sciuri. — Schuchardt, Ritornell und Terzine 1875. S. 40.
(nach Nannucci, Manuale2 1, 121. 129. 309): rosa e fiore;
rosa e giglio e fiore aloroso. (nach Tigri 1, 73): Pili che non
e di maggio rosa e di fiore. (1, 104): Odora piü d'un liian-
dorlo e d'un fiore. — Boccaccio, Decamerone 4, 2: Egli ne
portö subitamente l'anima mia tra tanti fiori e tra tante rose,
che mai non se ne videro di qua tante1). — B. Schmidt,
Griechische Märchen 1877, S. 186, nr. 52, 4: §6Sa stai avdia
^r?iOvluiofieva.]
*) Ähnlich A. Graf, Koma 1, 270: fiori e gigli. Torraca, Riformatori,
S. 10: fiore e giglio.
Nachträge.
S. 32, Z. 10. Vgl. zu den Schönheitskatalogen ver-
schiedener Länder noch S. 418 unten.
*
S. 147. Über den ersten Besuch Poerios hat Goethe
in seinen Tagebüchern (10, 109. 1899) am 2. Oktober 1825
vermerkt: 'Mit Empfehlungen des Grafen Bombelles Herr
Poerio aus Neapel.' — Am 4. Oktober: Toerio von Neapel.3
— Auch die Besuche am 19. Oktober und am 5. und am
13. Februar 1826 hat Goethe (Tagebücher 10, 158. 161) ver-
zeichnet.
S. 155 unten. Aus Goethes Tagebüchern (4, 186. 1891)
erfahren wir, dass er am 18. Februar 1811 die 'Novelle
Galanti del Padre Atanasio da Verrocchio. Londra per Barker
1800' empfing, nachdem ihm am 9. Februar der von Büsching
herausgegebene arme Heinrich zugegangen war, und wieder-
holt abends darin las (20., 25., 27. Februar; 9., 24., 29. März).
Ob er sie vom Chevalier O'Hara oder etwa von Meyer leih-
weise erhielt, bleibe dahingestellt.
*
S. 157 oben. Knebel traf zu Anfang Januar (am 4.)
1814 mit seinem Sohne bei Goethe ein. Am 15. Januar
notierte Goethe in seine Tagebücher (5, 92. 1893): 'v. Knebel
Prete Ulivo', was in der Anmerkung des Herausgebers
(S. 345) missverstanden ist.
*
S. 193, Z. 8 lies 1618 statt 1648.
Nachträge. 639
S. 211. Zu den lateinischen Anrufungen des Schlaf-
gottes liefert auch der Cambridger Professor James Dup ort
(160Ü — 1679) in seinen 'Musae subseciväe3 (Londini 1696)
p. 230f. eiuen Beitrag. Diese ziemlich frostige Litanei, der
noch 31 ähnliche griechische Hexameter (Jevgo /ioi "Ynve
nhiovt &avdxov y.)]g(k te fxekaivrjg) folgen, möge um der Schluss-
pointe willen hier eine Stelle linden:
A d S o m n u m.
Somne. veni et vinci grata mihi compede sensus,
Saltem ut nocte quies sit mihi, Somne, veni!
Somne quies rerum, placidissime, Somne, deorum,
Omnia qui vincis, tu mihi, Somne, veni!
5 Somne o jtavdafidxcoQ, hominum rex atque deorum,
Ipso qui minor es nee Jove, Somne, veni!
Somne, veni, frater durae tu languide mortis,
Human ae et vitae pars bona, Somne, veni!
Somne, animi requies lassaeque vacatio mentis,
10 Justitium et sensus, tu mihi, Somne, veni!
Somne ad amussim aequans omnes, qui denique regi
Par famuloque venis, tu mihi, Somne, veni!
Somne veni, qui fers eunetarum oblivia rerum,
Cognate o Lethes inelyte, Somne, veni!
15 Somne veni iueunde, Xvwv fieXsdrjfiaza Oruov
Et defessa fovens eorpora, Somne, veni !
Somne, veni, mihi pelle graves et pectore curas,
Ne studeam in lecto dum cubo, Somne, veni!
Somne veni, vigiles ne sint mihi semper ocelli
20 Regulus et fiam, tu mihi Somne veni!
Somne veni, per te, gelidae qui mortis imago es,
Quaeso, mori n t discam, tu mihi, Somne, veni!
S. '221 unten. Über die Wiederbelebung der ge-
bratenen Hühner giebt Child (oben S. 2231) viele
Nachweise. Vgl. noch Passional ed. Hahn S. 223,
47 — 225, 85. Hermann von Fritslar bei Pfeiffer, Deutsche
Mystiker 1, 167 — 169. Hermann von Sachsenheim, Das
sleigertüechlin (Meister Altswert ed. Keller 1850 S. 230, -24).
Leben der Heiligen, Nürnberg 1488 (Balt. Studien 30, 211).
Dat leuent der hylgen effte dat Passionael, Basel 1517,
Bl. 100. X. Gryse, Leienbibel, ander Deel (Rostock 1604),
Bl. Lija: 'van Josephs Osselin vud Eselin, van S. Peters
(540 Nachträge.
Hanen vnd S. Jacobs Hönern vnd van anderen Wedehoppischen
vnd Kukukischen Vögelen. J Bild mit Reimen in der Marien-
kapelle zu Peiting: Sepp. Altbayerischer Sagenschatz 1876,
S. 652 — 655. Agathenried bei Schliersee: Sepp S. 656.
Bild in einer Jakobskapelle hei Mittenwald: Alpenburg,
Alpensagen 1861, nr. 135, wo auch ein Deckengemälde der
Jakobskirche in Innsbruck angeführt wird. Erasmuskapelle
bei Willisau: Lütolf, Sagen a. d. fünf Orten 1865, nr. 334:
Bürli, Schweizer. Archiv f. Volksk. 2, 223. Jakobskapelle
zu Grossenhain: Griisse, Sagenschatz des Kgr. Sachsen S. 74.
Die nd. Redensart 'dat is upflägen mit Sint Jacobs Hönern5
heisst: so plötzlich, wie die Hühner der Legende lebendig
wurden (Schiller, Zum Tier- und Kräuterbuche des mecklenb.
Volkes 3, 14 b. 1864). cDo flog ik up mit Jakobs Höner'
= die Röte flog mir ins Gesicht, von Wallung im Blute
(Schütze, Holstein. Idiotikon 2, 154. 1801). cEinen dem ge-
meinen Häuften und St. Jakobs Hünern befehlen5 = seiner
Wege gehn lassen (1609; nach v. Bülow, Baltische Studien
30, 211. 1880). A. v. Tromlitz (v. Witzleben), Die Legende
von S. Domingo de la Calzada (Sämtliche Schriften, 3. Aufl.
20, 375. 1864). Rob. Southey, All for Love, or The Sinner
well Saved, and The Pilgrim to Compostella, or A Legend
of a Cock and a Henn (London 1829). Gaidoz, Le pelerinage
de St. Jacques de Compostelle (Melusine 6, 23. 25. 69. 1892),
wo ein Holzschnitt des 16. Jahrhunderts mit französischen
Versen, eine piemontesische Volkssage und ein Bild in der
Kirche zu Murat (Cantal) angeführt und auf ähnliche Sagen-
züge bei J. Nicius Erythraeus (Rossi), Exempla 1644, p. 187 c.
155 (Altilia, quae die sacro Parasceues in prandium viri
principis haeretici allata fuerant, reviviscunt atque e patinis
evolant) und Serafino Razzi, Giardino d'essempi 1720, p. 43
nr. 2 verwiesen wird. Dagegen erzählt Jacobus de Cessolis
in seinem vielfach übersetzten Schachbuch (Kunrat von
Ammenhausen, Schachzabelbuch ed. Vetter 1892, S. 650
v. 16126) die Legende des in Toulouse gehängten Jakobs-
pilgers ohne das Wunder der wiederbelebten Hühner. — Abr.
a S. Clara, Judas der Ertz-Schelm 3, 161 (1692. Rebhühner
Nachträge. l!41
am Feiertag gekocht entfliegen) und 342 (Johannes a St.
Facundo belebt einen gebratenen Vogel). — Sage von den drei
Rebhühnern in der Marienkirche in Mühlhausen: Thüringen
und der Mar/. 6, 20 (Sondersh. 1842); gereimt von VY. Berger-
Haacke in J. (iünthers Grossem poet, Sagenbuch des deutschen
Volks 1. 17-'l (Jena 1844). -- E. Koler, Alemannia 13, 42.
In einigen Hss. des Evangelium Nicodemi (Thilo. Codex
Apocryphorum N.T. 1, CXX1X. 1832. Tischendort'. Evangelia
apoerypha 1876, p. 290) findet sich dasselbe Wunder in die
Geschichte des Judas Ischariot verflochten. Nach verübtem
Verrate kehrt Judas zu seiner Frau heim und fordert einen
Strick, um sich zu erhängen ; denn Jesus werde in drei
Tagen auferstehen und ihn strafen. Darauf sagt die Frau:
'So wenig wie dieser Hahn, der auf dein Feuer brät, krähen
kann, so wenig wird Jesus wieder auferstehen.' Im englischen
Cursor mnndi p. 913 f. behauptet dagegen Judas seiner Mutter
gegenüber die Unmöglichkeit der Auferstehung Christi, worauf
das Wunder erfolgt, Andrius bei Mussafia, Sitzungsber. der
Wiener Akad. 63(1869), 2061. Nach einer koptischen Legende
(Thevenot. Voyages liv. 2, chap. 75) gebietet Jesus, als Judas
fortgeht, um seinen Herrn zu verkaufen, dem gebratenen
Hahn, ihm nachzufolgen und dann zu berichten, was Judas
gethan. Nach einer irischen Yolkssage (Notes & Queries 5.
ser. 9, 412) springt bei der Verleugnung des Petrus ein
gekochter Hahn aus dem Topf und kräht. - - Auch von einem
Ochsen berichtet eine schwedische Legende ähnliches (Joa.
Vastovii Vitis aquilonia s. Vitae sanetorum regni Sveo-gothici,
Upsaliae 1708 p. 59). Hier erwidert ein Heide in Westgot-
land, der seinen christlichen Hirten Torstenus erschlagen hat,
auf die Vorwürfe seiner Frau: Tarn Torstenum tuum, quem
sanetum et in coelis vivere existimas, plane ita vivum credo,
prout liunc bovem, quem in frusta caedendum conspicis.'
Da richtet sich der eben geschlachtete Ochse zu allgemeinem
Entsetzen wieder auf.
S. 434 oben. Valerius Herberger (f 1(527) sagt in
■seiner Evangelischen Hertz-Postilla, Ander Theil (Leipzig 1697)
Köhler, Kl. Schriften. III. 41
642 Nachträge.
S. 406 b mit offenbarer Anlehnung au Luther: 'Niemand
spreche:
Ich lebe, und weiss nicht wie lange,
ich sterbe, und weiss nicht wanne,
ich fahre, und weiss nicht wohin.
mich wundert, dass ich frölich bin.
Sondern wer an Christum glaubet, der sage:
Ich lebe, so lange es GOtt gefällt,
ich sterbe, wenn mir GOtt die Stunde bestellt,
ich fahre, und weiss wohin,
in GOttes Hand stehet all mein Sinn,
mich wundert dass ich traurig bin.' —
Herberger liefert auch in seiner Epistolischen Hertz-
Postilla (Leipzig 1697) 1, 200a einen Nachtrag zu den oben
2, 78 zusammengestellten Klagen über das Entschwinden
der Tugenden: 'Vor Zeiten sungen die Schüler am
St. Gregorii Tage:
Die "Warheit ist gen Himmel geflogen,
die Treu ist übers Meer gezogen,
die Gerechtigkeit ist vertrieben,
die Untreu ist in der Welt geblieben.'
S. 550. Einen ähnlichen Segen gegen das Zahnweh
bringt Zahler, Die Krankheit im Volksglauben des Simmen-
thals 1898, S. 110 bei.
#
S. 562, Z. 10 von unten lies 776 statt 176.
*
S. 188'. Auch Happel, Relationes curiosae 1, 351b
(1683) erzählt die Geschichte, nennt aber statt Leipzig nur
'eine berühmte und wohlbekannte Stadt" als Schauplatz.
Register.
A schreien die neugeborenen
Knaben. E die Mädchen 596.
Abele, M. 34.
Abergläubisches Recept 495.
Abraham a Sancta Clara L85.
197. 640.
Abschied Sterbender von der
Xatur 52.
Acta Sanctoruni 225. 519.
Adams erster Schlaf 10(i.
Addison 609.
Adolphus 2! Ml.
Aeneas Sylvius (Piccolomini) 49.
Affen nach der Hölle treiben 608.
Afsos 242 f.
Agricola, J. 320. 329. 354.
Ahmedi (Iskendername) 3'iS.
Aladdins Lampe 202 f.
Alamodisch Technologisches
Interim 45 f. 255.
D'Albert, E. 173.
Alberns. E. 412. 616.
Albmus, P. 415.
Albrecht von Eyb 27.
— von Scharffenberg 512.
Alfieri 148.
Alt'ons von Aragon 92.
AI Motamid 372.
Alte verfeindet ein Ehepaar,
listiger als der Teufel 12.
Altersstufen 30:!.
Altswert = Hermann von Sachsen-
heim.
Alunno, F. 30.
Ambros, A. W. 200.
Amilha 591.
'Amor vincit omnia' 418.
Amyntor, G. v. 273.
Ananisapta-lnschrift 577 f.
anbinden 419.
Ancona, A. d' 10. 190. L95.
Andrea. Job. 18.
Andreasgebet 271.
Andrius 641.
Androphili curiöse Reisebeschrei-
bung 615.
Anhalt: Christian d. J. zu A.
14.
Anhorn, B. 269. 281. 634.
ankleiben 414.
Anselm Turmeda 70. 368.
Antonio di Meglio 181.
Antonius Panormita 92.
Apel, J. A. 200.
Apokryphen: s. Nicodemus.
Apollonia. die heil. 547 f.
Apollonidas 211.
Apollonius Khodius 275.
A|)pellativnameu 615 — 618.
Arden of Feversham 598.
Ariosto, L. 1. 2 f. 173 f. 264.
Arlotto 12 f.
Aufgaben: weder nackt noch be-
kleidet kommen 513 f. —
Freund und Feind mitbringen
514.
Augen: Weinende A. haben
süssen Mund 540.
41*
<;n
Zur neueren Literaturgeschichte und Volkskunde.
Ä-Ugsburg: Handschrift 429.
Augustinus 310. 601. 602.
Aurifaber, J. 431.
Ayrer, J. 24. 466. 481. 484. 610.
Bad am Johannistage 602.
Bau-Mtt.-i. .1. B. }-2K
Bälde, J. 134. 218.
Bandello, M. 177.
Barse 415.
Bart, Gr. 449.
Batacchi, D. 3 f. 155-169. 638.
Bauer im Lied 419.
Bauerntochter, die kluge (Grimm
94) 514.
Bautzen: Aufführungen 54.
Beaumont, Mad. de 13.
Bebel, H. 23. 29. 32. 61. 69. 70.
72. 73. 74. 211. 354. 434. 610.
Becher 455.
Beda 571 f.
Belagerung als Werbung dar-
gestellt 371—413.
Belgrad erobert (Lied) 391 f. 393.
Beizer, B. Komödiant 57.
Benfey, Th. 306 f.
Bentzel-Sternau 184.
Berger-Haacke, W. 641.
Bergliederbüchlein 353. 357.
Berg op Zoom belagert 392.
Beider, M. 423.
Berlin: Handschriften 379. 393.
Bernhard von Clairvaux 446.
Bertoldo: s. Croce. — 13. 15.
Bertrandus, Nie. 225.
Bertuch, F. J. 273.
Besser, J. v. 106.
Bettlerspruch 558 f. 560. — s.
Stock.
Bibliotheque des Romans 95 — 100.
Bignon, J. P. 202.
Bion 275.
Bitzius, A. 563.
Bletz, Z. 34.
Blumaucr 88.
Blumenbach 148 f. 150.
Boccaccio 61. 67. 69. 163. 165.
173 f. 606. 637.
Bochäri 1 63.
Bock zur Hochzeit geschenkt
608.
Bode, J. J. C. 132.
Boeder, J. W. 579.
Boie 173. 174.
Bologna: Handschrift 214f.
Bombelies, L. v. 147. 638.
Bonaventura 216.
Boppe 514.
Bor, P. 386.
Böttiger, K. A. 101.
Bouschet. Joh. 62.
Boxberger, R. 88. 92.
Bracton 221.
Brand, M. 176 f.
Brant, Seb. 527. 532. 626.
Brantome 30.
Breisach belagert (Lied) 393 bis
397. 413.
Brentano, C. 321. 558 f. 581.
Breslau eingenommen (Gedicht)
411.
Breytenbach, B. v. 61. 73.
Britten, ,T. 593.
Brodacht, D. 419.
Brömel, W. H. 194.
Brüder: drei gute B. (Wund-
segen) 552 — 558.
Brunetto Latino 596.
Brusonius, L. D. 61. 64. 65. 67.
BrustHeck: s. Kilian.
Brydone 164.
Buchanan, Gr. 210.
Buchettino 158.
Bülow, E. v. 155. 190.
Bürger: (563). Kaiser und Abt
534. Lenardo und Blandine
173—180. 182.
TBürgerlust' (Goedeke 2 3, 266)
523.
Byron 149.
Caballero, Fernan 328. 343. 543.
Caesarius von Heisterbach 226.
Calderon 211.
Calixtus 226.
Calmeta, V. 29 f.
Cambridge: Handschrift 443.
Campriano : Storia di C. 13.
Register.
645
Cartwright, W. 591 f.
< 'asalicchio, C. 12.
Cassel, P. 294.
< iasti, i riamb. L56. 157.
Castiglione, B. 61. 68. 251.
Cats, .1. 32.
Caviceo, GL 101 — 104.
Cervantes 8 1 f. 548.
Chaucer, G. 304. 590 f. 609.
( Iholieres, N. de 30.
Choul, J. du 567.
Christoforo Armeno 163.
Christus: s. Jesus.
Ciacouius, A. 519.
Cicero 211.
Cintio dei Fabriaii 164. 251.
('iura: s. Abraham.
Claudius, ML L06. 273.
Claus von der Flühe 122 f.
— Narr 626.
Clemens Alexandrinus 275.
Cocay, J. 75.
Colm, Alh. 45 f.
Complimentierhüchleiu 6 1 <;.
Coote, H. C. 593.
Cordus, Euricius 68.
' !orneille, P. 54.
Cornelius = Katzenjammer 621
bis 632.
< lorniger, Fr. 29.
Corrozet, A. 7)5.
Cremona: Holzschnitt 445.
Croce, C. C. 8— 16.
Cursor mundi 641.
Cymbelin L65.
Cyrano de Bergerac 83.
Dahlstierna 41 1.
Diilin. O. v. 41 I.
Dangkrotsheim, Konrad 541.
Dannhauer, J. C. 187. 188.
Danzig belagert (Gedicht) 392.
Volksbelustigung 607.
Dekker, Th. 55 f.
'Der über uns' 167 f.
Deschamps. E. 600.
Deuteromelia 598 f.
Dieb überlistet (vergrabener
Schatz) 6 1 f.
Diebelichter aus Händen ange-
borener Kinder 280 f.
Diepenbrock, M. v. 218.
Dinge: die stärksten D. 306.
unmögliche D. 514f. — s. Drei.
Diogenes L.lertilis 13.
Disciplina clericalis: s. Petrin.
Divkovic 317.
Döbel, H. W. 453f.
Dohrn, C. A. 6.
Doman, J. 355.
Domenichi, L. 73. 610.
Domenico Burchiello 181.
Dominicus, der heil. 225. 228.
277.
Doni, A. F. 162.
Dorat, C. J. 162.
Drei Dinge machen mich traurig
I 12—449.
Dresden : Handschriften 167. 294.
I )schami 368.
Dunger, H.Kind erlieder 351 — 355.
Duportus, J. 251. 639.
dürängeln 632 f.
Düring 635.
Eberhard von Württemberg 519.
Ebner 68.
Echo-gedichte 16.
Ehe: Auslegung der E. 617.
Ehenheim 636.
Einsiedel, F. H. v. 202.
Elberling, C. 202 f.
Elbing belagert (Lied) 406.
Emser, H. 527.
Ende, J. 439.
Enenkel 606.
Engafios: Libro de los e. 30'.).
Engel: flog durchs Zimmer 542 f.
Neun Chöre 507 f.
Engelgebet 271. 320—351. 353 f.
Engelhardt 196.
Englische Comedien und Trage-
dien 45. 46. 48. 54 f. 62!).
631.
Enxemplos: Libro de los e. 12.
Enzenberg, H. v. 437. 439.
Eppendorf, EL v. 92f.
Epple 273.
646
Zur neueren Literaturgeschichte und Volkskunde.
Erac litis 511.
Erasmus, D. 61. 72. 93. 273.
Ernst, J. £>. 56. 188.
Erythräus, J. N. = Rossi.
Eschenbach : s. Wolfram.
Est est est (der deutsche Zecher
in Montefiascone) 14f.
Etienne de Bourbon 12. L6.
Etterlin, P. 61. 64. 122.
Ettlingen : Riehtschwert 45 1 .
Eugen von Savoyen 388 — 392.
Eulenspiegel 17 — 22. 61. 563.
616. 626.
Eurelius, G. = Dahlstierna.
Eva, die neue 13.
Evangelisten im Nachtgebet an-
gerufen 327. 338. 340 f. 349.
Evangiles des quenouilles 267.
Ewigkeit: Bild der E. 4] 8 f.
Eyb: s. Albrecht.
Eyering, E. 541.
Fabras Pictor 580.
Fabliau de la male dame 43.
Fabricius, Pet. 255.
— Tob. 61. 74.
Facetiae facetiarum 622 f. 626.
Falk, J. 161.
Fastnachtspiele 615. 636. — s.
Freiheit, Kaiser, Sachs.
Faust: Drama 55. 273. — Volks-
buch 563.
Feliciano Antiquario 636.
Fell versaufen 611 — 615.
Fenchlerin, 0. 251.
Fessler, J. A. 273.
Feuer am Johannis- und Oster-
tage 602 f.
Feuersegen: s. Segen.
Feyerabend 492.
Fiedler, J. 174.
Finckius, C. 311.
Fischart, J. 15. 16. 24. 28. 29 f.
32. 484. 532. 615. 616. 617.
634.
Fischer, H. 435.
Flateyjarbok 341.
Fleischer (Gerber) : Fastnachts-
belustigung 606 f.
Fleming. P. 408 f.
H. F. v. 452 f. 471 f. 480 f.
Florenz: Handschrift 27.
Folk-Lore Record 589-594.
Fol/,, H. 24. 525 f.
Fortlage C. 218.
Fortunatus-Drama 47.
Fortunius, J. F. 445.
Fouque 273.
Frank 281.
Frankland, Th. 193.
Frau: widerspenstig, ertränkt
(La pidocchia ostinata) 16.
Widerspenstige gezähmt 40
bis 44. — F. mit Pferd ver-
glichen 33. — Schwangero F.
von Räubern aufgeschnitten
279—292. — Drei heilige F.
(Segen) 557.
Frauenlob, Heinrich 500 f. 511.
Freiberg: s. Johann.
Freibitten vom Galgen 251.
Freiburg i. B. erobert (Lied) 398.
Freidank 314. 368. 506^ 520. 539.
Freiheit (Fastnachtspiel) 465.
473. 474. 504. 521.
Freischütz-Sage 200 f. 49:;.
Freudenberg, E. M. 188.
Frev, J. 67. 68. 69. 70. 71. 72.
73. 74. 164. 166. 167. 418.
615.
Friedrich mit der gebissenen
Wange: Grabstein 328 f. 354.
Friedrichshall belagert (Lied)
410.
Frisch, J. L. 455.
Frischlin, N. 73. 542.
Fuchs: CF. oder Has' 254 f. 471. F.
und Rabe 594. — s. Pi'ellen.
Füeterer, Ulrich 540.
Funckelin. J. 434.
Galge:
freibitten s.
GJaidoz, H. 564.
Galland, A. 171.
vom G.
Verbrecher.
Garcin de Tassy 242 f.
Gatte, der heimkehrende 229 bis
235.
Register.
647
Gazaeus, A. 225.
Gebet der Rettier 560. s.
Jesus, Kindergebet.
Gebhard von Konstanz 51!».
Geheimsprache der Kinder 354.
Geibel, E. 219. 220. 221.
Geiler von Keisersberg 556.
(iellert 83—88. 89 f. 273.
Gellius, A. 580.
Genesis ahd. 368.
Gengenbach, P. 226 f. 353. 415.
417.
Genovefa 563.
Gent: Handschrift 519.
Georg, der heil. 519.
Gereclitin'keir vertrieben (i42.
Gervasius von Tilbury 553.
( resner, Konr. 520. 521.
Gesprächlieder (Belagerer und
Stadt) 371—413.
Gesta Romanorum 11. englisch
442 f.
Geuzenliedboek 384. 385.
Ghismonda und Guiscardo 173 f.
Giesebrecht, L. 243.
Glanner, C. 524.
Gleim 207.
Gloger. (4. 409 f.
Göchhausen, Frl. v. 133.
Godeau, A. 128.
Goethe: Zwei brasilianische
Lieder 128—132. Der christ-
liche Roman 133 f. Hanswursts
Hochzeit 135 — 144. Iphigenie
150f. Sprichwörtlich 134f.
Tags- und Jahreshefte 605. —
G. und Batacchi 155 — 162.
638. G. und Poerio 145
his 155. 638. G. und Z.
"Werner L97f.
Goltwurm, C. 61. 66. 67. 71. 72.
73.
Gonzenbach, L. 14. 165. 172.
G6sht-i Fryänö und der kir-
gisische Büchero-esano- cDie
Lerche' 365 — 371.
Gosky, R. A. 53.
Gotha: Handschrift 506.
Gottfried von X eilen 635.
Gottsched 136.
fiozzi, C. 172.
Grabschrift": 439 f. komische 69.
88 f. angebliche 428 f.
Grässe, J. G. Th. 200. 491 f.
Gräter 493.
I S-rattelard 503.
Graz: Handschriften 486. 551.
I I recourt 13. 163.
Greflinger, G. 54.
( rregorovius, F. 191.
Gries, J. D. 4. 157. 184.
Grimm, J. 25. 274. 282. 455f.
537. 542. 543. 559. 632. u. ö.
Grimmeishausen, H. J. C. v. 80
bis 83. 629. 630. 631.
Griseldis 55 f. 174.
Grosswardein : Braut zu G. 133 f.
(iruter, J. 13:'».
Gryse, N. 12. 447. 612. 639.
( Juerino Meschino 264.
Gnerrini, O. 8 f.
Gueulette. T. S. 97. 202.
Guicciardini, L. 13. 69.
Gumpelzhaimer, G. 75.
Günther, Chr. 616.
Hadamar von Laber 474. 481.
482.
Hadlaub 635 f.
Hagedorn 13.
Hahn: der weisse, der rote und
der schwarze H. 581 — 589. —
Hahnenschrei vertreibt Teufel
und Gespenster 581 f.
Hahnrei 631.
Ealberstadt: Handschrift 311.
Halm. Fr. (Münch-Bellinghausen)
73.
Hammer, M. 304.
Hancke, Mich. 41 5f.
Handel: Der gute H. (Grimm
7) 14.
Hanging or marrying 251.
Hansjakob 273.
Happel, E. G. 642.
Hardwicke 593.
Hardy, J. 593.
Harlekins Hochzeit 135 — 144.
648
Zur neueren Literaturgeschichte und Volkskunde.
La Harpe 202.
Earris, J. 192. 210.
Earsdörffer 282 f.
I [artmann v. Aue : Armer Heinrich
155. 638. Iweiu 619.
Hase = Narr 626. Theses de
Hasione 625.
Hasenmüller, E. 61. 65.
I [äufungslieder (Kettenlieder,
Zählgeschichten) 305. 355— 365.
Haug, F. 167. 20'.».
Haus, in dein ein Mord verübt
war, zerstört 191.
Hansinschriften 418. 423 f. 428.
438 f. 575.
Haut : up der Hut werpen 606 f.
H. versaufen 611 — 615.
Hävecker 609.
Haxthausen 238.
Heia popeia 352.
Heidelberg: Handschriften 299.
441. 502. 506.
Heidfeld, J. 61. 72. 73. 74.
Heilbronn 423f. Gemälde 435 -437.
Heilige: wunderliche H. (Stol-
prianus, >Schweinhardt u. s. w.)
21. — s. Acta, Leben.
Heimgarten 619.
Heine, H. 357.
Heinrich Julius von Braunschweig
62. 626. 629.
— von Krolewiz 343.
— von Mügeln 511.
— s. Frauenlob, Suso.
Heinricus: Summarium 596. s.
Henricus.
Heliodor 49.
Henker heiratet die zum Tode
Verurteilte 251.
Henne: schwarze H. legt weisses
Ei 12.
Henrici, E. 619.
Henricus Septimellensis 296.
Hentzner, P. 14.
Heppe, C. W. v. 454.
Herberger, V. 434. 641 f.
Herder : Die ewge Weisheit
107 — 131. — Der Friedens-
stifter 110. 121 — 127.
Heresbach 61. 66.
Hermann von Fritslar 639.
— von Sachsenheim 639.
Hermann, G-ottfr. 150f.
Hero und Leander 243.
Herolt, J. 311.
Hertzog, B. 64.
Herzen, sieben 594 f. 283.
Herzogenbusch belauert (Lied)
380—384. 385 f.
Heyden, C. v. d. 634.
— J. v. d. 628.
Heyse, P. 2". »7.
Hieronymus 11. 445. 511.
Hildebrand, der alte 255.
— Eud. 621.
Himmel Papier, Meer Tinte: s.
Und. — Der H. mein Hut, die
Erde mein Schuh 558 — 562.
Hindin: Die verfolgte H. 483.
Hiob: s. Job.
Hirsch, F. 440.
Hoffmann von Hoffmannswaldau
30. 132. 529.
Holberg, L. 626.
Holmström, J. 411.
Hondorff, A. 61. 68. 72. 610.
Hörl, O. A. 417.
Hosemann, Abr. 12. 176 f.
Hugo von Langenstein 300.
— von Montfort 315.
— von Trimberg 368.
Hugo, Victor 196. 340. 591.
Hühner gebraten , wiederbelebt
224. 227 f. 639—641.
Husemann, Ant. 529.
Hütten, U. v. 71.
Ibn Batuta 372.
Ibn Chisdai 539.
ihn Grabirol 452.
'Ich lebe und weiss nicht wie
lang 416. 421-452. 642.
Iffland 198.
Imbriani, V. 22. 145.
immermann, K. 543.
Ingemann, B. S. 432 f.
Inschriften: s. Haus, Segen.
Register.
649
Jäckel (Jockei): Der Bauer schickt
den J. aus 355—365.
Jacob i Segenspruch) 550.
Jacobshühner 639 f.
Jacobspilger gehängt, lebt 223 bis
228. 639f.
Jacobus (Apostel) 505.
Jacobus de Cessolis 640.
— a Voragine 22ti. 278. 505. 547.
Jacomo da Porto 217.
Jacopo Alighieri 31.
Jacques de Vitry 13.
Jagd der Minne 475. 480.
Jagdpredigt 484.
Jäger: die zwölf J. (Grimm 67)
•22:\.
Jage rkunst und AVa idgeschrey 45 7 .
Jäffersagen 4!>3. — s. Freischütz.
Jägerschreie und Weidsprüche
452—484.
'Jammer lernt weinen' 541.
Jena: Johannisfest 605.
Jesus 505. 641. Namen J.-
Gebet 563. — Geburtstag 601.
Job: in Segensprüchen 550f.
Joca monachorum 511.
Jochanan ben Zacchai 293. 308.
Johann von Freiberg 299.
Johannes (Apostel) 276. 546.
- a St. Facundo 641.
- (Täufer) 601 f.
— der treue J. (Grimm 6) 297.
Johannisfest 601 — 605.
Jost, der heil. 550.
Josua ben Levi 308.
Juan Manuel 12. 44.
Judas Ischarioth 641.
Judenspiegel 6 1 .
Jüdische Lieder und ihre Nach-
ahmungen 305f. 357f. 369.
Jungfrau: s. Schönheiten. — J.
als Soldat 221 f.
Jus potandi 627.
Kaiser: K. und Abt 534. Kaisers
Bart wachsen hören 610f.
Kaienberg: Pfaff vom K. 507.
626.
Kalewipoeg 57! i.
Karl Stuart (Tragödie) 56.
Karlsruhe: Handschrift 556.
Karr, A. 600.
Katharinenberg 104.
Katze: mit Katzen ackern 258.
274.
Keisersbefg: v. Geiler.
Keller, Adam 310.
Kestner, H. 239.
Kettenlieder: s. Häufungslieder.
Keyssler 1 4.
Khuddaka Pätha 370.
Kilian Brustfleck 143—145.
Kind, F. 200 f. 246 f.
Kindergebet 271. 320— 351. 353 f.
Kinderlieder 351 — 355.
Kindsmörderin heiratet 595.
Kin-ku-ki-kuan 368.
Kircher, Ath. 574.
Kirchhof, H. W. 12. 68. 69. 70.
166. 167. 221. 274. 594. 610.
Kistener, Kunz 227.
Kleist, E. v. 133.
— H. v. 202. 424—427. (563).
Kiemsee, G. 33.
Kluge, F. 61 3 f.
Knebel, K. L. v. 157. 160. 638.
Knigge, L. v. 563.
Knüttel. W. P. C. 386.
Kobell, F. v. 441.
Koberstein, A. 274.
Koch, K. 613.
Könige, die heil, drei 562.
Konrad von Ammenhausen 640.
— von Megenberg 352.
■ — von Würzburg 6. 520. 538.
635 f.
— s. Dangkrotzheim.
Kopisch, A. 15.
Koran 294.
Körner, Th. 273.
Kortüm, K. A. 273. 302.
Kosegarten 619f.
Krantz. A. 61. 70.
Kräuter der Johannisnacht 604.
Krislma-Micra 368.
Kronen von Laub am Johannis-
tag 604.
Krug. J. 618f.
<650
Zur neueren Literaturgeschichte und Volkskunde.
Krüger, B. 272.
Kulm. A. 335.
— E. 437.
Kunst über alle Künste 45. 56 f.
255. 607 f. 625.
Künzel, F. L. 435 f.
Kunzenjägerspie] 634.
Kurz, F. J. (Bernardon) 28. 143.
— Herrn. 4.
Kwiatkowski 191.
Laber: s. Hadamar.
Lampedusas Bevölkerung 105 f.
Landau belagert (Lied) 398.
Lang, A. 593.
Langbein 13. 161 f. 167.
Langenstein: s. Hugo.
Langmann. Adelheid 556.
Latham, Ch. 590. 592.
Lauremberg, P. 24. 272.
Lauterbach, G. 527.
Lazarillo de Tornies 81. 610.
Leben der Heiligen 639.
Lebensrad 444. 445.
Leberreime 419.
Leffelei : Sätze von der L. 628.
Legenda aurea: s. Jacobus a
Voragine.
Lehmann, Chph. 433.
Leibius, J. 624. 630.
Leichenschmaus 6 12 f.
Leinistänuler = Geck 626.
Leipzig: Handschriften 188. 552.
Leo. Papst: Enchiridion 591.
— L. X. 563.
Leonardo da Vinci 180 — 185.
Lercheimer, A. (Witekind) 61.
64. 73.
Lermil, N. 191.
Lessing 88. 89—95. 167. 195.
Lessmann, D. 155.
Leyer-Matz 419.
Libro: s. Engnaos, Enxemplos.
Lichtenberg, G. C. 204. 209.
Lille belagert (Lied) 388—391.
Lillo 192. 1941'.
Limberg. J. 14.
Lindener, M. 532.
Lohengrin 540.
149.
Lentinus, J. 321.
Lomazzo, G. P. 180.
London: Handschriften 442.
54<). Holzschnitt 444.
Longinus in Segensprüehen ")')'■'>.
Lope de Vega 54. 22 1 .
Lorber, J. C. 484—491. 494.
Lorichius. J. 511. 531.
Lossms, L. 67.
Lotichius, P. 412.
Lottich 10.
Lucia . die heil
551.
Lucian 162.
Ludolf, J. 506.
Lundorf, M. C. 57 — 74.
Luscinius, O. 13.
61. 73. 166. 417.
426 f. 429 — 432.
(Segenspruch)
616.
Luther. M.
421—423.
577. 642.
Luzel, F. M.
Lydgate, J.
235-23S.
304.
Mabillon 272.
Macbül Ahmad 243.
Mackenzie. H. 194.
Macrobius 66.
Magdeburg: Lieder auf Belage-
rungen von M. 373 — 379. 380.
384. 399—410. 412 f.
Magelone 567.
M aihingen : Handschrift
Maiolus, S. 61. 73.
Malespini 164.
Manuale scholarium 631
Manzoni, A. 148 f. 152.
Marcellus Burdigalensis
Marcolfus: s. Salomo. -
im Bienenstock 12.
den Baum wählen, an dem er
hängen soll 12.
Maria: im Zahnwehsegen 54*.».
Marianus. C. 61. 67. 68.
Marienklage 300 f.
Marienlegende 27s.
Marienlied 312. 313.
Marinaeus, L. 223.
Marlowe, C. 55.
Martial 606.
429.
154 f.
553.
- Morolf
M. will
Register.
651
Martin, der heil. 370.
— in Bibrach 421. 426. 428f.
442.
Mathesius, J. 61. 70. 1<>6.
Matthisson, F. v. 212—214. 27:;.
Maupassant, Gr. de 235.
Maximilian I. 437. — s. Teuer-
dank.
Megillat taanit 308.
Meglio: s. Antonio.
Meibom, H. 204. 20!».
Meier, E. 273.
Meir ben Isaak 2'.».'!.
Meisterlieder: Kolinarer Hs. 24.
H. Sachs 17b. 251. H. Vogel
167 f.
Melander, O. 29. 61. 65. tili. 67.
68. 70. 71. 72. 74. 94.
Meletaon : s. Rost.
Melissas: s. Schede.
Mellish. J. C. 209.
Melusine 265.
Memel, J. P. de 188.
Mendoza, D. H. de 81. 610.
Mensch: Van dem stervende
mynsehen 448.
Meran : Inschrift 578. Yolks-
belustionno- 606.
Merseburger Zauberspruch 543.
Metz belagert 375 f.
Meurer 455 f. 487. 495.
.Meyer. Fr. L. W. 182 f.
-, Heim*. 160 f. 638.
Meyfart, J. M. 420.
Meynert, H. G. 201.
Mich wundert, dass ich fröhlich
bin' 421-452. Ii42.
Michael, der heil. 342f.
Michel, der teutsche 76 — 80.
Micraelius, J. 401 f.
Miedes, B. G. 61. tili. 67. 68.
Mittwoch kein Tag 5 1 3 f.
Möbius, Th. 337. '
Moe, M. 167.
Mönch dreimal getötet 164.
Mond: Mann im K. 597— 60i >.
Montaigne. M. 12!) 132. 272.
Montanas. M. 16. 64. 65. 67. 68.
69. 70. 72. 163. 284. 417.
Montefiascone : du- deutsche
Zecher (Fugger) dort begraben
11 f.
Montl'ort : s. Hugo.
Morelles skin 1 I.
Morgante 3.
Morhof, D. G. 132.
Mörike, E! 203—212. 542.
Moritz, K. Ph. 194.
Morlini, H. 540.
Moscherosch, J. M. 15. 69. 629.
632. Sprachverderber 75 80.
Nosellanus, F. 73.
Moser, J. 454 f.
La Motte, Houdar de 163.
Mnhammed, Sohn Abdurrahmans
372.
Mühlen, wunderbare 2 hl f.
Müller. Wilh. 15. 295.
Müllerin: das Lied von der ver-
kauften M. 279—292.
München: Handschriften 24. Hl f.
314. 397. 441. 529. 566. 596.
Münster, Seb. 61. 65. 66. Ii7.
68. 70. 71. 72. 73. 74.
Murer, H. 109 — 128.
Murner, Th. 626.
Myller, A. 60.
Xachtgebete, italienische 341 bis
351.
Nachtwächter in der Litteratur
273. N.-lieder 83—86. 272 bis
274.
Nägelschnitzel verbrannt oder
vergraben 578 — 580.
Narrenstreiche: Eier ausbrüten
14. Mit Fröschen sprechen 14.
Auf Kahlkopf spucken 1 3.
vgl. Arlotto, Bertoldino, Eulen-
spiegel, Marcolfus.
Narva: Schlacht bei N. (Lied) 111.
Nasr-eddin 15.
Neifen: s. Gottfried.
Nestroy _ 12.
Neun Öffnungen des mensch-
lichen Leibes 368.
Nevizanus, .1. 2'J.
Niccolini, G. B. 151.
652
Zur neueren Literaturgeschichte und Volkskunde.
Niccolo Cieco 181.
Nicodemus-EvanffeliuiQ 64 1 .
Nicolas de Troyes 12.
Nicolaus, der heil. 370. Nicohms-
s|iicl 273.
Nicolay, L. H. v. 610.
'Niemals', im Volkslied um-
schrieben 180.
Nonnus 275.
Notfeuer (in.'!.
Novati, F. 443. 444 f.
Novelle: Cento n. antiche 18.
Nugae venales 622. 625. 626.
Nürnberg': Handschrift 188.
Nyrop, K. 600.
Ochino, B. 35—39.
Ochse geschlachtet, wiederbelebt
641.'
Oci als Nachtiffallenoesansf 216
bis 218.
Oehlenschläger, A. 202 f.
Ofen erobert (Lied) 398.
Ogier de Danemarche 228.
O'Hara 638.
Olearius, A. 203.
Olla Potrida 208.
Olorinus, J. = J. Sommer.
Ongaro, Dali' 601.
Opitz 85. 407 f.
Osmund 412.
Ostein, H. H. v. 7 7 f.
Osterlieder, jüdische 305.357.369.
Oswald, St. 511. 512.
Otto, J. J. 188.
Ouville, Sieur d' 610.
Överland, 0. A. 594f.
Ovid 270.
Owen, J. 211. 624.
Oxford: Handschriften 449. 565.
Paganini, P. 341. 350.
Parini. (I. 264.
Paris: Oris de P. 34f. - Hand-
schrift 566. - Schüler zu P.
313.
-, G. 1.
Partonopeus de Blois 6 f.
Passauer Kunst 495.
J'a.-sional 639.
Patenotre blanche 340. White
Paternoster 591.
Pauli, Job. 13. 16. 17. 18. 64.
66. 67. 68. 73. 445. 534.
. S. 433.
Pauliini, K. F. 567.
Pedantischer Irrtum 255.
Pennal: De iure Pennalium 626.
Pestkreuze und Anmiete 572 bis
576.
Petis de la Croix 96.
Petrarca 602.
Petri, F. 433.
Petrus im Zahrnvehsegen 545 f.
549 f. - P. und der Mann im
Mond 599 f. — Verleugnung
Christi, Hahn 641.
Petrus Alfonsi 11. 539.
Petzoldt, J. V. (Komödiant) 144.
Peucker, N. 319.
Pfeiffer, F. 321.
Pferd: Segen wider störrische
Pferde 267 f. 553. — s. Schön-
heiten, Teufelsross.
Pflanzen aus Gräbern 274 — 279.
Pfoundes, C. 593.
Philipp von Hessen 320.
Philo: s. Anhorn.
Philomena (Bonaventuras) 216 f.
Philostratus 275.
Piccardt 386.
Pierce Ploughman 609.
Piron 166.
Piscator, J. 524.
Pitaval, F. Gayot de 95.
Pitre, G. 106/
Plenarium 311.
Plener, J. A. 12.
Plinius 275. 51 9 f. 593.
Plutarch 12. 92 f.
Poerio, A. 145 — 155. 639.
Poggio, F. 16.
Pontanus, J. J. 61. 74. 93.
Pope, A. 91 f.
Porcelli testamentum 15.
Poysel, J. A. 398.
Prätorius, J. 2iV.). 283.
Prellen 606 f.
Register.
653
Priamel 538.
Ptolemäus Hephästion 27.").
Pückler-Muskau, IL v. L98f.
Puymaigre, Th. de 44.
Pyat, F. 30.
Questions enigmatiques 512. 514.
516. 535.
Quirsfeld Li.
Rahe: s. Fuchs.
Eabelais 18. 95.
Ralston, W. R. 8. 5. 593.
Ramler, K. W. 610.
Raraon Lull 539.
Eandolph. T. 628.
Rapperschwyl belagert (Lied)
397.
Rath-Büchlein 503. 506. 510.
513. 517. 522. 524. 526. 528.
531. 533.
Rätsel 354. 473f. 499-539. -Ader-
lassen 537. Bach und AViese
516. Bäcker 531. Bratfisch
505. Bürste 532. Esel 505.
Feuer 354 f. 509. Fische 524.
Floh 557. 617. Frauen zahl-
reicher als Männer 507. Gans
537. Gedanke 538. Gott und
Teufel 5U0. Haferschwinge
537. Haselnuss 536. Himmel
507. Holz 533. Jahr 539.
Jakobus 505. Kapaun 525 f.
Katze und Wurst 519. Kumpf
528. Kind säueren 536. Kirch-
weihfahne 507. Laute (Geige)
529. Löffel 536. Mesner 508.
Mönch 508. Mühle 537. Pferd
und Garten 515. Reif 511. Sack
•~>:i2f. Schatten 504. Schätzen
533. Schneckenhaus 528. Schuh
537. Seinesgleichen 502 f. Sohn
517. Spiegel 530. Spinnrocken
536. Steine 533. Tanz, um-
kehren 532. Ungehoren 517.
Verschiedene Vögel 519f.
Weinfass 528. Weintraube 510.
Wochentage 513. Rätsel-
hafte Aufgaben 509; s. Auf-
gaben.
Botschaften 508 f.
Rätselhucb, Auiyslnirgcr 500.
506. 509. 522. 528. 533.
Strassburger 33. 500. 502.
50(1. 509. 510. 51 1. 513. 517.
522. 521. 526. 528. 530. 533.
Rät sei kämpf (Zahlendeutungen)
366f. 370.
Rauscher, II. 226.
Raymundus Nonnatus 519.
Razzi, S. 6 IM.
Rebmann, A. (i. F. v. 12.
Recueil: s. Stoeterogge.
Regel, K. 6 19 f.
Reifferscheid, A. Westfälische
Volkslieder 238—260.
Reinardus 539. 588.
Reinhot von Dürn 300.
Reinfrit von Braunschweig 416.
Reinmar von Zweter 538 f.
Reusner, N. 89. 94. 210. 509.
511. 521. 522. 527. 529. 531.
Reuter. Chr. 136. 138. 140. 256.
— , F. 635.
Reynitzsch, W. 619.
Rheinfelden belagert (Lied) 393.
Rhenanus, J. 46f.
Rhodes. W. B. 4 f.
Richepin 235.
Richter, Mart. 61. 71. 74.
Riederer, J. F. 167.
Riemer, F. W. 183.
— , J. 316.
Rijndorp 166.
Rinder, J. C. 434.
Rist, J. 626. 630.
Ritter: der christliche R. 118.
Rochholz. E. L. 284.
Rockenbüchel 503.
Rodenburg, D. 221.
Roland (Melodie) 400.
Roll, G. 484.
Rollenbagen, Gabr. 48 — 53.
Rollos, P. 628.
Roman, J. 485.
Romanus-Büchlein 562. 568. 57 1 .
Romulus (Fabeln) 13.
Roquelaure 169.
Rörer, G. 430.
Rose e fiori 636 f.
Qb4
Zur neueren Literaturgeschichte und Volkskunde.
Rosegger, P. 264.
Rosen und Blumen f>:>5 — 637.
Rosenblüt, II. L66. 301.
Rossi 640.
Rost, J. L. 203.
Rota, V. 190.
Rouillet 221.
Rowley. S. 5! »7 f.
Royer, C. I). R. de Nomency 95.
Rubensohn. M. 211. 412.
Rückert, F. 85. 273. 31« f. 412.
620.
Rutebeuf 552.
Rydelius, A. 411.
Saccbetti, F. 39.
Sacer, G. W. 626.
8acbs, H. 12. 23. 64. 92. 167.
251. 532. 615. 632f. 636.
Bachen holen 609. Christi
Namen 512. Eulenspiegel-
streiche 18 — 32. Mönch mit
Kapaun 508. Zwei Ritter von
Burgund 221. Achtzehn Schön
einer Jungfrau 22 — 34. Hürnen
Seufrid 450 f.
Sachsenheini: s. Hermann.
Sackeville, T. 62.
Sajjid Batthäl 511.
Salomo: S. und Marcolfus 8 f.
12. - - S. und der Drache 11.
— Testament 9.
Sammenhammer, J. K. (Komö-
diant) 144.
Sandberg und Vöglein (Ewigkeit)
418 f.
Sanderson, W. 193.
Sandrub, L. 69.
Sarnelli, P. 22. 30.
Sartorius 148 f. 150.
Sator-Arepo-Formel 564 — 572.
Saxo, Mich. 61. 74.
Scarron, P. 89.
Schack, A. F. v. 209. 219. 220.
221. 371 f.
Schafe: Farbe und Geschlecht
aus ihrer Stimme erkannt 596.
Scharffenberg : s. Albrecht.
Schäuffelein, H. 532.
563.
-564.
Wallen-
Schede, P. (Melissus) 212.
Scheffel, J. V. 273.
Scheffer, Sei». 67. 94.
Srhei.lt. C 24.
Schenck, .1. 61. 66. 67.
Schepss, G. 429.
Schiebeier, D. 273.
Schiff, riesenhaftes 59 1.
Schild, der geistliche 562
568.
— , F. J. 569.
Schildknecht, W. 386.
Schildwachtsbücber 562
Schiller: Turandot 171 f.
steiii 170 f.
Schilling, B. 274.
Schiltberger, .1. 511. 635.
Schiltebürger = Tod 618 f.
Schlafoott angerufen 211. 639.
Schlange: zur S. (Fisch) wird
eine Fee jede "Woche einmal
264 f.
Schlegel, A. W. 173. 177. 182.
Schlosser, J. F. H. 184.
Schmeltzl, W. 609.
Schmidlin. A. U. 465. 466. 477..
478. 479. 487. 494—499.
Schmidt, Erich 208. 211.
— , J. F. 207.
— . Matth. 618.
— , Rud. 432.
— , Tob. 606.
Schmied von .Tüterbock (oder
Apolda) 161.
Schnurr. B. 492.
Schönheiten einer Jungfrau 22
bis 33 ; Körperteile aus ver-
schiedenen Ländern 31. 33. —
eines Pferdes 33. 418. — des-
Weines 33 f.
Schönwaldt, A. 542.
Schopenhauer, A. 212 — 214.
Sehreger, O. 506.
Schubart, F. 197.
Schuehardt, H. 545.
Schulmann, L. 635.
Schulterblattschau 5921'.
Schultz, Gottfr. 187 f.
Schumann, Val. 71. 166.
418-
Regi-t. r.
655
Schürer, B. 432.
Schwall, <i. 5.
Schwalbensprache 318 f.
Schwarzenberg, .1. v. 61.
Schweigger, S. 61. 69. 70. 71.
Schwimmerballaden 240 -43.
Serien: leiten als Pflanzen fort
274 f.
Segen und Inschriften : Alpsegen
27 1. Beinverrenkung 543. 551.
Blut 553. Diebe 55! l. 561.
Feuer 568 f. 575 f. Hundswut
570 f. 572. Mundfäule 550.
Nacht 590 f. Pest 572 f. 577.
Pferd 267. 55:5. Schlangenbiss
570. Vieh 562. 568. 578.
"Wanderer 561. Wunde 552 biß
558. Würmer 551. Zahnweb
544 f. vgl. Ananisapta,
Sator, Zacharias.
Segensprüche554 — 558. s. Zauber-
spruch.
Segerus, J. 629.
Seven Champions 519.
Shakespeare: Hamlet 581. —
Macbeth 518. Measure for
Measure 221. Midsummer
Night's Dream 598. - - Taming
of the shrew 40—44. (507 f.
Tempest 598. — Titus Andro-
nicus 54.
Sibote 44.
Sidonia und Tbeagenes 48 f.
Sidrach : Libro di S. 33.
Sieben Löcher im Kopf 368.
Siena : Handschrift 443.
Sifridus presbyter 61. 66.
Simchas hannefesch 309.
Simrock, K. 600 f.
Sindibad-Buch 309.
Smith. Ch. C. 593.
Smyth, W. H. 105.
Somma, M. 12. L3.
Sommer, .1. 627. 629—632.
Sonett, das älteste deutsche 35 f.
vgl. Leonardo.
Sonnenstrahl : Kleider an einem
S. aufhängen 56!'.
Sort des dames 313.
m
Southey, R, 640.
Spagna (ital. Rittergedicht) 3
Spangenberg, W. 616.
Speckseite erhält, wer Herr
seinem Hause ist 609 f.
Speckter. E. lt.
Spiegel, .1. 93.
Spielhansel (Grimm 82) 161.
Sprachen: s. Zweiundsiebzig.
Sprachverderber 75 — 80.
Sprenger, J. 68.
Sprichwörter 416. — apologische
416. — s. Augen, Engelr
Jammer, X.
Sprüche 415 f. — s. Segensprüche,.
Zaubersprüche.
Städte: um S. werben (= sie
belagern) 371 — 413.
Statins 211.
Stein, C. 315.
Steinhöwel, H. 175.
Stengel, G. 12.
Sterbende : s. Abschied, "Wort.
Stettin belagert (Lied) 387.
Stiefel dem Hausherrn 610.
Stöber, A. 601. 610.
Stock : weisser S. Attribut des-
Bettlers 635.
Stoeterogge (Recueil) 95. 316.
Stoppe, D. 88.
Storm, Tb. 169.
Stralsund belagert (Lied) 399.
Stranitzkhy, J. A. 144.
Straparola 44. 164. 172. 540.
Strassburgbesetzt(Lied) 3H7f.398.
Strassenausrufe 35.
Streckfuss, K. 4. 154 f.
Studenten: s. Cornelius.
Stuttgart: Ballet 496. — Hand-
schriften 435 f. 556.
Stutz, J. 13.
Subandhu 306.
Suetonius 606.
Sunnwendfeuer 602 f.
Surius, L. 128.
'suse* (im AViegenlied) 352.
Suso, H. 108—128. 300.
Sutor, A. 523.
Syv, P. 586.
656
Zur neueren Litterat Urgeschichte und Volkskunde.
Tabeus, A. 13. 23.
Tahcin-Uddin 242.
Taille, Jacques de La 1 f . —
Jean .'!.
Tallemant des Reaux 14. 610.
Talmud 293. 306.
Taming of a shrew 43.
Tannhäuser 506. 514. 636. —
Lied 263f.
Tanz: Umkehren beim T. 532.
Tausend und eine Nacht 28. 31.
171 f. 202 f. 368. 540.
— Tag L3. 96.
Tedaldi-Fores 152.
Tennyson 235.
Teodor: Historia de T. 28.
Terenz 95.
Testament Sterbender 246.
Teuerdank 475.
Teufel im Rätselkampfe 370. —
sammelt die Nägelschnitzel
578 f. — durch Hahnenschrei
verscheucht 581 f. — T. und
Wind 600 f.
Teufelsross (Pfaffenköchin,Wirtin,
Schmiedstochter) beschlagen
265—269.
Theander, H. = J. Sommer.
Tbeophrastus Paracelsus 511).
Theuriet, A. 235.
Thevenot 641.
Thiers, J. B. 553.
'Thisabo Redtschor 532.
Thomasin von Zirkläre 368.
Thoraasius 256.
Thoms, W. J. 590 f. 592.
Thorn: Handschrift 432.
Thümmel. A. M. v. 29.
der
armen
Thürangeln. Sitz
Seelen 633.
Tiersprache 539 f.
Tilly: s. Magdeburg.
Tirol von Schotten und Friede-
brant 512.
Tirso de Molina <i.
Titius, J. D. 129 f.
Titurel: s. Albrecht.
Tobler, L. Schweizerische Volks-
lieder 260—274.
T« -Ileus. H. L62.
Toppen. M. Volkstümliche Dich-
tungen 414—421. 432.
Tratzberg: Inschrift 437.
Traugemundslied 4(55. 473. 474.
511. 520.
Tiimberg: s. Hugo.
Trinius 273.
Tristan 277. 519. 541.
Triumphwagen, Herrlicher 630.
Tromlitz (v. Witzlehen) 640.
Tübingen : Handschrift 423.
Tugenden entfliehen 642.
Tünger, A. 166.
Tylor, E. B. 59:',.
Uberenzig 60.
Unland, L. 5.
Ulenhart, N. 81.
Ulrich: s. Füeterer.
'Und wenn der Himmel war
Papier' 264. 293—318.
Ungeborene Helden 518 f.
Unmögliches: s. Dinge.
Urrea, H. de 3.
Uzielli, G. 181.
Tastovius, J. 641.
Vega: Ludov. de la V. 225. 228.
— s. Lope.
Vendidad 580. 581.
Verbrecher: verurteilter V. von
einem Mädchen freigebeten,
das er heiratet 251. — Ver-
brecherin ebenso vom Henker
oder einem andern Manne 251.
595.
Vergil 275.
Verrochio, A. da (Batacchi) 156.
162. 640.
Verstecken : einen Becher in je-
mandes Tasche , um ihn 'als
Dieb zu verklagen 228.
Vierzig Veziere 96.
Vikramäditya 519.
Villemarque. La 236. 244. 306.
Villon, F. 17.
Vincentius von Beauvais 166.
278.
Regi>:<M'.
657
Vintler, H. L3.
Yitae 1 *;i t l-llln 1 13. 1 15.
Yockerod, G. 485.
Vogel: wunderbar singender V.
L70f. V. entflieg! dem
Kinde 215. ■ — Eigenschaften
verschiedener Vögel 519 — 524.
Vogel, H. 167.
— J. J. 187 f.
Volksbücher 174 f. 177-. 203. 563.
Volkslieder: b rasilianischl28
bis L33. bretonisch 235
bis 238. 306. Anne Cozik 236.
Anne le Gardien 238. Isabeau
le Jean 244. Maguerite Lau-
rent 227. Lt's matelots 2:57.
Sieur Nann 277. Les Sarra-
zins 237. — b u 1 g a risc h 1 IM .
595. — c a t a lani s c h : Herodes
228. Pilger 22:5. Räuber 283.
Tochter des Mallorkaners 237.
d äni s e b 2:58. Toter
Bräutigam 585. Friedrichshall
411. Jungfrau verteidigt ihre
Ehre 238. Jesuskind. Stephan
und Herodes 223. Tote Mutter
584. — deutsch: Abscbied 52.
25»'. 257. 259. 420. Andreas-
gebet 27 1 . Birnbaum 256.
Braut zu Grosswardein 133.
Br. sterbend 254. Br. untreu
245. Br. vergiftet 263. Der
lustige Bub 270. 353. Christin-
chen die Unglücksbraut 243.
Drei arme Seelen 263. Eislein
242. Engelgebet s. d. Entführte
stirbt in Kindsnöten 260.
Farbenlied 270.
'J'il. Hausgesinde
von Falkenstein
und Mädchen 253. Jungfrauen-
mörder 253. Kind vergiftet
245 f. Kirmesbauer 354. Knabe
verwundet 180. Königskinder
240—243. Kuckuck 240. Laza-
rus 262. Falsche Liebe 254.
Linde im Thal 251 f. Die Los-
gekaufte 246—248. Magd des
Kindesmordes angeklagt 23l5.
Köhler, Kl. Schriften. III.
Hasenklage
269. Herr
240. Jäger
Michel der Tausendkünstler
254. Mordeltern L85f. Mühlrad
257. Verkaufte Müllerin 270
bis 202. Nacht wäehter s. d.
Neujahrswunsch 250. Odilia
263. Kegina 203. Soldat ge-
fangen 251. S. heimkehrend
220 f. Tannebaum 255 f. 271.
Tannhäuser 263.Teufelsross be-
schlagen 2(55 f. Tragemundslied
s. d. Untreue 269. Vorwirt
587 f. Die Wankelmütige 258.
Wasser und Wein 270 f. Weih-
nachten 202. Wenn der Topf
aber 352 f. Wiedersehen 257.
Winterrosen 210 f. Sieben
Wünsche 420. - - englisch:
Abendgebet
321
338.
/. ööö. 349.
591. Oarnal and crane 228.
Clerk Colvil 232. Clerk Saun-
ders 587. Earl Brand 277.
King John and the abbot of
Canterburv 534. Lady Isabel
and the Elf-knight 253. Lee-
some Brand 260. Lord Randal
245 f. Maid freed from the
gallows 248. Stephen and
Herod 223. Sweet William
586 f. William and Mar-
garet 270. — französisch
593. Bichette (chevreau) 310 f.
Fille soldat 223. Jean Renaud
232. Mörderische Mutter L92.
Retour du soldat 229 — 235. —
griechisch 295 f. — is-
ländisch 238. — italienisch
220 f. 248. 296 f. 363. Sette
bellezze 25 — 27. Fior di tomba
279. Margherita 220. Marko
giustiziere 220. Moro Saracino
237. Nachtgebete 34 1 — 35 1 .
La parricida 251. Ritorno del
soldato 233. - — krainisch
221. — litauisch 30).
niederländisch 220. 331 f.
353. 360. — norwegisch
238. 584. — portugiesisch:
Bella lnfanta 219f. Bemal
Francez 220. Fräulein zieht
42
658
Zur neueren Literaturgeschichte und Volkskunde.
in den Krieg 221 f. Gefangener
Graf 221. Schiff Catherineta
237. ■ — schwedisch: Narva
4 1 1 f. Peder und Christel 244.
- spanisch 238. Castello de
Chuchurainel 363. Conde Lom-
bardo 221. Don Juan vor
Granada 3 7 1 . — serbisch
595.
Voluspä 589.
Vos, Jan 53f.
— Isaak 54.
Vulpius: Einaldini 563.
Wagner, R. 273.
Waldis, B. 251.
Wallenstein vor Magdeburg 373 f.
Walther: Markgraf W. (Volks-
buch) 174.
— Mapes 428. 446.
Warton, T. 210.
Watts, J. 304.
Weber, K. M. v. 200.
Weib: böses W. geprügelt 417 f.
Liste böser Weiber 617.
Weidschreie 474 f.
Weidsprüche und Jägerschreie
452—486. 487. 491—494. 495 f.
Weimar: Handschriften 304.
373. 417. 432. 441. 457—483.
485. 493. 499. 617. 627.
Wein: Eigenschaften 33 f. Wein
und Wasser streiten 270 f. vgl.
Est est.
Weinende Augen haben süssen
Mund 540.
Weise, Chr. 143. 258. 368.
Werbung um belagerte Städte
371 f.
Werder, D. v. d. 410.
Wergeland, H. 337.
Werner, Z. Der 24. Februar 185
bis 199.
Werwölfe 594.
Wesselofsky, A. 9 f. 11.
Wetzel, J. 18. 162. 163.
AVeyer, J. 577.
White, J. 591.
Wichgrevius, A. 627 f. 632.
Wickram, G. 197. 484.
Wiedemann, M. 188.
Wieland, C. M. Clelia und Sini-
bald 7. 101 — 106. — Combabus.
162. - Dschinnistan 202. —
Geron 95. - Hann und Gul-
jjenheh 95 — 100. — Oberon
30. 95. — Pervonte 95. —
Sommermärchen 95.
Wien: Handschrift 545 f. 555.
Wilhelmus von Nassau 380.
Wind und Teufel 600 f.
Wirsung, C. 35—39.
Witekind, H. : s. Lercheiiner.
Wochentage (Spruch vom bösen
Weib) 417 f.
Wolcot, J. 210.
Wolf, Ferd. 219—228.
Wolfius, Job. 436 f.
Wolfram von Eschenbach 540.
Worp, I. A. 386.
Wort vom Sterbenden nicht
vollendet 1 f.
Wrangel, E. 410.
Wundsegen von drei guten Brü-
dern 552 — 558.
Wurm : s. Zahnweh.
Wustmann, G. 188. 201.
X für U 541.
Xanthippus (F. Sandvoss) 541.
Xaxa: Schloss in der Höhle X.
(Volksbuch) 203.
Zacharias-Inschrift zur Abwehr
der Pest 572—576.
Zachäus 507.
Zahlendeutuntr 84. 273 f. 365 bis
371. Zahlenlied 305 f. —
Zählgeschichten: s. Häufungs-
lieder.
Zahnweh = fressender Wurm
551 f. — s. Segen.
Zarathustra 580.
Zauberspruch: Merseburger 543 f.
— s. Ananisapta, Sator, Segenr
Zacharias.
Zeiller, M. 251.
Zeitvertreibe!- 306.
Register.
659
(jüdisches Lied) 305.
Zicklein
357.
Ziege als Hochzeitsgeschenk 607
bis 609.
Ziegler, H.
Zingerle, J.
— , 0. 433.
Zjermez 54.
HU 7.
137.
\:\x.
Zola 235.
Zuckerb'astel zu Prag 80—82.
Zürich: Handschrift T>77.
Zweiundsiebzig Sprüchen 51 1 f.
— Eideshelfer, Länder, Namen
Christi u. s. w. 512.
Zweter: s. Keinmal*.
Zwickau: Fastnachtfeier 606.
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PN
911
K6M
1898
BD. 3
C.l
ROBA
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